Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Harriett Beecher Stowe >

Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
Schließen

Navigation:

10. Kapitel

Ungehörige Aufregung

An einem regnerischen Nachmittag spät stieg ein Reisender an der Tür eines kleinen Wirtshauses in dem Dorf N. in Kentucky ab. In der Schenkstube fand er eine ziemlich bunte Gesellschaft versammelt, welche das schlechte Wetter in diesen Hafen getrieben hatte, und der Ort bot den gewöhnlichen Anblick solcher Versammlungen dar. Große, lange, starkknochige Kentuckier in Jagdhemden, mit dem diesem Schlage eigenen bequemen Lungern, die langen Glieder über eine ziemliche Strecke der Stube rekelnd – Büchsen, die in der Stubenecke standen, Schrotbeutel, Jagdtaschen, Jagdhunde und kleine Neger in bunten Haufen in den Winkeln – waren die charakteristischen Züge des Bildes. An jedem Ende des Herdes saß ein langbeiniger Herr mit zurückgelehntem Stuhl, den Hut auf dem Kopf, während die Absätze der schmutzigen Stiefel auf dem Kaminsims ruhten – eine Lage, welche, wie wir unseren Lesern mitteilen, der in den Schenken des Westens üblichen Gedankenrichtung entschieden günstig ist, indem dort die Reisenden eine entschiedene Vorliebe für diese besondere Art, den Geist zu erheben, zeigen.

Der Wirt, der hinter der Bar stand, war, wie die meisten seiner Landsleute, groß von Wuchs, gutmütig und langbeinig und langarmig. Ein dichter Pelz von Haaren bedeckte seinen Kopf, den ein großer, hoher Hut krönte.

In der Tat trug jedermann im Zimmer auf dem Kopf dieses charakteristische Symbol männlicher Selbstherrlichkeit; mochte es ein Filzhut, ein Palmblatthut, ein schmieriger Biber oder ein schöner neuer Chapeau sein, überall sah man ihn mit echter republikanischer Unabhängigkeit auf den Köpfen sitzen. Er schien in Wahrheit das charakteristische Kennzeichen jedes einzelnen zu sein. Einige trugen ihn keck auf ein Ohr gesetzt – das waren die Leute von Humor, fidele, gemütliche Kerle; andere hatten ihn unabhängig auf die Nase heruntergedrückt – das waren die entschiedenen Charaktere –, die ganzen Männer, die, wenn sie ihren Hut trugen, ihn ordentlich tragen wollten und genauso, wie sie Lust hatten; dann die, welche ihn weit zurückgeschoben hatten – das waren die Umsichtigen und Schlauen, die eine freie Aussicht haben wollten, während er bei sorglosen Leuten, die nicht wußten, wie ihr Hut saß, und denen es auch ganz gleich war, in allen Richtungen auf dem Kopfe herumwackelte. Die verschiedenen Hüte waren in der Tat ein wahrhaft Shakespearesches Studium.

Verschiedene Neger mit sehr bequemen und weiten Beinkleidern, nur mit keinem Überfluß von Hemdenwäsche, liefen hin und her, ohne besonders sichtbare Resultate, außer daß sie eine allgemeine Bereitwilligkeit an den Tag legten, zum besten des Wirts und der Gäste jegliches Ding auf der Welt umzukehren. Vervollständigen wir dieses Bild noch mit einem lustig prasselnden und lachenden Feuer, das eine große weite Esse hinaufflackerte – wobei die Tür und jedes Fenster weit offen stand und der kattunene Fenstervorhang in einer guten steifen Brise von feuchter kalter Luft fackelte –, und man wird sich einen Begriff von den Herrlichkeiten einer Kentuckierschenke machen können.

Der Kentuckier der Gegenwart ist eine gute Erläuterung der Lehre von fortgeerbten Instinkten und Eigentümlichkeiten. Seine Väter waren gewaltige Jäger – Männer, die in den Wäldern lebten und unter dem freien offenen Himmel schliefen und sich von den Sternen das Licht halten ließen, und ihr Nachkömmling benimmt sich noch heutigen Tags, als ob das Haus sein Feldlager wäre – hat den Hut zu allen Zeiten auf dem Kopfe, rekelt sich herum und legt die Absätze auf Stuhllehnen und Kaminsimse, gerade wie sich sein Vater auf dem grünen Rasen herumwälzte und seine Beine auf Baumstämme und Klötze legte, läßt alle Fenster und Türen Winter und Sommer offen stehen, um genügend Luft für seine große Lunge zu haben, – nennt mit ungeniertem Benehmen jeden »Fremder« und ist mit einem Worte das offenste, fidelste Geschöpf auf Erden.

In eine Gesellschaft solcher Leute trat unser Reisender. Er war ein kleiner untersetzter Mann, sorgfältig gekleidet, mit einem runden gutmütigen Gesichter und etwas Fahrigem und Eigenem in seinem Wesen. Er war sehr besorgt um seinen Mantelsack und seinen Schirm, die er selbst hereingetragen brachte, und wies hartnäckig alle Anerbietungen der Dienerschaft zurück, sie ihm abzunehmen. Er sah sich in der Schenkstube mit etwas unruhigen Blicken um, zog sich dann mit seinen Sachen in die wärmste Ecke zurück, legte sie unter seinen Stuhl, setzte sich nieder und sah etwas ängstlich den würdigen Mann an, dessen Absätze die Ecke des Kaminsimses schmückten und der nach rechts und nach links mit einem Mut und einer Ausdauer spuckte, die für Personen von schwachen Nerven und reinlichen Manieren etwas Beunruhigendes hatten.

»Heda, Fremder, wie geht's?« sagte der eben erwähnte Herr, indem er eine Ehrensalve von Tabakssaft in der Richtung des neuen Ankömmlings abschoß.

»Gut, rechne ich«, war die Antwort des andern, als er nicht ohne Unruhe sich vor der drohenden Ehre zur Seite bog.

»Was Neues?« fragte der andere weiter und holte eine Schnur Tabak und ein großes Jagdmesser aus der Tasche.

»Nichts, das ich wüßte«, sagte der Fremde.

»Kaut Ihr?« sagte der erste Sprecher, indem er dem alten Herrn mit einer entschieden brüderlichen Miene ein Stück Tabak anbot.

»Nein, ich danke Ihnen, es bekommt mir nicht«, sagte der kleine Mann und rückte weg.

»Nicht?« sagte der andere leichthin und schob sich das Priemchen in den Mund, um die Erzeugung von Tabakssaft zum allgemeinen Besten der Gesellschaft im Gange zu erhalten.

Der alte Herr fuhr regelmäßig erschrocken auf, wenn sein langbeiniger Bruder sein Feuer auf diese Seite richtete, und da letzterer dies bemerkte, so gab er gutmütig seiner Artillerie eine andere Richtung und fing an, eines der Schüreisen mit einem militärischen Talent zu stürmen, das zur Einnahme einer Stadt genügt hätte.

»Was ist das?« sagte der alte Herr, als einige um einen großen Zettel zusammentraten.

»Nigger davongelaufen!« sagte einer von der Gesellschaft kurz.

Mr. Wilson, denn so hieß der Herr, stand auf, rückte sorgfältig seinen Mantelsack und Schirm zurecht, zog langsam seine Brille heraus und setzte sie auf die Nase, und nun las er folgendes:

»Unterzeichnetem fortgelaufen sein Mulattenbursche George. Besagter George ist sechs Fuß lang, ein sehr heller Mulatte mit braunem lockigem Haar; ist sehr gescheit, spricht gut, kann lesen und schreiben; wird wahrscheinlich versuchen, für einen Weißen zu gelten, hat tiefe Narben auf Rücken und Schultern und ist in der rechten Handfläche mit einem H gebrannt. Ich gebe für ihn 400 Dollar lebendig und dieselbe Summe für genügenden Nachweis, daß er tot ist.«

Der alte Herr las diese Anzeige von Anfang bis zum Ende halblaut, als ob er sie studierte.

Der langbeinige Veteran, der das Schüreisen belagert hatte, wie wir vorhin erzählten, wälzte jetzt seine Absätze vom Kaminsims herunter, richtete seinen langen Körper auf, ging zu dem Zettel hin und spuckte mit voller Überlegung eine volle Ladung Tabakssaft darauf.

»Das ist meine Meinung von der Sache«, sagte er kurz und setzte sich wieder hin.

»Nun, Fremder, was soll das heißen?« sagte der Wirt.

»Ich würde es ebenso machen mit dem Schreiber dieses Zettels, wenn er hier wäre«, sagte der Lange und schnitt sich ganz ruhig seinen Tabak zurecht. »Ein Mann, der einen solchen Burschen hat und ihn nicht besser zu behandeln weiß, verdient, daß er ihm fortläuft. Solche Zettel, wie der da, sind eine Schande für Kentucky, das ist meine Meinung von der Sache, wenn sie jemand zu wissen wünscht.«

»Na, das ist ein Faktum«, sagte der Wirt, während er einen Posten ins Buch schrieb.

»Ich habe auch meine Leute, Sir«, sagte der Lange und fing seinen Angriff auf das Schüreisen wieder an, »und ich sage zu ihnen ganz einfach: ›Jungens‹, sage ich, ›lauft jetzt! Reißt aus! Macht, was Ihr wollt! Ich werde mich niemals nach Euch umsehen!‹ So behalte ich meine Leute. Sagt ihnen nur, sie könnten laufen, wenn sie wollen, und sie verlieren alle Lust dazu! Außerdem habe ich für alle Freischeine eintragen lassen, im Fall es einmal mit mir zu Ende geht, und sie wissen das, und ich sage Euch, Fremder, kein Kerl in unserer ganzen Gegend kriegt mehr Arbeit von seinen Niggern als ich. Ja, meine Jungens sind in Cincinnati mit Pferden 500 Dollar wert gewesen und haben mir das Geld richtig gezählt heimgebracht, mehr als einmal, 's ist auch ganz natürlich. Behandelt sie wie Hunde, und sie werden wie Hunde arbeiten und sich wie Hunde benehmen. Behandelt sie wie Menschen, und sie werden wie Menschen arbeiten.« Und der ehrliche Pferdezüchter bekräftigte in seinem Eifer die Sentenz mit dem Abfeuern einer vollständigen Freudensalve in den Kamin.

»Ich glaube, Ihr habt im ganzen recht, Freund«, sagte Mr. Wilson, »und der hier beschriebene Bursche ist ein Prachtkerl – das steht fest. Er hat für mich wohl ein halb Dutzend Jahre in meiner Packleinwand-Fabrik gearbeitet, und er war mein bester Arbeiter, Sir. 's ist auch ein gescheiter Bursche, Sir – hatte eine Maschine zum Reinigen des Hanfes erfunden – eine ganz vortreffliche Maschine, sie ist in mehreren Fabriken in Gebrauch. Sein Herr hat ein Patent darauf.«

»Ich will wetten«, sagte der Pferdezüchter, »er hat das Patent und verdient Geld damit, und dann nimmt er den Burschen her und brandmarkt ihn in die rechte Hand. Wenn er mir in die Hände kommt, will ich ihn zeichnen, rechne ich, so daß man's eine Weile sieht.«

»Die gescheiten Nigger sind immer böse Ware und vorlaut«, sagte ein gemein aussehender Kerl von der anderen Seite des Zimmers herüber, »deswegen werden sie auch immer gepeitscht und gebrandmarkt. Wenn sie sich besser benähmen, so geschähe es ihnen nicht.«

»Das heißt, der Herr hat sie zu Menschen gemacht, und 's kostet harte Arbeit, sie bis zum Vieh hinunter zu bringen«, sagte der Pferdezüchter trocken.

»Gescheite Nigger sind kein Vorteil nicht für ihre Herren«, fuhr der andere fort, den die Beschränktheit einer gemeinen Seele die Verachtung seines Widerparts nicht fühlen ließ. »Was nutzen Talente und solche Sachen, wenn man sie nicht für sich benutzen kann? Aber sie benutzen sie nur, um Euch zu hintergehen. Ich habe einen oder zwei solche Burschen gehabt und habe sie flußabwärts verkauft. Ich wußte, sie würden mir davonlaufen, früher oder später, wenn ich's unterließ.«

»Lieber schickt hinauf zum lieben Gott und laßt Euch eine Partie machen und gleich die Seelen weglassen«, sagte der Pferdezüchter. Hier unterbrach die Ankunft eines kleinen einspännigen Wagens vor der Schenke das Gespräch. Die Equipage sah vornehm aus, und ein wohlgekleideter gentlemanischer Herr saß darin, während ein farbiger Bedienter fuhr.

Die versammelte Gesellschaft betrachtete den neuen Ankömmling mit der Teilnahme, mit welcher eine Versammlung von Lungerern an einem Regentag gewöhnlich jeden neuen Ankömmling mustert. Der Fremde war hochgewachsen, hatte einen dunklen spanischen Teint, ausdrucksvolle schwarze Augen und dichtes krauses Haar, ebenfalls von glänzender Schwärze. Seine schöngeformte Adlernase, die geraden schmalen Lippen und die herrlichen Umrisse seiner schön geformten Glieder machten auf die ganze Gesellschaft auf der Stelle den Eindruck von etwas Ungewöhnlichem. Er trat unbefangen mitten unter die Gäste, wies mit einem Kopfnicken seinem Bedienten den Fleck, wohin er die Koffer setzen sollte, verbeugte sich gegen die Versammelten und schritt mit dem Hute in der Hand ruhig nach der Bar, wo er seinen Namen als Harry Butler von Oaklands, Shelby County, angab. Darauf wendete er sich gleichgültig wieder ab und trat vor die Anzeige, die er durchlas.

»Jim«, sagte er zu seinem Bedienten, »sind wir nicht einem solchen Burschen droben bei Bernans begegnet? Meinst du nicht?«

»Ja, Master«, sagte Jim, »nur weiß ich nicht ganz gewiß, wie es mit der Hand war.«

»Natürlich, ich hab' auch nicht hineingesehen«, sagte der Fremde mit gleichgültigem Gähnen. Dann verlangte er von dem Wirt ein besonderes Zimmer, da er sofort einige Briefe zu schreiben habe.

Der Wirt war über die Maßen dienstwillig, und eine Herde von ungefähr sieben Negern, alten und jungen, männlichen und weiblichen, kleinen und großen, fuhr bald im Zimmer herum, wie ein Flug Rebhühner, schäfterte und lärmte und trat sich auf die Zehen und purzelte übereinander in ihrem Eifer, das Zimmer für den Herrn zurechtzumachen, der unterdessen unbefangen auf einem Stuhl in der Mitte der Schankstube Platz genommen und ein Gespräch mit seinem Nachbar angeknüpft hatte.

Der Fabrikant Mr. Wilson hatte den Fremden vom Augenblick seines Eintretens an mit einer Miene ängstlicher und unruhiger Neugier angeblickt. Es war ihm, als sei er schon irgendwo mit ihm zusammengekommen und mit ihm bekannt gewesen, aber er konnte sich nicht besinnen, wo.

Fast alle Minuten, wenn der Fremde sprach oder sich bewegte oder lächelte, fuhr er empor, heftete den Blick auf ihn und wendete ihn dann rasch wieder ab, wie ihn die glänzenden dunklen Augen des andern mit unbefangener Kälte ansahen. Endlich schien eine plötzliche Erinnerung in ihm zu erwachen, denn er starrte den Fremden mit einer solchen Miene sprachloser Verblüfftheit und Unruhe an, daß dieser sich ihm näherte.

»Mr. Wilson, glaube ich«, sagte er, als ob er ihn jetzt erst erkenne, und bot ihm die Hand dar. »Ich bitte um Verzeihung, ich erkannte Sie nicht gleich. Ich sehe, Sie kennen mich noch – Mr. Butler von Oaklands, Shelby County.«

»Ja – ja, Sir«, stotterte Mr. Wilson, wie einer, der im Traum redet. In diesem Augenblick erschien ein Negerknabe mit der Meldung, daß Masters Zimmer fertig sei.

»Jim, sieh nach den Koffern«, sagte der Fremde nachlässig; dann zu Mr. Wilson gewendet, setzte er hinzu: »Ich möchte mit Ihnen auf meinem Zimmer ein paar Worte über Geschäftssachen sprechen, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Mr. Wilson folgte ihm wie einer, der im Traum wandelt; und sie begaben sich in ein großes Zimmer oben, wo ein frisch angezündetes Feuer prasselte und verschiedene Diener herumflogen, um die letzte Hand an die getroffenen Anordnungen zu legen.

Als alles fertig war und die Dienstboten sich entfernt hatten, verschloß der junge Fremde sorgfältig die Tür, steckte den Schlüssel in die Tasche, drehte sich um, schlug die Arme über der Brust zusammen und sah Mr. Wilson gerade ins Gesicht.

»George!« sagte Mr. Wilson.

»Ja, George«, sagte der junge Mann.

»Wer hätte das denken sollen!«

»Ich bin ziemlich gut verkleidet, glaube ich«, sagte der Jüngling mit einem Lächeln. »Ein wenig Walnußschale hat meiner gelben Haut eine vornehme braune Farbe gegeben, und das Haar habe ich mir schwarz gefärbt; so paßt also der Steckbrief gar nicht mehr auf mich, wie Sie sehen.«

»Aber George, Ihr spielt da ein gar gefährliches Spiel. Ich möchte Euch nicht dazu geraten haben.«

»Ich kann es auf meine eigene Verantwortlichkeit aufführen«, sagte George mit demselben stolzen Lächeln.

Wir bemerken beiläufig, daß George von Vaters Seite von weißem Blute war. Seine Mutter war eine jener unglücklichen Sklavinnen, die ihre persönliche Schönheit von vornherein zum Opfer der Wollust ihres Besitzers und zur Mutter von Kindern, die nie einen Vater anerkennen dürfen, bestimmt. Von einer der stolzesten Familien Kentuckys hatte er eine Physiognomie von schönster europäischer Regelmäßigkeit und einen stolzen, unbezähmbaren Geist geerbt. Von seiner Mutter hatte er nur eine leichte Mulattenfarbe, die das von ihr ererbte feurige schwarze Auge reichlich wiedergutmachte. Eine kleine Veränderung in der Farbe seiner Haut und seines Haares hatte ihm jetzt ganz das Aussehen eines Spaniers gegeben; und da Anmut der Bewegungen und anständige Manieren ihm von Natur angeboren waren, so wurde es ihm nicht schwer, die kühne Rolle, die er übernommen hatte, durchzuführen – die eines mit seinem Bedienten reisenden Gentlemans.

Mr. Wilson, ein gutmütiger, aber sehr fahriger und ängstlicher alter Herr, ging unruhig im Zimmer auf und ab, geteilt zwischen dem Wunsche, George zu helfen, und einer gewissen verworrenen Überzeugung von der Notwendigkeit, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten. So äußerte er sich denn, wie er auf und ab ging, in folgenden Worten:

»Na, George, ich glaube, Ihr lauft fort – verlaßt Euren gesetzlichen Herrn, George – (es wundert mich nicht) – aber es tut mir auch zugleich leid, George – ja entschieden – das, glaube ich, muß ich Euch sagen, George, – 's ist meine Pflicht, es Euch zu sagen.«

»Warum tut es Ihnen leid, Sir?« sagte George ruhig.

»Nun, daß Ihr Euch, sozusagen, einer Verletzung der Gesetze Eurer Heimat schuldig macht.«

»Meiner Heimat!« sagte George mit starkem und bitterem Nachdruck. »Welche Heimat habe ich, als das Grab? – und ich wünsche zu Gott, ich läge drinnen!«

»Aber George, nein – nein – das geht nicht, so zu reden ist gottlos – unchristlich. George, Ihr habt einen harten Herrn – das ist wahr – er führt sich ganz unverantwortlich auf – es kann mir nicht einfallen, ihn zu verteidigen; aber Ihr wißt, wie der Engel Hagar gebot, zu ihrer Herrin zurückzukehren und sich ihrer Hand zu unterwerfen; und der Apostel schickte Onesimus zu seinem Herrn zurück.«

»Führen Sie mir nicht die Bibel auf diese Weise an, Mr. Wilson«, sagte George mit funkelndem Auge. »Tun Sie es nicht! Denn meine Frau ist eine Christin, und ich will auch Christ werden, wenn ich erst gerettet bin; aber einem Menschen in meinen Verhältnissen die Bibel anzuführen, genügt, um einen davon abzubringen. Ich appelliere an Gott den Allmächtigen, ich bin bereit, meine Sache seiner Entscheidung zu unterwerfen, und frage ihn, ob ich unrecht tue, meine Freiheit zu suchen.«

»Diese Empfindungen sind ganz natürlich, George«, sagte der gutmütige Fabrikant und schneuzte sich die Nase. »Ja, sie sind natürlich, aber es ist meine Pflicht, Euch nicht in denselben zu bestärken. Ja, mein Bursche, Ihr tut mir wahrhaftig leid; es ist ein schlimmer Fall, ein sehr schlimmer; aber der Apostel sagt: ›Bleibe jeglicher in seinem Stande, zu dem er berufen ist.‹ – Wir müssen uns alle den Fingerzeigen der Vorsehung fügen, George – seht Ihr's nicht ein?«

George stand da, den Kopf zurückgeworfen und die Arme fest über der breiten Brust übereinandergeschlagen, während ein bitteres Lächeln um seinen Mund zuckte.

»Ich möchte doch wissen, Mr. Wilson, wenn die Indianer kämen und Sie als Gefangenen von Weib und Kind wegschleppten und Sie Ihr ganzes Leben lang zur Arbeit in den Maisfeldern behalten wollten, ob Sie es da für Ihre Pflicht halten würden, in dem Stande zu bleiben, zu dem Sie berufen worden! Ich sollte eher meinen, Sie würden das erste verlaufene Pferd, das Ihnen in die Hand fiele, für einen Fingerzeig der Vorsehung halten – nicht wahr?«

Der kleine alte Herr riß beide Augen weit auf, als er die Frage so stellen hörte, denn obgleich er nicht stark in der Logik war, war er doch verständig genug, – worin ihm die meisten Redner über diesen Gegenstand nachahmen könnten – nichts zu sagen, wo nichts zu sagen war. So stand er denn da und streichelte nachdenklich seinen Regenschirm, dessen kleinste Falten er sorgfältig glättete, und fuhr dann mit seinen allgemein gehaltenen Ermahnungen fort.

»Ihr wißt ja, George, ich bin immer Euer Freund gewesen, und was ich gesagt habe, habe ich immer zu Eurem Besten gesagt. Jetzt kommt es mir wirklich vor, als ob Ihr Euch einer schrecklichen Gefahr aussetztet. Ihr könnt nicht hoffen durchzukommen. Werdet Ihr ertappt, so habt Ihr es noch viel schlimmer als früher; man wird Euch mißhandeln und halb totschlagen und flußabwärts verkaufen.«

»Ich weiß das alles, Mr. Wilson«, sagte George. »Ich setze mich einer großen Gefahr aus, aber« – er schlug den Oberrock auseinander und zeigte zwei Pistolen und ein Baummesser. »Da!« sagte er. »Ich bin für sie gerüstet! Nach dem Süden bringen sie mich nicht lebendig. Nein! Wenn es erst so weit kommt, kann ich mir wenigstens sechs Fuß freie Erde verdienen. – Die erste und letzte, die ich jemals in Kentucky mein nennen werde.«

»Aber George, ein solcher Gemütszustand ist ja wahrhaft schrecklich! Das ist ja reine Verzweiflung, George! Das ist ja schlimm. Ihr wollt die Gesetze Eures Vaterlandes verletzen?«

»Meines Vaterlandes! Mr. Wilson, Sie haben ein Vaterland; aber welches Vaterland habe ich oder meinesgleichen, die wir von Sklavenmüttern geboren sind? Was für Gesetze gibt's für uns? Wir machen sie nicht – wir geben ihnen nicht unsere Zustimmung – wir haben nichts mit ihnen zu tun, sie tun weiter nichts für uns, als uns zu drücken und zu knechten. Habe ich nicht Eure Reden am 4. Juli gehört? Sagt Ihr uns nicht alle Jahre einmal, daß Regierungen ihre wahre Kraft von der Zustimmung der Regierten herleiten? Glauben Sie, man denkt nicht nach, wenn man solche Reden hört? Kann man nicht dies und das zusammenhalten und sehen, was draus wird?«

Mr. Wilsons Seele war von jener Art, die man nicht unpassend mit einem Ballen Baumwolle verglichen hat – weich, sanft und gutmütig verworren. Er bedauerte George wirklich von ganzem Herzen und hatte eine Art dunkler und unbestimmter Ahnung von der Beschaffenheit der Empfindungen, die seine Brust erfüllten; aber er hielt es für seine Schuldigkeit, ihm mit unermüdlicher Ausdauer von seinen Pflichten vorzureden.

»George, das ist nicht recht. Ich muß Euch sagen, natürlich als Freund, daß es besser ist, Ihr gebt Euch mit solchen Gedanken nicht ab; sie sind schlecht, George, – sehr schlecht für Burschen in Eurer Lage, – sehr schlecht«, und Mr. Wilson setzte sich an einen Tisch und fing an, in großer Aufregung auf dem Griffe seines Regenschirmes herumzubeißen.

»Sehen Sie mich einmal an, Mr. Wilson«, sagte George, der jetzt herantrat und sich entschlossen vor ihn hinsetzte; »sehen Sie mich einmal an. Sitze ich hier nicht vor Ihnen, in jeder Hinsicht ganz so ein Mann, wie Sie selbst sind? Sehen Sie mein Gesicht an – sehen Sie meine Hände an – sehen Sie meinen Körper an« – und der junge Mann richtet sich stolz in die Höhe – »bin ich nicht so gut ein Mensch wie jeder andere? Nun hören Sie mich an, Mr. Wilson, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich hatte einen Vater, einen von Ihren vornehmen Kentuckiern – der nicht genug an mich dachte, um mich vor dem Schicksal zu bewahren, mit seinen Hunden und Pferden zur Deckung der Schulden nach seinem Tode verkauft zu werden. Ich sah meine Mutter mit ihren sieben Kindern zur gerichtlichen Auktion ausgestellt. Sie wurden alle vor ihren Augen verkauft, eins nach dem andern und alle an verschiedene Herren; und ich war das jüngste. Sie kniete vor meinem vorigen Herrn nieder und bat ihn, mich mit ihr zu verkaufen, damit sie wenigstens eins ihrer Kinder bei sich habe; und er stieß sie mit seinem schweren Stiefel von sich. Das sah ich mit an; und das letzte, was ich von ihr hörte, war ihr Gestöhn und ihr Gejammer, als er mich auf sein Pferd band, um mich mit auf sein Gut zu nehmen.«

»Und weiter?«

»Mein Herr machte mit einem der Leute Geschäfte und kaufte meine älteste Schwester. Sie war ein frommes, gutes Mädchen – hielt sich zu den Wiedertäufern – und war so schön, wie meine arme Mutter früher. Sie war gut erzogen und hatte gute Manieren. Anfangs war ich froh, daß sie gekauft war, denn ich hatte nun wenigstens eine befreundete Seele in meiner Nähe. Bald mußte ich andern Sinnes werden. Sir, ich habe an der Tür gestanden und habe sie drinnen auspeitschen hören, während es mir war, als ob mir jeder Hieb das nackte Herz zerschnitt, und ich konnte nichts tun, ihr zu helfen; und sie wurde ausgepeitscht, Sir, weil sie ein sittsames christliches Leben führen wollte, wozu Ihre Gesetze keinem Sklavenmädchen ein Recht geben; und zuletzt sah ich sie gefesselt in einer Sklavenkette nach Orleans zum Verkauf geschickt werden – bloß aus diesem einen Grunde wurde sie hingeschickt – und das ist das letzte, was ich von ihr gehört habe. Nun, ich wuchs zum Jüngling empor – Jahre auf Jahre vergingen – ohne Vater oder Mutter oder Schwester, oder sonst eine einzige lebendige Seele, die sich um mich soviel kümmerte, wie um einen Hund; nichts als Peitschen, Schelten, Darben. Ja, Sir, ich bin so hungrig gewesen, daß ich froh war, die Knochen zusammenlesen zu können, die man den Hunden hinwarf; und doch, als ich noch ein ganz kleiner Kerl war und ganze Nächte hindurch weinte, so weinte ich nicht wegen des Hungers oder wegen des Peitschens. Nein, Sir, ich weinte um meine Mutter und meine Schwestern, ich weinte, weil ich niemand auf Erden hatte, der mich liebte. Ich habe nie gewußt, was Ruhe oder Friede war. Man hat nie ein freundliches Wort mit mir gesprochen, bis ich Arbeit in Ihrer Fabrik erhielt. Mr. Wilson, Sie haben mich immer gut behandelt; Sie haben mich aufgemuntert, mich gut aufzuführen, und Lesen und Schreiben zu lernen, und zu versuchen, etwas aus mir zu machen; und Gott weiß, wie dankbar ich Ihnen dafür bin. Dann lernte ich meine Frau kennen; Sie haben sie gesehen, Sie wissen, wie schön sie ist. Als ich entdeckte, daß sie mich liebte, als ich sie heiratete, konnte ich kaum glauben, es sei kein Traum, so glücklich war ich; und Sir, sie ist ebenso gut, als sie schön ist. Aber wie wird es nun? Mein Herr nimmt mich von meiner Arbeit und meinen Freunden und allem, was ich lieb habe, weg, und drückt mich bis in den tiefsten Schmutz hinab! Und warum? Weil, sagte er, ich vergessen hätte, wer ich sei; er wolle mir zeigen, daß ich nur ein Nigger sei, sagte er! Um das Maß voll zu machen, trennte er mich noch zuletzt von meiner Frau und sagte, ich sollte ein anderes Weib nehmen. Und zu dem allen geben ihm Eure Gesetze die Macht trotz Gott und Menschen. Sehen Sie das, Mr. Wilson! Ihre Gesetze in Kentucky hier erlauben jede einzelne von den Sachen, welche die Herzen meiner Mutter und meiner Frau und mein Herz gebrochen haben, erlauben und geben jeglichem Manne die Macht dazu, und niemand darf nein dazu sagen! Nennen Sie das die Gesetze meines Vaterlandes? Sir, ich habe so wenig ein Vaterland, als ich einen Vater habe. Aber ich will mir eins verschaffen. Ich verlange nichts von Ihrem Vaterlande, als daß es mich ungeschoren läßt – daß es mich ruhig fort läßt; und wenn ich nach Kanada komme, wo mich die Gesetze anerkennen und beschützen, so soll dort mein Vaterland sein, und seinen Gesetzen will ich gehorchen. Aber wenn ein Mann versucht, hier mich aufzuhalten, so möge er sich in acht nehmen, denn ich bin ein verzweifelter Mann. Ich will für meine Freiheit streiten, bis zu meinem letzten Atemzug. Sie sagen, Ihre Väter hätten das getan; wenn die ein Recht dazu hatten, so habe ich auch ein Recht dazu!«

Diese Rede, die George teils am Tische sitzend, teils im Zimmer auf- und abschreitend, begleitet von Tränen, flammenden Blicken und verzweiflungsvollen Gebärden gehalten hatte, war zu viel für das weiche Herz des gutmütigen Alten, der ein großes seidenes Taschentuch herausgezogen hatte und sich jetzt das Gesicht mit großer Energie abrieb.

»Der Teufel hol sie alle!« brach er plötzlich heraus. »Habe ich es nicht immer gesagt – die verwünschten alten Lumpenkerle! Ich fluche doch nicht etwa! Nun macht, daß Ihr fortkommt, George, macht, daß Ihr fortkommt; aber seid vorsichtig, mein Junge; schießt niemanden, George, wenn nicht – nun – besser ist's, Ihr schießt nicht, rechne ich; wenigstens möchte ich niemanden treffen, wißt Ihr. Wo ist Eure Frau, George?« setzte er hinzu, als er in großer Aufregung aufstand und im Zimmer auf und ab zu gehen anfing.

»Fort, Sir – fort mit dem Kinde auf ihrem Arm, Gott weiß wohin. Sie ist dem Polarstern nachgegangen; und wenn wir uns wiedersehen, oder ob wir uns jemals auf dieser Welt wiedersehen, kann kein sterbliches Geschöpf wissen.«

»Ist's möglich! 's ist doch zum Erstaunen! Von einer so guten Familie?«

»Gute Familien geraten in Schulden, und die Gesetze unseres Landes gestatten, das Kind von der Mutter Brust weg zu verkaufen, um seines Herrn Schulden zu bezahlen«, sagte George mit Bitterkeit.

»Hm, hm«, sagte der ehrliche Alte und suchte in seinen Taschen herum. »Ich vermute, ich folge nicht ganz meiner bessern Einsicht. – Hols' der Henker, ich mag meiner bessern Einsicht nicht folgen!« setzte er plötzlich hinzu. »Hier, nehmt, George«, und er zog ein Päckchen Banknoten aus seiner Brieftasche und bot sie George an.

»Nein, mein lieber guter Herr!« sagte George. »Sie haben viel für mich getan, und das könnte Ihnen Unannehmlichkeiten machen. Ich habe Geld genug, um mich bis an den Ort zu bringen, den ich erreichen muß, hoffe ich.«

»Aber Ihr wißt, George, Geld ist eine große Hilfe überall; Ihr könnt nicht zu viel haben, wenn Ihr es auf ehrliche Weise erlangt. Hier – hier nehmt es nur, mein Bursche.«

»Unter der Bedingung, daß ich es Ihnen zu einer späteren Zeit wiederbezahle, will ich es annehmen«, sagte George und steckte das Geld ein.

»Und nun, George, wie lange gedenkt Ihr auf diese Weise zu reisen? – Nicht lange oder nicht weit, hoffe ich. Es ist gut durchgeführt, aber zu kühn. Und wer ist der schwarze Bursche?«

»Ein treuer Bursche, der vor länger als einem Jahre nach Kanada entfloh. Dort angekommen hört er, sein Herr sei so erzürnt über seine Flucht gewesen, daß er seine arme alte Mutter haben auspeitschen lassen; und er hat die ganze, weite Reise zurückgemacht, um ihr Trost zuzusprechen, und auch ihre Flucht vorzubereiten.«

»Hat er sie schon befreit?«

»Noch nicht; er hat sich in der Nähe der Besitzung, wo sie ist, herumgetrieben, aber noch keine Gelegenheit gefunden. Unterdessen fährt er mit mir bis nach Ohio, um mich bei Freunden einzuführen, die ihm geholfen haben, und dann will er die Mutter nachholen.«

»Gefährlich, sehr gefährlich!« sagte der Alte.

George richtete sich empor und lächelte verächtlich.

Der alte Herr sah ihn mit einer Art unschuldigen Staunens vom Kopf bis zu den Füßen an. »George, etwas hat eine wunderbare Veränderung in Euch hervorgebracht. Ihr tragt den Kopf hoch und benehmt Euch wie ein anderer Mensch«, sagte Mr. Wilson.

»Weil ich ein freier Mann bin!« sagte George mit Stolz. »Ja, Sir, ich habe zum letzten Male zu einem Menschen Master gesagt. Ich bin frei!«

»Nehmt Euch in acht! Ihr seid noch nicht sicher – man kann Euch noch fangen.«

»Alle Menschen sind frei und gleich im Grabe, wenn es dazu kommt, Mr. Wilson«, sagte George.

»Ich bin ganz stumm vor Staunen über Eure Kühnheit«, sagte Mr. Wilson, »hier keck in dem nächsten Wirtshause abzusteigen!«

»Mr. Wilson, es ist so kühn, und dieses Wirtshaus ist so nahe, daß sie keinen Verdacht schöpfen werden; sie suchen mich weit voraus, und Sie selbst würden mich nicht kennen. Jims Master wohnt nicht in dieser Grafschaft; man kennt ihn in hiesiger Gegend nicht. Außerdem hat man ihn aufgegeben; niemand sucht ihn, und mich wird niemand nach dem Steckbrief kennen, sollte ich meinen.«

»Aber das Brandmal in Eurer Hand.« George zog den Handschuh aus und zeigte eine kaum geheilte Narbe auf der Handfläche.

»Das ist ein Abschiedsgeschenk von Mr. Harris«, sagte er bitter. »Vor ungefähr 14 Tagen fiel es ihm ein, es mir zu geben, weil er mich in Verdacht hatte, daß ich nur auf eine Gelegenheit zur Flucht paßte, 's sieht sehr hübsch aus, nicht wahr?« sagte er und zog den Handschuh wieder an.

»Ich gestehe, mir erstarrt das Blut in den Adern, wenn ich daran denke – an Eure Lage und die Gefahren, denen Ihr Euch aussetzt!« sagte Mr. Wilson.

»Meines ist mir viele Jahre lang erstarrt, Mr. Wilson, jetzt aber ist es fast Siedhitze«, sagte George.

»Ja, ich sah gleich, daß Sie mich erkannten, guter Mr. Wilson«, fuhr George nach einigen Minuten des Schweigens fort; »ich hielt es deshalb fürs Beste, Sie beiseite zu nehmen und mit Ihnen zu sprechen, damit Ihr erstauntes Gesicht mich nicht verrate. Ich reise morgen früh, bevor es Tag wird, weiter; morgen nacht gedenke ich sicher in Ohio zu schlafen. Ich reise bei Tage, steige in den besten Gasthäusern ab, und setze mich mit den Herren des Landes zu Tische. So leben Sie wohl, Sir; wenn Sie hören, daß man mich eingeholt hat, so wissen Sie, daß ich tot bin!«

George stand aufrecht wie ein Fels und reichte ihm die Hand mit der Miene eines Prinzen. Der gutmütige Alte schüttelte sie ihm herzlich, und nach einigen weiteren Ermahnungen zur Vorsicht nahm er seinen Regenschirm und verließ das Zimmer.

Georges Blick haftete noch gedankenvoll auf der Tür, als der Alte sie hinter sich geschlossen hatte. Plötzlich schien ihm ein Gedanke durch den Kopf zu fahren. Er ging rasch nach der Tür, öffnete sie und sagte:

»Mr. Wilson, noch ein Wort!«

Der alte Herr kehrte wieder um, und George verschloß, wie vorhin, die Tür und blieb ein paar Sekunden lang stehen, unentschlossen den Fußboden anblickend. Endlich hob er, wie mit rascher Anstrengung, den Kopf und sagte: »Nun, George?«

»Was Sie vorhin sagten, ist wohl wahr, Sir. Ich setze mich in der Tat schrecklichen Gefahren aus. Es kümmert keine lebendige Seele auf Erden, wenn ich sterbe«, setzte er hinzu, indem er tief Atem holte und die Worte mit einiger Anstrengung hervorstieß. »Man wird mich mit dem Fuße fortstoßen und einscharren wie einen Hund, und niemand wird den Tag darauf an mich denken – niemand, außer meiner armen Frau! Die Beklagenswerte! Sie wird jammern und sich grämen; und wenn Sie's nur verrichten könnten, Mr. Wilson, ihr diese kleine Nadel zu überschicken! Sie hat sie mir als Weihnachtsgeschenk gegeben, die Arme! Geben Sie ihr die Nadel und sagen Sie ihr, daß ich sie bis zum letzten Augenblick geliebt habe. Wollen Sie das tun? Wollen Sie das wirklich tun?« sagte er mit innigem Ernst.

»Ja, gewiß, mein armer George!« sagte der alte Herr, indem er die Nadel mit feuchten Augen und einem melancholischen Zittern der Stimme nahm.

»Sagen Sie ihr noch eines«, sagte George, »es ist mein letzter Wunsch: Wenn sie nach Kanada gelangen kann, so soll sie hingehen. Mag ihre Herrin noch so gütig sein – mag es ihr in der Heimat auch noch so wohl gehen; bitten Sie sie, nicht wieder zurückzukehren – denn Sklaverei endet immer in Elend und Jammer. Sagen Sie ihr, sie solle unseren Knaben zum freien Mann erziehen, und dann wird er nicht so leiden, wie ich gelitten habe. Wollen Sie ihr das sagen, Mr. Wilson?«

»Ja, George, ich will es ihr sagen; aber ich bin überzeugt, Ihr werdet nicht sterben; faßt ein Herz, Ihr seid ein wackrer Bursche. Vertraut auf den Herrn, George. Ich wünschte von ganzem Herzen, Ihr wärt glücklich, ich wünsche es wahrhaftig.«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.