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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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36. Kapitel

Der junge Herr

Zwei Tage darauf fuhr ein junger Mann in einem leichten Wagen durch die Allee von Chinabäumen, warf die Zügel hastig dem Pferde auf den Rücken, sprang heraus und fragte nach dem Besitzer der Plantage.

Es war George Shelby; und um zu zeigen, wie er hierher kam, müssen wir in unserer Geschichte ein wenig zurückgehen.

Der Brief Miß Ophelias an Mrs. Shelby war durch einen unglücklichen Zufall einen oder zwei Monate auf einem abgelegenen Postamt liegen geblieben, ehe er seine Bestimmung erreichte; und als er dort anlangte, war Tom natürlich schon in den fernen Sümpfen des Red River dem Auge verloren.

Mrs. Shelby las die Nachricht mit der tiefsten Teilnahme; aber sofort in dieser Angelegenheit die nötigen Maßregeln zu ergreifen war unmöglich. Sie saß damals am Krankenbett ihres Gatten, der in der Krisis eines hitzigen Fiebers lag. Master George Shelby, der unterdessen ein schlanker junger Mann geworden war, war ihr fortwährender und getreuer Beistand und ihre einzige Stütze in der Verwaltung des väterlichen Geschäfts. Miß Ophelia war so vorsichtig gewesen, den Namen des Advokaten, der die Angelegenheiten der Familie St. Clare ordnete, zu übersenden; und das einzige, was man für jetzt tun konnte, war, sich bei ihm brieflich zu erkundigen. Der plötzliche Tod Mr. Shelbys wenige Tage darauf nahm alsdann für eine Zeitlang alle ihre Teilnahme ausschließlich in Anspruch.

Mr. Shelby legte sein Vertrauen auf die Klugheit seiner Gattin dadurch an den Tag, daß er sie zur einzigen Testamentsvollstreckerin ernannte, und so mußte sie sofort einer großen und verwickelten Masse von Geschäften sich unterziehen.

Mit charakteristischer Energie machte sich Mrs. Shelby auf der Stelle ans Werk, den verwickelten Geschäftsknäuel aufzuwirren, und ihre und Georges Zeit war für mehrere Wochen ganz mit dem Sammeln und Prüfen von Rechnungen, mit dem Verkaufen von Eigentum und dem Bezahlen von Schulden in Anspruch genommen, denn Mrs. Shelby war fest entschlossen, alles klar und rein zu machen, mochten die Folgen für sie sein, wie sie wollten. Unterdessen erhielten sie einen Brief von dem Advokaten, an den Miß Ophelia sie gewiesen, der ihnen aber schrieb, daß er nichts von der Sache wisse; daß der Mann in einer öffentlichen Versteigerung verkauft worden sei und daß er, außer daß er das Geld empfangen habe, von der ganzen Angelegenheit nichts erfahren habe.

Weder George noch Mrs. Shelby konnten sich bei dieser Antwort beruhigen; und deshalb entschloß sich ersterer nach etwa sechs Monaten, da er gerade für seine Mutter Geschäfte am Mississippi zu verrichten hatte, selbst nach New Orleans zu gehen und Nachforschungen anzustellen, in der Hoffnung, Toms Aufenthaltsort zu entdecken und ihn wiederzukaufen.

Nach einigen Monaten fruchtlosen Suchens begegnete George durch den reinsten Zufall in New Orleans einem Manne, der die gewünschte Auskunft geben konnte; und mit dem Gelde in der Tasche nahm unser Held einen Platz auf dem Red-River-Dampfboote, entschlossen, seinen alten Freund aufzusuchen und wieder zurückzukaufen.

Man führte ihn bald in das Haus, wo er Legree in dem Wohnzimmer fand.

Legree empfing den Fremden mit einer Art mürrischer Gastlichkeit.

»Ich höre«, sagte der junge Mann, »daß Sie in New Orleans einen Sklaven namens Tom gekauft haben. Er war auf dem Gute meines Vaters, und ich möchte sehen, ob ich ihn wieder zurückkaufen könnte.«

Legrees Stirn verfinsterte sich, und er rief leidenschaftlich aus: »Ja, ich habe einen Kerl dieses Namens gekauft, und ein Höllengeschäft habe ich mit ihm gemacht! Der widerspenstigste freche Hund! Reizt meine Nigger zum Fortlaufen und hilft wirklich zwei Dirnen, die ihre 800 oder 1000 Dollar jede wert sind, entfliehen. Er gestand das ein, und als ich ihn aufforderte, mir zu sagen, wo sie wären, stellte er sich hin und sagte, er wüßte es, aber er wollte es nicht sagen; und dabei blieb er, obgleich er die tüchtigste Tracht Schläge kriegte, die jemals ein Nigger bekommen hat. Ich glaube, er gibt sich jetzt Mühe, zu sterben, aber ich weiß nicht, ob es ihm gelingen wird.«

»Wo ist er?« rief George mit Ungestüm. »Ich will ihn sehen.« Die Wangen des jungen Mannes waren purpurrot und seine Augen flammten; aber klugerweise sagte er jetzt noch nichts.

»Er liegt in dem Schuppen dort«, sagte ein kleiner Bube, der Georges Pferd hielt.

Legree gab mit einem Fluche dem Knaben einen Tritt; aber George drehte sich ohne ein Wort zu sagen um und ging nach der angegebenen Stelle.

Tom hatte seit der verhängnisvollen Nacht zwei Tage gelegen; nicht leidend, denn jeder Leidensnerv in ihm war abgestumpft und vernichtet. Er lag die meiste Zeit über in einer ruhigen Erstarrung da, denn der kräftige und gutgebaute Körper wollte nicht gleich den eingekerkerten Geist freigeben. Verstohlen und in stiller Nacht hatten ihn arme und verlassene Geschöpfe besucht, welche ihre spärlichen Stunden Schlaf abkürzten, um ihm einige von den Liebesbeweisen, mit denen er stets so freigebig gewesen, wiederzuvergelten. Allerdings hatten diese armen Jünger wenig zu geben – nur ein Glas kaltes Wasser – aber es wurde aus vollem Herzen gegeben.

Tränen waren auf das ehrliche gefühllose Antlitz gefallen, Tränen der Zerknirschung, vergossen von den armen unwissenden Heiden, welche seine Liebe und Geduld im Sterben zur Reue erweckt hatte; und es tönten über ihm heiße Gebete zu einem kaum gefundenen Heiland, von dem sie kaum mehr wußten als den Namen, den aber das ringende unwissende Menschenherz nie umsonst anfleht.

Cassy, die aus ihrem Versteck herausgeschlüpft war und durch Lauschen erfahren hatte, welches Opfer Tom ihr und Emmeline gebracht hatte, war trotz der Gefahr der Entdeckung die Nacht vorher auch bei ihm gewesen; und ergriffen von den wenigen letzten Worten, welche die liebeerfüllte Seele noch Kraft gehabt hatte zu flüstern, war der lange Winter der Verzweiflung, das Eis von Jahren aufgetaut, und das finstere, verzweifelnde Weib hatte geweint und gebetet.

Als George in den Schuppen trat, wurde er fast ohnmächtig.

»Ist's möglich? – Ist's möglich?« sagte er und kniete neben ihm nieder. »Onkel Tom, mein armer, armer, alter Freund!«

Etwas von dem Ton der Stimme drang zu dem Ohre des Sterbenden. Er bewegte schwach den Kopf, lächelte und sprach:

»Mein Jesus macht ein Sterbebett
So weich wie Federkissen.«

Tränen, welche seinem Mannesherzen Ehre machten, strömten aus den Augen des jungen Mannes, wie er sich über seinen armen Freund beugte. »O lieber Onkel Tom! Erwache – sprich noch einmal! Blicke auf! Hier ist Master George – dein lieber kleiner Master George. Kennst du mich nicht?«

»Master George!« sagte Tom mit schwacher Stimme und öffnete die Augen. »Master George!« Er blickte verwirrt um sich. Langsam schien der Gedanke seine Seele zu erfüllen, und der leere Blick wurde hell und fest, das ganze Gesicht fing an zu strahlen, die harten Hände falteten sich, und Tränen liefen über die Wangen.

»Gesegnet sei der Herr! Das ist – das ist – alles, was ich wünschte! Sie haben mich nicht vergessen. Das erwärmt mir die Seele, es tut meinem alten Herzen gut! Jetzt werde ich zufrieden sterben! Preise den Herrn, o meine Seele.«

»Du sollst nicht sterben! Du darfst nicht sterben und darfst nicht daran denken! Ich bin gekommen, um dich zurückzukaufen und mit nach Hause zu nehmen«, sagte George mit leidenschaftlichem Ungestüm.

»O Master George, Sie kommen zu spät! Der Herr hat mich gekauft und will mich aufnehmen in sein Haus – und ich sehne mich zu ihm. Der Himmel ist besser als Kentucky.«

»O stirb nicht! Es ist mein Tod! – Das Herz bricht mir, wenn ich denke, was du gelitten hast – und hier in diesem alten Schuppen zu liegen! Armer, armer Mann!«

»Nennen Sie mich nicht armer Mann!« sagte Tom feierlich. »Ich war ein armer Mann, aber das ist alles vorbei. Ich stehe in der Pforte und gehe ein in die Herrlichkeit! O Master George! Der Himmel ist da! Ich habe den Sieg errungen – der Herr Jesus hat ihn mir gegeben! Ehre sei seinem Namen!«

Voll Ehrfurcht vernahm George die Kraft, die Heftigkeit, die Gewalt, mit der der Sterbende diese gebrochenen Sätze sprach. Er blickte ihn schweigend an.

Tom ergriff seine Hand und fuhr fort: »Sie dürfen's nicht der armen Chloe erzählen, wie Sie mich gefunden haben: Es wäre gar zu schrecklich für sie. Sagen Sie ihr nur, daß Sie mich gefunden haben, wie ich zur himmlischen Herrlichkeit einging und daß ich auf niemand warten konnte; und sagen Sie ihr, daß der Herr mir überall und immer beigestanden und mir alles leichtgemacht habe. Und ach, die armen Kinder und das Kleine – mein altes Herz hat sich oft, gar oft fast zu Tode nach ihnen gesehnt. Sagen Sie ihnen allen, sie sollen mir folgen – mir folgen! Sagen Sie Master und der lieben guten Missis und allen übrigen, wie ich sie geliebt habe! Sie wissen das nicht! Es ist mir, als liebte ich sie alle! Ich liebe jedes Geschöpf überall – es ist nichts, als Liebe! Ach, Master George! Wie herrlich ist's, ein Christ zu sein!«

In diesem Augenblick trat Legree an die Tür des Schuppens, blickte mit einer verstockten Miene affektierter Gleichgültigkeit hinein und entfernte sich wieder.

»Der alte Satan!« sagte George in seinem Zorne. »Es ist ein Trost für mich, daß der Teufel ihm das seinerzeit vergelten wird!«

»Ach nein! – Ach sprechen Sie nicht so!« sagte Tom und drückte ihm die Hand. »Er ist eine arme sündhafte Kreatur. Es ist grauenhaft, daran zu denken! Ach, wenn er nur bereuen wollte, so würde der Herr ihm jetzt vergeben, aber ich fürchte, er wird nie bereuen.«

»Ich hoffe es nicht!« sagte George. »Ich mag ihn nie im Himmel sehen.«

»Still, Master George! Das tut mir weh. Reden Sie nicht so. Er hat mir keinen wirklichen Schaden zugefügt – hat nur die Pforte des Himmelreichs mir geöffnet! Weiter gar nichts!«

In diesem Augenblick verschwand der plötzliche Anflug von Kraft, welchen die Freude, seinen jungen Herrn wiederzusehen, in dem Sterbenden geweckt hatte.

Er wurde auf einmal viel matter; er schloß die Augen; und die geheimnisvolle und erhabene Wandlung zeigte sich in seinem Antlitz, welche die Nähe einer anderen Welt verrät.

Er fing an in langen tiefen Zügen zu atmen, und seine breite Brust hob und streckte sich schwer. Der Ausdruck seines Gesichts war der eines Siegers.

»Wer – wer – wer will uns von der Liebe Christi trennen?« sagte er mit einer Stimme, die mit der Schwäche des Todes rang, und mit einem Lächeln schlummerte er ein.

Feierliches Grauen hielt George gefangen. Es war ihm, als wäre dieser Fleck heilig, und wie er die starren Augen zudrückte und von der Leiche aufstand, erfüllte ihn nur ein Gedanke, – derjenige, den sein einfacher alter Freund ausgesprochen hatte: »Wie herrlich ist es, ein Christ zu sein!«

Er wendete sich um. Legree stand mürrisch hinter ihm.

Ein Etwas in dieser Sterbeszene hatte das natürliche Ungestüm jugendlicher Leidenschaft im Zaum gehalten. Die Gegenwart des Mannes war George einfach widrig, und er fühlte bloß den Trieb mit so wenig Worten als möglich von ihm loszukommen. Seine funkelnden schwarzen Augen auf Legree heftend, sagte er bloß, indem er auf die Leiche deutete:

»Ihr habt alles von ihm erlangt, was er Euch geben konnte. Was soll ich Euch für die Leiche bezahlen? Ich will sie mitnehmen und anständig begraben.«

»Ich handle nicht mit toten Niggern«, sagte Legree mürrisch. »Ihr könnt ihn begraben, wann und wo Ihr Lust habt.«

»Burschen«, befahl George zwei oder drei Negern, welche die Leiche betrachteten, »helft mir ihn aufheben und nach meinem Wagen tragen; und bringt mir einen Spaten.«

Einer derselben lief fort, um einen Spaten zu holen, die beiden anderen halfen George die Leiche in den Wagen legen.

George würdigte Legree, der über diesen Befehl nichts sagte, sondern mit einer Miene gezwungener Teilnahmslosigkeit und pfeifend dastand, keines Blicks oder Wortes. Er folgte ihnen mürrisch bis an die Stelle, wo der Wagen vor der Tür stand.

George breitete seinen Mantel im Wagen aus und ließ die Leiche sorgfältig darauflegen, nachdem er den Sitz anders eingehängt hatte, um Platz zu nehmen. Dann drehte er sich um, sah Legree fest an und sagte mit erzwungener Fassung:

»Ich habe Euch noch nicht gesagt, was ich von dieser höchst gräßlichen Tat denke. Es ist hier weder die Zeit noch der Ort dazu. Aber, Sir, dieses unschuldige Blut soll gerächt werden. Ich werde diesen Mord in die Welt ausrufen. Ich gehe zum ersten Friedensrichter und zeige Euch an.«

»Tut das!« sagte Legree und schnippte höhnisch mit den Fingern. »Ich bin wirklich neugierig darauf, wie Ihr das anfangt. Wo wollt Ihr denn Zeugen herbekommen? Wie wollt Ihr's denn beweisen? Sagt mir das einmal!«

George sah auf den ersten Blick ein, wie recht jener hatte. Es war kein einziger Weißer auf der ganzen Plantage, und in allen Gerichtshöfen des Südens gilt das Zeugnis farbigen Blutes nichts. Es war ihm in diesem Augenblick zumute, als könnte er mit dem entrüsteten Schrei seines Herzens nach Gerechtigkeit den Himmel zerreißen; aber es half nichts.

»Und was ist das auch am Ende für ein Lärm wegen eines toten Niggers?« sagte Legree.

Das Wort fiel wie ein Funken in ein Pulvermagazin. Überlegtheit ist nie eine Haupttugend der Jugend von Kentucky gewesen. George drehte sich um und gab Legree einen so heftigen Faustschlag, daß er der Länge lang aufs Gesicht niederstürzte, und wie er vor Zorn und herausforderndem Trotz glühend über ihm stand, hätte er kein schlechtes Bild seines großen Namenvetters, wie er den Drachen besiegt, dargestellt.

Es gibt jedoch Leute, denen ein tüchtiger Schlag von entschiedenem Nutzen ist. Wenn einer sie geradezu zu Boden schlägt, so scheinen sie sofort eine gewisse Achtung vor ihm zu empfinden, und Legree war einer von dieser Art. Wie er daher aufstand und sich den Staub von den Kleidern wischte, sah er dem langsam davonfahrenden Wagen mit offenbarem Respekt nach; auch tat er nicht eher den Mund auf, als bis er ihm aus den Augen war.

Jenseits der Grenze der Plantage hatte George einen trockenen sandigen Hügel von einigen Bäumen beschattet bemerkt; dort machten sie das Grab.

»Sollen wir den Mantel abnehmen, Master?« sagten die Neger, als das Grab fertig war.

»Nein, nein, begrabt ihn damit. Es ist alles, was ich dir jetzt geben kann, armer Tom, und du sollst es haben.«

Sie legten ihn hinein; und die Männer schaufelten schweigend das Grab zu. Sie machten einen Hügel darüber und deckten ihn mit grünem Rasen zu.

»Ihr könnt jetzt gehen«, sagte George und drückte jedem einen Viertel Dollar in die Hand. Aber sie blieben zaudernd stehen.

»Ach, wenn Master uns kaufen wollte –« sagte der eine.

»Wir würden ihm so treu dienen!« sagte der andere.

»'s sind schlimme Zeiten hier, Master«, sagte der erste. »Bitte, Master, kaufen Sie uns.«

»Ich kann nicht! – Ich kann nicht«, sagte George betrübt und winkte ihnen zu gehen. »Es ist unmöglich!«

Die armen Burschen machten ein niedergeschlagenes Gesicht und entfernten sich schweigend.

»Ich rufe Dich zum Zeugen, ewiger Gott«, rief George auf dem Grabe seines armen Freundes kniend aus, »ich rufe Dich zum Zeugen, daß ich von dieser Stunde an tun will, was einem Menschen möglich ist, dem Fluche der Sklaverei in diesem Lande ein Ende zu machen!«

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