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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Viertes Kapitel

Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz!

 

In dem abgelegenen Dorfkirchlein des südwestlichen Seelandes, das Kaja zu ihrer Hochzeit gewählt hatte, schien die Sonne friedlich auf die weißgetünchten Mauern und spielte in den Rissen der alten Leichensteine, die in die Wände eingelassen waren.

Es war einer der wenigen richtigen Frühlingstage, die der März bietet. Die ersten Lerchen sangen mit dem Läuten der Glocken um die Wette, und ringsum auf den großen, weiten Feldern leuchtete die Winterfrucht saftig grün mit schneebedeckten Stellen am Grabenrand. Der alte Pfarrer stand in der Kirche vor der Sakristei, die Arme auf den Altar gelehnt, und wartete auf das Brautpaar, das kommen sollte. Durch das Fenster im Chor schien die Sonne in einem breiten, warmen Streifen auf sein weißes Haar.

Es gibt nichts Liebenswürdigeres auf der Welt, als so einen weißhaarigen alten Landpfarrer. Ich denke dabei nicht an solche, die ihrer eigenen Behaglichkeit gelebt haben und mit einem leutseligen Gesellschaftslächeln, das die Leute auf den Glauben bringt, daß sie etwas ausgerichtet hätten, durch die Welt gegangen sind – ebensowenig denke ich an solche, die in ihrer Jugend von einer Versammlung zur anderen gefahren sind und geglaubt haben, es sei eine Seele verloren gegangen, wenn die Reihe des Redens nicht an sie gekommen war – noch an solche, die in ihrem Mannesalter es gar so wichtig hatten, über andere zu urteilen, so daß sie ganz vergaßen, über sich selbst das Urteil zu fällen, und die in ihrem Alter jenen harten Zug um den Mund bekamen, der Zeugnis davon gibt, daß man nicht in Liebe alt geworden ist. Nein, ich denke an die Stillen im Lande, von denen man redet, wenn sie gestorben sind, weil über ihnen, als sich das Alter ihnen nahte, die Weihe des Friedens lag, der niemand widerstehen kann – weil ihre Augen so freundlich waren und ihre Hände so weich, weil ihr Glaube so groß und ihre Gedanken so mild waren. Von ihnen gilt das Wort, daß sie nicht »mit der Welt leben, auch nicht außer der Welt, sondern in der Welt«, denn nichts Menschliches ist ihnen fremd.

Der alte Pfarrer, den die Sonne beschien, war nun gerade einer von diesen Stillen im Lande.

Er hatte auch seine Sturm- und Drangperiode gehabt. Aus einer geistig regen jütischen Gegend, wo man ihn geliebt und verstanden hatte, wo seine Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war, und wo die Zuhörer viele Meilen weit herkamen, war er unter eine träge Bevölkerung auf Seeland geraten, wo seine ganze Zuhörerschaft aus der Apothekersfrau mit ihren zwei Töchtern und drei alten Spittelweibern bestand.

»Ich habe es gewiß verdient, daß ich ein wenig »getunkt« werde, Mutter,« sagte er zu seiner kleinen bleichen Frau. »Ich war allmählich zu sehr in die Mode gekommen. Es ist immer ein schlimmes Zeichen, wenn ein Pfarrer auf seine Zuhörer stolz ist.«

»Ja, auf deine jetzigen kannst du allerdings nicht stolz sein,« erwiderte sie und dachte dabei an die leeren Kirchenstühle und die sechs Menschen darin.

Aber langsam und sicher, nach vierzehnjähriger, unermüdlicher Arbeit, waren aus diesen sechshundert geworden.

An einem der ersten Sonntage, wo der Pfarrer nach der Kirche ging, sah er vor dem Pfarrhaus einen Bauern, der auf seinem Feld pflügte.

»So, du pflügst heute?« sagte er.

»Ja wohl,« lautete die lakonische Antwort.

Der Pfarrer nickte ein paarmal wie in Gedanken vor sich hin.

»Ja, ja,« sagte er dann, »es ist immerhin besser, wenn man auf seinem Feld umhergeht und an Gott denkt, als daß man in der Kirche sitzt und an seinen Acker denkt.«

Der Bauer sah dem Pfarrer nach, als dieser weiter ging, aber am nächsten Sonntag war er in der Kirche. Mit der Zeit kamen immer mehr. Die größte Verwunderung erregte es, als auch der Ortsarzt seinen Platz unter der Kanzel einnahm. Der Pfarrer hatte ihn bei einem Krankenbesuch getroffen, wo er mit seiner gewöhnlichen Offenherzigkeit erklärte, daß es wahrhaftig einerlei sei, ob der Kranke noch mit dem Pfarrer sprechen könne oder nicht, denn das Christentum könne den Menschen doch nichts anderes lehren, als das Leben auch. Darauf hatte der alte Pfarrer einen Augenblick geschwiegen, dann aber hatte er den Arm um des Doktors Schulter gelegt und gesagt:

»Kann das Leben die Menschen auch fröhlich sterben lehren?«

»Nein, das ist zu viel verlangt,« sagte der Doktor lächelnd.

»Das Christentum kann es.«

Der Doktor hatte nichts erwidert. Er hatte nur die Tür zu dem Kranken aufgemacht – weit auf. Aber am nächsten Sonntag saß er in der Kirche – und nach einiger Zeit kam er aufs neue – –

Nun hielt ein geschlossener Wagen vor dem Tor des Kirchleins, und der Küster im Turm hörte auf zu läuten. Aus seinem Guckloch betrachtete er neugierig die Ankommenden; die Braut, die im Reisekleid war, ging am Arm ihres Vaters, und hinter ihr kamen zwei Personen, die nicht das Geringste miteinander zu schaffen zu haben schienen, die aber trotzdem mit in die Kirche gingen – nämlich Peter Dam und Onkel Franz. Eine ärmliche kleine Zimmerorgel begann zu spielen, als die Gesellschaft eintrat, und am Altar stand der Pfarrer und wartete auf sie.

Peter Dam war gerührt; gleich bei den ersten Tönen der Orgel ward er es, und so oft er zu Kaja hinübersah, füllten seine Augen sich mit Tränen.

Der Ort, die Umgebung, der Ernst des Augenblicks hatten die Rührung bewirkt. Peter Dam war leicht ergriffen – das lag in seinem Temperament. Er hatte mit den meisten Schauspielern das gemein, daß er, so wie er andere leicht zu rühren verstand, selbst auch schnell gerührt wurde; und das Gerührtsein kleidete ihn gut.

Kaja sah Onkel Franz mit einem Blicke an, der zu sagen schien: »Siehst du, wie schön er ist? Und wie gut!« Aber Onkel Franz sah überall sonst hin, nur nicht auf Kaja. Er studierte die Stellen an der getünchten Wand, wo der Gyps abgefallen war, und die steinernen Verzierungen an dem Taufstein. Er versenkte sich vollständig in das Studium zweier Leichensteine zu seinen Füßen, und schließlich sah er den Pfarrer an. Als er diesen eine kleine Weile betrachtet hatte, nickte er langsam, als wolle er sagen: »Du gefällst mir.« Onkel Franz war ein Anhänger Sören Kirkegaards und hatte einen wahren Schrecken vor einem gewohnheitsmäßigen Christentum. Er selbst ging selten oder nie in eine Kirche, aber daheim über seinem Schreibtisch hing ein großes Kruzifix, und darunter standen alle Schriften Sören Kirkegaards in steifen braunen Lederbänden; da hielt Onkel Franz seinen Gottesdienst.

Das Lied war gesungen, und das Brautpaar trat vor. Der Pfarrer stand am Altar und sah mit seinen milden Augen auf es herab.

Er konnte die Augen der Braut nicht recht sehen. Da nahm er einen Augenblick seine Brille ab und begann sie mit seinem Taschentuch zu putzen, um besser sehen zu können.

Aber Kaja sah ihn nicht an; ihre Augen suchten Onkel Franz, der ein paar Meter von ihr entfernt auf der anderen Seite saß. Daß er gar nicht aufsah! Daß er nicht einen einzigen Blick für sie übrig hatte!

Es war ihr, als müsse sie irgend etwas tun, um ihn zum Aufschauen zu bewegen. Aber Onkel Franz hatte sich, gleich nachdem das Lied gesungen war, vorgebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in die Hände vergraben. Während der ganzen Rede schaute er nicht ein einzigesmal auf. Da wurde Kaja plötzlich von diesem Gepräge der Einsamkeit und des Kummers, das über seiner ganzen Gestalt lag, betroffen, und wie ein Blitz durchfuhr es sie: Du bist es, um die er trauert! Die siebzehn Jahre Altersunterschied, die bisher das Verhältnis zwischen ihnen so ganz kameradschaftlich gemacht hatten, waren auf einmal wie ausgelöscht, und zurück blieb nur der Mann, dem sie ihr Vertrauen geschenkt und dessen Vertrauen sie auch erhalten hatte. Was hatte sie im Grunde Peter Dam bis zu diesem Tag gegeben, und was hatte sie von ihm dafür erhalten? Nur flüchtige Worte und verliebte Gedanken!

Wenn sie nun an ihn dachte, kam es ihr vor, als ob sie ihn eigentlich gar nicht recht kenne. Es war ihr, als sei sie treulos gegen Onkel Franz gewesen. Wie rasche Blitze fuhren ihr Erinnerungen durch den Kopf an eine Liebe, die für sie aufgespart worden war, von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag, und die in tausend kleinen Zügen Ausdruck gefunden hatte, die nur sie und er kannten – lange Spaziergänge, die sie miteinander unternommen, feine, kleine Beobachtungen, die sie zusammen gemacht, tiefe, ernste Gespräche, die sie geführt hatten.

Da war es ihr, als müsse sie seinen Namen in die Kirche hineinrufen, um damit die heilige Handlung zu unterbrechen, ehe es zu spät sei. Aber es war, als könne sie die Lippen nicht öffnen, und er bewegte sich auch nicht ein einzigesmal unter ihrem Blick – auch nicht eine einzige kleine Bewegung mit den Fingern konnte sie wahrnehmen.

»So frage ich dich, Kaja Halling –«

Sie fuhr zusammen und fühlte, wie sie bis in die Lippen hinein erblaßte. Die Augen des alten Pfarrers ruhten fragend auf ihr, und sie merkte, daß er gleichsam zögerte, um ihr Zeit zum Antworten zu lassen. Beinahe mechanisch wendete sie ihre Augen von Onkel Franz ab und richtete sie auf Peter Dam, dessen schönes, bewegtes Gesicht eben vom Sonnenschein übergossen war. Und plötzlich war es ihr, als ob all das, was sie vorhin gedacht hatte, nur ein verwirrter Traum gewesen sei. Peter Dam war die Jugend! Peter Dam war die Schönheit! Obzwar von ihm gerade das galt, was Onkel Franz damals meinte, als er gesagt hatte: »In der Liebe darfst du dich nur mit dem Besten begnügen,« das wußte sie nicht, aber – sie hoffte es.

Und sie tat, was so viele Frauen vor ihr getan haben und was so viele Frauen nach ihr tun werden: sie sündigte gegen das Wahrste in der Persönlichkeit – sie ließ sich mit dem Besten und Tiefsten in sich selbst auf einen Vergleich ein.

Nach der Trauung beglückwünschte der alte Pfarrer die Gesellschaft. Er erkundigte sich teilnehmend nach Onkel Franz, dessen tiefe Blässe ihm auffiel, und von dem er glaubte, daß er sich während der Trauung unwohl gefühlt habe. Er drückte dem Brautvater höflich die Hand und begrüßte die Braut freundlich. Aber Peter Dams Hände behielt er lange zwischen den seinen und gab ihm viele gute Wünsche mit für die Kunst und fürs Leben. Es war deutlich, Peter Dam war es, der sein altes Herz gewonnen hatte.

Onkel Franz stand hinter ihm und beobachtete beide mit seinem leicht ironischen Lächeln. Er hörte Peter Dam versichern, daß er diesen Tag und diese Worte nie vergessen werde – und er hörte den Pfarrer seine wärmste Freude ausdrücken, daß er so viel echtes Gefühl und ernstes Verständnis bei einem jungen Manne finde, dessen Leben notwendigerweise sehr zerstreut sein müsse, wie das eines Schauspielers es doch sei. Peter Dam selbst glaubte in diesem Augenblicke aufrichtig an seine Ergriffenheit; sie war insofern echt, als sie wirklich gefühlt worden war, er garantierte nur nicht für deren Haltbarkeit. Wieder und wieder sagte er mit dem wärmsten Ton in der Stimme: »Ich danke Ihnen, lieber Herr Pastor, ich danke Ihnen herzlich.« Onkel Franz räusperte sich auf eine Weise, die Peter Dam plötzlich zum Schweigen brachte. Dann reichte Onkel Franz dem Pfarrer freundlich die Hand, ohne etwas zu sagen, aber im stillen dachte er: »Wie liebe ich dich doch um deiner Kindlichkeit, deiner liebenswürdigen Leichtgläubigkeit, deiner rührenden großen Vertrauensseligkeit willen!«

Der Organist schloß die Orgel und verließ schnell die Kirche. Einen Augenblick blieb er an der offenen Kirchentür stehen und sah dem Brautpaar nach, das eben in den Wagen stieg, der es nach dem Bahnhof führen sollte.

Der alte Pfarrer stand am Wagenschlag und grüßte mit dem Zylinder in der Hand. Die Sonne leuchtete auf seinem weißen Haar, und die Glocken läuteten – die merkwürdigen Glocken, deren Ton Freude und Schmerz – Leid und Hoffnung – viel Sonnenschein und viel bittere Enttäuschung im Menschenleben bedeutet!

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