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Osmund Werneking

Wilhelm Jensen: Osmund Werneking - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Jensen
titleOsmund Werneking
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 2
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070910
projectidf3e9dfc7
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An einem Maienabend um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts saß in der Schreibstube eines hochgegiebelten Hauses der Dankwardsstraße der reichmächtigen Hansestadt Wismar, den blondhaarigen Kopf in die Hand stützend, ein junger Mann im Beginne der zwanziger Jahre und las. Es war still um ihn in dem ganzen großen Kaufmannshause, denn die Arbeit drin hatte Feierabend gemacht, und den vormaligen Besitzer des Handelsgeschäftes hatte die Stadt vor kurzem mit vielen Ehren zu Grabe geleitet. Er war Ratsherr gewesen und sein Name Detmar Werneking, obwohl seine Altersgenossen ihn zumeist Wernerking benannt, doch seit Jahrzehnten stand seine Unterschrift ohne das mittlere r im städtischen Urkundenbuch. Nicht hoch an Jahren noch war er verstorben und nicht ohne letzte Sorge auf dem Totenbett, da er als Erben seines Hauses nur einen einzigen Sohn hinterließ, den er zwar als Knaben schon in seine Schreibstube zugezogen, um ihn frühzeitig in allen Wissenslehren des kaufmännischen Betriebes zu unterweisen. Aber Osmund Werneking hatte für diese zu vielfältiger Bekümmernis seines Vaters nicht die Beflissenheit eines lerneifrigen Gehilfen und dereinstigen Weiterführers des Geschäftes an den Tag gelegt, sondern stets mehr ein Gelüst zu nutzlosem Umherschweifen in Wald und Feld und ungebundenem Lebensgenuß kundgegeben. Die Naturen des Vaters und des Sohnes erwiesen sich bei dem heranwachsen des letzteren als grundverschieden: auch ein junkerhaftes Trachten sprach sich in ihm aus. Er kleidete sich nach der zu Brügge neu aufgekommenen und von der Lübecker Zirkelkompagnie, den Söhnen der vornehmen ›Geschlechter‹, angenommenen höfischen Sitte der burgundischen Kaufleute, welche »heut turnierten, morgen Wein zapften und Gewand schnitten«, und obgleich unzweifelhaft das federgeschmückte Hauptbarett, die weiten und langherabhängenden bestickten Gewandärmel, die Schnabelschuhe mit blitzenden Spangen unter den engumspannenden Beinkleidern seiner jugendschlanken Gestalt und den schönen, kühnblickenden Gesichtszügen trefflich standen, mißfiel diese Tracht seinem Vater doch nicht minder als allen ›ehrbaren Lüden‹ in jenen Städten. So hatte er Osmund sorglich, doch vergeblich von allem, was derartige Neigungen vermehren konnte, fernzuhalten und ihn seiner eigenen ernstbedachten, fruchtbringenden Lebensführung anzunähern gesucht. Doch ob auch beide dem nämlichen Stamme angehörten, war's, als seien sie aus geteilten Wurzeln desselben aufgesprossen, von verschiedenartigen Säften des Erdreichs genährt. Osmund Werneking hatte nur äußere Leibesähnlichkeit mit seinem Vater empfangen, keine der Geistesrichtung, und wie es schien auch nicht des Gemütes oder Herzens, denn der letztere war bereits mit zwanzig Jahren ein Ehebündnis eingegangen, das ihm ein Vierteljahrhundert lang, bis zum vorzeitigen Abscheiden seiner Gattin, zu einem friedfertigen, ungetrübt behaglichen Hausstande verholfen. Osmund dagegen bekundete eher eine Abneigung, zum mindesten völlige Gleichgültigkeit gegen das weibliche Geschlecht, nahm die wohlgefällig auf ihn verwandten Blicke artiger Mädchen, ob von geringer oder vornehmer Herkunft, kaum gewahr, während der Wunsch seines Vaters vor allem darauf hinausging, ihn durch eine Ehefrau an stetige Erwerbstätigkeit zu fesseln und das vereinsamte Haus mit einem nachwachsenden Geschlechte belebt zu sehen. Die Enttäuschung dieser Hoffnung zumal hatte in Verbindung mit den übrigen Widersprüchen ihrer innersten Art beide in den letzten Jahren mehr und mehr entfremdet, daß Detmar Werneking eines Tages gesprochen: »Es ist, als habest du ledig die jugendliche Unbesonnenheit deines Urältervaters zum Erbteil überkommen, doch nichts von seinem ernsthaften, tüchtigen Bürgersinne, den er nachmals bewährt, welchem wir die Achtung unseres Namens und den Wohlstand unseres Hauses verdanken.« Aber diese Äußerung indes hatte Osmund, wie über manch andere, gleichgültig hingehört und keinerlei Frage daran geknüpft. Dem Willen seines Vaters gehorsam, verbrachte er die Arbeitsstunden des Tages als Beihelfer in der Schreibstube und im Warenlager, während seine ziellos schweifenden Gedanken und Wünsche nach Vollzug seiner Pflichten diese wie lästigen Staub von sich abschüttelten.

Nun aber war der Ratsherr Detmar Werneking unerwarteten Todes verblichen und Osmund fast plötzlich als alleiniger Herr und Leiter des großen Handelsgeschäftes zurückgeblieben. Er stand im Anfang etwas wie betäubt: zu dem Schmerz über den jähen Verlust seines, wenn auch innerlich ihm nicht engverbundenen, doch von ihm hochgeachteten Vaters gesellte sich eine ungewisse Ratlosigkeit in bezug auf die selbständige Weiterführung des Geschäftes. Einige Wochen hindurch trachtete er mit unermüdlichem Eifer bei Tag und Nacht, das Verabsäumte einzuholen: er entwickelte dabei hervorragende geistige Begabung, allein sein rasches Auffassungsvermögen überzeugte ihn zugleich genugsam, daß der alte Buchhalter, den sein Vater hinterlassen, ihm an Umsicht und Erfahrung weitaus überlegen und bei dem alles den verläßlichsten Händen anvertraut sei. Diese Erkenntnis jedoch reichte ebenfalls aus, Osmunds Abneigung gegen den kaufmännischen Betrieb im vollsten Umfange wieder aufwachsen zu lassen: der sorglichen Wahrnehmung seiner Interessen versichert, überließ er dem vertrauenswürdigen Buchhalter vollständig die Oberleitung und wandte sich seinen Lebenswünschen zu, von denen er eigentlich sich nicht zu sagen vermochte, wonach sie strebten und was sie begehrten. Eine Sonderart hatte ihn auch ohne engern Anschluß an Gleichaltrige seines eigenen Geschlechts belassen, er teilte wohl ab und zu die Vergnügungen der ›Gecken‹ von der ›Ritterzechheit‹, doch ohne rechten Anreiz bei ihnen zu empfinden. Und noch weniger erfüllte der Genuß ihn mit einer Befriedigung, die aus der Sättigung neue Lust zum Wiederbeginn aufkeimen ließ.

So war er, täglich von der Rückkehr unausgefüllter Stunden heimgesucht, an dem Maiennachmittag im Verlaufe müßiger Beschäftigungen an einen alten, von seinem Vater stets verschlossen gehaltenen Schrank geraten und hatte, in einem Winkel desselben aufräumend, eine kleine hölzerne Truhe vorgefunden, aus der ihm beim Öffnen eine Anzahl beschriebener, vergilbter und wasserfleckiger Blätter entgegensahen. Das erste wies eine von anderer Hand vorgesetzte Überschrift, die also lautete:

»Niederschrift des Ratsherrn der edlen Stadt Lübeck, Herrn Dietwald Wernerkin, Ritters, meines in Gott seligen Herrn Vaters, worinnen derselbe dasjenige, was er in seinem merkenswürdigen Leben aus Reisen zu Wasser und Land in fremden Ländern unter vielfältigen Schickungen und Kriegsfährlichkeiten befahren, von Anbeginn seiner Jugend zum Nutzen und zur Erinnerung für seines Blutes Nachkommen aufbewahrt, leider aber durch Gebrechlichkeit des Alters an der Vollendung solcher getreulichen Aufzeichnung letztlich behindert worden.«

Nicht mit sonderlicher Wißbegier, nur zur Ausfüllung der träg schleichenden Stunde hatte Osmund Werneking die alten Blätter mit sich in die Schreibstube genommen; doch nachdem er einige ihrer Seiten gelesen, war sein Auge nicht wieder von der bräunlich verblaßten Schrift abgewichen. Draußen hatte die allmählich niedergehende Sonne ein fast purpurfarbiges Licht auf die unvollendet gebliebene St. Jürgenkirche und die orgelpfeifenartigen, reichen Nischenbogen unter dem Treppengiebel des Wassertores gelegt, aber der Lesende sah schon seit Stunden nicht empor; über seine Wangen war nach und nach eine ebenso glühende Färbung wie auf den alten Bauwerken gekommen, und mit eilfertigen Fingern wandte er die Blätter um. Erst als der rote Glanz draußen verrann und ein graues Zwitterlicht rasch auch durch die dicken Buckelscheiben der Fenster hereinkroch, blickte Osmund wie aus einem Traum um sich, las noch einmal laut die letzten Worte: »So klang mir das Lachen König Waldemars Atterdag nach auf die See von der weißen Düne zu Falsterbo« – und sprang dann hurtig auf, sich an den Herdkohlen in der Küche eine Wachskerze anzuzünden. Mit dieser kehrte er im Nu zurück, bückte das heißbrennende Gesicht wieder über die Niederschrift Herrn Dietwald Wernerkins und las an der Stelle, wo die Dämmerung ihn unterbrochen, weiter:

»Also fuhr ich in gar armseligem und gebrechlichem Fahrzeug, wie die Fischer sich eines solchen nur unter dem Uferhang bedienen, gegen die noch gewaltig hochrollenden Wellen hinaus, und hat Waldemar Atterdag wohl nicht vermeint, daß ich lebendigen Leibes damit über die Ostsee gelangen könne. Dessen besaß auch ich selber ebenso geringen Glauben und Hoffnung, denn es war mir zu der Stunde Leben und Tod nicht mehr verschieden, als einem andern Wachen oder Schlaf. War's auch weder Furcht vor dem Turmverlies zu Helsingborg, noch Prahlsucht meinen Mut kundzutun, was mich in das tanzende Schifflein steigen ließ, vielmehr lediglich der Wunsch, an ein baldig Ende zu kommen, meines und der Königin Elisabeth Leidwesens, der Trübseligkeit des Erdenlebens und des Hohnes und der Heimtücke der irdischen Machthaber nicht fürder gedenken zu müssen. Aber es war Gott gewillt, es anders über mich zu fügen, da er in schier wundersamer Schnelligkeit, als streiche unsichtbar seine Hand darüber hin, die See beschwichtigte, daß ich noch lange Weile das goldene Haargelock Elisabeths, zuletzt wie ein besonntes Pünktlein am weißen Sande, vor mir gewahrnahm. Schäme mich auch nicht, niederzuschreiben, wie ich die Ruder fallen lassen und gleich einem Kinde geweint habe, als es aus meinem Gesicht für allezeit zum letztenmal versunken, und daß ich mit Herzklopfen gedacht, wir hätten beide anders drüben beisammen zu stehen vermocht, wenn wir gewollt. War wohl einen Augenblick gleicherweise über uns beide die Versuchung dazu gekommen, als der Erzbischof und König Waldemar gesprochen, sie sei freien und ledigen Standes, und bin ich sichern Glaubens, es hätte Knud Hendrikson alsdann seine Zusage ausgeführt, uns wider männiglichen Unglimpf von seiten der holsteinischen Grafen Zuflucht zu vergönnen. Da verhalf uns der bessere Schutz Gottes wider die sündhafte Verlockung, daß er Waldemars Atterdag Zunge die schimpflichen und ruchlosen Worte eingab, welche den reinen jungfräulichen Stolz Elisabeths aus dem Herzen aufhoben, wie ein Sturm die Tiefen des Meeres, daß sie ihres ewigen Heiles gedenkend, ohne weiteres Bedenken redete: Die Kirche hat mich zu König Hakons Gemahl gesprochen, bis der Tod uns scheidet. Und hat sie damit das Band der Versuchung, das unser Blick unbedachtsam zusammen knüpft, noch zu ausreichender Zeit durchgerissen, daß wir, ob auch anderen Sinnes, als der lügnerische Mund des Erzbischofs von Lund sich vermessen, nicht gefrevelt wider Gott und sein Gebot, sondern nur unser Herz wohl unmäßig beschwert, doch unserer unvergänglichen Seele Frieden bewahrt zur Tröstigung über das Grab hinaus. Denn es gesellte sich alsogleich, wie Elisabeth so geredet, als ein Schutzengel für uns, wenn auch in gar jammerwürdiger Gestalt, das Wehklagen und die Verwünschung Witta Holmfelds darein, daß sich die ausgelassene Laune Königs Waldemar in finstern Zorn und Rachsucht verkehrte und uns nicht Frist beließ, mit unsern Gedanken von dem rechten Wege nochmals zu irren. Trat es uns doch baß entsetzend vor Augen, zu welchem Elend sündige Leidenschaft zu führen vermag, und bin ich wohl der Meinung, daß die ingrimmige Wut Waldemars Atterdag zu der Stunde im Innersten der Scham entsprang, von dem unschönen, erschrecklich entstellten Weibsbilde vor allen den vornehmen Zuschauern bezüchtigt zu werden, er habe sie ehemals mit Liebesworten betört. Mag ihn auch wohl einen Herzschlag lang die Gewissensqual schauerlich angefaßt haben, welches Übermaß von Reue, Seelenmarter und irrsinniger Verzweiflung seine Schuld auf das unglückliche Mädchen gehäuft, das er, als er seinem Gelüst in zwiefacher Richtung genug getan, treubrüchig und gleichgültig von sich abgewiesen. Und ich halte dafür, wie mir sein innerliches Wesen besser denn manch anderm offenbar geworden, daß er sie damals mit gewaltsamlicher Übertäubung ebensolcher schneidenden Gewissensqual grausam aus seinem Wege gestoßen, um von ihrem anklagenden Jammerantlitz befreit zu werden, gleich als würde er damit auch seines ungeheuerlichen Frevels ledig. Wie er denn wohl gewußt, was es beheiße, sie nach Wisby zurückzusenden, da sie dort sogleich von den rachesüchtigen Bürgern als Verräterin der Stadt und Urheberin alles Übels lebendig zum Hungertode in einen Turm der Ringmauer eingeschmiedet worden. Und ist die Meinung vieler, es sei ihr nicht unrecht damit widerfahren, vielmehr nur geringe Buße für so großes Verbrechen. Solches redet eine rauhe, wilde, oftmalig erbarmungslose Zeit. Mich will's aber in der Erinnerung bedünken, daß Witta Holmfeld wohl der Wahrheit gemäß kein Blut von dem, der sich als ihr Vater benannt, in sich getragen, sondern nur das ihres heißblütigen Mutterlandes und ungezügelter ehebrüchiger Lust allein. Hätte sie demnach auch nicht in Wirklichkeit ihre Vaterstadt dem Feinde verraten, und ist die sündhafte Schwäche ihr schon mit in die Wiege gelegt worden, daß sie in ihrem nachmaligen Elend vielleicht vor dem Richterstuhl des Allprüfenden leichter gewogen, als vor dem Urteilsspruch der Menschen. Freilich wäre es auch nach meinem Bemessen wohl besser gewesen, sie hätte nicht einem Kinde das Leben gegeben, daß sich solcherlei zwiefaches Blut nicht weiter auf Erden forterbe. Das waltet aber allein Gott nach seinem Ratschluß, der dem Vater des Mägdleins ins Herz gegeben, dasselbige als ihm angehörig an seinem Hofe aufwachsen zu lassen. Denn es war König Waldemar Atterdag – er stehet lange vor dem Thron des Allmächtigen – mit gewaltiger Ausrüstung seines Geistes von guter und böser Beschaffenheit geartet, daß nicht leicht zu wägen ist, was er bei seiner Geburt als innerlichste Natur empfangen. Ob zwar seine Falschheit und Hinterlist schier zum Sprichwort geworden in allen nordischen Landen, hat er an mir doch mehrfältig eine Treue bewährt – mich auch in der Nacht zu Helsingör durch seine Ladung, als Gast noch auf dem Schlosse zu verbleiben, vor seinem Überfall der hansischen Flotte zu behüten getrachtet – daß ich nicht beizupflichten vermag, seine Gemütsart sei eitel tückisch, eigensüchtig und ruchlos gewesen. Soll aber nach seinem Tode sein und Witta Holmfelds Töchterlein zu einer Jungfrau von ebenso überaus großem körperlichem Liebreiz, als wildglühender Leidenschaftlichkeit herausgewachsen, als nach eines nordischen Fürsten Kebsin geworden, jung verdorben und gestorben sein, weiß keiner von ihr mehr zu berichten. Verhoffe, daß damit die böse Aussaat von der Stadt Venedig ein Ende genommen.

Ich aber, Dietwald Wernerkin, bin den Tag lang von Falsterbo aus über die stillgewordene See gerudert und noch ein Stücklein der Nacht, wußte nicht, wozu und wohin. Dann indes ist es über mich geraten, daß ich seit fast zweien Tagen keinerlei Nahrung genommen, und hat mich Kraftlosigkeit dergestalt befallen, daß ich die Ruder hereingezogen, mich im Boote hingestreckt und viele Stunden reglos zu den Sternen aufgeschaut. Vermeinte nicht anders, ich würde Hungers auf der See sterben, und fürchtete ich mich auch vor solchem Ausgang nicht. Dieweil ich aber so unbeweglich lag, mag, als der Morgen einbrach, das Raubgevögel der See mich bereits für tot erachtet haben, denn es versammelte sich eine beträchtliche Anzahl großer Herings- und Sturmmöwen mir zu Häupten, und schossen einige so begierig dicht auf mich herunter, daß ihr Flügelschlag mich anrührte und ich halben Leibes zur Abwehr gegen sie auffuhr. Da gewahrte ich aber westwärts hin über der See ein weißes Geleucht, das nach meinem Gedächtnis nichts anderes sein mochte als das Kreidefelsgebirg von Mönnsklint, und ob ich gleich keinerlei Verlangen trug, mein Leben noch fürderhin erhalten zu sehen, flößte mir doch der Gedanke, es werde sonst baldig eine Stunde kommen, darin ich gegenwehr-unfähig von den begierigen Schnäbeln der Vögel noch lebendigen Gefühls zerrissen würde, solchen Widerwillen ein, daß ich nochmals all meine geringe Kraft zusammennahm und wie von dem ersten Strahl der Morgensonne gestärkt den Felsen entgegenruderte. Bin ich auch dort, weiß nicht von den letzten Stunden, etwa um Mittag auf der Insel Mönn angelaufen, doch am Strande, einem Toten gleich, alsofort in den Sand hingestürzt, wo mich Weiber, die auf den Krabbenfang ausgegangen, gefunden und in ein Fischerhaus gebracht. Haben die selber Hunger leidenden, armseligen Leute aber mich Fremden und Hülflosen sonder Entgelt, den sie von mir erhoffen durften, durch Wochen lang genährt und gepflegt, da ich von der vielen Mühsal in ein bösartig hitziges Fieber verfallen, daß mir der Glaube an gute und treue Menschen wiedergekommen und ich letztlich nach meiner Genesung, wenn auch ohne Freudigkeit für mich selber, mein Leben doch noch als etwas Gutes erachtet habe, um nach seiner geringen Kraft etwaig andern, gleicherweise Redlichen damit zu nützen und zu besserm Glück zu verhelfen. Und ich habe dort auch gelernt, es ist kein Unterschied, ob einer ein Deutscher oder ein Däne sei, wenn er menschliche Liebe und Barmherzigkeit unter dem dürftigen, geflickten Wams in der Brust trägt.

Alsdann bin ich auf einem Fahrzeug von Mönn gegen Lübeck zurückgekommen, wo ich alle Gemüter in dem blindwütigen Aufruhr und die ganze Stadt bei Tag und Nacht so mit unablässigem Gelärm gefüllt antraf, wie mancherlei Chronik es seitdem getreulich berichtet. Habe auch an dem schlimmen Tage unfern gestanden, als genau an der Stelle, wo ich Herrn Johann Wittenborg zuerst begegnet, da er über die Schwelle des Kaaks gestrauchelt, ihm der Henkersmeister als einem Verräter an der gemeinen Sache der deutschen Hanse auf dem Richtblock mit dem Beil den Kopf vom Nacken abgeschlagen. Herr Johann Wittenborg ist aber sehr ruhig, aufrecht und stolz zur Richtstatt hinangegangen, und es hat noch immer ein besonderer Glanz in seiner Augentiefe gelegen, wie dieselbige ihn in frühern Tagen nicht besessen, der geredet, als habe er lang genug gelebt und der Tod nicht Schrecknis für ihn. Hat mich auch im Vorüberschreiten zum Gericht wahrgenommen, doch nicht angesprochen, damit der Haß des Volles wider ihn nicht auf mich mitfallen solle. Nur wie er droben gestanden, ist sein Blick mir kurz noch einmal zugewandt gewesen und hat sich alsdann auf die Marienkirchtürme hinübergewandt, daß ich deutlich verstanden, er rede ein Gedächtniswort zu mir: nun falle er dem Licht entgegen. Und so rollte unter dem wildbetäubenden Geschrei von vielen Tausend Kehlen rundumher sein Kopf, noch jugendbraun an Haupthaar und Bart, blutig auf die Bretter herunter, und so hatte sich uns beiden die Hoffnung erfüllt, mit der wir etliche Jahre zuvor drüben im Ratskeller zur Geisterstunde unsere Becher auf die Zukunft zusammengeklungen.

Es ist viel geredet worden und in Schrift ausgegangen über jene Nacht in dem Königsschloß zu Helsingör. Und ist die Meinung im Volke und auch bei vielen Einsichtigen allgemein, es habe Johann Wittenborg um die Gunst der verführerischen Königstochter die hansische Flotte verraten, daß er beim Weggang vom Feste wohl gewußt, Waldemar Atterdag sei bereit, die Schiffe zu überfallen. Was sich in der Nacht heimlich auf Helsingörschloß zugetragen, hat kein Ohr und Auge erkundet, und ob ich mich bei dem Feste befunden, weiß ich nicht mehr denn andere. Es klingen mir auch wohl gar besonderlich die Worte Johann Wittenborgs im Gedächtnis, die er einstmalig zu mir geredet, die Leidenschaft der Liebe zu einem Weibe sei eine Krankheit, fährlicher und schlimmer, wenn sie den Mann im Hochsommer befalle. Das mag ihm wohl bei dem reizvollen Anblick, der holdlächelnden Kunst und schmeichelnden Huldigung der Prinzessin Ingeborg geschehen sein, und dieweil er auch nur ein Menschenkind war, mag eitler Stolz ihn überwältigt und die aufwachsende Leidenschaft in ihm genährt haben, daß die Königstochter von Dänemark dem Bürgersohne von Lübeck mit solcher Gunsterweisung entgegenkomme. Da hat er vielleicht wohl mit betörten Sinnen arglos mancherlei geredet, was Ingeborg von Dänemark ihm mit listiger Schlangenzunge von den Lippen gelockt, um es ihrem Vater kund zu tun, der seinen ränkevollen Anschlag auf die Künste seiner Tochter gebauet gehabt. Weiß nicht, ob diese sich letztlich selber dabei betrogen und mit welcherlei Preis sie ihre Auskundschaft bezahlt. Denn Johann Wittenborg war ein Mann, mit dem ein Mädchenherz, auch wenn es einen Fürstenthron als Wiege besessen, wohl nicht ungefährdet Spiel betreiben mochte, und es ist öfter ein Ruf ergangen, Prinzessin Ingeborg, nachmals Herzog Heinrichs von Mecklenburg Ehegemahl, sei in freudlose Schwermütigleit verfallen bis an ihren frühzeitigen Tod.

Ich vermeine aber, was der hansische Admiral in Wirklichkeit gefehlt, war nicht wissentliche Schuld, sondern zum einen, daß Schwäche der Eitelkeit ihn verleitet, allzu gläubig auf König Waldemars und seines Hofes glatte Artigkeit zu bauen, wie zum andern ein gar großer und unheilsvoller Kriegsfehler des Feldherrn, daß er zu viele der Gewaffneten von den Schiffen zur Umlagerung der Stadt und Feste Helsingborg zusamt allen Bliden und Feuerrohren ans Land gesetzt. Denn sobald der Dänenkönig darüber sichere Kundschaft gewonnen, konnte er mit seiner geringen Schiffsmacht die gewaltige Flotte zu jeglicher Stunde auch am hellichten Tage ungefährdet angreifen und überwältigen. Es ist auch in sonstigen Städten der Hanse nirgend ernstlich von einer ruchlosen Tat Herrn Johann Wittenborgs geredt, sondern derselbige nur als ein unglücklicher und zu vorsichtsloser Heerführer betrachtet worden, gehet wohl daraus hervor, daß alle abgestanden, eine Anklage auf Haupt und Hand wider ihn zu heben. Und ist, halte ich dafür, was ihn also herabgestürzt und zur Richtstatt geführt, lediglich der Haß seiner Feinde gewesen, vieler der Vornehmen dieser Stadt, über die er, von der Volksgunst jählings aufgehoben, kühn und hochfahrend hinweggestiegen. Da sie nun gar wohl den günstigen Anlaß erkannten, ihn zu Fall zu bringen, doch aber befürchteten, er möge eines Tages wiederum über sie die Oberhand gewinnen, breiteten sie, um ihn sicher zu verderben, den Ruf aus, er habe um die dänische Königstochter die Dudesche Hanse und seine Vaterstadt Lübeck schimpfvoll verraten. Müßte er, wenn er sich solcher Schuld bewußt gefühlt, wohl mehr noch ein geistestörichter Narr als ein Verbrecher gewesen sein, vom Hofe Waldemars Atterdag gen Lübeck zurückzukommen. Leichtlich von jeder Böswilligkeit umgestimmt aber ist bei großen Unfällen die Gunst der blinden, wankelmütigen Volksmasse, denn es schreit der Unverstand das eine Mal nach einem Götzen und das andere Mal nach einem Blutopfer, beides sonder Bedacht, einzig mit wütigem Gebrüll. Und also begehrten sie, daß einer allein die Schuld an ihrem Ingrimme trage und büße, und waren der Verdächtigung bereit, der Burgemeister, den sie selber berufen, habe durch Verrat das Unheil über sie gebracht. Da derselbige aber jeglichem als ein Mann von unbestechlichem Sinn zu wohlbekannt war, daß niemand laut von einem Sündenlohn an Gold und Gut zu reden wagen durfte, huben sie das Geschrei, er habe sie um buhlerischen Kuß Ingeborgs von Dänemark verkauft. Und wußten zumal geschwätzig die Weiber davon zu berichten, als hätten sie neben den beiden auf dem nächtigen Söller zu Helsingörschloß gestanden.

Solches ist meines Glaubens Meinung über Herrn Johann Wittenborgs Anschuldigung und vorzeitigen, betrübsamen Tod. Sind vierzig Jahre seitdem darüber weitergegangen, daß ihm fast alle nachgefolgt sind, die zu der Zeit nach seinem Blute gedürstet. Fühle auch ich ingleichem, daß ich selber nicht lange Frist mehr haben mag, ihn und alle, von denen ich auf diesen Blättern mancherlei niederschrieben, wiederum anzutreffen, wo wir wohl gar vielen Leides nur lächelnd als kurzer Erdenschatten der ewigen Sonnenherrlichkeit gedenken werden. Will aber, wovon ich fernerhin Zeugschaft über mich und andere bewähren kann, nunmehr weiter Bericht ablegen.« – –

Osmund Werneking wandte eilig das mit dieser Zeile schließende Blatt um, doch die folgende Seite zeigte nicht mehr die nämliche Handschrift, sondern diejenige, welche die Vormerkung über den Beginn der Blätter gesetzt, und fügte hinzu:

»Es hat der Schreiber seinen letztwilligen Worten nicht mehr getreulich zu bleiben vermocht, da er am andern Morgen nicht frühzeitig nach seinem Brauch in die Schreibstube herabgekommen, wir ihn vielmehr über Nacht Todes verblichen in seinem Bett ausgestreckt aufgefunden. Und muß er im Schlaf so plötzlich, geruhig und sonder alle Schmerzhaftigkeit verstorben sein, daß ich, in der Nebenkammer schlafend, keinen Seufzerlaut von seinem Munde vernommen. Wünsche mir auch einmal ein so gutes Lebensziel und End'. Und ist er geworden 64 oder 65 Jahre seines Alters, wußte es nicht genau zu besagen.

Dieser Herr Dietwald Wernerkin, Ritter, ist mein Vater gewesen, hat ein Handelsgeschäft zu Lübeck in der Burgstraßen begonnen, mit viel Umsicht, Geschick und gutem Gewinn betrieben, nachmals aber, wie die Städte abermalig gegen König Waldemar gerüstet, Haus und Handel treuliche Hand gelassen, als Ritter und Heerführer einer Kogge wiederum mit ins Feld gezogen. Und ist er durch seine Tapferkeit, Vorsicht und Erfahrenheit alsbald zum obersten Ratgeber und eigentlichen Befehlshaber der hansischen Schiffsmacht geworden, daß die Admirale sich keiner bedeutsamen Kriegshandlung ohne seinen Entscheid unterfangen. Hat er infolge Stadt und Feste Kopenhagen erobert und in Asche gelegt, dann abermals Helsingborg belagert und glücklich eingenommen, dazu alle festen Schlösser auf Seeland, Fühnen und Schonen, daß Waldemar Atterdag nirgendwo mehr in seinem Reiche eine Zuflucht gefunden, sondern verlassen und elendiglich umirrend, nach Deutschland entflohen und ganz Dänemark in den Händen der Städte gelegen. Und ob mein Herr Vater zwar den Dänenkönig nicht von Angesicht zu Angesicht wieder erblickt, hat er also doch sein letztes Wort bewährt, das er ihm vormals am Strande von Falsterbo gerufen, es sei morgen noch ein Tag und die Dudesche Hanse komme wieder. Daß sie aber zu solcher schier unglaublichen Mächtigkeit, Reichtum, Glanz und Ansehen in der Welt emporgediehen, wie es geschehen und in alle Zeit andauern möge, das verdanket sie zu gutem Teil, sonder hochfahrende Überhebung darf ich's vermelden, meinem Herrn Vater. Und hat sich also auch Herrn Johann Wittenborgs Zuversicht wohl bewiesen, derselbige möge sich noch größeres Verdienst um die Löwenstadt erwerben. Hat aber ingleichen diese solches auch gar achtsam und zu ihrem Vorteil erkannt, daß sie nach dem Kriege Herrn Dietwald Wernerkin, Ritter, in ihren Rat berufen, und ist er als erster Ratsherr der Stadt selig verstorben. Nicht minder arbeitsam und ratesbedacht im Frieden wie auf dem Heerzug. Denn seit seiner Heimkunft von Venedig ist allzeit sein Gedanke gewesen, die Seestädte mit den großen Binnenhandelsstätten von Ostdeutschland in Geschäftsfreundschaft zu einigen und dergestalt den Bund der Hanse über das ganze Reich weiter zu erstrecken. Ist ihm auch durch seine geknüpfte Bekanntschaft mit manchen gewichtigen Kaufleuten zu Leipzig, Regensburg und Nürnberg gelungen, die Gegengewähr an Recht und Sicherung herstellig zu machen, wie sie heutigen Tages zur dürftigen Not – Gott besser' des Reiches elendiglichen Stand! – geordnet steht. Schuldet jedoch die Hanse ihm sonderlichsten Dank, daß er weit im Binnenlands viele bevor noch außerhansische Städte, vor allem Magdeburg, Erfurt und Breslau zu sicherm Anschluß an das Bündnis vermocht und klug dahin gewirkt, sie unter die Ortschaften des Vorranges aufnehmen zu lassen. Und in weiterm ist auch er es gewesen, der sein Augenmerk insonders auf unsern Kaufhof zu Bergen gerichtet, sein eigenes Handelsgeschäft dorthin gewandt und zur Festigung unsers herrlichen Ansehens in der gewichtigen Stadt das Höchste beigetragen.

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