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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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33. Kapitel

Der Sieg

Haben nicht viele von uns in diesem mühseligen Leben manchmal gedacht, daß es leichter sei, zu sterben, als zu leben?

Als Tom seinem Peiniger gegenüberstand und seine Drohungen hörte und in innerster Seele gefaßt war, daß sein Stündlein gekommen sei, war ihm das Herz von Mut geschwollen, und er dachte, er könnte Folterqual und Feuer und alles ertragen, wenn ihm die Vision Jesu und des Himmels nur einen Schritt weiter davonwinkte; aber als der Peiniger fort und die Aufregung des Augenblicks vergangen war, kehrte der Schmerz seiner zerschlagenen und müden Glieder und das Gefühl seines gänzlich versunkenen, hoffnungslosen, verlassenen Zustandes wieder; und der Tag entschwand langsam und mühselig genug.

Lange bevor seine Wunden geheilt waren, bestand Legree darauf, daß er wieder regelmäßig auf dem Felde arbeiten müsse; und dann kam Tag nach Tag voll Schmerz und Mühsal, erschwert durch jede Art von Ungerechtigkeit und Schmach, welche die Bosheit einer gemeinen und tückischen Seele ersinnen konnte. Wer in unseren Umständen Schmerzensprüfungen ausgesetzt gewesen ist, selbst mit allen den Erleichterungen, welche wir meistens dabei genießen, muß wissen, welche Gereiztheit davon hervorgebracht wird. Tom wunderte sich nicht mehr über das mürrische Wesen seiner Kameraden; ja, er fand sogar, daß die ruhige und sonnenheitere Stimmung, die bei ihm gewöhnlich war, durch dieselbe Gereiztheit gar arg beeinträchtigt werde. Er hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, Muße zum Lesen der Bibel zu finden, aber hier gab es so etwas wie Muße nicht. In der lebhaftesten Zeit der Lese nahm Legree keinen Anstand, alle seine Arbeiter sonntags und wochentags mit gleicher Hast anzutreiben. Warum sollte er auch nicht? Er erntete dadurch mehr Baumwolle und gewann seine Wette; und wenn ein paar Sklaven zugrunde gingen, so konnte er bessere kaufen. Anfangs pflegte Tom einen oder zwei Verse seiner Bibel beim Schimmer des Feuers zu lesen, wenn er von seiner Tagesarbeit nach Hause gekommen war; aber nach der grausamen Züchtigung, die er erlitten, kam er meistens so erschöpft nach Hause, daß ihm der Kopf schwindelte und die Augen vergingen, wenn er zu lesen versuchte, und er sehnte sich zu sehr, sich mit den andern in gänzlicher Erschöpfung auf das Lager hinzustrecken.

Es ist seltsam, daß der religiöse Frieden und das Gottvertrauen, das ihn bisher aufrechterhalten, unter diesen Seelenkämpfen und in dieser verzweifelnden Nacht schwächer wurde. Das dunkelste Problem dieses geheimnisvollen Lebens hatte er beständig vor Augen: zertretene und zugrunde gerichtete Seelen, den Sieg der Bösen und Gott, der dazu schwieg.

Wochen und Monate lang rang Tom in seiner Seele in Nacht und Kummer. Er dachte an Miß Ophelias Brief, an seine Freunde in Kentucky und betete inbrünstig zu Gott, ihm seine Befreiung zu schicken; und dann wartete er Tag für Tag in der unbestimmten Hoffnung, jemand zu seiner Erlösung kommen zu sehen; und als niemand kam, drängte er bittere Gedanken zurück – daß es vergebens sei, Gott zu dienen – daß Gott ihn vergessen habe. Manchmal sah er Cassy; und manchmal, wenn man ihn ins Haus berief, erblickte er flüchtig Emmelines melancholische Gestalt, aber er hatte mit beiden wenig Verkehr, denn er hatte nicht einmal Zeit, mit jemand zu verkehren. Eines Abends saß er ganz niedergeschlagen und zerschmettert bei ein paar verglimmenden Bränden, über denen sein dürftiges Abendessen kochte. Er legte noch ein paar Stücke Reißholz aufs Feuer und versuchte, die Flamme heller zu machen, und zog dann seine zerlesene Bibel aus der Tasche. Da waren alle die angezeichneten Stellen, die seine Seele so oft begeistert hatten – Worte von Patriarchen und Propheten, von Dichtern und Weisen, die von früher Zeit an dem Menschen Mut zugesprochen – Stimmen aus der großen Wolke von Zeugen, die uns auf der Lebensbahn begleitet. Hatte das Wort seine Kraft verloren, oder konnte das geschwächte Auge und der müde Sinn nicht mehr bei der Berührung auf die mächtige Inspiration antworten? Mit einem schweren Seufzer steckte er sie wieder in die Tasche. Ein rohes Lachen weckte ihn; er blickte auf – Legree stand vor ihm.

»Nun, alter Bursche«, sagte er, »wie es scheint, findest du, daß du mit deiner Religion nicht auskommst! Ich dachte gleich, ich würde dir das noch durch deine Wolle einbläuen!«

Der grausame Hohn war schlimmer als Hunger und Kälte und Entblößung. Tom schwieg.

»Du warst ein Tor«, sagte Legree, »denn ich hatte dich zu etwas Gutem bestimmt, als ich dich kaufte. Du hättest dich besser befinden können als Sambo oder Quimbo und gute Zeit gehabt; und anstatt daß du alle Tage oder einen Tag um den andern deine Prügel kriegst, hättest du über alle anderen den Herrn spielen und die Nigger verprügeln können; und gelegentlich hätte ich dir dann auch einmal gut mit Whiskypunsch eingeheizt. Na, meinst du nicht, es wäre besser, du nähmest Vernunft an? Wirf den alten Plunder da ins Feuer und tritt zu meiner Kirche über!«

»Der Herr verhüte das!« sagte Tom voll Inbrunst.

»Du siehst, der Herr wird dir nicht helfen. Wenn er das wollte, so würde er nicht geduldet haben, daß ich dich kaufte! Deine ganze Religion ist nichts als Lug und Trug, Tom. Ich kenne ja die ganze Geschichte. Besser ist's, du hältst dich zu mir, ich bin etwas und kann etwas tun!«

»Nein, Master«, sagte Tom, »ich halte zu Ihm. Der Herr mag mir helfen oder nicht; aber ich werde an Ihm festhalten und an Ihn glauben bis zuletzt!«

»Dann bist du nur ein noch größerer Narr!« sagte Legree, indem er höhnisch nach ihm spuckte und ihm einen Fußtritt gab. »Tut nichts, ich will schon noch deinen Trotz brechen, darauf kannst du dich verlassen!« Und damit entfernte sich Legree.

Wenn eine schwere Last die Seele bis auf die niedrigste Stufe, wo sie es noch ertragen kann, niederdrückt, so machen Körper und Seele mit jedem Nerv einen sofortigen und verzweifelten Versuch, die Last abzuwerfen; und deshalb geht der tiefste Seelenschmerz oft einer rückkehrenden Flut von Freude und Mut voraus. So war es jetzt bei Tom. Die atheistischen Verhöhnungen seines grausamen Herrn brachten seine schon vorher niedergeschlagene Seele auf den niedrigsten Standpunkt herab, aber obgleich die gläubige Hand immer noch an dem ewigen Felsen festhielt, so tat sie es doch nur noch mit schlaffem verzweifelndem Griff. Tom saß wie ein Betäubter vor dem Feuer. Plötzlich schien alles um ihn zu verbleichen, und es erschien ihm ein Gesicht von einem mit Dornen gekrönten Haupt, zerschlagen und blutend. Tom betrachtete mit Ehrfurchtsschauern und Staunen die majestätische Geduld des Gesichts; die tiefen pathetischen Augen durchzuckten ihn bis ins innerste Herz, seine Seele erwachte, wie er mit einer Flut von Tränen der Rührung die Hände hob und auf die Knie niedersank. Und jetzt veränderte sich allmählich das Gesicht, die spitzen Dornen verwandelten sich in eine Strahlenkrone und in unfaßbarem Glanze sah er dasselbe Gesicht sich voller Erbarmen über ihn neigen und eine Stimme sagen: »Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf einem Stuhl zu sitzen, wie ich überwunden habe, und bin gesessen mit meinem Vater auf seinem Stuhl.«

Wie lange Tom dagelegen, wußte er nicht. Als er wieder zu sich kam, war das Feuer verloschen, seine Kleider waren naß von kaltem Tau; aber die schreckliche Seelenkrisis war vorbei, und in der Freude, die ihn erfüllte, fühlte er Hunger, Kälte, Erniedrigung, getäuschte Hoffnung nicht länger. Aus seiner tiefsten Seele sagte er sich in jener Stunde von jeder Hoffnung im Leben los und brachte seinen eigenen Willen als gehorsames Opfer dem Unendlichen dar.

Allen fiel die Veränderung Toms auf. Heiterkeit und Munterkeit schien ihm wieder zurückzukehren, und eine Ruhe, welche keine Beleidigung und keine Schmach stören konnte, schien sich seiner bemächtigt zu haben.

»Was, zum Teufel, ist in Tom gefahren?« sagte Legree zu Sambo. »Vor einer kleinen Weile noch ließ er das Maul hängen, und jetzt ist er so munter wie ein Heimchen.«

»Weiß nicht, Master, will vielleicht fortlaufen.«

»Möchte ihn das schon versuchen sehen«, sagte Legree mit einem wilden Grinsen, »nicht wahr, Sambo?«

»Gewiß, gewiß! Ha! Ho!« sagte der schwarze Kobold und stimmte mit kriechender Unterwürfigkeit in das Lachen ein. »Gott, der Spaß, zu sehen, wie er im Schlamme steckenbleibt und durch den Busch bricht und rennt, während die Hunde ihn gepackt haben! Gott, ich lachte damals, wie wir die Molly fingen, bis zum Platzen. Ich dachte, sie würden sie zerreißen, ehe ich sie losbringen konnte. Sie trägt die Narben von dem Spaß immer noch.«

»Und wird sie wohl mit ins Grab nehmen«, sagte Legree. »Aber hab' ein scharfes Auge auf ihn, Sambo! Wenn der Nigger so was im Sinne hat, so hoffe ich, du wirst ihn erwischen.«

»Das kann Master mir überlassen!« sagte Sambo. »Ich will ihn schon haschen! Ho, ho, ho!«

Dieses Gespräch fand statt, als Legree aufs Pferd stieg, um nach der benachbarten Stadt zu reiten. Als er des Nachts zurückkehrte, kam er auf den Gedanken, nach den Baracken zu reiten, um zu sehen, ob alles sicher sei.

Es war eine herrliche Mondscheinnacht, und die Schatten der zierlich gestalteten Chinabäume zeichneten sich in seinen Umrissen auf dem Rasen unten ab, und in der Luft herrschte die heitere Stille, welche zu stören fast gottlos erschien. Legree befand sich noch in einiger Entfernung von den Baracken, als er eine Stimme singen hörte. Das war hier etwas Ungewöhnliches, und er hielt sein Pferd an, um zu lauschen. Eine wohltönende Tenorstimme sang:

»Und ist mir dann mein Anspruch klar
Auf Himmelsherrlichkeit,
So sag ich Fahrwohl jeder Furcht,
Vergesse jedes Leid.«

»So!« brummte Legree vor sich hin. »So denkt er also? Wie mir diese verwünschten Methodistenlieder verhaßt sind! Heda! Du Nigger!« rief er, wie er Tom erkannte, und drohte ihm mit der Reitpeitsche. »Wie kannst du solchen Lärm machen, wenn du im Bett liegen solltest? Halt dein altes schwarzes Maul und mach, daß du hineinkommst.«

»Ja, Master«, sagte Tom mit bereitwilliger Heiterkeit, wie er aufstand, um hineinzugehen.

Legree erbitterte Toms offenbar glückliche Stimmung über die Maßen, und er ritt an ihn heran und bearbeitete ihm tüchtig Kopf und Rücken.

»Da, du Hund«, sagte er, »sieh zu, ob du dich auch jetzt noch so wohl befindest.«

Aber die Schläge trafen jetzt nur den äußeren Menschen und nicht wie früher das Herz. Tom stand vollkommen unterwürfig da; und doch konnte es sich Legree nicht verhehlen, daß er seine Macht über seinen Sklaven, er wußte selbst nicht, wie, verloren hatte. Und wie Tom in seiner Hütte verschwand, und er sich plötzlich mit seinem Pferd umdrehte, schoß durch seine Seele einer jener lebhaften Strahlen, welche oft Blitze des Gewissens in die dunkle und lasterhafte Seele senden. Er erkannte recht gut, daß Gott zwischen ihm und seinem Opfer stand, und er lästerte ihn. Dieser unterwürfige und schweigende Mann, den weder Hohn noch Drohungen, noch Schläge und Mißhandlungen aus dem Gleichgewicht bringen konnten, rief eine Stimme in ihm wach, gleich der, welche einstmals sein Herr und Meister in dem Besessenen erweckte und welche sagte: Ach Jesu, Du Sohn Gottes, was haben wir mit Dir zu schaffen? Bist Du hergekommen, um uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist?

Toms ganze Seele strömte über von Teilnahme und Mitleid für die armen Unglücklichen, in deren Mitte er lebte. Ihm schien es, als ob seine Lebenssorgen nun vorüber wären, und als ob er aus dem wunderbaren Schatz von Frieden und Freude, der ihm von oben geschenkt worden, etwas zur Erleichterung ihrer Leiden spenden müsse. Es ist wahr, die Gelegenheiten waren selten, aber auf dem Weg nach dem Felde und wieder zurück fanden sich für ihn Veranlassungen, den Müden, den Mutlosen und den Verzweifelnden eine helfende Hand zu reichen. Die armen, niedergedrückten, entmenschten Geschöpfe konnten dies anfangs kaum begreifen; aber als er Woche nach Woche und Monat nach Monat damit fortfuhr, fingen Saiten, die lange stumm geblieben waren, in ihren erstarrten Herzen zu klingen an. Allmählich und unmerklich gewann der sonderbare, stille, geduldige Mann, der bereit war, jedermanns Bürde zu tragen und niemands Hilfe suchte – der vor allen zurücktrat und zuletzt kam, und am wenigsten nahm, aber der erste war, sein Scherflein mit jedem, der es bedürfte, zu teilen – der Mann, der in kalten Nächten seine zerrissene Decke hingab, um einer in Fieberfrost zitternden Frau einige Erleichterung zu verschaffen, und der auf dem Felde die Körbe der Schwächeren füllte trotz der schrecklichen Gefahr, sein eigenes Maß nicht voll zu machen – und der, obgleich mit unermüdlicher Grausamkeit von ihrem gemeinsamen Tyrannen verfolgt, doch nie auf ihn schimpfte oder fluchte – dieser Mann begann endlich eine sonderbare Gewalt über sie zu gewinnen; und als die Zeit des großen Arbeitsdranges vorüber war und sie wieder ihren Sonntag für sich hatten, drängten sich viele um ihn, um ihn von Jesus erzählen zu hören. Sie wären gern an einem besonderen Platze zusammengekommen, um zu hören und zu beten und zu singen; aber Legree wollte das nicht gestatten und trieb solche Versammlungen mehr als einmal mit Flüchen und gräßlichen Verwünschungen auseinander, so daß die gesegnete Botschaft von Mund zu Mund wandern mußte. Aber wer kann die kindliche Freude beschreiben, mit der einige dieser armen Verstoßenen, deren Leben eine freudenlose Wanderung nach einem dunklen unbekannten Ziele ist, von einem barmherzigen Erlöser und einer himmlischen Heimat hörten?

Die arme Mulattin, deren einfachen Glauben der Sturm von Grausamkeit und Unrecht, den sie hatte erdulden müssen, fast erdrückt und vernichtet hatte, fühlte ihre Seele erhoben von den Hymnen und Stellen der Heiligen Schrift, welche dieser demütige Missionar von Zeit zu Zeit, wenn sie von dem Felde kamen oder aufs Feld gingen, in die Ohren flüsterte; und selbst das halbwahnwitzige Gemüt Cassys fühlte sich durch seine einfache und unaufdringliche Einwirkung beruhigt und besänftigt.

Von den zerschmetternden Qualen ihres Lebens zum Wahnsinn und zur Verzweiflung angestachelt, hatte Cassy in ihrer Seele oft an eine Stunde der Vergeltung gedacht, wo ihre Hand an ihrem Bedrücker alle Ungerechtigkeit und Grausamkeit rächen sollte, deren Zeugin sie gewesen oder die sie selbst hatte leiden müssen.

Eines Nachts, als in Toms Hütte alles in Schlaf gesunken war, erweckte ihn plötzlich der Anblick ihres Gesichts, das zu dem als Fenster dienenden Loch zwischen den Balken hereinschaute. Sie winkte ihm mit einer stummen Gebärde, herauszukommen.

Tom trat vor die Tür hinaus. Es war zwischen ein und zwei Uhr nachts heller, ruhiger, heiliger Mondschein. Wie das Licht des Mondes auf Cassys große schwarze Augen fiel, bemerkte Tom, daß in ihnen eine wilde und eigentümliche Flamme glühte, sehr verschieden von ihrer gewöhnlichen, starren Verzweiflung.

»Kommt, Vater Tom«, sagte sie und ergriff mit ihrer kleinen Hand seinen Arm und zog ihn mit einer Kraft an sich heran, als ob die Hand von Stahl wäre. »Kommt, ich habe Euch etwas zu sagen.«

»Was gibt's, Miß Cassy?«

»Tom, hättet Ihr Eure Freiheit gern?«

»Sie wird mir werden, wenn es Gott gefällt, Missis«, sagte Tom.

»Ja, aber Ihr könnt schon heute nacht frei werden«, sagte Cassy mit plötzlicher Energie. »Kommt.«

Tom zögerte.

»Kommt!« flüsterte sie ihm zu und starrte ihn mit ihren schwarzen Augen an. »Kommt mit mir! Er schläft – er schläft fest. Ich habe genug in seinen Branntwein getan, daß er nicht so bald erwacht; ich wollte, ich hätte mehr gehabt, dann hätte ich Euch nicht gebraucht. Aber kommt, die Hintertür ist nicht verschlossen; dort findet Ihr ein Beil, ich habe es hingestellt – die Tür seines Zimmers ist offen; ich will Euch den Weg zeigen. Ich würde es selbst tun, aber mein Arm ist zu schwach dazu. Kommt mit mir!«

»Nicht für zehntausend Welten, Missis«, sagte Tom fest, indem er stehen blieb und sie aufhielt, wie sie fort wollte.

»Aber denkt an alle diese armen Geschöpfe«, sagte Cassy. »Wir können sie alle freilassen und uns in die Sümpfe flüchten, und eine Insel finden und für uns leben; ich habe gehört, daß das welchen geglückt ist. Jedes Leben ist besser als dieses!«

»Nein!« sagte Tom fest. »Nein! Gutes kommt nie aus dem Bösen. Lieber wollte ich mir die rechte Hand abhacken!«

»Dann tue ich es allein«, sagte Cassy und wendete sich zum Gehen.

»O Miß Cassy«, sagte Tom und warf sich ihr in den Weg, »um des guten Herrn willen, der für Euch gestorben ist, verkauft nicht auf diese Weise Eure unsterbliche Seele dem Teufel! Daraus kann nur Böses werden. Der Herr hat uns nicht berufen zum Zorn. Wir müssen dulden und seine Stunde erwarten.«

»Warten!« sagte Cassy. »Habe ich nicht gewartet – gewartet, bis mir der Kopf schwindelte und das Herz vertrocknet ist? Wie hat er mich gepeinigt? Wie hat er Hunderte von armen Geschöpfen gepeinigt? Preßt er nicht aus Euch das Herzblut heraus? Ich bin berufen! Sie rufen mich! Seine Zeit ist gekommen, und ich muß sein Herzblut haben.«

»Nein, nein, nein!« sagte Tom und hielt ihre kleinen Hände fest, die sich mit krampfhafter Heftigkeit zusammenballten. »Nein, arme, verirrte Seele, das dürft Ihr nicht tun! Der gute gesegnete Herr hat kein anderes Blut vergossen, als sein eigenes, und das vergoß er für uns, als wir seine Feinde waren. Herr, hilf uns seinen Schritten folgen und unsere Feinde lieben.«

»Lieben!« sagte Cassy mit wildem Blick. »Solche Feinde lieben, das ist dem Menschen nicht gegeben.«

»Das ist wohl wahr, Missis«, sagte Tom mit einem Blick zum Himmel, »aber Er gibt es uns, und das ist der Sieg. Wenn wir bei allem und für alles lieben und beten können, so ist der Kampf vorüber und der Sieg gekommen – Ehre sei Gott in der Höhe!«

Die tiefste Inbrunst Toms, seine sanfte Stimme und seine Tränen fielen wie Tau auf das verzweifelte, stürmisch bewegte Gemüt der Unglücklichen. Das unheimliche Feuer in ihrem Auge wurde sanfter; sie senkte den Blick, und Tom konnte fühlen, wie die Muskeln ihrer Hand erschlafften, als sie sagte:

»Habe ich Euch nicht gesagt, daß mich böse Geister verfolgten? Ach, Vater Tom, ich kann nicht beten! Ich wollte, ich könnte es. Ich habe nicht gebetet, seitdem meine Kinder verkauft wurden! Was Ihr sagt, muß recht sein – ich weiß, es muß recht sein; aber wenn ich zu beten versuche, kann ich nur hassen und verwünschen. Ich kann nicht beten.«

»Arme Seele!« sagte Tom voll Mitleid. »Der Satanas begehrte Euer, daß er Euch möchte sichten, wie den Weizen. Ich bete zu dem Herrn für Euch. O Miß Cassy, wendet Euch dem guten Herrn Jesus zu. Er ist gekommen, um die Betrübten zu stärken und die, welche klagen, zu trösten.«

Cassy stand stumm da, während große schwere Tränen aus ihren zu Boden gesenkten Augen flossen.

»Miß Cassy«, sagte Tom zögernd, nachdem er sie einen Augenblick schweigend betrachtet hatte, »wenn Ihr nur fort von hier kommen könntet – wenn es möglich wäre – so würde ich Euch und Emmeline raten, zu entfliehen; d. h. wenn Ihr's ohne Blutschuld tun könntet – nicht anders.«

»Würdet Ihr's mit uns versuchen, Vater Tom?«

»Nein«, sagte Tom, »es war eine Zeit, wo ich's getan hätte, aber der Herr hat mir eine Arbeit unter diesen armen Leuten aufgetragen, und ich will bei ihnen bleiben und mein Kreuz mit ihnen tragen bis ans Ende. Mit Euch ist es anders; für Euch ist es ein Fallstrick – es ist mehr, als Ihr tragen könnt, und es ist besser, Ihr entflieht, wenn Ihr könnt.«

»Ich kenne keinen Weg, als durch das Grab«, sagte Cassy. »Jedes vierfüßige Tier und jeder Vogel kann irgendwo ein Obdach finden, selbst die Schlangen und Alligatoren haben eine Stelle, wo sie ruhen können; aber für uns gibt es keine Stätte. Bis in die finstersten Sümpfe verfolgen uns ihre Hunde und spüren uns auf. Jeder Mann und jegliche Sache ist gegen uns, selbst die Tiere nehmen gegen uns Partei, und wohin sollen wir uns wenden?«

Tom stand schweigend da; endlich sprach er: »Er, welcher Daniel aus der Löwengrube rettete, der die Männer in dem feurigen Ofen errettete – Er, der auf dem Meere wandelte und dem Winde Schweigen gebot – Er lebt noch; und ich habe den Glauben, zu vertrauen, daß Er Euch erlösen kann. Versucht es, und ich will mit meiner ganzen Kraft für Euch beten.«

Welches wunderbare Gesetz der Seele bewirkt es, daß ein lange übersehener und wie ein nutzloser Stein mit Füßen getretener Gedanke plötzlich als ein entdeckter Diamant in einem neuen Lichte strahlt! Cassy hatte schon manche Stunde alle möglichen oder wahrscheinlichen Fluchtpläne überlegt und sie alle als hoffnungslos und unausführbar aufgegeben; aber in diesem Augenblick blitzte ihr ein Plan durch den Geist, der so einfach und in allen seinen Einzelheiten ausführbar war, daß er auf der Stelle neue Hoffnung erweckte.

»Vater Tom! Ich werde es versuchen!« rief sie plötzlich.

»Amen!« sagte Tom. »Der Herr helfe Euch!«

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