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Orestes in Paris

Ludwig Storch: Orestes in Paris - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleOrestes in Paris
authorLudwig Storch
year1836
firstpub1836
publisherJ. G. Müller
addressGotha
titleOrestes in Paris
pages194
created20160822
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Orestes in Paris

Novelle

von

Ludwig Storch.

 


 

Gotha.
Verlag von J. G. Müller.
1836.

 


 

1.

Die schöne spröde Amazonenkönigin sank endlich von der Liebe und den Bitten des treuesten Ritters Amadis besiegt, an seine zärtliche Brust, Jean-Botage that einige Freudensätze, machte einen schlechten Witz über ihre glückliche Vereinigung, und der Vorhang fiel unter dem Beifalljauchzen des Publikums. Die Amazone stieß den Ritter, der noch nicht Lust bezeigte, sich aus ihren Armen zu winden, verächtlich von sich und eilte einer ältlichen Dame entgegen, die aus den Coulissen auf sie zukam.

»Das schickt er Dir!« flüsterte diese mit ihrem durchtrieben schlauen Gesicht, und reichte der jungen schönen Actrice mehre kostbare italienische 4 Erfrischungen, wie sie seit Maria von Medicis am französischen Hofe Mode geworden waren. »Du hast heute vortrefflich gespielt, mein Kind; führe Deine jetzige Rolle eben so gut aus; er wird gleich hier sein.« Die Sprecherin entfernte sich und trat wieder zum Director der Bühne, für dessen Frau sie schon zu Richelieus besten Zeiten gegolten, obgleich sie es der Form nach noch nicht war. Madame Debarques zog eine kleine Pension, die sie der Gnade und Anerkennung des Cardinal-Herzogs verdankte, der sie einst für eine Künstlerin gehalten und ihr vorübergehend seine Gunst geschenkt hatte; und diese Pension war das Eheband, welches Herrn Debarques an seine Gattin gefesselt – während etwas Aehnliches sie an ihm festhielt – obgleich in der Folge noch andre Bande hinzugekommen waren, die dem Bühnenregenten seine sogenannte Frau unentbehrlich machten. Unmöglich hätte sich Herr Debarques bis zur Höhe eines Directors emporgeschwungen, da er mit sehr blöden Augen eine gewisse glückliche Geistesbeschränktheit verband, wenn er nicht alle Dinge durch die Ansicht und Einsicht seiner Lebensgefährtin 5 empfangen hätte, deren äußeres und inneres Auge von einer wunderbaren Schärfe war, und die während den Vorstellungen ihm zur Seite hinter der ersten Coulisse stand, kritischen Bericht erstattend über die mimischen Leistungen ihrer Leute. Zugleich war sie Garderobiere, so wie er Inspicient und Lampenputzer. Deshalb huschte er auch jetzt schnell auf weichen Socken an den Wänden hin, und blies mit vollen Backen die Lichter aus, bis auf ein einziges, das die ägyptische Finsterniß nicht zu erhellen vermochte. Diese Verdüsterung des Locals schien dem Künstlerpersonale weder ungewohnt, noch unangenehm; denn trotz derselben hatten sich auf der gefährlichen Steige, die aus dem Parterre herausführte, mehre männliche Zuschauer herausgefunden und zu den Amazonen gesellt, um ihnen beim Umkleiden als Zofen zu dienen. Auch zur stolzen Königin trat ein Mann, dessen Gesicht von seinem Hute, dessen Gestalt von seinem Mantel versteckt wurde, zog sie in einen Winkel und flüsterte heimlich mit ihr. Madame Debarques stand als Schildwache, in geringer Entfernung davon, konnte aber, wegen der Dunkelheit, nicht 6 verhindern, daß sich der Ritter Amadis, der etwas gemerkt haben mochte, leise herbeischlich und seine Dame in den Armen des Verhüllten überraschte. Der Eifersüchtige hörte das Rauschen zärtlicher Küsse, vernahm das Flüstern süßer Liebesworte in seinem gespannten Ohre und empfing jeden Kuß als schmerzlichen Stich in seinem Herzen, jedes Wort als betäubenden Schlag in seinem Kopfe, so daß er endlich, seiner Sinne kaum mehr mächtig, das Schwert zog, das noch an seiner Seite hing, und mit den wild gebrüllten Worten: »Stirb, Ungetreue!« auf das vertrauliche Pärchen losstürzte. Aber die dichte Nacht hatte den Stoß seiner stumpfen Theaterwaffe an ihrem Ziele vorübergeführt, die Amazonenkönigin erhob ein lamentables Geschrei, als wenn sie wirklich getroffen wäre, worin sie von der Directrice meisterlich accompagnirt wurde, und der verhüllte Liebhaber gebot mit einer Stentorstimme Ruhe. Herr Debarques kam jetzt mit dem einzigen Lichte, welches noch auf der Bühne brannte und von ihm benutzt wurde, die Kasse in Sicherheit zu bringen, in Begleitung mehrer andern Individuen herbeigelaufen, und 7 Alles fragte bestürzt nach der Ursache des mörderischen Geschrei's. Der junge eifersüchtige Schauspieler lehnte in miserabler Geistesabspannung an der Wand, das Ritterschwert noch in den Händen haltend, vor ihm der glückliche Liebhaber der Schauspielerin, einen Degen zückend, der blanker und schärfer zu sein schien, als die plumpe Theaterwehr. In diesem Augenblicke warf sich ein bejahrtes Weib in etwas geziert bürgerlicher Tracht, die mit dem erschrocknen Director gekommen war, zwischen die beiden Bewaffneten, und schützte schreiend die Brust des von seiner leidenschaftlichen Hitze hingerissenen Mimen mit ihrem eignen Körper vor dem gewandten Degen des Fremden. »Benoit, was hast Du vor? Um des Himmelswillen! Brausekopf! Toller Mensch!« eiferte sie auf den jungen Schauspieler ein, dann wandte sie sich rasch zu dem Fremden, der in gebietender Stellung dastand, gleichsam als gehöre der blanke Degen zu ihm und könne nicht wohl an ihm vermißt werden, mit den Worten: »Wer Sie auch sein mögen, mein Herr, stecken Sie ein, denn Sie müssen ein Weib ermorden, wollen Sie an diesen thörichten Jungen, 8 und zum Weibermord scheinen Sie mir zu tapfer, zu edel. Sie sollen nämlich wissen, Benoit ist mein Sohn, mein einziger Sohn, und den laß ich mir nicht so mir nichts dir nichts todt stechen, und gar um eines ungetreuen Mädchens willen.« Hier warf sie einen verächtlichen Blick auf die reizende Schauspielerin, und sagte dann, ihr nur halb zugekehrt: »Du magst es immerhin wissen, Nannon, daß Du gar nicht würdig gewesen bist, die Geliebte meines Sohnes nur eine Stunde zu heißen. Ich hab' es dem armen Jungen immer gesagt, daß nichts zu Dir ist, aber er war wie vernarrt in Dein Lärvchen. Nun quält ihn schon seit acht Tagen die wüthendste Eifersucht und daß er guten Grund und Ursach dazu gehabt, lehrt der Augenschein deutlich genug.«

»Mademoiselle Poupard!« rief Madame Debarques halb böse, halb bittend: »Kommen Sie, ich habe Ihnen sehr wichtige Dinge zu sagen.«

»Ereifre Dich nicht zu sehr, mein Kind,« flüsterte der Director seiner Hälfte zu, »Poupard ist uns unentbehrlich, und die andern Theater haben schon lange nach ihm geangelt.«

9 »Laß mich nur machen,« versetzte die Frau im Gefühle ihrer Kraft und Wichtigkeit, und versuchte die Demoiselle Poupard fortzuziehen, die aber vor ihrem ritterlichen Sohne Stand hielt. Dieser hatte unterdessen seinem Nebenbuhler in das Gesicht gesehen, und sich dann alles Antheils am Streite begeben. Und so war es der kriegerische Fremde, der schnell den Platz zuerst räumte, aber auch Nannon war gleich nach ihm im vollen Königsstaate in der Dunkelheit verschwunden, und Niemand wußte, wohin sie gerathen war.

»Benoit, mein Junge, tröste Dich über die Ungetreue,« redete die besorgte Mutter dem verstummten und die Blicke auf den Boden heftenden Schauspieler zu. »Sie wird schon ihren Lohn empfangen; wer weiß, welch' einem Schuft sie Dich aufgeopfert hat, der sie dafür bezahlt. Suche dir ein andres Liebchen; Dir steht ganz Paris auf und alle Mädchen des Faubourg St. Antoine kommen Deinetwegen in das Theater des Herrn Debarques und füllen ihm die Kasse. Laß sie laufen, die Nannon mit ihrem Schlagtodt!«

»Mademoiselle Poupard, menagiren Sie sich 10 mit Ihren Redensarten und hören Sie mich an,« fuhr die Directrice dazwischen. »Wir sind immer gute Freundinnen gewesen und ich denke, wir werden uns um diese Kleinigkeit nicht veruneinigen. Ich will Ihnen ein Licht aufstecken.«

»Mutter, sein Sie nur still,« sagte Benoit schmerzlich. Dann legte er seinen Mund an ihr Ohr und sagte so leise als möglich: »wissen Sie, wer der Mann ist, der mir Nannons Herz gestohlen? Der Prinz Condé! Ich habe ihn erkannt.«

Demoiselle Poupard erschrak, suchte sich aber zu fassen.

»Nun kann ich mein Bündel schnüren und machen, daß ich aus Paris komme,« fuhr der Schauspieler kleinlaut fort, »sonst läßt mich der mächtige Herzog hängen, schießen oder rädern.«

»Da dürft' ich nicht mehr leben,« warf sich die Mutter in die Brust. »Fasse Muth, mein Sohn; es soll Dir kein Leid zugefügt werden.«

»Hören Sie,« redete Madame Debarques, die Demoiselle beim Arm nehmend, »der Herr ist fort und Sie haben nichts mehr für das Leben Ihres Sohnes zu befürchten. Ich muß Ihnen sagen, 11 er ist ein sehr vornehmer Herr und Sie haben sich vergessen.«

»O ich weiß recht gut, wer er ist. Solchem Herrn vermochte freilich Nannons Treue nicht zu widerstehen.«

»Sie wissen – und sprachen doch solche Worte? Nein, Sie können es nicht wissen.«

»Prinz Condé, Herzog von Bourbon; wer wollte den nicht kennen,« sagte Demoiselle Poupard, scheinbar sehr ruhig und gefaßt.

»Prinz Condé!« schrie der Director auf und sah sich furchtsam um. »Ist das wahr, Madame, war er der Prinz Condé? Sie sprachen doch nur von einem Hofherrn untrer Klasse.«

»So schreie doch nicht so, Tölpel!« fuhr ihn Madame an. »Und Sie, Mademoiselle, wissen nichts; verstehen Sie mich? Es soll Ihr Schade nicht sein. Man muß Augen haben und doch nicht sehen, und Ohren und doch nicht hören. Und wenn man großen Herren hinter den Coulissen begegnet, muß man ihnen fein aus dem Wege gehen, und sie nicht kennen.«

»Das haben Sie mir nicht vergebens gesagt,« 12 antwortete Demoiselle Poupard pikirt; »mein Sohn soll Seiner Hoheit dem Herrn Herzog von Bourbon gar nicht mehr hinter den Coulissen begegnen, wo Schwerter und Dolche seiner warten, so wie das Gift, das untreue Liebe einflößt. Ich kündige Ihnen den Contract meines Sohnes auf. Nicht wahr, es ist Dein Wille, Benoit, die Bühne des Herrn Debarques zu verlassen?«

»Ja!« sagte dieser trotzig.

»Nicht doch, Mademoiselle, beste Freundin,« zog Madame jetzt andre Saiten auf, »Nannon soll ihre Gunst dem Herrn Poupard nicht entziehen, nur muß Alles heimlich gehalten werden.«

»Was glauben Sie von mir?« fuhr Benoit empor. »Ich habe Nannon rein und zärtlich geliebt, und nun – o Gott! Aber ich mag auch nicht einmal mit einem Herzog theilen. Und ständ' ich nicht jeden Abend in Gefahr, von seinen Söldnern ermordet zu werden, wenn ich bei Ihnen bliebe?«

»Kein Haar soll Ihnen gekrümmt werden, Herr Benoit,« beruhigte die Directrice lachend. »Sie kennen das Leben der Vornehmen nicht. 13 Begeben Sie sich in meinen Schutz. Lassen Sie mich sorgen, und Sie sind sicher. Und was das Theilen betrifft – ei da dächte ich, ein Mann von Ihrer Bildung setzte sich über solch' eine Kleinigkeit hinaus. Sind Sie ein Franzose, und eifersüchtig?«

»Schon wieder eine Kleinigkeit!« rief Benoit böse.

»Ei nun die vornehmsten Herren bei Hofe theilen ja meist mit Andern und wer macht etwas daraus. Glauben Sie etwa, sie wüßten es nicht? O halten Sie doch unsre vornehme Welt nicht für so einfältig! Aber Dolche und Schwerter setzt man solcher Bagatelle halber nicht in Bewegung. Selbst der hochselige König ist dem nicht entgangen. Das weiß ich.«

»Ich bin kein vornehmer Herr!« eiferte Benoit.

»Sie spielen doch vornehme Herren, und das ist am Ende gleich. Sie sollen glücklich sein, aber die Eifersucht müssen Sie fahren lassen, das ist ja lächerlich. – Beruhigen Sie sich nur und beschlafen Sie sich die Sache. – Ich werde Sie morgen besuchen, Mademoiselle Poupard. Ich freue 14 mich sehr, Madame von Tarneau meine Aufwartung zu machen und Ihre liebenswürdige Milchtochter zu küssen. Ein reizendes Wesen, bei meiner Treu! Paris hat wenig Schönheiten, die ihr gleich zu setzen wären.«

»Ja, Elisabeth ist sehr schön,« schmunzelte Demoiselle geschmeichelt. »Man kann stolz auf sie sein.«

»Aber warum führen Sie die Schöne so wenig in unser Theater? Ich würde mich freuen, Mademoiselle Elisabeth den besten Platz aufzuheben.«

»Der Vater ist zu streng und der Weg zu weit. Aber ich bringe Sie nächstens mit.«

»Thun Sie das, Sie werden mich glücklich machen.«

»Nein, Mama,« sagte Benoit, »Sie werden meine liebe Milchschwester nicht hierher führen. Die Herzöge, die jetzt dies Haus beehren, könnten auch ihr gefährlich werden. Und überdies bleibe ich nicht, und wenn Ihr Benoit hier nicht mehr spielt, was wollten Sie dann noch hier?«

»Das wird sich finden, Herr Poupard,« 15 schmeichelte Madame Debarques. »Schlafen Sie nur Ihren Groll erst aus; dann wollen wir weiter darüber sprechen. – Mademoiselle Poupard, ich habe diesen Abend eine Flasche vortrefflichen Frontignan erhalten, nehmen Sie den Wein mit zu einem Frühstück für Ihren Herrn Sohn. Grüßen Sie mir Mademoiselle Elisabeth.« – Mit dem Wein und den Grüßen beladen, empfahl sich Demoiselle Poupard ziemlich zufrieden gestellt, sammt ihrem schmollenden Sohne, und jedes von ihnen suchte seine Wohnung auf.

 


 

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