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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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16. Kapitel

Miß Ophelias Erfahrungen und Meinungen

Unser Freund Tom verglich oft in seinen einfachen Gedanken sein glücklicheres Los in der Sklaverei mit dem Josephs in Ägypten; und in der Tat wurde im Verlauf der Zeit, wie er sich immer mehr unter dem Auge seines Herrn entwickelte, die Ähnlichkeit noch größer.

St. Clare war indolent und leichtsinnig in Geldsachen. Die Einkäufe für das Haus hatte bis jetzt hauptsächlich Adolf besorgt, der mindestens ebenso leichtsinnig und verschwenderisch wie sein Herr war; und diese beiden hatten den Verzettlungsprozeß mit großer Schnelligkeit betrieben. Tom, seit vielen Jahren gewöhnt, das Eigentum seines Herrn als einen seiner Obhut anvertrauten Gegenstand zu betrachten, sah mit einer Besorgnis, die er kaum verbergen konnte, die in dem Hause St. Clares herrschende grenzenlose Vergeudung und gab von Zeit zu Zeit in der ruhigen und indirekten Weise, welche seine Klasse sich oft angewöhnt, seine Winke.

St. Clare verwendete ihn anfangs nur gelegentlich; aber wie er allmählich seine Verständigkeit und seine große Anlage für Geschäfte kennenlernte, vertraute er ihm mehr und mehr, bis er allmählich die Einkäufe für die Wirtschaft alle zu besorgen hatte.

»Nein, nein, Adolf«, sagte St. Clare eines Tages, als Adolf sich bei ihm über die Verminderung seiner Machtvollkommenheit beklagte, »laß Tom nur machen. Du weißt nur, was du brauchst – Tom weiß, was es kostet und zu stehen kommt; und das Geld kann doch einmal mit der Zeit alle werden, wenn nicht jemand dafür sorgt.«

Mit dem unbedingten Vertrauen eines sorglosen Herrn beehrt, der ihm eine Rechnung gab, ohne sie anzusehen, und das Geld, das er zurückbrachte, ungezählt einsteckte, war Tom jeder Versuchung, unehrlich zu sein, ausgesetzt; und nichts als seine unerschütterliche Herzenseinfalt, aufrecht erhalten und gestärkt durch christlichen Glauben, konnte ihn rein erhalten. Aber bei diesem Charakter war das ihm geschenkte, ganz schrankenlose Vertrauen eine Gewähr für die gewissenhafteste Genauigkeit.

Mit Adolf war die Sache anders gewesen. Gedankenlos und genußsüchtig, und nicht im Zaum gehalten von einem Herrn, der die Nachsicht leichter fand als die Zucht, war er hinsichtlich seiner und seines Herrn über das Mein und Dein in eine vollständige Gedankenverwirrung geraten, die manchmal sogar St. Clare unruhig machte. Sein eigner, gesunder Sinn sagte ihm, daß eine solche Erziehung seiner Dienerschaft unrecht und gefährlich sei. Eine Art fortwährende Reue begleitete ihn überallhin, obgleich sie nicht stark genug war, um ihn zu einer entschiedenen Änderung seines Verfahrens zu bewegen; im Gegenteil trug diese Reue gerade dazu bei, seine Nachsicht noch größer zu machen. Er ging leicht über die schlimmsten Fehler hin, weil er sich sagte, daß seine Dienstboten sich derselben nicht schuldig gemacht hätten, wenn er seine Pflicht getan hätte.

Tom betrachtete seinen leichtsinnigen, heiteren und schönen jungen Herrn mit einer seltsamen Mischung von Untertänigkeit, Ehrerbietung und väterlicher Besorgnis. Daß er nie die Bibel las, nie in die Kirche ging; daß er über alles und jedes scherzte, was seinem Witze Nahrung gab; daß er seine Sonntagabende in der Oper oder im Schauspiel verlebte; daß er öfter als gut war zu Weingelagen und Clubs und Abendessen ging – das waren alles Sachen, die Tom so deutlich sehen konnte wie jeder andere und die ihn zu der Überzeugung brachten, daß Master kein Christ sei; eine Überzeugung, die er jedoch kaum gegen jemand auszusprechen gewagt hätte, die ihn aber zu vielen Gebeten in seiner eigenen einfachen Weise veranlaßten, wenn er allein in seiner Schlafkammer war. Bei alledem hatte Tom seine Art, mit dem seiner Klasse oft eigenen Takt gelegentlich seine Meinung zu sagen; so z. B. als an dem Tage nach dem eben beschriebenen Sonntag St. Clare zu einem fidelen Gelage gegangen war und zwischen ein und zwei Uhr nachts in einem Zustande nach Hause gebracht wurde, wo das Physische im Menschen entschieden das Übergewicht über das Geistige hatte. Tom und Adolf halfen ihm ins Bett, letzterer in bester Laune und offenbar in der Überzeugung, daß die ganze Geschichte ein recht guter Witz sei, und herzlich lachend über Toms einfältiges Entsetzen. Dieser aber war in der Tat einfältig genug, fast die ganze Nacht wach zu bleiben und für seinen jungen Herrn zu beten.

»Nun, Tom, auf was wartest du noch?« sagte St. Clare am nächsten Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Arbeitszimmer saß. St. Clare hatte Tom soeben Geld und verschiedene Aufträge übergeben.

»Ist etwas nicht in Ordnung, Tom?« setzte er hinzu, als Tom immer noch stehenblieb.

»Ich fürchte, nicht, Master«, sagte Tom mit ernstem Gesicht.

St. Clare legte die Zeitung aus der Hand, setzte die Kaffeetasse hin und sah Tom an.

»Was gibt's denn, Tom? Du siehst ja so feierlich aus, wie ein Sarg.«

»Es ist mir sehr schlecht, Master. Ich habe immer geglaubt, Master wäre gut gegen jedermann.«

»Nun, bin ich das nicht gewesen, Tom? Sage, was willst du? Du hast gewiß etwas nicht bekommen, und das ist die Einleitung dazu?«

»Master ist immer gut gegen mich gewesen. Ich habe mich in der Hinsicht über nichts zu beklagen. Aber gegen einen ist Master nicht gut.«

»Aber, Tom, was hast du dir in den Kopf gesetzt? Nur heraus mit der Sprache; was meinst du?«

»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr habe ich es gedacht, dann habe ich mir die Sache überlegt: Master ist gegen sich selbst nicht gut.«

Als Tom dies sagte, hatte er seinem Herrn den Rücken zugekehrt und die Hand an den Türgriff gelegt. St. Clare fühlte, daß sein Gesicht feuerrot wurde, aber er lachte.

»Oh, das ist alles?« sagte er leichthin.

»Alles!« sagte Tom, der jetzt plötzlich umkehrte und auf die Knie fiel.

»Oh, mein lieber junger Herr! Ich fürchte, es ist der Verlust von allem – von allem – von Leib und Seele. Das gute Buch sagt: ›Es beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter‹, guter Master!« Toms Stimme erstickte, und Tränen rannen an seinen Wangen herunter.

»Armer, törichter Mensch!« sagte St. Clare, dem selbst Tränen in den Augen standen. »Steh auf, Tom. Ich bin die Tränen nicht wert.«

Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn flehend an.

»Gut, ich werde diesen verwünschten Unsinn nicht mehr mitmachen, Tom«, sagte St. Clare, »auf meine Ehre, ich tue es nicht wieder. Ich weiß nicht, warum ich es nicht schon längst unterlassen habe. Ich habe es immer verabscheut und mich dazu; also wisch dir jetzt die Tränen aus den Augen, Tom, und geh deine Sachen zu besorgen. Nein, nein«, setzte er hinzu, »keinen Segen. Ich bin jetzt nicht so wunderbar gut«, während er Tom sanft nach der Tür schob. »Ich gebe dir mein Ehrenwort, Tom, du sollst mich nicht wieder in diesem Zustande sehen«, sprach er; und Tom trocknete sich die Augen und verließ ihn mit großer Befriedigung.

»Und ich will ihm Wort halten«, sagte St. Clare, als er die Tür zumachte.

Es gilt jetzt, die vielfachen Bedrängnisse unserer Freundin Miß Ophelia zu beschreiben, die nun das Amt einer Hausfrau im Süden übernommen hatte.

Am Morgen ihres Regierungsantritts war Miß Ophelia schon um vier Uhr aus dem Bett; und nachdem sie in ihrem eigenen Zimmer alles in Ordnung gebracht, wie sie es zum großen Staunen des Kammermädchens seit ihrer Ankunft jeden Tag getan, bereitete sie einen energischen Angriff auf die Schränke und Kammern der Wirtschaft, zu der sie die Schlüssel hatte, vor. Die Vorratskammer, die Wäscheschränke, der Porzellanschrank, die Küche und der Keller hatten an diesem Tag alle eine feierliche Revue zu bestehen. Verborgene Nachtstücke kamen in einer Ausdehnung an den Tag, welche alle Mächte der Küche und der Kammer in Schrecken setzte und in dem Dienstboten-Kabinett viele verwunderte Ausrufungen über »die Ladies aus dem Norden« veranlaßte.

Die alte Dinah, die erste Köchin und oberste Herrscherin in dem Küchendepartement, war von Zorn über Maßregeln erfüllt, die sie als eine Verletzung ihrer Privilegien betrachtete. Kein Lehnsbaron in den Zeiten der Magna Charta hätte durch einen Übergriff der Krone tiefer verletzt werden können.

Dinah war auch ein Charakter nach ihrer Art, und wir würden gegen ihr Gedächtnis ungerecht sein, wollten wir dem Leser nicht einen kleinen Begriff von ihr geben. Sie war eine geborene Köchin und gewiß eine so gute Köchin wie Tante Chloe – wie überhaupt die Neger ein angeborenes Talent für die Kochkunst haben; – aber Chloe war eine geschulte und methodische Köchin, die in einem geordneten häuslichen Geschirr zog, während Dinah ein selbstgebildetes Genie und wie alle Genies fast immer hartnäckig, eigensinnig und exzentrisch im höchsten Grade war.

Wie eine gewisse Klasse von modernen Philosophen sprach Dinah der Logik und dem Verstande entschieden hohn und nahm stets ihre Zuflucht zu intuitiver Gewißheit; und hier war sie ganz unbesiegbar. Und wenn man noch soviel Talent oder Autorität oder Auseinandersetzung bei ihr anwendete, nichts konnte sie glauben machen, daß ein anderer Weg besser sein könnte als der ihrige oder daß die Verfahrensart, die sie in der unbedeutendsten Sache befolgt hatte, sich im mindesten abändern lasse. Das war ihr schon von ihrer alten Herrin, Mariens Mutter, gestattet worden; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge Herrin selbst nach der Heirat stets nannte, fand es leichter, sich zu fügen, als durchzudringen, und so hatte Dinah unumschränkt fortgeherrscht. Dies war um so leichter, als sie eine vollkommene Meisterin in jeder diplomatischen Kunst war, welche die größte Demut des Benehmens mit der größten Unbeugsamkeit des Prinzips vereinigt.

Dinah war Meisterin in der großen Kunst des Erfindens von Entschuldigungen in allen ihren Zweigen. Es war bei ihr Axiom geworden, daß eine Köchin nicht unrecht tun könne; und eine Köchin in der Küche des Südens findet immer Köpfe und Schultern genug, denen sie jede vollkommene Sünde und Schwäche aufbürden kann, so daß sie immer in fleckenloser Reinheit dasteht. Wenn irgendein Teil des Essens verpfuscht war, so waren fünfzig unbestreitbar gute Gründe dafür da, und es war der unleugbare Fehler von fünfzig anderen Leuten, die Dinah mit schonungslosem Eifer ausschimpfte.

Aber sehr selten war etwas Verpfuschtes in Dinahs letzten Resultaten. Obgleich ihre Art, etwas zu tun, merkwürdig weitläufig und voller Umschweife war und ohne alle Berücksichtigung von Zeit und Ort – obgleich ihre Küche meistens aussah, als hätte ein hindurchfegender Orkan sie in Ordnung gebracht, und obgleich sie fast so viel Plätze für jedes Küchengerät hatte, als das Jahr Tage zählt, so kam doch, wenn man genug Geduld hatte, ihr die von ihr beliebte Zeit zu lassen, ihr Mittagessen in der besten Ordnung und von einer Zubereitung, die selbst einen Epikuräer befriedigen mußte, auf den Tisch.

Es war jetzt die Stunde der ersten Vorbereitungen zum Mittagessen. Dinah, welche große Zwischenpausen des Nachdenkens und der Ruhe bedurfte und es sich in allen ihren Anordnungen gern bequem machte, saß auf dem Flur der Küche und rauchte einen kurzen Pfeifenstummel, an dem sie sehr hing und den sie stets als eine Art Opferfeuer anbrannte, wenn sie das Bedürfnis der Inspiration zu ihren Maßnahmen fühlte. Das war Dinahs Weise, die häuslichen Musen anzurufen.

Rund um sie saßen verschiedene Mitglieder des aufwachsenden Geschlechts, an denen die Haushaltungen im Süden stets so reich sind, beschäftigt mit dem Aushülsen von Schoten, dem Schälen von Kartoffeln, dem Rupfen von Geflügel und anderen vorbereitenden Arbeiten; und in regelmäßigen Zwischenräumen unterbrach Dinah ihre Meditationen damit, daß sie einem der jungen Gehilfen mit einem neben ihr liegenden Puddingholz etwas auf den Kopf gab. In der Tat herrschte Dinah über die Wollköpfe der jüngeren Mitglieder mit einer Rute von Eisen, und sie schienen ihr für keinen anderen Zweck geboren zu sein, als um Gänge zu ersparen, wie sie es nannte. Es war der Geist des Systems, unter dem sie aufgewachsen war, und sie führte es in seiner ganzen Ausdehnung durch.

Nachdem Miß Ophelia ihren reformierenden Umgang durch alle anderen Teile des Hauses vollendet hatte, trat sie auch in die Küche. Dinah hatte aus verschiedenen Quellen gehört, was im Werke war, und hatte sich vorgenommen, eine defensive und konservative Stellung zu behaupten mit dem stillen Entschluß, jeder neuen Maßregel sich zu widersetzen oder sie zu ignorieren, ohne sichtbar dagegen anzukämpfen.

Die Küche war ein großer Raum, mit einem Flur von Ziegelsteinen und einem großen altmodischen Herd längs der einen Seite, eine Einrichtung, welche mit einem modernen Kochofen zu vertauschen St. Clare vergeblich versucht hatte, Dinah zu überreden. Sie gewiß nicht. Kein Puseyit oder Konservativer von irgendeiner Schule konnte hartnäckiger an altersgrauen Unbequemlichkeiten hängen als Dinah.

Als St. Clare zuerst aus dem Norden zurückgekehrt war, noch beherrscht von dem Eindrucke von System und Ordnung, den die Kücheneinrichtung seines Onkels auf ihn gemacht hatte, hatte er einen reichlichen Vorrat von Schränken, Kästen und anderen Apparaten angeschafft, um zu einem geordneten System zu reizen, und hatte sich mit der sanguinischen Hoffnung geschmeichelt, daß sie Dinah bei ihren Einrichtungen von einigem Nutzen sein könnten. Er hätte sie ebensogut für ein Eichhörnchen oder eine Elster kaufen können. Je mehr Kästen und Schränke da waren, desto mehr Verstecke besaß Dinah für die Unterbringung von alten Lumpen, Kämmen, alten Schuhen, Bändern, künstlichen Blumen und anderen Putzsachen, an denen sich ihre Seele erfreute.

Als Miß Ophelia in die Küche trat, stand Dinah nicht auf, sondern rauchte in erhabener Ruhe fort und folgte ihren Bewegungen mit einem schielenden Blick aus dem Augenwinkel, obgleich sie allem Anscheine nach sich nur um die rund um sie sitzenden Untergebenen kümmerte. Miß Ophelia fing an, einige Kästen aufzuziehen.

»Wozu ist dieser Kasten, Dinah?« sagte sie.

»Er ist für fast alles mögliche bei der Hand, Missis«, sagte Dinah. So schien es auch. Aus dem bunten Haufen, der darin lag, zog Ophelia zuerst ein feines Damasttischtuch heraus, mit Blut befleckt und offenbar gebraucht, rohes Fleisch hineinzuwickeln.

»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten Tischtücher deiner Herrin?«

»O Gott nein, Missis; es war kein Handtuch bei der Hand – und so nahm ich das. Ich wollte es mitwaschen lassen – deshalb habe ich es dort hineingelegt.«

»Wie liederlich!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, indem sie fortfuhr, den Kasten zu durchsuchen, wo sie ein Muskatreibeisen und zwei oder drei Muskatnüsse, ein Methodistengesangbuch, ein paar schmutzige bunte Taschentücher, etwas Garn und Strickarbeit, ein Papier mit Tabak und eine Pfeife, ein paar Zwiebäcke, ein oder zwei vergoldete Porzellanuntertassen mit Pomade, ein paar abgelaufene alte Schuhe, einen sorgfältig zugesteckten Fetzen Flanell mit Perlzwiebeln darin, verschiedene Damastservietten, einige grobe Handtücher, Bindfaden und Stopfnadeln und mehrere zerrissene Papiere, aus denen verschiedene Würzkräuter sich zerpulvert im Kasten zerstreuten, vorfand.

»Wo tust du deine Muskatnüsse hin, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit einer Miene, als ob sie um Geduld betete.

»Fast überallhin, Missis; es sind welche in der zersprungenen Teetasse dort oben und welche in dem Schranke da drüben.«

»Hier liegen ein paar im Reibeisen«, sagte Miß Ophelia und hielt sie in die Höhe.

»Gott ja, ich hab' sie heut' morgen hineingetan – ich habe meine Sachen gerne bei der Hand«, sagte Dinah. »Was sperrst du das Maul auf, Jake! Du wirst's gleich kriegen! Still da!« setzte sie hinzu und schlug mit dem Puddingholz nach dem Verbrecher.

»Was ist das?« sagte Miß Ophelia und hielt die Untertasse mit Pomade hin.

»Ach Gott, das ist mein Haarfett; ich habe es hineingetan, um es bei der Hand zu haben.«

»Nimmst du deiner Herrin beste Tassen dazu?«

»Mein Gott, ich hatte soviel zu tun und war so in Eile; ich wollte es gerad heute herausnehmen.«

»Hier sind zwei Damastservietten.«

»Die Servietten habe ich hineingetan, um sie waschen zu lassen.«

»Hast du denn keinen bestimmten Platz für schmutzige Wäsche?«

»Jawohl, Master St. Clare hat die Kiste dazu dort angeschafft, wie er sagte; aber ich mache manchmal gerne meine Biskuits und setze meine Sachen darauf, und dann ist's nicht bequem, sie aufzumachen.«

»Warum machst du deine Biskuits nicht auf dem Pastetentisch dort?«

»Mein Gott, Missis, der steht immer so voll von Schüsseln und anderen Sachen, daß gar kein Platz darauf ist.«

»Aber du solltest deine Schüsseln waschen und sie wegräumen.«

»Meine Schüsseln waschen!« sagte Dinah in lautem Tone, da jetzt ihr Zorn die Herrschaft über ihr gewöhnliches ehrerbietiges Benehmen zu gewinnen begann; »was verstehen denn Ladies von Küchensachen, möchte ich wissen, wann sollte Master sein Essen bekommen, wenn ich meine ganze Zeit auf das Waschen und Wegräumen von Schüsseln verwenden wollte? Miß Marie hat mir so was nie zugemutet.«

»Und hier die Zwiebeln!«

»Herrjeh!« sagte Dinah. »Dahin hab ich sie also gesteckt. Konnte ich mich doch nicht besinnen. Die Zwiebeln hatte ich mir für das Ragout hier aufgehoben. Ich hatte ganz vergessen, daß ich sie in den alten Flanell gewickelt hatte.«

Miß Ophelia hielt jetzt das zerrissene Papier mit den Würzkräutern in die Höhe.

»Ach, Mistreß, rühren Sie das ja nicht an. Ich habe gerne meine Sachen, wo ich weiß, daß ich sie finde«, sagte Dinah mit einiger Entschiedenheit.

»Aber wozu sind diese Löcher im Papiere?«

»Oh, die sind bequem, um die Kräuter durchzusieben«, sagte Dinah.

»Aber du siehst ja, sie werden im ganzen Kasten zerstreut.«

»Ja freilich! Wenn Missis so alles durcheinander wirft, kann's nicht anders kommen. Missis hat schon viel auf die Art verdorben«, sagte Dinah und trat mit unruhig besorgter Miene an den Schrank. »Wenn Missis nur hinaufgehen wollte, bis meine Aufräumezeit kommt, so wollte ich schon alles in Ordnung haben; aber ich kann nichts machen, wenn Ladies herumstehen. Willst du den Kleinen die Zuckerdose nicht geben, Sam! Ich gebe dir eins auf den Kopf, wenn du nicht hörst!«

»Ich besichtige die Küche und werde einmal alles in Ordnung bringen, Dinah; und dann erwarte ich, daß du es darin erhältst.«

»Mein Gott, Miß Phelia, das ist keine Art für Ladies. So was habe ich Ladies niemals tun sehen; meine alte Missis und Miß Marie haben es nie getan, und ich sehe die Notwendigkeit nicht ein«, und Dinah schritt entrüstet in der Küche herum, während Miß Ophelia Schüsseln sortierte und übereinandersetzte, ganze Dutzende von Zuckerdosen in ein gemeinsames Behältnis ausleerte, Servietten, Tischtücher und Handtücher zum Waschen sortierte und mit ihrer eigenen Hand wusch, abwischte und alles mit einer Geschicklichkeit und Schnelligkeit verrichtete, die bei Dinah geradezu Staunen erregte.

»Gott! Wenn das die Art von Ladies aus dem Norden ist, so sind sie keine Ladies, gar nicht«, sagte sie zu einer ihrer Gehilfinnen, als sie außer dem Bereich des Gehöres war. »Ich bringe meine Sachen so gut in Ordnung wie andere Leute, wenn meine Aufräumezeit kommt; aber ich mag nicht leiden, daß sich Ladies hineinmischen und meine Sachen hintun, wo ich sie nicht finden kann.«

Man muß Dinah die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie in regelmäßiger Wiederkehr Anfälle von Umgestaltungs- und Ordnungseifer hatte, welches sie Aufräumezeiten nannte, wo sie mit großer Tätigkeit jeden Kasten und jedes Schränkchen auf den Fußboden oder die Tische ausschüttete und die gewöhnliche Verwirrung nur noch zehnfach verwirrter machte. Dann brannte sie sich eine Pfeife an, ging unter ihren neuen Anordnungen herum und sprach darüber; dabei ließ sie von dem ganzen jungen Geschmeiße alle Zinnsachen abscheuern und mehrere Stunden lang eine höchst energische Verwirrung aufrechterhalten, die sie zur Befriedigung aller danach Fragenden mit der Bemerkung erklärte, daß sie aufräume. »Sie könne die Sachen nicht so fortgehen lassen und sie wolle den jungen Leuten lehren, besser Ordnung zu halten«, sagte sie, denn Dinah schmeichelte sich merkwürdigerweise mit der Einbildung, daß sie selbst ein Muster von Ordnung sei und daß nur die jungen Leute und alle übrigen im Hause an allem schuld wären, was hierin nicht den Standpunkt der Vollkommenheit erreichte. War alles Zinngerät gescheuert und die Tische schneeweiß abgerieben und alles, was das Auge verletzen konnte, in Ecken und Winkeln versteckt, so zog Dinah ein schmuckes Kleid an, band eine weiße Schürze vor, setzte einen hohen grellbunten Madrasturban auf und räumte mit vielem Schelten die Küche von dem kleinen Volke, denn sie wollte alles hübsch ordentlich erhalten. Diese periodischen Anfälle hatten sogar ihre unangehme Seite für die ganze Wirtschaft, denn Dinah faßte eine so unmäßige Zuneigung zu ihrem gescheuerten Zinngeräte, daß sie es gar nicht wieder durch Gebrauch verunreinigen wollte, wenigstens solange der Eifer der Aufräumezeit nicht nachließ.

In wenigen Tagen hatte Miß Ophelia jedes Departement des Hauses nach einem systematischen Muster umgestaltet; aber ihre Bemühungen in allen Zweigen, welche der Mitwirkung der Dienstboten bedurften, glichen denen des Sysiphus oder der Danaiden. In ihrer Verzweiflung wendete sie sich eines Tages an St. Clare.

»Es ist gar nicht daran zu denken, etwas wie System in diese Familie zu bringen.«

»Allerdings nicht«, sagte St. Clare.

»Eine so liederliche Wirtschaft, solche Vergeudung und Verwirrung habe ich nie gesehen!«

»Das glaube ich dir recht gern.«

»Du würdest das nicht so gleichgültig hinnehmen, wenn du selbst die Wirtschaft führtest.«

»Meine liebe Cousine, ich muß dir ein für allemal sagen, daß wir Herrschaften uns in zwei Klassen teilen: in Tyrannen und in Tyrannisierte. Wir, die wir gutmütig und der Strenge abgeneigt sind, müssen uns mancherlei Unannehmlichkeiten gefallen lassen. Wenn wir zu unserer Bequemlichkeit eine untätige, unordentliche, gänzlich ungebildete Klasse unter uns behalten wollen, so müssen wir natürlich auch die Folgen tragen. Es sind mir einige seltene Fälle von Personen vorgekommen, die mit Hilfe eines besonderen Taktes Ordnung und System ohne Strenge hervorbringen können; aber ich gehöre nicht zu ihnen; und so habe ich mich schon vor langer Zeit entschlossen, die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich mag die armen Teufel nicht schlagen und zerpeitschen lassen, und sie wissen es; und natürlich wissen sie, daß sie das Heft in den Händen haben.«


Unser bescheidener Freund Tom läuft Gefahr, über den Erlebnissen der Höhergeborenen vergessen zu werden; aber wenn uns unsere Leser in eine kleine Kammer über den Stall begleiten wollen, so können sie vielleicht etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein anständiges Gemach mit einem Bette, einem Stuhl und einem kleinen grob zugehauenen Tisch, auf dem Toms Bibel und Hymnenbuch lagen; und wo er gegenwärtig mit der Schiefertafel vor sich sitzt, mit etwas, was ihm sehr viel Sorgen macht, beschäftigt.

Toms Heimweh war so stark geworden, daß er sich von Eva einen Bogen Schreibpapier gebettelt hatte; und nun bot er seinen ganzen kleinen Vorrat von literarischem Wissen, das er George verdankte, auf und kam auf den kühnen Gedanken, einen Brief zu schreiben: Und er war jetzt beschäftigt, auf seiner Schiefertafel den ersten Entwurf anzufertigen. Tom war in großer Verlegenheit, denn die Form einiger Buchstaben hatte er ganz und gar vergessen, und von denen, die er noch kannte, wußte er nicht, welche er anwenden sollte. Und während er sich abmühte und in seinem Eifer sehr angestrengt atmete, ließ sich Eva wie ein Vogel auf die Rücklehne seines Stuhls nieder und blickte ihm über die Schulter.

»Ach, Onkel Tom! Was für drollige Zeichen du da machst!«

»Ich versuche, an meine arme Alte zu schreiben, Miß Eva, und an meine Kleinen«, sagte Tom und fuhr mit dem Rücken seiner Hand über die Augen; »aber ich weiß nicht – ich fürchte, ich werde es nicht herausbringen.«

»Ich wollte, ich könnte dir helfen, Tom! Ich habe ein wenig schreiben gelernt. Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen, aber ich fürchte, ich habe sie vergessen.«

So steckte Eva ihr kleines goldenes Lockenköpfchen mit dem schwarzen des Negers zusammen, und die beiden begannen eine feierliche und angelegentliche Beratung, zu welcher beide gleichviel Ernst und ziemlich gleichviel Unwissenheit mitbrachten; und nach weitläufigen Besprechungen über jedes Wort fing die Komposition ihren sanguinischen Augen ganz wie etwas Geschriebenes auszusehen an.

»Ja, Onkel Tom, es fängt wirklich an, schön auszusehen«, sagte Eva und betrachtete es voller Freude. »Wie sehr sich deine Frau freuen wird und die armen Kleinen! Oh, es ist eine Schande, daß du sie überhaupt hast verlassen müssen! Ich denke, Papa nächster Tage zu bitten, dich wieder hingehen zu lassen.«

»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herschicken, sobald sie es zusammenhätte«, sagte Tom. »Ich vermute, sie wird's tun. Der junge Master George versprach mich abzuholen; und er gab mir diesen Dollar hier als Zeichen«, und Tom zog unter den Kleidern den kostbaren Dollar hervor.

»O dann kommt er ganz gewiß«, sagte Eva. »Wie mich das freut!«

»Und ich wollte einen Brief hinschicken, damit sie wissen, wo ich bin, und um der armen Chloe zu sagen, daß ich mich wohl befinde, weil es ihr so schrecklich zu Herzen ging, der Armen!«

»Heda, Tom!« rief jetzt St. Clare, der in diesem Augenblicke in die Tür trat.

Tom und Eva fuhren beide auf.

»Was gibt's da?« sagte St. Clare, indem er an den Tisch trat und die Schiefertafel betrachtete.

»Oh, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm beim Schreiben«, sagte Eva. »Ist es nicht hübsch?«

»Ich möchte keinen von euch beiden entmutigen«, sagte St. Clare, »aber ich glaube doch, es wäre besser, du ließest mich den Brief für dich schreiben. Ich will es tun, wenn ich von meinem Spazierritt zurückkomme.«

»Es ist von großer Wichtigkeit, daß er schreibt«, sagte Eva, »weil seine Herrin ihm versprochen hat, Geld zu schicken, um ihn wieder zurückzukaufen; er hat es mir eben erzählt.«

St. Clare dachte in seinem Herzen, daß dies wahrscheinlich nur eine von den Tröstungen sei, welche gutmütige Sklavenbesitzer anwenden, um die Angst der Sklaven vor dem Verkauftwerden zu lindern, ohne irgend zu beabsichtigen, diese Hoffnungen zu erfüllen. Aber er ließ keine Bemerkung darüber laut werden, sondern befahl nur Tom, die Pferde zu einem Spazierritt vorzuführen.

Toms Brief wurde noch an diesem Abend in bester Form für ihn abgefaßt und sicher der Post übergeben.

Miß Ophelia setzte immer noch ihre Bemühungen in der Wirtschaft mit Ausdauer fort. Der ganze Haushalt von Dinah bis zum jüngsten Bengel waren darin einig, daß Miß Ophelia entschieden sonderbar sei – ein Wort, durch welches ein Dienstbote im Süden andeutet, daß seine Herrschaft ihm nicht recht ansteht.

Der höhere Kreis in der Familie – nämlich Adolf, Jane und Rosa – stimmten darin überein, daß sie keine Lady sei; Ladies schufteten nie so herum wie sie; sie habe gar kein Air; und sie waren nur darüber verwundert, daß sie eine Verwandte der St. Clare sein sollte. Selbst Marie erklärte, daß es geradezu ermüdend sei, Cousine Ophelia stets so fleißig zu sehen. Und in der Tat war Miß Ophelias Fleiß so unermüdlich, daß einiger Grund zu dieser Klage vorhanden war. Sie nähte und steppte von Tagesanbruch bis Dunkelwerden mit der Energie einer Person, die unter dem unmittelbaren Einfluß einer sie drängenden Macht steht; und wenn der Abend kam und die Näherei eingepackt war, fuhr auf der Stelle der stets bereite Strickstrumpf aus der Tasche, und sie war so eifrig beschäftigt wie immer. Es war wirklich eine Arbeit, es mit anzusehen.

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