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Friedrich Spielhagen: Opfer - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleOpfer
authorFriedrich Spielhagen
year1910
firstpub1899
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleOpfer
pages490
created20080806
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1 Der Fünfuhrthee hatte sich sehr in die Länge gezogen, trotzdem er, wie das Anfang Juni nicht anders sein konnte, nur von wenigen besucht gewesen war. Jetzt waren alle fort mit Ausnahme von Wilfried, den ein schmollend-schmeichlerisches: Du auch? Ebbas festgehalten, als er den anderen folgen wollte, und Falko, der durchaus mit seiner Mama sprechen mußte und während »der Theesimpelei« keinen passenden Augenblick dazu gefunden hatte. Der General war in seinem Zimmer verschwunden, noch ein Kapitel an seinen »Memorien« zu schreiben, wie er sagte; oder bei seiner Cigarre in Ruhe Trübsal zu blasen, wie Ebba meinte.

So, Mama, sagte Falko, im Begriff, die Schiebethür zwischen dem Wohnzimmer und dem Salon zu schließen; wir wollen die Turteltauben allein lassen.

Wilfried lächelte ein wenig gezwungen, Ebba hatte eine spöttische Erwiderung auf den Lippen, hielt aber damit zurück, weil Johann noch im Zimmer war, um, auf den Fußspitzen stehend, die Kerzen auszublasen, die auf dem Kaminsims gebrannt hatten.

Lassen Sie doch die Lichter! rief Ebba.

Excellenz haben befohlen.

Na, denn nicht!

Der Bediente hatte noch ein paar vergessene Tassen abgeräumt und war gegangen; Ebba sich in einen Fauteuil geworfen, den Kopf weit hintenüberbiegend und nach der Decke blickend:

Du kannst mir einen Kuß geben.

2 Wilfried küßte sie.

Und Dir einen Stuhl heranrücken – näher, wenn ich bitten darf!

Sie hatte sich wieder gerade gerichtet und sah Wilfried in die Augen.

Weißt Du, mon cher, ich habe ein sehr ernstes Wort mit Dir zu sprechen.

Es ist sonst nicht Deine Gewohnheit, erwiderte Wilfried.

So machen wir mal eine Ausnahme.

Wie Du befiehlst. Um was handelt es sich?

Wir müssen heiraten.

Ich hatte nie eine andere Absicht, sagte Wilfried, sich neigend und die schlanke weiße Hand, die neben ihm auf der Armlehne des Fauteuil lag, mit den Lippen berührend.

Sehr gütig. Reden wir ganz offen: ich habe au contraire schon manchmal – besonders in den letzten Wochen – das Gefühl gehabt, als ob Du die Geschichte gründlich satt habest. Und Mama auch.

Ich finde das sehr unrecht von der Mama, und noch mehr von Dir. Du wenigstens solltest es besser wissen.

Woher? Ein feuriger Liebhaber bist Du bei Gott nicht.

Mir ist die Liebe nicht ein Feuer, das in Rauch aufgeht. Aber ich glaube, Du wolltest etwas anderes sagen.

Parfaitement. Ich wollte sagen, daß wir nicht nur, wie ich zu meinem Vergnügen höre, noch die beiderseitige Absicht haben, uns zu heiraten, sondern daß ich für mein Teil die Hochzeit nicht in alle Ewigkeit hinausgeschoben wünsche.

Aber, wünsche ich es denn? Habe ich nicht umsonst für den Herbst spätestens plaidiert? War es nicht immer die Mama, die peremptorisch erklärte, vor dem nächsten Frühjahr könne keine Rede davon sein? Du müßtest durchaus noch eine Saison mitmachen? Und hast Du etwa der Mama widersprochen?

3 Du weißt: Mama widersprechen, das ist nicht so einfach. Und ich – ich – nun ich habe mich eben anders besonnen.

Desto besser.

Denn siehst Du, fuhr Ebba mit einer raschen Wendung nach ihm, lebhafter und leiser sprechend, fort: Ich halte es einfach nicht mehr aus. Papas ewiges Lamentieren über unsere Finanzen, wie er das nennt! Als ob ich etwas dafür könnte, daß es damit nicht klappt! Heute morgen! Die Rechnung von Gerson! Mama mußte endlich damit herausrücken – dreitausend Mark, oder so was. Das ist doch bei Gott nicht zu viel für zwei Damen, wenn man bedenkt, daß die Saison diesmal kein Ende nahm, und wie oft ich habe hopsen müssen. Adele Massow hatte auf dem letzten Hofball eine Robe, direkt aus Paris, zweitausend Francs, oder so was. Und ich mit meinen paar Fähnchen! Lächerlich! Ich ruiniere ihn nicht, und Mama ist, weiß Gott, die Sparsamkeit selbst. Er sollte sich doch wenigstens an die richtige Adresse wenden.

Du meinst –

Falko, wen sonst? Mein Gott, er ist ja ein lieber Kerl. Ich habe ihn schrecklich gern. Er –

In dem Wohnzimmer war plötzlich Falkos Stimme laut geworden – nur ein paar Worte, auf welche die Mutter, ebenfalls mit erhobenem Ton, etwas erwiderte; dann wurde es wieder still. Ebba zuckte die Achseln.

Die alte Geschichte! Ich habe es den ganzen Nachmittag kommen sehen. Wenn Falko besonders lustig und liebenswürdig ist, ist immer was los. Das kennt man. Papa hat sich nicht umsonst schleunigst in sein Zimmer rückwärts konzentriert. Papa will oder kann nicht herausrücken; nun soll es Mama. Die selber nichts hat. Außer ihrer Gerson-Rechnung von heute morgen und diversen von ähnlicher Sorte. Ein reizendes Leben! Bei Gott!

Also nur deshalb?

4 Was?

Nur, weil Dir die Situation zu Haus nicht, oder nicht mehr gefällt, möchtest Du sie mit einer anderen vertauschen.

Gott, Wilfried, wenn Du doch nicht alles gleich tragisch nehmen wolltest! Na ja! ich hatte es mir hübsch gedacht, noch ein Jahr oder so – ich bin doch schließlich erst achtzehn, und dieser Winter war eigentlich der erste, wo ich ein bißchen von der Welt gesehen habe. Da durftest Du mir es doch wirklich nicht verdenken, wenn ich es nicht so eilig hatte, und auch Mama immer für Abwarten war. Und bist Du etwa nicht selbst mit schuld daran? Frau Assessor – na, Schatz, das kannst Du mir nicht verdenken. Das paßte mir nicht, ganz und gar nicht. Nun, da Du, Gott sei Dank, auf meine Bitten mit Tante Adeles hoher obrigkeitlicher Bewilligung den Assessor an den Nagel gehängt hast und Gutsbesitzer werden willst –

Noch bin ich es nicht.

Aber kannst es jeden Augenblick sein. Ich denke, Tante Adele stellt Dir jetzt jedes beliebige Geld zur Verfügung?

Das hat sie immer gethan. Und ich habe von ihrer Güte einen Gebrauch gemacht, dessen ich mich oft genug schämte.

Weil Du ein Narr bist, Wilfried – nimm's mir nicht übel! Du bist doch nun einmal ihr Erbe.

Gerade deshalb.

Das verstehe ich nicht, werde ich nie verstehen.

Brechen wir also davon ab!

Du bist mir bös?

Nicht im mindesten.

Warum küßt Du mich da nicht?

Wilfried bog den Kopf zu ihr hinüber; sie schlang beide Arme um seinen Hals und küßte ihn wiederholt lebhaft auf Mund und Augen; fuhr dann aber zurück und erhob sich schnell, als an die Schiebethür gerührt wurde, und Falko die Portiere für die Mama auseinanderschlug, um ihr 5 auf dem Fuße zu folgen. Die Generalin sah blasser aus als vorhin, auf Falkos hübschen Wangen brannten rote Flecke.

Na, Kinder, rief er, wenn Ihr mich nicht hättet, der Euch immer brüderlich zu einem tête-à-tête verhilft! War es hübsch?

Er hatte die Schwester an beiden Händen gefaßt; sie blickten einander in die Augen. Abgeblitzt! sagten die Falkos; ich wußte es vorher, die Ebbas.

Die Generalin war an die Ständerlampe getreten, die etwas zu hoch gehende Flamme herabzuschrauben, während sie, über den Rücken gewandt, zu Wilfried sagte:

Sie bleiben doch zum Abend?

Es ist schon recht spät geworden, liebe Tante, und –

Bei Gott, in zehn Minuten neun, rief Falko dazwischen, und ich muß morgen um sechs Uhr im Sattel sein! Ich komme mit, Wilfried.

Wilfried hatte der Generalin die Hand geküßt und wandte sich zu Ebba.

Aber erst müssen wir doch Mama die große Neuigkeit melden, rief Ebba, mit einer graziösen Gebärde Wilfried abwehrend und einen lebhaften Schritt nach der Generalin machend. Also, Mama, Wilfried und ich sind einig. Wir heiraten nicht nächstes Jahr, sondern diesen Herbst. Nicht wahr, Wilfried? Und Wilfried kauft sich bis dahin ein hübsches großes Gut –

Nicht wahr, Wilfried? rief Falko lachend dazwischen.

Wenn vernünftige Leute reden, hast Du nicht hineinzusprechen, Du Grünschnabel! Also Mama, die Sache ist abgemacht. Nicht wahr?

Die Generalin war plötzlich die Liebenswürdigkeit selbst geworden.

Aber, liebe Kinder, rief sie, Ihr wißt doch, ich habe niemals etwas anderes gewollt, als Euer Glück. Wenn es Euch glücklich macht – in Gottes Namen! Immer vorausgesetzt natürlich, daß Tante Adele –

6 Dafür wird Wilfried sorgen; hat er schon gesorgt. Nicht wahr, Schatz?

Ich werde jedenfalls unverzüglich mit der Tante sprechen.

Und meinen Segen habt Ihr ebenfalls – Amen! rief Falko.

Jetzt aber machst Du, daß Du fortkommst!

Ich gehe ja schon, rief Falko, der Schwester, die mit geballten Händen, aber lachendem Gesicht auf ihn zulief, nach der Thür retirierend, um sie dann mit beiden Armen zu umfassen und ihr einen herzhaften Kuß auf die Lippen zu drücken. Kommst Du, Wilfried? Adieu, Mama! Dem Papa mein gehorsamstes Kompliment!

Auch meinerseits, wenn ich bitten darf, sagte Wilfried, Ebba nochmals flüchtig die Hand küssend und Falko auf den Flur folgend, wo dieser sich bereits seinen Säbel umschnallte, während Johann Hut und Stock des Herrn Grafen in Bereitschaft hielt.

* * *

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