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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Oversberg - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleOversberg
pages325-374
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Richtig!« rief der Oberförster. »Derjenige, welcher bei der Praxis abgeblitzt ist, sucht sein Glück bei der Theorie«, und der Inspektor versetzte: »Wo immer er früher sein Glück gesucht, jetzt hatte er's gefunden. Es lachte ihn an aus den Augen des Fräuleins Lene und sprach zu ihm aus dem Munde des Onkels. Er soll das Fräulein heiraten, Siebenschloß übernehmen; der Oberstleutnant behält den ihm liebgewordenen Wohnsitz, die Freunde bleiben beieinander und Vater und Tochter auch. –Alles rollte wie auf Rädchen, die Alten jubilierten, die Verlobung wurde gefeiert. Wir waren auch geladen, mein Vater und ich, und halfen redlich mit, die Braut anschwärmen. Natürlich, sie war danach. ›Moosrosenknospe‹ nannte sie mein Nachbar zur Linken, ›Morgenröte‹ mein Nachbar zur Rechten. Der glückliche Unglückliche aber, der Bräutigam, mußte sich nach empfangenem Verlobungskuß und getauschtem Treueschwur losreißen und nach seiner Hochschule zurückkehren, um seinen Kurs zu Ende zu lesen. Zur Trauung sollte er wieder in Siebenschloß eintreffen. Indessen – was geschieht? Es zeigt sich, daß die Vertiefung ins Schmetterlingsfach dem Menschenverstand weniger abträglich ist als die ins Käferfach. Der Oberstleutnant fängt Ihnen nach und nach an zu merken, daß es nicht recht geheuer ist mit der Wirtschaft auf dem Gute. Sie ist unter der fünfzigjährigen Regierung eines Gelehrten auf eine schiefe Ebene geraten und rutscht abwärts, langsam, aber sicher. – Was tun?... ›Öffnen Sie ihm die Augen, Sie sind praktische Ökonomen‹, sagt der Oberstleutnant, auf das äußerste bekümmert, zu meinem Vater und mir. ›Helfen Sie, reden Sie mit ihm!‹ – Wir reden. Er ist wie ein Bock. Warten sollen wir, bis sein Neffe kommt, der hat studiert, der wird's uns zeigen, bei dem können wir in die Schule gehen. Das war alles sehr fein gegeben, und wir haben gleichfalls fein repliziert, daß wir jede Gelegenheit, etwas zu lernen, gern ergreifen. Keine sechs Wochen später starb der alte Oversberg nach kurzer Krankheit. Sein Neffe kam zum Begräbnis und war so ergriffen, daß wir meinten: Dem hat am Ende ein guter Freund verraten, wie's bestellt ist mit seiner Erbschaft. Aber nein, das dämmerte ihm erst auf, als er sie antrat.

Was wahr ist, ist wahr; er hat nicht gesucht, sich ein X für ein U vorzumachen, nicht lange herumgewackelt zwischen dem ersten Zweifel und dem letzten – zu mir gesagt: ›Sie kennen die Verhältnisse. Wie steh ich? Ich will es wissen.‹ – Da habe ich ihn sich selbst von allem überzeugen lassen durch den Augenschein, und er ist natürlich von einer unangenehmen Überraschung in die andere geraten; und gänzlich niedergebrochen in der Kanzlei, beim Addieren der Rück- und Ausstände. Auf einmal legte er die Feder hin, stemmte die Ellbogen auf den Tisch, drückte das Gesicht in die Hände und blieb in dieser Position, bis ich ihn endlich mahnte: ›Nun, Herr Oversberg, belieben Ihre Gedanken Audienz zu geben?‹ Er guckt auf, schaut herum, ganz verloren, ich rufe ihn an: ›Kommen Sie zu sich, wo sind Sie?‹ Nun hat er ein Lächeln von besonderer Art gehabt, das ihm geblieben ist bis an sein Ende: ›Ich war bei einem Leichenbegängnis‹, gibt er zur Antwort ›welch ein Trauerzug – unübersehbar – ich habe meine Hoffnung begraben.‹

Was er sagen wollte, war nicht mißzuverstehen, und ich freute mich, daß er's von selbst begriff: kein Geld, keine Braut. Die Temperaturveränderung im Benehmen des Oberstleutnants gegen ihn konnte ihm, trotz aller seiner Unschuld in solchen Dingen, nicht entgehen, und er hatte sich ferngehalten von dem Schlößchen auf der Wiese während der ganzen Zeit, die wir brauchten, um ins reine zu kommen über den Stand seiner Angelegenheiten.

Was wird er jetzt wohl anfangen? dachte ich mir, wollte ihn aber nicht fragen.

Am nächsten Tage, es war um Johanni und sehr heiß, trieb mich die Neugierde wieder zu ihm. Unterwegs, in der Nähe seiner Wohnung, traf ich den Oberstleutnant und seine Tochter, die von der Schmetterlingsjagd heimkehrten. Er hatte ein paar Schwalbenschwänze auf dem Hut stecken, sie trug ein Spiritusfläschlein und einen Pinsel, um den Gefangenen damit auf die Köpfe zu tropfen, weil sie es nicht leiden konnte, das Ungeziefer an der Nadel zucken und flattern zu sehen.

Der Oberstleutnant winkte und rief mir schon von weitem zu, sehr aufgeregt, wie er seit einiger Zeit immer war: ›Guten Nachmittag! Kommen Sie, kommen Sie, machen wir eine!‹

Eine Partie Domino, meinte er. Ich sagte, daß ich bereit sei, und folgte ihm ins Haus.

Das Fräulein jedoch schickte er fort, mit vielerlei Aufträgen. Würde sie allem nachgekommen sein, bis zum Abend hätte sie zu tun gehabt.

Nun, wir setzten uns hin und spielten.

Mein Gegner war nicht bei der Sache, verlor nacheinander zwei Partien und stand im Begriff, auch die dritte zu verlieren. Er beugte seinen breiten Nacken, stützte seine Arme in die Seiten, schnaubte und zog die niedere Stirn in Falten, und hinter der saß Ihnen ein Eigensinn, ein unglaublicher, kein eiserner, sondern der von der unüberwindlichen, der zähen Art.«

»Wenn man diese Beschreibung hört, denkt man: der reine Zyklop«, sprach der Dechant, und der Inspektor, ärgerlich über die Unterbrechung, versetzte: »Kenn das Tier nicht.«

Er protzte einmal gern damit, daß er fremd war auf humanistischem Gebiete. Auch früher habe ich schon bemerkt, daß Gelehrte oft weniger stolz sind auf ihr Wissen als Ungelehrte auf ihre Unwissenheit.

»Gut also«, fuhr der Inspektor fort. »Glauben Sie mir – nicht, daß ich es jetzt sage, nein, damals, wie ich mir ihn recht betrachte, denke ich, er könnt einem angst machen, der Mann, mit seiner Aufgedunsenheit und seinem kurzen Atem. Früher war mir das nicht so aufgefallen, und verändert hat er sich ja seit dem Tode seines Freundes, und seitdem die Aussichten auf eine gute Partie für das Fräulein Tochter verschwunden sind. ist doch ein alter Mann, und gar viel dürfte über ihn nicht kommen, sonst wär's gefehlt – den Eindruck machte er mir. – Daß sein Appetit fort ist, gibt er selbst zu, und die halben Nächte schreibt er – er, dem das Schreiben – oder wie er sich ausdrückt: das Herumkratzen mit einem Stückchen Eisen auf dem Papier – Zähneknirschen macht. Und am Morgen trägt er selbst rekommandierte Briefe an seinen Vetter in Wien auf die Post und holt auch selbst die eintreffenden Antworten ab.

Er stierte noch immer ratlos seine Steine an. Ich unterdessen sah von meinem Platze aus durch das Fenster und erblickte Ihnen unten auf dem Fußsteig am Wiesenrande den geehrten Herrn Oversberg. Er schreitet einher, langsam, aber ohne sich aufzuhalten.«

Da interpellierte ich den Herrn Inspektor: »Darf ich fragen, ist er ein hübscher Mensch gewesen? Wie hat er ausgesehen?«

»Wie soll er ausgesehen haben? Nicht groß und nicht klein, nicht dick und nicht dünn; blaue Augen, braune Haare, braunen Backen- und Schnurrbart, das Gesicht, trotz seiner einunddreißig Jahre, noch wie Milch und Blut. An dem Tage mehr wie Milch, und zwar wie gestockte. Gut denn. Der Oberstleutnant streckt endlich die Hand aus und setzt seinen Stein an – ich will eben den meinen, meinen letzten, umschlagen – Domino hätte ich gemacht, da klopft es an die Tür, und Oversberg tritt ein. Er schien nicht gerade besonders angenehm überrascht, mich da zu finden, begrüßte mich ebenso kühl, wie er den Oberstleutnant warm und gerührt begrüßte, worauf ich Miene machte, mich aus Diskretion zu empfehlen.

Aber der Alte hielt mich fest: ›Bleiben Sie, bleiben Sie! Wir haben keine Geheimnisse, Herr Oversberg und ich. Was Herr Oversberg mir sagen kommt, darf die ganze Welt wissen. Wohl, wohl. Nehmen Sie Platz, Herr Oversberg!‹

So gibt er ihm einen Herrn Oversberg nach dem andern, und mit dem: Herr Schwiegersohn und: Lieber Herr Sohn ist es aus.

Mein guter Oversberg ging sofort auf den Ton ein, was blieb ihm übrig?

›Sie wissen alles, Herr Oberstleutnant‹, sagte er. ›Sie sind genau unterrichtet von der in meinen Verhältnissen eingetretenen Wendung.‹

›Wendung, ja, das ist es‹ – dieses Ausdrucks bemächtigte sich der Oberstleutnant mit großer Geschwindigkeit. – ›Eine Wendung zieht die andere nach, und so stehen wir nicht mehr wie früher, leider, leider. Ich bedaure – besonders wegen meiner Tochter. –Was uns betrifft, uns Männer, Gott im Himmel, ich habe meine Dorothea verloren und lebe und kann mich freuen über einen Schmetterling. Sie werden sich also hineinfinden; aber auch sie wird sich hineinfinden, wohl, wohl, in das Unabänderliche.‹

Das Fräulein zu sprechen wünsche er doch sehnlich, erwiderte Oversberg. Wenn er auch Siebenschloß nicht behaupten könne, ganz mittellos sei er nicht. Die Möglichkeit, das Gut nach seinem vollen Werte zu verkaufen und im Besitz eines kleinen Vermögens zu bleiben, habe sich ihm geboten. Er zog einen Brief aus der Brusttasche und überreichte ihn dem Oberstleutnant. Der setzte den Zwicker auf die äußerste Spitze seiner kleinen Nase, denn nur da fand dieser einen Halt, und las halblaut vor, was sein Vetter, Theodor von Siegshofen, ein reicher Großhändler in Wien, an Oversberg schrieb. In Schlangenwindungen kam er heran. Ein kurzer Aufenthalt, den er im vorigen Sommer bei seinem lieben Verwandten, dem Oberstleutnant, in Siebenschloß genommen, war ihm unvergeßlich. Die Luft so gesund, die Gegend so sympathisch. Er hatte allerdings keine Ahnung, ob Herr Oversberg daran denke, sich von dem Besitze zu trennen. In dem, wenn auch nicht wahrscheinlichen, aber doch möglichen Falle jedoch, daß er sich heute oder morgen oder übers Jahr dazu geneigt fände, bäte er ihn, sich seiner als eines ihm im Wort Stehenden zu erinnern.

Davon, daß der Großhändler seinen Besuch beim Oberstleutnant in Begleitung seines Sohnes abgestattet und daß dieser einzige, vielgeliebte Sohn sich sterblich in Fräulein Lene verliebt hatte und sie mit zärtlichen Briefen bombardierte, davon stand in dem väterlichen Schreiben natürlich nichts. Und wenn auch etwas gestanden hätte, mein guter, guter Oversberg würde doch nichts gemerkt haben.«

Wir lachten, am lautesten aber lachte der Kontrollor, der – ich wette darauf – selbst nichts merkte von einem Zusammenhang zwischen dem Besuche des Herrn von Siegshofen in Siebenschloß und diesem Briefe.

»Ich konnte«, begann der Inspektor von neuem, »mich nicht enthalten zu sagen: ›Dieser Antrag kommt a tempo; merkwürdig a tempo!‹

Den Oberstleutnant befiel eine kleine Verlegenheit, er wetzte auf seinem Sessel hin und her und sprach: ›Wohl, wohl. Jetzt aber heißt's überlegen. Was werden Sie antworten?‹ – ›Ich habe geantwortet.‹ – ›Sie haben?‹ – ›Worauf denn warten?‹ – ›Nun‹, meinte ich, ›schimmlig wäre Ihnen in acht Tagen die Sache nicht worden, und einem Kaufmann solche Eile zeigen... Klugsein ist anders.‹

›Ganz recht, aber – jeder kann, was er kann, nicht mehr, nicht um das Geringste mehr. Ich kann die Ungewißheit nicht ertragen, ich muß mir die Wenn und Vielleicht abgewöhnen, die machen mich irre!‹ Indessen – immer sanftmütig und durchaus nicht wie einer, der irre ist – wandte er sich an den Oberstleutnant: ›Ich habe Herrn von Siegshofen Siebenschloß angetragen (angetragen auch noch!) um einmalhundertfünfzigtausend Gulden. Gibt er sie, und das kann man geben, dann bleiben mir nach meiner Berechnung zwanzigtausend Gulden, eher mehr als weniger.‹

›Zwanzigtausend Gulden?‹ wiederholte der Alte in einer Art, wie wenn das ein Pfifferling wäre, den er für seine Person nicht einmal mit einem Hölzchen anrühren würde. Dann gab er Redensarten von sich, Versicherungen größter Hochachtung, tiefgefühlten Bedauerns, ewiger Dankbarkeit, stand auf und machte mit der Hand, die stark zitterte, eine entlassende Gebärde. Er hätte ihn um alles gern draußen gehabt, bevor die Tochter zurückkam. Aber das war sogar von dem lieben Oversberg zuviel gefordert. – Sehen möchte er sie doch noch, wiederholte er, gleichfalls aufstehend, als der höfliche Mann, der er war. Der alte Herr, ganz puterrot, legte sich aufs Bitten: ›Machen Sie ihr das Herz nicht schwer, sehen Sie – wozu wohl?... Geschieden muß sein.‹ – ›Herr Oberstleutnant, ich möchte das, wie schon gesagt, aus ihrem eigenen Munde hören.‹ – ›Als ob sie etwas dreinzureden hätte... Sie hat nichts dreinzureden, sie ist siebzehn.‹

Da wurde Oversberg etwas entrüstet: Wenn alt genug, um ein vor Gott und den Menschen fürs Leben bindendes Ja zu sprechen, doch wahrlich auch alt genug, um ein Nein zu sagen, das nur er allein gelten zu lassen braucht, sagt er; und wenn er schon ihr Ja nicht hören soll, ihr Nein will er hören. Darauf besteht er, merkt nicht, daß der Oberstleutnant bereits am ganzen Körper zittert, alle Farben spielt und aussieht zum Erschrecken. Nun, daß man Widerspruch erfahren kann, hat er längst vergessen. Die Schmetterlinge widersprechen nicht, die Tochter auch nicht, die tut, was sie mag, und hält den Mund. Die alten Leute vertragen ein Zuwiderhandeln besser als ein Zuwidersprechen. Plötzlich senkt der Oberstleutnant die Stimme, und Oversberg ruft: ›Da ist sie ja!‹ -

In einem weißen Kleide, den großen, runden Hut in der Hand, die Haare mit einem rosenfarbigen Bande hinaufgebunden wie ein kleines Mädchen, kommt Fräulein Lene, rot und erhitzt, daher und auf Oversberg zu mit hellichter Freude: ›Albrecht‹, sagt sie, ›erinnern Sie sich einmal, daß Sie eine Braut haben? – Es ist Zeit. Ich habe wirklich geglaubt, Sie wollen nichts mehr von mir wissen!‹

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