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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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38. Kapitel

Resultate

Der Rest unserer Geschichte ist bald erzählt. George Shelby, angezogen, wie es bei einem jungen Mann natürlich war, von der Romantik des Vorfalls, nicht weniger als durch sein menschliches Herz, überschickte Cassy gern den Elisa betreffenden Verkaufskontrakt, dessen Namen und Datum mit allem übereinstimmte, was sie bereits Tatsächliches wußte, und ihr keinen Zweifel über die Identität ihres Kindes ließ. Es blieb ihr nur noch übrig, den Pfad der Flüchtlinge aufzuspüren.

Durch die eigentümliche Übereinstimmung ihrer Schicksale auf diese Weise zusammengeführt, begaben sich Madame de Thour und sie sofort nach Kanada und traten eine Rundreise nach den verschiedenen Stationen an, wo die zahlreichen Flüchtlinge aus der Sklaverei wohnten. In Amherstberg fanden sie den Missionar, bei dem George und Elisa bei ihrer ersten Ankunft in Kanada eine Zuflucht gefunden, und seine Hilfe setzte sie in den Stand, die Spur der Familie bis Montreal zu verfolgen.

George und Elisa waren jetzt seit fünf Jahren frei. George hatte beständige Beschäftigung bei einem würdigen Maschinenbauer gefunden, wo er durch seinen Verdienst ein genügendes Auskommen für seine Familie fand, die mittlerweile sich um eine Tochter vermehrt hatte.

Der kleine Harry, ein hübscher, munterer Knabe, war in einer guten Schule untergebracht, wo er rasche Fortschritte in Kenntnissen machte. Der würdige Seelenhirt der Station Amherstberg, wo George zuerst gelandet war, fühlte sich durch die Mitteilungen der Madame de Thour und Cassys so interessiert, daß er den Bitten der ersteren, sie auf ihrer Entdeckungsreise nach Montreal zu begleiten, nachgab. Natürlich trug sie alle Kosten des Ausflugs.

Der Ort der Handlung ist jetzt eine kleine nette Wohnung in einer Vorstadt in Montreal; die Zeit abends. Ein lustiges Feuer prasselte auf dem Herde; ein mit einem schneeweißen Tischtuch bedeckter Teetisch steht zur Aufnahme des Abendessens bereit. In einer Ecke des Zimmers steht ein mit grünem Tuch überzogener Tisch und auf diesem ein offenes Schreibpult, Federn, Papier und darüber einige Reihen gut ausgewählter Bücher.

Das war Georges Studierzimmer. Derselbe Fortbildungstrieb, der ihm gelehrt hatte, verstohlen unter aller Mühsal und aller Entmutigung seines Jugendlebens die lang ersehnten Künste des Lesens und Schreibens zu lernen, veranlaßte ihn jetzt noch, alle seine Mußezeit dem Selbstunterricht zu widmen. Er sitzt jetzt gerade am Tisch und zeichnet sich Notizen aus einem Band der Familienbibliothek auf, den er eben gelesen.

»Komm, George«, sagte Elisa, »du bist den ganzen Tag beschäftigt gewesen. Leg das Buch hin und laß uns zusammen plaudern, während ich den Tee mache – bitte.«

Und die kleine Elisa unterstützt die Bitte damit, daß sie zu ihrem Vater hinwackelt und versucht, ihm das Buch aus der Hand zu nehmen und sich dafür auf die Knie zu setzen.

»O du kleine Hexe!« sagte George und fügte sich, wie es unter solchen Umständen der Mann immer tun muß.

»So ist's recht«, sagte Elisa, wie sie Brot zu schneiden anfängt. Sie sieht etwas älter aus; ihre Formen sind etwas voller; ihr Haar ein wenig matronenhafter als früher; aber sie ist offenbar eine so zufriedene und glückliche Frau, als man nur sehen kann.

»Nun, mein Harry, wie bist du heute mit deinem Rechnen zurechtgekommen?« fragte George, wie er seinem Sohne die Hand auf den Kopf legt.

Harry hat seine langen Locken verloren, aber die Augen und die Wimpern kann er nicht verlieren, und auch nicht die schöne kühne Stirn, die sich triumphierend rötet, wie er zur Antwort gibt: »Ich habe alles selbst fertiggemacht, Vater; und niemand hat mir geholfen.«

»So ist's recht«, sagte sein Vater. »Verlaß dich nur auf dich selbst, mein Sohn. Dir sind bessere Gelegenheiten gegeben als deinem armen Vater vor dir.«

In diesem Augenblicke vernahm man ein Klopfen an der Tür, und Elisa ging hin und öffnete sie.

Das freudige: »Was – Sie sind's?« ruft ihren Gatten herbei, und der gute Geistliche von Amherstberg wird bewillkommt. Zwei Damen begleiten ihn, und Elisa ladet sie ein, Platz zu nehmen.

Um nun die Wahrheit zu gestehen, so hatte der ehrliche Pastor ein kleines Programm arrangiert, nach welchem sich die Katastrophe entwickeln sollte, und auf dem ganzen Herwege hatten sie sich alle sehr vorsichtig und klug ermahnt, nichts zu verraten, außer nach dem vorher verabredeten Plane.

Wie groß war daher des guten Mannes Bestürzung, daß gerade, wie er den Damen gewinkt hatte, sich zu setzen, und das Taschentuch herausnahm, um sich den Mund zu wischen und dann seine Einleitungsrede in guter Ordnung zu beginnen, Madame de Thour den ganzen Plan dadurch verdarb, daß sie plötzlich George um den Hals fiel und alles auf einmal mit dem Ausruf verriet: »Ach George! Kennst du mich nicht? Ich bin deine Schwester Emilie!«

Cassy hatte gefaßter Platz genommen und hätte ihre Rolle recht gut gespielt, wenn ihr die kleine Elisa nicht plötzlich in genau derselben Gestalt und bis an die kleinste Locke von demselben Aussehen wie ihre Tochter, als sie dieselbe zuletzt erblickt, vor Augen getreten wäre. Das kleine Wesen lugte ihr scheu und neugierig ins Gesicht; und Cassy nahm sie in ihre Arme, drückte sie an ihre Brust und sagte, was sie in diesem Augenblicke wirklich glaubte: »Liebes Kind, ich bin deine Mutter!«

In der Tat war es eine schwere Sache, alles in geeignete Ordnung zu bringen; aber dem guten Pastor gelang es endlich, alle zu beruhigen und die Rede zu halten, welche er zur Einleitung des Auftritts bestimmt hatte und mit welcher er zuletzt einen so großen Eindruck machte, daß die ganze Zuhörerschaft rund um ihn in einer Weise schluchzte, die jeden Redner älterer und neuerer Zeit hätte zufriedenstellen müssen.

Nach zwei oder drei Tagen war eine solche Veränderung in Cassy vorgegangen, daß unsere Leser sie kaum wiedererkennen würden. Der verzweifelnde hohläugige Ausdruck ihres Gesichts ist einem Ausdruck sanften Vertrauens gewichen. Sie schien auf der Stelle ihren Platz in dem Schoß der Familie zu finden und die Kleine in ihr Herz zu schließen wie etwas, auf das es längst gewartet hatte. Wirklich schien sich ihre Liebe viel natürlicher der kleinen Elisa zuzuwenden, als ihrer eigenen Tochter, denn sie war das genaue Ebenbild des Kindes, das sie verloren hatte. Die Kleine war ein blumiges Band, welches Tochter und Mutter miteinander verknüpfte und welches Bekanntschaft und Liebe in ihnen erzeugte.

Elisas standhafte und konsequente Frömmigkeit, geregelt durch beständiges Lesen des heiligen Wortes, machte sie zu einer geeigneten Führerin für das müde und zerrüttete Gemüt ihrer Mutter. Cassy gab sich sogleich und mit ganzer Seele jedem guten Einflüsse hin und wurde eine fromme und ergebene Christin.

Nach einigen Tagen unterrichtete Madame de Thour ihren Bruder ausführlicher über ihre Angelegenheiten. Durch den Tod ihres Gatten hatte sie ein ansehnliches Vermögen geerbt, welches sie sich edelmütig erbot, mit der Familie zu teilen. Als sie George fragte, auf welche Weise sie es am besten für ihn verwenden könnte, gab er zur Antwort: »Verschaff mir eine gute Erziehung, Emilie; das war immer mein innigster Wunsch. Für das übrige kann ich dann selbst sorgen.«

Nach reiflicher Erwägung beschloß die ganze Familie, auf einige Jahre nach Frankreich zu gehen; und sie segelten dorthin ab und nahmen Emmeline mit.

Das angenehme Äußere der letzteren gewann das Herz des ersten Steuermanns des Schiffs; und kurz nach ihrer Ankunft im Hafen wurde sie seine Gattin.

George blieb vier Jahre lang auf einer französischen Universität, studierte daselbst mit unermüdlichem Eifer und erlangte eine sehr gründliche Bildung.

Politische Unruhen in Frankreich veranlaßten endlich die Familie, wieder eine Zuflucht in Amerika zu suchen.

Einige Wochen später schiffte sich George mit seiner Frau, seinen Kindern, seiner Schwester und seiner Mutter nach Liberia in Afrika ein.

Von unseren übrigen Bekannten haben wir nichts Besonderes zu schreiben, mit Ausnahme eines Worts über Miß Ophelia und Topsy, und eines Schlußkapitels, welches wir George Shelby zu widmen gedenken. Miß Ophelia nahm Topsy mit nach Hause nach Vermont, sehr zur Verwunderung der ernsten, über alles zu Rate gehenden Gesellschaft, welche ein Neuengländer unter dem Namen »unsere Leute« begreift. Unsere Leute hielten es anfangs für einen wunderlichen und unnötigen Zuwachs zu ihrem wohlgeordneten Haushalt; aber Miß Ophelias gewissenhaftes Bemühen, ihre Pflicht gegen ihre Schülerin zu tun, war von solchem Erfolg begleitet, daß das Kind von der Familie und der Nachbarschaft bald mit günstigeren Augen betrachtet wurde. Als Topsy das Jungfrauenalter erreicht hatte, wurde sie auf ihr eigenes Verlangen getauft und schloß sich der christlichen Kirche in dem Städtchen an, und zeigte so viel Intelligenz, Tätigkeit und Eifer und Verlangen, Gutes auf der Welt zu tun, daß man sie zuletzt als Missionarin auf einer afrikanischen Station empfahl und anstellte; und wir haben vernommen, daß sie jetzt dieselbe Tätigkeit und Gewandtheit, welche ihr als Kind einen so vielgestaltigen und ruhelosen Charakter gaben, in einer sichereren und heilsameren Weise zur Erziehung der Kinder ihres Vaterlandes verwendet.

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