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Onkel Toms Hütte

Harriett Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHarriett Beecher Stowe
titleOnkel Toms Hütte
isbn3-88379-823-1
translatorW. E. Drugulin
firstpub1852
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid63f1e1b7
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9. Kapitel

Die Ware wird fortgeschafft

Der Februarmorgen blickte grau und regenhaft durch die Fenster von Onkel Toms Hütte herein. Er blickte auf niedergeschlagene Gesichter, die Bilder bekümmerter Herzen, herab. Der kleine Tisch stand vor dem Feuer mit einem Plättuch bedeckt; ein oder zwei Paar grobe aber reine Hemden frisch unter der Platte weg, hingen über der Stuhllehne vor dem Kamine, und Tante Chloe hatte ein zweites vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Sorgfältig plättete sie jede Falte und jeden Saum mit dem größten Fleiße und hob nur dann und wann ihre Hand an die Augen, um die Tränen abzuwischen, die ihr die Wangen herabliefen.

Tom saß daneben, das Neue Testament auf den Knien und den Kopf auf die Hand gestützt; aber keins von den beiden sprach. Es war noch früh, und die Kinder lagen noch alle nebeneinander auf ihrem kleinen Rollbett im Schlaf. Tom, der ganz das sanfte für Familienfreuden schlagende Herz hatte, welches, schlimm genug für dasselbe, dieses unglückliche Volk besonders auszeichnet, stand auf und trat schweigend vor das Bett der Kinder:

»Es ist das letzte Mal«, sagte er.

Tante Chloe antwortete nicht, sondern plättete nur in einem fort das grobe Hemd, das schon so glatt war, als es Menschenhände nur machen konnten; zuletzt aber ließ sie das Plätteisen mit einer verzweifelten Miene stehen, setzte sich an den Tisch und erhob ihre Stimme und weinte.

»Freilich sollten wir uns in unser Schicksal ergeben, aber, o Gott, wie kann ich das? Wenn ich nur wüßte, wohin du kämst, oder wie sie dich behandelten! Missis sagt, sie will sehen, daß sie dich in ein oder zwei Jahren wieder zurückkaufen kann; aber Gott, wer einmal dorthin geht, kommt nie wieder zurück! Sie machen sie tot dort! Ich habe erzählen hören, wie sie sie dort in ihren Plantagen zu Tode arbeiten.«

»Es ist derselbe Gott dort, wie hier, Chloe.«

»Nun ja, das mag wohl sein«, sagte Tante Chloe, »aber der Herr läßt manchmal schreckliche Dinge geschehen. Damit kann ich mich nicht trösten.«

»Ich bin in der Hand des Herrn«, sagte Tom; »nichts kann schlimmer werden, als er es zuläßt, und für eine Sache kann ich ihm immer noch danken, daß ich verkauft und hinuntergeschafft werde, und nicht du oder die Kinder. Hier seid ihr sicher; was geschieht, geschieht nur mir; und der Herr wird mir helfen – das weiß ich.«

O wackres, männliches Herz, das seinen eignen Schmerz erstickt, um die geliebten Seinigen zu trösten! Tom sprach mit schwerer Zunge und mit einem schmerzlichen Stocken in seiner Kehle – aber er sprach wacker und kräftig.

»Wir wollen an Gottes Gnade denken«, setzte er zitternd hinzu, als ob er vollkommen überzeugt sei, daß er daran wirklich recht sehr denken müsse.

»Gnade!« sagte Tante Chloe. »Ich sehe keine Gnade darin! Es ist nicht recht! Es ist nicht recht, daß es so ist! Master hätte es nie so weit kommen lassen sollen, daß du für seine Schulden könntest haften sollen. Du hast ihm schon zweimal mehr verdient, als er für dich kriegt. Er ist dir deine Freiheit schuldig, und hätte sie dir schon vor Jahren geben sollen. Kann sein, daß er sich jetzt nicht helfen kann; aber ich fühle, es ist unrecht. Das wird mir niemand aus dem Kopfe streiten. So getreu, wie du ihm gewesen bist, und hast immer sein Geschäft mehr als dein eignes am Herzen gehabt und mehr Rücksicht auf ihn genommen, als auf deine Frau und deine Kinder! Die, welche Herzensliebe und Herzensblut verkaufen, um ihre dummen Streiche wiedergutzumachen, wird der Herr strafen!«

»Chloe! Wenn du mich lieb hast, darfst du nicht so reden, heute, wo vielleicht der letzte Tag ist, wo wir beisammen sind! Und ich sage dir, Chloe, es geht mir zu Herzen, wenn ich ein Wort gegen Master höre. Hat ihn mir nicht seine Mutter als Wiegenkind in die Arme gelegt? – Es ist natürlich, daß ich viel auf ihn halte. Und es läßt sich von ihm nicht erwarten, daß er so viel auf den armen Tom hält. Master sind gewohnt, daß ihre Leute alles das für sie tun, und natürlich legen sie kein so großes Gewicht darauf. Es läßt sich nicht von ihnen erwarten, in keiner Weise. Vergleiche ihn mit andern Herren. – Wer hat eine solche Behandlung und solches Leben wie ich gehabt? Und er hätte es nie soweit mit mir kommen lassen, wenn er es hätte voraussehen können. Das weiß ich von ihm –«

»Na, mag sein, jedenfalls ist's unrecht irgendwo«, sagte Tante Chloe, bei der ein hartnäckiges Gefühl für Recht ein hervorstechender Charakterzug war; »ich kann freilich nicht herausfinden, wo's ist, aber Unrecht ist wo, das ist klar.«

»Du mußt hinauf zu dem Herrn sehen, er ist über uns allen – ohne ihn fällt kein Sperling vom Dache.«

»Das kommt mir nicht vor, als ob mich das tröstete, aber vielleicht die anderen«, sagte Tante Chloe. »Doch das Reden hilft nichts: Ich will nach dem Maiskuchen sehen und dir noch ein gutes Frühstück zurechtmachen, weil niemand weiß, ob du wieder einmal eins bekommst.«

Um die Leiden der nach dem Süden verkauften Neger würdigen zu können, muß man bedenken, daß die Gemütsseite bei diesem Volke besonders stark ausgebildet ist. Sie hängen mit großer Liebe an der einmal gewohnten Umgebung. Sie sind nicht von Natur kühn und unternehmend, sondern häuslich und liebevoll. Dazu muß man noch alle die Schrecken rechnen, mit welcher die Unwissenheit das Unbekannte ausstattet, und den Umstand, daß das Verkaufen nach dem Süden dem Neger von Kindheit an als die härteste Strafe dargestellt worden ist.

Das einfache Frühstück dampfte jetzt auf dem Tisch, denn Mrs. Shelby hatte für diesen Morgen Tante Chloe ihres Dienstes im großen Hause entbunden. Die Arme hatte ihre ganze Kraft an diesem Abschiedsmahl verschwendet, hatte ihr bestes Huhn geschlachtet und gebraten, den Maiskuchen mit gewissenhaftester Sorgfalt genau nach dem Geschmack ihres Gatten gebacken und aus gewissen geheimnisvollen Töpfen auf dem Kaminsims verschiedenes Eingemachte hervorgeholt, das nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten das Tageslicht erblickte.

»Ah Pete!« sagte Mose frohlockend. »Kriegen wir heut' nicht ein Prachtfrühstück!« und griff nach einem Stück von dem Huhne. Tante Chloe gab ihm eins unerwartet hinter die Ohren. »Da hast du! Schreit über das letzte Frühstück, das Vater zu Hause ißt!«

»O Chloe!« sagte Tom sanft.

»Ach ich kann nicht dafür«, sagte Tante Chloe und verhüllte das Gesicht mit der Schürze. »Ich habe das Herz so voll Sorge, daß ich ganz garstig bin.«

Die Knaben standen ganz ruhig da und sahen erst ihren Vater und dann ihre Mutter an, während das Kleinste sie an dem Kleide zerrte und nach ihr verlangend schrie.

»So!« sagte Tante Chloe, indem sie sich die Augen wischte und das Kleinste auf den Arm nahm. »Jetzt ist's vorbei, hoffe ich – jetzt iß etwas. Das ist mein bestes Huhn. Da, Jungen, ihr sollt auch was haben, arme Kinder! Mutter ist garstig gegen euch gewesen.«

Die Knaben bedurften keiner zweiten Einladung und fielen mit großem Eifer über das Essen her.

»Nun muß ich deine Kleider einpacken«, sagte Tante Chloe, die nun nach dem Frühstück herumschäfterte. »'s ist im Grunde ganz umsonst, denn er nimmt sie doch weg. Ich kenne ihre Art – schmutzige Kerle sind's! Hier in der Ecke liegen die Flanelljacken für den Rheumatismus, nimm sie in acht, denn es wird dir niemand mehr welche machen. Und hier sind die neuen Hemden und da die alten; die Strümpfe habe ich gestern abend angestrickt und den Knaul hineingesteckt, um sie zu flicken. Aber Gott! Wer soll sie dir flicken?« Und Tante Chloe legte abermals von Schmerz überwältigt den Kopf auf den Koffer und schluchzte laut. »Nur daran zu denken! Kein lebendiges Geschöpf, das für dich sorgt in Gesundheit und Krankheit. Ich glaube wahrhaftig nicht, daß ich es aushalten kann.«

Da die Knaben jetzt alles, was auf dem Tische stand, gegessen hatten, fingen sie nun auch an, der Sache einiges Nachdenken zu widmen, und da sie die Mutter weinen und den Vater ein sehr trauriges Gesicht machen sahen, so begannen sie auch zu flennen und mit der Hand die Augen zu wischen. Onkel Tom hatte das Kleinste auf dem Knie sitzen und ließ es im vollsten Genuß in seinem Gesicht herumkratzen und an seinen Haaren zerren – wobei es manchmal in lautes Jauchzen, offenbar von seinen eignen inwendigen Gedanken veranlaßt, ausbrach.

»Ja, lach nur zu, du armes Geschöpf!« sagte Tante Chloe. »Du wirst es auch noch erfahren! Du wirst es auch noch erleben, daß sie deinen Mann verkaufen oder vielleicht dich selber, und diese Jungen hier werden wahrscheinlich auch verkauft, glaube ich, wenn sie zu was gut werden; Nigger, die nichts haben, sind nichts nutz!«

Jetzt rief einer von den Knaben aus: »Da kommt Missis zu uns!«

»Sie kann uns nicht helfen, wozu kommt sie?« sagte Tante Chloe.

Mrs. Shelby trat ein. Tante Chloe setzte ihr mit einer entschiedenen mürrischen und herben Miene einen Stuhl hin. Sie schien weder den Stuhl noch den Blick zu bemerken. Sie sah blaß und angegriffen aus.

»Tom«, sagte sie, »ich komme, um –« und sie stockte plötzlich, sah die stumme Gruppe an, setzte sich auf den Stuhl, hielt das Taschentuch vor's Gesicht und fing an zu schluchzen.

»Ach Gott, Missis, nur das nicht!« sagte Tante Chloe, die nun auch losbrach, und ein paar Augenblicke lang weinten alle in Gesellschaft, und in diesen Tränen, welche alle, die Hohen und die Niedrigen zusammen vergossen, floß das Herzeleid und der Zorn der Bedrückten hinweg.

»Guter Tom«, sagte Mrs. Shelby, »ich kann dir nichts geben, was dir von Nutzen sein könnte. Wenn ich dir Geld geben wollte, würde man dir es nur wegnehmen. Aber ich versichere dir auf das feierlichste und rufe Gott zum Zeugen an, daß ich stets deine Spur verfolgen und dich zurückkaufen werde, sowie ich das Geld habe; bis dahin vertraue auf Gott!«

Hier riefen die Knaben, daß Master Haley komme, und bald darauf stieß jemand mit dem Fuß ohne Umstände die Tür auf. Haley trat in sehr übler Laune herein; denn er hatte den Abend vorher einen sehr angestrengten Ritt gemacht, und der schlechte Erfolg seiner Jagd hatte ihn nicht heiterer gestimmt.

»Nun, Nigger, bist du fertig?« sagte er. »Ihr Diener, Ma'am!« setzte er hinzu und nahm den Hut ab, als er Mrs. Shelby erblickte.

Tante Chloe schloß und schnürte den Koffer zu und stand dann auf und sah den Sklavenhändler grimmig an, und ihre Tränen schienen sich plötzlich in feurige Funken verwandelt zu haben.

Tom stand gehorsam auf, um seinem neuen Herrn zu folgen, und hob den schweren Koffer auf die Schulter. Seine Frau nahm das Kleinste auf den Arm, um ihn bis an den Wagen zu begleiten, und die anderen Kinder folgten immer noch weinend hinten nach.

Mrs. Shelby hielt den Sklavenhändler noch ein paar Augenblicke zurück und sprach mit ihm angelegentlich; und während sie mit ihm redete, ging die ganze Familie nach dem Wagen, der angespannt vor der Tür stand. Alle Sklaven des Gutes, jung und alt, standen in einem dichten Haufen ringsherum, um von ihrem alten Kameraden Abschied zu nehmen. Alle hatten zu Tom sowohl als ersten Diener, wie als christlichem Lehrer emporgeblickt, und sie legten viel ehrliche Teilnahme und Betrübnis an den Tag, vorzüglich die Frauen.

»Nun, Chloe, du trägst es besser als wir«, sagte eine von den Frauen, die reichlich geweint hatte, als sie die düstere Ruhe sah, mit der Chloe an dem Wagen stand.

»Mit meinen Tränen ist's vorbei«, sagte sie und warf einen ingrimmigen Blick auf den Sklavenhändler, der jetzt herankam. »Ich mag nicht vor diesem alten Teufelsbraten weinen, gewiß nicht!«

»Steige ein!« sagte Haley zu Tom, als er durch die versammelten Sklaven hindurchschritt, die ihn mit finsteren Blicken ansahen.

Tom stieg ein, und Haley zog nun unter dem Wagensitz ein paar schwere Fesseln hervor und befestigte eine derselben an jeden Knöchel.

Ein erstickter Ausruf der Entrüstung lief durch den ganzen Kreis, und Mrs. Shelby rief von der Veranda herüber: »Mr. Haley, ich versichere Ihnen, daß diese Vorsichtsmaßregel ganz unnötig ist.«

»Weiß nicht, Ma'am; ich habe einmal fünfhundert Dollar hier verloren, und mich weiteren Gefahren auszusetzen, erlauben mir meine Mittel nicht.«

»Wie konnte man es anders von ihm erwarten«, sagte Tante Chloe entrüstet; während die beiden Knaben, die jetzt erst ihres Vaters Bestimmung zu begreifen schienen, sich an ihren Rock klammerten und laut schluchzten und weinten.

»Es tut mir leid«, sagte Tom, »daß Master George gerade nicht da ist.« George war auf zwei oder drei Tage nach einem benachbarten Gut auf Besuch gegangen, und da er sehr zeitig früh, ehe Toms Mißgeschick bekannt gewesen, weggeritten war, so war er in gänzlicher Unkenntnis von demselben geblieben.

»Grüßt Master George von mir«, sagte er im dringlichsten Tone.

Haley peitschte auf das Pferd, und mit einem festen, trauervollen Blicke, der noch bis zuletzt an den lieben bekannten Dingen haftete, fuhr Tom in die Fremde.

Mr. Shelby war nicht zu Hause geblieben. Er hatte Tom unter dem Zwang dringender Not verkauft, um sich aus der Gewalt eines von ihm gefürchteten Mannes zu erlösen, und sein erstes Gefühl nach Abschluß des Kaufs war das der Erleichterung gewesen. Aber die Vorstellungen seiner Frau weckten die halb schlummernde Reue in ihm, und Toms uneigennützige Hingebung machte seine Gefühle nur noch unangenehmer. Vergebens sagte er zu sich selbst, daß er ein Recht dazu habe, daß es jedermann tue, und daß es manche täten, ohne die Entschuldigung zu haben, von der Not dazu gezwungen zu sein; er konnte sich damit nicht beruhigen; um nicht Zeuge der unangenehmen Szenen beim Vollzug des Kaufes zu sein, hatte er eine kleine Geschäftsreise angetreten und hoffte, alles werde vorbei sein, wenn er zurückkehrte.

Tom und Haley rollten auf der staubigen Straße dahin, und alle die alten vertrauten Plätze flogen an ihm vorüber, bis sie die Grenzen der Besitzung hinter sich hatten und sich auf der freien Landstraße befanden. Als sie eine Meile gefahren waren, machte Haley plötzlich vor einer Schmiede halt, nahm ein paar Handschellen heraus und trat damit in die Schmiede, um sie ändern zu lassen.

»Sie sind ein bißchen zu klein für ihn«, sagte Haley, indem er die Fesseln dem Schmied zeigte und auf Tom wies.

»Was, ist das nicht Shelbys Tom? Er hat ihn doch nicht verkauft?« sagte der Schmied.

»Ja, er hat ihn verkauft«, sagte Haley.

»Na, das ist doch kaum zu glauben!« sagte der Schmied. »Hm, hm! Wer hätte das denken sollen! Na, den brauchen Sie nicht so zu fesseln. Er ist der treuste, beste Bursche –«

»Ja, ja«, sagte Haley, »aber die guten Burschen sind eben die, die immer fortlaufen wollen. Die Dummen, denen es gleich ist, wohin sie kommen, und die Liederlichen und Trunkenbolde, denen alles gleich ist, die bleiben, und es gefällt ihnen eher, daß mit ihnen hin und her gehandelt wird; aber diese Nigger erster Klasse hassen es wie die Sünde. Die muß man schließen – sie haben Beine – und werden sie gebrauchen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Freilich, die Plantagen unten, Fremder, sind gerade nicht der Fleck, wo ein Kentuckynigger gern hingeht«, sagte der Schmied, während er unter seinen Instrumenten suchte, »sie sterben dort ziemlich rasch weg, nicht wahr?«

»Jawohl, sie sterben ziemlich rasch dort, teils durch's Klima und teils durch das und jenes sterben sie rasch hin, so daß der Handel immer ziemlich lebhaft geht«, sagte Haley.

»'s ist wirklich schade, daß so ein hübscher, stiller, tüchtiger Bursche, wie der Tom ist, in diesen Zuckerplantagen zugrunde gerichtet werden soll.«

»Na, er hat gute Aussichten. Ich habe versprochen, ihn gut zu behandeln. Ich bringe ihn als Hausdiener in eine gute alte Familie, und wenn er dann erst sich an das Fieber und das Klima gewöhnt hat, so hat er eine Stelle, wie sie nur ein Nigger beanspruchen kann.«

»Er läßt hier Frau und Kinder zurück, glaube ich.«

»Jawohl, aber dort kriegt er eine andere. Gott, Weiber gibt's genug überall«, sagte Haley.

Tom saß während dieses Gesprächs sehr bekümmert draußen vor der Schmiede. Plötzlich hörte er raschen Hufschlag hinter sich, und ehe er sich vollständig von seinem Erstaunen erholen konnte, sprang der junge Master George in den Wagen, fiel ihm stürmisch um den Hals und schluchzte und schimpfte mit großer Energie.

»'s ist eine Gemeinheit, sage ich! 's ist mir ganz gleich, was alle die andern dazu sagen! 's ist eine schmutzige, niedrige Gemeinheit! Wenn ich ein Mann wäre, sollten sie es nicht tun – sie sollten's nicht tun, nein!« sagte George, mit halb unterdrücktem Geheul.

»Oh, Master George! Das tut meinem Herzen gut!« sagte Tom. »Ich hätte es nicht aushalten können, fortzugehen, ohne von Ihnen Abschied zu nehmen! Es tut meinem Herzen wirklich gut! Ich kann gar nicht sagen, wie!« Hier machte Tom eine Bewegung mit den Füßen, und Georges Augen fielen auf die Fesseln.

»Wie schändlich!« rief er aus und erhob die Hände. »Ich schlage diesen Kerl zu Boden – wahrhaftig!«

»Das tun Sie nicht, Master George; und Sie dürfen nicht so laut sprechen, 's ist nicht gut für mich, wenn Sie ihn ärgern.«

»Nun so will ich's nicht tun, deinetwegen, aber nur daran zu denken – ist's nicht eine Schande? Sie haben nicht nach mir geschickt und mir auch nichts sagen lassen, und wäre Tom Lincoln nicht gewesen, so hätte ich gar nichts davon gehört. Ich sage dir, ich habe sie zu Hause schon ausgeschimpft, alle ohne Ausnahme!«

»Das, fürchte ich, war nicht recht, Master George.«

»Ich kann nicht dafür! Ich sage, es ist eine Schande! Sieh her, Onkel Tom«, sagte er, indem er der Schmiede den Rücken zukehrte und in geheimnisvollem Tone sprach, »ich habe dir meinen Dollar mitgebracht!«

»O! Ich könnte es nicht über das Herz bringen, ihn zu nehmen, Master George, um alles in der Welt nicht«, sagte Tom ganz gerührt.

»Aber du mußt ihn nehmen!« sagte George. »Sieh her, ich sagte es Tante Chloe, und sie gab mir den Rat, ein Loch hineinzumachen und einen Faden durchzuziehen, so daß du ihn um den Hals hängen und verstecken kannst, sonst würde ihn dir der gemeine Bursche wegnehmen. Ich sage dir, Tom, ich muß ihn ausschelten! Das würde meinem Herzen eine Güte tun!«

»Nein, Master George, tun Sie es nicht, denn es würde nicht gut für mich sein.«

»Nun deinetwegen will ich's unterlassen«, sagte George, indem er geschäftig Tom den Dollar um den Hals band, »aber jetzt knöpfe deinen Rock fest darüber zu und behalte ihn, und denke stets, wenn du ihn ansiehst, daran, daß ich dereinst zu dir kommen und dich zurückbringen werde. Tante Chloe und ich haben es zusammen besprochen. Ich sagte ihr, sie sollte sich nicht bange werden lassen; ich will dafür sorgen und dem Vater das Leben schwermachen, wenn er es nicht tut.«

»O Master George, Sie dürfen nicht so von Ihrem Vater sprechen!«

»Ach, Onkel Tom, ich meine es ja nicht böse.«

»Und jetzt, Master George, noch ein paar Worte«, sagte Tom. »Sie müssen ein guter Sohn bleiben; bedenken Sie, wie viele Herzen auf Sie hoffen. Halten Sie sich immer an Ihre Mutter. Gewöhnen Sie sich nicht die törichte Weise von manchen Knaben an, die zu groß werden, um sich noch um ihre Mutter zu bekümmern. Ich sage Ihnen, Master George, der Herr schenkt dem Menschen gar viele Dinge zweimal. Aber Sie werden nie wieder eine solche Frau sehen, Master George, und wenn Sie hundert Jahre alt werden. Also halten Sie an ihr fest und werden Sie groß und seien Sie ihr ein Trost, mein guter Herzensknabe – nicht wahr, George?«

»Ja, das will ich, Onkel Tom«, sagte George voll Ernst.

»Und nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht, Master George; Knaben in Ihrem Alter sind manchmal leichtsinnig und unartig – es ist nur natürlich. Aber wirkliche Gentlemen, wie Sie gewiß einer werden, lassen nie ein Wort fallen, das unehrerbietig gegen die Eltern wäre. Sie sind nicht böse, Master George?«

»Nein, gewiß nicht, Onkel Tom; du hast mir immer guten Rat gegeben.«

»Ich bin älter, wissen Sie ja«, sagte Tom und streichelte mit seiner großen starken Hand des Knaben schönen lockigen Kopf, sprach aber in einem Tone, der so zärtlich war, wie der eines Weibes. »Und ich sehe alles, was in Ihnen verborgen ist. Oh, Master George, Sie besitzen alles – Gelehrsamkeit, Privilegien, Lesen, Schreiben –, und Sie werden zu einem großen, gelehrten, guten Manne heranwachsen, und alle Leute auf dem Gute und Mutter und Vater werden stolz auf Sie sein! Seien Sie ein guter Herr, wie Ihr Vater, und ein Christ, wie Ihre Mutter. Gedenken Sie Ihres Schöpfers in den Tagen Ihrer Jugend, Master George.«

»Ich will wirklich gut sein, Onkel Tom, das versichere ich dir«, sagte George. »Ich will einer der ersten Sorte werden; und laß den Mut nicht sinken. Ich hole dich noch zurück aufs Gut. Wie ich Tante Chloe heute morgen sagte, will ich dir dein Haus ganz neu bauen, und du sollst ein Zimmer zur Wohnstube mit einem Teppich drin haben, wenn ich erst erwachsen bin. Oh, du sollst noch gute Zeiten haben.«

Haley erschien jetzt an der Tür, die Handschellen in der Hand.

»Mr. Haley«, sagte George mit einer Miene großer Überlegenheit, während er aus dem Wagen stieg, »ich werde Vater und Mutter wissen lassen, wie Sie Onkel Tom behandeln.«

»Ganz, wie's beliebt«, sagte der Händler.

»Ich sollte meinen, Sie müßten sich schämen, Ihr ganzes Leben lang Männer und Frauen zu kaufen und sie zu schließen wie Vieh! Ich sollte meinen, Ihr müßtet Euch recht gemein vorkommen!« sagte George.

»Solange Ihr vornehmen Leute Männer und Weiber kauft, bin ich so gut als Ihr«, sagte Haley. »'s ist nicht gemeiner, sie zu verkaufen als zu kaufen!«

»Ich werde niemals eins von beiden tun, wenn ich erst ein Mann bin«, sagte George. »Ich schäme mich heute, ein Kentuckier zu sein. Ich war früher immer stolz darauf.« Und George saß sehr gerade auf seinem Pferde und sah sich mit einer Miene um, als ob er erwarte, daß seine Meinung auf den ganzen Staat einen großen Eindruck machen müsse.

»Nun leb wohl, Onkel Tom; bleib guten Muts«, sagte George.

»Leben Sie wohl, Master George«, sagte Tom und sah ihn zärtlich und bewundernd an. »Der allmächtige Gott behüte Sie! Ach! Kentucky hat nicht viel Söhne wie dieser ist!« sagte er in der Fülle seines Herzens, als er des Knaben offenes Gesicht aus den Augen verlor. Er ritt fort, und Tom sah ihm nach, bis der Schall der Hufschläge sich in der Ferne verlor – es war der letzte Ton und der letzte Anblick aus der Heimat. Aber über seinem Herzen schien eine warme Stelle zu sein, wo die jugendlichen Hände den kostbaren Dollar hingelegt hatten. Tom faßte mit der Hand danach und drückte ihn dicht ans Herz.

»Ich will dir was sagen, Tom«, sagte Haley, als er an den Wagen trat und die Handschellen hineinwarf, »ich will im Guten mit dir anfangen, wie ich es meistens mit meinen Niggern mache, und ich sage dir jetzt gleich zum Anfang, wenn du mich gut behandelst, so behandle ich dich auch gut, ich bin nie hart gegen einen Nigger. Versuche immer das beste, was ich tun kann, für sie zu tun. Also siehst du, es ist besser, du setzest dich ruhig hin und versuchst keine Streiche, weil ich in Niggerstreiche jeder Art eingeweiht bin und sie bei mir nichts helfen. Wenn sich Nigger ruhig halten und nicht versuchen fortzulaufen, so haben sie es gut bei mir, und halten sie sich nicht ruhig, nun so ist es ihr Fehler und nicht meiner.«

Tom versicherte Haley, daß er für jetzt nicht die Absicht habe fortzulaufen. In der Tat erschien die Ermahnung ziemlich überflüssig bei einem Manne, der schwere Eisenfesseln an den Füßen schleppte. Aber Mr. Haley hatte sich gewöhnt, den Besitz seiner Ware mit kleinen Ermahnungen dieser Art anzutreten, welche seiner Meinung nach Heiterkeit und Vertrauen einflößten und spätere unangenehme Auftritte unnötig machten.

Und hier nehmen wir vorderhand von Tom Abschied, um uns nach dem Schicksal anderer Personen unserer Geschichte umzusehen.

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