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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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20. Kapitel

Der kleine Evangelist

Es war Sonntag nachmittag. St. Clare lag auf einem Bambussofa in der Veranda und tröstete sich mit einer Zigarre. Marie lag auf einem Sofa dem auf die Veranda sich öffnenden Fenster gegenüber, dicht umschlossen von einem Zelt von durchsichtiger Gaze, um die Moskitos abzuhalten, und hielt mit matter Hand ein elegant gebundenes Gebetbuch. Sie hatte es in der Hand, weil es Sonntag war, und bildete sich ein, sie hätte darin gelesen, obgleich sie in Wahrheit nur mit dem offenen Buche in der Hand eine Reihenfolge von kurzen Mittagsschläfchen gehalten hatte.

Miß Ophelia, die nach einigen Anstrengungen ein kleines Methodistenmeeting zusammengebracht hatte, war zu diesem Meeting gefahren mit Tom als Kutscher und Eva als Begleiterin.

»Ja, Augustin«, sagte Marie, nachdem sie ein Weilchen gedämmert hatte, »ich muß nach der Stadt nach meinem alten Doktor Posey schicken: Ich bin überzeugt, ich habe ein Herzleiden.«

»Nun, warum willst du nach dem schicken? Evas Arzt scheint mir ein sehr geschickter Mann zu sein.«

»Ich möchte ihm in einem kritischen Falle nicht trauen«, sagte Marie, »und ich glaube sagen zu dürfen, daß mein Zustand kritisch zu werden droht. Ich habe die letzten zwei oder drei Nächte darüber nachgedacht; ich habe so arge Schmerzen und so merkwürdige Empfindungen.«

»Ach Marie, du hast die blauen Teufel, ich glaube nicht, daß es ein Herzleiden ist.«

»Ich glaube wohl, daß du es nicht dafür hältst«, sagte Marie. »Darauf war ich gefaßt. Du kannst besorgt genug sein, wenn Eva hustet oder nur im mindesten klagt, aber an mich denkst du nie.«

»Wenn es dir besonders angenehm ist, ein Herzleiden zu haben, so will ich gern versuchen, zu behaupten, daß du daran leidest«, sagte St. Clare, »aber ich habe das nicht gewußt.«

»Nun, ich hoffe nur, daß es dir nicht leid tun wird, wenn es schon zu spät ist, und du magst es mir glauben oder nicht, mein Kummer über Eva und die Anstrengungen, welche mich das liebe Kind gekostet hat, haben das zur Entwicklung gebracht, was ich schon längst argwöhnte.«

Was das für Anstrengungen waren, von denen Marie sprach, dürfte schwer zu sagen sein. St. Clare machte sich im stillen diesen Kommentar selbst und rauchte, als ein hartherziger Tyrann, ruhig fort, bis ein Wagen vor der Veranda vorfuhr, und Eva und Miß Ophelia ausstiegen.

Miß Ophelia ging geradenwegs auf ihr Zimmer, um Hut und Schal abzulegen, was sie stets tat, ehe sie ein Wort über irgendeinen Gegenstand sprach; während Eva sich auf St. Clares Aufforderung auf seine Knie setzte und ihren Bericht über den Gottesdienst, den sie besucht hatten, abstattete.

Sie hörten bald lautes Reden aus Miß Ophelias Zimmer (welches, wie dasjenige, in dem sie sich befanden, auf die Veranda hinausging) und heftige Vorwürfe, die einer Person gemacht wurden.

»Was für eine neue Teufelei hat Topsy angerichtet?« fragte St. Clare. »An dem Lärm ist sie schuld, darauf will ich wetten!«

Und einen Augenblick darauf brachte Miß Ophelia in größter Entrüstung die Verbrecherin herausgeschleppt.

»Kommst du jetzt!« sagte sie. »Jetzt sage ich's deinem Herrn.«

»Was gibt es denn?« fragte Augustin.

»Die Sache ist, daß ich mich nicht länger mit diesem Kinde plagen kann! Es ist nicht länger auszuhalten. Hier habe ich sie eingeschlossen und ihr ein Lied zum Auswendiglernen gegeben; und was macht sie? Sie spioniert aus, wo ich meinen Schlüssel hinlege, geht über meinen Schreibtisch, holt einen Hutbesatz heraus und schneidet ihn in lauter Stückchen, um Puppenjacken daraus zu machen! So etwas ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen.«

»Ich sagte Ihnen ja, Cousine«, sagte Marie, »daß Sie schon die Erfahrung machen würden, daß mit diesen Kreaturen nicht ohne Härte auszukommen ist. Wenn es nach meinem Willen ginge«, sagte sie und warf St. Clare einen vorwurfsvollen Blick zu, »so ließe ich das Kind tüchtig auspeitschen; ich ließe es peitschen, bis es nicht mehr stehen könnte!«

»Daran zweifle ich gar nicht«, sagte St. Clare. »Sprecht mir nur von sanfter Frauenherrschaft! Ich habe nicht über ein Dutzend Frauen kennengelernt, die nicht ein Pferd oder einen Dienstboten halb totgeschlagen hätten, wenn es nach ihrem Willen gegangen wäre.«

»Du kommst mit deinem unentschiedenen weichen Wesen zu nichts«, sagte Marie. »Die Cousine ist eine verständige Person und sieht es jetzt so klar wie ich.«

Miß Ophelia hatte gerade die Fähigkeit, in Zorn zu geraten, die einer energischen Hausfrau zukommt, und die List und Fahrlässigkeit des Kindes hatten sie ziemlich lebhaft gereizt; gewiß werden viele unserer Leserinnen gestehen müssen, daß sie in ähnlichen Lagen ganz dasselbe empfunden hätten, aber Maries Äußerung ging ihr doch zu weit, und sie fühlte sich weniger erzürnt.

»Ich möchte das Kind nicht um die ganze Welt so behandelt sehen«, sagte sie, »aber das weiß ich, Augustin, ich weiß nicht, was ich mit ihr machen soll. Ich habe gelehrt und gelehrt, ich habe geredet, bis ich müde war, ich habe sie geschlagen, ich habe sie in jeder denkbaren Weise gestraft; und dennoch ist sie noch genau so wie zu Anfang.«

»Komm her, Topsy, du Affe!« sagte St. Clare, indem er das Kind zu sich rief.

Topsy kam näher. Ihre runden, glasartigen Augen glitzerten von einer Mischung von Furcht und der gewöhnlichen drolligen Schlauheit.

»Warum führst du dich so schlecht auf?« sagte St. Clare, der nicht umhin konnte, über den Ausdruck im Gesichte des Kindes zu lächeln.

»Glaub', 's ist mein schlechtes Herz«, sagte Topsy mit demütigem Ernste, »das sagt Miß Feely.«

»Weißt du nicht, wieviel Miß Ophelia für dich getan hat? Sie sagt, sie hätte alles getan, was sie sich nur denken könnte.«

»O ja, Master! Alte Missis sagte das auch immer. Sie hat mich stärker geschlagen und mich bei den Haaren gerupft und meinen Kopf gegen die Tür gestoßen, aber es hat mir nichts genutzt! Ich glaube, wenn sie mir jedes Haar einzeln herauszögen, würde es mir auch nichts helfen – ich bin so bösartig! Ach ja! Ich bin ja bloß ein Nigger, weiter gar nichts.«

»Ach, ich muß sie wohl aufgeben«, sagte Miß Ophelia, »ich kann diese Plage nicht länger aushalten.«

»Hm, ich möchte dir doch eine Frage vorlegen«, sagte St. Clare.

»Und welche?«

»Nun, wenn dein Evangelium nicht stark genug ist, ein heidnisches Kind zu retten, welches du ganz allein zu Hause bei dir hast, was nützt es dann, ein oder zwei arme Missionare unter Tausende von solchen Heiden zu schicken? Ich glaube, das Kind ist ein ziemlich richtiges Beispiel von dem, was Tausende der Heiden sind.«

Miß Ophelia gab nicht sogleich eine Antwort; und Eva, die bis dahin dem Auftritte schweigend zugesehen hatte, gab Topsy ein Zeichen, ihr zu folgen.

In der Ecke der Veranda befand sich ein kleines Glaszimmer, welches St. Clare als eine Art Lesezimmer benutzte; und Eva und Topsy verschwanden in dieses Gemach.

»Was hat Eva im Sinne?« sagte St. Clare. »Das möchte ich wissen.«

Und er schlich sich auf den Zehen hin, hob einen Vorhang, der die Glastür verhüllte, empor und blickte hinein. Einen Augenblick darauf machte er den Finger auf den Mund legend Miß Ophelia eine stumme Gebärde heranzukommen. Die beiden Kinder saßen auf dem Fußboden, die Gesichter einander halb zugekehrt. – Topsy mit ihrer gewöhnlichen Miene sorgloser Drolligkeit und Gleichgültigkeit; aber ihr gegenüber Eva mit einem von innigem Gefühl strahlendem Gesicht und Tränen in ihrem Auge.

»Warum bist du so schlecht, Topsy? Willst du nicht lieber versuchen, gut zu sein? Hast du gar niemanden lieb, Topsy?«

»Weiß nichts von Liebhaben; habe Kandis und so was lieb, weiter nichts«, sagte Topsy.

»Aber du hast deinen Vater und deine Mutter lieb?«

»Habe nie nicht Vater oder Mutter gehabt. Habe das ja schon gesagt, Miß Eva.«

»Ach, ich weiß«, sagte Eva traurig, »aber hast du nicht einen Bruder oder eine Schwester oder eine Tante oder –«

»Nein, gar nichts nicht – habe nie jemand gehabt.«

»Aber Topsy, wenn du nur versuchen wolltest, gut zu sein, könntest du –«

»Könnte nie was andres sein, als ein Nigger, und wenn ich noch so gut wäre«, sagte Topsy. »Wenn sie mir die Haut abziehen und mich weiß machen könnten, so würde ich es versuchen.«

»Aber die Leute können dich auch liebhaben, wenn du schwarz bist, Topsy. Miß Ophelia würde dich liebhaben, wenn du gut wärst.«

Topsy ließ das kurze Lachen vernehmen, welches ihre gewöhnliche Art war, ihre Ungläubigkeit auszudrücken.

»Glaubst du das nicht?« sagte Eva.

»Nein, sie kann mich nicht ausstehen, weil ich ein Nigger bin! – Ebenso gern ließe sie sich von einer Kröte anrühren. Niemand kann Nigger liebhaben, und Nigger können nichts tun. Mir ist's gleich«, sagte Topsy und fing an zu pfeifen.

»Ach, Topsy, armes Kind! Ich habe dich lieb«, sagte Eva mit einem plötzlichen Gefühlsausbruch und legte ihre dünne weiße Hand auf Topsys Schulter. »Ich habe dich lieb, weil du weder Vater noch Mutter, noch Freunde hast – weil du ein armes mißhandeltes Kind bist! Ich habe dich lieb und möchte, daß du gut wärest. Ich bin sehr krank, Topsy, und ich glaube nicht, daß ich noch lange leben werde; und es schmerzt mich wirklich, daß du so bösartig bist. Ich wünschte, du versuchtest meinetwegen gut zu sein; ich werde nur noch kurze Zeit bei dir bleiben.«

Die runden stechenden Augen des schwarzen Kindes füllten sich mit Tränen; große glänzende Tropfen rollten herunter und fielen auf die kleine weiße Hand. Ja, in diesem Augenblick hatte ein Strahl himmlischer Liebe die Nacht ihrer heidnischen Seele durchdrungen! Sie legte ihren Kopf zwischen ihre Knie und weinte und schluchzte, während das schöne Kind sich über sie beugte, welches wie das Bild eines Engels des Lichts aussah, der einen Sünder zu bekehren sucht.

»Arme Topsy!« sagte Eva. »Weißt du nicht, daß Jesus uns alle gleich liebhat? Er ist ebenso bereit, dich zu lieben, wie mich. Er liebt dich geradeso wie ich, nur noch mehr, weil er besser ist. Er wird dir helfen, gut zu sein, und du kannst am Ende in den Himmel kommen und für ewig ein Engel sein, gerade, als ob du weiß wärst. Bedenke nur, Topsy! Du kannst einer von jenen Engeln des Lichts werden, von denen Onkel Tom singt.«

»Ach, liebe Miß Eva! Liebe Miß Eva!« sagte das Kind. »Ich will es versuchen! Ich will es versuchen! Vorher ist es mir immer ganz gleichgültig gewesen.«

St. Clare ließ in diesem Augenblicke den Vorhang nieder. »Es erinnert mich an meine Mutter«, sagte er zu Miß Ophelia. »Es ist wahr, was sie mir sagte: ›Wenn wir die Blinden sehend machen wollen, so müssen wir bereit sein zu tun, was Christus tat – wir müssen sie zu uns rufen und unsere Hände auf sie legen.‹«

»Ich habe immer ein Vorurteil gegen Neger gehegt«, sagte Miß Ophelia, »und es ist Tatsache, ich konnte nie ausstehen, daß mich das Kind anrührte; aber ich dachte nicht, daß sie es wüßte.«

»Überlaß das einem Kinde, das wird es schon herausfinden«, sagte St. Clare, »es läßt sich nichts verhehlen. Aber ich glaube, daß alle Versuche, einem Kinde zu nützen, und alle wesentlichen Wohltaten, die du ihm erweisen kannst, nie einen Funken Dankbarkeitsgefühl erwecken, solange dieser Widerwille im Herzen bleibt; es ist eine wunderliche Tatsache, aber sie ist so.«

»Ich weiß nicht, wie ich ihr abhelfen soll«, sagte Miß Ophelia; »sie sind mir unangenehm – dieses Kind insbesondere. Wie kann ich dieses Gefühl ändern?«

»Eva scheint nicht so zu fühlen.«

»Nun ja, sie ist so liebevoll! Und doch ist sie im Grunde nur Christus ähnlich«, sagte Miß Ophelia; »ich wollte, ich wäre wie sie. Sie könnte mir eine Lehre geben.«

»Es wäre nicht das erste Mal, wo ein kleines Kind zur Belehrung eines alten Schülers diente, wenn das geschehen sollte«, sagte St. Clare.

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