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Ostseemärchen

Hans Hoffmann: Ostseemärchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
booktitleOstseemärchen
authorHans Hoffmann
year1897
firstpub1897
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleOstseemärchen
pages294
created20150419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Blumenschiff.

In einer reichen Seestadt an der Ostsee mit vielen herrlichen Kirchen und anderen Prachtgebäuden gab es in einem Winkel an der Mauer ein einsames Haus, schwarz, kahl und verfallen, ganz unwohnlich und verdriesslich zu sehen von aussen und 252 innen. In diesem hausten eng mit einander ein Häuflein Jünglinge und Knaben, lauter Waisenkinder, Findlinge oder auch verfahrene Schüler; sie wurden von der Stadt da ein wenig verpflegt, dass sie nicht völlig zu Tode kamen; dafür mussten sie harte Dienste leisten mit Graben, Karren und Sacktragen, denn es schien dem Rath nicht geziemend, dass sie ihr Brot umsonst ässen, weil sie das doch beschämen müsste; auch sparte man solcher Art im Winter Tags über die Feuerung.

Unter diesen Allerärmsten war ein junger Geselle noch elender als sie Alle, weil er schwächlichen Leibes war und zu rechter Arbeit nicht taugte. Darum musste er in der Stube mit saurem Schreibwerk sich plagen vom Morgen bis zum Abend und musste für die Rathsherren die schrecklichste Gelehrsamkeit aus den Büchern zusammenlesen und in die Akten eintragen, denn so etwas verstand er, sie aber nicht; und er that das Winters mit steif gefrorenen Fingern bei dünnen Suppen, denn er durfte sich nur lockeres Reisig von der Mauer zusammenrupfen zum Heizen und Kochen. Um solcher Beschäftigung willen verachteten ihn auch 253 seine Gefährten; er hatte Niemanden, der ihm wohl wollte, und Niemanden, dem er sein Herz gab. Er kannte keine Freude den ganzen Tag; nur dass er manchmal Abends, wenn die Sonne zum Sinken kam, in der Stille auf die Stadtmauer klomm und von ihrer Höhe ein kurzes Weilchen sehnsüchtig hinaus blickte auf die Schönheit des Meeres; dazu sang er leise ein wehmüthiges Lied, das manchem hastenden Wanderer fremdartig und schaurig von oben zum Ohre kam.

Dieser arme Schreiber hatte vor vielen Jahren, da er noch ein kleines Kind war, einmal eine Freude erlebt. Ein schönes, kleines Mädchen in reichen Kleidern traf ihn eines Tages auf der Wiese vor dem Thor, sah sein blasses Gesicht und sagte freundlich zu ihm: »Du bist gewiss unglücklich.«

Und als er still nickte, redete sie weiter: »Ich möchte Dir gern etwas schenken, habe aber nichts bei mir.«

Doch griff sie suchend herum und zog eine Blume aus ihrem Zöpfchen, die gab sie ihm in die Hände; es war eine schöne, fremde Blume, die er gar nicht kannte. Und zum 254 Abschied sprach sie: »Du wirst sicherlich auch einmal glücklich werden wie ich; und wenn Du das geworden bist, dann komm zu mir und sag's mir; ich möchte es gern wissen, damit ich mich drüber freuen kann.«

So ging sie von ihm, und er sah sie gar nie wieder in allen den Jahren, und er wusste auch nicht, wer sie war, noch wo sie wohnte. Doch ihre Gabe und ihre Bitte konnte er nicht vergessen. Seitdem hatte er nie wieder eine Freude gehabt.

Nach diesen Jahren aber gab es einmal einen so harten Winter, dass nicht allein die Flüsse und Binnengewässer bis auf den Grund ausfroren, sondern auch die grosse Ostsee ganz und gar mit einer dicken Eisdecke überzogen war; man konnte mit Pferden und Schlitten darüber hinfahren, so weit man wollte. Die Sonne schien Wochen lang in blitzender Helle auf die weiten Eisflächen, aber sie gab nicht so viel Wärme wie ein Talglicht auf einem Kirchenleuchter. In den Nächten aber hielten sogar die Diebe sich ruhig, und die Wächter konnten sich aufthauen in einer guten Schenke bei Warmbier und 255 Schlummersüppchen. Wer aber hinaus trat, unter dessen Füssen knarrte und klirrte und knirschte es vor Frost.

Wer aber einen starken Pelz besass und einen Fusssack, und dazu einen grossen Punschkessel, der fuhr Mittags doch gern auf einem Schlitten hinaus flussabwärts zwischen den abgetakelten Schiffen hin bis auf die freie See. Die war im Herbste so wild gewesen mit schäumenden Wogen und liess sich jetzt friedfertig von Hufeisen schlagen; das hatte noch Niemand erlebt und gesehen. Und so war dort alle Tage ein fröhliches Leben auf Meilenweite hinaus mit Schellengeläut und wehenden Decken und Federbüschen von buntester Pracht. Und es ward sehr viel heisser Punsch getrunken, und selbst die Pferde wurden damit getränkt wegen der grausamen Kälte.

Der arme Schreiber im Waisenhause aber konnte in dieser Zeit Abends nicht mehr auf die Mauer steigen, weil er dort in seinem dünnen Röckchen binnen Kurzem erfroren wäre; doch entdeckte er ein Fensterchen unter dem Dache, hinter dem es auszuhalten war, wenn die Mittagssonne darauf schien; 256 durch dieses spähte er jetzt nach seiner Gewohnheit täglich auf das Meer hinaus.

Und er seufzte im Herzen: Ich wollte, ich dürfte dort hinaus ziehen, in der Ferne ein Glück zu suchen, wo es einzig für mich zu finden ist; und hätte ich eins gefunden, auch das allerkleinste, ich würde nie wieder zurückdenken an diese Stadt, wo ich geboren bin.

Da geschah es eines Tages, dass er weit in offener See ein Schiff zu sehen vermeinte unter vollen Segeln; und je schärfer er mit seinen seekundigen Augen spähte, desto deutlicher unterschied er es nach Rumpf und Masten. Und er konnte auch erkennen, dass es dem Lande immer näher kam.

Ein Entsetzen ergriff ihn um der Leute willen auf dem Eise; denn er konnte nicht anders denken, als dieses müsse draussen auf See aufgegangen sein aus einem unbekannten Grunde; wahrscheinlich dass eine Sturmfluth heran rolle und das Eis bis zum Lande hin immer weiter zerbrechen müsse; und dann waren jene Schlittenfahrer Alle verloren.

Ohne viel Besinnen sprang er hinab auf die Gasse, so armselig bekleidet wie er war, und eilte spornstreichs zum Hafen und weiter 257 auf dem Eise hinaus auf die See. Und sobald ihm draussen die ersten Menschen zu Gesicht kamen, schrie er ihnen keuchend entgegen:

»Ein Schiff! Ein Schiff! Um Gotteswillen, rettet Euch!«

Diese Leute, die ihn hörten, blickten zuerst wohl verdutzt umher und erschraken ein wenig, aber als sie nichts sahen, fingen sie an zu lachen und riefen höhnisch: »Der Frost hat dem Schreiber die Sinne verdreht. Geschieht ihm ganz recht, warum zieht er keinen Pelz an!«

Er aber rannte immer weiter, ohne solcher Reden zu achten, überall rufend und warnend. Aber Niemand sah irgend etwas von einem Schiffe.

Allein ganz urplötzlich war es wirklich da, ganz nahe dem dichtesten Schwarm der Menschen, dass Alle es erblickten. Und sie sahen mit starrem Grauen, dass sein Kiel mitten durchs Eis schnitt, als wenn es flüssiges Wasser wäre; und hinter ihm blieb die Eisdecke so fest, wie sie vorher gewesen, und war keine Spur eines Risses zu entdecken. Und ebenso wundersam erschien es, dass kein Laut dabei zu vernehmen war, weder ein 258 Krachen oder Schurren des Eises noch auch ein Klatschen der Segel und Knarren des Holzwerks.

Und ehe man sich's versah, war das räthselhafte Schiff mitten durch die wimmelnde Menge hindurch gefahren, ohne Jemanden irgend zu verletzen, ausser dass vor Schreck nicht Wenige durch jähes Reissen am Zügel ihre Pferde scheu machten, und dadurch manche Verwirrung entstand. Allmählig aber kam man wieder mehr in Ruhe und fuhr voll Eifer und Neugier dem Segler nach, der gerade auf die Flussmündung zu hielt und dann weiter stromaufwärts glitt, bis er den Hafen erreicht hatte und Angesichts der Stadt mit ihren Krahnthoren und Brücken gemächlich vor Anker ging. Gleichwohl hatte Niemand weder jetzt noch vorher von einer Bemannung das Geringste gesehen.

Als die Bürger aber jetzt mehr Musse gewannen und auch ein wenig Muth fassten, entdeckten sie alsbald noch manches andere Wunder. Das grösste schien dieses, dass über dem Schiffe, obgleich es so offen unter der prallen Sonne lag, doch nur ein dämmeriges, stilles Licht webte wie ein zarter Mondschein 259 oder noch ein wenig milder. In solchem träumerischen Schattenglanz flossen alle Linien und Farben mit freundlicher Anmuth in einander über; doch aber erkannte man ganz genau, dass Masten und Raaen und Bugspriet und alles Takelwerk und auch die Reeling rund herum umwunden und übersprengt waren mit einer überschwenglichen Fülle von Blumen und Früchten, und selbst die Flaggen waren nichts Anderes als solches Gewinde und flatterndes Rankenwerk. Die Segel waren Blüthenblätter einer riesigen Wasserrose, das ganze Deck war überzogen mit einem wuchernden Moospolster, daraus zahllose Blumen üppig empor sprossen. Und man sah Blüthen und Früchte an demselben Zweig hart nebeneinander.

Tausend bunte Vögel hüpften und flatterten durch das Gezweig und sperrten ihre Schnäbel auf wie in eifrigem Gesang; doch man hörte keinen Ton. Auch waren Blüthen, Früchte, Vögel und Alles von ganz fremdartigem Wuchs und wunderbaren Farben, wie weder hier im Lande noch in allen fernen Welttheilen kein Schiffer je etwas gesehen hatte, an Pracht und Grösse Alles übertreffend.

260 Zu guterletzt, nach langem Schauen und Staunen, bemerkten die Leutchen denn auch allmählich, dass in dem weichen Nebellicht sich etwas bewegte und schwebte wie gleitende Schatten. Und die Schatten wurden fester und leibhafter und leuchtender und wurden fassliche Gestalten, in Farben schimmernd, nur dass immer bloss ein gedämpftes Licht mit müdem Wirken darüber hinfloss.

Es waren zwölf wunderschöne Mädchen, die sich so zeigten, in holdseliger Bewegung, so weich und leicht, als würden sie von wallenden Wellen getragen. Sie glichen tanzenden Blumen, denn ihre Kleider waren die Kelche zweier mächtiger Seerosen, die eine von den Hüften nach unten sich öffnend, die andere nach oben, wo die zarten Arme und Schultern daraus empor wuchsen und die reizenden Köpfe mit anmuthig lang hinwallenden Haaren. Die Gesichter waren schneeweiss, aber leuchtend wie Elfenbein; aus all' der weissen Schönheit aber glänzten Augen, gross, tiefschwarz und voll heimlichen Feuers, schöner noch und fremdartiger als alle ihre Blumen.

Diese lieblichen Geschöpfe begannen 261 nunmehr Blumen und Früchte zu pflücken und lustig unter die Menge zu schleudern wie einen bunten und duftigen Regen. Die Leutchen griffen danach mit allem Eifer, doch Keinem gelang es, ein Stück zu erhaschen, sondern sie fielen alle zwischen ihnen hindurch auf das Eis und versanken darin wie in aufgethautem Wasser und blieben verschwunden.

Zuletzt wurden die heiteren Mädchen des Spieles müde, lehnten sich leicht mit den Ellbogen auf die Reeling und blickten mit lächelnder Neugier rings über den Menschenschwarm. Sie machten auch Gebärden und schienen sich untereinander lebhaft zu bereden, doch war trotz der grossen Nähe kein Wort zu verstehen, ja kein Laut zu vernehmen. Nur war es Manchem, der sehr genau hinhorchte, als würden alle ihre Bewegungen von einem stillen, feinen Rauschen begleitet wie von Meeresbrausen in tiefer Ferne oder von dem Summen einer alten Meermuschel.

So standen die Bürger und staunten, der arme Schreiber auch mitten im Gedränge; Niemand achtete mehr seiner; ihm aber war's merkwürdig, dass ihn nicht im Geringsten 262 mehr fror trotz der bitteren Kälte und seines fadenscheinigen Kleides.

Inzwischen war die Kunde wie ein Wirbelwind durch die Stadt geflogen und kam auch zu den Uhren der ehrwürdigen Ratsherren, so weit diese nicht selber zu Schlitten mit Augenzeugen gewesen; und sie versammelten sich alsbald ungerufen auf dem Rathhause, um die Neuigkeit zu besprechen. Der Bürgermeister stellte ihnen vor, dass es wohl eine ehrbare Pflicht sei und nach Voraussicht dem Wohle der Stadt gedeihlich, die räthselhaften Fremdlinge von Amts wegen in aller höflichen Form zu einem Festschmause zu laden. Sie seien gewiss von der Art, dass sie nachher durch irgend eine seltene Gabe sich dankbar zu erweisen vermöchten.

Das fand vollen Anklang, und die Rathmannen begaben sich ohne Zögern in Amtstracht mit den güldenen Ehrenketten über den Pelzen zu Fuss auf das Eis, und der Bürgermeister sprach den holden Gästen eine ehrsame Einladung zu, indem er seine Worte durch Augenwürfe und stattliche Gebärden unterstützte, weil doch Niemand wusste, ob sie der Landessprache kundig seien.

263 Jene begriffen die Meinung leicht, wie sie schnell bewiesen; denn eine von ihnen, die ihre Führerin oder Königin schien und die Schönste von Allen war, trat würdevoll vor und that durch eine stumme, aber bedeutsame Verbeugung ihre Zusage kund. Auch warfen die Gefährtinnen darauf unverzüglich eine Blumenleiter aus, auf der sie alle hernieder schwebten auf die Rathmannen zu und sich ohne viel Umstände treuherzig und anmuthig ihnen an die Seite schmiegten.

Den guten Ehrenmännern wurde es wärmlich ums Herz, und sie lüfteten ein wenig die Pelze, theils um selbst Luft zu bekommen, theils um den holden Schifferinnen einen Zipfel mit überzuschlagen, denn die waren überaus leicht und sommerlich gekleidet; auch hingen sie ihnen nur wie duftende Wölkchen so zart an den Armen.

Am Ufer harrten der Gäste und Wirthe die ehrbaren Rathsfrauen. Jedoch zeigten diese ziemlich säuerliche Gesichter, als sie den schmiegsamen Zug so anrücken sahen. Die frommen Eheherren, so wohl sie sich erst noch fühlten, verschüchterten sich schnell und fühlten sieh erleichtert, als die strengen 264 Gattinnen bei ihrem Nahen rasch hinter sich griffen, ihre erwachsenen Söhne vorschoben und es hurtig zu machen wussten, dass diese die Stelle ihrer Väter einnahmen.

Zum Glück schienen die Schifferinnen mit dem Tausch zufrieden, sie schmiegten sich noch besser an und lächelten noch heiterer. Und nun lächelten auch die Rathsfrauen wieder angenehm und eben.

Solcher Art wallte der Festzug dem Rathhause zu und stieg hinauf in den Prunksaal, woselbst unter dem prächtigen Gewölbe die lockendste Tafel mit reichen Speisen bereit stand. Dort nahmen sie Platz und begannen mit Sitte und Andacht zu schmausen.

Freilich verschmähten die Gäste jedwede Speise, die ihnen geboten ward, aber sie hungerten deshalb doch nicht. Vielmehr griffen sie in ihre Kleider, holten mannigfache Früchte hervor in unbegreiflicher Menge, thaten die auf ihre Teller und speisten mit Behagen. Als aber die Wirthe, allmählich vom Weine zutraulicher geworden, gleichfalls von diesen Früchten zu kosten versuchten, misslang ihnen das gänzlich: sie zerrannen ihnen unter den Händen.

265 Noch seltsamer aber war es, dass die feinen Geschöpfe nie einen vernehmlichen Laut von sich gaben, obgleich sie die Lippen ganz emsig bewegten. Ebenso ward aus all' ihrem Benehmen deutlich erkennbar, dass von aussen kein Schall zu ihren Ohren drang, weder eine menschliche Stimme noch sonst das kräftigste Krachen und Dröhnen, worin man mit Hämmern und dergleichen mehrfältige Versuche machte.

Desto lebhafter sprachen ihre Mienen und Gebärden; nur war zum Unglück unter den Anwesenden keiner, der sich daraus recht hätte vernehmen können.

In solcher argen Verlegenheit fiel es am Ende dem Bürgermeisterssohne, der neben der Führerin sass und am meisten davon gequält wurde, rechtzeitig ein, an den armen Schreiber vom Waisenhause zu denken, der den Herren vom Rath zu gelegener Stunde schon manch Nüsschen geknackt hatte. Also besandte man den und schickte auch einen Pelz mit, dass er unterwegs nicht erfröre und nachher anständig auftrete.

So kam der junge Geselle und vernahm, was man von ihm wünschte. Sogleich fasste 266 er die Lieblichen und besonders ihre Königin in aller Bescheidenheit herzhaft ins Auge, sah forschend auf ihre Lippen und mehr noch auf ihre Augen und Hände, und es währte kaum ein Stündchen, so getraute er sich zu künden, was sie von sich aussagten. Und als man ihn drängte, gab er so ihren Bericht:

»Wir kommen fernher, ganz fern aus dem Norden, wo wir tief unter dem Eise ein Reich bewohnen, dessen gleichen an Pracht und Herrlichkeit sonst auf Erden nicht zu finden ist. Eine ungeheure Eiskuppel schimmert hoch über uns in ewiger Bläue, Frühlingswärme strömt ewig gleichmässig von unten herauf, lässt das Eis leise thauen und dem Lande unendliche Fruchtbarkeit geben. Stürme kennen wir dort nicht und kein Meerestoben noch sonst ein hartes Geräusch, Alles wiegt sich wie träumend in erquicklichster Ruhe. Sorge, Noth und Hunger gibt es bei uns nicht, Alles wächst von selbst, und Jeder hat das Recht, nur zuzugreifen, wo immer es ihm beliebt.«

Staunend und sinnend vernahmen die Festgenossen diese zauberhafte Mär, und 267 endlich sagte der Bürgermeister, indem er sich ein Herz fasste:

»Wie aber kommt es, dass ihr ein so hundertfach gesegnetes Reich verliesset, um in so grausamer Kälte auf unserem stürmischen Meere umher zu schweifen? Sucht ihr etwas hier oder ist es nur die Lust an Abenteuern, die euch so umher treibt?«

Sie verstanden nicht, was er meinte: erst als ihnen der junge Dolmetsch den Sinn durch Blicke und Gebärden verdeutlichte, nickten sie freundlich und gaben ihm Antwort. Doch redeten sie jetzt nicht wie vorher durch den Mund ihrer Königin, sondern die sass stumm und mit niedergeschlagenen Augen, und eine der Gefährtinnen trat an ihre Stelle.

»Wir suchen Etwas,« sprach diese bereitwillig auf ihre gebärdige Art, und der Schreiber verdolmetschte es in hörbare Worte: »Die Kälte aber fürchten wir gar nicht, Eis ist uns ein freundliches Element und gebiert uns nur Wärme; wohl aber scheuen wir ängstlich den Sturm mit seiner täppischen Unruhe, darum segeln wir nur in den strengsten Wintern von unserm 268 heimischen Nordpol so weit nach Süden, weil dann die Wellen durch die Eisdecke gebändigt sind, diese selbst aber uns nicht aufhält. Doch ziehen wir auch dann nicht ohne Noth hinaus, sondern nur wenn das Wohl des Reiches es erfordert. So suchen wir jetzt einen Gatten für unsere Königin; den aber muss sie von draussen sich holen, wie das Gesetz vorschreibt: denn ihre erste Handlung, wenn sie den Thron besteigt, soll allemal die sein, einen Menschen überschwenglich zu beglücken als Sinnbild ihrer künftigen Herrschaft. Unsere heimischen Bürger aber sind alle so sehr an Glück gewöhnt, dass sie selbst eine Erhebung zum Throne nicht als etwas gar so Sonderliches mehr empfinden würden. Darum unternehmen wir die Fahrt, um hier an diesen Küsten einen Mann zu suchen, der für die Herrlichkeit unseres Thrones geeignet sei.«

»Und wie muss der Mann beschaffen sein?« riefen hoch aufhorchend und voll Eifers alle Söhne der Rathsherren. »Oder was muss er thun, um ihre Liebe zu erringen?«

Sie vermeinten aber ein Jeder, dass er 269 selbst wohl am ehesten der Mann sei, solch' hohes Glück zu erlangen. Und indem sie die holdselige Königin ansahen, schwoll süsses Begehren und sehnende Hoffnung in ihren Herzen.

»Die Liebe unserer Herrin,« entgegnete die Sprecherin, »wird dem gehören, den sie am meisten beglücken kann. Alles Andere ist gleichgültig, wer er ist oder wie er aussieht.«

Da sprangen die Jünglinge begeistert empor und schwuren ein Jeder mit feurigen Worten, sein Glück, wenn sie ihn wählte, würde so überschwenglich gross sein, dass nichts sich damit vergleichen liesse.

»Es ist aber noch eine Bedingung dabei,« sprach beschwichtigend die Schöne, »er muss die Tiefe seines Glückes dadurch erweisen, dass er auf Alles verzichtet, was er in der Heimath besitzt und was ihm hier lieb ist, und darf auch nicht einmal ein Andenken mitnehmen. Und zwar muss er seiner und seines Herzens gewiss sein; denn so ihn etwa später in der Schwachheit einer Stunde eine Heimsehnsucht überkäme nach irgend einem Menschen oder irgend einem Dinge 270 in dieser Welt, die er verlassen hat, so müsste er unverzüglich sterben, und seinen Leichnam werden wir dahin zurückbringen, von wo er gekommen war. Das ist die Bedingung; sie ist nicht für Jeden gar so leicht zu erfüllen.«

Die Jünglinge aber meinten in ihrem Herzen, das sei erst recht ein leichtes Ding, über solcher Liebe und solcher königlichen Herrlichkeit die kalte Heimath zu verschmerzen, die ihnen noch niemals als etwas Sonderliches erschienen war. Also umdrängten sie in heftigem Wetteifer die wonnige Königin, machten ihr kunstvoll den Hof und lebten Jeder des Glaubens, ihm werde sie beschieden sein.

Als das Fest nun beendet war, erhob sich die junge Fürstin, dankte für den Empfang und sprach zu den Rathssöhnen mit bescheidener Würde:

Wer um die Krone zu werben wünscht, komme nach Sonnenuntergang zu uns auf das Schiff. Wer mit rechtem Sinne naht, der wird es finden.«

Mit diesen Worten nahm sie schnellen Abschied und kehrte mit ihren Jungfrauen 271 ohne andere Begleitung auf ihr Blumenschiff zurück, das noch immer von den Bürgern neugierig umkreist ward; doch wagte Niemand, ihm zu nahen oder gar es zu erklimmen, so gross war die Scheu vor seinem räthselhaften Zauberwesen.

Als aber die Sonne nun bald sich tief gegen Abend senkte, ward das Schiff schnell immer blasser und blasser und glich jetzt nur noch einem bläulichen Schatten; und eben in dem Augenblicke, da sie ganz unterging, war es gleichfalls verschwunden, und blieb auch kein Lichtschimmerchen mehr von ihm zu entdecken.

Nunmehr kamen die Rathssöhne in grosser Hast auf das Eis geschritten und forschten umher und waren grimmig verblüfft, da sie nichts mehr sahen von dem Ziele, das ihnen bestimmt war. Aber sie suchten und suchten die ganze Nacht durch mit jammervollem Eifer, rannten hin und her, immer quer über das Eis und riefen und flehten, doch Alles vergebens. Am Ende versagten ihnen die Füsse den Dienst vor Frost und Ermüdung, und sie mussten, an allen Gliedern zerschlagen und in ihrer Seele 272 schier zu Tode betrübt, in ihre Häuser zurückkehren.

Als sie aber ausgeschlafen hatten und wieder erwachten, fiel es wie Schuppen von ihren Augen, und sie besannen sich schnell, dass sie Alle Etwas bei sich getragen hatten, das ihnen sonst lieb gewesen und davon sie sich nicht trennen mochten: der Eine einen Beutel mit Dukaten, der Andere einen kostbaren Ring oder Edelstein, der Dritte ein Bildniss seiner Mutter oder Schwester, der Vierte eine Haarlocke von einer früheren Liebsten, ein Fünfter nur ein Knöspchen aus seinem eigenen Garten, und so noch der Eine Dieses, der Andere Jenes.

Da weinten sie bitterlich, denn sie merkten mit Sicherheit, dass ihre Herzen nicht stark genug seien, auf den Tod es zu wagen; und auch als sie erfuhren, dass seit dem Aufgang der Sonne das Schiff wieder sichtbar sei, steckten sie nur die Köpfe noch tiefer in die Kissen und weinten noch heftiger. Ihre Mütter aber suchten sie zu trösten.

Als sich diese Sache nun herum sprach und zuletzt auch der arme Schreiber erfuhr wie seltsam das Ding ausgelaufen war, da 273 wuchs ihm leise die Seele, und er sprach ermunternd zu sich selber:

»Einen Menschen, der tiefer beglückt werden könnte als ich, giebt es nicht hier am Orte, denn es giebt keinen, dessen Sehnsucht so gross wäre. Auch lasse ich nichts hier zurück wie alle jene Anderen, nichts, das mir lieb wäre und daran mein Herz hängt. Ich habe hier gelebt als ein Heimathloser in öder Fremde, mich kann keine Heimsehnsucht jemals zurückziehen. Ich kann es darauf wagen. Und fände ich den Tod, so hätte ich auch dann noch mehr gewonnen als verloren.«

Je länger er so nachdachte und sich prüfte, desto fester ward er in sich selbst; und als die Sonne nun wieder zum Untergehen kam, stieg er feurigen Schrittes hinab zum Hafen. Wohl sah er das Schiff verblassen und verschwinden, aber er schritt doch darauf zu und wusste, dass er's finden würde.

Und siehe, auf einmal fühlte er's in der Hand wie eine Leiter aus Blumen und hielt sie kräftig und klomm daran empor. Und von Stund an war er verschwunden wie in einer Wolke.

Am andern Morgen ward das 274 Blumenschiff nicht wieder sichtbar und blieb verschollen für alle Zeiten.

Sobald den Rathssöhnen das kund ward, fiel all' ihr Kummer unverzüglich von ihnen ab, sie assen und tranken und nahmen bald danach andere wackere und wohlgenährte Töchter des Landes zu Bräuten und lebten mit ihnen in fettem Behagen. Und gar bald begriffen sie selber nicht mehr, wie sie so sonderbarer Thorheit hatten anheim fallen können.

Den Rathsherren aber war es noch lange verdriesslich, dass ihr Schreiber entflohen war, der ihnen so nutzbar gewesen, und sie brummten Vieles über seinen Undank. Wenn vielleicht einige ahnten, wohin er gegangen war, so mochten sie's doch nicht aussprechen, denn es erschien ihnen ganz unpassend, dass einem so armseligen Burschen ein so gewaltiges Glück sollte beschieden sein.

Doch gingen nur etliche Wochen ins Land, da fand man eines Morgens diesen Schreiber wieder auf seinem alten Lager in dem verfallenen Hause, aber kalt und todt. Nur stand auf dem bleichen Antlitz ein so seliges Lächeln, dass ihn Niemand hätte 275 beklagen können, auch wenn ihn Jemand lieb gehabt hätte.

Jetzt wussten es Alle, und leugnete Niemand mehr, was mit ihm geschehen war. Und die Rathsherren sprachen: »Da seht doch, wie gut er's hier gehabt hat, dass die Sehnsucht nach uns ihn getödtet hat mitten in all' seiner Glückseligkeit.«

Die Kunde ging eilig herum in der Stadt, und alle Welt kam herbei, den Todten zu betrachten, an dem so Seltsames ergangen war.

Da kam mit den Leuten auch eine vornehme Jungfrau von lieblicher Schönheit; sie trug eine schöne, fremde Blume im Haar. Als diese hinzutrat, that der Todte auf eines Herzschlags Dauer die Augen still auf und blickte ihr entgegen; und dann schloss er sie wieder und blieb fortan ohne Regung. Auch bemerkte es Niemand als nur sie allein.

Und sie sprach zu ihrer Mutter, die mit ihr war:

»Jetzt erkenne ich diesen Jüngling, dass ich als Kind ihn einmal gesehen habe, als er noch sehr unglücklich und elend war. Ich aber bat ihn, wenn er glücklich geworden 276 sei, solle er kommen und es mir sagen, dass ich mich mit ihm darüber freuen könne. Dessen hat er gedacht, und das hat er gern thun wollen, und dieser Wunsch hat ihm den Tod gebracht. Ich aber weiss nun, er ist sehr glücklich gewesen.«

Und sie nahm die Blume aus ihrem schönen Haar und legte sie stumm in die Hand des Todten. Er zuckte mit keiner Wimper; doch sein Antlitz lächelte so selig fort wie in goldenen Träumen.

 


 

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