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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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32. Kapitel

Freiheit!

Eine Zeitlang müssen wir Tom in den Händen seiner Peiniger lassen und mittlerweile uns wieder einmal um die Schicksale Georges und seiner Gattin bekümmern, die wir in befreundeter Obhut in einer Farm an der Landstraße verließen.

Tom Loker wälzte sich stöhnend in einem höchst fleckenlos reinen Quäkerbett unter der mütterlichen Aufsicht der Tante Dorcas herum, die in ihm einen ziemlich ebenso fügsamen Patienten fand, wie in einem kranken Büffel.

Man denke sich eine hohe, würdevolle, durchgeistigt aussehende Frau, deren weiße Musselinmütze silberweißes Haar umschließt und deren breite klare Stirn sich über gedankenvollen grauen Augen wölbt; ein schneeweißes Halstuch von Crepp de Lisse faltet sich sauber über ihren Busen; ihr glänzendes braunes Seidenkleid rauscht friedlich, wie sie im Zimmer hin und her schwebt.

»Zum Teufel!« sagte Tom Loker und wirft sich unter den Bettüchern herum.

»Ich muß dich bitten, Thomas, dich nicht solcher Worte zu bedienen«, sagte Tante Dorcas, während sie ruhig das Bett wieder zurechtmachte.

»Na, ich will's nicht tun, Großmutter, wenn's mir möglich ist«, sagte Tom. »Aber 's ist so verwünscht heiß, daß man wohl einmal fluchen möchte.«

Dorcas nahm ein Fußkissen vom Bett, strich die Decken wieder glatt und stopfte sie unter, bis Tom fast wie ein großes Wickelkind aussah, wobei sie bemerkte:

»Ich wünschte, Freund, du ließest das Fluchen und Schwören und dächtest über dein Leben nach.«

»Was, zum Teufel«, sagte Tom, »soll ich darüber nachdenken? Das ist das allerletzte, woran ich denken möchte – hol's der Henker!« Und Tom warf sich im Bett herum und brachte dabei wieder das Bettzeug in die schrecklichste Unordnung.

»Der Bursche und das Mädel sind hier, vermute ich«, sagte er nach einer Pause mürrisch.

»Sie sind hier«, sagte Dorcas.

»Sie täten besser, so rasch als möglich weiterzureisen und über den See zu fahren«, sagte Tom.

»Das werden sie wahrscheinlich tun«, sagte Tante Dorcas und strickte ruhig weiter.

»Und hört«, sagte Tom, »wir haben Korrespondenten in Sandusky, welche für uns auf die Boote achtgeben, 's ist mir einerlei, ob Ihr's jetzt erfahrt. Ich hoffe jetzt, sie entkommen, bloß um Marks zu ärgern – der verwünschte Laffe! – verdamme ihn!«

»Thomas!« sagte Dorcas.

»Ich sage Euch, Großmutter, wenn Ihr einen Burschen zu stark zustöpselt, so platzt er«, sagte Tom. »Aber was die Dirne betrifft – sagt ihr, sie solle sich verkleiden, damit man sie nicht erkennt. Ihr Signalement ist nach Sandusky geschickt.«

»Wir werden das Nötige besorgen«, sagte Dorcas mit charakteristischer Ruhe.

Da wir hier von Tom Loker Abschied nehmen, so können wir gleich jetzt erzählen, daß, nachdem er an einem rheumatischen Fieber, welches sich seinen anderen Leiden zugesellte, drei Wochen bei den Quäkern krank gelegen, mit einem demütigeren und besseren Gemüt aufstand, und anstatt sich auf die Sklavenfängerei zu begeben, nach einer der neuen Ansiedlungen zog, wo seine Anlagen eine bessere Verwendung im Fange von Bären, Wölfen und anderen Bewohnern der Wälder fanden. Er erwarb sich damit sogar eine Art Ruhm im Lande. Tom sprach immer mit großer Ehrerbietung von den Quäkern. »Hübsche Leute«, pflegte er zu sagen, »wollten mich bekehren, aber paßte mir doch nicht recht. Aber ich sage Euch, Fremder, einen Kranken können sie vortrefflich auffieren, das ist wahr! Machen wahrhaftig die beste Kraftbrühe und andere Chosen.«

Da man von Tom erfahren hatte, daß man in Sandusky auf die Flüchtlinge ein Auge haben werde, so hielt man es für das Geratenste, sie zu teilen. Jim und seine alte Mutter traten ihre Reise für sich an; und ein oder zwei Abende später wurden George und Elise mit ihrem Kinde heimlich nach Sandusky gefahren und unter einem gastlichen Dache untergebracht, bevor sie ihre letzte Tagesreise zur Freiheit über den See antraten.

Ihre Nacht war jetzt fast vorüber und der Morgenstern der Freiheit erhob sich glänzend vor ihnen. Freiheit! begeisterndes Wort! Was ist sie? Ist sie etwas mehr als ein Name, eine rhetorische Phrase? Warum, Männer und Frauen Amerikas, erzittert Euch das Herz bei diesem Wort, für welches Eure Bären bluteten und für welches Eure besseren Mütter gern ihre edelsten Söhne hingeben?

Kann einer Nation etwas herrlich und teuer sein, was nicht zugleich einem Manne herrlich und teuer ist? Was ist Freiheit einer Nation anders, als Freiheit für jeden einzelnen derselben? Was ist Freiheit für den Jüngling, der dort sitzt, die Arme über die breite Brust geschlagen, die Farbe afrikanischen Bluts auf seiner Wange und dunkles Feuer im Auge – was ist Freiheit für George Harris? Euren Vätern war Freiheit das Recht einer Nation, eine Nation zu sein. Ihm ist es das Recht eines Menschen, ein Mensch und kein Tier zu sein; das Recht, das Weib seines Herzens sein Weib zu nennen und es vor gesetzloser Gewalttat zu schützen; das Recht, sein Kind zu beschützen und zu erziehen; das Recht, eine eigene Religion, einen eigenen Charakter zu haben, ohne dem Willen eines andern unterworfen zu sein. Alle diese Gedanken bewegten mit Ungestüm Georges Herz, wie er nachdenklich den Kopf auf die Hand stützte und seiner Gattin zusah, die ihre zierliche Gestalt in Manneskleider hüllte, die man ihr als die sicherste Verhüllung für ihre Flucht vorgeschlagen hatte.

»Nun die Hauptsache«, sagte sie, wie sie vor dem Spiegel stand und ihr reiches schwarzes Lockenhaar auf die Schultern herabfallen ließ. »Ist's nicht fast schade, George?« sagte sie, wie sie ein paar Locken spielend emporhob, »'s ist schade, daß alles abgeschnitten werden muß.«

George lächelte trübe und gab keine Antwort.

Elisa sah wieder in den Spiegel, und die Schere funkelte, wie sie eine lange Locke nach der andern von ihrem Haupte trennte.

»So, so wird's gehen«, sagte sie und nahm eine Haarbürste, »nun noch ein paar kunstreiche Striche.«

»So – bin ich nicht ein hübscher Junge?« sagte sie und wendete sich lachend und errötend zu ihrem Gatten.

»Du wirst immer hübsch sein, magst du tun, was du willst«, sagte George.

»Weshalb bist du so ernst?« sagte Elisa, indem sie auf ein Knie niedersank und ihre Hand auf die seine legte. »Wir sind nur 24 Stunden von Kanada«, sagte sie. »Nur ein Tag und eine Nacht auf dem See und dann – o dann!«

»O Elisa!« sagte George und zog sie an sich. »Das ist's eben! Jetzt zieht sich mein ganzes Schicksal auf einen einzigen kleinen Punkt zusammen. Dem Ziele so nahe zu sein, es fast zu erblicken – und dann alles verlieren. Ich könnte es nicht überleben, Elisa.«

»Fürchte dich nicht«, sagte seine Frau hoffnungsvoll. »Der gute Gott wird uns nicht so weit geführt haben, wenn er uns nicht vollends retten wollte. Es ist mir, als fühlte ich seine Nähe, George.«

»Du bist wie eine Heilige, Elisa«, sagte George und drückte sie krampfhaft an sich. »Aber – ach, sage mir! Kann uns wirklich diese große Gnade bestimmt sein? Werden diese langen Jahre des Elends zu Ende sein? – Werden wir frei sein?«

»Ich bin dessen gewiß, George«, sagte Elisa mit einem Blicke himmelwärts, während Tränen der Hoffnung und der Begeisterung in ihren langen dunklen Wimpern glänzten. »Ich fühle es innerlich, daß Gott uns heute noch aus der Sklaverei erlösen wird.«

»Ich will dir glauben, Elisa«, sagte George und stand rasch auf. »Ich will glauben. Komm, wir wollen fort. Wahrhaftig«, sagte er, indem er sie auf Armlänge von sich entfernt hielt und sie bewundernd anschaute, »du bist ein hübscher Junge. Dieses klein gelockte Haar steht dir ganz allerliebst. Setz deine Mütze auf. So – ein wenig auf die eine Seite. Du bist mir noch nie so hübsch vorgekommen. Aber es ist fast Zeit für den Wagen; ich möchte wissen, ob Missis Smith Harry angezogen hat?« Die Tür ging auf, und eine anständige Frau von mittleren Jahren trat ein, den kleinen Harry, wie ein Mädchen angezogen, an der Hand führend.

»Was er für ein hübsches Mädchen vorstellt«, sagte Elisa und drehte sich um. »Wir müssen ihn Harriet nennen, meine ich. Klingt nicht der Name allerliebst?«

Das Kind betrachtete mit ernstem Gesicht seine Mutter in ihrem neuen und ungewohnten Anzuge und beobachtete ein tiefes Schweigen, währenddessen es nur manchmal tief seufzte und unter seinen dunklen Locken hervor nach ihr lugte.

»Kennt Harry die Mama nicht?« sagte Elisa und streckte ihm die Hände entgegen.

Das Kind klammerte sich schüchtern an die Frau.

»Laß doch, Elisa, warum versuchst du ihn zu dir zu locken, da du doch weißt, daß er sich fern von dir halten soll.«

»Ich weiß, daß es unverständig ist«, sagte Elisa, »aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß er sich von mir abwendet. Aber komm – wo ist mein Mantel? Hier – wie nehmt ihr Männer den Mantel um, George?«

»Du mußt ihn so tragen«, sagte ihr Mann und warf ihn über seine Achsel.

»So also«, sagte Elisa und machte es ihm nach; »und ich muß fest auftreten und lange Schritte machen und den Leuten keck ins Gesicht sehen.«

»Gib dir keine Mühe«, sagte George. »Man findet gelegentlich einmal einen bescheidenen jungen Mann, und ich glaube, diese Rolle zu spielen würde dir leichter sein.«

»Und diese Handschuhe! Himmlische Güte!« sagte Elisa. »Meine Hände verlieren sich ja darin.«

»Ich rate dir, sie beileibe nicht auszuziehen«, sagte George. »Dein niedliches feines Händchen könnte uns alle verraten. Also, Missis Smith, Sie sollen unter unserer Obhut reisen und unser Tantchen sein – vergessen Sie das nicht.«

»Wie ich höre«, sagte Mrs. Smith, »sind Leute dagewesen, die alle Schiffscapitaine vor der Aufnahme eines Mannes und einer Frau mit einem kleinen Knaben gewarnt haben.«

»Wirklich!« sagte George. »Nun, wenn wir Leute der Art sehen, können wir es ihnen sagen.«

Ein Wagen fuhr jetzt vor der Tür vor, und die befreundete Familie, welche die Flüchtlinge aufgenommen hatte, drängte sich jetzt um sie, um Lebewohl zu sagen.

Die Verkleidungen, welche unsere Freunde angelegt hatten, waren nach den Winken Tom Lokers eingerichtet. Mrs. Smith, eine achtbare Frau aus Kanada, wohin sie flüchteten, und die zum Glück gerade im Begriff stand, dorthin über den See zurückzukehren, hatte sich erboten, die Rolle von Harrys Tante zu spielen; und um ihn an sie zu gewöhnen, war er die beiden letzten Tage ganz ihrer Obhut überlassen worden, und ein Extrazuschuß von Liebkosungen nebst einem unerschöpflichen Reichtum von Kuchen und Kandis hatten eine sehr innige Anhänglichkeit von seiten des jungen Herrn erzeugt.

Die Kutsche fuhr nach dem Kai. Die beiden jungen Männer stiegen aus und gingen über die Planke aufs Boot, wobei Elisa voll Galanterie Missis Smith den Arm bot und George auf das Gepäck achtgab.

George stand vor dem Büro des Capitains und bezahlte für die Gesellschaft, als er zwei Männer neben sich folgendes reden hörte.

»Ich habe auf jeden einzelnen achtgegeben, der an Bord gekommen ist«, sagte der eine, »und ich weiß, sie sind nicht auf diesem Boote.«

Die Stimme war die des Sekretärs des Bootes. Der andere, mit dem er sprach, war unser alter Freund Marks, der mit der ihm eigenen schätzbaren Ausdauer nach Sandusky gekommen war, um zu sehen, wen er verschlingen könnte.

»Man kann die Frau kaum von einem Weißen unterscheiden«, sagte Marks. »Der Mann ist ein sehr heller Mulatte. In der einen Hand ist er gebrandmarkt.«

Die Hand, mit der George die Billets und das kleine Geld nahm, zitterte ein wenig, aber er drehte sich kaltblütig um, warf einen unbefangenen Blick auf den Sprecher und ging langsam nach einem anderen Teil des Bootes, wo Elisa auf ihn wartete.

Mrs. Smith zog sich mit dem kleinen Harry in die Damen-Kajüte zurück, wo die dunkle Schönheit des vermeintlichen kleinen Mädchens manche schmeichelhafte Bemerkung von den Passagieren hervorrief.

George hatte die Genugtuung, Marks über das Brett ans Ufer gehen zu sehen, als die Glocke zum letzten Male läutete; und er seufzte erleichtert auf, als das Boot abstieß und eine unübersteigliche Kluft zwischen sie gesetzt hatte.

Es war ein herrlicher Tag. Die blauen Wellen des Eriesees tanzten funkelnd im Sonnenschein. Ein frischer Wind wehte vom Ufer, und das stolze Boot arbeitete sich tapfer durch die widerstrebenden Wasser.

George und seine Gattin standen Arm in Arm am Rande des Bootes, wie sich dasselbe der kleinen Stadt Amherbstberg in Kanada näherte. Er atmete kurz und schwer, ein Nebelschleier sammelte sich vor seinen Augen, er drückte schweigend die kleine Hand, die zitternd auf seinem Arme lag. Die Glocke läutete, das Boot hielt an. Ohne recht zu wissen, was er tat, suchte er sein Gepäck zusammen und sammelte seine kleine Gesellschaft. Sie landeten. Sie blieben stehen, bis das Boot wieder abstieß; und dann knieten der Gatte und die Gattin mit Tränen und Umarmungen, und ihr verwundertes Kind in den Armen haltend, nieder und erhoben ihre Herzen zu Gott!

Mrs. Smith brachte die kleine Gesellschaft bald in das gastliche Haus eines guten Missionars, den christliches Erbarmen als einen Hirten für die Verstoßenen und Heimatlosen, welche beständig an diesem Ufer ein Asyl finden, hierher gesetzt hat.

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