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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Oversberg - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleOversberg
pages325-374
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Ich war dabei, wie er, zum letzten Male in ihrer Gegenwart, anzeigte, daß er verreise, und sich empfahl. Sie senkte bei dieser Nachricht rasch die Augen; um ihre Lippen spielte es seltsam trotzig und herbe; aber sie schwieg. Er machte ein tiefes Kompliment, und – draußen war er. Nie hab ich gesehen, daß er ihr oder sie ihm die Hand gegeben hätte. Aber in einem geheimen Einverständnis ist er doch gewesen – mit dem Doktor; der schrieb ihm regelmäßig. Darauf bin ich gekommen. Nun tritt Ihnen das Ende geschwinder ein, als der Arzt erwartet hat. Da zitiert er mich. – ›Sie stirbt‹, sagt er. ›Ich bitte Sie, bleiben Sie da für alle Fälle; beim alten Herrn. Mir ist bang um ihn. Eigentlich sollt man ihn und Herrn von Siegshofen vorbereiten!‹ – ›Das wäre die Sache Oversberg‹, meint ich und, unglaublich, aber wahr, sehnte mich nach ihm in diesem Augenblicke. ›Daß der auch jetzt noch fort sein muß!‹ – ›Ich hoffe, er kommt‹, seufzte der Doktor, ›ich habe ihm telegraphiert und ihm einen Wagen auf die Bahn geschickt. Wenn alles klappt, könnte er dasein in anderthalb Stunden... Geb's Gott, daß die Katastrophe nicht früher eintritt. Was fangen wir sonst mit dem alten Herrn an?‹

Ich entschließe mich und frage: ›Soll ich zu ihm?‹ – ›Nein, noch nicht. Er hat die ganze Nacht bei der gnädigen Frau gewacht und ist jetzt drüben beim gnädigen Herrn und ruht ein wenig aus. Beide schlafen.‹

So bin ich denn vor dem Schloß geblieben, habe mich auf die Bank neben dem Tor gesetzt und gewartet.

Der Doktor geht ein-, zweimal hinauf, kommt wieder, zündet sich eine Zigarre an, steckt sie verkehrt in den Mund, macht sich nichts draus. Was ihn plagt, ist seine Sorge um den Oberstleutnant und auch die, daß noch keine Anstalten wegen des Geistlichen getroffen worden sind. ›Was anfangen, Herr Verwalter, wenn Herr Oversberg nicht kommt?... Aber er kommt‹, tröstete er sich, ›und dann ist uns geholfen. – Die gnädige Frau scheint mir jetzt etwas besser, zum größten Glück... Mein Gott, wenn nur Herr Oversberg käme!‹

Nun denn, Schlag acht fährt er in den Hof, springt aus dem Wagen und auf den Doktor zu und keucht mehr, als er spricht: ›Lebt sie noch?‹ – Der Doktor wiederholt: ›Noch‹, und bringt seine Schmerzen vor wegen des Oberstleutnants und des Geistlichen. Oversberg hört ihn an, oder hört ihn nicht an – ich weiß nicht. Er hat keinen Tropfen Blut im Gesicht, beißt die Zähne zusammen und geht ins Haus, über die Stiege, den Gang geradeaus, auf die Zimmer der Frau Lene zu.

Wir folgen ihm, der Doktor und ich, bis in den Salon. Er, das bemerken, sich umwenden und uns zurufen mit einer Stimme voll Zorn und Schmerz: ›Ich – ich allein!...‹

Der Doktor wagt nicht mehr sich zu rühren; ich denke mir: Was hast du zu kommandieren? und suche mir einen Platz, von dem aus ich Frau Lene sehen kann, ohne daß sie mich bemerkt. Beide Flügel der Tür zum Schlafzimmer waren offen, das Bett ist gerade gegenüber, frei, mit dem Kopfende an der Wand gestanden. Die Viper und ein Stubenmädchen haben, auf Befehl der Krankenwärterin, eben im Salon die Fenster aufgemacht. Die gute, frische Morgenluft ist hereingekommen und durch die Zimmer gestrichen und über das Bett der Kranken und über ihr Gesicht und durch die kleinen, zerzausten braunen Locken. Ihre Augen sind geschlossen, die Wangen fahl, sie sieht aus, als ob sie einen schweren, finstern Traum hätte, rührt sich nicht, nur die Finger zucken und klopfen auf die Decke. Die Krankenwärterin, die vor ein paar Tagen aus Wien gekommen ist, steht neben ihr und wischt ihr mit einem Batisttüchel den Schweiß vom Gesicht.

Gute Nacht, Frau Lene, denke ich und bin doch froh, daß ich sie noch einmal gesehen habe, ohne daß ihr Plagegeist dabei war, der Herr Robi... Nun aber tritt Ihnen Oversberg – mit Schritten, wie wenn er der Herr wäre, ans Bett... Nimmt der Wärterin das Tücherl aus der Hand, schiebt Ihnen die Person weg, sie dürft ein Sessel sein, der ihm im Weg ist, beugt sich über die Kranke und sagt ganz laut: ›Lene, liebe Lene!‹ – Und sie macht die Augen langsam auf, und ihr Gesicht verwandelt sich. Alle Traurigkeit in Freude – aller Schatten in Licht. Die Jugend ihrer sechzehn Jahre erwacht in ihrem Blick, und ihr altes Lächeln ist auch wieder da, ihr Lächeln aus der früheren Zeit – das rosige, sonnige, das heißt: Was ich mir nur wünsche, alles, alles habe ich!...

›Albrecht‹, sagte sie einige Male leise und deutlich und sah ihn flehend an. So schüchtern kam's heraus, als ob sie kaum hoffen würde auf die Erfüllung ihrer Bitte: ›Albrecht... einmal... geben Sie mir einmal die Hand -‹ und wie er ihr die Hand gibt: ›Die andere auch.‹ Sie hält seine beiden Hände in ihren Händen und sagt: ›Sie haben mich doch ein wenig liebgehabt.‹ – ›O Lene, Lene, immer gleich übermenschlich lieb!‹ war seine Antwort. ›Dank!‹ – nur gehaucht, aber die Seligen im Himmel danken so, glaub ich. Sie streckt die Arme aus, drückt seine Hände fest – fest... macht einen tiefen Atemzug und ist tot.

Er blieb sehr lange vor ihr stehen, ohne den Blick von ihr zu verwenden, löste endlich seine Hände aus den ihren, preßte das Tücherl an seine Augen und an seinen Mund, steckte es zu sich, und – merkwürdig, da er sich von ihr ab- und uns zuwendet – nichts hätten Sie ihm angesehen – nichts, sage ich Ihnen.

Sie liegt da, ausgesöhnt mit dem Leben, mit allem, und man hätte sie für ein Kind halten können, das vor Müdigkeit eingeschlafen ist; aus ihm spricht ein Frieden – völlig erhaben. Ja, ja: sanft und leicht ist sie gestorben, und er hat einen schönen Augenblick gehabt in seinem Leben, und das war der.

Anders der Oberstleutnant und Herr Robi. Der Alte nach dem Tode seiner Tochter total niedergebrochen, und was das Geistige betrifft – fertig gewesen. Der Herr Robi ein Vierteljahr hindurch – untröstlicher Witwer: ›Mein Weib! mein geliebtes, liebendes Weib!‹ Er hat, beteuert er, ihr frühes Ende vorausgesehen und ihr deshalb die goldenen Tage bereitet, die sie an seiner Seite gehabt. Er wollte ein Gedicht machen für ihr Grab, brachte es aber nicht über die erste Zeile. Die lautete einmal: ›Kein Zwiespalt trübte unsern Himmel‹, und ein anderes Mal: ›Zu sonnig unser Weg.‹ – Sogar der geduldige Oversberg zeigte offen, daß ihm die Faxen zum Hals herauswuchsen; nur der Oberstleutnant konnte nicht aufhören, sich wiederholen zu lassen, wie glücklich seine Tochter gewesen. Den Trost suchte, wollte er, an den klammerte er sich aus Selbsterhaltungstrieb, der immer mächtig in ihm war.

Sie hatten Frau Lene – einstweilen – auf dem Dorfkirchhof beigesetzt, den Platz aber schon ausgesucht, auf dem sich ihr Mausolum erheben sollte.«

»Mausoleum«, berichtigte der Dechant, indem er das le nachdrücklich betonte.

»Natürlich! – Man darf sich doch versprechen«, versetzte der Inspektor. »Ein Mausoleum wollt er ihr bauen, und in der Art wie das vom großen Napoleon hätte es werden und auch schon gleich fertig dastehen sollen. Nun – die alte Geschichte. Die Arbeit mit dem bekannten Robischen Stallfeuer angefangen und betrieben worden, bis der Winter sie unterbrochen hat. Dann ist der Bauherr davongerutscht, zur Erholung nach Wien, und Oversberg hat in seinem Namen weiterregiert.

Um die Weihnachtszeit gab es eine Überraschung in Siebenschloß – Frau Lene kam zurück. Leibhaftig, herzig, wie sie unter uns gewandelt, aber – aus Stein, in der Gestalt ihrer für das Mausoleum bestimmten Statue.

Der junge Bildhauer hatte sie gemacht, und es war noch seine ganze Liebe drin. Mir hat's beim ersten Anblick den Atem verschlagen... Etwas so Schönes! Der Kopf sehr sanft vorgeneigt, der linke Arm herabhängend am zarten, schlanken Leib, die rechte Hand ein wenig erhoben, das Kleid einfach, in vielen Falten. Und der Ausdruck in dem Ganzen! Unschuldig und doch bewußt, ein Mädchen und doch eine Frau. Ja, eine solche Kunst lasse ich mir gefallen.

Der Oberstleutnant brach vor dem Ebenbilde seiner Tochter in Tränen aus, konnte sich die längste Zeit nicht fassen. ›Sie spricht ja!‹ rief er endlich, ›Sie spricht!... Sag, wo bist du jetzt, meine Lene? Sag es uns!‹

Die Statue wurde auch ›einstweilen‹ zu Häupten von Frau Lenes Grab aufgestellt, steht heute noch auf demselben Fleck, denn zum Ausbau der Gruft ist es nicht gekommen. War unmöglich, solche Kapitalschnitzer haben sie im Anfang mit ihrem Überhetzen gemacht. Was wäre in unserem rauhen Klima aus dem schönen Meisterwerk geworden, wenn Oversberg nicht ein Kapellchen darüber hätte mauern lassen?

In der ersten Zeit, in der sie sich dort befand, fuhr ich eines Nachts im Schlitten von einer Unterhaltung – es war Fasching -, die ich in der Kreisstadt mitgemacht hatte, nach Hause. Die Straße führt über Siebenschloß. Am Ende des Dorfes macht sie eine Schlinge, die sich abschneiden läßt, indem man einen schmalen Weg längs der Friedhofsmauer einschlägt. So tat ich. – Das Land ist flach wie der Tisch; der Schnee lag fest gefroren und schuhhoch. Nun, wie ich an der kleinen Gittertür vorbeikomme – was seh ich? – Sie steht halb offen. Was soll das heißen? Wer hat bei nachtschlafender Zeit auf dem Kirchhof zu tun? Ich halte, steige aus, binde mein Pferd an den nächsten Baum. Wollen uns doch umschauen, denk ich, und geh hinein.

Von weitem schon schimmert mir, mitten unter den niederen Kreuzen ringsum – Frau Lene entgegen. Hinter ihr die dunkeln Zypressen der Oversbergischen Gruft, ihre Gestalt hebt sich von ihnen ab, weißer als der Schnee, eine wahre Lichterscheinung. Ich trete näher... da höre ich ein Schluchzen aus tiefster Brust, hart, trocken, und sehe der Länge nach ausgestreckt einen Menschen am Boden liegen vor der Statue, das Gesicht auf ihren Fuß gepreßt. Es ist Oversberg... Sein ganzer Körper bebt und schüttert in einem leidenschaftlichen, verzweiflungsvollen Schmerz, und er gibt sich ihm willenlos hin, der Mann der Selbstüberwindung.

Die steinerne Frau Lene schaute mild auf ihn herab, und gar seltsam machte sich's, daß ihre Hand sich gerade über seinen Kopf ausstreckte wie zum Segen, wie zum Schutz.

Nun – ich zog mich still zurück; mir war's nicht darum zu tun, ihn zu beschämen.

Wissen aber wollte ich, in welchem Humor er sich befindet nach einem solchen Stelldichein mit seiner toten Geliebten. So nahm ich mir zu Hause nur Zeit, mich anzuziehen und zu frühstücken, und fuhr sofort wieder nach Siebenschloß. Einkaufen, leider. Sie hatten dort ihr gewöhnliches Glück gehabt und trotz des nassen Jahres ihr Heu trocken hereingebracht. Wir – nicht.

Ich fand ihn in der Kanzlei mit den Plänen zu einer Wasserleitung beschäftigt, die er später ausgeführt hat. Als ich von der Entfernung der Quellen hörte und von den vielen Bauerngründen, durch welche die Röhren laufen sollten, kam mir das Unternehmen sehr keck vor, und ich sagte: ›Sie, das bleibt auf dem Reißbrett.‹

Er suchte mich zu widerlegen, rechnete, zeichnete mir vor und war halt bei der Sache wie ein Mensch, der nichts anderes als das im Kopfe hat. Die Augen glänzten ihm, als ob er sie die ganze Nacht nicht aufgemacht und höchstens von der Wasserleitung geträumt hätte. Es verdroß mich, ja – ich kann's nicht leugnen, und ich tat, als wenn er mich zu seiner Meinung bekehrt hätte, und sagte: ›Das dürfen auch nur Sie riskieren – mit Ihrem Glück!‹ Worauf er wegsah und schwieg.

Das Trauerjahr war noch nicht ganz um und Herr Robi, der untröstliche Witwer, wieder verheiratet. Dieses Mal mit einem Fräulein von Adel, so einem papiernen wie der seinige. Schöne stattliche Blondine, lebenslustig, viel Geld gebraucht. Offenes Haus in Wien, offenes Haus auf dem Lande, Herr Robi anfangs ganz aufgemischt, dann oft froh, wenn er beim Oberstleutnant sitzen und sich ein bisserl langweilen konnte, zur Erholung von allen den Festivitäten.

Seine Frau machte Witze über die Greisenkolonie in Siebenschloß, denn auch die alten Siegshofen hatten sich – nachdem er sein Geschäft aufgegeben – dahin zurückgezogen. Um den Stiefsohn kümmerte sie sich nicht stark; sie hatte eigene Kinder bekommen, die etwas gesünder ausgefallen sind, als der war. Ihn erhielt ja nur die außergewöhnliche Sorgsamkeit, die seine Großeltern und Oversberg auf ihn verwendeten, man muß wirklich sagen, künstlich, bis zum siebenten Jahre. Die junge Frau wurde traurig, wenn sie ihn ansah: ›Armes Tierchen, es wird nicht leben‹, sagte sie voll Mitleid, denn sie war gutmütig. Wäre sie böse gewesen, sie hätte die Alten, die doch keine Gesellschaft für sie waren, von Siebenschloß weggedrückt, so aber – drückte sie sich selbst, brachte den Winter in der Stadt, den Sommer in See- und anderen Bädern zu. In Siebenschloß erschien sie nicht mehr und Herr Robi nur selten, um seine Alten und seinen Erstgeborenen zu sehen, den ihnen wegzunehmen er nicht das Herz hatte. Das Treibhauspflänzchen war ihr Glück und das Oversbergs.

Es überlebte nur die Großeltern Siegshofen. Bald nach ihnen ging auch ihr Enkel.

Nun – was Oversberg für Frau Lene nicht hatte tun dürfen, hat er für ihr Kind getan, es gehegt und gepflegt unermüdlich, ist nicht von ihm gewichen Tag und Nacht. In der Krankheit war's seiner Mutter immer ähnlicher geworden, lag im Sarge wie sie, so schlank und weiß, und hatte auch die langen, dunkeln Wimpern, die einen durchsichtigen Schatten warfen auf seine abgemagerten Wangen, und um den Mund ihr letztes, seliges Lächeln... An diesem kleinen Sarge ist die Erinnerung an sie wieder recht lebhaft erwacht, aber auch die Giftstaude der Verleumdung, von der man meinte, sie ist glücklich eingegangen, wieder in die Höhe geschossen. – Ja, die Viper saß nicht umsonst im Amtshaus und hatte den Revisor genommen, weil der Verwalter nicht zu haben war.

In der Gestalt des Bedauerns und des Lobes suchte die Lästerung den armen Oversberg auf. – ›Das ist ein Verlust für Sie! Sie sind ja so gut! Nein, diese Güte, diese Liebe zu dem armen Kind... Sein eigener Vater hätte nicht anders mit ihm sein können!‹

Und er alles für bare Münze genommen, nichts gemerkt. Ich mußt ihn, dem Andenken Frau Lenes zu Ehren, aufmerksam machen, er soll sich gewiß recht zusammennehmen beim Begräbnis, und warum er's soll, und daß die Leute nur warten, daß er dem Kinde ins Grab nachspringt, und sich darauf freuen.

Da ist er wachsbleich geworden. – ›Was sagen Sie?‹ wiederholte er ein paar Male und preßte seine Hände zusammen. Mit welcher Kraft, werden Sie sich vorstellen, wenn ich Ihnen sage, wie er sie auseinander nimmt, sind sie voll Blut.

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