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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 21
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Neunzehntes Kapitel

Wir sitzen im dämm'rigen Zwielicht,
Du bei mir,
Und denken an ihn, der gezogen
Weit von hier – –!

 

In den ersten Tagen nach dem Begräbnis ging Kaja umher wie eine Nachtwandlerin. Sie sprach mit niemandem und dachte an nichts, als an ihr tiefes Leid. Stundenlang wanderte sie in den Stuben auf und ab, wo alle Erinnerungen mit seiner Stimme zu ihr sprachen.

»Wie sehr habe ich doch das Leben für uns beide vergeudet!« klang es in ihrer Seele, und dann hämmerte ihr Herz so, daß jeder Schlag förmlich weh tat.

Heiß stieg ihr das Blut in die Wangen, wenn sie an den Tag dachte, wo sie sich einem Manne hingegeben hatte, den sie nicht geliebt hatte, während er, dem alle ihre Gedanken gehörten, als Zeuge daneben saß. Und dann war es ihr immer, als höre sie Stimmen kleiner Kinder. Sie weinten und riefen nach ihr mit dünnen Stimmchen – sie riefen aus weiter Ferne. Und sie streckte die Arme nach ihnen aus, ließ sie aber in dumpfer, hoffnungsloser Verzweiflung gleich wieder sinken. Jetzt konnte sie sie ja nicht erreichen.

Abends saß sie an seinem Schreibtisch, wagte es aber nicht, ihn aufzuschließen. Sie hatte Angst, sie würde von ihrer verzehrenden Sehnsucht überwältigt, wenn sie nur seine Schrift sähe.

Jeden Tag ging sie mit Helle auf den Kirchhof. Da saß sie, in sich versunken wie eine Marmorstatue, während Helle zwischen den Gräbern spielte, und sie rührte sich nicht, bis der Junge zu ihr trat und mit lauter Stimme erklärte, er sei hungrig.

Dann erhob sie sich und ging mit ihm heim, ebenso automatisch, wie sie gekommen war.

Helle empfand immer deutlicher, daß die Mutter nicht bei ihm war. Er verstand es nicht recht, aber Mutter war gleichsam gar nicht mehr daheim, und er fühlte, daß er Heimweh nach ihr hatte, gerade wie damals, als sie in Norwegen gewesen war, ja, noch mehr sogar. Denn damals hatte er ja den Vater gehabt.

Er seufzte so recht aus der Tiefe seines Herzchens und begann nachzudenken, was er tun könnte, um Mutter wieder heimzubekommen. Vater müßte ihm helfen können, dessen war er ganz sicher – aber Mutter sagte, Vater könne ihn nicht hören, wenn er rufe – auch wußte er, daß es so entsetzlich weit in den Himmel war. Ja, aber dann könnte er ja telephonieren! fiel ihm plötzlich ein. Er konnte sich noch gut erinnern, wie er damals, als er sich in der Dunkelheit plötzlich so sehr gefürchtet hatte, an den lieben Gott telephonierte, daß er Licht schicke – und wie dann gleich Licht gekommen war.

Aber er glaubte, es sei am sichersten, wenn er zuerst Gott anrufe, denn sonst könnte er Vater am Ende nicht finden, und sonst könnte Gott auch glauben, er habe ihn vergessen. Ach, nun würde es ihm gewiß gelingen, Mutter wieder heimzubekommen! Er wollte nur warten, bis es Abend war, denn er dachte sich, es sei am besten, wenn er am Abend mit Gott spreche, wenn es dunkel sei. Und den ganzen Tag ging er mit einem stillen, hoffnungsvollen Gesicht umher und konnte kaum erwarten, bis Mutter ihn zu Bett brachte, das Licht löschte und ging.

Kaja saß im Wohnzimmer bei der Lampe und sah vor sich hin mit dem starren, abwesenden Blick, der ihr in der letzten Zeit zur Gewohnheit geworden war, als plötzlich Helles Stimme im Nebenzimmer ertönte. Sie stand auf und horchte.

»Hallo!« sagte das Stimmchen. Zuerst klang es ein wenig ängstlich, aber dann lauter und mutiger. »Ist Gott daheim? – Danke. – Ach, lieber Gott, kannst du mir nicht sagen, wo Vater ist? Mutter sagt, er sei bei dir? – Hallo! – Ist es Vater? – Ach, Vater, du mußt mir helfen, Mutter wieder heimzubekommen. Mutter ist gar nicht mehr bei Helle!«

Kaja lauschte atemlos – der starre Ausdruck ihres Gesichts wich plötzlich einer tiefen Wehmut. »Der Junge hat recht,« dachte sie. »Ich bin nicht mehr bei ihm gewesen, seit Franz gestorben ist. Meine Seele ist weit weg gewesen. Ich habe den Lebendigen um des Toten willen vergessen. Aber nun soll es anders werden, es soll!« Und sie eilte ins Schlafzimmer hinein. »Mutter kommt,« sagte sie und ließ sich vor dem Bettchen auf die Knie nieder. »Mutter kommt wieder zu Helle und geht nicht wieder von ihm.«

Mit einem Freudenschrei flog ihr der Junge an den Hals. »Vater kann Helle doch hören!« sagte er mit stolzem Triumph in seiner Kinderstimme.

Von dem Tage an wurde es ihr zur Lebensaufgabe, ihren Schmerz vor dem Jungen zu verbergen, um seine Kindheit nicht der Freude zu berauben. Sie zwang sich, stundenlang mit ihm zu spielen, und warf sich in der übrigen Zeit mit fieberhaftem Eifer auf ihre Arbeit.

In den Dämmerstunden, wenn die Laterne ihren flackernden Schein in die kleine Kinderstube hereinwarf, saßen Mutter und Kind bei einander auf Onkel Franz' altem Sofa – innig umschlungen, Wang an Wange, mit dem deutlichen Gefühl, daß sie jetzt nur noch einander hatten.

Meistens erzählte sie ihm dann vom Vater, und mit dem sicheren Gedächtnis der Kinder half er oft nach, indem er sagte: »Weißt du noch, damals –? Und damals –?«

Aber bisweilen saß sie auch ganz still und drückte ihn nur innig an sich, während ihr die Tränen langsam über die Wangen hinabflossen. Und dann wurde es Helle so sonderbar feierlich zumute, und ohne daß er es wußte, vermischten sich seine Tränen mit den ihrigen.

Erst wenn sie dann aufstand und die Lampe angezündet war, wurde er wieder das lärmende, fröhliche Kind wie am Tage. Aber dann schob sie auch jede Rücksicht auf sich selbst beiseite und ging vollständig in seinem Spiel auf.

Wenn er zur Ruhe gebracht war, saß sie bis tief in die Nacht hinein vor ihren Korrekturen, über die feuchten Blätter gebeugt, die noch nach Druckerschwärze rochen, und hielt mit Gewalt die Gedanken auf die Arbeit gerichtet. Aber wenn sie fertig war, legte sie die Arme vor sich auf den Tisch, vergrub ihr Gesicht darin und gab sich leidenschaftlich ihrem Kummer hin. Dann zog sie das alte Kollegienheft heraus, das seit Onkel Franz' Tod ihr heiliger Freund und Vertrauter geworden war, und in dieses schrieb sie eines Abends:

Wir sitzen im dämm'rigen Zwielicht,
Du bei mir,
Und denken an ihn, der gezogen
Weit von hier – –

Traut lehnst dein Haupt du an meines,
Wang' an Wang',
Und glänzende Tränen fließen
Sie still entlang – –

Und tausend Gedanken kommen
Leise heran,
Sie kommen auf tausend Wegen
Aus weiter Bahn! –

Und alle heißen sie Sehnsucht,
So stark und heiß!
Die Tausende sind nur der eine,
Den's Herze weiß.

So hoch und tief ist die Sehnsucht,
So abgrundsweit,
Daß sie sich nicht füllt, noch erschöpfet
In Ewigkeit –

Wir sitzen im dämm'rigen Zwielicht,
Du und ich;
Und Kinderaugen, sie heften
Sich still auf mich –

In Kindergedanken noch klinget,
Was Vater sprach,
Von Kinderlippen es tönet
Noch leise nach –

Und Kinderglieder schmiegen
Sich an mich an,
Und Kinderträume folgen
Meiner Seele Bahn – –

So lehnst dein Haupt du an meines,
Wang' an Wang',
Und glänzende Tränen fließen
Sie still entlang – – – –

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