Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Hoffmann >

Ostseemärchen

Hans Hoffmann: Ostseemärchen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
booktitleOstseemärchen
authorHans Hoffmann
year1897
firstpub1897
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleOstseemärchen
pages294
created20150419
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das häßliche Nixchen.

Es war einmal eine kleine Seejungfer, die wollte gern einen Mann haben und konnte keinen kriegen. Denn alle verschmähten sie, und sie begriff doch nicht, weshalb.

Eines Tages aber war ein Schiff untergegangen mit allen Geräthen und Sachen, die darauf waren; und die Seemenschen schwammen neugierig hinzu und nahmen sich jeder, was ihm gefiel oder was ihm in die Hand kam. Die kleine Seejungfrau fand einen Spiegel; und obgleich sie anfangs nicht wusste, wozu das Ding dienen sollte, 166 kam sie doch bald dahinter und betrachtete nun sich selbst mit grossem Erstaunen. Doch bald fing sie laut an zu weinen, denn sie hatte entdeckt, dass sie überaus hässlich war.

»Mein Himmel,« rief sie trostlos, »ich bin ja etwas Greuliches! Ich bin ja so garstig, es kann einen Seehund jammern. Jetzt begreife ich wohl, warum keiner mich nehmen will; wer mag denn so etwas? Ich bin wirklich gar zu hässlich. Aber das ist doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass andre so viel schöner sind, die gar nichts dafür können. Und ich kann auch nichts dafür; aber einen Mann kriege ich doch nicht. Ich muss eine alte Jungfer werden, und das ist doch zu traurig.«

So klagte die Aermste und verkroch sich in das dichteste Gebüsch von Wasserpflanzen, das auf dem Seegrunde wucherte. Das war wie ein Walddickicht, aber noch fester verwachsen, so dass selbst das geschmeidige Nixchen kaum hindurchdringen konnte. Aber so war's ihr gerade recht, da konnte niemand sie sehen und ob ihrer Hässlichkeit auslachen.

167 Auf einmal aber sass sie nun wirklich ganz fest und konnte nicht mehr vorwärts, und zurück ging es auch nicht wieder, und je heftiger sie arbeitete, sie strampelte sich nur fester. Da ward ihr doch angst, und sie schrie kläglich um Hilfe, jedoch lange vergebens.

Endlich vernahm sie ein alter Meermann, der in der Gegend zufällig auf der Jagd war; er kam näher, entdeckte sie in ihrem Gefängniss und befreite sie dann nicht ohne Mühe, indem er die Ranken entzweischnitt, die sie so fest hielten.

»Zum Teufel, Mädchen,« sagte er barsch, »wie kommst du hierher? Was treibst du für Unfug?«

Sie wischte sich mit der Schwanzflosse die Thränen aus den Augen und entgegnete trotzig: »Versteckt hab' ich mich, weil ich so hässlich bin. Nicht wahr, ich sehe doch garstiger aus, als bei uns erlaubt ist?«

»Erlaubt ist manches,« spricht er gelassen »aber sonst hast du nicht unrecht, du bist mordshässlich. Aber was geht dich das eigentlich an? Du siehst dich doch gar nicht. Höchstens wir anderen können uns 168 beklagen, die wir dich ansehen müssen. Du selbst kannst zufrieden sein; jetzt zum Beispiel siehst du mich, und ich bin für mein Alter ein schöner, alter Herr, schon bloss an meinem Barte musst du dein Vergnügen haben: ich aber habe keins, denn ich sehe mich nicht. Du bist also eine Närrin.«

»Das mag schon ganz richtig sein,« sagte sie traurig, »aber ich kriege keinen Mann, und den muss man doch haben.«

»Ach so,« rief er mitleidig, »ja, dass hatte ich vergessen. Da ist allerdings wenig Hoffnung für dich, wie wir Meermenschen nun einmal sind. Aber ich will dir etwas sagen: du solltest es einmal mit einem von den Oberseeischen versuchen, wenn dich deren greuliche Beine nicht abstossen.«

»Du lieber Himmel, in der Noth frisst der Teufel Fliegen,« erwiderte die Nixe: »aber sage mir, nehmen denn die Landmenschen eine Hässliche gern?«

»Das kann man kaum behaupten,« beschied sie der Meermann, »sie gehen auch höllisch auf die Schönheit. Aber es besteht ein Gesetz: sobald dich ein Mann liebt, wirst du auf der Stelle schön.«

169 Die kleine Seejungfer dachte ein wenig nach oder vielmehr ziemlich viel: denn sie war auf einen harten Knoten gekommen. Endlich hatte sie's heraus.

»Aber das ist ja Unsinn,« rief sie, »und eigentlich der reine Hohn. Also solange ich hässlich bin, liebt mich kein Mann, und solange mich kein Mann liebt, bleibe ich hässlich. Eine nette Zwickmühle. Recht hoffnungsvolle Aussichten.«

»Sie sind so schlecht nicht, wie es den Anschein hat,« behauptete der Meermann. »Den oberseeischen Menschen ist die Fähigkeit gegeben, die uns versagt ist, trotz alledem manchmal auch eine Hässliche zu lieben. Das liegt daran, dass sie eine andre Art Seele haben als wir, sie ist künstlicher zusammengesetzt und von sehr verwickeltem Bau. Die unsre ist besser, weil sie einfacher ist: doch in besonderen Fällen hat jene auch ihre Vorzüge; so gerade in deinem Falle. Darauf also musst du deinen Plan bauen und dir die Seele eines Mannes zu gewinnen trachten, dass er dich liebt: dann wirst du schön und kannst dich deines Lebens freuen.«

»Aber wie soll ich das anfangen?« fragte 170 sie ängstlich, »ich verstehe mich darauf nicht.«

»Ja, darin kann ich dir keinen Rath weiter geben,« versicherte der Meermann, »in solchen Dingen müsst ihr Weiber euch auskennen, das ist euer Fach. Denke nur etwas nach, du wirst schon ein Mittelchen entdecken.«

Darauf strich er ihr zum Abschied mit der breiten Patsche kräftig über den Rücken, liess sie allein und verlor sich in seinen Jagdgründen.

Sie strengte nun alle ihre Gedanken an, um herauszubringen, wie sie das Herz eines Mannes gewinnen könne. Schliesslich hatte sie wahrhaftig einen Gedanken: »Ich will mir einen Mann zu rechtem Danke verpflichten, dann wird er mich lieben müssen.«

Kaum hatte sie diesen Schluss festgestellt, so schritt sie auch zur Ausführung. Sie strich nunmehr viel an den Küsten herum, besonders in der Nähe von Städten und Dörfern, und spähte nach einer Gelegenheit, irgend einem Menschen etwas recht Gutes zu thun, dafür er ihr danken müsse. Lange war ihr Streben vergeblich, denn die Menschen liessen sie leider gar nicht erst herankommen. 172 Sobald sie vor einem Manne plötzlich irgendwo aus den Wellen auftauchte und an den Strand wollte, floh er entsetzt, oder mancher schlug auch nach ihr mit einem Ruder oder was er sonst bei der Hand hatte, dass sie mühsam ihr Leben rettete.

Da seufzte sie betrübt: »Es wird doch wohl nichts werden, ich bin eben allzu hässlich, selbst für die Oberseeischen.«

Nun fand sie einmal einen menschlichen Leichnam am Strande liegen, den die See ausgespült hatte; das sah erbärmlich aus. Da kam ihr wieder ein Gedanke.

»Halt,« rief sie, in die Hände klatschend, »ich will einem Manne das Leben retten, wenn er am Ertrinken ist. Da kann er weder davonlaufen noch wird er mich schlagen; und hinterher muss er ja grenzenlos dankbar sein, denn was hat man Besseres als das Leben?«

Sie schwamm nun fortan mit allem Eifer hinter den Schiffen her, zumal bei Nebel und Sturm, und hoffte von Herzen auf einen Schiffbruch. Und richtig, ein solcher kam bald genug zu Stande. Zwei Schiffe krachten bei starkem Nebel so hart widereinander, dass beide sofort sanken, und die Mannschaft nicht 173 einmal Zeit hatte, die Boote auszusetzen. So zappelten denn die armen Schiffer jammervoll auf den Schaumwellen und ertranken langsam einer nach dem andern.

Die kleine Seejungfrau aber schwamm emsig unter den verzweifelt Ringenden dahin und betrachtete sie einzeln mit grosser Sorgfalt, bis sie einen gefunden hatte, der ihr am besten gefiel, weil er der hübscheste war. Dem tauchte sie hurtig unter die Brust und trug ihn sicher auf ihrem Rücken dahin. Das liess er sich gerne gefallen, er konnte nicht davonlaufen, wollte auch nicht. Sie trug ihn sanft durch Wogen und Sturm, und mit gewaltiger Eile schwimmend brachte sie ihn noch vor dem Morgen glücklich an Land. Sie legte ihn sänftlich auf den weichen Sand nieder und wartete begierig, was er nun sagen und thun würde.

Nachdem er sich von den ausgestandenen Schrecken und auch von dem Staunen über die wunderbare Art seiner Errettung ein wenig erholt hatte, fragte er noch etwas schüchtern, wer sie eigentlich sei und warum sie ihn gerettet habe.

»Ich bin eine Seejungfrau,« erklärte sie 174 ihm einfach, »und habe dich gerettet, weil ich von der Dankbarkeit der Menschen so viel habe reden hören; die wollte ich gern einmal kennen lernen.«

Da versicherte er sie mit lebhaften Worten seiner dankbaren Ergebenheit und fragte geradezu, was er denn thun könne, ihre edle Wohlthat irgend zu erwidern. Sie bat ihn, jeden Abend an eine bestimmte einsame Stelle am Strande zu kommen und ein Stündchen mit ihr zu plaudern; sie möchte gern lernen, wie es im allgemeinen in der Menschenwelt zugehe.

Er warf zwar einen unbehaglichen Blick auf ihr Gesicht und ihren glitzernden Schuppenschwanz, doch er sagte ihr zu, um nicht undankbar zu erscheinen. Und am Abend kam er wirklich und unterhielt sich mit ihr gelassen und freundlich, doch mochte er ihr nicht gerne gerade ins Gesicht sehen und hielt sich immer ein Streckchen entfernt von ihr. Die Nixe hingegen machte sich so lieblich als sie irgend konnte, plauderte unablässig in der anmuthigsten Art und suchte auf alle Weise sein Vertrauen zu stärken.

Auch schien er sich wirklich an sie zu 175 gewöhnen, zeigte ihr viel Aufmerksamkeit und gab ihren mannigfachen Fragen redlichen Bescheid. Wenn sie sich jedoch später in ihrem Spiegel beschaute, fand sie ihre heimliche Hoffnung immer wieder getäuscht: sie war nicht ein Spürchen schöner als sonst.

Da that sie einen Seufzer: »Also liebt er mich noch nicht! Aber ich will nicht nachlassen und ihm immer noch mehr Wohlthaten erweisen.« Sie hatte nun schon von ihm gelernt, dass die Menschen manche Dinge für grosse Kostbarkeiten halten, die am Seegrunde noch ziemlich gemein sind, wie Bernstein, Korallen und Perlen; ja sogar lebende Austern: von allen diesen sammelte sie in der Eile, soviel sie davon schleppen konnte, und trug ihm das zu. Er war ganz entzückt und ergoss sich in tausend Worten des Dankes; doch als sie nachher den Spiegel befragte, erhielt sie keine bessere Antwort als zuvor: sie war immer noch mordshässlich.

Sie gerieth in Verzweiflung; doch dann hoffte sie noch immer, die Zeit werde es bringen, weil er wirklich so dankbar war. Am nächsten Abend aber kam er zu ihrem 176 stillen Schrecken nicht allein wie sonst, sondern in Gesellschaft eines bildhübschen Mädchens, das er mit den neuen Kleinodien behängt hatte und gegen das er sehr zärtlich war. Und er stellte sie vor, das sei jetzt seine Braut, er habe ihre Neigung durch die schönen Geschenke endlich gewonnen.

Als die Seejungfer das hörte, schüttelte sie sich kräftig, machte den beiden eine lange Nase und schoss zurück in die Brandung. Und sie kam dann nicht wieder.

Sie war nun fast hoffnungslos, denn sie wusste nicht, was sie einem Menschen noch besseres anthun sollte, seine Liebe zu entzünden. Doch aber konnte sie's nicht lassen, immer die Nähe der Menschen zu suchen. Da geschah es ihr einmal, weil sie so ganz in ihren Kummer vertieft war, dass sie nicht Acht gab und so in ein grosses Schleppnetz gerieth, das die Fischer nach Flundern auswarfen; und sie konnte sich nicht wieder herauswickeln und ward mit den Fischen an den Strand gezogen.

Sobald aber die Leute dies fremde Wesen erblickten, desgleichen noch keiner von ihnen gesehen hatte, schrieen sie laut: »Das ist eine 177 Teufelsbrut. Schlagt sie todt! Schlagt sie todt.«

So hieben und stachen sie erbarmungslos mit Ruderschaufeln, Messern und Bootshaken auf sie ein, bis sie blutüberströmt und wimmernd zusammenbrach und zu sterben vermeinte. Nun war jedoch einer unter den Fischern, ein baumstarker Mensch, der merkte, dass es nicht ein Teufelsvieh war, sondern eine Seejungfer, und er wusste von seiner Grossmutter, dass es gefährlich ist, diese Geschöpfe zu misshandeln, weil sie später sich rächen könnten. Darum fiel er den andern in den Arm und rief ihnen laut zu und versuchte das Leben der Verwundeten noch zu retten. Das gelang ihm zwar nur halb, denn halb todt war sie schon, und er selbst bekam von den widerspenstigen Genossen die grausamsten Prügel und sogar etliche Wunden: aber zuletzt schlug er jene doch in die Flucht, und als er nachsah, spürte er in der Ohnmächtigen noch etwas Athem. Und er sah zugleich, wie mörderlich garstig sie von Angesicht war.

Da ergriff ihn ein grosses Mitleid, und er nahm sie auf den Arm und trug sie 178 von dannen. Zwar empfand er einigen Schauder vor dem feuchten Flossenschwanz, aber der übrige Leib war weich und zart; und er streichelte sie leise, so gross war sein Erbarmen. So trug er sie in sein Haus, legte sie auf ein Bett und untersuchte ihre Wunden.

»Ach, du armes Thierchen,« sagte er betrübt, als sie die Augen ein wenig aufschlug und in ihren Schmerzen ihn dankbar anblickte, »wie haben sie dich zugerichtet! Sie haben dich nicht als eine Seejungfer erkannt, weil du gar zu hässlich bist, und haben dich darum wie ein gemeines Robbenvieh behandelt. Aber wir wollen doch sehen, dass wir dich wieder heil kriegen.«

Und er wusch nun ihre Wunden und verband sie mit aller Sorgfalt und kühlte sie mit Wasser, so gut er konnte. Und dann erst dachte er an seine eigenen Schmisse und behandelte die ein wenig. Und er lauschte auf den Athem der Kranken, und als der ruhiger ward und sie eingeschlafen schien, strich er ihr leise mit der Hand über das Haar und sagte noch einmal: »Ach, du armes, junges Thierchen, wie thust du mir leid.«

179 Sie lag aber ganz still und liess alles mit sich machen und fühlte ein heimlich Behagen trotz all ihrer Schmerzen. So pflegte er sie getreulich diese ganze Nacht und dann so weiter die folgenden Tage. Und obgleich die Rede von diesem Ereigniss unter die Leute kam und viele herbeieilten und ins Fenster guckten und ihn laut verhöhnten, so ertrug er das doch geduldig und mit heiterem Lächeln.

Weil aber die Seemenschen eine gute Heilhaut haben, kam sie bald zu Kräften, und ihre Wunden verharschten. Und eines Tages sprach sie zu ihm: »Du guter Kerl, ich habe dir so viel Mühe gemacht; jetzt aber ist nichts mehr vonnöthen; lass mich nur wieder ins Wasser, da will ich bald ganz gesund werden. Und dein Schade soll es nicht sein, dass du mich gerettet hast. Ich weiss, was ihr Menschen gern habt.«

Als sie das gesagt hatte, blickte er sie auf einmal ganz wunderlich an, ein wenig erschrocken und ein wenig betrübt, und fuhr sich hastig mit der Hand über die Stirn, als ob da etwas wäre, was er nicht vermuthet hätte und was da auch nicht 180 hingehörte. Und endlich fand er die Rede. »Bleib noch ein paar Tage,« sagte er schüchtern, »es gefiel mir so gut, als du hier warst. Ich hätte das nicht geglaubt; aber es kommt mir jetzt so vor: ich würde dich schwer vermissen, wenn du jetzt gingest. Recht sonderbar ist es; man sollte nicht glauben, dass es Vergnügen macht, jemanden zu pflegen, und nun gar einen Fischmenschen: aber es muss doch wohl so sein.« Und dabei sah er sie wieder mit einem anderen Blicke an, der ihr so warm in die Brust drang, dass sie von einem lieblichen Schauder erfüllt ward. Und sie fühlte ganz deutlich, dass ihre Züge unter diesem Blicke sich verklärten und leise verwandelten. Und jetzt sagte er auf einmal: »Ich finde dich auch gar nicht so hässlich mehr wie am ersten Tage. Die Genesung muss dich verschönern.«

Da lächelte sie sehr glücklich, und er fand sie dabei wieder noch ein bischen hübscher. Als er aber hinausgegangen war, schlüpfte sie schnell aus dem Bette und eilte zu dem Spiegel, der dort an der Wand hing. Und siehe, sie konnte mit eigenen Blicken 181 sich überzeugen, dass sie schöner zu werden anfing. Da wusste sie auch, dass der Mann anfing, sie zu lieben, und sie freute sich dessen, obgleich sie nicht begriff, wie er dazu käme.

Sie hatte aber nun eine stille Witterung gewonnen, dass es am besten sei, sich in diesen Dingen nicht zu bemühen, sondern ohne Verdienste nur still zu halten. Und sie stellte sich darum wieder schwächer und kränker, als sie wirklich war, dass er sie nur weiter pflegen könne, wie er das so gern wollte. Und er that das mit Freudigkeit und sah sie unterweilen und das immer häufiger mit verwunderlichen Blicken an, die ihr süss ins Mark gingen. Und sie fühlte es in sich selbst zugleich und sah es im Spiegel, es war keine Täuschung, dass sie von Tag zu Tag schöner wurde unter diesem Anschauen. Und sie blieb immer ruhig liegen und liess sich pflegen, auch als sie schon gesund war wie ein Fisch im Wasser.

Zuletzt aber verwandelten seine Blicke sich abermals und waren nicht mehr so mild und zärtlich und gleichsam brüderlich, sondern voll heissen Verlangens und bänglichen 182 Fragens und auch wie getrübt von einem heimlichen Kummer. Und an dem Tage, da diese Blicke zuerst sie trafen, erreichte ihre neue Schönheit ihr letztes Maass und ward ganz vollkommen. Sie betrachtete sich viele Stunden lang im Spiegel, so lange sie allein war, und entzückte sich selbst an dem reizenden Anblick.

»So,« sagte sie glückselig, »jetzt ist das vollendet, was der alte Meermann mir sagte; ich bin so schön wie nur irgend eine von uns, nun kann ich wieder ins Wasser gehen und werde leicht einen Mann finden.«

Und während der Nacht, da ihr Pfleger ein wenig schlief, entschlüpfte sie aus dem Bette, warf ihm im Vorübergleiten eine freundlich dankende Kusshand zu, die er doch nicht sehen konnte, kam aus dem Hause und tauchte in die See.

Und da dauerte es nicht lange, so wurde das wunderschöne Nixchen gewaltig umschwärmt von verlangenden Jünglingen und hatte die köstlichste Auswahl. Endlich nahm sie einen, der ihr der munterste schien und auch sehr hübsch war, und plätscherte nun in seiner Gesellschaft vergnüglich umher, 184 immer lachend und plaudernd und mit den Schwänzen wippend.

Einmal kam dies fröhliche Pärchen nahe an den Strand, und da sah die junge Frau ihren Fischer dort sitzen, betrübt und blass in dumpfer Musse, und Thränen fielen aus seinen Augen in den Sand.

»Mein Gott,« rief sie erstaunt, »ich glaube gar, der gute Kerl grämt sich darum, dass er mich nicht mehr pflegen kann. Das ist mir im Traume nicht eingefallen, dass einer so sein könnte. Aber da bin ich nur froh, dass ich nicht etwa ganz bei ihm geblieben bin, wie so etwas schon vorgekommen sein soll. Man passt doch nicht zusammen, wir würden kein Verständniss für einander gehabt haben. Der Alte hat recht: die Landmenschen haben eine andre Art Seele als wir, sie ist zu verwickelt und dadurch unklar. So eine Art Liebe zum Beispiel, wie der ohne jeden vernünftigen Grund zu mir gefasst hat, die ist doch unbegreiflich, die muss einem ja weh thun. Das ist nichts für unser einen; unsre Seele ist vornehmer, weil sie einfacher und gesunder ist. – Komm, Dicker, lass uns lustig sein.«

185 Und sie waren lustig und plätscherten umher und warfen so vielen Schaum auf mit ihrem Kugeln und Kollern, dass der Fischer ganz nass wurde. Aber er merkte das gar nicht.

 


 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.