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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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27. Kapitel

Düstere Bilder

Müde hinter einem roh gezimmerten Wagen her und auf einem schlimmen Wege schleppten sich Tom und seine Leidensgefährten weiter.

Im Wagen saß Simon Legree, und die beiden Frauen, immer noch zusammengeschlossen, waren mit einigem Gepäck in dem hinteren Teile desselben untergebracht. Die ganze Gesellschaft reiste nach Legrees Plantage, die noch eine gute Strecke entfernt lag.

Es war ein wilder einsamer Weg, der sich jetzt durch öde Nadelholzhaiden wand, wo der Wind trauervoll stöhnte und dann über lange Knüppeldämme durch ausgedehnte Zypressensümpfe, wo die melancholischen Bäume aus dem schlammigen moorigen Boden emporstiegen, mit langen Trauerkränzen von schwarzem Moos behangen, während man hier und da die ekelerregende Mokkasinschlange zwischen abgebrochenen Baumstümpfen und sturmgeknickten Ästen, die hier und da im Wasser faulten, hindurchgleiten sah.

Der Wagen fuhr schließlich auf einem grasbewachsenen Kiesweg durch eine schöne Allee von Chinabäumen, deren anmutige Gestalt und immergrünes Laub das einzige zu sein schien, dem Vernachlässigung nicht schaden konnte – gleich edlen Geistern, die so tief in der Tugend wurzeln, daß sie unter einer entmutigenden und verfallenen Umgebung nur um so kräftiger gedeihen.

Das Haus war geräumig und schön gewesen. Die Bauart war, wie man sie im Süden sehr häufig findet; um das ganze Haus lief eine breite Veranda von zwei Stockwerken, auf welche sich alle äußeren Türen öffneten, und das unterste Stockwerk hatte gemauerte Pfeiler.

Aber alles sah wüst und ungemütlich aus; einige Fenster waren mit Brettern vernagelt oder hatten zerbrochene Scheiben oder Läden, die nur noch an einem Haspen hingen – alles verriet gröbliche Vernachlässigung und Unbehaglichkeit.

Bretterstücke, Stroh, alte verrottete Fäser und Kisten standen und lagen überall herum, und drei oder vier grimmig aussehende Hunde kamen, von dem Rollen der Wagenräder aufmerksam gemacht, herausgestürzt und ließen sich nur mit Mühe von den zerlumpten Dienstboten, die ihnen folgten, abhalten, Tom und seine Gefährten anzupacken.

»Ihr seht, was ihr zu erwarten habt!« sagte Legree, indem er die Hunde mit grimmiger Genugtuung liebkoste und sich zu Tom und seinen Gefährten wendete. »Ihr seht, was ihr zu erwarten habt, wenn ihr versucht fortzulaufen. Diese Hunde hier sind abgerichtet, Nigger aufzuspüren; und sie würden ebenso gern einen von euch zerreißen als ihr Abendbrot fressen. Also nehmt euch in acht! Heda, Sambo!« sagte er zu einem zerlumpten Kerl mit einem Hut ohne Rand, der ihn mit kriechendem Eifer begrüßte. »Wie ist's gegangen?«

»Vortrefflich, Master.«

»Quimbo«, sagte Legree zu einem anderen, der sich angelegentlich bemühte, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, »du hast doch getan, wie ich dir gesagt habe?«

»Ei und ob, Master.«

Diese beiden Farbigen waren die beiden ersten Sklaven der Plantage. Legree hatte sie ebenso systematisch zur Wildheit und Roheit erzogen wie seine Bulldoggen, und durch lange Übung in Härte und Grausamkeit ihren ganzen Charakter auf dieselbe Tiefe der Befähigung herabgebracht. Man findet gewöhnlich, und man hat davon eine schwere Anklage gegen den Charakter der Rasse hergenommen, daß der schwarze Sklavenaufseher stets tyrannischer und grausamer ist als der weiße. Man sagt damit weiter nichts, als daß der Geist des Negers mehr herabgedrückt und erniedrigt worden ist als der des Weißen. Es ist bei dieser Rasse nicht mehr der Fall als bei jeder anderen unterdrückten Rasse auf der ganzen Welt. Der Sklave ist stets ein Tyrann, wenn ihm die Möglichkeit dazu gegeben wird.

Legree regierte, wie manche Herrscher, von denen wir in der Geschichte lesen, seine Plantage durch eine Art Gleichgewicht der Kräfte. Sambo und Quimbo haßten einander aufs herzlichste; die Plantagenarbeiter ohne Ausnahme haßten die beiden ebenso aufrichtig; und indem er stets die eine Partei gegen die andere benutzte, war er ziemlich sicher, stets von einer derselben alles zu erfahren, was auf seiner Besitzung vorging.

Niemand kann ganz ohne geselligen Verkehr leben, und Legree munterte seine zwei schwarzen Satelliten zu einer Art gemeinen Vertraulichkeit auf, die jedoch jeden Augenblick den einen oder den andern in Ungelegenheit bringen konnte, denn bei der leisesten Reizung war einer von beiden stets bereit, auf einen Wink der Rache seines Herrn gegen den andern als Werkzeug zu dienen.

Wie sie jetzt neben Legree standen, erschienen sie als ein passender Beweis der Behauptung, daß vertierte Menschen noch tiefer stehen als die Tiere selbst. Ihre gemeinen, finsteren, mürrischen Züge; ihre großen Augen, die einander neidisch anglotzten; der rauhe, halb tierische Kehlton ihrer Sprache und die zerrissenen, im Winde flatternden Kleider standen in vortrefflicher Harmonie mit dem gemeinen und abstoßenden Charakter der ganzen Umgebung.

»Hier, Sambo«, sagte Legree, »bring diese Burschen hier in die Baracken; und hier habe ich auch ein Mädchen für dich mitgebracht«, sagte er, indem er eine Mulattin namens Emmeline losschloß und sie jenem hinschob, »ich hatte dir ja versprochen, eine mitzubringen.«

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