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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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35. Kapitel

Der Märtyrer

Die Flucht Cassys und Emmelines reizten das schon vorher erbitterte Gemüt Legrees bis auf den höchsten Grad auf, und seine Wut traf, wie zu erwarten war, das schutzlose Haupt Toms. Als er in seiner Eile seinen Leuten die Nachricht ankündigte, war in Toms Auge ein plötzliches Aufleuchten und ein rasches Emporheben der Hände gen Himmel zu bemerken gewesen, das ihm nicht entgangen war. Er sah, daß er sich nicht unter die Verfolger mischte. Anfangs wollte er ihn dazu zwingen, aber da er aus alter Erfahrung seine Unbeugsamkeit kannte, wenn man ihm befahl, an einer unmenschlichen Tat teilzunehmen, so wollte er sich in seiner Eile nicht durch einen Streit mit ihm aufhalten.

Daher blieb Tom mit ein paar andern, die von ihm beten gelernt hatten, zurück und schickte Gebete für das glückliche Entkommen der Flüchtlinge zum Himmel empor.

Als Legree mißvergnügt über die vergebliche Jagd zurückkehrte, fing der lang gesammelte Haß seiner Seele gegen seinen Sklaven sich zu einem vernichtenden Sturme zu sammeln an. Hatte ihm nicht dieser Mann getrotzt – standhaft, kraftvoll und unwiderstehlich, seitdem er ihn gekauft hatte? War nicht ein Geist in ihm, der, so stumm er war, in ihm wie die Gluten der Verdammnis brannte?

»Ich hasse ihn!« sagte Legree, wie er sich in dieser Nacht im Bette in die Höhe setzte. »Ich hasse ihn. Und ist er nicht mein Eigentum? Kann ich nicht mit ihm machen, was mir gefällt? Wer soll mich daran hindern, möchte ich wissen!« Und Legree ballte die Faust und schüttelte sie, als hätte er etwas in den Händen, was er in Stücke zerreißen könnte.

Aber dann war Tom ein getreuer, wertvoller Diener; und obgleich ihn Legree deshalb um so mehr haßte, so legte ihm doch diese Rücksicht wenigstens einigermaßen einen Zaum an.

Den nächsten Morgen beschloß er, noch nichts zu sagen; eine Jagdgesellschaft aus einigen benachbarten Plantagen mit Hunden und Flinten zu versammeln; den Sumpf zu umstellen, und die Jagd systematisch zu betreiben. Wenn sie Erfolg hatte, dann war die Sache gut, wenn nicht, so wollte er Tom vor sich laden, und – er knirschte die Zähne zusammen, und sein Blut kochte in ihm – dann wollte er den Trotz dieses Burschen brechen, oder – er flüsterte sich innerlich ein grausenhaftes Wort zu, dem seine Seele beistimmte.

Man liest oft, daß das Interesse des Herrn ein genügender Schutz für den Sklaven sei. Der Mensch verkauft in der Wut seines wahnsinnigen Willens wissentlich und mit offenem Auge, um sein Ziel zu erreichen, seine eigene Seele dem Teufel; und wird er mit seines Nachbars Leib sorglicher umgehen?

»Ha«, sagte Cassy am nächsten Tag in der Dachkammer, wie sie durch das Astloch rekognoszierte. »Die Jagd soll heute von neuem beginnen!«

Drei oder vier Reiter galoppierten vor dem Hause herum; und ein oder zwei Koppel fremder Hunde zerrten sich mit den Negern, welche sie hielten, herum und bellten und knurrten einander an.

Zwei von den Männern sind Aufseher von benachbarten Plantagen; andere gehörten zu Legrees Zechgesellen aus der Schenke einer benachbarten Stadt und waren bloß zur Befriedigung ihrer Jagdlust hergekommen. Eine Sammlung von konfiszierteren Gesichtern konnte man sich vielleicht nicht denken. Legree schenkte ihnen fleißig Branntwein ein, wie auch den Negern, die von den verschiedenen Plantagen zur Jagd hergeschickt worden waren, denn es war Maxime, jeden Dienst dieser Art für die Neger soviel als möglich zu einem Feiertage zu machen.

Cassy legte das Ohr an das Astloch; und da der Morgenwind gerade auf das Haus zuwehte, konnte sie ziemlich viel von der Unterhaltung belauschen. Ein düsteres Lächeln des Hohns überzog den finsteren, strengen Ernst ihres Gesichts, wie sie horchte und vernahm, wie sie die Striche verteilten, die Vorzüge der Hunde besprachen und Befehle wegen des Schießens und der Behandlung der Flüchtlinge, wenn sie eingefangen würden, gaben.

Cassy zog sich zurück und sagte, indem sie die Hände zusammenschlug und gen Himmel blickte: »O großer, allmächtiger Gott! Wir sind alle Sünder; aber was haben wir getan, mehr als alle übrigen auf der Welt, daß man uns so behandelt?«

Ein schrecklicher Ernst lag auf ihrem Gesichte und in ihrer Stimme, wie sie sprach.

»Wenn es nicht deinetwegen wäre, Kind«, sagte sie mit einem Blick auf Emmeline, »so ginge ich hinaus zu ihnen, und ich würde dem von ihnen danken, der mich niederschösse, denn was nützt mir die Freiheit? Kann sie mir meine Kinder zurückgeben oder mich wieder zu dem machen, was ich früher war?«

In ihrer kindischen Einfalt fürchtete sich Emmeline etwas vor den melancholischen Anfällen Cassys. Sie sah betroffen aus, aber gab keine Antwort. Sie ergriff nur ihre Hand mit einer sanften liebkosenden Bewegung.

»Nein, tu das nicht!« sagte Cassy und versuchte ihr die Hand zu entziehen. »Du gewöhnst mich daran, dich zu lieben, und ich will nie wieder etwas auf Erden lieben!«

»Arme Cassy!« sagte Emmeline. »Sprich nicht so! Wenn der Herr uns die Freiheit schenkt, wird er dir vielleicht auch deine Tochter zurückgeben; jedenfalls werde ich dir eine Tochter sein – ich weiß, ich werde meine arme alte Mutter nie wieder sehen! Ich werde dich lieben, Cassy, magst du mich lieben oder nicht.«

Das sanfte, kindliche Gemüt siegte. Cassy setzte sich neben sie, umschlang sie mit ihrem Arme, streichelte ihr weiches, braunes Haar; und Emmeline sah dann verwundert die Schönheit ihrer herrlichen Augen, die jetzt von dem sanfteren Glänze der Tränen leuchteten.

»O Emmeline!« sagte Cassy. »Ich habe für meine Kinder gehungert und gedurstet, und meine Augen verdunkeln sich vor Sehnsucht nach ihnen! Hier! Hier!« und sie schlug sich auf die Brust. »Hier ist alles wüst und leer! Wenn Gott mir meine Kinder zurückgäbe, dann könnte ich beten.«

»Du mußt auf ihn vertrauen, Cassy«, sagte Emmeline, »er ist unser Vater!«

»Sein Zorn lastet auf uns«, sagte Cassy, »er hat sich im Grimm von uns weggewendet.«

»Nein, Cassy! Er wird es gut mit uns machen! Wir wollen auf ihn hoffen«, sagte Emmeline. »Ich habe immer Hoffnung gehabt!«


Die Jagd war lang, lebhaft und gründlich, aber erfolglos; und mit ernstem, ironischem Frohlocken blickte Cassy auf Legree herab, als er müde und übel gelaunt vom Pferde stieg.

»Quimbo«, sagte Legree, wie er sich im Wohnzimmer hinstreckte, »jetzt gehst du auf der Stelle hin und holst den Tom her! Der alte Höllenbraten ist in die ganze Sache eingeweiht; und ich will's aus seinem alten, schwarzen Fell heraushaben, oder er soll mir büßen.«

Sambo und Quimbo waren beide, obgleich sie einander haßten, darin eines Sinnes, daß sie Tom nicht minder aufrichtig haßten. Legree hatte ihnen erzählt, daß er ihn anfangs zu einem Oberaufseher während seiner Abwesenheit bestimmt habe; und das hatte in sie einen Keim des Hasses gelegt, der in ihrer niedrigen und schlechten Seele gewachsen war, wie sie bemerkten, daß der Herr immer schlimmer gegen ihn gesinnt wurde. Quimbo eilte daher bereitwillig fort, um den Befehl auszuführen.

Tom hörte die Botschaft mit ahnendem Herzen. Aber er kannte den ganzen Plan der Flüchtlinge, und wo sie jetzt versteckt waren. Er kannte den schonungslosen Charakter des Mannes, mit dem er zu tun hatte, und seine despotische Macht. Aber er fühlte sich stark in Gott, dem Tode zu begegnen, ehe er die Hilflosen verriet.

Er setzte seinen Korb neben die Reihe hin, und sagte mit einem Blick gen Himmel: »In Deine Hände befehl ich meinen Geist! Du hast mich erlöset, Herr, Du treuer Gott!« Und dann fügte er sich ruhig der rauhen, brutalen Faust, mit der Quimbo ihn packte.

»Ja, ja!« sagte der Riese, wie er ihn fortschleppte. »Diesmal wirst du's schon kriegen! Master ist gar giftig, diesmal! Diesmal hilft kein Herauslügen! Heute kriegst du's, darauf kannst du dich verlassen! Wirst schon sehen, was es heißt, Masters Niggern fortlaufen zu helfen! Wirst schon sehen, was du kriegst!« Von den drohenden Worten erreichte keines sein Ohr – eine höhere Stimme sprach zu ihm: »Fürchte dich nicht vor denen, so den Leib töten, und die Seele nicht mögen töten.« Von diesen Worten erzitterten Nerven und Gebeine des unglücklichen Mannes, als berührte sie der Finger Gottes; und er fühlte die Kraft von tausend Seelen in sich. Wie er vorüberging, schienen die Bäume und die Gebüsche, die Hütten seiner Knechtschaft, das ganze Schauspiel seiner Erniedrigung vor ihm vorbeizufliegen wie die Landschaft vor dem dahinrollenden Wagen. Seine Seele erbebte. Seine Heimat stand ihm vor Augen – und die Stunde der Erlösung schien zu nahen. »Nun, Tom«, sagte Legree, indem er auf ihn zutrat und ihn grimmig beim Kragen packte, wobei er in einem Paroxismus entschlossener Wut durch die Zähne sprach, »weißt du, daß ich mich entschlossen habe, dich totzuschlagen?«

»Das ist sehr wahrscheinlich, Master«, sagte Tom ruhig.

»Ich – habe – mich – dazu – entschlossen«, sagte Legree mit finsterer, schrecklicher Ruhe, »wenn du mir nicht sagst, was du von diesen Dirnen weißt.«

Tom schwieg.

»Hörst du!« sagte Legree mit dem Fuße stampfend und brüllte wie ein wütender Löwe. »Sprich!«

»Ich habe Ihnen nichts zu sagen, Master«, sagte Tom mit langsamem, festem, überlegtem Tone.

»Wagst du mir zu sagen, du wüßtest nichts, du alter, schwarzer Christ?« sagte Legree.

Tom schwieg.

»Sprich!« donnerte Legree und versetzte ihm einen wütenden Schlag.

»Weißt du etwas?«

»Ich weiß etwas, Master, aber ich kann nichts sagen. Ich kann sterben!«

Legree holte tief Atem, und seine Wut unterdrückend, packte er Tom beim Arm, näherte sein Gesicht dem des Negers, daß er es fast berührte, und sagte mit schrecklicher Stimme: »Höre, Tom – du glaubst, weil ich dich schon einmal habe so laufenlassen, meinte ich nicht, was ich sage, aber diesmal habe ich meinen Entschluß gefaßt und den Schaden berechnet. Du hast dich immer gegen mich aufgelehnt. Jetzt will ich deinen Trotz brechen oder dich totschlagen! Eins oder das andere. Ich will jeden Tropfen Blut, den du im Leibe hast, zählen, und dir jeden einzeln abzapfen, bis du nachgibst.«

Tom blickte seinen Herrn an und antwortete: »Master, wenn Sie krank wären oder in Not oder mit dem Tode kämpften, und ich könnte Sie retten, so gäbe ich mein Herzblut hin; und wenn das Abzapfen jedes Bluttropfens aus diesem armen alten Leichnam Ihre unsterbliche Seele retten könnte, so gäbe ich es gern hin, wie der Herr sein Blut für mich vergossen hat. O Master, bringen Sie diese große Sünde nicht auf Ihre Seele, es wird Ihnen mehr Schaden tun als mir! Tun Sie das Schlimmste, was Sie können, meine Qual ist bald vorbei; aber wenn Sie nicht bereuen, wird Ihre Qual nie zu Ende gehen!«

Wie eine wunderbare Strophe himmlischer Musik, die in der Pause eines Sturmes vernommen wird, brachte dieser Gefühlsausbruch ein kurzes Schweigen hervor. Legree stand betroffen da und sah Tom an; und so tief war das Schweigen, daß man das Ticken der alten Uhr hören konnte, welche mit stummem Zeiger die letzten Augenblicke der Barmherzigkeit und der Prüfungszeit für dieses verhärtete Herz maß.

Es war nur ein Augenblick. Eine einzige zögernde Pause, ein unentschlossenes, bereuendes Schwanken, und der Geist des Bösen kehrte zurück mit fieberhafter Gewalt, und Legree schlug wutschäumend sein Opfer zu Boden.

»Es ist fast vorbei mit ihm, Master«, sagte Sambo, wider seinen Willen gerührt von der Geduld seines Opfers.

»Schlagt zu, bis er nachgibt! Gebt es ihm! Gebt es ihm!« brüllte Legree. »Jeder Blutstropfen muß aus seinem Leibe heraus, wenn er nicht bekennt.«

Tom schlug die Augen auf und blickte seinen Herrn an. »Ihr armen, sündhaften Kreaturen!« sagte er. »Ihr könnt mir weiter nichts tun! Ich vergebe euch von ganzer Seele!« Und das Bewußtsein verließ ihn.

»Ich glaube wahrhaftig, es ist endlich aus mit ihm«, sagte Legree und trat näher, um ihn zu besehen. »Ja, es ist aus mit ihm! Na, so wäre ihm endlich das Maul gestopft – das ist ein Trost!«

Ja, Legree, aber wer soll die Stimme in deiner Seele zum Schweigen bringen – in dieser Seele, die weder Reue noch Gebet, noch Hoffnung mehr retten kann und in welcher das Feuer, das nie gelöscht werden soll, bereits brannte?

Aber Tom war noch nicht ganz tot. Seine wunderbaren Worte und frommen Gebete hatten die Herzen der vertierten Schwarzen gerührt, welche sich als Werkzeuge der Grausamkeit gegen ihn hatten brauchen lassen; und kaum hatte Legree sich entfernt, so banden sie ihn los und versuchten ihn in ihrer Unwissenheit wieder ins Leben zurückzurufen – als ob das ihm eine Wohltat gewesen wäre.

»Ach, wir haben etwas schrecklich Böses getan!« sagte Sambo. »Hoffe, Master wird's zu verantworten haben und nicht wir.«

Sie wuschen seine Wunden – sie bereiteten ihm ein notdürftiges Lager aus Ausschußbaumwolle, damit er daruf ruhen könne; und einer schlich sich nach dem Hause und bettelte sich ein Glas Branntwein von Legree, unter dem Vorwande, daß er erschöpft sei und es für sich haben wolle. Er brachte es in die Hütte und goß es Tom in den Mund.

»Ach, Tom!« sagte Quimbo. »Wir haben entsetzlich schlecht an dir gehandelt.«

»Ich vergebe euch von ganzem Herzen!« sagte Tom mit schwacher Stimme.

»O Tom, sage uns doch, wer Jesus ist«, sagte Sambo. – »Jesus, der dir die ganze Nacht hindurch beigestanden hat! – Wer ist das?«

Die Frage weckte den schwindenden Geist. Er ergoß sich in ein paar energischen Worten über den Wunderbaren, über sein Leben, über seinen Tod, seine immerwährende Gegenwart und seine Macht zu erlösen.

Und die beiden verwilderten Gemüter fingen an zu weinen.

»Warum habe ich nie früher davon gehört?« sagte Sambo. »Aber ich glaube daran! – Ich kann nicht anders! Herr Jesus, habe Erbarmen mit uns!«

»Ihr armen Geschöpfe!« sagte Tom. »Gern will ich alles tragen, was mir auferlegt wird, wenn ich euch Christus zuführen kann! O Herr, ich bitte Dich, gib mir auch noch diese beiden Seelen!«

Und das Gebet wurde erhört.

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