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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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14. Kapitel

Toms Herrin und ihre Ansichten

»Jetzt wird nun deine goldene Zeit anfangen, Marie«, sagte St. Clare.

»Hier ist unsere praktische, geschäftskundige, neuenglische Cousine, welche die ganze Last deiner Sorgen dir von der Schulter nehmen und dir Zeit geben wird, dich zu erholen und jung und schön zu werden. Es wäre wohl das beste, die feierliche Übergabe der Schlüssel gleich jetzt vorzunehmen.«

Diese Äußerung tat St. Clare am Frühstückstisch einige Tage nach der Ankunft Miß Ophelias.

»Ich bin gern bereit dazu«, sagte Marie und stützte den Kopf schmachtend auf die Hand. »Ich glaube, etwas wird sie alsdann entdecken, und zwar, daß wir Herrinnen hier unten die Sklavinnen sind.«

»O gewiß, das wird sie entdecken und noch eine Unzahl anderer gesunder Wahrheiten«, sagte St. Clare.

»Man sagt, wir hielten Sklaven zu unserer Bequemlichkeit«, sagte Marie. »Ich sollte meinen, wenn wir die zu Rate zögen, würden wir sie auf der Stelle alle gehen lassen.«

Evangeline heftete ihre großen ernsten Augen mit einem forschenden und betroffenen Ausdruck auf das Gesicht der Mutter und sagte einfach: »Wozu behältst du sie dann, Mama!«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, warum, außer etwa zur Plage; sie sind die Plage meines Lebens. Ich glaube, daß sie mehr an meiner Krankheit schuld sind, als alles andere; und unsere, glaube ich, sind die schlimmsten, die jemals einen Besitzer geplagt haben.«

»Ach geh, Marie, du bist übler Laune«, sagte St. Clare, »du weißt, daß das nicht so ist. Nimm nur Mammy, das beste Geschöpf auf der Welt, was könntest du ohne die tun!«

»Mammy ist die beste, die mir jemals vorgekommen ist«, sagte Marie. »Und doch ist auch Mammy selbstisch – schrecklich selbstisch; es ist der Fehler der ganzen Rasse.«

»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler«, sagte St. Clare ernsthaft.

»Nimm nur einmal Mammy an«, sagte Marie. »Es ist meiner Ansicht nach Selbstsucht von ihr, des Nachts so fest zu schlafen; sie weiß, daß ich fast jede Stunde einiger kleinen Dienste bedarf, wenn meine schlimmsten Anfälle kommen, und dennoch ist sie so schwer zu wecken. Ich befinde mich heute morgen unbedingt schlechter infolge meiner Anstrengungen, sie vorige Nacht zu wecken.«

»Hat sie nicht neuerdings viele Nächte bei dir gewacht?« sagte Eva.

»Wie kannst du das wissen?« sagte Marie mit Schärfe. »Sie hat sich wahrscheinlich beklagt?«

»Sie hat sich nicht beklagt, sie sagte mir nur, was du für schlimme Nächte gehabt hättest – so viele hintereinander.«

»Warum läßt du nicht Jane oder Rose an ihrer Stelle ein paar Nächte wachen, um ihr einige Ruhe zu geben?« sagte St. Clare.

»Wie kannst so etwas vorschlagen?« sagte Marie. »St. Clare, wie kannst du so rücksichtslos sein! Meine Nerven sind so angegriffen, daß der leiseste Atemzug mich stört; und eine fremde Hand in meiner Nähe würde mich unbedingt wahnsinnig machen. Wenn Mammy die Teilnahme für mich fühlte, wie es ihre Schuldigkeit ist, so würde sie leichter aufwachen – natürlich. Ich habe von Leuten gehört, die so ergebene Diener hatten, aber ich habe nie das Glück gehabt«, und Marie seufzte.

Miß Ophelia hatte diesem Gespräche mit einer Miene scharfsichtigen beobachtenden Ernstes zugehört; und sie hielt ihre Lippen immer noch fest geschlossen, als sei sie entschieden gewillt, sich erst ihrer Stellung vollständig zu vergewissern, ehe sie sich einzumischen wagte.

»Ich gebe zu, daß Mammy ihre guten Seiten hat«, sagte Marie; »sie ist sanft und ehrerbietig, aber im Herzen selbstisch. So hört sie z. B. nie auf, sich um ihren Mann zu grämen. Sie müssen wissen, als ich nach meiner Heirat hierherzog, mußte ich sie natürlich mit mir hierher nehmen, und ihren Mann konnte mein Vater nicht entbehren. Er war ein Schmied und natürlich sehr notwendig; und ich dachte und sagte damals, daß Mammy und er sich lieber trennen sollten, da es wahrscheinlich nicht passen würde, daß sie je wieder miteinander leben. Ich wollte jetzt, ich hätte darauf bestanden und hätte Mammy an einen andern verheiratet; aber ich war törichterweise nachsichtig und wollte nicht darauf dringen. Ich sagte damals Mammy, sie dürfe nicht erwarten, ihn mehr als ein- oder zweimal in ihrem Leben wiederzusehen; denn die Luft auf meines Vaters Besitzung bekommt meiner Gesundheit nicht gut, und ich kann nicht hin; und ich riet ihr, sich mit einem andern Mann zusammenzutun; nein, sie wollte nicht. Mammy hat in manchen Sachen eine Hartnäckigkeit, die nicht jedermann so kennt wie ich.«

»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.

»Ja, sie hat zwei.«

»Ich vermute, die Trennung von denselben schmerzt sie.«

»Natürlich konnte ich sie nicht mit hierhernehmen. Es waren kleine schmutzige Geschöpfe – ich konnte sie nicht um mich haben; und außerdem nahmen sie zuviel von ihrer Zeit in Anspruch; aber ich glaube, Mammy hat deshalb immer eine Art Groll behalten. Einen andern will sie nicht heiraten; und ich glaube wahrhaftig, obgleich sie weiß, wie notwendig sie mir ist und wie schwach meine Gesundheit ist, sie würde morgen zu ihrem Mann zurückkehren, wenn sie könnte. Ich bin davon überzeugt«, sagte Marie. »Sie sind so entsetzlich selbstsüchtig – selbst die besten.«

»Es ist traurig, darüber nachzudenken«, sagte St. Clare trocken.

Miß Ophelia warf einen scharfen Blick auf ihn und sah, wie sich seine Wange von unterdrücktem Ärger und Verdruß rötete und seine Lippe bei diesen Worten sarkastisch zuckte.

»Und ich habe Mammy immer gehätschelt«, sagte Marie. »Ich wollte, ein paar von Ihren Dienern im Norden könnten ihre Kleiderschränke sehen – seidene und Musselinkleider und ein echtes leinenes Cambrichemd hat sie darin hängen. Ich habe manchmal ganze Nachmittage gearbeitet und ihre Mützen aufgeputzt und ihr beim Anziehen geholfen, um in eine Gesellschaft zu gehen. Was Auszanken heißt, weiß sie gar nicht. Die Peitsche hat sie nur ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben gekostet. Sie bekommt täglich ihren starken Kaffee oder Tee mit weißem Zucker. Es ist gewiß abscheulich, aber St. Clare will Wohlleben in der Dienstbotenstube haben, und jedes von ihnen lebt, wie es ihnen gefällt. Die Wahrheit ist, unsere Dienerschaft wird zu nachsichtig behandelt. Ich vermute, es ist zum Teil unser Fehler, daß sie selbstsüchtig sind und sich wie verzogene Kinder benehmen; aber ich habe in St. Clare hineingesprochen, bis ich's satt hatte.«

»Und ich auch«, sagte St. Clare und nahm die Morgenzeitung.

Eva, die schöne Eva, hatte ihre Mutter mit dem ihr eigenen Ausdrucke tiefen und mystischen Ernstes angesehen. Jetzt ging sie leise um den Tisch herum an den Stuhl ihrer Mutter und umschlang mit den Armen ihren Hals.

»Was ist, Eva?« sagte Marie.

»Mama, könnte ich nicht eine Nacht bei dir wachen – nur eine einzige? Ich weiß, ich würde dich nicht unruhig machen und nicht schlafen. Ich liege oft die ganze Nacht wach im Bette und denke nach –«

»Ach, Unsinn, Kind – Unsinn!« sagte Marie. »Du bist ein so seltsames Kind.«

»Aber darf ich, Mama? Ich glaube«, sagte sie schüchtern, »Mammy ist nicht wohl. Sie sagte mir, neulich hätte ihr der Kopf den ganzen Tag weh getan.«

»Oh, das ist so recht eine von Mammys Grillen! Mammy ist genauso wie alle andern – macht einen solchen Spektakel, wenn ihr nur ein Finger weh tut; ich werde sie nie darin bestärken – nie! Ich habe meine sehr bestimmten Grundsätze über diese Sache«, sagte sie zu Miß Ophelia gewendet.

»Sie werden die Notwendigkeit davon späterhin einsehen. Bestärken Sie die Dienstboten, jeder unbedeutenden unangenehmen Empfindung nachzugeben und sich über jede Kleinigkeit zu beklagen, so werden Sie alle Hände voll zu tun haben. Ich selbst klage nie – und niemand weiß, was ich leide. Ich halte es für meine Pflicht, in Ruhe zu dulden, und ich tue es.«

Miß Ophelias runde Augen sprachen unverhülltes Staunen über diese Äußerung aus, welche St. Clare so komisch vorkam, daß er in ein lautes Lachen ausbrach.

»St. Clare lacht stets, wenn ich nur im mindesten auf meine Kränklichkeit anspiele«, sagte Marie mit der Miene eines duldenden Märtyrers. »Ich hoffe nur, daß nicht der Tag kommen wird, wo er daran denken muß!« Und Marie hielt das Taschentuch an die Augen.

Natürlich trat hier ein etwas verlegenes Schweigen ein. Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein Geschäft nebenan in der Straße abzumachen. Eva hüpfte ihm nach, und Miß Ophelia und Marie blieben allein am Tische sitzen.

»Das sieht St. Clare ganz ähnlich!« sagte letztere und entfernte ihr Taschentuch mit einer etwas lebhaften Gebärde von den Augen, als der dadurch zu rührende Verbrecher sich entfernt hatte. »Er kann und wird und will nun einmal nicht einsehen, was ich leide, und seit Jahren gelitten habe. Wenn Klagen meine Sache wäre oder ich über meine Leiden viel Lärm machte, so hätte er einigen Grund dazu. Die Männer bekommen natürlich eine Frau satt, die immer klagt. Aber ich habe im stillen geduldet und fortgeduldet, bis St. Clare sich an den Gedanken gewöhnt hat, ich könnte alles ertragen.

Miß Ophelia wußte nicht recht, was man für eine Antwort auf diese Rede erwartete.

Während sie darüber nachdachte, was sie sagen sollte, wischte Marie allmählich ihre Tränen weg und glättete ihr Gefieder, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette macht, und fing nun mit Miß Ophelia ein wirtschaftliches Gespräch über Schränke, Kammern, Wäschekisten und Vorratskammer und andere Sachen an, welche letztere auf gemeinschaftliches Übereinkommen unter ihre Leitung nehmen sollte – und erteilte ihr dabei so viele vorsichtige Winke und Aufträge, daß ein weniger systematischer und geschäftskundiger Kopf, als Miß Ophelia war, ganz verwirrt davon geworden wäre.

»Und jetzt, glaube ich, habe ich Ihnen alles gesagt«, sagte Marie, »so daß, wenn meine Anfälle wiederkehren, Sie imstande sein werden, ohne meinen Beirat auszukommen; nur noch wegen Evas – sie bedarf der Aufsicht.«

»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein«, sagte Miß Ophelia. »Ich habe nie ein besseres Kind gesehen.«

»Eva ist sehr, sehr eigen«, sagte ihre Mutter. »Sie hat so sonderbare Seiten; sie ist mir auch nicht im mindesten ähnlich«, und Marie seufzte, als wäre darin wirklicher Stoff zum trauervollsten Nachdenken.

Miß Ophelia sagte bei sich: »Das hoffe ich auch«, war aber klug genug, es für sich zu behalten.

»Eva ging von je gerne mit den Dienstboten um; und ich glaube, das läßt sich bei manchen Kindern schon dulden. Ich habe immer mit meines Vaters kleinen Negern gespielt – es hat mir nie etwas geschadet. Aber Eva scheint sich, ich weiß nicht wie, auf gleichen Fuß mit jedem Geschöpfe zu stellen, mit dem sie in Berührung kommt. Es ist merkwürdig mit diesem Kinde. Ich habe es ihr nie abgewöhnen können. Ich glaube, St. Clare bestärkt sie darin. Die Wahrheit ist, St. Clare hat mit jedermann im Hause die größte Nachsicht, nur nicht mit seiner Frau.«

Abermals saß Miß Ophelia in starrem Schweigen da.

»Aber man kommt mit Dienstboten nicht aus, wenn man sie nicht unterzubringen und unten zu halten versteht«, sagte Marie. »Von Kind auf ist mir das natürlich gewesen. Eva kann aber ein ganzes Haus voll verderben; wie sie es anfangen wird, wenn sie einmal selbst einem Hause vorzustehen hat, das weiß der Himmel. Ich meine allerdings, man soll freundlich gegen die Dienstboten sein – ich bin es stets; aber man muß sie ihre Stellung fühlen lassen. Das tut Eva nie; es läßt sich diesem Kinde auch nicht der erste Keim eines Gedankens, wohin ein Dienstbote eigentlich gehört, beibringen. Sie hörten, wie sie sich erbot, des Nachts bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist so ein Pröbchen von dem, was das Kind tun würde, wenn man es sich selbst überließe.«

»Nun, ich glaube doch«, sagte Miß Ophelia geradeheraus, »Sie halten Ihre Dienstboten für Menschen, die ihre Ruhe haben müssen, wenn sie müde sind?«

»Gewiß, natürlich. Ich sehe sehr darauf, daß sie alles bekommen, was sich paßt – alles, was einem keine Unannehmlichkeiten macht, wissen Sie. Mammy kann ihren Schlaf bei Gelegenheit schon wieder einbringen, das hält nicht schwer. Sie ist das verschlafenste Geschöpf, das mir je vorgekommen ist; mag sie nähen, stehen oder sitzen, gewiß schläft sie ein, und schläft überall und sonstwo. Mammy büßt keinen Schlaf ein, das ist nicht zu befürchten. Aber es ist ja zu lächerlich, Dienstboten zu behandeln, als wären sie exotische Blumen oder Porzellanvasen«, sagte Marie, wie sie sich in die Tiefen eines umfänglichen weichen Divans versenkte und eine elegante Kristallvinaigrette zu sich heranzog.

»Sie sehen, daß ich nicht oft von mir spreche, Cousine Ophelia«, fuhr sie mit schwachem Lispeln wie der letzte sterbende Hauch des arabischen Jasmins oder etwas ebenso Ätherisches fort. »Ich bin es nicht gewohnt, und ich habe es nicht gerne. Wahrhaftig, ich habe nicht die Kraft dazu. Aber es gibt Punkte, worüber ich und St. Clare nicht einig sind. St. Clare hat mich nie verstanden, nie gewürdigt. Ich glaube, das ist die Wurzel aller meiner Leiden. St. Clare meint es gut, das zu glauben ist meine Pflicht; aber die Männer sind von Natur selbstsüchtig und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist wenigstens meine Meinung.«

Miß Ophelia, die in nicht geringem Grade die echte neuenglische Vorsicht besaß und einen ganz besonderen Widerwillen hatte, sich in Familienstreitigkeiten zu verwickeln, fing jetzt an, so etwas vorauszusehen; deshalb legte sie ihr Gesicht in so entschieden neutrale Falten, als möglich, zog aus ihrer Tasche einen etwa 5/4 Ellen langen Strumpf, den sie als Hausmittel gegen die Versuchungen, welche nach Doktor Watts der Teufel immer gegen unbeschäftigte Hände anwendet, stets bei sich hatte, schloß die Lippen in einer Weise, welche deutlicher als Worte sagte: Sie brauchen nicht zu versuchen, ein Wort aus mir herauszubringen – ich mag nichts mit Ihren Angelegenheiten zu tun haben –, kurz, sie sah etwa so teilnehmend aus, wie ein steinerner Löwe. Aber Marie kümmerte sich nicht darum. Sie hatte jemanden, dem sie etwas vorreden konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht zu reden, und das war genug; und sie fuhr fort, nachdem sie sich wieder an ihrem Riechfläschchen gestärkt hatte.

»Sie müssen wissen, ich brachte mein Eigentum und meine Dienstboten mit, als ich St. Clare heiratete, und ich bin gesetzlich befugt, ganz nach Belieben über sie zu verfügen. St. Clare hat sein eigenes Vermögen und seine Dienstboten, und ich bin es ganz zufrieden, daß er mit ihnen schaltet und waltet, wie er will; aber St. Clare erlaubt sich Übergriffe. Er hat merkwürdig ausschweifende Ideen, vorzüglich über die Behandlung der Dienstboten. Er benimmt sich wirklich, als ob ihm seine Dienstboten mehr wären als ich und auch als er selber, denn er duldet von ihnen alle Arten Ungelegenheiten und rührt nie einen Finger. Über manche Sachen ist St. Clare wirklich schrecklich – er erschreckt mich –, so gutmütig er im allgemeinen aussieht. So besteht er z. B. darauf, daß um keinen Preis in diesem Hause ein Schlag fallen soll, außer von ihm oder von mir; und er besteht in einer Weise darauf, der ich mich wirklich nicht zu widersetzen wage. Nun, Sie können sehen, wozu das führt, denn St. Clare würde nicht die Hand erheben, und wenn jeder einzelne ihn mit Füßen träte; und ich – Sie sehen ein, es wäre grausam, wollte man von mir eine solche Anstrengung fordern. Sie wissen ja, diese Dienstboten sind nichts als erwachsene Kinder.«

»Ich weiß nichts von der Sache und danke Gott, daß ich nichts weiß«, sagte Miß Ophelia kurz.

»Nun, Sie werden es schon kennenlernen müssen und zu Ihrem Schaden kennenlernen, wenn Sie hierbleiben. Sie wissen gar nicht, was für eine ärgerliche, dumme, leichtsinnige, unverständige, kindische, undankbare Art von Menschen sie sind.«

Marie schien sich stets wunderbar gestärkt zu fühlen, wenn sie auf dieses Thema kam; und sie öffnete jetzt ihre Augen und schien ihre Mattigkeit ganz zu vergessen.

»Sie wissen gar nicht und können es gar nicht wissen, was für tägliche und stündliche Prüfungen eine Hausfrau von ihnen in jeder Art und von jeder Weise zu erdulden hat. Sich gegen St. Clare zu beklagen nützt gar nichts. Er redet das seltsamste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was sie sind, und müßten es nun über uns ergehen lassen. Er sagt, ihre Fehler verdankten sie alle uns, und es wäre grausam, erst den Fehler zu verursachen und ihre dann zu bestrafen. Er sagt, wir würden es an ihrer Stelle auch nicht besser machen; als ob man von ihnen auf uns schließen könnte, denken Sie nur.«

»Glauben Sie nicht, daß der Herr sie von einem Blute mit uns gemacht hat?« sagte Miß Ophelia kurz.

»Ich! Nein wahrhaftig nicht! Ein schöner Gedanke, wirklich! Sie sind eine entartete Rasse.«

»Glauben Sie nicht, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte Miß Ophelia mit wachsender Entrüstung.

»Nun ja«, sagte Marie gähnend, »das versteht sich wohl von selbst daran zweifelt niemand. Aber sie irgend mit uns auf gleichen Fuß stellen, als ob wir mit ihnen verglichen werden könnten, das ist ja rein unmöglich! Aber St. Clare hat sich wirklich gegen mich geäußert, als wäre es ganz dasselbe, ob Mammy oder ich von ihrem Gatten getrennt würde. Das läßt sich doch in dieser Weise nicht zusammenstellen. Mammy könnte ja gar nicht meine Gefühle haben. Es ist eine ganz andere Sache – das versteht sich ja von selbst; und dennoch stellt sich St. Clare, als sähe er es nicht ein. Und ganz so, als ob Mammy ihre schmutzigen Kleinen so lieb haben könnte, wie ich Eva! Aber St. Clare bemühte sich einmal wirklich und in vollem Ernste, mich zu überreden, daß es meine Pflicht sei, trotz meiner schwachen Gesundheit und meiner schweren Leiden, Mammy nach Hause gehen zu lassen und anstatt ihrer eine andere Person anzunehmen. Das war doch sogar mir etwas zuviel. Ich gebe nicht oft meinen Empfindungen Ausdruck. Es ist mein Grundsatz, alles stillschweigend zu ertragen; es ist des Weibes hartes Geschick, und ich ertrage es. Aber diesmal brach ich los, so daß er das Thema nie wieder berührt hat. Aber ich sehe es an seinem Gesicht und an kleinen Äußerungen, die er gelegentlich tut, daß er darüber noch so denkt wie früher, und das ist ärgerlich und unangenehm!«

Miß Ophelia machte ein Gesicht, als fürchte sie gar sehr, zu einer Äußerung fortgerissen zu werden, aber sie klapperte mit ihren Stricknadeln auf eine Weise, die sehr viel sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.

»Sie sehen alles, was Sie zu tun bekommen werden«, fuhr sie fort. »Eine Wirtschaft ohne alle Regeln, wo die Dienstboten ganz nach eigenem Willen handeln, tun, was ihnen beliebt, und haben, was ihnen gefällt, außer soweit ich bei meiner schwachen Gesundheit die Ordnung aufrechterhalte. Ich habe meinen Riemen und wende ihn auch manchmal an; aber die Anstrengung ist immer zu groß für mich. Wenn St. Clare es nur machte wie andere Leute –«

»Und wie ist das?«

»Nun, sie schicken sie nach der Calaboose oder an einen anderen solchen Ort und lassen sie dort auspeitschen. Das ist der einzige richtige Weg. Wenn ich nicht ein so armes schwaches Geschöpf wäre, glaub' ich, könnte ich doppelt soviel Energie als St. Clare darin zeigen.«

»Und wie kommt St. Clare durch?« sagte Miß Ophelia. »Sie sagen, er schlägt nie?«

»Ja, sehen Sie, die Männer haben schon eher ein gebieterisches Wesen; es wird ihnen leichter, außerdem wenn sie ihm einmal recht ordentlich ins Auge geblickt haben – es ist eigentümlich dieses Auge –, es blitzt ordentlich, wenn er entschieden spricht. Ich fürchte mich selbst davor, und die Dienstboten wissen, daß sie gehorchen müssen. Ich könnte mit einem richtigen Unwetter von Schimpfen und Schelten nicht soviel ausrichten, als St. Clare mit einem einzigen Blicke seines Auges, wenn er einmal Ernst macht. St. Clare kostet es keine Mühe, deswegen fühlt er so wenig für mich. Aber Sie werden schon finden, daß Sie ohne Strenge nicht auskommen können – sie sind so schlecht, so lügnerisch, so faul.«

»Das alte Lied«, sagte St. Clare, der jetzt hereingeschlendert kam. »Was für eine schreckliche Rechnung diese bösen Kreaturen zuletzt werden abzumachen haben, vorzüglich wegen dieses Faulenzens! Du siehst, Cousine«, sagte er, während er sich der Länge lang auf einem Divan Marien gegenüber streckte, »diese Faulenzerei ist bei ihnen gar nicht zu entschuldigen, wenn man bedenkt, welches Beispiel Marie und ich ihnen geben.«

»Nein, das ist doch aber auch zu schlecht!« sagte Marie.

»Wirklich? Mein Gott, ich denke, ich spreche ganz merkwürdig gut für mich. Ich bemühe mich stets, deinen Bemerkungen Nachdruck zu geben.«

»Du weißt, daß du so etwas nicht beabsichtigt hast, St. Clare«, sagte Marie.

»Oh, dann muß ich mich geirrt haben. Danke dir, meine Liebe, daß du mich eines Besseren belehrt hast.«

»Du bemühst dich wirklich, mich zu ärgern«, sagte Marie.

»Ach laß doch, Marie, der Tag wird schon warm, und ich habe einen langen Zank mit Dolf gehabt, der mich schrecklich müde gemacht hat; also sei jetzt ein gutes Kind und laß einen armen Burschen in dem Lichte deines Lächelns ruhen.«

»Was ist mit Dolf?« sagte Marie. »Dieses Kerls Unverschämtheit hat eine Höhe erreicht, die mir ganz unerträglich ist. Ich wünsche nur, ich hätte eine Zeitlang unbeschränkt über ihn zu verfügen. Ich wollte seinen Trotz schon brechen.«

»Was du da sagst, meine Liebe, trägt den Stempel deiner gewöhnlichen Schärfe und Verständigkeit«, sagte St. Clare. »Was Dolf betrifft, so ist die Sache die: Er ist solange beschäftigt gewesen, meine Vorzüge und Vollkommenheiten nachzuahmen, daß er sich zuletzt wirklich mit seinem Herrn verwechselt hat, und ich habe mich genötigt gesehen, ihm über dieses Mißverständnis einige Aufklärung zu geben.«

»Wieso?« sagte Marie.

»Nun, ich sah mich genötigt, ihm zu verstehen zu geben, daß ich einige von meinen Kleidern zu meinem persönlichen Gebrauche zu behalten wünsche; ich setzte auch seine Magnifizenz auf eine bestimmte Ration von Eau de Cologne und war wirklich so grausam, ihn auf ein einziges Dutzend meiner Batisttaschentücher zu beschränken. Dolf verdroß das gar sehr, und ich mußte zu ihm sprechen wie ein Vater, daß er wieder ein freundliches Gesicht machte.«

»O St. Clare, wann wirst du deine Dienstboten behandeln lernen? Deine Nachsicht gegen sie ist ganz abscheulich«, sagte Marie.

»Mein Gott, was schadet es denn am Ende, daß der arme Bursche so sein will, wie sein Herr, und wenn ich ihn so schlecht erzogen habe, daß er Eau de Cologne und Batisttaschentücher für das höchste Gut auf Erden hält, warum soll ich sie ihm da nicht gönnen?«

»Und warum hast du ihn nicht besser erzogen?« sagte Miß Ophelia mit gerader Entschiedenheit.

»Zuviel Mühe. Trägheit, Cousine, Trägheit, die mehr Seelen zugrunde richtet, als du ausschelten kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so wäre ich selbst ein vollkommner Engel geworden. Ich bin geneigt zu glauben, daß Trägheit das ist, was der alte Doktor Botherem oben in Vermont immer das ›Wesen alles Bösen‹ nannte; gewiß ein schrecklicher Gedanke.«

»Mir scheint, ihr Sklavenbesitzer hättet eine schreckliche Verantwortlichkeit auf euch«, sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie nicht für tausend Welten auf mich nehmen. Du solltest deine Sklaven erziehen und sie wie vernunftbegabte Wesen behandeln, wie unsterbliche Geschöpfe, mit denen du dereinst vor Gottes Gericht erscheinen mußt. Das ist meine Meinung«, sagte das gute Mädchen, nachdem sie plötzlich mit einem Eifer hervorgebrochen war, der sich in seiner vollen Kraft allmählich während des ganzen Morgens angesammelt hatte.

»Ach, ich bitte dich«, sagte St. Clare und stand rasch auf, »was verstehst du von unseren Sachen?« Und er setzte sich ans Piano und spielte ein lebhaftes Musikstück. St. Clare hatte ein entschiedenes Talent für Musik. Sein Anschlag war fest und brillant, und seine Finger flogen mit einer schwebenden und doch bestimmten Bewegung über die Tasten. Er spielte ein Stück nach dem andern, wie ein Mann, der durch das Spielen in gute Laune geraten will. Nachdem er die Noten beiseite geschoben hatte, stand er auf und sagte heiter: »Cousine, du hast uns eine schöne Rede gehalten und deine Pflicht getan; im ganzen denke ich deshalb nur besser von dir. Ich bezweifle nicht im mindesten, daß du einen wahren Diamant von Wahrheit nach mir geworfen hast; obgleich er mich so gerade ins Gesicht getroffen hat, daß ich nicht gleich seinen rechten Wert erkennen konnte.«

»Ich meinesteils sehe den Nutzen solcher Gespräche nicht ein«, sagte Marie. »Ich möchte wahrhaftig wissen, wer mehr für seine Dienstboten täte als wir; und sie werden dadurch auch nicht im geringsten besser – durchaus nicht; sie werden schlimmer, nur schlimmer. Was das Zureden betrifft, so bin ich überzeugt, ich habe mich heiser mit ihnen geredet und habe ihnen ihre Pflichten vorgehalten und Ähnliches; und sie können ja in die Kirche gehen, wenn sie wollen, obgleich sie kein Wort von der Predigt verstehen, so wenig wie ein Schwein; ich sehe also gar keinen großen Nutzen von dem Kirchengehen; aber sie gehen, und so ist ihnen jede Gelegenheit geboten; jedoch wie ich vorhin sagte, sie sind eine entartete Rasse und werden es stets sein, und es läßt sich ihnen nicht helfen; es ist nichts aus ihnen zu machen, wenn man es auch versucht. Sie sehen, Cousine Ophelia, ich habe es versucht; und Sie haben es nicht versucht; ich bin unter ihnen geboren und aufgewachsen und kenne es.«

Miß Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg daher. St. Clare pfiff etwas vor sich hin.

»St. Clare, ich wollte, du pfiffst nicht«, sagte Marie, »es verschlimmert meinen Kopfschmerz.«

»So will ich es nicht tun«, sagte St. Clare. »Ist sonst noch etwas, was ich nicht tun soll?«

»Ich wollte, du zeigtest einige Teilnahme für meine Leiden; du legst nie das mindeste Gefühl für mich an den Tag.«

»Mein lieber, anklagender Engel!« sagte St. Clare.

»Es ist doch zu arg, solche Anreden zu hören.«

»Nun, was soll ich sonst zu dir sagen? Ich will ganz nach Befehl sprechen – wie du es haben willst, nur um dich zu befriedigen.«

Ein heiteres Lachen vom Hofe schallte durch die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, hob den Vorhang empor und lachte ebenfalls.

»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, die an das Geländer kam.

Tom saß im Hofe auf einer kleinen Rasenbank, jedes seiner Knopflöcher mit einem Strauß von Cap-Jasmin geschmückt, und Eva hing ihm lustig lachend einen Rosenkranz um den Hals; und dann setzte sie sich auf seine Knie wie ein kleiner Vogel und lachte immer noch.

»Ach Tom, du siehst so drollig aus!« Um Toms Mund schwebte ein stilles wohlwollendes Lächeln, und er schien in seiner ruhigen Weise den Spaß ebenso innig zu genießen wie seine kleine Herrin. Als er seinen Herrn sah, blickte er diesen mit einer halbabbittenden entschuldigenden Miene an.

»Wie kannst du das dulden?« sagte Miß Ophelia.

»Warum nicht?« sagte St. Clare.

»Nun, ich weiß nicht, es kommt mir so abscheulich vor.«

»Du sähest nichts Böses darin, wenn das Kind einen großen Hund liebkoste, selbst wenn er schwarz wäre, nicht wahr? Aber ein Geschöpf liebkosen, das denken und fühlen kann und unsterblich ist, das macht dich schaudern? Gestehe es nur, Cousine. Ich weiß recht gut, wie manche von euch Nordländern darüber empfinden. Ich will nicht etwa sagen, daß es eine besondere Tugend von uns ist, nicht so zu empfinden; aber Gewohnheit bewirkt bei uns, was das Christentum tun sollte – verwischt das Gefühl persönlichen Vorurteils. Ich habe während meiner Reise im Norden oft bemerkt, wieviel stärker dies bei euch als bei uns ist. Ihr ekelt euch vor ihnen wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und doch erfüllen euch ihre Leiden mit Empörung. Ihr wollt sie nicht mißhandelt wissen, aber ihr wollt auch selbst nichts mit ihnen zu tun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika schicken, um sie weder zu sehen noch zu riechen, um die ganze Selbstverleugnung, sie kompendiös zu erziehen, auf sich zu nehmen. Ist es nicht so?«

»Hm, Cousin, es mag wohl einiges Wahre darin sein«, sagte Miß Ophelia nachdenklich.

»Was würden die Armen und Niedrigen ohne die Kinder sein?« sagte St. Clare, an das Gitter gelehnt und Eva ansehend, welche, Tom an der Hand, forthüpfte. »Die kleinen Kinder sind die einzigen echten Demokraten. Dieser Tom ist für Eva ein Held, seine Geschichten sind Wunder in ihren Augen, seine Lieder und Methodistenhymnen besser als die Oper, und die Spielereien und Kleinigkeiten in seiner Tasche sind für sie eine Diamantengrube, und er ist der wunderbarste Tom, der jemals in einer schwarzen Haut steckte. Das ist eine der Rosen aus Eden, die der Herr besonders für die Armen und Niedrigen, die wenig andere bekommen, hat herniederfallen lassen.«

»Es ist seltsam, Cousin«, sagte Miß Ophelia, »man möchte fast glauben, du wärst ein Bekenner, wenn man dich reden hört.

»Ein Bekenner?« sagte St. Clare.

»Jawohl, ein christlicher Bekenner.«

»Durchaus nicht, kein Bekenner, wie ihr Stadtleute sagt, und ich fürchte, was noch schlimmer ist, meine Praxis entspricht auch meiner Theorie nicht.«

»Nun, warum sprichst du denn so?«

»Nichts ist leichter als Sprechen«, sagte St. Clare. »Ich glaube, Shakespeare läßt jemanden sagen: ›Ich könnte eher zwanzig zeigen, was Gutes zu tun ist, als einer von den zwanzig sein, die meine eigene Lehre ausführten.‹ Es geht nichts über Teilung der Arbeit. Meine Stärke liegt im Sprechen und deine, Cousine, im Tun.«

Tom hatte sich bei seinem jetzigen Herrn über seine äußere Stellung, wie die Welt sich ausdrückt, über nichts zu beklagen. Der kleinen Eva Vorliebe für ihn – die instinktmäßige Dankbarkeit und Liebesbedürftigkeit eines edlen Herzens – hatte sie veranlaßt, sich ihn von ihrem Vater als ihren persönlichen Begleiter, wenn sie auf ihren Spaziergängen oder Fahrten das Geleit eines Bedienten brauchte, auszubitten; und Tom erhielt die allgemeine Instruktion, alles liegenzulassen und Miß Eva aufzuwarten, sooft sie ihn brauche – eine Instruktion, welche, wie sich unsere Leser leicht denken werden, ihm durchaus nicht unangenehm war. Er war stets sehr gut angezogen, denn St. Clare war in diesem Punkte bis zur Empfindlichkeit eigen. Sein Stalldienst war eine bloße Sinekure und bestand bloß in einem täglichen Nachsehen und Unterweisen eines Untergebenen in seinen Pflichten, denn Marie St. Clare erklärte, daß er nicht nach Pferden riechen dürfe, wenn er in ihre Nähe komme, und daß er unbedingt nichts verrichten dürfe, was ihn ihr unangenehm machen könne, indem ihr Nervensystem eine Prüfung der Art in keinem Falle auszuhalten imstande sei; denn eine einzige Nase voll eines unangenehmen Geruchs genügte ihrer Behauptung nach vollkommen, den Vorhang fallen zu lassen und allen ihren irdischen Prüfungen auf einmal ein Ende zu machen. Tom sah deshalb in seinem wohlgebürsteten Rocke von feinem Tuch, dem glatten Biberhute, den glänzenden Stiefeln, tadellosen Manschetten und Halskragen und dem ernsten gutmütigen schwarzen Gesicht respektabel genug aus, um Bischof von Karthago zu sein, was in anderen Jahrhunderten Leute seiner Farbe waren.

Außerdem lebte er in einem schönen Hause, ein Vorzug, gegen den dieses lebhaft fühlende Volk nie gleichgültig ist; und er freute sich mit stillem Genuß an den Vögeln, den Blumen, den Springbrunnen, den Wohlgerüchen und dem Sonnenschein und der Schönheit des Hofes und an den Gemälden und Kronleuchtern und Statuetten und Vergoldungen, welche die Gemächer drinnen für ihn zu einer Art Aladinspalast machten.

Marie machte es sich stets zum Gesetz, sonntags sehr fromm zu sein. Da stand sie, so zart, so elegant, so ätherisch und anmutig in allen ihren Bewegungen, während ihr Spitzenschal sie umhüllte wie ein Nebel. Sie sah so anmutvoll aus, und sie fühlte, daß sie sehr gut und sehr elegant sei. Miß Ophelia stand neben ihr als vollkommener Gegensatz. Nicht daß ihr seidenes Kleid und ihr Schal und ihr Taschentuch nicht ebenso schön gewesen wären; aber ihr steifes und eckiges, lineal-gerades Wesen prägten ihr einen ebenso unbegreiflichen, aber doch erkennbaren Stempel auf, wie die Anmut ihrer eleganten Nachbarin, aber nicht die himmlische Anmut – das ist ganz was anderes!

»Wo ist Eva?« sagte Marie.

»Sie blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen.«

Und was sagt Eva auf der Treppe zu Mammy? Du kannst es hören, Leser, Marie aber nicht.

»Liebe Mammy, ich weiß, daß du fürchterliches Kopfweh hast.«

»Gott behüte Sie, Miß Eva! Mein Kopf tut mir jetzt immer weh. Sie brauchen sich darüber keinen Kummer zu machen.«

»Nun, es freut mich, daß du an die frische Luft kommst; und hier« – und die Kleine umschlang sie mit den Armen – »hier, Mammy, nimm meine Vinaigrette.«

»Was? Das schöne goldene Ding da mit den Diamanten! Nein, Miß, das schickte sich nicht, gar nicht.«

»Warum nicht? Du brauchst es, und ich nicht. Mama braucht es immer, wenn sie Kopfweh hat, und es wird dir besser davon werden. Nein, du mußt es nehmen, nur mir zur Liebe.«

»Nein, das liebe Kind nur sprechen zu hören!« sagte Mammy, als Eva ihr das Riechfläschchen in den Busen schob, sie küßte und die Treppe hinunter ihrer Mutter nachsprang.

»Wo bleibst du so lange?«

»Ich hielt mich nur einen Augenblick bei Mammy auf, um ihr meine Vinaigrette zu geben; sie soll sie mit in die Kirche nehmen.«

»Eva!« sagte Marie und stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Deine goldene Vinaigrette Mammy gegeben! Wann wirst du lernen, was sich schickt! Du gehst den Augenblick hin und läßt sie dir wiedergeben.«

Eva machte ein betrübtes Gesicht und kehrte langsam um.

»Marie, laß das Kind nur, es mag tun, was ihm gefällt«, sagte St. Clare.

»St. Clare, wie soll sie einmal in der Welt durchkommen«, sagte Marie.

»Das weiß der Himmel«, sagte St. Clare, »aber jedenfalls wird sie besser im Himmel durchkommen als du und ich.«

»Ach, Papa, bitte«, sagte Eva und berührte leise seine Ellenbogen, »es tut Mama weh.«

»Nun, Vetter, gehst du auch mit in die Kirche?« sagte Miß Ophelia zu St. Clare.

»Nein, ich gehe nicht.«

»Ich wollte, St. Clare ginge einmal in die Kirche«, sagte Marie, »aber er hat nicht ein bißchen Religion. Es ist wirklich nicht wohlanständig.«

»Ich weiß es«, sagte St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um zu lernen, wie man in der Welt durchkommt, vermute ich, und eure Frömmigkeit macht uns auch mit wohlanständig. Wenn ich einmal in die Kirche gehe, würde ich mit Mammy gehen; da findet man wenigstens etwas, was einen wach erhält.«

»Was? Zu diesen plärrenden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.

»Alles ist besser als das tote Meer eurer wohlanständigen Kirchen, Marie. Es ist unbedingt zuviel verlangt von einem Menschen. Eva, gehst du gern? Komm, bleib zu Hause und spiele mit mir.«

»Ich danke dir, Papa, aber ich will lieber in die Kirche gehen.«

»Ist es nicht schrecklich langweilig?« sagte St. Clare.

»Es kommt mir manchmal langweilig vor«, sagte Eva, »und ich werde auch schläfrig, aber ich bemühe mich, wach zu bleiben.«

»Warum gehst du denn dann hin?«

»Du mußt wissen, Papa«, flüsterte sie ihm zu, »Cousine Ophelia sagte mir, Gott wolle es so haben, und er gibt uns alles, weißt du ja; und es ist keine große Mühe, wenn er es von uns verlangt. Es ist am Ende nicht so sehr langweilig.«

»Du liebes, gefälliges Herz!« sagte St. Clare und küßte sie. »Geh, du bist ein gutes Mädchen, und bete für mich!«

»Das tue ich ja immer«, sagte das Kind, als sie ihrer Mutter nach in den schönen Wagen sprang.

St. Clare blieb auf der Treppe stehen und warf ihr eine Kußhand zu, wie der Wagen fortfuhr; große Tränen standen in seinen Augen.

»O Evangeline! Mit Recht führst du deinen Namen; hat dich Gott nicht mir als fröhliche Botschaft geschickt?«

So empfand er einen Augenblick lang, und dann rauchte er eine Zigarre und las den Picayune und vergaß sein kleines Evangelium. War er viel anderes als andere Leute?

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