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Ostseemärchen

Hans Hoffmann: Ostseemärchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
booktitleOstseemärchen
authorHans Hoffmann
year1897
firstpub1897
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleOstseemärchen
pages294
created20150419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Strandgut.

Der arme Fischer Klaus sass mit seinen zwei Kindern dicht an den Ofen gedrängt, der geringe Gluth gab, da er nur kümmerlich mit dünnem Reisig geheizt war; draussen aber tobte der Wintersturm grimmig und rüttelte an dem Häuschen, und weiter hinaus vernahm man ein immerwährendes hartes Knirschen, wie wenn schwimmende Eisschollen sich an einander reiben. Zu 190 essen hatten die drei auch nur gerade so viel, um den allernagendsten Hunger stillen zu können, und nichts darüber. Klaus blickte scheu auf seine Kinderchen, wie sie jämmerlich aussahen, blass, hager und verwahrlost, und er that manchen tiefen Seufzer.

»Hu, wie kalt!« rief das kleine Gretchen zusammenschauernd, »aber nicht wahr, Vater, zu Weihnachten kommt die Mutter zurück und bringt uns Holz und Fleisch und Brod und schöne blanke Spielsachen für den Tannenbaum?«

Hans sagte nichts, doch seine Augen thaten auch so eine hoffnungsvolle Frage.

Der Vater nickte stumm und bemühte sich vergebens, ihnen ein Lächeln zu zeigen; er stand schnell auf und schritt aus der Hausthür, und seine Augen standen voll Thränen.

Er hatte seine Frau durch den Tod verloren und musste seit zwei Jahren die Kinder allein aufziehen; aber sie wollten nicht gedeihen unter seiner Pflege, denn die Arbeit liess ihm wenig Zeit, sich um sie zu kümmern, und brachte doch nicht genug ein, um sie kräftig zu ernähren. Die 191 Krankheit und das Begräbniss hatten ihn in Schulden gebracht, die er mühselig abbezahlte unter Hungern und Frieren. Eine andere Frau aber mochte er nicht nehmen, weil er die erste zu sehr geliebt hatte; auch hörte er von bösen Stiefmüttern gar so schlimme Dinge reden.

Er ging nun über den Strand bis ans Wasser und spähte kummervoll ins Weite. Er konnte nicht hinaussegeln, der Sturm war zu gewaltig; also musste er sich gefasst machen auf einen hungrigen Tag, – »ausser wenn der liebe Gott heut' den Strand segnet und ein Schiff scheitern lässt,« sprach er zu sich selbst, »dann würde mir geholfen sein. Das Wetter ist freilich danach, man darf schon ein wenig hoffen.«

Er stieg auf die Eisblöcke, die von den Wogen zum Strande gewälzt waren und da in verworrenen Massen umherlagen; doch er sah nichts als die ungeheure Weite voll schäumender Wellenkämme, keine Spur von einem Schiff.

»Ach, lieber Gott,« hub er an zu beten, »führe doch ein Schiff in die Nähe unseres Strandes, scheitern wird es dann schon ganz 192 von selbst bei diesem prachtvollen Nordwest, davon hast Du keine Mühe mehr! Sobald es die Küste in Sicht bekommt, ist es schon verloren.«

Als er dieses Gebet laut und inbrünstig gesprochen hatte, vernahm er in der Nähe ein Lachen, halb rauh, wie das Krächzen der Dohle, halb schrill wie der Pfiff der Möve, und als er aufschreckend umherblickte, sah er auf einem Eisblock einen Meermann sitzen, einen sehr scheusslichen Kerl mit langem, grünlichem Haupthaar, dicken Zotteln auf Brust und Armen und unten mit einem widrigen Fisch- oder Robbenschwanz, den er auf dem Eise gemächlich auf und nieder klatschen liess.

»Hat sich was mit Eurem lieben Gotte!« sagte dieses Scheusal, »wie sollte der sich wohl anstellen bei Euren Gebeten? Noch keine Viertelstunde ist's her, da hörte ich auf einem Schiffe, das hülflos vor dem Sturme trieb, die Mannschaft jämmerlich heulen und flehen, ihr lieber Gott möchte ihnen helfen, die hohe See halten, dass sie nicht auf den Strand kämen. Wen soll er nun erhören, die oder Dich? Einem kann 193 er's doch nur recht machen! Ich denke also, er wird die Arme kreuzen und gelassen zuschauen, wie die Dinge gehen. Wie sie aber gehen werden, ist bis jetzt noch nicht abzusehen; noch kämpfen die Leutchen wacker 194 um ihr Schiff, und es kann sein, dass sie's durchhalten auch ohne des lieben Gottes Eingreifen. Wenn Du mir dagegen ein gutes Wort geben wolltest, würde ich gern bereit sein, zu Deinem Besten das Schiff hier an den Strand zu treiben, dass Du das Gut Dir in aller Gemüthsruhe zusammenlesen kannst. Und ich kann Dir sagen, es lohnt sich. Eine grossartige Fracht! Es sind nämlich Seeräuber.«

Klaus blickte den Meermann etwas ungläubig an; doch der grinste mit seinem Breitmaul und sagte:

»Glaube nur, ich bring' es fertig! Es wäre nicht das erste Schiff, dem ich den Garaus mache. Etliche Kräfte hat Unsereiner ja zum Glück!«

Und er reckte die baumdicken Arme in die Luft und that mit dem Schwanz einen so gewaltigen Schlag auf den nächsten Eisblock, dass der krachend zerbarst und in zwei Stücke auseinanderfiel.

Da glaubte ihm der Fischer zwar sein Vermögen, blieb aber noch misstrauisch, weil er nicht einsah, warum dies Geschöpf mit den Glotzaugen und den plumpen 195 Pausbacken ihm eine so schöne Wohlthat zu erweisen beflissen sei.

»Und was verlangst Du als Gegengabe von mir?« fragte er etwas schüchtern. »Einen Theil der Fracht? Ich möchte gleich alle Bedingungen wissen.«

Der Meermann liess wiederum sein rauhes und schrilles Gelächter ertönen.

»Dann behielte ich wohl lieber die ganze Fracht,« versetzte er spöttisch. »Nein, auf das Zeug mache ich keinen Anspruch! Das haben wir alles auf dem Meeresgrunde besser. Aber etwas anderes bedinge ich mir allerdings und verlange dein Treuwort. Nämlich: die Seeräuber schleppen eine Jungfrau gefangen mit sich, die sie an der fernen Nordküste geraubt haben. Auf diese Jungfrau habe ich ein Auge geworfen, und zu ihrem Besitz sollst Du mir verhelfen. Das ist alles, was ich begehre. Alle anderen Schätze sind für Dich allein.«

»Aber wie bedarfst Du meiner Hülfe?« fragte Klaus verwundert, »Du kannst Dir das Frauenzimmer doch leichter holen als ich, weil Du besser schwimmen kannst!«

»Das schon,« meinte der Seemensch und 196 spreizte die Schwimmhäute zwischen seinen Fingern, »aber die Sache hat einen Haken. Wollte ich mit ihr geradeswegs in den Grund fahren, so müsste sie elendiglich ertrinken, und ich habe von ihr nichts. Wenn ich sie aber einfach ans Land setze, wird sie mir davonlaufen, und ich habe erst recht nichts. Die Sache ist die: sie muss in der Weihnacht, wo die Sonne sich wendet, vom Lande her so weit in das Wasser schreiten, dass ich sie von hinten erfassen und mit ihr in die Tiefe fahren kann; nur so bleibt sie lebendig und kann mit mir etliche Jahrhunderte auf dem Meeresgrunde hausen. Dazu also sollst Du mir helfen. Bis zu dieser Sonnwendnacht sind ja noch einige Tage, so lange musst Du sie in Deinem Hause behalten und mir dann zuführen; ob mit List oder Gewalt, ist mir ganz gleichgültig, wenn ich sie nur kriege, denn die Jungfrau gefällt mir und ist auch eine Königstochter. Willst Du das versprechen?«

»Ich will gerne thun, was ich kann,« entgegnete der Fischer, »dass meine Kinder nur zu Weihnachten etwas Warmes zu essen kriegen und vielleicht gar noch sonst allerlei 197 Schönes. Die armen Würmer! Sie haben so lange gehungert und gefroren.«

»Das werden sie fortan nie mehr,« sagte der Meermann, »von den Schätzen, die Du heute gewinnen wirst, können sie in Herrlichkeit leben bis an ihr seliges Ende. Also her Deine Hand und thu' Dein Versprechen!«

»Ja, wenn mir das Frauenzimmer nachher aber nicht folgen will?« wandte Klaus noch ein, »auf feine List verstehe ich mich nicht, und Gewalt zu brauchen bei einer so vornehmen Person geht mir auch gegen den Strich.«

»Ach was!« rief der Seemensch, »Du bist doch ihr Lebensretter, da kannst Du wohl verlangen, dass sie Dir einen kleinen Gefallen thut. Du sagst ihr einfach, sie soll Dir beim Angeln behülflich sein. Da macht sich alles von selber. Wasserstiefel kann sie ja anziehen, die bringe ich nachher schon wieder herunter von den niedlichen Füsschen.«

Nunmehr war der Fischer zu allem bereit und gab seinen Handschlag, so greulich ihm die nasskalte Patsche des Unthiers auch war. Das glitt nun von dem Eisblock hinab in das Wasser und war blitzschnell 198 verschwunden, doch gingen die Brandungswellen fortan noch ein gut Stück höher als eben zuvor.

Es dauerte wohl nur eine Viertelstunde oder wenig mehr, da sah er fern über den Schaumkämmen die Masten eines grossen Schiffes mit wenigen Sturmsegeln schwanken und rettungslos näher treiben. Bald sah er auch die Schiffer, die jammernd auf Deck hin und her liefen oder auch oben auf den Raaen und im Tauwerk zappelten. Und dann gab es einen Ruck, und das Schiff sass fest, und die wilden Wogen ergossen sich mit aller Gewalt über das hülflose Menschenwerk.

Bald zersplitterten die Masten und stürzten ins Wasser, und die Kerle, die droben sassen, mussten ertrinken, denn es war zu weit vom Strande und die Brandung zu schwer. Und nun fielen die Sturzseen immer mächtiger über den Rumpf, bis auch der zerbarst und in zwei Theile zerfiel. Und schneller und schneller ging alles in Trümmer, nur noch loses Plankenwerk schlotterte auf den Wellen, und die ganze Mannschaft musste ertrinken.

199 Auf einmal aber sah der spähende Fischer eine Woge heranrollen, die höher war als alle anderen, und die trug auf ihrem Rücken eine menschliche Gestalt in lichten Gewändern, und als er genauer hinsah, erkannte er in der Woge seinen wunderlichen Meermann.

Da eilte er ihm entgegen in das Wasser hinein, dass der Schaum ihm über den Kopf spritzte, und so empfing er in seinen Armen die gerettete Jungfrau; er fühlte mit Erstaunen, dass sowohl ihre Kleider als auch ihre langen blonden Haare vollkommen trocken waren, so gut hatte der Schlingel sie gehoben. Ihre schönen blauen Augen waren weit geöffnet, jedoch wie träumend, und schienen nichts zu sehen, was mit ihr vorging.

Eilig trug Klaus sie über den Strand seiner Hütte zu und legte sie dort auf das Bett, in welchem vordem seine Frau schlief; die Kinder aber standen mit offenem Munde vor dem Wunder. Er nahm die Axt und schlug seinen Tisch in lauter kleine Stücke und warf die in den Ofen; und es währte 200 nicht lange, so gab es eine köstliche Wärme in dem kleinen Raume.

Darnach schritt er wieder hinaus und suchte den Strand ab; etliche Fässer und Ballen fand er schon angetrieben. Davon nahm er ein Fass, das ihm nach etwas aussah, rollte es nach der Hütte und öffnete es mit der Axt. Und richtig! es zeigte sich gefüllt mit röthlichem Pökelfleisch.

Das gab eine Mahlzeit für die ausgehungerten Kleinen! Auch die blonde Fremde ass einige Bissen und kam schnell davon zu Kräften, dass sie zu reden anhub und für ihre Rettung herzlichen Dank sagte.

»Jetzt bin ich geborgen,« sprach sie still weinend, »nach langem Leiden und nach langer Furcht! Bis jetzt war's nur schlimmer und schlimmer mit mir geworden. Zu Hause schon fing es an bei meinem Vater, der ein grosser König ist und furchtbar streng. Der wollte, ich sollte einen Prinzen zum Manne nehmen, einen sehr mächtigen und gefährlichen Menschen; aber ich konnte ihn nicht ausstehen, weil er ein Wütherich ist und finster von Angesicht. Ich verging 201 schier vor Angst und vor grossem Widerwillen.

»In solcher Angst lief ich einmal ans Meer hinab, um in Einsamkeit zu weinen; da entdeckten mich die Seeräuber und schleppten mich fort; und jetzt wollte mich wieder der Räuberhauptmann zur Frau haben. Mich aber befiel ein noch grösseres Entsetzen als zuvor, denn der war noch viel greulicher als der blutige Prinz, höchst garstig von Ansehen und roh und wüst; ich schauderte vor ihm und wollte schon bereuen, dass ich den anderen nicht genommen hatte.

»Da kam der Sturm, und ich hoffte auf den Schiffbruch; lieber wollte ich sterben, als den Bösewicht heirathen. Schon sah ich gelassen den Tod vor Augen, als das Schiff auseinanderbarst; aber da kam eine grosse Woge und trug mich von dannen, leicht und unversehrt. Allein bald merkte ich, dass nicht die Woge mich trug, sondern ein lebendes Ungethüm, das halb wie ein Mensch gestaltet war, halb wie ein Fisch, aber scheusslich und widerwärtig von oben bis unten, mit einem Karpfenmaul und 202 ekelhaften Froschaugen. Mein Gott, dachte ich heimlich, was war doch der Seeräuber dagegen für ein stattlicher Mann! Wenn der doch jetzt käme und mich befreite! Vielleicht würde ich doch seine Frau werden! Und die Angst vor dem Scheusal machte mich halb ohnmächtig; ich merkte nur wie im Traum, dass Du mich ihm vom Rücken nahmst, und ich nicht nur vom Tode, sondern auch von dem Schlimmeren gerettet war. Ich träumte so noch weiter; aber es war nun ein holder und sehr freundlicher Traum. O, wie danke ich Dir, dass Du mich erlöst hast!«

Sie reichte ihm die Hand mit einem lieblichen Lächeln; und da sah er erst ordentlich, dass sie so schön sei, wie er nie im Leben etwas anderes gesehen hatte. Und er fühlte ihre weiche Hand in der seinen wie ein süsses Wunder; aber doch rann ihm zugleich ein dunkles Bangen durch alle seine Glieder: das kam von dem Gedanken an den scheusslichen Meermann, dem er sie zugesagt hatte mit heiligem Handschlag.

In stiller Beklommenheit ging er wieder hinaus und machte sich an die Arbeit 203 weiteres Strandgut zu sammeln und zu bergen. Die Arbeit war nicht leicht, doch gewaltig lohnend. Manches Stück war so gewichtig, dass er es kaum fortbewegen konnte; doch wenn das gelungen war und er es drinnen öffnete, war es bis zum Rande voll Perlen und Edelstein oder voll blanken Goldes. Er ward in einem einzigen Tage ein schwer reicher Mann; denn niemand war da, der die Beute ihm streitig machte.

Dafür war er auch so müde an diesem Abend, dass ihm die Augen gleich zufielen und er durchschlief bis zum hellen Mittag. Als er endlich erwachte, standen die Kinder an seinem Lager, aber gewaschen und gekämmt und sehr gründlich gestriegelt, hatten schöne neue Kleider an und strahlten von Sauberkeit; am schönsten aber lachten ihre fröhlichen Augen, und selbst ihre Wangen waren nicht mehr so jammervoll blässlich, wie gestern. Sie schienen ihm beinahe wie fremde Kinder.

»Die sollen schon werden!« sagte die Königstochter, »nur ein paar Tage will ich sie so weiter pflegen und allenfalls ein paar Wochen, dann werden sie so rundlich und 204 glatt sein, wie dralle Kälbchen.« Und sie küsste sie beide mit grosser Liebe, und die Kinder hingen jubelnd an ihrem Halse.

Als er sie so sah und mit ihnen die Jungfrau in ihrer Schönheit und Güte, da ging ihm das Herz auf zu tausend Freuden. Aber doch fiel ihm zugleich etwas nur noch schwerer auf die Seele; und er erhob sich mit einem Seufzer und blieb immerfort bedrückten Gemüthes.

Darauf arbeitete er auch diesen Tag bis zur Erschöpfung; nur machte er es sich dadurch ein wenig leichter, dass er die Kisten und Kasten schon draussen aufhieb, wo er jede fand, und ihren Inhalt prüfte; und wenn der nicht von der allerkostbarsten Art war, so liess er das Zeug stehen für den ersten, der es finden möchte.

Nachdem er dieses so im Groben besorgt hatte, beschloss er, in die Stadt zu wandern und mittelst der neuen Schätze Einkäufe zu machen. Einige Tage sollte das dauern, bis Weihnachten herankäme; und er bat die Königstochter, solange bei den Kindern zum Rechten zu sehen. Das übernahm sie mit Freuden und schien obendrein glücklich, dass 205 sie es durfte, und die Kinder fanden erst recht des Jauchzens kein Ende, so lieb hatten sie sie schon gewonnen. Als der Vater sie zum Abschied geküsst hatte und hinausgeschritten war, liefen sie beide ihm nach und hängten sich an seine Arme und flüsterten ihm zu: Wir wünschen uns zu Weihnachten eine neue Mutter. Aber aus der Stadt brauchst Du keine mitzubringen, wir finden schon hier eine. Nicht wahr, Väterchen, diesen Wunsch wirst Du uns erfüllen? Das ist das einzige Geschenk, das wir haben wollen. Es kann ja nicht so teuer sein.«

Dazu lachten sie schelmisch und eilten miteinander zurück in die Hütte. Der Fischer aber wischte sich lange die Augen, indem er dabei über den beissenden Wind brummte, und schritt nur desto hastiger aus.

Am Weihnachtsabend, als es eben dunkelte, kam er zurück, doch nun nicht mehr zu Fuss, sondern auf einem prächtigen Frachtwagen mit vier Pferden, der schwer beladen war mit hundert guten Dingen mancherlei Gebrauches, auch mit 206 Pfefferkuchen und schön vergoldeten Nüssen und ähnlichem Kram.

Er liess das Fuhrwerk ein Stück vor der Hütte halten, ehe sie von dorther sein Nahen in dem tiefen Sande und Schnee noch hatten hören können, stieg ab, schlich sich leise hinzu und that einen Blick aus dem Dunkel durch das Fenster in die erleuchtete Stube. Die Kinder lagen eingeschlafen auf ihren Bettchen im Winkel. Doch kaum erkannte er sie wieder, so rund und rosig waren ihre Gesichter; die dicken Fäustchen des jungen Knaben ballten sich kraftvoll im Traum, und Gretchen hatte zierliche Grübchen in den Armen. Vor ihnen stand die Jungfrau, die sie mühsam eingesungen hatte und leise weiter sang. Zuletzt beugte sie sich vorsichtig lauschend über das Lager, und als sie den Schlummer fest genug fand, zupfte sie noch ein wenig an den Kissen und Decken herum, dass sie ganz warm und bequem lägen, und dann holte sie heimlich von dem dunklen Flur her einen Weihnachtsbaum herein; den befestigte sie in der Mitte des Zimmers zwischen zwei Stühlen, weil der Tisch ja zerschlagen und im Ofen verbrannt 207 war. Das Bäumchen war schon mit aller Sorgfalt herausgeputzt; doch weil es keine Nüsse und Aepfel und derlei Dinge gab und auch keine Kerzen, hatte sie die Zweige mit lauter Perlen und Edelsteinen behängt, und dazwischen funkelten Goldketten, Spangen und Geschmeide.

Das gab nun ein Funkeln und Blinken und Blitzen, schöner als tausend Kerzen; nicht anders als wenn feuriger Sonnenglanz in den springenden Schaumkronen der Ostseewellen sich spiegelt. Und die Holdselige stand mit einem süssen Lächeln, und es war, als wäre sie selber geschmückt mit all' der festlichen Herrlichkeit.

Und als der spähende Mann sich satt gesehen hatte an ihrer reizenden Gestalt und an dem Glück seiner Kinder, da deckte er schnell die Hand über die Augen, als blendete ihn jählings der Lichtglanz, und schluchzte tief auf und warf sich mit der Stirn in den eiskalten Sand und blieb lange so liegen.

Endlich raffte er sich auf und schritt schwankend bis ans Wasser, wo die Eisblöcke lagen, und harrte mit scheuem Umherblicken, ob jemand käme. Es währte auch nicht zu 208 lange, da hörte er das Lachen wie Mövenkreischen und Dohlengekrächz, das ihm schon bekannt war; und dann sah er im Mondschein den greulichen Meermann und der sagte grinsend: »Nun, Fischer, da bist du ja! Aber wo hast du mein Schätzchen? Es gelüstet mich mächtig nach ihrer Umarmung. Sonnwendnacht ist die rechte Zeit zum Freien und zur Liebeslust, so im Winter wie im Sommer.«

Da that der arme Klaus einen leisen Angstruf und sprach dann flehend: »O lieber Meermann, nimm alle deine Schütze, alle Edelsteine und Gold zurück, doch erlass mir mein Versprechen! Ich kann es nimmer übers Herz bringen, Dir die Jungfrau zu überliefern.«

»Oho!« rief der Fischmensch, und seine Augen glotzten grünlich im Mondschein, »bist wohl selber verliebt in das bildschöne Liebchen? Daraus kann nichts werden, ausser wenn Du gesonnen bist, wortbrüchig zu sein. Das wäre freilich etwas anderes! Das Vergnügen, einen meineidigen Landmenschen verachten zu können, stünde mir noch höher, als all diese Schätze mit dem Schätzchen 209 zugleich. ›Ein Mann ein Wort!‹ prahlt ihr ja sonst immer; das werde ich dann künftig nie mehr zu hören brauchen.«

»Erlass mir's! Erlass mir's!« stöhnte der Fischer. »Ich wusste nicht, was ich that, als ich mein Wort Dir verpfändete.«

»Das mache mit Dir selber aus!« höhnte der Meermann, »ich habe Dein Wort und halte Dich fest dabei! Da giebt es keinen Ablass!«

»Nimm mich statt der Jungfrau!« schrie Klaus verzweifelnd, »ich will Dir dienen und Dein niedrigster Knecht sein, so lange Du willst.«

»Ich kann Dich nicht brauchen,« sprach der Unhold hart, »ein wortbrüchiger Mensch ist mir zu schlecht, selbst zum Sklaven. Bring' mir die Königstochter, oder trage den Meineid Dein Leben lang auf der Seele!«

Da sprach der Fischer hierüber kein Wort mehr, denn er merkte, dass alles umsonst wäre.

»Um die Mitternachtsstunde bring' ich sie Dir,« sagte er nur kurz, »wenn ich dann noch lebe. Mein Wort bleibt stehen. So lange ich lebe, will ich es halten.«

210 Darauf wandte er sich hastig herum und kehrte zurück zu der erleuchteten Hütte. Und nachdem er seinen Frachtwagen völlig herangeführt hatte, begann er eilig abzuladen, was er an Festgaben mitbrachte. Und sobald er das ausgepackt hatte, weckte er die Kinder.

Da gab es einen Jubel über alle Massen, denn sie hatten noch nie solche Herrlichkeit gesehen. Am besten aber, und noch viel besser als alle Edelsteine, gefielen ihnen der Pfefferkuchen und die Aepfel und Nüsse. Doch als sie sich ganz satt daran gegessen hatten und gar nichts mehr mochten, da sagte das kleine Gretchen, das immer etwas altklug war, leise, mit strahlendem Gesichtchen zu ihrem Vater: »Das beste Geschenk aber ist doch unsere neue Mutter. Denn der Pfefferkuchen ist bald aufgegessen, die aber bleibt doch sicherlich bei uns für immer!«

»Ja,« sagte Klaus, »das wollen wir hoffen!«

Endlich waren die Kinder müde geworden vom Essen und Spielen und all' der Glückseligkeit, und als sie ins Bett gebracht waren und wieder schliefen, sprach er zu der Jungfrau: »Ich muss heute noch eine andere 211 Reise thun, und es kann sein, dass ich lange ausbleibe. Willst Du unterdessen noch weiter der Kleinen Dich annehmen?«

Da lachten ihre Augen vor Freude, und sie gab zur Antwort: »Mir kann nichts Lieberes geschehen, als dass ich noch bei ihnen bliebe, so lieb habe ich die beiden.«

»Und wenn mir nun etwas Menschliches zustiesse?« fragte er weiter, »denn ich fahre über See, und da giebt es immer Gefahren, was soll dann aus ihnen werden?«

»Dann bleibe ich ihre Mutter, bis sie erwachsen sind,« versetzte sie ruhig und mit grossem Ernst, »und es soll ihnen nicht schlecht gehen. Der Hans soll eine Prinzessin zur Frau kriegen und die Grete kriegt einen Prinzen, aber nicht so einen, wie er mir bestimmt war, sondern einen guten und frommen. Denn es giebt auch solche, man muss sich nur auskennen. Das lass Du nur meine Sorge sein!«

Da gab er der Jungfrau die Hand zum Abschied und machte sich ins Freie, denn ihm kamen die Thränen. Von draussen spähte er noch einmal ins Fenster, und er 212 sah, sie beugte sich eben liebevoll über die Kinder und küsste sie leise.

Er fuhr nach dem nächsten Dorfe, stellte die Pferde dort ein, sagte dem Wirth sonst etlichen Bescheid und ging hinaus auf den Kirchhof, wo das Grab seiner Frau war. Er neigte sich auf das Kreuz, auf dem ihr Name geschrieben stand, und sagte flüsternd: »Liebe alte Grete, ich komme zu Dir noch heute vor der Mitternacht; die Kinder sind geborgen, besser als ich sie jemals zu pflegen vermochte. Aber es fehlte nicht viel, so wäre ich Dir untreu geworden; nur ist die Person, die ich meine, für mich allzuschön und zu fein und zu vornehm, darum habe ich mich besonnen 213 und komme zu Dir und will ewig bei Dir bleiben!« Danach küsste er das Kreuz und ging seines Weges.

Am andern Morgen fand man ihn todt bei all' dem anderen Strandgut im Sande.

 


 

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