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Ostseemärchen

Hans Hoffmann: Ostseemärchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleOstseemärchen
authorHans Hoffmann
year1897
firstpub1897
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleOstseemärchen
pages294
created20150419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der fliegende Weinhändler.

Es gab eine Zeit, da die Menschen noch keine Seekrankheit kannten sondern ungekränkt über das Meer fuhren. In dieser glücklichen Zeit ereignete sich Folgendes.

Ein frommer Weinhändler in Lübeck nahm sich den Schaden zu Herzen, der vielen Leuten durch starke Getränke an Leib und Seele geschieht, indem es sie trunken 24 und dann verliebt oder raufsüchtig macht, und er beschloss, diesem Uebel dadurch zu steuern, dass er die Stärke seiner Weine um ein Beträchtliches verminderte. Er nahm klares, gesundes, erquickliches Brunnenwasser und goss dieses mit Geschicklichkeit unter grossen Mühen mittels eines Schlauches in seine Fässer, also dass es mit dem feurigen Weine sich auf das Anmuthigste mischte und seine Gefährlichkeit milderte, ähnlich wie ein sanft geartetes Eheweib den Sinn ihres wüthigen Gemahls zu sittigen vermag. Und er verkaufte den so gereinigten Wein um nichts theurer als den früheren, obgleich er doch um Vieles nützlicher zu trinken war, und trotz der grossen Arbeit, die er ihm gemacht hatte.

Es geschah aber, wie es oft geht, dass die Leute in seiner Stadt nicht erkennen wollten, was ihnen Gutes widerfuhr, sondern hämisch unter einander zischelten und hochmüthig sprachen: »Pfui Teufel, schmeckt das Zeug dünne!« Und sie wurden unlustig und lässig bei ihm zu kaufen.

Das ging ihm wiederum zu Herzen, denn er fürchtete, sie möchten ihr Geld zu schlimmen 25 Gesellen tragen und möchten so das Gemeinwohl schädigen, und er beschloss ahzuhelfen. Er kaufte in fremden Städten allerhand köstliche Säfte und Spezereien und spendete viel Geld dafür, als da sind unvermischter, trefflicher Spiritus, gute Schwefelsäure und mannigfache andere gewürzige Säuren und Kräuter; und alle diese Dinge that er mit Freuden seinem Weine hinzu und vermengte sie damit emsig.

Und sein Fleiss ward gesegnet, denn der Wein ward nunmehr noch viel feuriger als am ersten Anfang und von viel lockenderem Wohlgeschmack, und sein Duft stieg angenehm in die Nase wie der Duft einer Blume.

Und die Käufer kamen wieder reichlicher noch als vordem und tranken vergnüglich und sprachen zu einander: »Es hat einen feinen Jahrgang gegeben dahinten am Rhein und in Welschland, und unser Meister hat Glück und Verstand gehabt bei dem neuen Einkauf.«

Das ging so eine Zeit lang; da erhoben sich Schnüffler und Afterredner. die spitzten die Mäuler und schnalzten mit den Zungen und verbreiteten das Gerücht, dieser Wein 26 schmecke verdächtig und mache grässliche Kopfschmerzen und andere Beschwerden, so man genug davon trinke. Und das wolle man doch; es stehe Niemand gerne auf, ehe er redlich betrunken sei; das aber bekomme hier übel.

Solches Gerücht ging wandern, und es währte nicht lange, so begannen die Käufer zum anderen Male sich merklich zu mindern. Da ergrimmte der fromme Weinhändler über die Herzenshärtigkeit seiner Mitbürger und fasste den ernsten Entschluss, ihnen von diesem Jahrgange gar nichts mehr zu verzapfen, sondern die noch vollen Fässer über die Ostsee zu fahren zu treuherzigeren Völkern, die an scharfe Sachen gewöhnt wären und nachher ihren Katzenjammer geduldig dahin nähmen als eine göttliche Schickung. Er wusste aber, dass solche Völker in Pommern wohnten und weiter in Preussen, ingleichen auch bei den Nordmännern über dem grossen Wasser.

Also rüstete er ein Schiff und stach fröhlich in See und hoffte wieder heim zu kehren mit leeren Tonnen und vollem Beutel.

In solcher Vorfreude seines Herzens und 27 weil der Wind günstig war, gab er am dritten Tage dem Schiffsvolke ein Fässlein preis, dass sie tapferen Muthes blieben. Ein rechter Schiffer aber macht ganze Arbeit im Trinken; und sie soffen den Wein, als wäre es Dünnbier. Davon widerfuhr ihnen das Uebel, dass sie gänzlich betrunken wurden, und trieben grässlichen Unfug. Zu guter letzt nahmen sie ein sehr grosses Fass, schlugen ihm den Boden aus und liessen den Wein in gewaltigem Strome ins Wasser laufen. »Denn,« sprachen sie fröhlich, »die Meermänner unten müssen auch etwas haben, sonst werden sie uns feindlich und thun uns einen Schabernack. Und dem bitteren Seewasser kann's auch nicht schaden, wenn es etwas Geschmack bekommt, denn am letzten Ende kriegen wir's doch alle 'mal zu schlucken.«

Der fromme Weinhändler ward sehr betrübt über die Sünde solcher Vergeudung; denn er selbst war nüchtern, weil er es nicht für recht hielt, von seinem eigenen Weine zu trinken. Doch er konnte nichts ausrichten wider die wilden Gesellen.

Diese Leute aber hatten allerdings Recht gehabt: die Meermänner kamen wirklich in 28 dichten Schwärmen, denn der Würzgeruch lockte sie, und fingen das Getränk in riesigen Muscheln auf und tranken so viel davon, wie das nur solche Unmenschen können, noch viel mehr sogar als Schiffer.

Darauf wurden sie auch betrunken, und zwar über alle Menschenbegriffe, und huben nun an in dem Wasser umher zu tollen wie gekitzelte Walfische. Sie kollerten sich auf den Wellen, schnellten jäh in die Höhe, schossen kopfüber in die Tiefe mit einem rasenden Purzelbaum und plätscherten im Kreise umher wie flatternde Erpel. Dazu vollführten sie ein Getöse mit Schnarren, Schnauben, Fauchen und Prusten, als ob sieben Sturmwinde wider einander schlügen.

Von so grenzenlosem Unfug kam das Meer in Aufruhr, wie wenn der Sturm es peitscht; die Wogen schlugen mächtige Schaumkämme und klatschten wider das Schiff mit donnerndem Anprall. Und je gewaltiger sie sich wältzten, desto vergnügter ward das Nixenvolk, das sich jauchzend auf ihnen schaukelte.

Aber das Schiff schaukelte nun auch, und zwar ganz erschrecklich, als ob es gleichfalls betrunken wäre, und dem frommen 29 Weinhändler ward angst und bange, denn er merkte, dass es längst keinem Steuer mehr gehorchte, sondern verworren umher trieb, weil die Schiffer in ihrem Rausch sich nicht darum kümmerten. Und obendrein fielen diese mit der Zeit Einer nach dem Andern um und kamen zum Einschlafen. Die Meermänner aber hielten es länger aus und trieben's immer noch toller; und das arme Schiff flog umher wie ein angeschossenes Wasserhuhn.

Der fromme Weinhändler versuchte in Todesangst mit Schreien und Rütteln die Berauschten zu wecken, aber das half ihm zu gar nichts; denn wie Jeder erwachte, fing er schrecklich an zu stöhnen und sich vor unsäglichem Elend zu krümmen. Sie hatten Alle mit einander einen Katzenjammer so scheusslicher Art, wie ihn keiner jemals zuvor gekannt hatte. Ja so kläglich war dieser Zustand, dass sie allesammt liegen blieben, wo Jeglicher lag, und ächzend schwuren, es sei ihnen ganz gleich, ob das Schiff untergehe oder nicht; zum wenigsten würden sie mit dem bischen Leben auch dies Elend los sein. Und so viel der Unselige auch flehte 30 und schalt, er konnte nichts ausrichten; sie stöhnten und fluchten und blieben ganz unthätig.

Er wusste aber nicht, dass ihm selbst das nichts mehr geholfen hätte, wären sie auch nüchtern und munter gewesen wie redliche Knaben; denn das Nixenvolk hatte es nunmehr ernstlich auf das Schiff abgesehen, weil sie noch mehr von dem wundervollen Wein darinnen witterten und den gerne haben wollten. Auch fanden sich jetzt immer noch Andere ein, die noch gar nichts bekommen hatten und von schrecklichem Durste gequält wurden.

Also stemmten diese Alle ihre starken Schultern von unten gegen das Schiff und schoben es vorwärts mit furchtbarer Geschwindigkeit, bis wo sie die nächste Steinklippe wussten, daran sie es zerschellen könnten. Das war ein Felsen einsam mitten im Wasser und hoch aufragend.

Als nun der fromme Weinhändler sah, dass sein Schiff hilflos darauf zuschoss und nicht mehr zu retten war, kroch er vor Verzweiflung in ein leeres Weinfass und erwartete da den Tod, vermeinend solcher Art 32 gleichsam in seinem Berufe zu sterben. Allein wie nun das Schiff gegen den Stein prallte und knatternd zersplitterte, ward er mit seinem Fasse in gewaltigen Bogen hinaus geschleudert und fuhr in eine Spalte des rissigen Gesteins und blieb eingeklemmt darin hängen. Zwar dröhnte ihm der Kopf und alle Glieder von dem Aufprall, und er fürchtete zu zerbröckeln; jedoch hatte das Holzwerk den Stoss gemildert und seine Knochen erhalten.

Das andere Schiffsvolk aber versank zusammt dem Fahrzeug in die weiche Tiefe und ward damit des Katzenjammers ledig für ewige Zeiten. Und die Wassermänner packten die vollen Weinfässer mit wuchtigen Armen und zerschlugen sie an den Felsen und soffen das Getränk im Herabfliessen aus, ehe es das Wasser noch erreichte. Und sie wurden so betrunken, wie wir armen Landmenschen es gar niemals zu werden im Stande sind. Sie umarmten einander mit brüllendem Jubel und trieben ungeheure Kurzweil viele Stunden hinter einander.

Und der arme Weinhändler sass nüchtern und frostig oben in seiner Tonne und sah die Trümmer seines Gutes den Felsen umspielen. 33 Er weinte und rang die Hände als ein verlorener Mann. Doch da kam die Nacht, und trotz alles Brüllens und Tobens umher sank er vor Mattigkeit endlich in Schlummer.

Und da kam der Morgen, und die Sonne stieg herauf mit gewaltigem Lichte. Es war nun ganz still geworden ringsum und das wüste Lärmen verhallt, aber die See ging noch hohl, und langrollende Wellen wälzten sich schwerfällig klatschend gegen die nackten, grauen Steinplatten. Und die Sonne ging hinter Wolken, und ein grau schleichender Dunst quoll über das Wasser trübselig und öde. Und über den Rücken der Wogen hin kroch ein zitteriges Kräuseln wie ein jämmerliches Frösteln.

Und alsbald auch vernahm er ein dunkles Tönen ringsum, das ihm durch Mark und Bein ging, so schauerlich war's zu hören. Ein Stöhnen war es und ein Aechzen und Wimmern, und ein Gurgeln und Köcheln, wie wenn ein stürzender Meerstrom sich zwischen engen Felswindungen hindurch drängt, oder wie wenn unter dem Eise in der Winternacht ein klagendes Glucksen dahin hallt, gespenstisch und grausig.

34 Da kroch er schaudernd aus seiner Tonne und sah rund um den Fuss seines Felsens her den grossen Schwarm der Meermänner gelagert in einem trostlosen Zustande. Die Einen lagen platt an den Stein geschmiegt und krallten mit den Tatzen zuckend an seinen Zacken oder hielten sich den Dickkopf mit pressenden Händen, als ob sie befürchteten, er möchte ihnen zerplatzen. Andere streckten sich bäuchlings im Wasser, krümmten und wanden sich mit jammervollen Grimassen und drückten mit wirrem Augenverdrehen die Hände auf ihren Magen. Das Ganze sah aus wie ein Heer von Verwundeten auf verlassenem Schlachtfelde.

Der fromme Weinhändler erkannte an allen Zeichen sogleich, welcher Art solches Leiden sei; doch ein graues Elend von so erschütternder Erscheinung hatte er auf dem festen Lande noch niemals gesehen und auch nicht bei seinen Sohiffern.

Auf einmal that einer aus jenem trostlosen Volke der Jammergeschlagenen einen schauerlichen Aufschrei und wies mit einer starren Gebärde auf den unseligen Mann, der ihnen so nahe sass und doch keiner von den Ihren 35 war. Und ein dunkel anschwellendes Murren und Murmeln erscholl ringsum: »Der ist es! Der ist es!« aus hundert heiseren, dumpf krächzenden Kehlen.

Und dann kletterten sie aufwärts in wirr wimmelndem Schwarm, immer näher mit keuchendem Drohen, und es gab kein Entrinnen, und sie glotzten ihn an mit ihren scheusslichen Fischaugen und klatschten mit den Schuppenschwänzen zappelnd auf den Stein. Dazu rochen sie abscheulich nach Thran und faulem Seetang oder auch nach Schwefelsäure und anderen Greueln.

Dem umringten Manne ward bei solchem Anblick unsagbar übel bis in die Abgründe des Magens, und er meinte zu fühlen, wie all' seine Eingeweide sich zerrend verrenkten und in grässlichen Schraubenwindungen sich zur Kehle hinauf drängten.

»Der ist es! Der ist es!« hub sich jetzt eine einzelne tiefe, grobe Stimme aus dem dumpfen Haufen hervor, und dicht vor ihm reckte sich ein Ungethüm auf mit fletschenden Zähnen gleich einem Haifischgebiss und mit einem langen Barte wie aus schleimigen Schlingpflanzen gewachsen, die von Krebsen 36 und Krabben und anderem Geziefer widerlich wimmelten.

Aber so gross der Schreck und der Abscheu des armen Mannes auch war, sein Mitleid ward noch grösser: ein so abgrundtiefes Elend stand in dem aschfahlen, grüngestreiften Antlitz des trostlosen Ungeheuers geschrieben. Allein solch' Mitleid zerging ihm wieder in Grausen, als jenes anhub zu sprechen:

»Verflucht sollst du sein, armseliger Du und doch frevelhafter Landwurm! Gleichwie Du heute unaussprechlichen Jammer über das Meervolk gelegt hast, so sollst Du verdammt sein, bis ans Ende aller Tage die See zu durchkreuzen und gleichen Jammer zu bringen über alle Deinesgleichen. Für ewige Zeit sollst Du haltlos schaukeln auf den rollenden Wogen, für ewig behaftet mit dem schauervollen Siechthum, das uns heute durchwühlt, sollst ewig so schweben zwischen Leben und Sterben, sollst in endlosem Katzenjammer qualvoll dahin fahren. Und jedes Auge eines Landmenschen, das Dich vorübersegeln sieht, wird geschlagen werden mit Entsetzen; sein Antlitz wird zucken und jäh verbleichen, wird nach kurzem Ringen dem 37 nämlichen Elend kläglich unterliegen. Wehe dann Dir und wehe dem Geschlechte, aus dem Du geboren bist! Nicht ungestraft mehr soll es hinfort über die Wogen wandern im schwankenden Schiffe, nicht unerreicht, nicht ungewürgt von der schauervollen Krankheit! Das sei euch der dauernde Fluch unserer Rache.«

Er sprach's, und ein hundertstimmig markerschütterndes Stöhnen, dem Stosse eines Sturmwindes gleichend, bekräftigte seine Rede.

Und allsogleich fühlte der schiffbrüchige Mann, wie sein Fels sich bewegte und vorwärts glitt und schaukelnd gewaltsam schlingerte und stampfte. Und er sah, dass der Stein jetzt länglich geformt war, gerade wie ein Schiff und eine Fläche trug, auf der standen drei kahle Bäume mit gespreizten Aesten, die wagerecht abstanden, und siehe, jetzt waren es Mastbäume. Und eine weisse Wolke senkte sich nieder und blieb hangen an einem Maste, und noch eine Wolke und noch eine, und die festigten sich alle zu weissgeblähten Segeln.

Und so segelte das neue Schiff in schreckhaft eiliger Fahrt immer weiter und weiter und segelt noch heute nach vielen hundert 38 Jahren immer kreuz und quer über die grosse See, bei Tag und bei Nacht, und findet keine Ruhe und erreicht niemals ein Land. Und der einsame Schiffer steht ewig am Steuerruder mit seinem Jammergesicht und mit schlotternden Knien; nur bei Windstille darf er die Segel reffen und sich schlafen legen; und dann wird er auch ganz unsichtbar, und man merkt sonst nichts von ihm. Sobald aber wieder Seegang ist, muss er aufstehen und segeln, immer die Kreuz und die Quer, und muss andere Schiffe suchen und an denen vorüberstreifen. Und Mancher auf solchem Schiffe sieht ihn dann und Mancher sieht ihn nicht; die Meisten aber sehen ihn, nämlich wie einen Nebel vorbeihuschend bei Tage und wie einen leichten Glühschein bei Nacht, 'mal so geformt und 'mal so, ganz wie manchmal die Wolken allerlei Gestalt annehmen, 'mal wie ein Berg aussehen und 'mal wie ein Baum und 'mal wie ein Tier und so auch 'mal wie ein Schiff: gerade so wechselnd ist auch dies anzusehen als ein richtiges Gespensterschiff, was es eben ist. Und noch verwischter und verwaschener sieht man den Mann am Ruder; bloss dass ein grünlicher 39 Schein von seinen Augen glimmert; aber wer ihn so gesehen hat, dem gnade Gott! Für so lange kann der getrost einpacken, bis er an Land kommt oder die See wieder ganz ruhig ist: so lange hat ihn die Krankheit. Und die Schiffer nennen diesen gespenstigen Segler den fliegenden Weinhändler. – – Gott's ein Donner!« rief plötzlich der alte Fischer Gottlieb, der diese Geschichte seinen Sommergästen erzählte, indess er sie in dem tanzendem Boote durch die Brandung steuerte, »ich glaub' nu beinah', der fliegende Weinhändler ist ja wohl jetzt eben hier in der Gegend vorbeigestreift. Gesehen hab' ich ihn zwar nicht, weil er vor Unsereinem 'ne Scheu hat und sich nicht gern zeigt, aber ich hab' so 'was im Gefühl, als ob hier irgend was nicht richtig wär' um die Natur herum. Schöne, junge Frau, ich glaub' wahrhaftig, Sie haben ihn gesehen: Sie machen solche Augen und solchen Mund, wie man sie dann so macht. Und ist allerdings auch zu sagen, dass er vor jungen Mädchen und Frauen sich am häufigsten sehen lässt, besonders wenn sie hübsch sind. Und es steht ihnen dann auch gut, muss ich sagen, solchen 40 hübschen Frauen, das bischen Abblassen und geistliche Mienen; es ist immer was Apartes. Und seien Sie ganz ruhig, liebe, junge Frau, es kann ihnen nicht viel thun, wir sind gleich wieder an Land; in fünf Minuten hören Sie den Sand knirschen. Alle Hagel, ja, aber jetzt schlingert's nicht schlecht. Ja, ja, so die Brandung. Na, gesagt hab' ich's gleich und hab' reichlich gewarnt. Nordwest ist meistens 'ne Sache in unserer Gegend. Aber jetzt schätz' ich's bloss noch auf drei Minuten oder höchstens viertelhalb. Lang können sie einem ja werden, solche dummen Minuten – aber jetzt sind es sicherlich auch nur noch zwei.«

Die hübsche, junge Frau erwiderte nichts; sie lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes und stöhnte zum Gotterbarmen.

Zwanzig Minuten nach dem letzten Trostwort des Fischers lief das Boot auf den Sand. Solch Knirschen ist eigentlich kein lieblicher Ton, aber manchmal doch sehr angenehm, meinte der alte Gottlieb.

 


 

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