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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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5. Kapitel

Die Entdeckung

Nach dem langen Gespräch am vorigen Abend schliefen Mr. und Mrs. Shelby nicht sehr rasch ein und blieben daher folgenden Morgen etwas länger als gewöhnlich im Bett.

»Ich möchte wissen, wo Elisa bleibt«, sagte Mrs. Shelby, nachdem sie mehrere Male vergeblich geklingelt hatte.

Mr. Shelby stand vor seinem Rasierspiegel und schärfte sich das Messer, und gerade jetzt ging die Tür auf, und ein farbiger Knabe brachte das Rasierwasser herein.

»Andy«, sagte seine Herrin, »geh einmal an Elisas Tür und sage ihr, ich hätte ihr dreimal geklingelt. Das arme Mädchen!« setzte sie halblaut mit einem Seufzer hinzu.

Andy kehrte bald zurück, die Augen weit aufgerissen vor Staunen.

»Ach, Missis, Lizzys Kasten sind alle offen, und ihre Sachen liegen alle in der Stube herum, und ich glaube, sie ist fortgelaufen.«

Mr. Shelby und seine Frau erkannten auf der Stelle die Wahrheit. Er rief aus: »Dann hat sie es geargwöhnt und ist fort.«

»Gott sei gepriesen!« sagte Mrs. Shelby. »Ich hoffe, sie ist fort.«

»Weib, sprich nicht so töricht! Wenn sie wirklich fort ist, wird es wahrhaftig für mich eine sehr unangenehme Sache sein. Haley sah, daß ich das Kind nicht gern verkaufte, und wird denken, ich stecke mit der Flüchtigen unter einer Decke. Das berührt meine Ehre!« Und Mr. Shelby verließ hastig das Zimmer.

Eine Viertelstunde lang war großes Rennen und Schreien und Öffnen und Zuschlagen von Türen, und allerorts zeigten sich Gesichter von allen Schattierungen der Schwärze. Nur eine Person, die einige Aufklärung über die Sache hätte geben können, war ganz still, und das war die erste Köchin, Tante Chloe. Schweigend und mit tiefem Kummer auf ihrem früher so heiteren Gesicht, bereitete sie die Frühstücksbiskuits, als ob sie von der Aufregung rundum nichts hörte und sähe.

In wenigen Minuten hockten ein Dutzend junge Kobolde, wie ebensoviele Krähen, auf dem Verandagitter, jeder entschlossen, dem fremden Handelsmann sein Mißgeschick zuerst mitzuteilen.

»Er wird verrückt sein, wette ich«, sagte Andy.

»Wird der fluchen!« sagte der kleine schwarze Jake.

»Ja, denn er flucht wirklich«, sagte die wollköpfige Mandy. »Ich hab's gestern beim Essen gehört. Ich hörte dabei die ganze Geschichte, weil ich in der Kammer war, wo Missis die großen Töpfe aufbewahrt, und habe jedes Wort gehört.« Und Mandy, die niemals in ihrem Leben an die Bedeutung eines gehörten Wortes dachte, sowenig, wie eine schwarze Katze, nahm jetzt eine Miene überlegener Weisheit an und stolzierte herein und vergaß dabei ganz, zu sagen, daß sie zwar zu der angegebenen Zeit wirklich unter den Töpfen gehockt, aber keine Minute ein Auge aufgetan hatte.

Als endlich Haley gestiefelt und gespornt kam, wurde ihm die schlechte Nachricht von allen Seiten zugeschrien. Die jungen Kobolde auf der Veranda sahen sich in ihrer Hoffnung nicht getäuscht, ihn fluchen zu hören; denn er fluchte mit einer Geläufigkeit und einem Feuer, welches sie alle erstaunlich ergötzte, wie sie sich duckten und hin und her rutschten, um nicht in den Bereich seiner Reitpeitsche zu kommen, und endlich mit einem frohlockenden Geheul und alle zusammen unmenschlich kichernd sich auf dem verdorrten Rasen unter der Veranda wälzten, wo sie die Beine in die Höhe warfen und nach Herzenslust brüllten.

»Wenn ich die kleinen Teufel hätte!« brummte Haley zwischen den Zähnen.

»Aber Ihr habt sie noch nicht«, sagte Andy mit einer triumphierenden Gebärde und zog hinter dem Rücken des unglücklichen Handelsmannes, als derselbe außer Hörweite war, eine ganze Reihe unbeschreiblicher Gesichter.

»Das muß ich sagen, Shelby, das ist ja eine ganz merkwürdige Geschichte!« sagte Haley, wie er ohne weitere Begrüßung in das Zimmer trat. »Ich höre, das Mädchen ist fort mit ihrem Kleinen.«

»Mr. Haley, Mrs. Shelby ist anwesend«, sagte Mr. Shelby.

»Ich bitte um Verzeihung, Madam«, sagte Haley und verbeugte sich, immer noch mit finsterer Stirn, flüchtig, »aber dennoch sage ich, wie ich schon vorhin sagte, daß das eine merkwürdige Geschichte ist. Ist's wahr, Sir?«

»Sir«, sagte Mr. Shelby, »wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen, so müssen Sie einigermaßen den Anstand eines Gentleman beobachten. Andy, nimm Mr. Haleys Hut und Reitpeitsche. Nehmen Sie Platz, Sir. Ja, Sir, ich bedauere, Ihnen sagen zu müssen, daß das junge Weib, das uns entweder belauscht oder auf andere Weise etwas von dieser Sache gehört hat, in seiner Aufregung während der Nacht das Kind genommen hat und fortgelaufen ist.«

»Ich gestehe, ich erwartete in dieser Sache ehrlich behandelt zu werden«, sagte Haley.

»Wie soll ich diese Bemerkung verstehen, Sir?« sagte Mr. Shelby mit Schärfe. »Wenn jemand meine Ehre in Frage zieht, so habe ich bloß eine Antwort darauf.«

Der Handelsmann wurde darauf eingeschüchtert und sagte etwas weniger laut: »Es ist verdammt hart für einen Kerl, auf diese Weise geleimt zu werden.«

»Mr. Haley«, sagte Mr. Shelby, »wenn ich nicht glaubte, daß Sie einigen Grund zu übler Laune hätten, so hätte ich die grobe und ungenierte Art Ihres Eintritts in mein Zimmer heute morgen nicht geduldet. Ich sage jedoch soviel, daß ich mir keine Andeutung gefallen lassen werde, als ob ich bei irgendeinem unehrlichen Vorgehen in dieser Sache Mitschuldiger wäre. Außerdem werde ich mich verpflichtet fühlen, Ihnen mit Pferden, Dienern usw. jeden Beistand zur Erlangung Ihres Eigentums zu leisten. Ich meine also, Haley«, sagte er und vertauschte plötzlich den Ton würdevoller Kälte mit seiner gewöhnlichen gemütlichen Offenheit, »das beste für Sie ist, Sie bleiben bei guter Laune und frühstücken mit mir, und wir wollen dann sehen, was zu tun ist.«

Mrs. Shelby stand jetzt auf, entschuldigte sich mit Geschäften, die sie verhinderten, für heute bei dem Frühstück anwesend zu sein, und stellte eine sehr achtbare Mulattin an den Seitentisch, um die Herren mit Kaffee zu bedienen; dann verließ sie das Zimmer.

»Der Alten scheint Ihr ergebener Diener nicht besonders zu gefallen«, sagte Haley mit einem ungeschickten Versuch, vertraulich zu tun.

»Ich bin nicht gewohnt, von meiner Frau in solchen Ausdrücken sprechen zu hören«, sagte Mr. Shelby trocken.

»Bitte um Verzeihung, natürlich war es nur ein Scherz«, sagte Haley mit einem gezwungenen Lachen.

»Manche Scherze sind weniger angenehm als andere«, entgegnete Shelby.

»Teufelmäßig grob, seitdem ich die Papiere unterzeichnet habe!« brummte Haley in sich hinein. »Ganz großartig seit gestern.«

Niemals machte der Sturz eines Premierministers an einem Hof größeres Aufsehen und brachte mehr Aufregung hervor, als die Nachricht von dem Tom bevorstehenden Schicksal unter seinen Kameraden auf der Besitzung. Sie war überall, in jedermanns Mund, und im Hause und auf dem Felde wurde nichts gearbeitet, sondern alles stand da zusammen und sprach von ihren wahrscheinlichen Folgen. Elisas Flucht – ein beispielloses Ereignis auf dem Gut – half ebenfalls mit die allgemeine Aufregung vermehren. Der schwarze Sam, wie er gewöhnlich hieß, weil er ungefähr drei Schattierungen schwärzer war als jedes andere Stück lebendige Ebenholz auf dem Gute, überlegte sich die Sache gründlich in allen ihren Seiten und Beziehungen, und zwar mit einem weitschauenden Blick und einer starken Rücksicht auf sein eigenes persönliches Wohlbefinden, die jedem weißen Patrioten in Washington Ehre gemacht hätte.

»Das ist ein böser Wind, der niemand was Gutes zuwendet, das ist ein Faktum«, sagte Sam und zupfte seine Beinkleider in die Höhe und steckte geschickt einen großen Nagel an die Stelle eines fehlenden Hosenträgerknopfs, über welche Heldentat seines mechanischen Genies er hocherfreut zu sein schien.

»Ja, das muß ein böser Wind sein, der niemandem etwas Gutes zuweht«, wiederholte er. »Tom ist nun runter – natürlich ist nun Platz da, daß ein anderer Nigger rauf kann – und warum nicht Sam, dieser Nigger? – Das ist die Frage. Tom konnte im Lande herumreiten – mit gewichsten Stiefeln – den Paß in der Tasche – großartig wie ein Baron – warum er allein? Warum sollte es Sam nicht auch tun können? – Das möchte ich wissen.«

»Hallo Sam – o Sam! Master sagt, du sollst Bill und Jerry haschen«, sagte Andy, der jetzt Sams Selbstgespräch unterbrach.

»Heda! Was gibt's denn, Junge?«

»Nun, weißt du nicht, daß Lizzy mit ihrem Kleinen fort ist?«

»Will das Ei klüger sein!« sagte Sam mit unendlicher Verachtung. »Habe es schrecklich lange vor dir gewußt; der Nigger ist nicht so dumm, sage ich dir!«

»Na, jedenfalls sagte der Herr, du sollst Bill und Jerry gleich satteln; und du und ich sollen Master Haley begleiten, um sie zu suchen.«

»So, so! Das hat's also geschlagen!« sagte Sam. »Der Sam wird also in solchen Zeiten geholt. Er ist der Nigger. Wart, ob ich sie nun nicht hasche; Master soll sehen, was der Sam kann.«

»Aber, Sam«, sagte Andy, »überlege dir die Sache lieber noch einmal; denn Missis will nicht, daß sie gehascht werden soll, und sie wird dir in die Wolle fahren.«

»Eh!« sagte Sam und riß die Augen weit auf. »Woher weißt du das?«

»Habe es von ihr selber gehört, heute morgen, als ich Master das Rasierwasser hineinbrachte. Sie schickte mich in Lizzys Tür, um zu sehen, warum sie nicht zum Anziehen komme; und als ich ihr sagte, sie sei fort, stand sie auf und sagte: ›Gott sei gepriesen!‹ Und Master wurde ganz bös' darüber und sagte: ›Weib, spricht nicht so töricht!‹ Aber Gott! sie wird ihn schon rumkriegen, ich weiß recht gut, wie das kommen wird – es ist immer am besten, sich auf Missis' Seite vom Zaune zu stellen, das sage ich dir.«

Darauf kratzte der schwarze Sam seinen wolligen Schädel, der zwar keine tiefe Weisheit enthielt, aber doch einen guten Teil von der besonderen Sorte, die unter Politikern aller Tendenzen und Länder sehr stark verlangt wird und gewöhnlich die Wissenschaft, auf welcher Seite das Brot gebuttert ist, heißt. So schwieg er denn ernster Überlegung voll und zupfte seine Beinkleider in die Höhe, was ein regelmäßig eingeführter Kunstgriff war, seinem Geiste, wenn er in Nöten war, auf die Sprünge zu helfen.

»Es läßt sich doch auch gar nichts sagen von keiner Sache in dieser Welt«, sagte er endlich.

Sam sprach wie ein Philosoph und legte einen besonderen Nachdruck auf das dies – als ob er eine große Erfahrung in verschiedenen Sorten von Welten gemacht habe und deshalb mit Überlegung zu seiner Schlußfolgerung gekommen sei.

»Gewiß hätte ich doch nun gesagt, Missis würde die ganze Welt nach Lizzy durchsuchen lassen«, sagte Sam nachdenklich.

»Das würde sie auch«, sagte Andy; »aber kannst du durch keine Leiter sehen, du schwarzer Nigger? Missis will nicht, daß dieser Master Haley Lizzys Kleinen kriegt. Das ist die Sache!«

»Hei!« sagte Sam mit einem unbeschreiblichen Tone, den nur die kennen, die es von Negern gehört haben.

»Und ich will dir noch mehr sagen«, sagte Andy, »du tust besser, dich mit den Pferden dazuzuhalten – gar sehr, sage ich dir – denn ich hörte, wie Missis nach dir fragte – also hast du nun lange genug geläppscht.«

Darauf ging Sam in wirklichem Ernste ans Werk, erschien nach einer Weile vor dem Stall und galoppierte mit Bill und Jerry stolz nach dem Hause, warf sich geschickt aus dem Sattel, ehe sie an Stillstehen dachten, so daß sie wie ein Sturmwind an den Anbindepfahl herangefegt kamen. Haleys Pferd, eine scheue junge Stute, stutzte und bäumte sich und zerrte am Halfter.

»Ho, ho!« sagte Sam. – »Scheu bist du«, und über sein Gesicht flog ein seltsames boshaftes Lächeln. »Nun wollen wir dich schon kriegen!« sagte er.

Eine große Buche beschattete die Stelle, und scharfkantige dreieckige Bucheckern lagen dick auf dem Boden ausgestreut. Mit einer derselben in der Hand trat Sam an das Pferd heran, streichelte und klopfte es und schien ganz damit beschäftigt zu sein, seine Aufregung zu beschwichtigen. Unter dem Vorwand, den Sattel zurechtzurücken, wußte er sehr gewandt die scharfkantige Buchecker darunterzuschieben, so daß das geringste auf dem Sattel lastende Gewicht die empfindlichen Nerven des Tieres verletzen mußte, ohne das geringste Zeichen oder die kleinste Wunde zurückzulassen. »So!« sagte er und rollte die Augen mit einem billigenden Lachen. »Da haben wir ihn!«

In diesem Augenblick erschien Mrs. Shelby auf dem Balkon und winkte ihm. Sam näherte sich ihr mit einem so bestimmten Entschluß, den Höfling zu spielen, als jemals ein Bittsteller um eine erledigte Stelle in St. James oder Washington.

»Wo bist du so lange, Sam? Hat dir Andy nicht gesagt, du solltest dich beeilen?«

»Gott schütze Sie, Missis!« sagte Sam. »Pferde lassen sich nicht in einer Minute haschen, sie waren hinunter nach der südlichen Weide gelaufen, und Gott weiß, wohin sonst!«

»Sam, wie oft muß ich dir sagen, daß du nicht sagen sollst: Gott schütze Sie und Gott weiß und Ähnliches. Es ist gottlos.«

»O Gott verhüte! Ich vergesse es nicht, Missis! Ich werde so etwas nie wieder sagen.«

»Aber Sam, du hast es eben wieder gesagt.«

»Wirklich, o Gott! Ich meine – ich wollte es nicht sagen.«

»Du mußt dich in acht nehmen, Sam!«

»Aber lassen Sie mich einmal zu Atem kommen, Missis, und dann wird es schon gehen. Ich will mich sehr in acht nehmen.«

»Also Sam, du sollst Mr. Haley begleiten und ihm den Weg zeigen und ihm helfen. Nimm die Pferde in acht, Sam; du weißt, Jerry war vorige Woche ein wenig lahm; reite nicht gar zu schnell!«

Mrs. Shelby sprach die letzten Worte mit gedämpfter Stimme und starkem Nachdruck.

»Das überlassen Sie mir!« sagte Sam und rollte bedeutungsvoll die Augen. »Gott weiß! Hei! Habe ich es nicht gesagt!« sagte er und hielt plötzlich mit einer lächerlichen Gebärde des Begreifens, über die selbst seine Herrin wider ihren Willen lachen mußte, den Atem an. »Ja, Missis, ich will die Pferde in acht nehmen!«

»Nun Andy«, sagte Sam, der jetzt wieder auf seine alte Stelle unter den Buchen zurückkehrte, »ich muß dir sagen, es würde mich gar nicht wundern, wenn des Herrn Gaul dort ein bißchen störrisch würde, wenn er sich aufsetzt. Du weißt, Andy, Gäule tun so etwas manchmal«, und dabei puffte Sam Andy in einer höchst bedeutungsvollen Weise in die Seite.

»Hei!« sagte Andy mit einer Miene sofortigen Verständnisses.

»Ja, Andy, du mußt wissen, Missis will Zeit gewinnen – das ist dem allergewöhnlichsten Beobachter klar. Ich will ihr schon welche gewinnen. Wir wollen einmal sagen, alle diese Pferde rissen sich los und sprängen hier untereinander herum und dort unten nach dem Wald hin, so glaube ich doch, Master wird nicht so schnell fortkommen.«

Andy zeigte lachend die Zähne.

»Siehst du, Andy, siehst du«, sagte Sam, »wenn so was geschehen und Master Haleys Pferd sich losreißen sollte, so müssen wir ihm schon helfen, und wir wollen ihm helfen – o gewiß!« Und Sam und Andy legten die Köpfe zurück und brachen in ein halblautes unmäßiges Lachen aus, wobei sie in unendlichem Entzücken mit den Fingern schnalzten und mit den Füßen tanzten.

In diesem Augenblick erschien Haley in der Veranda; etwas besänftigt durch verschiedene Tassen sehr guten Kaffees, trat er lächelnd und sprechend in leidlich wieder hergestellter guter Laune heraus. Sam und Andy hatten jeder einen Palmhut als Kopfbedeckung und flogen jetzt zu dem Anbindepfahl hin, um Master zu helfen.

Sams Palmhut hatte sich von allen Ansprüchen auf Flechtwerk hinsichtlich seines Randes geschickt loszusagen gewußt, und die einzelnen in die Höhe stehenden Halme gaben ihm ein keckes und trotziges Wesen, wie man es nur bei einem Fidschi-Häuptling erwarten konnte; dagegen war der ganze Rand von Andys Hut rein verschwunden, und er setzte die Krone mit einem geschickten Puff auf den Kopf und sah sich vergnügt um, als wollte er sagen:

»Wer sagt, ich hätte keinen Hut?«

»Nun, Bursche, hübsch munter«, sagte Haley, »wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Keine Minute, Master!« sagte Sam und gab Haley die Zügel in die Hand und hielt ihm die Steigbügel, während Andy die beiden anderen Pferde losband.

Kaum hatte Haley den Sattel berührt, so stieg das feurige Tier mit einem plötzlichen Sprung empor und warf seinen Herrn ein paar Fuß weit auf den weichen trockenen Rasen nieder. Mit wahnsinnigem Geschrei haschte Sam nach den Zügeln, aber es gelang ihm bloß mit den hervorstehenden Halmen seines Palmhuts dem Pferd in die Augen zu fahren, was durchaus nicht dazu beitrug, seine Aufregung zu vermindern. Mit großer Heftigkeit rannte der Gaul Sam über den Haufen, schnaubte zwei- oder dreimal verächtlich, schlug hinten aus und galoppierte bald am anderen Ende der Rasenfläche in Gesellschaft mit Bill und Jerry, die Andy gemäß des Kontraktes und indem er ihnen verschiedene schwerwiegende Verwünschungen mit auf den Weg gegeben, nicht versäumt hatte, loszulassen. Und jetzt erfolgte eine Szene buntester Verwirrung. Sam und Andy liefen und schrien – Hunde bellten hier und dort – und Mike, Mose, Mandy, Fanny und all das kleine Zeug des Gutes männlichen und weiblichen Geschlechts rannte hin und her, klatschte in die Hände, heulte und schrie, erfüllt von dem ärgsten und unermüdlichsten Pflichteifer.

Haleys Pferd, ein sehr schnellfüßiger und feuriger Schimmel, schien mit großem Gefallen auf den Scherz einzugehen; und da ihm als Tummelplatz ein Rasenfleck von fast einer halben englischen Meile, der sich nach allen Seiten nach unbegrenztem Waldland hin absenkte, zu Gebote stand, so schien er eine ganz besondere Freude daran zu finden, zu sehen, wie nah er seine Verfolger kommen lassen durfte, und dann, wenn sie ihn fast mit der Hand ergreifen konnten, mit einem stolzen Wiehern davonzuspringen und weit hinein in eine Lichtung des Waldes zu galoppieren. Nichts fiel Sam weniger ein, als eins von den Pferden zu fangen, bevor er es an der Zeit hielt – und er machte wirklich die heroischsten Anstrengungen. Wie das Schwert des Königs Richard Löwenherz, welches immer in den vordersten Reihen und dem dichtesten Gewühl der Schlacht glänzte, war Sams Palmhut überall zu sehen, wo die mindeste Gefahr war, ein Pferd zu fangen; – dorthin stürzte er im vollen Jagen und brüllte: »Nun drauf! Faßt es! Faßt es!«, auf eine Weise, welche alles auf der Stelle in die wildeste Flucht jagte.

Haley lief auf und ab und fluchte, schimpfte und stampfte mit den Füßen. Vergebens versuchte Mr. Shelby von dem Balkon herab, seinen Leuten Befehle zuzuschreien, und Mrs. Shelby lachte und verwunderte sich abwechselnd am Fenster ihres Zimmers – nicht ohne einige Ahnung von dem wahren Grund der ganzen Verwirrung. Endlich gegen zwölf Uhr erschien Sam triumphierend auf Jerry reitend und Haleys Pferds, das von Schweiß dampfte, dessen funkelnde Augen und große Nüstern aber immer noch zeigten, daß der Geist der Freiheit noch nicht ganz gelähmt war, am Zügel führend.

»Ich habe es!« rief er triumphierend aus. »Wäre ich nicht gewesen, so hätten sie sich alle zu Tode gehetzt, aber ich hab's gefangen!«

»Du!« brummte Haley in durchaus nicht liebenswürdiger Laune. »Wenn du nicht gewesen wärest, wäre das gar nicht vorgefallen.«

»Gott behüte uns, Master«, sagte Sam in einem Ton des tiefsten Leidwesens, »und ich habe nach ihm gehascht und mich abgehetzt, bis mir der Schweiß vom Leibe floß wie ein Regen.«

»Sei still!« sagte Haley. »Mit deinem verdammten Unsinn habe ich fast drei Stunden verloren. Nun laß uns fortreiten und keine Streiche mehr!«

»Aber, Master«, wendete Sam ein, »ich glaube wahrhaftig, Sie wollen uns alle tot machen, die Pferde und uns. Hier können wir kaum noch auf den Beinen stehen, und die Pferde dampfen von Schweiß. Master wird doch nicht daran denken, vor dem Essen fortzureiten? Masters Pferd muß abgerieben werden; sehen Sie nur, wie naß es ist, und Jerry geht auch lahm; glauben Sie nicht, daß Missis uns so fortreiten lassen wird. Gott behüte Sie, Master, wir bringen es wieder ein, wenn wir auch jetzt bleiben. Lizzy war in ihrem Leben keine gute Fußgängerin.«

Mrs. Shelby, die zu ihrem großen Ergötzen von der Veranda aus diesem Gespräch zugehört hatte, entschloß sich jetzt ebenfalls, eine Rolle zu übernehmen. Sie trat hervor, bedauerte sehr höflich den widrigen Zufall, der Haley zugestoßen, und lud ihn dringend ein, zum Essen dazubleiben, welches die Köchin sofort auftragen werde.

Nach einiger Überlegung begab sich Haley mit nicht besonders freundlichem Gesicht in die Wohnstube zurück, während Sam, der ihm mit rollenden Augen voll unsäglicher Bedeutsamkeit nachsah, die Pferde ernsthaft nach den Stallungen zurückführte.

»Hast du ihn gesehen, Andy? Hast du ihn gesehen?« sagte Sam, als er endlich unter den Schutz der Scheune gekommen war und das Pferd an einen Pfahl gebunden hatte. »O Gott, wenn das nicht so gut wie ein Meeting war, ihn tanzen und stampfen und fluchen zu sehen! Ob ich ihn nicht gehört habe! Fluch nur zu, alter Kerl (sagt ich zu mir); willst du nun dein Pferd haben oder warten, bis du es gehascht (sagte ich); Gott, Andy, mir ist, als sähe ich ihn jetzt noch.« Und Sam und Andy lehnten sich an die Scheune und lachten nach Herzenslust.

»Du hättest nur sehen sollen, was er für ein böses Gesicht machte, wie ich das Pferd geführt brachte. Gott, er hätte mich totgeschlagen, wenn er es gekonnt hätte; und ich stand so unschuldig und demütig vor ihm.«

»Ha, ha, ich habe es gesehen«, sagte Andy, »bist du nicht ein alter Fuchs, Sam!«

»Ein bißchen schlau bin ich wohl«, sagte Sam. »Hast du nicht Missis oben am Fenster gesehen? Ich sah, wie sie lachte.«

»Ich bin so gelaufen, daß ich gar nichts gesehen habe«, sagte Andy.

»Siehst du, Andy«, sagte Sam, der jetzt mit ernstem Gesicht Haleys Pferd abrieb, »ich habe, was du eine Gewohnheit der Beobachtung nennen kannst, Andy. Das ist eine sehr wichtige Gewohnheit, Andy, und ich empfehle dir, sie auszubilden, solange du noch jung bist. Heb' mal den Hinterhuf in die Höhe, Andy. Siehst du, Andy, die Beobachtung macht den ganzen Unterschied unter den Niggern. Sah ich nicht gleich, woher heute morgen der Wind wehte? Habe ich nicht gleich gemerkt, was Missis wollte, obgleich sie gar nichts gesagt hat? Das ist Beobachtung, Andy. Ich sollte meinen, das ist so was, was man Genie nennt. Das Genie ist verschieden bei verschiedenen Leuten; aber die Ausbildung kann viel dabeitun.«

»Ich vermute, wenn ich dir heute morgen nicht bei deiner Beobachtung geholfen hätte, hättest du auch nicht so wunderbar viel entdeckt«, sagte Andy.

»Andy«, sagte Sam, »du bist ein vielversprechendes Kind, das läßt sich gar nicht bezweifeln. Ich halte viel von dir, Andy, und schäme mich gar nicht, Ideen von dir zu benutzen. Wir dürfen niemand über die Achsel ansehen, Andy, weil auch die Schlausten von uns manchmal fehlschießen. Und nun, Andy, wollen wir nach dem Hause gehen. Ich will wetten, Missis gibt uns diesmal einen ganz besonders guten Bissen.«

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