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Ostseemärchen

Hans Hoffmann: Ostseemärchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
booktitleOstseemärchen
authorHans Hoffmann
year1897
firstpub1897
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleOstseemärchen
pages294
created20150419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Streit unter Liebenden.

Der Frieder und die Liese liebten einander so über alle Massen, dass sie sich am Ende heirathen mussten, obgleich sie eigentlich nicht wollten, weil sie beide arm waren wie die Kirchenmäuse. Aber die grosse Liebe hätte sie gewiss von innen her aufgefressen; da heiratheten sie doch lieber.

Als sie nun Mann und Frau waren, liebten sie einander fast noch ein bischen mehr: aber vertragen konnten sie sich gar nicht. Sie waren immer verschiedener Meinung und begnügten sich durchaus nicht so mit dem Meinen, sondern zankten sich um jede Kleinigkeit, dass es ein Schrecken zu hören war, alle Tage vierundzwanzig 94 und ein halbes Mal, und manchmal noch öfter; und nachher versöhnten sie sich wieder mit unzähligen Küssen. Und nach jeder Versöhnung hatten sie einander noch um vieles lieber, solange der Friede dauerte; das war aber selten länger als eine halbe Stunde.

Immer wenn Frieder ja sagte, sagte Lise nein, und wenn sie etwas hübsch fand, fand er es hässlich, und wenn er gehen wollte, wollte sie fahren, und was sie blau nannte, nannte er grün, und was ihm schmeckte, war ihr ganz eklich. Am heftigsten stritten sie darüber, wenn sie ein Kind kriegten, ob das ein Junge sein sollte oder ein Mädchen, und jedes von beiden wünschte es alle Tage wieder anders.

Und sie tadelten jeder alles und jedes an dem andern und bespähten einander unausgesetzt um irgend einen neuen Fehler und warfen sich im Zorne die schrecklichsten Dinge an den Kopf, wie sie sich sonst die grimmigsten Todfeinde kaum sagen. Und manchmal hätten sie sich wirklich fast umbringen mögen vor Grimm und Groll und nachher am liebsten einander fressen vor 95 lauter Liebe. So schienen sie beide in beständiger Lebensgefahr zu schweben; doch hielten sie sich zum Glück nur an Gedanken und Worte und thaten sich handgreifliches Unheil nicht an.

Anfangs hofften sie bei jeder Versöhnung, es werde nun das letzte Mal sein, dass sie sich gezankt hätten; ja, sie begriffen gar nicht, wie jemand so streitsüchtig sein könne und gar vernünftige Menschen, die sich so schrecklich lieb hatten.

Allein es blieb beim alten, ob auch viele Wochen und Monate vergingen.

Als solches verworrene Zanken nun in der That immer ins Unendliche so weiterging und alles heisse Lieben und Küssen dawider nichts half, da wurden sie beide von Herzen betrübt und schämten sich entsetzlich vor Gott und den Menschen.

»Mein Gott, was müssen wir für schlechtes und abscheuliches Volk sein!« sprachen sie zu sich selber. »Es steht geschrieben: Selig sind die Friedfertigen! Selig sind die Sanftmüthigen! Da werden wir ja wohl ganz und gar unselig sein, dass wir miteinander so anders sind.«

96 Und sie weinten in Frieden zusammen über ihre Schlechtigkeit, bis die Zeit gekommen war, wo sie sich wieder zanken mussten: oder sie wären erstickt an ihrer Verträglichkeit.

So ging das alle Zeit weiter. Es war ganz schrecklich.

Eines Tages sprach Lise: »Das kann nicht so weitergehen, oder es wird unser Verderben; wir reiben uns auf dabei; ich bin jetzt schon ganz elend, und du siehst auch aus wie die theure Zeit. Entweder man liebt sich oder man zankt sich; eines von beiden ist auszuhalten, beides zusammen aber nicht. Was bleibt uns da übrig? Scheiden lassen können wir uns nicht, weil wir uns zu sehr lieben, aber beisammen bleiben können wir auch nicht, weil wir uns viel zu viel zanken. Also bleibt nichts übrig, als einen Mittelweg zu nehmen: wir trennen uns auf eine Weile, vielleicht dass wir uns die schlimmste Zanksucht in der Zeit abgewöhnen. Denn das muss ich sagen: mit meinen Geschwistern und Freundinnen habe ich mich jederzeit aufs schönste vertragen, und von dir weiss ich dasselbe. Es kann 97 also wohl nur eine böse Angewöhnung sein, dass es uns zweien mitsammen nicht ebenso gelingt. Versuchen wir es also auf diese Art. Schlägt es gut aus, so sind wir die glücklichsten Leutchen unter Gottes Sonne.«

Der Frieder musste ihr Recht geben und war zu dem Versuche bereit. Da aber merkten sie plötzlich, dass sie einmal ganz einig waren in ihrer Meinung, und sie fielen glückselig einander um den Hals und hofften, es werde nun wohl von selbst besser werden, und sie beschlossen, doch lieber zusammenzubleiben. Und hierin waren sie zum anderenmale einig.

Allein dabei blieb es; in allen übrigen Dingen waren sie uneins und zänkisch wie je zuvor. Da erkannten sie doch, es ginge nicht anders, als dass sie sich trennten. Und Frieder schlug vor, sie wollten auf ein Jahr in die Welt gehen, jedes in eines anderen Herren Dienst, und sich niemals sehen in der ganzen Zeit.

»Und damit wir von vornherein recht weit auseinander kommen,« fügte er hinzu, »will ich zur Vorderthür hinausgehen und du zur Hinterthür und dann jedes seiner 98 Nase nach; da können wir uns nicht mehr treffen, bis das Jahr herum ist.«

»Oho!« rief Lise, »das wäre mir schön! Du willst immer das Beste für dich haben, das kenn' ich schon. Aber diesmal wird nichts daraus: ich gehe durch die Vorderthür, und du magst hinten deinen Weg suchen.«

Das konnte sich der Frieder denn doch nicht gefallen lassen, und sie huben ein Gezänk an, dass die Wände erzitterten. Als sie endlich matt wurden und mit tausend Küssen sich wieder versöhnten, wollte jedes mit aller Gewalt zur Hinterthür hinaus, und darüber zankten sie sich abermals so laut, als ob sie einander ans Leben wollten.

Und als sie sich dann wieder versöhnten, sahen sie erst recht ein, es ginge nicht anders, als sie müssten sich trennen. Und sie beschlossen zu losen, aus welcher Thüre jeder gehen sollte. So kam diese Sache in Ordnung, und sie trennten sich wirklich mit unzähligen Küssen und bitterlichen Thränen.

Als sie nun jedes zu seiner Thür hinaus waren, meinte Lise, ihre Nase zeige nach links um die Ecke, sie sei immer ein bischen 99 schief gewesen, und der Frieder fühlte sich ebenso nach rechts hingewiesen; und ehe sie sich's versahen, sprangen sie einander entgegen und fielen sich um den Hals.

»Herr Gott, was ist solche Trennung für ein unsagbares Elend!« rief Lise weinend, »das ist gar nicht zum Aushalten. Ich würde in drei Tagen an der Trübsal zu Grunde gehen.«

»Ich noch viel eher,« versicherte Frieder und eröffnete damit den Streit, wer zuerst an der Trennung dahinsterben müsse.

Und als sie sich versöhnt hatten, erkannten sie beide, dass es auch so wieder nicht ginge. Und sie wussten vor Herzeleid schon gar nicht mehr, was beginnen.

Endlich sagte die Lise: »Ich sehe wohl, uns beiden ist auf keine Weise zu helfen; es ist unser Verhängniss, dem müssen wir uns beugen. Bleiben wir beisammen, so reiben wir uns auf in ewigem Zanken, und trennen wir uns, so siechen wir dahin in ewiger Sehnsucht. Zu Grunde gehen wir immer, so oder so. Darum ist es am besten, wir gehen lieber freiwillig aus diesem jämmerlichen Leben: da sterben wir doch zur 100 gleichen Stunde, und das ist immer noch als ein rechtes Glück zu betrachten. Und ich glaube gewiss, in dieser letzten, schweren Stunde werden wir uns vertragen.«

»Da hast du ganz recht,« sprach Frieder zerknirscht, »das ist das Allerbeste und offenbar das einzige, was uns noch übrigbleibt. Und wie fürchterlich wäre es, wenn du vor mir stürbest, und ich müsste zurückbleiben.«

»Oho!« sagte Lise, »du stirbst gewiss eher, und das ist eben das Schreckliche. O Gott, mein Gott, Frieder, wenn ich dich nicht mehr hätte!«

»Du stirbst doch eher,« versicherte dieser, und sie zankten sich darüber bis zur Erschöpfung.

Darauf wurden sie dann einig, dass sie zusammen ins Wasser gehen wollten. Ob ins Haff oder in die Ostsee, darüber stritten sie freilich lange, denn die beiden Gewässer waren gleich nahe, aber schliesslich entschieden sie sich doch für die See, weil man mehr Platz darin hat und auch das Salzwasser besonders gut ist für die Gesundheit.

Also kamen sie in grosser Eintracht hinab an den Strand und suchten nach einer Stelle, 101 die passend wäre für ihr trauriges Vorhaben. Indem sie so hinspähten, erblickten sie zwei Seehunde, die nebeneinander mit grossem Behagen am Strande lagen und sich friedlich sonnten. Sie sahen den Thieren sehr lange zu, und endlich sprach Lise verwundert:

»Sieh nur, wie lange die beiden schon bei einander lagern, und sie vertragen sich noch immer. Das ist doch sehr merkwürdig, und man könnte da etwas lernen.«

Dem pflichtete Frieder vollkommen bei. Dagegen konnten sie sich über die Frage durchaus nicht einigen, welches von den Thieren der Hund sei und welches die Hündin, und zankten sich heftig. Endlich machten sie doch Frieden, weil der Mund ihnen weh that, gingen langsam darauf zu und fragten die Seehundchen:

»Thut uns den Gefallen, sagt uns, ob ihr euch lieb habt.«

Warum sollten wir uns nicht lieb haben?« antworteten die Thiere nach einigem Nachdenken, »sind wir doch Mann und Frau und leben zusammen.«

»Aber zankt ihr euch niemals?« fragte Lise weiter.

102 »Warum sollten wir uns zanken?« versetzten die Seehunde, »es ist ja viel bequemer, sich zu vertragen.«

»Aber wie fangt ihr das nur an?« fragte nickend der Frieder, »das muss doch furchtbar schwer sein, wir bringen es nicht fertig.«

»Wie wir das anfangen?« entgegneten die Seethierchen, »das ist doch ganz einfach: man glotzt so vor sich hin und kümmert sich keiner um die Sachen des anderen.«

Da fiel es den beiden Menschenkindern wie Schuppen von den Augen. Richtig, das sahen sie ja, so machten es die Seehunde, sie glotzten gelassen vor sich hin. Und Frieder und Lise beschlossen, das auch einmal zu versuchen, und gewannen so einige Hoffnung, noch weiterleben zu können. Denn das wollten sie doch gerne, sie fanden das Leben noch gar zu schön.

Also setzten sie sich vor ihrem Häuschen auf der Bank in die Sonne und glotzten schweigend so vor sich hin.

»Das ist doch merkwürdig, wie dies Mittel hilft,« sagte Frieder nach einigen Minuten, »wir vertragen uns herrlich.«

»Ist nur die Frage, wie lange es dauert,« 103 bemerkte Lise, denn sie war meistens die Klügere.

»O, es wird schon dauern,« meinte Frieder vergnügt, »wenn wir nur fleissig glotzen.«

»Nein, es wird nicht dauern!« rief Lise heftig, denn sie wusste es wirklich besser. »Ueberhaupt, wenn du so glotzest, siehst du so dumm aus, dass ich's nicht aushalten kann.«

Frieder behauptete, er sähe ziemlich klug aus, und es werde doch dauern; und so kamen sie ins Zanken. Als sie sich endlich an die Versöhnung herangestritten hatten, mussten sie doch einsehen, dass es so auch nicht ginge, und begaben sich wieder ans Wasser.

Da fanden sie die Seehunde noch immer in Frieden bei einander. Und sie schalten sie und sprachen: »Ihr habt uns betrogen, bei dem Glotzen kommt auch nichts Gedeihliches heraus,«

»Das macht bloss, weil ihr zu hitziges Blut habt,« antworteten die Thiere, »hättet ihr kühles Seeblut wie wir, so würde euch geholfen sein, ihr würdet das läppische Küssen unterlassen und ebenso das Zanken.«

104 »Da mögt ihr schon recht haben,« bemerkte Frieder, »aber wir sind nun doch einmal auf dem Lande geboren, wo sollen wir da solches Blut herkriegen?«

»Das könntet ihr schon bekommen,« beschied ihn der Seehund, »wenn ihr euch an die rechte Quelle wendet.«

»Und wo fliesst diese Quelle?« fragte Lise aufhorchend.

»Fliessen thut sie eigentlich nicht,« verbesserte die Seehündin, »sondern in einer Höhle am Meeresgrunde sitzt die graue Muhme und kocht in der Küche emsig ihre Suppe: zu der müsst ihr hinabsteigen.«

»Ja, wie sollen wir das machen?« fragten die beiden betrübt, »wir würden unten todt ankommen, und da hilft uns keine Hilfe mehr.«

»Das wollen wir schon einrichten,« erklärten die Seehunde, »die Stelle wollen wir euch gern zeigen, wo ihr hinabtauchen könnt bis in die letzte Tiefe, ohne dass euch die Luft ausgeht. Es geht da nämlich ein unsichtbarer Luftschacht durchs Wasser, durch den die graue Muhme ihren Bedarf an Luft bezieht, denn sie ist keineswegs ein 105 Fischgeschöpf und athmet nicht durch Kiemen; sie hat sich nur deshalb in die Tiefe zurückgezogen, weil sie hier oben durch den warmen Sonnenschein und das Grün des Laubes und die bunten Blumen und sonst allerlei lustige Dinge in ihren Betrachtungen gestört wird. Wenn es euch recht ist, wollen wir euch gern hinbringen, auf unserem Rücken reist ihr ganz sicher. Wir haben Mitleid mit eurem Schicksal, weil wir's gar nicht begreifen, wie man so sein kann.«

»Versuchen können wir's ja, wenn ihr so gut sein wollt,« meinte der Frieder, »mehr als ertrinken können wir auf keinen Fall dabei, und zu eben dem Zwecke sind wir überhaupt nur hierher gekommen. Rechtes Vertrauen habe ich zwar eigentlich nicht zu dieser grauen Muhme, der Name klingt so ungemüthlich, aber man thut, was man kann. Leben mag man doch gern, wenn es irgendwie auszuhalten ist.«

Die Lise war nach etlichem Widerspruch doch derselben Meinung, und so bestiegen sie beide den Rücken der Thiere. Der Frieder sass rittlings und die Lise seitlich wie auf einem Damensattel. Und so trugen die guten 106 Geschöpfe sie mit grosser Geschwindigkeit in die Ostsee hinaus.

Nach vielen Stunden, als sie längst nur noch Himmel und Meer um sich sahen, machten die Seehunde Halt und empfahlen ihren Reitern, hier in die Tiefe zu tauchen, denn der Luftschacht sei erreicht. Man sah hier einen starken Strudel, der von oben aussah wie ein wirbelnder Trichter.

Anfangs zauderte das Pärchen und traute sich nicht recht. Jedoch Frieder fasste bald Muth.

»Wenn es schon sein soll, dann aber auch gleich mit einem Hechtsprung«, sagte er tapfer, fasste die Lise um den Leib und warf sich mit ihr kopfüber in den Strudel.

Die Fahrt war schrecklich; es wehte sie an mit allen Schauern der Tiefe, und sie meinten bebend nicht anders, als sie flögen hinaus in eine ewige Leere. Sie verloren vor Angst und Grauen beinahe die Besinnung. Doch eben zur rechten Zeit noch fühlten sie Grund unter den Füssen und kamen zu sich selber.

Da standen sie nun in einer weiten Höhle, die von grellem Licht gleichmässig 108 durchleuchtet war; aber dies Licht war nicht freundlich und golden wie der Glanz der Sonne, sondern fahl und hart und unerquicklich. Als sie sich umschauten, sahen sie im Hintergrunde eine grosse Frau auf einem Throne sitzen, die hatte einen Kessel gerade vor sich stehen und rührte mit einer mächtigen Kelle unermüdlich darin herum. Es brodelte eine Suppe darin, recht dick und zäh wie ein schmieriger Brei und statt der Fettaugen mit grauen Schimmelflecken überdeckt.

Die grosse Frau war alt und runzelig, aber ganz schön auf ihre Art an Antlitz und Gliedern, sehr ernst und würdevoll; sie blickte feierlich geradeaus und bewegte ihre Mienen nur wenig und sehr langsam. Gekleidet war sie vom Kopf bis zu den Füssen in ein trübes Grau; das weite Gewand sah aus, als wäre es zusammengesetzt aus Millionen staubiger Spinngewebe. Die Höhle über ihr war ganz rund gewölbt ohne irgend welche Gliederung oder Schnörkel und ebenfalls von schimmelig grauer Farbe.

Die graue Muhme schien die Ankömmlinge schon erwartet zu haben, denn sie 109 sprach ihnen mit einer bedeutenden Gebärde entgegen:

»Habt ihr die Löffel denn mitgebracht?«

»Welche Löffel?« fragten sie ängstlich.

»Immer die gleiche thörichte Frage, so viele euer auch kommen mögen!« versetzte mit ernster Missbilligung die Alte. »Hier frisst man die Weisheit nicht mit den Fingern wie Bauernpack, sondern mit Löffeln; das hättet ihr überlegen sollen. Nun habt ihr meine Suppe vor euch und könnt doch nicht hineinlangen. Also macht nur, dass ihr wieder nach oben kommt, und holt euch erst Löffel. Dann wollen wir weiter reden, und euch kann geholfen werden. Vorher aber reicht mir doch ein paar Händevoll von den Kräutern herauf, die da so herumwachsen, weil ihr gerade mal hier seid; die Suppe kann für so ausbündige Schlingel, wie ihr seid, immer noch etwas schärfer gewürzt werden. – So, hier rechts steht das Moralkraut, davon pflückt ein paar Büschel, weiter links Sänftigungskohl, bitte, auch davon zwei Köpfe; dann ein halb Dutzend von den Anstandsrüben dahinten, Enthaltsamkeitssellerie kann ich auch noch brauchen, ebenso 110 Vernunftsspargel mit Ehrbarkeitsgrün – nein, das daneben mit den lederartigen Blättern! So, nun ist's genug. Wenn ihr wiederkommt, soll mein Weisheitsüppchen euch trefflich munden. Aber jetzt holt erst die Löffel!«

»Was für Löffel dürfen es sein?« fragte Lise schüchtern.

»Löffel vom Holze des Baumes der Erkenntniss,« sprach die graue Muhme, »wo dieser wächst, müsst ihr ja noch von der Schule her wissen. Da könnt ihr nicht fehl gehen.«

Sie machten eine Verbeugung und zogen sich scheu zurück. Da fühlten sie sich von dem Strudel emporgezogen und gelangten nach etlichen Aengsten wieder an die Oberfläche des Meeres. Die Seehunde schwammen noch da in der Nähe herum, nahmen sie gern auf den Rücken und trugen sie ans Land.

So strich nun das arme Ehepaar eifrig ins Land hinein, indem sie sich an jedem Kreuzwege aufs heftigste stritten, ob sie rechts oder links gehen müssten, und niemals einer Meinung waren. Doch feierten sie wie 111 gewöhnlich dazwischen unzählige Versöhnungen mit unzähligen Küssen.

Abends kamen sie müde an ein Häuschen im Walde, als die Glocken fern läuteten und alle Luft und Erde voll süssesten Friedens war. Auf der Bank vor dem Hause sass ein anderes Paar, auch jung, schön und kräftig; die hockten geruhsam bei einander und blickten vor sich hin, ohne sich anzusehen und ohne viel mit einander zu reden als hin und wieder so ein verlorenes und gleichgültiges Wort. Jedes sass so seiner Wege, wenn man so sagen darf.

»Herr Gott, sehen die dösig aus!« bemerkte Lise, und Frieder bestätigte das, nur fügte er hinzu: »Sie vertragen sich aber.«

»Ja, das ist ganz merkwürdig,« antwortete Lise mit einem Seufzer.

Sie traten hinzu und fragten bescheiden, ob sie für Geld und gute Worte ein Nachtlager haben könnten und ein Abendessen. Beides ward ihnen von dem eingesessenen Paare ohne Umschweif bewilligt.

Als sie nun gespeist hatten und mit ihren Wirthsleuten in ein Gespräch kamen, 112 fragten die bedächtig, wohin sie des Wegs zögen.

»Wir suchen den Baum der Erkenntniss,« beschied sie Frieder, »um aus seinem Holze uns Löffel zu schnitzen.«

»Oh, da wissen wir Bescheid und kennen wohl eure ganze Geschichte,« versetzten die Leute, »da sind wir vor kurzem selber gewesen und haben dann bei der grauen Muhme die Weisheit mit Löffeln gefressen.«

»Ei der Tausend!« riefen Frieder und Lise wie aus einem Munde, »von der kommen wir auch gerade und wollen wieder zu ihr zu gleichem Zwecke. Wir zanken uns so viel, und von dem Uebel sollen wir da kurirt werden.«

»Ganz unser Fall,« sprach das fremde Paar, »wir zankten uns ehedem auch so, und da ward uns von einer weisen Frau als Mittel verordnet, wir müssten zur grauen Muhme oder aber warten, bis wir alt würden, dann besserte es sich von selber. Das dauerte uns aber zu lange, denn wir sind noch sehr jung, und gingen lieber zur Muhme.«

113 »Also hat die euch geholfen, und ihr zankt euch nicht mehr?« fragten Frieder und Lise in grosser Spannung.

»Nein, wir zanken uns nie mehr,« versicherten jene, »wie sollten wir auch? Wir wissen ja, dass es eben sowohl Thorheit als Untugend ist, sich zu zanken, zumal wenn man verheirathet ist. Warum sollten wir es also thun? Jeder von uns lässt den andern thun und reden, was er will und mag, und kümmert sich nicht mehr drum, als um das Rauschen eines Bächleins. Es ist ja ganz gleichgültig.«

»Ach, meine Seele, was müsst ihr da glücklich sein!« rief Lise mit stillem Neid, »da küsst ihr euch sicherlich in einem fort.«

»Küssen? O nein!« antworteten die beiden mit einem seltsamen, wehmüthigen Lächeln, »wie sollten wir auch? Wir wissen ja genau, dass auch das eine Thorheit und ein Unfug, weil vollkommen zwecklos ist: drum thun wir's wohl der Form wegen beim Gutentag und Lebewohl, aber nie so aus heiler Haut und aus Uebermuth, wie wir's früher gethan haben, besonders bei 114 einer Versöhnung, wenn wir uns gezankt hatten.«

»Also versöhnen thut ihr euch jetzt auch nicht mehr?« fragte Lise nachdenklich.

»Ja, wie können wir denn?« erwiderten die andern, »man kann sich doch nur versöhnen, wenn man sich vorher gezankt hat.«

»Und fühlt ihr euch denn nun also ganz glücklich in diesem Zustande?« fragte Frieder noch nachdenklicher.

»O – ja,« versicherten die beiden, und jedes der zwei Wörtchen klang breit aus wie ein stilles Gähnen. – »Allerdings muss ich sagen,« fügte die junge Frau ganz leise hinzu, »einen Wunsch hätte ich doch noch, um ganz vollkommen glücklich zu sein, aber nur einen ganz kleinen. Nämlich wenn ich mich noch einmal im Leben wieder so recht heftig und von Herzen versöhnen könnte, würde ich all die genossene Weisheit gern wieder von mir geben und all meine Lebtage so thöricht bleiben, wie ich einst war; und auch das bischen Zanken sollte mich nicht so sehr verdriessen: man weiss ja schliesslich doch, man verträgt 115 sich wieder und hat sich dann doppelt lieb. – Aber da ist nun nichts mehr zu machen; wer die Weisheit einmal im Leibe hat, wird sie nicht mehr los, dafür giebt es kein Brechmittel.«

Indem sie das sagte, warf sie ihrem Manne einen Blick zu voll müder Sehnsucht, und der gab ihn ebenso zurück. Und dann sassen sie beide wie im Anfang wieder still nebeneinander in gelassener Behäbigkeit.

»Die kommen mir fast vor genau wie die zwei Seehunde,« flüsterte die Lise, »und weisst du was, Frieder? Ich meine, wir versuchen es erst noch einmal ein Jahr lang so wie bisher; die graue Muhme läuft uns nicht weg, und wenn's gar nicht gehen will, können wir sie später ja immer noch brauchen. Auszuhalten ist es am Ende wohl auch mit dem bischen Zanken, wenn man sich nur weiter keine Gedanken drüber macht und sich nicht mit Tugendsprüchen quält. Denn wenn wir auch einmal noch so sehr aus dem Häuschen sind vor unsinnigem Groll, das eine wissen wir allmählich doch: ans Leben gehn wir einander wahrhaftig 116 nicht, und voneinander lassen können wir auch nicht. Also komm, Alter, wir wollen gleich nach Hause laufen und fortan uns zufrieden geben. Ich glaube, vor Sonnenaufgang können wir da sein, wir haben ja Mondschein. Und im Nothfall übernachtet man auch mal im Freien. Küssen kann man sich überall.«

Da war der Frieder einverstanden, und es war seit ihrer Hochzeit gewiss das erste Mal, dass sie länger als eine Stunde ganz ohne Widerspruch beide der nämlichen Meinung blieben und auch danach thaten.

Also lebten sie fortan wieder in ihrem Häuschen, zankten sich redlich durchs Leben und versöhnten sich wieder.

Als sie aber sachte alt wurden, hörte das Zanken mehr und mehr auf und das Versöhnen desgleichen. Und sie sprachen nur manchmal wehmüthig zu einander:

»Ja, ja, alt sein ist gerade so gut, wie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Jetzt haben wir sie von selber im Leibe und bringen sie schwerlich je wieder heraus. Ach, wer doch jung wäre!«

Und sie wackelten mit den Köpfen und 117 sassen behäbig bei einander auf der Bank und sonnten sich in Frieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, vertragen sie sich heute noch.

 


 

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