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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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15. Kapitel

Des freien Mannes Verteidigung

Wie sich der Abend nahte, war im Quäkerhause alles in sanfter Aufregung. Rachel Halliday bewegte sich ruhig hin und her, um aus ihren Wirtschaftsvorräten für die Wanderer, die sich heute nacht auf den Weg machen sollten, solche Bedürfnisse zu sammeln, wie sich leicht in einen kleinen Raum bringen ließen. Die Nachmittagschatten waren ostwärts gerichtet, und die runde rote Sonne stand gedankenvoll am Horizont und ihre Strahlen schienen gelb und Ruhe bringend in das kleine Schlafzimmer, wo sich George und seine Frau befanden. Er saß da, sein Kind auf dem Knie und die Hand seiner Frau in der seinigen. Beide sahen nachdenklich und ernst aus, und Spuren von Tränen waren auf ihren Wangen.

»Ja, Elisa«, sagte George, »ich weiß, daß alles, was du sagst, wahr ist. Du bist ein gutes Kind – viel besser, als ich bin; und ich will versuchen, so zu handeln, wie du sagst. Ich will versuchen zu handeln, wie es sich für einen freien Mann ziemt. Ich will versuchen zu fühlen, wie ein Christ. Gott der Allmächtige weiß, daß ich stets den Willen hatte, gut zu sein – daß ich mein Möglichstes getan habe, gut zu sein –, als alles gegen mich war; und jetzt will ich alles vergessen, was vorüber ist, und jede böse und bittere Empfindung unterdrücken und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu werden.«

»Und wenn wir nach Kanada kommen«, sagte Elisa, »so kann ich dir helfen. Ich kann recht gut Putz machen; und ich verstehe mich aufs Feinwaschen und Plätten; und mit vereinten Kräften werden wir schon leben können.«

»Ja, Elisa, solange wir uns einander und den Knaben haben. Ach, Elisa, wenn diese Leute nur wüßten, was es für ein Segen für einen Mann ist, zu fühlen, daß seine Frau und sein Kind ihm angehören. Ich habe mich oft gewundert, einen Mann, der seine Frau und seine Kinder sein nennen konnte, wegen etwas anderem klagen oder sorgen zu sehen. Ich komme mir reich und mächtig vor, obgleich wir nichts haben als unsere leeren Hände. Es ist mir, als ob ich kaum Gott um mehr bitten könnte. Ja, obgleich ich jeden Tag angestrengt gearbeitet habe, bis ich 25 Jahre alt bin, und keinen Cent Geld und kein Dach über dem Kopf und keinen Fleck Land mein eigen nennen kann, so will ich jetzt doch zufrieden, ja dankbar sein, wenn sie mich nur ungeschoren lassen; ich will arbeiten und das Geld für dich und unseren Knaben zurückschicken. Was meinen alten Herrn betrifft, so hat er schon fünfmal mehr, als er für mich verwendet hat, durch mich verdient. Ich bin ihm gar nichts schuldig.«

»Aber wir sind noch nicht ganz außer Gefahr«, sagte Elisa. »Wir sind noch nicht in Kanada.«

»Das ist wahr«, sagte George, »aber es ist mir, als atmete ich die Luft der Freiheit schon ein, und das macht mich stark.«

In diesem Augenblick hörte man im äußeren Zimmer Stimmen in angelegentlichem Gespräch, und bald vernahm man ein Klopfen an der Tür. Elisa schrak auf und öffnete.

Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war dürr, hatte rotes Haar und sein Gesicht trug einen Ausdruck großer Schlauheit. Er hatte nichts von dem ruhigen, unweltlich gesinnten Wesen Simeon Hallidays; im Gegenteil etwas ganz besonders Pfiffiges und praktisch Gewandtes, wie ein Mann, der eher stolz darauf ist, stets zu wissen, was er will, und ein scharfes Auge zu haben, auf alles zu sehen; Eigentümlichkeiten, welche etwas seltsam zu dem breitkrempigen Hute und der förmlichen Quäkersprache paßten.

»Unser Freund Phineas hat etwas von Wichtigkeit für dich und deine Frau entdeckt, George«, sagte Simeon. »Es würde dir von Nutzen sein, es zu hören.«

»Ja, ich habe etwas entdeckt«, sagte Phineas, »und es zeigt, wie nützlich es ist, wenn ein Mann an gewissen Orten immer mit einem offenen Ohre schläft, wie ich immer gesagt habe. Gestern nacht kehrte ich in einer kleinen einsamen Schenke unten an der Straße ein. Du erinnerst dich an den Ort, Simeon – wir verkauften voriges Jahr dort Äpfel an die dicke Frau mit den großen Ohrringen. Ich war müde vom langen Fahren, und nach dem Abendessen legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der Ecke und zog eine Büffelhaut über mich, um zu warten, bis mein Bett fertig sei; und was passiert mir? Ich schlafe fest ein.«

»Mit einem Ohr offen, Phineas«, sagte Simeon ruhig.

»Nein, ich schlief samt den Ohren ein, über zwei Stunden lang, denn ich war ziemlich müde; aber als ich wieder ein wenig zu mir kam, fand ich, daß noch ein paar Gäste im Zimmer waren, die trinkend und sprechend um einen Tisch saßen; und ich dachte, ehe ich aufstände, wollte ich sehen, was sie im Werke hätten, vorzüglich, da ich hörte, daß sie etwas von Quäkern sagten. ›Sie sind also jedenfalls in der Quäkerniederlassung‹, sagte der eine. Nun horchte ich mit beiden Ohren und fand, daß sie von diesen Leuten hier sprachen. So blieb ich denn still liegen und hörte sie alle ihre Pläne entwickeln. Dieser junge Mann, sagten sie, soll nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden, der ein Beispiel an ihm geben wolle, um andere Nigger vom Davonlaufen abzuschrecken; und seine Frau wollten zwei von ihnen auf eigene Rechnung nach New Orleans zum Verkauf bringen, und sie rechneten, 1600 oder 1800 Dollar für sie zu bekommen; und den Knaben, sagten sie, bekommt ein Händler, der ihn gekauft hat; und dann der Bursche Jim und seine Mutter sollten ihrem Herrn nach Kentucky zurückgeschickt werden. Sie sagten, sie hätten in einer Stadt nicht weit von dort zwei Konstabler, die sie auf der Verfolgung begleiten würden, und die junge Frau wollten sie vor einen Friedensrichter führen; und einer von den Kerlen, der klein ist und zu reden weiß, wollte schwören, sie sei sein Eigentum, und sie sich übergeben lassen, um sie nach dem Süden zu schaffen. Sie haben auch den Weg, den wir diese Nacht nehmen wollen, richtig erraten; und sie werden uns 6 oder 8 Mann stark verfolgen. – Was ist nun zu tun?«

Die Gruppe, die nach dieser Mitteilung in verschiedenen Stellungen dastand, war eines Malers würdig. Rachel Halliday, die um die Nachricht zu hören, ihre Biskuits hatte liegenlassen, stand mit gen Himmel erhobenen und mehligen Händen und einem Gesicht voll der tiefsten Teilnahme da.

Simeon war in tiefes Sinnen verloren; Elisa hatte die Arme um ihren Gatten geschlungen und blickte zu ihm hinauf. George stand mit geballten Fäusten und flammenden Augen da und sah aus, wie jeder andere Mensch aussehen würde, dessen Weib in einer Auktion versteigert und dessen Sohn einem Sklavenhändler übergeben werden soll, natürlich unter dem Schutz der Gesetze eines christlichen Staates.

»Was sollen wir beginnen, George?« sagte Elisa mit schwacher Stimme.

»Ich weiß, was ich tun werde«, sagte George, indem er in das kleine Zimmer trat und seine Pistolen untersuchte.

»Ja, ja«, sagte Phineas und nickte Simeon zu, »du siehst, Simeon, was es für eine Wirkung macht.«

»Ich sehe wohl«, sagte Simeon mit einem Seufzer, »ich bitte zu Gott, daß es nicht dazu kommt.«

»Ich will niemanden mit mir oder für mich in Ungelegenheit bringen«, sagte George. »Wenn Ihr mir Euren Wagen leihen und mir den Weg zeigen wollt, so fahre ich allein nach der nächsten Station. Jim hat die Stärke eines Riesen und ist so brav, wie Tod und Verzweiflung nur sein können, und ich bin's auch.«

»Das ist schon gut, Freund«, sagte Phineas, »aber du brauchst doch einen Kutscher. Das Fechten wollen wir dir ganz allein überlassen, weißt du; aber ich kenne ein paar Winkel der Straße, die du nicht kennst.«

»Aber ich mag Euch nicht mit hineinverwickeln«, sagte George.

»Verwickeln?« sagte Phineas mit einem seltsamen und schlauen Ausdruck des Gesichts. »Wenn du mich verwickelt hast, so laß mich's ja wissen.«

»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann«, sagte Simeon. »Ich rate dir, George, dich nach seinem Urteil zu richten, und«, setzte er hinzu, indem er die Hand gütig auf Georges Schulter legte und auf die Pistolen wies, »sei nicht so rasch mit diesen Dingern – junges Blut ist hitzig.«

»Ich werde keinen Menschen angreifen«, sagte George. »Ich verlange von diesem Lande nur, daß man mich gehen läßt, und ich werde in Frieden gehen; aber« – er hielt inne, und seine Stirn verfinsterte sich, und in seinem Gesichte zuckte es krampfhaft – »man hat mir eine Schwester auf diesem New-Orleans-Markt verkauft. Ich weiß, wozu sie verkauft werden; und soll ich es mir ruhig gefallen lassen, daß sie mir meine Frau nehmen und sie mir verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme gegeben hat, sie zu verteidigen? Nein, Gott helfe mir! Ich wehre mich bis zum letzten Atemzuge, ehe sie mein Weib und meinen Sohn gefangennehmen wollen. Könnt Ihr mich tadeln?«

»Sterbliche Menschen können dich nicht tadeln, George. Fleisch und Blut können nicht anders«, sagte Simeon. »Wehe der Welt wegen des Ärgernisses, aber wehe denen, so das Ärgernis geben.«

»Würdet Ihr nicht auch dasselbe an meiner Stelle tun?«

»Ich bitte Gott, daß er mich nicht in Versuchung führt«, sagte Simeon, »das Fleisch ist schwach!«

»Ich glaube, mein Fleisch würde in einem solchen Falle leidlich stark sein«, sagte Phineas und reckte ein Paar Arme, groß wie die Flügel einer Windmühle. »Ich weiß nicht, Freund George, ob ich nicht einen Kerl für dich festhielte, wenn du eine Rechnung mit ihm abzumachen hättest.«

»Wenn überhaupt der Mensch sich gegen das Unrecht wehren darf«, sagte Simeon, »so hat George jetzt ein Recht dazu; jedoch die Führer unseres Volkes haben einen vortrefflicheren Weg gezeigt, denn der Zorn des Menschen bringt nicht die Gerechtigkeit Gottes; aber es geht dem verderbten Willen des Menschen hart an, und niemand kann es vollbringen als die, denen es gegeben ist. Laßt uns den Herrn bitten, daß er uns nicht in Versuchung führt.«

»Und das will ich auch tun«, sagte Phineas, »aber wenn wir zu stark versucht werden – na, ich sage bloß, sie sollen sich in acht nehmen.«

»Es ist doch gleich sichtbar, daß du nicht als Freund geboren bist«, sagte Simeon lächelnd. »Der alte Adam ist noch ziemlich stark in dir.« Die Wahrheit zu gestehen, Phineas war ein derber, kräftiger Hinterwäldler gewesen, ein gewaltiger Jäger und der Tod jedes Rehbocks; aber die Reize einer hübschen Quäkerin, um die er geworben, hatten ihn bewogen, der Gemeinde beizutreten; und obgleich er ein ehrliches, nüchternes und brauchbares Mitglied war und niemand etwas Besonderes gegen ihn zu sagen wußte, so gewahrten doch die mehr von dem Geiste durchdrungenen Brüder einen großen Mangel an der rechten Salbung an ihm.

»Freund Phineas wird immer seine eigene Weise haben«, sagte Rachel Halliday lächelnd, »aber wir sind alle überzeugt, daß er trotzdem das Herz auf dem rechten Flecke hat.«

»Wäre es nicht besser, wir beschleunigten unsere Flucht?« sagte jetzt George.

»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in aller Eile hierher geritten, volle zwei oder drei Stunden ihnen voraus, wenn sie zu der Zeit, die sie im Sinne hatten, aufgebrochen sind. Es ist jedenfalls nicht sicher, vor Dunkelwerden abzufahren, denn in den Dörfern vor uns sind einige Übelgesinnte, die uns vielleicht in den Weg treten könnten, wenn sie unseren Wagen sehen, und das wäre mehr Aufenthalt als das Warten; aber in zwei Stunden, glaube ich, können wir's wagen. Ich gehe zu Michael Croß hinüber, der uns mit seinem schnellen Pferde nachkommen und auf der Landstraße gute Wacht halten soll, um uns Nachricht zu geben, wenn sich ein Trupp Menschen zeigt. Michael überholt die meisten andern Pferde sehr bald, und er kann uns nachjagen und uns warnen, wenn Gefahr ist. Ich sage jetzt auch Jim und der Alten, sich bereitzuhalten, und sehe nach den Pferden. Wir haben einen ziemlichen Vorsprung und die beste Aussicht, die Station zu erreichen, ehe sie uns einholen. Also nur guten Mut, Freund George, das ist nicht der erste schlimme Handel, den ich mit deinen Leuten gehabt habe«, sagte Phineas, indem er die Tür zumachte.

»Phineas ist ein kluger Mann«, sagte Simeon. »Er wird das Beste tun, was für dich zu tun ist, George.«

»Es tut mir nur das eine leid, daß Ihr Euch so großer Gefahr aussetzt«, sagte George.

»Du würdest uns sehr verpflichten, Freund George, davon nicht weiter zu reden. Was wir tun, ist unsere Gewissenspflicht; wir können nicht anders handeln. Und nun, Mutter«, sagte er zu Rachel gewendet, »beende deine Zubereitungen für diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend gehen lassen.«

Und während Rachel und ihre Kinder geschäftig Maiskuchen bereiteten und Schinken und Huhn kochten und die mancherlei Bestandteile des Abendessens fertigmachten, saßen George und seine Frau in ihrem kleinen Zimmer nebeneinander und hielten sich umschlungen und vertieften sich in solche Gespräche, wie Gatte und Gattin miteinander haben, wenn sie wissen, daß sie in ein paar Stunden auf immer voneinander getrennt werden können.

»Elisa«, sagte George, »Menschen, die Häuser und Freunde und Ländereien und Geld haben, können nicht so lieben wie wir, die wir weiter nichts haben als uns selbst. Bis ich dich kennenlernte, Elisa, hatte mich kein Wesen geliebt als meine arme Mutter und meine Schwester. Ich sah die arme Emily an dem Morgen, wo der Sklavenhändler sie fortschleppte. Sie trat in die Ecke, wo ich noch im Schlafe lag, und sagte: ›Armer George, deine letzte Freundin geht jetzt. Was wird aus dir werden, armer Knabe?‹ Und ich stand auf und umarmte sie und weinte und schluchzte, und auch sie weinte; und das sind die letzten freundlichen Worte, die ich zehn lange Jahre hindurch hörte, und mein Herz vertrocknete und war so dürr wie Asche, bis ich dich kennenlernte. Und daß du mich liebtest – ach, es war mir fast, als ob ich aus dem Grabe erstünde. Ich bin seitdem wie ein neuer Mensch gewesen! Und jetzt, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen hingeben, aber entreißen sollen sie dich mir nicht. Wer dich haben will, muß erst über meine Leiche hinweg.«

»O Herr, habe Erbarmen mit uns«, schluchzte Elisa. »Wenn er uns nur vereint aus diesem Lande entkommen läßt, weiter verlange ich nichts.«

Als sie sich später alle noch einmal zum Abendessen an den Tisch setzten, hörte man ein leises Klopfen an der Tür, und Ruth trat herein.

»Ich bin eben nur herübergesprungen, um dem Knaben die Strümpfchen zu bringen«, sagte sie. »Es sind drei Paar, hübsch warme, wollene. Du weißt, es ist kalt in Kanada. Hast du noch frischen Mut, Elisa?« setzte sie hinzu, indem sie zu Elisa sprang und ihr mit Wärme die Hand schüttelte und Harry einen Kuchen in die Hand schlüpfen ließ. »Ich habe ein kleines Päckchen davon für ihn mitgebracht«, sagte sie und zerrte an ihrer Tasche, um das Päckchen herauszuholen. »Du weißt ja, Kinder wollen immer essen.«

»O, ich danke Euch; Ihr seid zu gütig«, sagte Elisa.

»Komm, Ruth, iß mit uns«, sagte Rachel.

»Ich kann nicht, durchaus nicht. Ich habe John mit dem Kleinen zu Hause gelassen und mit ein paar Biskuits im Ofen; und ich kann keinen Augenblick bleiben, sonst läßt John die Biskuits verbrennen und gibt dem Kleinen allen Zucker aus der Dose. So macht er's«, sagte die kleine Quäkerin lachend. »So leb wohl, Elisa; leb wohl, George; der Herr schenke dir eine sichere Reise«, und mit ein paar hüpfenden Schritten war Ruth zur Tür hinaus. Kurze Zeit nach dem Abendessen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor der Tür vor; die Nacht war sternenhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitz herunter, um seine Passagiere unterzubringen. George trat aus der Tür, den Knaben auf einem Arm und seine Frau an dem andern. Sein Gang war fest, sein Gesicht gefaßt und entschlossen. Rachel und Simeon kamen hinter ihm her.

»Steigt einen Augenblick aus«, sagte Phineas zu den Drinsitzenden, »daß ich die Rückseite für die Frauen und den Knaben zurechtmache.«

»Hier sind die zwei Büffelhäute«, sagte Rachel. »Macht die Sitze nur recht bequem; es strengt an, die ganze Nacht hindurch zu fahren.«

Jim stieg zuerst aus und half sorglich seiner alten Mutter heraus, die sich an seinen Arm anklammerte und ängstlich um sich schaute, als erwartete sie den Verfolger jeden Augenblick ankommen zu sehen.

»Jim, sind deine Pistolen in Ordnung?« sagte George mit gedämpfter, fester Stimme.

»Jawohl«, sagte Jim.

»Und du weißt, was du mit ihnen zu tun hast, wenn sie kommen?«

»Ich sollte wohl meinen«, sagte Jim und warf sich in die breite Brust und holte tief Atem. »Meinst du wohl, ich würde die Mutter wieder fangen lassen?«

Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer guten Freundin Rachel Abschied genommen, und Simeon half ihr in den Wagen. Sie nahm in dem hinteren Teile desselben mit ihrem Knaben auf den Büffelfellen Platz. Die Alte stieg nach ihr ein. George und Jim setzten sich auf ein Brett vor ihnen, und Phineas bestieg den Kutschersitz.

»Lebt wohl, Freunde«, sagte Simeon von draußen.

»Gott segne euch!« antworteten alle aus dem Wagen.

Und der Wagen fuhr fort über den gefrorenen Weg dahinrasselnd.

Wegen der Unebenheit der Straße und des Lärms der Räder war keine Gelegenheit zur Unterhaltung vorhanden. Sie rumpelten daher eine Stunde nach der anderen durch lange dunkle Strecken Wald, über weite öde Ebenen, bergauf und bergab, und immer weiter. Das Kind lag bald in tiefem Schlummer auf dem Schoß der Mutter. Die arme von Angst erfüllte Alte vergaß endlich ihre Furcht; und selbst Elisa fand, wie der Morgen näher kam, daß alle ihre Sorgen nicht hinreichten, um den Schlaf von ihren Augen fernzuhalten. Phineas schien im ganzen der Munterste von der ganzen Gesellschaft zu sein und vertrieb sich die lange Fahrt damit, daß er verschiedene sehr unquäkermäßig klingende Lieder pfiff.

Aber gegen drei Uhr vernahm Georges Ohr eiligen und deutlichen Hufschlag, der in einiger Entfernung hinter ihm her kam, und er stieß Phineas an den Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.

»Das muß Michael sein«, sagte er, »ich glaube, ich erkenne seinen Galopp«, und er stand auf und streckte den Kopf voll gespannter Aufmerksamkeit in das Dunkel hinaus.

Man erkannte jetzt undeutlich auf dem Gipfel eines fernen Hügels einen mit verhängtem Zügel dahersprengenden Reiter.

»Ich glaube, das ist er«, sagte Phineas. George und Jim sprangen beide aus dem Wagen, ehe sie wußten, was sie eigentlich taten. Alle standen schweigend in aufs höchste gespannter Erwartung da, und ihre Gesichter wendeten sich dem erwarteten Boten zu. Immer näher kam er. Jetzt ritt er hinunter in eine Tiefe, wo sie ihn nicht sehen konnten; aber sie hörten den scharfen hastigen Hufschlag, der immer näher und näher kam; endlich sahen sie ihn auf dem Rande einer Höhe im Bereich ihrer Stimme erscheinen.

»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas und rief jetzt hinüber: »Hallo, he! Michael!«

»Phineas! Bist du's?«

»Ja, was gibt's? – Kommen sie?«

»Gerade hinter uns, acht oder zehn, von Branntwein berauscht und fluchend und schäumend wie die Wölfe!«

Und während er noch sprach, trug der Wind den schwachen Schall herangaloppierender Reiter herüber.

»Herein, herein – rasch, Kameraden, herein!« sagte Phineas. »Wenn ihr fechten müßt, so wartet, bis ihr noch ein Stück weiter kommt!« Und auf das Geheiß sprangen beide hinein, und Phineas peitschte auf die Pferde, daß sie galoppierten, während der Reiter dicht neben ihnen blieb. Der Wagen rasselte und flog fast über den gefrorenen Erdboden; aber deutlicher und immer deutlicher vernahm man den Hufschlag der verfolgenden Reiter. Die Frauen hörten es, blickten angstvoll hinaus und sahen weit hinten auf dem Rand eines fernen Hügels einen Trupp Reiter sich in unbestimmten Umrissen von dem rotstreifigen Himmel des grauenden Morgens abheben. Noch ein Hügel, und die Verfolger hatten offenbar den Wagen erblickt, dessen weiße Plane durch das Dämmergrau in die Ferne leuchtete, und der Wind trug ein lautes Gebrüll brutalen Frohlockens herüber. Elisa wurde es dunkel vor den Augen und sie drückte das Kind fester an die Brust, die Alte betete und stöhnte, und George und Jim packten ihre Pistolen mit verzweifelter Faust. Die Verfolger kamen ihnen rasch näher, der Wagen machte plötzlich eine Wendung, und sie kamen an eine steile überragende Felsklippe, ein alleinstehender Ausläufer einer größeren Gruppe, die rundum glatt abfiel. Diese einzeln stehende Felsengruppe ragte gegen den heller werdenden Himmel empor und schien Schutz und ein Versteck zu versprechen. Phineas kannte den Platz recht gut noch von seinen Jägerzeiten her, und um ihn zu erreichen, hatte er die Pferde so angetrieben.

»Nun gilt's!« sagte er, indem er plötzlich die Pferde anhielt und von seinem Sitze heruntersprang. »Nur rasch ausgestiegen und hinauf mit mir auf den Felsen! Michael, binde du dein Pferd an den Wagen und fahre voraus zu Amariah, daß er und sein Bursche herreiten und mit diesen Kerlen reden.«

In einem Nu waren sie alle aus dem Wagen gestiegen.

»So«, sagte Phineas und nahm Harry, »jeder von euch nimmt eine von den Frauen, und nun lauft, wenn ihr jemals gelaufen seid.«

Es bedurfte der Ermahnung nicht. Schneller, als wir es erzählen können, waren alle unsere Freunde über die Fence geklettert und eilten mit möglichster Schnelle die Felsen hinauf, während Michael sich vom Pferde warf, es mit dem Zaume an den Wagen band und nun rasch weiterfuhr.

»Nun vorwärts!« sagte Phineas, als sie die Felsen erreichten und in dem Zwitterlichte der Sterne und des grauenden Morgens die Spuren eines hinaufführenden Fußpfades bemerkten. »Das ist einer unserer alten Jagdverstecke. Kommt nur!«

Phineas ging voraus und sprang mit dem Knaben auf seinem Arme wie eine Ziege über die Klippen. Ihm folgte Jim, der seine zitternde alte Mutter auf dem Rücken trug, und George und Elisa schlossen den Zug. Die verfolgenden Reiter erreichten jetzt die Fence und stiegen schreiend und fluchend von den Pferden und machten sich bereit, jenen zu folgen. Nach einem kurzen Klettern erreichten sie den Gipfel des Ausläufers, aber nun ging der Pfad durch eine schmale Kluft, in der nur einer auf einmal Platz hatte, bis sie plötzlich vor einem neuen Querspalt standen, der den Boden auf ein Yard breit auseinanderriß. Jenseits desselben erhob sich eine Gruppe Klippen, von dem übrigen Felsen getrennt, wohl dreißig Fuß hoch und steil abfallend, wie die Wälle einer Burg. Mit Leichtigkeit sprang Phineas über den Spalt und setzte den Knaben auf eine glatte mit krausem weißen Moos bedeckte Fläche, welche den Gipfel des Felsens krönte.

»Springt rasch herüber!« rief er. »Es gilt jetzt euer Leben!« sagte er, als einer nach dem andern hinübersprang. Mehrere lose Felsstücke bildeten eine Art Brustwehr, welche den unten Stehenden die Einsicht in ihren Zufluchtsort verwehrte.

»Nun, da wären wir ja alle«, sagte Phineas und warf nun über die Brustwehr einen vorsichtigen Blick auf die Verfolger, die sich jetzt unten am Felsen den Pfad heraufdrängten. »Nun mögen sie kommen, wenn sie heran können. Wer hier heran will, muß einzeln durch diese Kluft gehen, in bester Schußweite eurer Pistolen, seht ihr, Kameraden?«

»Ich sehe es«, sagte George, »und jetzt, da es unsre Sache ist, so laßt uns die Gefahr übernehmen und das Fechten allein besorgen.«

»Das Fechten soll dir gern überlassen sein«, sagte Phineas, der ein paar Checkerbeerblätter zerkaute; »aber ich darf doch das Zusehen haben, vermute ich. Aber seht, die Burschen streiten sich unten und gucken herauf, wie Hühner, wenn sie auf die Steige fliegen wollen. Wäre es nicht besser, du sagtest ihnen offen und ehrlich, ehe sie sich heranwagen, daß man auf sie schießen wird?«

Die Verfolger, die man jetzt bei dem helleren Morgenschimmer besser erkennen konnte, waren unsere alten Bekannten Tom Loker und Marks und ein Gefolge von so viel Lungerern, als sich in der letzten Schenke durch ein paar Glas Branntwein hatten bewegen lassen, des Spaßes wegen mit auf die Niggerjagd zu gehen.

»Nun, Tom, dein Wild hat sich gestellt«, sagte einer.

»Ja, ich habe sie da hinauflaufen sehen«, sagte Tom, »und hier ist ein Pfad. Ich gebe den Rat, geradenwegs hinaufzugehen. Sie können nicht gleich wieder runterspringen, und es wird nicht viel Zeit kosten, sie herauszutreiben.«

»Aber Tom, sie können hinter den Felsen hervor auf uns schießen«, sagte Marks. »Das wäre doch garstig.«

»Pfui!« sagte Tom mit höhnischem Lächeln. »Bist immer bange um deine Haut, Marks! Das ist nicht zu besorgen! Nigger sind viel zu feig' dazu!«

»Ich weiß nicht, warum mir nicht um meine Haut bange sein sollte«, sagte Marks, »'s ist die beste, die ich habe, und Nigger wehren sich manchmal wie die leibhaften Teufel.«

In diesem Augenblick zeigte sich George auf der Spitze eines Felsens über ihnen und rief ihnen mit einer festen klaren Stimme zu:

»Ihr Herren dort unten, wer seid Ihr und was wollt Ihr?«

»Wir suchen entlaufene Nigger«, sagte Tom Loker. »Einen gewissen George Harris und Elisa Harris und ihren Knaben, und Jim Seiden und eine alte Frau. Wir haben die Konstabler mitgebracht und einen Verhaftsbefehl gegen sie; und wir werden sie auch kriegen. Hört Ihr da oben? Seid Ihr nicht George Harris, der Mr. Harris von Shelby-County in Kentucky gehört?«

»Ich bin George Harris. Ein Mr. Harris von Kentucky nannte mich sein Eigentum. Aber jetzt bin ich ein freier Mann und stehe auf Gottes freier Erde; und mein Weib und mein Kind nehme ich als die meinigen in Anspruch. Wir haben Waffen, uns zu verteidigen, und werden davon Gebrauch machen. Ihr könnt heraufkommen, wenn Ihr Lust habt, aber der erste, der in den Bereich unserer Kugeln kommt, ist eine Leiche, und der nächste auch, und so fort, bis zum letzten.«

»Ah, laßt doch das Gerede«, sagte ein dicker kurzer Mann, der jetzt vortrat und sich dabei die Nase schneuzte. »Junger Mann, so dürft Ihr durchaus nicht sprechen. Ihr seht, wir sind Gerichtsbeamte. Wir haben das Gesetz auf unserer Seite und die Macht und alles; Ihr tut also am besten, Euch ohne Widerstand zu ergeben, denn ergeben müßt Ihr Euch doch zuletzt.«

»Ich weiß recht gut, daß Ihr das Gesetz auf Eurer Seite habt und die Macht«, sagte George bitter. »Ihr wollt meine Frau nach New Orleans verkaufen und meinen Knaben wie ein Kalb bei einem Händler in die Fütterung geben, und Jims alte Mutter wieder dem Wüterich zuschicken, der sie auspeitschte und mißhandelte, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Und Jim und mich wollt Ihr zurückschicken, daß die, welche Ihr unsere Herren nennt, uns auspeitschen und foltern lassen und mit ihrem Fuße zertreten; und Eure Gesetze geben Euch das Recht dazu – desto größer die Schande für Euch und sie! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure Gesetze nicht an; wir erkennen Euren Staat nicht an; wir stehen hier unter Gottes Himmel so frei wie Ihr; und bei dem großen Gotte, der uns erschaffen hat, wir wollen für unsere Freiheit kämpfen bis zum Tode.«

George stand frei und offen auf dem Gipfel des Felsens da, wie er seine Unabhängigkeitserklärung verkündigte; das Morgenrot färbte seine gebräunte Wange, und bittere Entrüstung und Verzweiflung flammten in seinem dunklen Auge; und als ob er von den Menschen an die Gerechtigkeit Gottes appellierte, erhob er seine Hand gen Himmel, während er sprach.

Blick, Stimme und Benehmen des Sprechers brachte für einen Augenblick die Verfolger unten zum Schweigen. In Kühnheit und Entschlossenheit liegt etwas, was selbst der rohsten Natur eine Zeitlang Achtung einflößt. Marks war der einzige, der ganz ungerührt blieb. Er spannte ganz ruhig den Hahn seiner Pistole und schoß nach George in der augenblicklichen Pause, die auf seine Rede folgte.

»Man kriegt ja für ihn in Kentucky ebensoviel tot als lebendig«, sagte er gleichgültig, während er die Pistole an seinem Rockärmel abwischte. George sprang zurück – Elisa stieß einen Schrei aus – die Kugel war ihm dicht am Kopfe vorbeigefahren, hatte fast die Wange seiner Frau gestreift und schlug in einen Baum hinter ihnen.

»Es ist nichts, Elisa«, sagte George rasch.

»'s ist besser, du bleibst versteckt und läßt das Reden sein«, sagte Phineas, »es sind gemeine Schlingel.«

»Nun, Jim«, sagte George, »sieh nach, ob deine Pistolen in Ordnung sind, und gib acht auf diesen Paß dort. Auf den ersten, der sich zeigt, schieße ich; du nimmst den zweiten aufs Korn und so fort. Wir dürfen nicht zwei Kugeln an einen verschwenden.«

»Aber wenn du nicht triffst?«

»Ich werde treffen«, sagte George ruhig.

»Gut! Der Bursche ist von gutem Zeuge«, brummte Phineas zwischen den Zähnen.

Die unten standen, nachdem Marks geschossen hatte, eine Weile lang ziemlich unentschlossen da.

»Ich glaube, du hast einen getroffen«, sagte einer. »Ich hörte ein Gequiek!«

»Ich gehe geradenwegs hinauf«, sagte Tom. »Ich habe mich noch nie vor Niggern gefürchtet und werde jetzt nicht anfangen. Wer folgt mir?« sagte er und sprang die Felsen hinauf.

George hörte die Worte deutlich. Er zog die Pistole heraus, untersuchte sie und zielte nach der Stelle im Passe, wo der erste erscheinen mußte. Einer der mutigsten von den untenstehenden folgte Tom, und da jetzt der Anfang einmal gemacht war, so drängte sich die ganze Gesellschaft den Felsen hinauf – und die hintersten drängten die vordersten rascher vor, als sie sonst hinaufgegangen wären. Sie kamen immer näher, und einen Augenblick später erschien Toms ungeschlachte Gestalt fast an dem Rande des Spaltes.

George feuerte seine Pistole ab – die Kugel fuhr dem Gegner in die Seite; aber obgleich verwundet, wollte er doch nicht zurück, sondern sprang brüllend wie ein wütender Stier gerade über den Spalt mitten unter die Flüchtlinge.

»Freund«, sagte Phineas, indem er plötzlich vortrat und ihm seine langen Arme entgegenstieß, »dich brauchen wir hier nicht.«

Und er stürzte unter dem Knicken und Brechen von Zweigen und Gebüschen und dem Poltern von Klötzen und losen Steinen in die Schlucht hinunter, bis er wund und ächzend dreißig Fuß tiefer unten liegen blieb. Der Fall hätte ihm den Tod bringen können, wenn seine Gewalt nicht dadurch gebrochen worden wäre, daß seine Kleider in den Zweigen eines großen Baumes hängenblieben; aber er stürzte doch mit ziemlicher Heftigkeit auf den Boden – viel heftiger, als angenehm und passend war.

»Der Herr schütze uns! Die sind ja ganz des Teufels!« sagte Marks, der den Rückzug mit viel größerer Bereitwilligkeit anführte, als er bei dem Heraufsteigen gezeigt hatte, während die übrigen ihm tumultartig nachstürzten, wobei vorzüglich der dicke Konstabler auf sehr energische Weise blies und pustete.

»Hört, Leute«, sagte Marks, »Ihr geht unten herum und hebt Tom auf, während ich mich aufs Pferd setze und Hilfe hole – das ist das beste«, und ohne auf das Pfeifen und Spotten der Gesellschaft zu achten, sah man ihn bald fortgaloppieren.

»Habt Ihr je einen so feigen Schlingel gesehen!« sagte einer von den Leuten. »Uns in seiner Sache hierher zu bringen und uns dann auf diese Weise im Stich zu lassen!«

»Nun, wir müssen den Kerl doch mitnehmen«, sagte ein anderer. »Ich will verflucht sein, wenn es mir nicht ziemlich gleich ist, ob er tot oder lebendig ist.«

Von dem Stöhnen Toms geleitet, arbeiteten sich die Leute über Baumstämme, Klötze und durch dichtes Gebüsch, wo unser Held lag, mit Heftigkeit abwechselnd stöhnend und fluchend.

»Ihr macht ja greulichen Lärm, Tom«, sagte einer. »Seid Ihr stark verletzt?«

»Weiß nicht. Könnt Ihr mich nicht auf die Beine bringen, he? Hol der Teufel diesen höllischen Quäker. War der nicht gewesen, so hätte ich ein paar von ihnen hier runtergeschmissen, um zu sehen, wie es ihnen gefiel.«

Nicht ohne große Anstrengung und vieles Stöhnen brachte man den gefallenen Helden auf die Beine; und indem einer ihn unter jeder Schulter faßte, erreichten sie endlich die Stelle, wo die Pferde standen.

»Wenn Ihr mich nur eine Meile weiter zurück bis in die Schenke bringen könntet. Gebt mir ein Taschentuch oder so etwas, um die Wunde zu verbinden, damit die verwünschte Blutung aufhört.«

George schaute über die Klippen hinunter und sah sie den Versuch machen, die ungeschlachte Gestalt Toms in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen taumelte er und stürzte zu Boden.

»O ich hoffe, er ist nicht tot«, sagte Elisa, die mit den übrigen Verfolgten den Vorgang unten beobachtete.

»Warum nicht!« sagte Phineas. »Geschieht ihm recht.«

»Weil nach dem Tode das Gericht kommt«, sagte Elisa.

»Ja«, sagte die Alte, die während des ganzen Auftritts in ihrer Methodistenweise gestöhnt und gebetet hatte, »es ist ein schrecklich Ding für die Seele des Armen.«

»Wahrhaftig, ich glaube, sie lassen ihn im Stich«, sagte Phineas. Es war richtig, denn nach einigem Zaudern und Beraten bestiegen die anderen ihre Pferde und ritten davon. Als sie ganz aus dem Gesicht waren, fing Phineas wieder an, sich zu rühren.

»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen«, sagte er. »Ich sagte Michael, er solle vorausfahren und Hilfe holen und den Wagen wieder hierherbringen; aber ich rechne, wir werden ihm ein Stück entgegengehen müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe, daß er bald kommt! Es ist noch früh am Tage; es werden noch ein Weilchen nicht viel Leute auf der Landstraße sein; wir sind nicht viel weiter als zwei Meilen von unserem Ziele entfernt. Wäre der Weg nicht gestern nacht gar so schlecht gewesen, so hätten sie uns gewiß nicht eingeholt.«

Als unsere Flüchtlinge bald die Fence erreicht hatten, sahen sie in der Ferne auf der Straße ihren eigenen Wagen zurückkommen, begleitet von einigen Reitern.

»Ah, da ist Michael und Stephen und Amariah«, rief Phineas aus. »Jetzt sind wir sicher – so sicher, als ob wir schon dort wären.«

»Oh, so wollen wir erst versuchen, etwas für diesen Armen zu tun«, sagte Elisa. »Er stöhnt erschrecklich.«

»Das wäre bloß Christenpflicht«, sagte George. »Wir wollen ihn aufheben und mitnehmen.«

»Und ihn bei den Quäkern kurieren«, sagte Phineas. »Ganz hübsch! Na, mir ist's gleich. Wir wollen einmal sehen, wie's mit ihm steht.« Und Phineas, der im Verlaufe seines Jäger- und Hinterwäldlerlebens praktisch die ersten Anfangsgründe der Chirurgie kennengelernt hatte, kniete neben dem Verwundeten nieder und fing an, ihn aufmerksam zu untersuchen.

»Marks«, sagte Tom mit schwacher Stimme, »bist du's, Marks?«

»Nein, ich rechne, ich bin's nicht, Freund«, sagte Phineas. »Marks kümmert sich viel um dich, wenn er seine Haut in Sicherheit gebracht hat. Er ist schon lange, lange fort.«

»Ich glaube, es ist aus mit mir«, sagte Tom. »Der verdammte feige Hund! Mich hier allein sterben zu lassen! Meine arme Mutter sagte mir immer, es würde so kommen.«

»Ah, hört nur den armen Mann! Er hat eine Mutter«, sagte die Negerin. »Ich kann nicht dafür, er jammert mich!«

»Ruhig, ruhig, du darfst nicht zufahren und brummen, Freund«, sagte Phineas, als Tom zuckte und seine Hand wegstieß. »Es ist aus mit dir, wenn wir das Blut nicht stillen.« Und Phineas war eifrig beschäftigt, mit Hilfe seines Taschentuchs und denen der Gesellschaft den vorläufigen Verband anzulegen.

»Ihr habt mich hinuntergestoßen«, sagte Tom mit schwacher Stimme.

»Jawohl, aber hätte ich's nicht getan, so hättest du uns hinuntergestoßen«, sagte Phineas, indem er sich über ihn beugte, um den Verband anzulegen. »So, so – laß mich den Verband festmachen. Wir meinen es gut mit dir, wir tragen nicht nach. Wir wollen dich nach einem Hause bringen, wo du ausgezeichnete Pflege finden sollst – so gut wie bei deiner Mutter.«

Tom stöhnte und schloß die Augen. Bei Leuten seiner Klasse sind Kraft und Entschlossenheit eine rein physische Sache und verflüchtigen sich mit dem fließenden Blute; und der riesige Mann sah in seiner Hilflosigkeit wirklich bemitleidenswert aus.

Die anderen kamen jetzt heran. Man nahm die Sitze aus dem Wagen. Die doppelt zusammengefalteten Büffelhäute wurden alle auf eine Seite gelegt, und vier Männer hoben mit großer Anstrengung den schweren Körper Toms in den Wagen. Ehe sie ihn untergebracht hatten, wurde er bewußtlos. In überströmendem Mitleid setzte sich die alte Negerin auf den Boden und nahm seinen Kopf auf ihren Schoß. Elisa, George und Jim teilten sich in den noch übrigen Platz, so gut es ging, und die ganze Gesellschaft brach auf.

»Was sagt Ihr von seinem Zustande?« fragte George, der vorn neben Phineas saß.

»'s ist bloß eine ziemlich tiefe Fleischwunde; aber das Hinunterfallen von der Klippe hat ihm nicht viel geholfen. Er hat stark geblutet – 's ist ziemlich alles rausgeblutet – Courage und alles; aber er wird sich wieder aufhelfen und bei der Gelegenheit etwas lernen.«

»Es freut mich, das zu hören«, sagte George. »Es würde mir immer schwer auf dem Herzen liegen, wenn ich seinen Tod verschuldet hätte, selbst in gerechter Sache.«

»Ja«, sagte Phineas, »Totschlagen ist eine schlimme Sache, mag's Mensch oder Vieh sein. Ich war zu meiner Zeit ein großer Jäger und ich sage dir, ich habe gesehen, wie mich ein totgeschossener Rehbock mit einem Blick anschaute, daß es mir wirklich schlecht vorkam, ihn totgeschossen zu haben; und mit Menschen ist es eine noch schlimmere Sache, weil, wie deine Frau sagt, nach dem Tode das Gericht über sie kommt. So weiß ich nicht, ob die Ansichten unserer Leute über diese Sachen zu streng sind; und wenn man bedenkt, wie ich meine Jugend verlebt habe, so schließe ich mich ihnen ziemlich entschieden an.«

»Was machen wir nun mit dem armen Manne?« fragte George.

»Oh, wir nehmen ihn mit zu Amariah. Dort ist die alte Großmutter Stephens – Doreas heißt sie – eine ganz erstaunliche Krankenwärterin. Das Krankenwarten kommt ihr ganz natürlich, und sie nimmt sich nie besser aus, als wenn sie einen zu pflegen hat. Wir können drauf rechnen, daß er so eine 14 Tage bei ihr bleiben wird.«

Eine Fahrt von etwa einer Stunde brachte die Gesellschaft nach einer schmucken Farm, wo die müden Reisenden ein reichliches Frühstück vorfanden. Tom Loker war bald sorglich in einem viel reineren und weicheren Bett untergebracht, als er jemals früher kennengelernt hatte. Man wusch und verband seine Wunde aufs sorgfältigste, und er lag ruhig da und blickte mit matten Augen, die ihm oft zusanken, wie bei einem müden Kind, die weißen Fenstervorhänge und die sanft dahingleitenden Gestalten in seinem Krankenzimmer an.

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