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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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26. Kapitel

Die Überfahrt

Auf dem hinteren Verdeck eines kleinen schlechten Bootes auf dem Red River saß Tom mit Fesseln an den Händen und an den Füßen und einer schweren Last als Fesseln auf dem Herzen. Alles war von seinem Himmel verschwunden, Mond und Sterne; alles war an ihm vorbeigegangen, wie die Bäume und Ufer, an denen er jetzt vorüberfuhr, um nie wieder zurückzukehren. Die Heimat in Kentucky mit Frau und Kindern und der nachsichtigen Herrschaft; das Haus St. Clares mit seiner Verfeinerung und seinem Glanze; das goldene Lockenköpfchen Evas mit den heiligen Augen; der stolze, heitere, schöne, scheinbar so achtlose und doch stets gütige St. Clare; Stunden voll Ruhe und gern gewährter Muße. – Alles vorüber! Und was ist an dessen Statt geblieben?

Es ist eine der schlimmsten Seiten der Sklaverei, daß der von Natur teilnehmende und sich leicht anschließende Neger, nachdem er in einer gebildeten Familie den Geschmack und die Empfindungen, die daselbst vorherrschen, angenommen hat, demungeachtet der Knecht und Sklave des Gemeinsten und Rohesten werden kann – gerade wie ein Stuhl oder ein Tisch, der früher einen prächtigen Salon schmückte, zuletzt zerstoßen und abgenutzt in die Schenkstube einer gemeinen Kneipe oder einer liederlichen Spelunke kommt. Der große Unterschied ist, daß der Tisch und der Stuhl nicht fühlen können und daß der Mensch fühlt; denn selbst ein Gerichtsbefehl, daß er vor dem Gesetze als persönliches Eigentum genommen und geachtet werden soll, kann nicht seine Seele mit ihrer eigenen kleinen Welt von Erinnerungen, Hoffnungen, Befürchtungen und Wünschen auslöschen.

Mr. Simon Legree, Toms Herr, hatte an verschiedenen Orten in New Orleans acht Sklaven gekauft und sie, paarweise zusammengefesselt, nach dem guten Dampfer Pirat getrieben, der im Begriff eine Fahrt nach dem Red River anzutreten am Levée lag.

Als das Boot in Bewegung war, trat er mit der wichtigen Miene, die ihn stets auszeichnete, zu den Sklaven, um sie zu besichtigen.

Er blieb zuerst vor Tom stehen, den man für die Auktion in seinen besten Tuchanzug mit wohl gestärktem Leinen und blanken Stiefeln gekleidet hatte, und sprach zu ihm: »Steh auf!«

Tom stand auf.

»Nimm das Halstuch ab!« Und als Tom, von seinen Fesseln behindert, damit nicht recht zuwegekommen konnte, kam er ihm zu Hilfe, indem er es ihm mit ziemlich unsanfter Hand vom Halse riß und in die Tasche steckte.

Legree nahm jetzt Toms Koffer vor, den er schon vorher umgewühlt hatte, nahm ein Paar alte Beinkleider und einen zerrissenen Rock heraus, in welchem Tom seine Stallarbeit verrichtet hatte, und sagte, indem er Tom von den Handschellen befreite und auf einen Winkel hinter den Kisten wies.

»Geh dort in den Winkel und zieh die Sachen an.«

Tom gehorchte und kehrte in wenigen Augenblicken zurück.

»Zieh deine Stiefel aus«, sagte Mr. Legree.

Tom tat, wie ihm geheißen.

»Da, zieh diese an!« sagte der andere und warf ihm ein Paar grobe, derbe Schuhe hin, wie sie Sklaven meistens tragen.

Tom hatte bei seinem eiligen Kleidertausche nicht vergessen, seine geliebte Bibel in die Tasche zu stecken. Es war ein Glück für ihn, denn als Mr. Legree Tom die Handschellen wieder angelegt hatte, fing er eine gründliche Untersuchung seiner Taschen an. Er zog ein seidenes Taschentuch heraus und steckte es in seine Tasche. Verschiedene Tändeleien, welche Tom hauptsächlich aufbewahrte, weil sie Eva gern hatte, betrachtete er mit verächtlichem Grunzen und warf sie über die Achseln in den Fluß.

Nun fiel ihm Toms Methodistengesangbuch, das dieser in der Eile vergessen hatte, in die Hand und er blätterte darin.

»Hm! Ein Frommer, wie ich sehe! Na, wie heißt du da? Du bist Mitglied der Kirche, nicht wahr?«

»Ja, Master«, sagte Tom fest.

»Na, das wollen wir dir schon vertreiben. Ich leide keinen betenden und singenden Nigger auf meiner Plantage, bedenk das wohl. Überhaupt hörst du«, sagte er, indem er mit dem Fuße stampfte und aus seinen grauen Augen einen wütenden Blick auf Tom schoß, »ich bin jetzt deine Kirche! Du verstehst mich – du hast zu tun und zu lassen, was ich befehle.«

Ein Etwas in dem schweigenden Schwarzen antwortete »Nein!« und als ob eine unsichtbare Stimme sie wiederholte, vernahm er die Worte eines alten prophetischen Spruches, den ihm Eva oft vorgelesen hatte: »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!«

Aber Simon Legree hörte keine Stimme. Diese Stimme wird er niemals hören. Er warf nur noch einen wilden Blick auf Toms niedergeschlagenes Gesicht und ging weiter. Er nahm Toms Koffer, der eine sehr hübsche und reichliche Garderobe enthielt, mit nach dem Vorderteile des Bootes, wo bald die ganze Mannschaft sich darum versammelte. Unter vielem Lachen auf Kosten der Nigger, welche feine Herren zu sein beanspruchten, waren die verschiedenen Artikel bald verkauft, und zuletzt kam der leere Koffer zur Versteigerung. Es kam ihnen allen wie ein ganz vortrefflicher Spaß vor, vorzüglich wie sie sahen, wie Tom mit traurigen Blicken seinen Sachen folgte, wie sie dahin und dorthin verteilt wurden; und die Versteigerung des Koffers war das Drolligste von allem und gab Anlaß zu zahllosen witzigen Reden.

So wie dies Geschäftchen abgemacht war, trat Simon wieder zu seinem Eigentum.

»Du siehst, Tom, du bist nun dein Extragepäck losgeworden. Nimm die Kleider da gar sorgfältig in acht. Es wird ziemlich lange dauern, ehe du neue bekommst. Ich suche was drin, Nigger wirtschaftlich zu machen – ein Anzug muß auf meiner Plantage ein ganzes Jahr ausreichen.

Jetzt hört mich einmal alle an«, sagte er und trat ein oder zwei Schritte zurück – »seht mich an – seht mir ins Auge – gerade ins Auge«, sagte er und stampfte bei jeder Pause mit dem Fuße.

Wie durch Verzauberung heftete sich jetzt jeder Blick auf das funkelnde, grünlich graue Auge Simons.

»Seht ihr diese Faust?« sagte er, indem er seine graue schwere Hand zusammenballte, daß sie etwa wie ein Schmiedehammer aussah, »fühle einmal«, sagte er und ließ sie auf Toms Hand fallen. »Seht mal diese Knochen an! Ich sage euch, diese Faust ist so hart geworden wie Eisen vom Niederschlagen von Niggern. Hab' noch keinen Nigger gekannt, den ich nicht mit einem Hieb zu Boden gebracht hätte«, sagte er und hielt seine Faust Tom so nahe vors Gesicht, daß dieser mit den Augen zuckte und zurücktrat. »Ich halte keine von euern verwünschten Aufsehern; ich bin selber mein Sklavenaufseher; und ich sage euch, 's ist eine Aufsicht bei mir. Jeder von euch muß seine Sache bis auf den letzten Punkt verrichten; rasch – gleich – den Augenblick, wo ich spreche. Das ist die Art, mit mir auszukommen. Ihr findet keinen weichen Fleck in mir, nirgends. Also nehmt euch in acht, denn ich kenne kein Erbarmen!«

Die Frauen hielten unwillkürlich den Atem an, und der ganze Transport saß mit niedergeschlagenen demütigen Gesichtern da; Simon aber drehte sich auf dem Absätze um und ging nach der Bar des Bootes, um ein Glas zu trinken.

»So springe ich mit meinen Niggern um«, sagte er zu einem feinaussehenden Manne, der während der Rede neben ihm gestanden hatte, »'s ist mein System, gleich stark anzufangen, damit sie wissen, was sie zu erwarten haben.«

»So!« sagte der Unbekannte, welcher den andern mit der Neugier eines Naturforschers, der ein selten zu findendes Exemplar besichtigt, betrachtete.

»Jawohl. Ich bin keiner von den Gentlemanpflanzern mit weißen, zarten Fingern, die sich von einem verdammten alten Schuft von Aufseher betrügen lassen! Fühlen Sie nur einmal meine Knöchel an; sehen Sie meine Faust. Ich sage Ihnen, Herr, das Fleisch ist hart wie Stein geworden, bloß vom Negerprügeln – fühlen Sie nur einmal.«

Der Unbekannte betastete die dargebotene Faust und sagte einfach:

»Sie ist hart genug, und ich vermute«, setzte er hinzu, »die Gewohnheit hat Ihr Herz ebenso gemacht.«

»Nun, das könnte ich wohl sagen«, sagte Simon mit einem herzlichen Lachen. »Ich rechne, ich habe so wenig Weiches in mir, als sonst was Lebendiges. Sage Ihnen, mich bringt niemand herum! Mich erweichen die Nigger nie mit Jammern oder guten Worten – das ist Faktum.«

»Sie haben da einen schönen Transport.«

»Gewiß«, sagte Simon. »Da ist der Tom; sie sagten mir, er wäre was ganz Ungewöhnliches. Ich habe ein bißchen viel für ihn bezahlt, weil ich eine Art Aufseher aus ihm machen will; wenn ihm nur erst die Grillen aus dem Kopfe getrieben sind, die er gelernt hat, weil er behandelt worden ist, wie Nigger nie behandelt werden sollten, wird er sich prächtig machen! Mit der gelben Frau dort hat man mich übers Ohr gehauen. Ich glaube fast, sie ist kränklich; aber ich werde es schon aus ihr herauskriegen, was sie wert ist – ein oder zwei Jahre kann sie aushalten. Ich bin nicht fürs Schonen der Nigger. Verbrauchen und mehr kaufen ist meine Regel; macht weniger Mühe, und ich bin überzeugt, es kommt am Ende billiger«, und Simon nippte sein Glas aus.

»Und wie lange halten sie gewöhnlich aus?« fragte der Unbekannte.

»Das weiß ich nicht, kommt ganz auf ihre Konstitution an. Kräftige Kerle halten es sechs oder sieben Jahre aus, schwächliche werden in zwei oder drei Jahren alle. Als ich zuerst anfing, habe ich mir schreckliche Mühe mit ihnen gegeben, damit sie lange aushielten – habe an ihnen gedoktert, wenn sie krank waren, und ihnen Kleider und Decken gegeben, und was sonst noch, um anständig für ihr Wohlbefinden zu sorgen; aber es hat gar nichts genutzt; ich habe nur Geld verloren und schreckliche Mühe dabei gehabt. Jetzt aber, sage ich Ihnen, müssen sie dran, mögen sie krank oder gesund sein. Wenn ein Nigger stirbt, kaufe ich einen andern; und ich finde, daß ich in jeder Hinsicht billiger und bequemer dabei weggekommen bin.«

Der Unbekannte entfernte sich und setzte sich neben einen Herrn, der mit einiger Unruhe dem Gespräch zugehört hatte. »Sie dürfen diesen Kerl nicht als ein Muster der Pflanzer des Südens betrachten«, sagte er.

»Das möchte ich hoffen«, sagte der junge Mann mit Nachdruck.

»Er ist ein gemeiner, niederiger, brutaler Kerl!« sagte der andere.

»Und dennoch erlauben ihm die Gesetze, jede Anzahl menschlicher Wesen mit seinem unumschränkten Willen zu beherrschen, ohne daß sie einen Schatten von Schutz haben, und so schlecht er ist, so können Sie doch nicht leugnen, daß es viele der Art gibt.«

»Aber es gibt auf der anderen Seite auch viele rücksichtsvolle und menschliche Personen unter den Pflanzern.«

»Zugegeben«, sagte der junge Mann; »aber nach meiner Meinung sind gerade diese rücksichtsvollen und menschlichen Leute für die Roheiten und die Mißhandlungen, welchen diese Armen ausgesetzt sind, verantwortlich, weil ohne ihre Billigung und ihren Einfluß das ganze System keine Stunde bestehen bleiben könnte. Wenn es keine anderen Pflanzer gäbe, als solche«, sagte er, indem er mit dem Finger auf Legree deutete, der ihnen den Rücken zugekehrt hatte, »so ginge das ganze System zugrunde, wie ein Mühlstein. Nur ihre Achtbarkeit und Menschlichkeit beschönigt und beschützt seine Roheit.«

»Sie haben jedenfalls eine hohe Meinung von meiner Gutmütigkeit«, sagte der Pflanzer lächelnd, »aber ich rate Ihnen, nicht so laut zu sprechen, da sich Leute an Bord des Bootes befinden, die nicht ganz so duldsam gegen Meinungen sein möchten wie ich. Es ist besser, Sie warten, bis ich auf meiner Plantage bin, und dann können Sie uns alle ausschimpfen, soviel Sie Lust haben.«

Der junge Mann wurde rot und lächelte, und beide vertieften sich bald in eine Partie Trictrac.

Das Boot ruderte weiter – beladen mit seiner Kummerlast – der roten, schlammigen, wirbelnden Strömung entgegen, durch die eckiggewundenen Krümmungen des Red River; und traurige Augen blickten müde auf die steilen Ufer von rotem Ton, wie sie in der Einförmigkeit vorüberglitten.

Endlich hielt das Boot bei einer kleinen Stadt an, und Legree stieg mit seinem Sklaventransport ans Land.

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