Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Harriett Beecher Stowe >

Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
Schließen

Navigation:

12. Kapitel

Evangeline

Die trüben Wogen des Mississippi, die schäumend vorüberstürzen, sind ein passendes Bild für die Sturmesschnelle der Geschäftsflut, welche ein Volk, das heftiger und energischer ist, als jedes andere auf der Welt, auf seinen Wogen dahinströmen läßt. Ach, wenn sie nur nicht auch eine schrecklichere Fracht trügen, die Tränen der Bedrückten, die Seufzer der Hilflosen, die angstvollen Gebete der armen unwissenden Herzen zu einem unbekannten Gott – ungekannt, ungesehen und schweigend, der aber dereinst aus seiner Stelle herniederkommen wird, um alle Armen auf Erden zu erlösen!

Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der meeresgleichen Ausdehnung des Stromes; das schwankende Rohr und die schlanke dunkle Zypresse mit Girlanden von dunklem trauerndem Moos behängt, glühen in dem goldenen Strahl, wie das schwer beladene Dampfboot vorüberfährt.

Mit Baumwollballen von mancher Plantage auf dem Deck und an den Seiten belastet, bis es in der Ferne wie ein viereckiger, massenhafter grauer Block erscheint, bewegt es sich schwerfällig vorwärts nach dem näherkommenden Weltmarkt. Wir müssen uns einige Zeitlang auf den gedrängt vollen Verdecken umsehen, ehe wir unseren niederen Freund Tom finden. Hoch auf dem oberen Verdeck in einer Ecke unter den überall vorwaltenden Baumwollballen treffen wir ihn endlich. Teils infolge des von Mr. Shelbys Vorstellungen geweckten Vertrauens, teils durch den merkwürdig harmlosen und stillen Charakter des Mannes, hatte sich Tom allmählich unmerklich selbst bei einem solchen Manne wie Haley nicht geringes Vertrauen erworben.

Anfangs hatte er ihn während des Tages argwöhnisch bewacht und hatte ihn nie nachts ungefesselt schlafen lassen; aber die nie klagende Geduld und die Fügsamkeit, mit der sich Tom in seine Lage schickte, bewog ihn, es allmählich weniger streng zu nehmen, und jetzt war Tom seit einiger Zeit gewissermaßen Gefangener auf Ehrenwort, indem ihm erlaubt war, frei im Boot herumzugehen.

Immer ruhig und gefällig und mehr als bereit, bei jeder Gelegenheit die Arbeiter unten mit seinen Kräften zu unterstützen, wurde er von der ganzen Mannschaft gern gesehen und arbeitete mit ihnen viele Stunden ebenso bereitwillig, als ob er auf einer Kentuckyfarm gewesen wäre.

Wenn sich keine Arbeit für ihn fand, kletterte er hinauf in eine Ecke zwischen den Baumwollballen auf dem oberen Verdeck und studierte die Bibel – womit er sich gegenwärtig auch beschäftigt.

Auf eine Strecke von hundert oder mehr englischen Meilen oberhalb New Orleans ist der Strom höher als das umliegende Land und wälzt seine gewaltigen Fluten zwischen massiven zwanzig Fuß hohen Dämmen dahin. Der Reisende sieht von dem Verdeck des Dampfers wie von dem Turm eines schwimmenden Schlosses auf das ganze Land auf Meilen im Umkreis herab. Tom hatte daher in einer Plantage nach der andern eine Karte seines zukünftigen Landes vor sich ausgebreitet.

Er sah in der Ferne Sklaven an ihrer Arbeit; er sah ihre Hüttendörfer in langen Reihen auf mancher Plantage, weit entlegen von den stolzen Wohnsitzen und Gärten der Herren, und wie das bewegliche Bild an ihm vorüberging, wendete sich sein armes törichtes Herz zurück nach der Kentuckyfarm mit ihren alten schattigen Buchen – nach dem Herrenhaus mit seinen geräumigen kühlen Hallen und nicht weit davon seine kleine Hütte mit Multiflora und Bignonia überzogen. Dort sah er vertraute Gesichter von Kameraden, die mit ihm von Kindheit an aufgewachsen waren; er sah sein geschäftiges Weib eifrig die Bereitung seines Abendbrots beeilen, er hörte das lustige Lachen seiner Knaben beim Spiel und das Krähen des Kleinen auf seinem Knie, und dann war auf einmal alles verschwunden, und er sah wieder die Rohrsümpfe und die Zypressen vorübergleitender Plantagen und hörte wieder das Knarren und Stöhnen der Maschinerie – für ihn nur zu deutliche Stimmen, daß diese Phase seines Lebens nun für immer vorüber sei.

Ist es daher zu verwundern, daß einige Tränen auf die Blätter seiner Bibel fielen, wie er sie auf den Baumwollballen legt und mit geduldigem Finger seinen Weg von Wort zu Wort suchend, ihre Verheißungen herausbuchstabiert? Da Tom das Lesen erst spät gelernt hatte, las er langsam und las mühsam einen Vers nach dem andern. Zum Glück für ihn war das Buch, mit dem er so eifrig beschäftigt war, eins, das langsames Lesen nicht verdirbt – nein, gerade ein Buch, dessen Worte gleich Goldbarren oft besonders gewogen werden müssen, damit der Geist ihren unbezahlbaren Wert ganz begreifen kann. Wir wollen ihm einen Augenblick folgen, wie er auf jedem Worte mit dem Finger verweilend und jedes halblaut aussprechend liest: »Euer – Herz – erschrecke – nicht. In – meines – Vaters – Hause – sind – viel – Wohnungen. Ich – gehe – hin – euch – die – Stätte – zu – bereiten.«

Tom hatte sich angewöhnt, sich die Bibel von den Kindern und vorzüglich vom jungen Master George vorlesen zu lassen, und wie sie lasen, bezeichnete er mit starken Strichen mit Feder und Tinte die Stellen, welche seinem Ohr und seinem Herzen besonders wohltaten. So war seine Bibel von einem Ende bis zum andern auf die verschiedenartigste Weise gezeichnet und unterstrichen und er konnte in einem Augenblick seine Lieblingsstellen finden, und während seine Bibel vor ihm lag und jede Stelle derselben ihn an eine alte Szene in der Heimat oder an einen früheren Genuß erinnerte, erschien sie ihm als das einzige, was ihm von diesem Leben noch übrig war, und als die Verheißung eines zukünftigen.

Unter den Passagieren an Bord des Dampfers befand sich ein junger Mann von Vermögen und Familie aus New Orleans, names St. Clare. Er hatte eine Tochter von 5 oder 6 Jahren bei sich, sowie eine Dame, die mit beiden verwandt zu sein und die Kleine speziell unter ihrer Obhut zu haben schien.

Tom hatte das kleine Mädchen schon oft bemerkt – denn es war eines von den beweglichen Wesen, die ebensowenig an einem Orte festzuhalten sind, als ein Sonnenstrahl oder ein Sommerlüftchen, und auch seine Gestalt war von der Art, daß man sie, einmal gesehen, nicht wieder vergessen konnte.

Sie war die Vollkommenheit kindlicher Schönheit ohne ihre gewöhnliche zu große Fülle in den Umrissen. Sie hatte eine schwellende und ätherische Anmut, wie man sie von mythischen und allegorischen Wesen träumt. Das Gesicht war weniger bemerkenswert wegen seiner vollkommenen Schönheit der Linien, als wegen einer eigentümlichen und träumerischen Innigkeit des Ausdruckes, welche poetischen Gemütern bei dem ersten Anblick auffiel, und welche selbst auf die prosaischsten einen Eindruck machte, ohne daß sie wußten warum. Die Formen ihres Kopfes und Hals und Brust waren besonders edel, und das lange goldigbraune Haar, das sie wie eine Wolke umwallte, der tiefe, geistvolle Ernst ihrer dunkelblauen Augen, welche schwere goldigbraune Wimpern überschatteten – alles zeichnete sie vor anderen Kindern aus und veranlaßte jeden, sich nach ihr umzusehen, wie sie im Boote hin und her schwebte. Dennoch war die Kleine weder ein ernstes noch ein trauriges Kind. Im Gegenteil schien eine ätherische und unschuldige Heiterkeit wie der Schatten von Sommerblättern über ihr kindliches Gesicht und um ihre zarte Gestalt zu schweben. Sie war immer in Bewegung, immer umschwebte ein halbes Lächeln ihren rosigen Mund, und immer flog sie hier und dorthin mit leichtem schwebendem Fuß und sang dabei halblaut vor sich hin, wie in einem glücklichen Traum. Ihr Vater und ihre weibliche Beschützerin waren beständig mit ihrer Verfolgung beschäftigt, aber wenn sie sich hatte haschen lassen, entschwand sie ihnen wieder wie eine Sommerwolke; und da sie nie ein scheltendes oder tadelndes Wort zu hören bekam, mochte sie tun, was sie wollte, so war sie auf dem Boote ganz ihre eigene Herrin. Stets weiß gekleidet, schien sie wie die Schatten aller Orten zu erscheinen, ohne einen Flecken davonzutragen, und es gab keinen Winkel und keine Ecke oben oder unten, wo diese Elfenschritte und dieses wie von einer Glorie umwallte zarte Haupt mit seinen tiefblauen Augen nicht vorübergeglitten waren.

Der Heizer, wenn er von seiner heißen Arbeit aufblickte, sah manchmal diese Augen verwundert in die grausende Tiefe des Ofens oder ängstlich und bemitleidend in sein Gesicht schauen, als glaube sie, es drohe ihm eine schreckliche Gefahr. Dann ruhte der steuernde Matrose am Rade aus und lächelte, wie der einem Bilde ähnliche Kopf durch das Fenster des Nachthäuschens sah und in einem Augenblick wieder verschwunden war. Tausendmal des Tages segneten sie rauhe Stimmen, und manches Lächeln von ungewohnter Sanftheit erhellte verhärtete Gesichter, wie sie vorüberging, und wenn sie furchtlos über gefährliche Stellen hüpfte, streckten sich unwillkürlich rauhe, rußige Hände empor, um sie vorm Fallen zu schützen und ihren Pfad zu ebnen.

Tom, welcher das weiche eindrucksfähige Gemüt des gutherzigen Negervolks besaß, das sich immer zu dem Einfachen und Kindlichen hingezogen fühlt, beobachtete die Kleine mit täglich wachsendem Interesse. Ihm erschien sie fast als etwas Göttliches, und wenn ihr goldiges Köpfchen und ihre tiefblauen Augen ihn hinter einem grauen Baumwollballen hervor oder von einer Reihe Kisten herab anblickten, glaubte er fast einen der Engel aus seinem Neuen Testamente zu sehen.

Gar oftmals umkreiste sie traurig den Ort, wo Haleys Sklaven und Sklavinnen in ihren Ketten saßen. Sie mischte sich unter sie und sah sie mit einer Miene verwirrten und bekümmerten Ernstes an, und manchmal nahm sie ihre Fesseln in ihren zarten Händchen in die Höhe und seufzte dann schmerzlich, während sie hinwegglitt. Manchmal erschien sie plötzlich unter ihnen, die Hände voll Kandiszucker, Nüsse oder Orangen, die sie freudig unter sie verteilte, und dann war sie wieder fort.

Tom beobachtete die Kleine sehr genau, ehe er Schritte wagte, um näher mit ihr bekannt zu werden. Er konnte eine Menge einfacher Künste, um kleinen Leuten zu gefallen und sie an sich zu locken, und er beschloß seine Rolle recht geschickt zu spielen. Er konnte feine Körbchen aus Kirschkernen schnitzen, Grimassengesichter aus Hickorynüssen oder seltsame Purzelmännchen aus Fliedermark verfertigen, und er war ein wahrer Pan im Schnitzen von Pfeifen jeder Art und jeder Größe. Er hatte die Taschen voll von den verschiedenartigsten Lockungen, welche er in den alten guten Tagen für die Kinder seines Herrn aufbewahrt hatte und die er jetzt mit lobenswerter Klugheit und Sparsamkeit einzeln als Einleitung zu näherer Bekanntschaft und Freundschaft hervorbrachte.

Die Kleine war trotz ihrer geschäftigen Teilnahme für alles rundum schüchtern, und es war nicht leicht, sie zu zähmen. Eine Weile saß sie wie ein Kanarienvogel auf einer Kiste oder einem Ballen nicht weit von Tom, der sich mit oben erwähnten kleinen Künsten beschäftigte, und nahm mit einer Art ernster Verschämtheit seine kleinen Geschenke an. Aber zuletzt wurden sie ganz vertraulich miteinander.

»Wie heißt kleine Missy?« sagte Tom endlich, als er die Sache für reif genug hielt, um eine solche Frage zu wagen.

»Evangeline St. Clare«, sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle Leute mich Eva nennen. Und wie heißt du?«

»Ich heiße Tom; die kleinen Kinder nannten mich immer Onkel Tom, weit unten in Kentucky.«

»Dann will ich dich auch Onkel Tom nennen, weil ich dich liebhabe«, sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wo gehst du hin?«

»Das weiß ich nicht, Miß Eva.«

»Das weißt du nicht?« sagte Eva.

»Nein, ich soll verkauft werden. Ich weiß nicht, an wen.«

»Mein Papa kann dich kaufen«, sagte Eva rasch, »und wenn er dich kauft, wirst du es gut haben. Ich will ihn heute noch bitten.«

»Ich danke, meine kleine Lady«, sagte Tom.

Das Boot legte hier an einem Anhalteplatze an, um Holz einzunehmen, und Eva sprang hurtig fort, als sie ihres Vaters Stimme vernahm. Tom stand auf und ging nach vorn, um seine Dienste beim Holzeinladen anzubieten, und war bald mitten unter der Mannschaft beschäftigt.

Eva und ihr Vater standen nebeneinander am Geländer, um das Boot wieder vom Anhalteplatze abstoßen zu sehen, und das Rad hatte sich zwei- oder dreimal umgedreht, als die Kleine durch eine plötzliche Bewegung auf einmal das Gleichgewicht verlor und über den Rand des Bootes gerade hinunter ins Wasser stürzte. Halb von Sinnen wollte der Vater sich ihr nachstürzen, aber die hinter ihm Stehenden hielten ihn zurück, denn sie sahen, daß wirksamere Hilfe bereits dem Kinde gefolgt war.

Tom stand gerade unter ihr auf dem unteren Verdeck, als sie fiel. Er sah sie ins Wasser stürzen und sinken und war in einem Augenblick darauf ihr nach in den Strom gesprungen. Bei seiner breiten Brust und seinen starken Armen war es ihm ein Nichts, sich im Wasser schwimmend zu erhalten, bis nach einigen Augenblicken die Kleine wieder auf die Oberfläche kam, wo er sie in seine Arme nahm, mit ihr an das Boot schwamm, sie triefend von Wasser den Hunderten von Händen entgegenreichte, die sich, als ob sie einem einzigen Menschen angehörten, alle eifrig ausstreckten, um sie in Empfang zu nehmen. Noch ein paar Augenblicke, und ihr Vater trug sie immer noch triefend und bewußtlos in die Damenkajüte, wo nun, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ein sehr gut gemeinter und gutmütiger Streit unter den Bewohnerinnen derselben entstand, wer am meisten Lärm machen und die Erholung der fast Verunglückten am besten verhindern könne.

Es war schwül und trübe am nächsten Nachmittage, als der Dampfer sich New Orleans näherte.

Das Boot war von einem Ende zum andern lebendig von lauter Erwartungen und Vorbereitungen; in der Kajüte packten einer und der andere ihre Sachen zusammen und machten sich zum Lande fertig. Der Steward und das Stubenmädchen und alle waren eifrig beschäftigt mit Reinemachen und Polieren, um das Boot zur Einfahrt in den Hafen herauszuputzen.

Auf dem unteren Verdeck saß unser Freund Tom mit übereinandergeschlagenen Armen und blickte von Zeit zu Zeit angstvoll nach einer Gruppe auf der anderen Seite des Bootes.

Dort stand die schöne Evangeline, ein wenig blasser als den Tag vorher, obgleich sonst keine anderen Spuren des Unfalls, der sie betroffen hatte, sichtbar waren. Ein schöner junger Mann von eleganter Gestalt stand neben ihr, den Arm achtlos auf einen Baumwollballen gestützt, während eine große Brieftasche offen vor ihm lag. Der erste Blick sagte, daß dieser Herr Evas Vater sei. Es waren dieselben edlen Umrisse des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe goldenbraune Haar, aber der Ausdruck der Physiognomie war ein anderer. In den großen klaren blauen Augen fehlte, obgleich sie in Form und Farbe denen der Tochter vollkommen gleich waren, die nebelhafte träumerische Tiefe des Ausdrucks, alles war klar, kühn und hell, aber erfüllt von einem Lichte, das ganz von dieser Welt war; der schöngeschnittene Mund hatte einen stolzen und etwas sarkastischen Ausdruck, während ein Anstrich ungenierter Überlegenheit sich nicht anmutlos jeder Bewegung seiner schönen Gestalt mitteilte. Er hörte mit einer gutmütigen nachlässigen Miene, die halb komisch und halb verächtlich war, Haley zu, der mit höchst geläufiger Zunge die Eigenschaften der Ware anpries, um welche sie handelten.

»Alle menschlichen und christlichen Tugenden, in schwarzen Saffian gebunden, komplett!« sagte er, als Haley ausgeredet hatte. »Nun, mein guter Mann, was ist der Schaden, wie sie in Kentucky sagen? Mit einem Worte, was ist bei dem Geschäft zu zahlen? Um wieviel wollt Ihr mich jetzt über das Ohr hauen? Heraus damit!«

»Na«, sagte Haley, »wenn ich für den Burschen 1300 Dollar verlangte, so würde ich mich nur eben vor Schaden bewahren – wahrhaftig, ich versichere es Euch.«

»Der arme Mann«, sagte der junge Mann und haftete sein scharfes spöttisches blaues Auge auf ihn; »aber ich vermute, Ihr laßt mir den Burschen dafür, aus bloßer persönlicher Rücksicht für mich.«

»Na, die junge Miß hier scheint so auf ihn erpicht zu sein, und ganz natürlich.«

»O gewiß, das appelliert an Euer Wohlwollen, Freund. Nun im Namen christlicher Liebe, wie billig könntet Ihr ihn lassen, um eine junge Dame zu verpflichten, die ganz besonders auf ihn erpicht ist?«

»Überlegt es Euch nur recht«, sagte der Handelsmann, »seht ihn nur an – breitbrüstig und stark wie ein Pferd. Seht seinen Kopf; diese hohen Stirnen sind immer ein Zeichen von kalkulierenden Negern, die alles verrichten können. Das weiß ich aus Erfahrung. Nun sage ich, ein Nigger von dieser Gestalt und diesem Bau ist schon was Ordentliches wert, schon wegen seines Körpers, auch wenn er dumm wäre; aber zieht seine kalkulierende Fähigkeit mit in Rechnung – und ich kann beweisen, daß er sie in ungewöhnlichem Grade hat –, so steigert das natürlich seinen Preis. Ich sage Euch, der Bursche hat seines Herrn ganze Farm verwaltet. Er hat ein ungewöhnliches Talent für Geschäfte.«

»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; weiß viel zuviel!« sagte der junge Mann, während das alte spöttische Lächeln um seinen Mund spielte. »Paßt nicht gut für die Welt. Diese gescheiten Kerle denken immer ans Fortlaufen, Pferdestehlen und allerlei Teufeleien. Ich denke, Ihr solltet wegen seiner Gescheitheit ein paar hundert Dollar herunterlassen.«

»Es könnte was Wahres daran sein, wenn nicht sein Charakter wäre; aber ich kann Empfehlungen von seinem Herrn und andern zeigen zum Beweis, daß er einer von den echten Frommen ist – das bescheidenste, frömmste Geschöpf, das man sich nur denken kann. Dort in seiner Heimat haben sie ihn den Prediger genannt.«

»Und ich könnte ihn vielleicht als Familienkaplan benutzen«, setzte der junge Mann hinzu. »Das ist ein vortrefflicher Einfall. Religion ist bei uns zu Hause ein merkwürdig seltener Artikel.«

»Ihr scherzt jetzt.«

»Woher wißt Ihr das? Habt Ihr ihn nicht eben als einen Prediger empfohlen? Ist er von Synode oder Konzil examiniert? Gebt nur die Zeugnisse her.«

Hätte den Handelsmann nicht ein gewisses gutmütiges Funkeln in dem großen blauen Auge überzeugt, daß all dieses Necken zuletzt doch mit einem Bargeschäft endigen werde, so wäre er vielleicht ungeduldig geworden; aber so legte er vor sich auf die Baumwollballen eine schmierige Brieftasche und fing an, mit großer Angelegentlichkeit gewisse darin befindliche Papiere zu studieren, während der junge Mann neben ihm stand und mit einer Miene überlegenen Humors auf ihn herabsah.

»Papa, kauf ihn! Es kommt ja gar nicht darauf an, was du bezahlst«, sagte ihm Eva leise ins Ohr, als sie auf einen Ballen geklettert war und ihren Arm um den Hals des Vaters schlang. »Ich weiß, du hast Geld genug. Ich brauche ihn.«

»Wozu, Mäuschen? Willst du ihn zum Schaukelpferd oder zu sonst etwas haben?«

»Ich will ihn selig machen.«

»Gewiß ein origineller Grund.«

Hier überreichte ihm der Sklavenhändler ein von Mr. Shelby unterschriebenes Zeugnis, welches der junge Mann mit den Spitzen seiner schlanken Finger anfaßte und gleichgültig überflog.

»Die Hand eines gebildeten Mannes«, sagte er, »und auch orthographisch geschrieben. Nun, ich bin eigentlich nicht so recht sicher wegen der Religion«, sagte er, und der alte spöttische Ausdruck zeigte sich wieder in dem Auge. »Das Land wird fast von frommen weißen Leuten zugrunde gerichtet; wir haben gerade vor den Wahlen soviel fromme Politiker, und es geht so fromm zu in allen Departements von Kirche und Staat, daß kein Mensch weiß, wer ihn das nächstemal übers Ohr hauen wird. Ich weiß auch nicht, was die Religion jetzt für einen Marktpreis hat. Ich habe in der letzten Zeit nicht in den Zeitungen nachgesehen, wieviel sie gilt. Wieviel hundert Dollar schlagt Ihr für diese Religion drauf?«

»Ihr spaßt gern«, sagte der Sklavenhändler, »aber es ist doch Verstand darin. Ich weiß, daß es Unterschiede in der Religion gibt. Manche sind melancholisch: Das sind die Meetingsfrommen; dann haben wir die singenden und plärrenden Frommen, die sind nichts wert, mögen sie schwarz oder weiß sein – aber diese Art hier ist wirklich was wert, und ich habe sie bei den Niggern so oft gefunden, wie jede andere Religion, die echte, sanfte, ruhige, gesetzte, ehrliche Frömmigkeit, welche die ganze Welt nicht vermögen würde, etwas zu tun, was sie für unrecht hält, und Sie sehen in diesem Briefe, was Toms alter Herr von ihm sagt.«

»Ja«, sagte der junge Mann und beugte sich mit ernstem Gesicht über sein Banknotenbuch, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich diese Art Frömmigkeit wirklich kaufen kann und daß sie mir in dem Buche droben zugute gerechnet wird, wie etwas, was mir gehört, so machte ich mir nichts daraus, etwas extra dafür zuzulegen. Was meint Ihr?«

»Das kann ich nun freilich nicht versichern«, sagte der Sklavenhändler.

»Ich meine, dort oben wird wohl jedermann seine eigene Rechnung zu besorgen haben.«

»'s ist doch hart für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, daß er damit kein Geschäft in dem Staate machen kann, wo er sie am notwendigsten braucht, nicht wahr?« sagte der junge Mann, der während dieser Rede ein Paket Banknoten durchgezählt hatte. »Hier zählt Euer Geld, alter Bursche!« fügte er hinzu, wie er dem Händler das Paket hinreichte.

»Alles in Ordnung«, sagte Haley mit freudestrahlendem Gesicht, und nachdem er einen alten Tintenstecher aus der Tasche geholt, füllte er einen Kaufkontrakt aus, den er nach geringem Verzug dem jungen Manne übergab.

»Ich möchte wissen, was ich wert wäre, wenn man mich im einzelnen abschätzte«, sagte letzterer, als er das Papier flüchtig überlas. »Wir wollen sagen, soviel für Gestalt meines Kopfes, soviel für eine hohe Stirn, soviel für Arme und Hände und Beine, und dann soviel für Erziehung, Gelehrsamkeit, Talent, Ehrlichkeit und Religion! Wahrhaftig, ich glaube, für letztere würde man ziemlich wenig ansetzen. Aber komm, Eva«, sagte er, und die Tochter an der Hand ging er nach der andern Seite des Bootes hinüber, faßte gleichgültig Tom ans Kinn und sagte gut gelaunt zu ihm: »Nun, Tom, sieh einmal zu, wie dir dein neuer Herr gefällt.«

Tom blickte auf. Es wäre wider die Natur gewesen, dieses heitere jugendliche und schöne Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl anzusehen, und Tom fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, als er herzlich erwiderte: »Gott segne Sie, Master!«

»Na, ich hoffe, er wird's tun. Wie heißt du? Tom? Es ist jedenfalls ebenso wahrscheinlich, daß er's auf deinen Wunsch tut, wie auf meinen. Weißt du mit Pferden umzugehen, Tom?«

»Ich bin immer mit Pferden umgegangen«, sagte Tom, »Master Shelby züchtete viel auf seiner Besitzung.«

»Nun, dann glaube ich, ich werde dich als Kutscher anstellen unter der Bedingung, daß du dich nicht mehr als einmal die Woche betrinkst, außer in ungewöhnlichen Fällen, Tom.«

Tom sah überrascht und fast verletzt aus und sagte: »Ich trinke nie, Master.«

»Wir haben das schon früher gehört, Tom, aber wir wollen erst sehen. Es wird eine besondere Bequemlichkeit für alle Beteiligten sein, wenn du nicht trinkst. Na, sei nur ruhig, mein Bursche«, setzte er gutmütig hinzu, als er Toms ernstes Gesicht bemerkte, »ich bezweifle nicht, daß du dich gut aufzuführen gedenkst.«

»Gewiß, Master«, sagte Tom.

»Und du sollst gute Zeit haben«, sagte Eva, »Papa ist gut gegen jedermann, nur lacht er immer gern über die Leute.«

»Papa ist dir sehr verbunden für diese Empfehlung«, sagte St. Clare lachend, während er sich umdrehte und fortging.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.