Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Harriett Beecher Stowe >

Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
Schließen

Navigation:

8. Kapitel

Ein Senator ist auch nur ein Mensch

Das Licht eines munteren Feuers schien auf den Teppich eines gemütlichen Zimmers und glänzte zurück von den Teetassen und der hellpolierten Teekanne, als Senator Bird die Stiefel auszog, ehe er die Füße in ein paar neue schöne Hausschuhe steckte, welche seine Frau während seiner Abwesenheit in Amtsgeschäften für ihn gemacht hatte. Mrs. Bird, ein wahres Bild der Freude, deckte den Tisch zum Tee und unterbrach sich dann und wann mit Ermahnungen, gerichtet an eine Anzahl munterer Kinder, die in den vielerlei unerhörten Sprüngen und Neckereien, die die Mütter seit der großen Flut in Erstaunen versetzt haben, in der Stube herumtobten.

»Tom, laß den Türgriff sein – sei artig! – Mary! Mary! Zieh die Katze nicht am Schwanze – das arme Miezchen! Jim, klettere mir nicht auf den Tisch dort – nein, nein! – Du weißt gar nicht, lieber Mann, wie es uns alle überrascht hat, dich heute abend hier zu sehen«, sagte sie endlich, als sie Zeit fand, zu ihrem Gatten ein Wort zu sagen.

»Ja, ja, ich dachte, du machst einen Sprung hierher, bringst die Nacht hier zu, und machst dir's zu Hause einmal bequem. Ich bin todmüde, und der Kopf brennt mir!«

Mrs. Bird blickte nach ihrem Kampferfläschchen, welches in dem halboffenen Wandschrank stand, und schien es holen zu wollen; aber ihr Gatte hielt sie davon ab.

»Nein, nein, Mary, nur nicht doktern! Eine Tasse von deinem guten heißen Tee und ein Teller von unserer guten Hausmannskost ist alles, was mir fehlt, 's ist böse Arbeit, dieses Gesetzegeben!«

Und der Senator lächelte, als ob ihm der Gedanke, sich als ein Opfer seines Vaterlandes zu betrachten, leidlich gefalle.

»Nun, was habt ihr denn eigentlich im Senat gemacht?« sagte seine Frau, als die Beschäftigung mit dem Teetisch vollendet war.

Es war aber etwas sehr Ungewöhnliches für die kleine sanfte Mrs. Bird, sich um das zu bekümmern, was im Staatenhause vorging, da sie sehr weislich der Meinung war, daß sie genug mit ihrem eigenen Hause zu tun habe. Mr. Bird öffnete daher die Augen weit vor Erstaunen und sagte:

»Nichts von besonderer Wichtigkeit.«

»So? Aber ist es wahr, daß man ein Gesetz angenommen hat, welches verbietet, den armen Farbigen, die herüberkommen, zu essen und zu trinken zu geben? Ich hörte, es sei von solch einem Gesetz die Rede; aber ich glaubte nicht, daß eine christliche Legislatur so etwas annehmen könnte!«

»Wahrhaftig, Mary, du bist ja auf einmal politisch geworden.«

»Ach Unsinn! Im allgemeinen möchte ich keinen Pfifferling für eure ganze Politik geben; aber das scheint mir doch über alle Maßen grausam und unchristlich zu sein. Ich hoffe, lieber Mann, daß man an ein solches Gesetz nicht gedacht hat.«

»Man hat ein Gesetz angenommen, welches den Leuten verbietet, den von Kentucky herüberkommenden Sklaven fortzuhelfen, liebe Frau; die rücksichtslosen Abolitionisten haben es so arg gemacht, daß unter unsern Brüdern in Kentucky große Aufregung herrscht, und es ebenso notwendig, als christlich und freundlich erscheint, daß von seiten unseres Staates etwas zur Stillung dieser Aufregung geschieht.«

»Und wie lautet das Gesetz? Es verbietet uns doch nicht, diesen armen Leuten für eine Nacht ein Obdach zu geben und ihnen etwas zu essen zu reichen und ein paar alte Kleider zu schenken, und sie dann ruhig ihres Weges gehen zu lassen?«

»O doch, liebe Frau; das hieße, ihnen helfen und sie unterstützen, wie es im Gesetz heißt.«

Mrs. Bird war eine schüchterne, leicht errötende kleine Frau von ungefähr vier Fuß Größe und mit sanften blauen Augen und einem Teint, zart wie Pfirsichblüten, und der sanftesten lieblichsten Stimme von der Welt. – Was ihren Mut betrifft, so hätte sie, wie man sich erzählte, ein mäßig großer Truthahn mit dem ersten Gekauder in die Flucht geschlagen, und ein tüchtiger Haushund von mäßiger Wildheit hätte sie bloß durch das Fletschen seiner Zähne zum Gehorsam bringen können. Ihr Gatte und ihre Kinder waren ihre ganze Welt, und hier herrschte sie mehr durch Bitte und Überredung, als durch Befehl oder Überzeugung. Nur ein einziges konnte sie in Aufregung bringen, und zwar die Berührung des wunden Flecks ihres ungewöhnlich sanften und teilnehmenden Gemütes: Jede grausame Handlung versetzte sie in die leidenschaftlichste Aufregung, die verglichen zu der allgemeinen Sanftheit ihres Charakters um so beunruhigender und unerklärlicher war.

Diesmal stand Mrs. Bird mit sehr roten Wangen, die ihr ganz allerliebst standen, auf, trat mit entschlossenem Blick vor ihren Gatten und sagte in entschiedenem Tone:

»Ich will wissen, John, ob du ein solches Gesetz für recht und christlich hältst.«

»Du wirst mich doch nicht erschießen, Mary, wenn ich sage: ja!«

»Das hätte ich dir nie zugetraut, John! Du hast doch nicht dafür gestimmt?«

»Doch, meine schöne Politikerin!«

»Du solltest dich schämen, John! Die armen, obdachlosen, heimatlosen Geschöpfe. Es ist ein schändliches, gottloses, fluchwürdiges Gesetz, und ich für meine Person werde es bei der ersten Gelegenheit, die ich finde, verletzen; und ich hoffe, ich werde eine Gelegenheit finden! Es ist weit genug gekommen, wenn eine Frau armen hungernden Geschöpfen weder warmes Essen noch ein Bett geben darf, weil sie Sklaven sind und ihr ganzes Leben lang nur Schmach und Bedrückung gelitten haben! Die armen Leute!«

»Aber Mary, höre doch nur. Deine Empfindungen sind alle ganz vortrefflich, liebe Frau, und ich liebe dich deshalb; aber, liebe Frau, wir dürfen unsere Empfindungen nicht mit unserm Verstande durchgehen lassen. Du mußt bedenken, es ist keine Sache des Privatgefühls; große Staatsinteressen sind dabei mit im Spiel, und es entsteht darüber eine so große Aufregung im Publikum, daß wir unsere Privatgefühle beiseite setzen müssen.«

»Ich verstehe nichts von Politik, John, das gebe ich zu; aber ich kann meine Bibel lesen; und darin lese ich, daß ich die Hungrigen speisen, die Nackten kleiden und die Traurigen trösten soll; und dieser Bibel denke ich zu folgen.«

»Aber in Fällen, wo du dadurch einen großen öffentlichen Schaden anrichten würdest –«

»Gott gehorchen bringt niemals der großen Allgemeinheit Schaden. Ich weiß, daß das nicht der Fall ist. Es ist zu allen Zeiten und in allen Fällen das Sicherste, zu tun nach seinem Willen.«

»Aber höre mich nur an, Mary, und ich kann dir mit sehr klaren Gründen beweisen, daß –«

»Ach Unsinn, John! Du kannst die ganze Nacht reden und wirst mir nichts beweisen. Ich frage dich, John, würdest du jetzt ein armes, frierendes, hungerndes Geschöpf von der Tür weisen, weil es seinem Herrn entflohen ist? Würdest du das tun, frage ich dich.«

In dieser Krisis steckte der alte Cudjoe, das schwarze Faktotum, den Kopf zur Tür herein und bat Missis, einmal in die Küche zu kommen, und unser Senator, von dem Angriff noch zur rechten Zeit befreit, sah seiner kleinen Frau mit einer drolligen Mischung von Freude und Verdruß nach und machte sich's in seinem Lehnstuhl bequem, um die Zeitungen zu lesen.

Nach einer kurzen Weile ließ sich die Stimme seiner Frau rasch und angelegentlich an der Tür vernehmen: »John! John! Bitte, komm einen Augenblick heraus.«

Er legte die Zeitung hin und ging in die Küche und fuhr zurück, ganz erstaunt über den sich ihm darbietenden Anblick.

Ein junges, zartes Weib mit zerrissenen und gefrorenen Kleidern, mit nur einem Schuh, und an dem blutenden Fuß einen zerrissenen Strumpf, lag in totenähnlicher Ohnmacht auf zwei Stühlen. Der Stempel der verabscheuten Rasse war auf ihrem Antlitz sichtbar, aber niemand konnte gegen seine traurige und rührende Schönheit gefühllos bleiben, während seine starre, kalte, totengleiche Schärfe einen feierlichen Schauer hervorrief. Er hielt den Atem an sich und blieb schweigend stehen. Seine Frau und ihre einzige farbige Dienerin, die alte Tante Dinah, waren angelegentlich in der Anwendung von Wiederbelebungsmitteln beschäftigt, während der alte Cudjoe den Knaben auf den Knien hatte, ihm Schuhe und Strümpfe auszog und die kleinen kalten Füßchen warmrieb.

»Ist das nicht ein Anblick, der einen Stein erbarmen möchte!« sagte die alte Dinah mitleidig. »Wahrscheinlich hat die große Hitze sie ohnmächtig gemacht. Sie war ziemlich munter, als sie reinkam, und fragte, ob sie sich nicht ein Weilchen wärmen könnte, und ich wollte sie eben fragen, wo sie herkomme, da war sie weg. Sie hat nie schwere Arbeit verrichtet, nach ihrer Hand zu urteilen.«

»Das arme Kind!« sagte Mrs. Bird mitleidig, wie das Weib langsam die großen dunklen Augen öffnete und sich bewußtlos umsah. Plötzlich zuckte ihr Gesicht von krampfhaftem Schmerz, und sie sprang auf und rief: »O mein Harry! Haben sie meinen Harry?«

Als der Knabe dies hörte, sprang er von Cudjoes Knie herunter, lief zu ihr hin und hielt seine Ärmchen empor. »Ach da ist er! Da ist er!« rief sie aus.

»O Ma'am!« sagte sie ganz verstört zu Mrs. Bird. »Schützen Sie uns! Leiden Sie nicht, daß sie ihn fangen!«

»Niemand soll Euch hier etwas zuleide tun, arme Frau«, sagte Mrs. Bird ermutigend. »Ihr seid sicher; fürchtet Euch nicht.«

»Gott segne Sie!« sagte die Frau, verhüllte ihr Gesicht und schluchzte, während der kleine Knabe, als er sie weinen sah, ihr auf den Schoß zu klettern versuchte.

Mit mancherlei sanften und weiblichen Diensten, welche niemand besser zu leisten wußte, als Mrs. Bird, wurde die arme Frau allmählich in eine ruhigere Stimmung gebracht. Man bereitete ihr ein Lager vor dem Feuer, und nach kurzer Zeit war sie mit dem Kinde, das nicht weniger müde als sie selbst zu sein schien, in einen tiefen Schlummer versunken. Auch das Kind schlief fest in ihren Armen, denn die Mutter widerstand mit aufgeregter Unruhe auch den freundlichsten Versuchen, es ihr abzunehmen, und selbst noch im Schlafe hielt sie es fest, als ob selbst dann noch ihre Wachsamkeit hintergangen werden könnte.

Mr. und Mrs. Bird waren in das Wohnzimmer zurückgekehrt, wo, so seltsam es auch erscheinen mag, von keiner Seite auf das frühere Gespräch angespielt wurde, sondern Mrs. Bird sich mit ihrer Strickerei beschäftigte, und Mr. Bird tat, als lese er die Zeitung.

»Ich möchte wissen, wer und was sie ist«, sagte Mr. Bird endlich, als er das Blatt hinlegte.

»Wenn sie wieder aufwacht und sich etwas erholt hat, werden wir ja sehen«, erwiderte Mrs. Bird.

»Ich sage, Frau!« sagte Mr. Bird, nachdem er eine Weile schweigend über seiner Zeitung dagesessen hatte.

»Nun, mein Lieber.«

»Was meinst du, würde ihr nicht eins von deinen Kleidern passen, wenn du es herunterläßt, oder so was? Sie scheint mir etwas größer als du zu sein.«

Ein sehr bemerkbares Lächeln glitt über Mrs. Birds Gesicht, als sie antwortete: »Wir werden ja sehen.«

Eine neue Pause, und Mr. Bird äußerte sich abermals: »Höre mal, Frau!«

»Nun, was wünschest du?«

»Wir haben da den alten Mantel, den du aufgehoben hast, um mich während des Mittagsschläfchens damit zuzudecken; du könntest ihr auch den geben – sie braucht Kleider.«

In diesem Augenblick steckte Dinah den Kopf zur Tür herein und meldete, daß die Frau wach sei und Missis zu sehen wünsche.

Mr. und Mrs. Bird gingen in die Küche, begleitet von den beiden ältesten Knaben, denn die Kleinen waren schon glücklich zu Bett gebracht.

Die Frau saß jetzt aufrecht vor dem Feuer. Sie blickte mit ruhigem, resigniertem Gesicht, von dem die früher leidenschaftliche Aufregung verschwunden war, fest in die Flamme.

»Wünscht Ihr etwas von mir«, sagte Mrs. Bird in sanftem Tone. »Ich hoffe, Ihr befindet Euch jetzt besser, arme Frau!«

Ein langer, zitternder Seufzer war die einzige Antwort; aber sie erhob ihre dunklen Augen und heftete dieselben mit einem so verzweiflungsvollen und flehenden Ausdruck auf die kleine Frau, daß dieser die Tränen in die Augen traten.

»Ihr braucht Euch hier nicht zu fürchten; wir sind lauter Freunde hier, arme Frau! Woher kommt Ihr und was wollt Ihr hier?« sagte sie.

»Ich komme von Kentucky herüber«, sagte die Frau.

»Wann?« sagte Mr. Bird, der jetzt das Verhör übernahm.

»Diesen Abend.«

»Wie kamt Ihr herüber?«

»Über das Eis.«

»Über das Eis?« riefen alle Anwesenden.

»Ja«, sagte die Frau langsam, »über das Eis. Gott half mir; und ich kam herüber; denn sie waren hinter mir – dicht hinter mir – und es war kein anderer Weg der Rettung!«

»Ach Gott, Missis«, sagte Cudjoe, »das Eis ist in lauter Schollen zerspalten und schwankt und schaukelt im Wasser auf und nieder!«

»Ich wußte es – ich wußte es!« sagte sie verstört. »Aber ich tat es! Ich hätte nicht gedacht, daß ich's könnte – ich glaubte nicht, daß ich hinüberkommen würde, aber es war gleichgültig! Ich konnte nur sterben, wenn ich es nicht tat. Der Herr half mir; niemand weiß, wie sehr der Herr helfen kann, bis man es versucht«, sagte die Frau mit flammendem Auge.

»Wart Ihr eine Sklavin?« sagte Mr. Bird.

»Ja, Sir; ich gehörte einem Manne in Kentucky.«

»War er hart gegen Euch?«

»Nein, er war ein guter Herr.«

»Oder war Eure Herrin hart gegen Euch?«

»Ach nein, Sir – nein! Meine Herrin hat mich immer gut behandelt.«

»Was konnte Euch dann bewegen, eine gute Herrschaft zu verlassen und fortzulaufen und Euch solchen Gefahren auszusetzen?«

Die Frau sah Mrs. Bird mit einem gespannten prüfenden Blick an, und es entging ihr nicht, daß sie in tiefe Trauer gekleidet war.

»Ma'am«, sagte sie plötzlich, »haben Sie jemals ein Kind verloren?«

Die Frage kam unerwartet und berührte eine noch frische Wunde; denn erst vor einem Monat hatte die Familie eines ihrer Lieblingskinder in das Grab gelegt.

Mr. Bird wendete sich weg und ging ans Fenster, und Mrs. Bird brach in Tränen aus; aber sie gewann bald ihre Stimme wieder und sprach:

»Warum fragt Ihr mich? Ich habe ein Kleines verloren.«

»Dann werden Sie für mich fühlen. Ich habe zwei verloren – eins nach dem andern – habe ihr Grab dort zurückgelassen, wo ich herkomme, und nur das eine ist mir geblieben. Ich habe keine Nacht ohne den Knaben geschlafen, er war mein alles. Er war mein Trost und mein Stolz bei Tag und bei Nacht, und Ma'am, sie wollten mir ihn nehmen – wollten ihn verkaufen – wollten ihn verkaufen unten nach dem Süden und ihn ganz allein hinschicken – ein kleines schwaches Kind, das sein ganzes Leben lang noch nicht von seiner Mutter getrennt gewesen ist! Ich konnte das nicht ertragen, Ma'am. Ich wußte, ich würde zu nichts mehr taugen, wenn ich es geschehen ließ; und als ich erfuhr, daß die Papiere unterzeichnet und er verkauft war, entfloh ich mit ihm in der Nacht, und sie verfolgten mich – der Mann, der ihn gekauft hatte, und ein paar Leute von Master, und sie waren dicht hinter mir, und ich hörte sie. Da sprang ich hinüber aufs Eis, und wie ich über den Fluß kam, weiß ich nicht, aber das erste, was ich sah, war ein Mann, der mir das Ufer hinaufhalf.«

Die Frau schluchzte nicht und weinte nicht. Sie war in einer Stimmung, wo Tränen nicht mehr fließen; – aber alles um sie herum zeigte in irgendeiner charakteristischen Weise Zeichen herzlicher Teilnahme.

»Wie kamt Ihr dazu, mir zu sagen, Ihr hättet einen guten Herrn gehabt?« fragte Mr. Bird und überwand sehr entschlossen ein fatales Zusammenschnüren in der Kehle, während er sich rasch nach der Frau umwandte.

»Weil er wirklich ein guter Herr war – das werde ich stets von ihm sagen, und meine Herrin war gut, aber sie konnten sich nicht helfen. Sie waren Geld schuldig, und sie hatten sich einem Manne in die Hand gegeben, ich weiß nicht wie, und mußten nach seinem Willen tun. Ich horchte und hörte, wie er Missis das sagte und wie sie für mich bat und flehte, und er sagte ihr, er könne sich nicht anders helfen und die Papiere wären alle unterzeichnet, und dann nahm ich meinen Knaben und entfloh. Ich wußte, es war umsonst, daß ich zu leben versuchte, wenn sie mir ihn nahmen, denn dies Kind ist mein alles und einziges auf der Welt.«

»Habt Ihr einen Mann?«

»Ja, aber er gehört einem andern. Sein Herr ist hart gegen ihn und läßt ihn nur sehr selten zu mir gehen, und er wird mit jedem Tage hartherziger und droht, ihn nach dem Süden hinunter zu verkaufen. Wahrscheinlich werde ich ihn nie wiedersehen!«

»Und wohin wollt Ihr nun, arme Frau?« sagte Mrs. Bird.

»Nach Kanada, wenn ich nur wüßte, wo es wäre. Es ist sehr weit, nicht wahr?« sagte sie und blickte Mrs. Bird mit einer einfachen vertrauenden Miene ins Gesicht.

»Armes Weib!« sagte Mrs. Bird unwillkürlich.

»Es ist sehr weit, nicht wahr?« sagte die Frau dringend.

»Viel weiter, als Ihr denkt!« sagte Mrs. Bird. »Aber wir wollen sehen, was wir für Euch tun können. Dinah, mache ihr ein Bett in deinem Zimmer dicht bei der Küche zurecht, und ich will morgen früh sehen, was ich für sie tun kann. Unterdessen macht Euch keine Sorge, gute Frau. Vertraut auf Gott, er wird Euch nicht verlassen.«

Mrs. Bird und ihr Gatte kehrten wieder in die Wohnstube zurück. Sie setzte sich auf ihren kleinen Schaukelstuhl vor das Feuer und wiegte sich gedankenvoll hin und her. Mr. Bird ging im Zimmer auf und ab und brummte vor sich hin: »Hm! Hm! Verwünscht dumme Geschichte!« Endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte:

»Hör mal, Frau, sie muß noch heute nacht fort. Der Kerl wird morgen ganz früh auf ihrer Spur sein, das kannst du glauben. Wenn's nur die Frau wäre, die könnten wir hier versteckt halten, bis der Lärm vorbei wäre, aber der kleine Kerl läßt sich nicht von einem Regiment in Ruhe erhalten, dafür will ich stehen; der steckt sicher einmal den Kopf zu einem Fenster oder einer Tür hinaus und verrät alles. Und eine schöne Geschichte wär's für mich, wenn sie jetzt gerade die beiden Leute hier fänden! Nein, sie müssen noch heute nacht fort.«

»Heute nacht? Wie ist das möglich? – Wohin?«

»Nun, ich weiß so ziemlich wohin«, sagte der Senator, der jetzt mit nachdenklicher Miene die Stiefel anzuziehen anfing. Plötzlich, als er halb drin war, hielt er wieder inne, umschlang das Knie mit beiden Händen und schien in tiefes Sinnen verloren.

»Es ist eine verwünscht dumme und garstige Geschichte«, sagte er endlich und fing wieder an, an den Stiefelstrippen zu ziehen, »und das ist ein Faktum!« Nachdem ein Stiefel angezogen war, blieb der Senator mit dem andern in der Hand sitzen, in Betrachtung der Arabesken des Teppichs verloren. »Es muß aber doch geschehen, soviel ich sehen kann – hol's der Henker!« Und er zog rasch den andern Stiefel an und sah zum Fenster hinaus.

Die kleine Mrs. Bird war eine diskrete Frau – eine Frau, die nie in ihrem Leben sagte: »Habe ich dir's nicht gleich gesagt!« Und so hütete sie sich wohl bei der gegenwärtigen Gelegenheit, obgleich sie ziemlich gut wußte, welche Richtung die Gedanken ihres Mannes nahmen, ihn im mindesten in seinem Sinnen zu stören, sondern blieb ganz ruhig auf ihrem Stuhl sitzen, allem Anschein nach stets bereit, ihres Gebieters Absichten zu hören, wenn er für gut finden sollte, sie ihr mitzuteilen.

»Du mußt wissen, Frau«, sagte er, »mein alter Klient van Trompe ist von Kentucky herübergezogen und hat alle seine Sklaven freigegeben; und er hat sich sieben Meilen den Creek hinauf hinten im Walde eine Farm gekauft, wo niemand hinkommt, wenn er es nicht vorsätzlich tut, und 's ist ein Ort, den man nicht so bald findet. Dort würde sie sicher genug sein; aber das Dumme bei der Geschichte ist, daß niemand in einer solchen Nacht dorthin fahren kann als ich.«

»Warum nicht? Cudjoe ist ein vortrefflicher Kutscher.«

»Ja, wohl, aber die Sache ist die: Man muß zweimal über den Creek; und die zweite Furt ist sehr gefährlich, wenn man sie nicht so genau kennt, wie ich sie kenne. Ich habe den Weg wohl hundertmal zu Pferde gemacht und kenne jede Stelle davon. Du siehst also, es hilft nichts. Cudjoe muß so geräuschlos als möglich gegen zwölf Uhr anspannen, und ich fahre sie hinüber; und dann, um der Sache einen Anstrich zu geben, muß er mich nach der nächsten Schenke fahren, um die Landkutsche nach Columbus, die zwischen drei und vier dort vorbeikommt, abzuwarten, und so sieht es aus, als ob ich bloß deshalb hätte anspannen lassen. So bin ich denn wieder mit frühem Morgen in der besten Arbeit. Aber ich glaube, ich werde mir etwas kurios vorkommen, nach allem, was gesprochen und getan worden ist; aber hol's der Henker, ich kann nicht anders!«

»Dein Herz ist in dieser Sache besser als dein Kopf, John«, sagte seine Frau und legte ihre kleine weiße Hand auf die seinige. »Hätte ich dich jemals liebhaben können, wenn ich dich nicht besser gekannt hätte, als du dich selbst kennst!« Und die kleine Frau sah so hübsch aus mit ihren tränenglänzenden Augen, daß der Senator glaubte, er müsse ein ganz entsetzlich gescheiter Kerl sein, daß ein so hübsches Wesen eine so leidenschaftliche Liebe zu ihm fassen konnte; und was konnte er nun anders tun, als hübsch artig nach dem Wagen zu sehen? Er blieb jedoch in der Tür einen Augenblick stehen, kehrte dann wieder um und sagte nach einigem Zögern:

»Mary, ich weiß nicht, was du davon denkst, aber wir haben noch einen Kasten voll von Sachen – von – von – dem armen guten Henry.« Mit diesen Worten drehte er sich rasch um und machte die Tür hinter sich zu.

Seine Frau öffnete die kleine Schlafzimmertür neben ihrer Stube und setzte das Licht auf ein dort stehendes Bord, dann nahm sie aus einer Ecke einen Schlüssel und steckte ihn gedankenvoll in das Schloß eines Kastens, bis zwei Knaben, die nach Kinderart ihr dicht auf dem Fuße gefolgt waren, stumm und bedeutsame Blicke auf ihre Mutter werfend, zusahen.

Mrs. Bird zog langsam den Kasten auf. Es lagen darin Kinderkutten von allerlei Schnitt und Muster, Haufen Schürzen und Reihen von Strümpfchen; und selbst ein paar kleine Schuhe, vorn an den Zehen abgenutzt und abgestoßen, guckten aus einem Papier heraus. Dann ein Pferd und ein Wagen, ein Kreisel, ein Ball – Erinnerungszeichen, die mit mancher Träne und manchem herzzerbrechenden Seufzer gesammelt waren! Sie setzte sich vor dem Kasten nieder, legte den Kopf in die Hände und weinte, bis die Tränen durch ihre Finger in den Kasten fielen; dann erhob sie das Haupt und begann mit unruhiger Hast die einfachsten und haltbarsten Sachen herauszusuchen und sie in ein Bündel zusammenzupacken.

»Mama«, sagte einer der Knaben und berührte sanft ihren Arm, »willst du diese Sachen weggeben?«

»Liebe Kinder«, sagte sie sanft und ernst, »wenn unser guter, lieber, kleiner Henry auf uns vom Himmel herabsieht, so wird er sich freuen, uns das tun zu sehen. Ich könnte es nicht übers Herz bringen, sie einer gewöhnlichen Person zu schenken – jemandem, der nicht unglücklich ist; aber ich gebe sie einer Mutter, die größeren Kummer und bittreres Leid zu tragen hat als ich, und ich hoffe, Gott wird seinen Segen mit ihnen geben.«

Nach einer Weile schließt Mrs. Bird einen Kleiderschrank auf, holt ein oder zwei einfache brauchbare Kleider, setzt sich an ihr Arbeitstischchen und fängt rührig und still mit Nadel und Schere und Fingerhut das von ihrem Gatten empfohlene Herauslassen an, und fährt damit geschäftig fort, bis die alte Uhr in der Ecke zwölf schlägt und sie draußen vor der Tür das dumpfe Rollen von Rädern hört.

»Mary«, sagte ihr Mann, der jetzt mit dem Überrock in der Hand ins Zimmer trat, »wir müssen sie jetzt wecken; wir müssen fort.«

Mrs. Bird warf die verschiedenen ausgesuchten Sachen in einen kleinen, einfachen Koffer und schloß ihn zu, bat ihren Mann, ihn nach dem Wagen bringen zu lassen, und ging dann fort, um die Frau zu rufen. Angetan mit einem Mantel, einem Hut und einem Tuch, die ihrer Wohltäterin gehört hatten, erscheint die Frau mit dem Kinde auf dem Arme bald in der Tür. Mr. Bird schiebt sie rasch in den Wagen und Mrs. Bird begleitet sie bis an die Wagentür. Elisa lehnt sich zum Fenster heraus und reicht ihr die Hand, eine Hand so weich und schön wie die der weißen Dame. Sie heftet ihre großen dunklen Augen voll ernster Bedeutung auf Mrs. Birds Gesicht und scheint sprechen zu wollen. Ihre Lippen bewegen sich, sie versucht es ein oder zweimal, aber kein Laut wird hörbar, und mit einem nie zu vergessenden Blick gen Himmel deutend, sinkt sie auf ihren Sitz zurück und verhüllt sich das Gesicht mit den Händen. Die Tür wird zugemacht, und der Wagen fährt fort.

Was ist das für eine Lage für einen patriotischen Senator, der die ganze vorige Woche die Legislatur seines heimatlichen Staates angetrieben hat, strengere Beschlüsse gegen flüchtige Sklaven und ihre Helfer zu erlassen!

Er hatte nie daran gedacht, daß ein flüchtiger Sklave eine unglückliche Mutter sein könnte oder ein schutzloses Kind, wie dasjenige, welches jetzt seines unvergessenen Knaben kleine wohlbekannte Mütze trug; und so war unser armer Senator, da er weder von Stein noch von Eisen war, sondern ein Mensch, und zwar ein ehrlicher mit reinem, edlem Herzen, in einer traurigen Lage für seinen Patriotismus.

Wenn unser Senator ein politischer Sünder war, so war er ganz auf dem Wege, dafür eine Nacht Buße zu tun. Es war ziemlich lange regnerisches Wetter gewesen, und der weiche fruchtbare Boden von Ohio eignet sich bekanntlich ganz besonders zur Erzeugung von Schlamm, und der Weg war ein Ohio-Railweg aus der guten alten Zeit.

Und was mag das wohl für eine Art Weg sein? fragt ein Reisender aus dem Osten, der bei dem Railweg nur an einen echten mit eisernen Schienen denkt.

Wisse denn, unschuldiger Freund aus dem Osten, daß man in den umnachteten Regionen des Westens, wo der Kot von unergründlicher und erhabener Tiefe ist, Wege aus runden, unbehauenen Baumstämmen macht, die man nebeneinander quer über die Straße legt und mit Erde, Rasen oder was sonst bei der Hand ist, überzieht. Dieses nennt dann der Eingeborene frohlockend eine Straße, und versucht sofort, darauf zu fahren. Im Verlauf der Zeit spült der Regen Rasen und Erde weg, schiebt die Stämme hierhin und dorthin in malerische Lagen hinunter, herauf und querüber und läßt verschiedene Löcher und Abgründe von schwarzem Schlamm dazwischen erscheinen.

Auf einem solchen Wege fuhr unser Senator dahin, so sehr mit moralischen Bedenken beschäftigt, wie es die Umstände nur erlauben wollten, denn der Wagen fuhr etwa auf folgende Weise: Bumm! Bumm! Bumm! Platsch! Tief unten im Schlamm! Und der Senator, die Frau und das Kind verlieren ihre Plätze so plötzlich, daß sie in keiner sehr ordentlichen Lage sich plötzlich an den Fenstern der tieferliegenden Seite wiederfinden. Der Wagen sitzt fest, während man Cudjoe draußen unter den Pferden schimpfen hört. Nach mannigfachem, vergeblichem Ziehen und Zerren, gerade als der Senator alle Geduld verliert, kommt der Wagen unerwartet mit einem gewaltigen Rucke heraus, aber die beiden Vorderräder fahren in einen andern Abgrund hinunter, und Senator, Frau und Kind purzeln alle in einem Haufen auf den Vordersitz; der Stoß drückt dem Senator den Hut ganz ohne Umstände bis über die Augen und Nase herunter; das Kind schreit, und Cudjoe hält draußen auf dem Bock den Pferden, welche unter wiederholten Peitschenhieben ausschlagen und sich wälzen und anziehen, lebhafte Reden. Der Wagen kommt abermals mit einem Sprunge heraus – nun fahren die hinteren Räder hinunter – Senator, Frau und Kind fliegen auf den Rücksitz hinüber, wobei seine Ellenbogen mit ihrem Hut zusammenstoßen und ihre Füße sich in seinen Hut stemmen, der durch den Zusammenstoß herunterfliegt. Nach einigen Augenblicken ist der Morast überwunden, und die Pferde machen keuchend halt; der Senator findet seinen Hut wieder, die Frau rückt den ihrigen zurecht und beruhigt das Kind, und alle sammeln Fassung für das noch zu Erwartende.

Eine Weile lang wird das beständige: Bumm! Bumm! nur der Abwechslung wegen von verschiedenen einseitigen Versenkungen und Erschütterungen unterbrochen, und sie fangen schon an, sich zu schmeicheln, daß es ihnen gar nicht so sehr schlimm geht. Aber zuletzt bleibt der Wagen mit einem senkrechten Sturz, der alle mit einer unglaublichen Schnelligkeit erst auf die Beine und dann wieder in ihre Sitze zurückbringt, stehen, und nach großem Lärm draußen erscheint Cudjoe an der Tür.

»'s ist eine schrecklich böse Stelle hier, Sir. Ich weiß nicht, wie wir herauskommen sollen. Ich glaube, wir müssen hier Rails holen.«

In seiner Verzweiflung steigt der Senator aus dem Wagen und sucht zimperlich nach einem Fleck, wo er sicher auftreten kann. Plötzlich rutscht der eine Fuß in eine unermeßliche Tiefe hinunter, er versucht ihn herauszuziehen, verliert das Gleichgewicht, purzelt in den Schlamm hinein und wird in einem sehr verzweifelten Zustand von Cudjoe wieder herausgefischt.

Es war schon sehr spät nachts, als der Wagen naß und kotbespritzt aus dem Creek herauskam und an der Tür eines großen Farmhauses hielt. Es kostete keine geringe Mühe, die Inwohner zu erwecken; aber endlich erschien der Besitzer und öffnete die Tür. Es war ein großer, langer, struppiger Bursche, sechs Fuß und einige Zoll lang, und angetan mit einem roten flanellenen Jagdhemd. Ein sehr dichter Pelz von sandgelbem Haar in ganz entschiedener Verwirrung, und ein Bart von einigen Tagen verlieh dem würdigen Manne ein Aussehen, das mindestens gesagt, nicht besonders einnehmend war. Er stand ein paar Minuten lang da und hielt das Licht in die Höhe und blinzelte unsere Reisenden mit einer unglücklichen und verwirrten Miene an, die wahrhaft lächerlich war. Es kostete unseren Senator einige Mühe, ihm die vorliegende Sache recht begreiflich zu machen.

Der alte ehrliche John van Trompe war früher ein beträchtlicher Land- und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky gewesen. Da er vom Bären nichts als das Fell hatte und von Natur mit einem großen, ehrlichen, gerechten Herzen, seinem riesigen Körper ganz angemessen, beschenkt war, so hatte er schon seit einigen Jahren mit unterdrückter Besorgnis die praktische Anwendung eines Systems gesehen, das für den Bedrücker und den Bedrückten gleich schlecht ist. Endlich schwoll eines Tages Johns großes Herz zu sehr an, um seine Fesseln länger tragen zu können; so nahm er denn seine Brieftasche aus dem Pulte und ging hinüber nach Ohio und kaufte eine schöne Strecke fruchtbares Land, stellte allen seinen Leuten, jung und alt, Mann und Weib, Freibriefe aus, packte sie auf Wagen und schickte sie fort, um sich drüben niederzulassen; und dann wendete sich der ehrliche John den Creek aufwärts und zog sich auf eine hübsche entlegene Farm zurück, um sich seines Gewissens und seiner Gedanken zu erfreuen.

»Seid Ihr der Mann dazu, eine arme Frau und ein Kind vor den Sklavenfängern zu verbergen?« fragte der Senator ohne weitere Umstände.

»Das sollte ich wohl meinen«, sagte der ehrliche John mit großem Nachdruck.

»Das dachte ich mir«, sagte der Senator.

»Wenn einer kommt«, sagte der gute Mann und richtete seine hohe, kräftige Gestalt in die Höhe, »so bin ich hier bereit für ihn; und ich habe sieben Söhne, jeder sechs Fuß hoch, und sie werden bereit für sie sein. Vermeldet ihnen unsern Gruß«, sagte John. »Sagt ihnen, daß es uns ganz gleich ist, wie bald sie kommen, ganz vollkommen gleich«, sagte John und fuhr mit der Hand durch den Haarpelz, der wie ein Dach über seine Stirn hing, und brach in ein lautes Lachen aus.

Erschöpft, todmüde und stumpf schleppte sich Elisa bis an die Tür und hatte in den Armen ihr in tiefem Schlummer liegendes Kind. Der rauhe Farmer hielt ihr das Licht ins Gesicht und öffnete mit einer Art mitleidigem Grunzen die Tür eines kleinen Schlafzimmers neben der großen Küche, wo sie sich jetzt befanden, und bedeutete sie mit der Hand hineinzugehen. Er holte eine Kerze herunter, zündete sie an, setzte sie auf den Tisch und sagte dann zu Elisa:

»Mein Mädel, du brauchst dich auch nicht ein bißchen mehr zu fürchten, mag kommen, wer da will. Ich bin auf all diese Sachen gefaßt«, sagte er und wies auf zwei oder drei gute Büchsen, die über dem Kamin hingen; »und die meisten Leute, die mich kennen, wissen, daß es nicht sehr gesund sein würde, etwas aus meinem Hause holen zu wollen, wenn ich's nicht hinauslassen will. So leg dich denn hin zum Schlafen, so ruhig als ob deine Mutter dich wiegte«, sagte er und machte die Tür zu.

»Das ist ja ein gewaltig schönes Mädchen«, sagte er zum Senator. »Ja, ja, die Schönen haben manchmal die größte Ursache, fortzulaufen, wenn sie nur ein bißchen Gefühl als ehrliche Mädchen haben. Ich kenne das schon.«

Der Senator erzählte in wenigen Worten Elisas Geschichte.

»Hm! Ah! So! Hm, höre einer nur!« sagte der gute Mann mitleidig.

»Hm! Ah! Ah! Das ist Menschennatur, das arme Geschöpf! Niedergehetzt wie ein Stück Wild – niedergehetzt, weil sie natürliche Gefühle hatte und tat, was keine Mutter unterlassen konnte! Ich sage Euch, diese Sachen bringen mir von allen das Fluchen am nächsten«, sagte der ehrliche John, wie er sich mit dem Rücken seiner großen, sommersprossigen, gelben Hand die Augen wischte. »Ich will Euch was sagen, Fremder, ich bin lange Jahre nicht der Kirche beigetreten, weil die Geistlichen unten bei uns beständig predigten, daß die Bibel diese Geschichten rechtfertige; und ich konnte mit ihnen nicht fertig werden, mit ihrem Griechischen und Hebräischen, und ich setzte mich gegen sie und gegen die Bibel und alles. Ich trat der Kirche nicht eher bei, als bis ich einen Geistlichen fand, der es mit ihnen im Griechischen und alledem aufnehmen konnte und ganz das Gegenteil sagte: Und dann faßte ich mich kurz und schloß mich der Kirche an; – so war's, faktum«, sagte John, der die ganze Zeit über eine Flasche sehr lebhaft schäumenden Apfelwein entkorkt hatte, den er jetzt präsentierte.

»Ihr tätet am besten, bis zum Morgen hierzubleiben«, sagte er herzlich. »Ich will meine Alte rufen und ein Bett soll für Euch fertig sein, ehe Ihr Euch umsehen könnt.«

»Ich danke Euch, guter Freund«, sagte der Senator, »ich muß fort, um die Nachtkutsche nach Columbus abzuwarten.«

»Nun, wenn Ihr fort müßt, will ich Euch ein Stück begleiten und Euch einen Richtweg zeigen, der besser ist als die Straße, die Ihr gefahren seid. Das ist ein verwünscht böser Weg.«

John zog sich an, und bald darauf sah man ihn mit einer Laterne in der Hand den Wagen des Senators nach einem Wege führen, der sich hinter seinem Hause in eine Tiefe senkte. Als sie schieden, drückte ihm der Senator eine Zehndollarnote in die Hand.

»Das ist für sie«, sagte er kurz.

»Ja, ja«, sagte John mit gleicher Wortkargheit.

Sie schüttelten sich die Hände und schieden voneinander.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.