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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 20
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Achtzehntes Kapitel

Ach, all der Sonnenschein,
Der erleuchten sollte das Leben mein,
Er ist erloschen –!

 

Drei Tage später setzte sich ein kleiner Zug auf dem Wege vom Höjstrupstrand nach Rödvig langsam in Bewegung. Voran der Sarg, dahinter ein alter Bauernwagen mit einer jungen Frau und einem kleinen Kinde. Schritt für Schritt ging es auf dem Weg dahin, schwer, wie die langen Stunden des Leids – langsam, wie die Tränen, die nie aufhören zu fließen.

Kaja saß gebeugt im Wagen und dachte an ihre Hochzeitsreise hierher. Hier – auf demselben aufgeweichten Wege – waren sie vor ein paar Tagen zusammen in das gelobte Land hineingefahren. Hier, an dem großen Meilenstein, hatte er sie in seine Arme gezogen und gesagt: »Nun sind wir über der Grenze!« Und dort am Gatter nach dem Walde hatte er sich vorgebeugt und mit seinem strahlenden Lächeln gefragt: »Glaubst du, daß es auf der weiten Welt noch zwei Menschen gibt, die so glücklich sind wie wir?«

Nein, nein, sie hatte es nicht geglaubt.

Und nun kehrte sie allein zurück in das Heim, das er ihr mit so vieler Sorgfalt bereitet hatte. Nein, nicht allein – er kam ja mit – sie konnte seinen Sarg sehen, wenn sie sich aus dem Wagen beugte, sie konnte die Anemonen nicken und die Veilchen bläulich schimmern und die Hyazinthen auf ihren kurzen Stengeln aufragen sehen. Sie wußte, da lag er, inmitten des ganzen Frühlingslebens, und lächelte über den Tod.

»Wo ist Vater?« fragte Helle plötzlich.

Er hatte Kajas Hand mit seinen beiden fest umschlungen und auf dem ganzen Wege noch nichts gesagt; nun aber sah er ihr forschend ins Gesicht und fragte wieder: »Mutter, wo ist Vater?«

»Vater ist fortgereist,« antwortete sie abgewandt.

Sie wollte nicht, daß seine Kinderphantasie von dem, was mit dem Sarg zusammenhing, erschreckt werden sollte, darum hatte sie ihn weggeschickt, als der Sarg kam, und der Fischersfrau verboten, ihm etwas davon zu erzählen.

Aber Helle war eine treue kleine Seele; immerfort hatte er im stillen gedacht, daß es unrecht sei, vom Vater wegzureisen, der nun allein draußen in der kleinen Fischerstube liege. Er konnte nicht verstehen, daß Mutter das tat, und selbst wenn Mutter es tat, er wollte es nicht tun, denn Vater hatte Helle auch nirgends allein zurückgelassen.

»Helle will nicht von Vater wegreisen,« sagte er bestimmt.

»Das sollst du auch nicht; Vater ist uns vorausgereist, das hast du doch gehört.«

»Wohin?«

Schmerzbewegt schaute sie in das Kindergesicht. Ob es wohl nie aufhören würde, zu fragen? Aber die Augen waren so ernsthaft auf sie gerichtet und mit einem so unabweisbaren Anspruch auf Antwort, daß sie die Nutzlosigkeit eines Ausweichens wohl einsah.

»Wohin,« sagte sie langsam und wie widerwillig. »Ja, was weiß ich! Hoch hinauf nach der Sonne – und weit, weit über die Welt hin.«

»Weit – weit –« wiederholte Helle. Dies klang so schön wie in einem der Märchen, die Vater erzählte, und so beruhigte er sich vorläufig mit dieser Erklärung. Aber nach einer kleinen Weile zerrte er sie an der Hand.

»So machte Vater, als wir mit der Eisenbahn fuhren,« sagte Helle und atmete rasch und mühsam.

Kaja sah ihn an, ohne zu antworten. Konnte das Kind etwas beobachtet haben, das sie selbst nicht bemerkt hatte? War sie so tief in ihrer Hochzeitsfreude versunken und so überglücklich gewesen, daß sie nichts gesehen und bemerkt hatte? Sie, die vor einem halben Jahre Nächte durchwacht hatte, aus Angst, er könne sterben!

Wie hatte sie in der letzten Zeit so unbeschreiblich sicher sein können?

Sie hatte auch nie im entfernten daran gedacht, daß der Mensch vor Glück sterben könne. Vor Schmerz und Sehnsucht, das konnte sie verstehen – aber vor Glück! vor Glück konnte man doch unmöglich sterben!

Plötzlich fiel ihr das Gedicht ein, das so schicksalbestimmend für sie selber war:

Und das Leben schrieb,
Mit Farben gut,
So rot wie Blut!

Sie dachte wieder daran, wie sie einst nach Erlebnissen gedürstet hatte – einerlei, ob sie düster oder hell seien – wenn sie nur die weißen Blätter füllten. Und sie waren gefüllt worden! Sie sah sie alle vor sich, die, die hinter ihr lagen – voll Schmerz und Enttäuschung, Hoffnung und Erwartung und jauchzender Freude, und die, die vor ihr lagen, voll bitt'rer Tränen und namenlosem Leid.

Welchen Wert hatte das Leben nun noch für sie? Wäre es nicht viel besser, wenn sie dort mit ihm im Sarg läge zwischen den Frühlingsblumen, an die zu denken ihr so bittere Qual verursachte?

War seine Sehnsucht nach ihr nicht so stark, daß sie fähig war, Gottes Willen zu beugen, so daß auch sie sterben durfte? Ja, ihr war, als ob er ihr riefe.

»Vater hat Helle lieb,« sagte ein Stimmchen neben ihr, langsam und feierlich, und sie fuhr unwillkürlich zusammen, so merkwürdig gaben diese vier Worte Antwort auf ihre Gedanken.

Sie zog den Jungen an sich und küßte ihn heftig. »Ja, ja,« flüsterte sie, »Vater hat Helle lieb, deshalb ruft er nicht, er weiß, daß es unrecht gegen Helle wäre, wenn er Mutter riefe.«

Aber Helle sah sie verständnislos an; er war seinen eigenen kindlichen Gedanken gefolgt und dabei wieder darauf zurückgekommen, daß es unrecht sei, vom Vater wegzureisen.

Deshalb hatte er laut vor sich hingesagt: »Vater hat Helle lieb,« und dadurch gleichzeitig die Treue seiner eigenen Gefühle kundgegeben. Die Worte waren eine Umschreibung seiner eigenen innigen Liebe geworden, und er begriff nicht, warum Mutter ihn so heftig küßte. Aber nun hielten sie am Bahnhof, und er sah lebhaft zu, wie der Sarg in den Eisenbahnwagen hineingetragen wurde. – Und Mutter, sie ging mit steifen, starren Augen hinterdrein.

Instinktmäßig und wie mit einer Ahnung von etwas Unbekanntem brachte er all diese Blumen in Verbindung mit dem Vater, und er nahm sich vor, Mutter darüber zu fragen, wenn sie nicht mehr so betrübt aussehe und ihn weniger fest an der Hand halte.

Im Wagenabteil schlummerte er übrigens ein, und von all seinen Gedanken ermüdet, schlief er, bis er in der Droschke saß und hinter dem Leichenwagen nach der Friedhofskapelle fuhr.

Als der Wagen hielt, wollte er aussteigen, aber Kaja sagte, er solle ganz still sitzen bleiben, bis sie zurückkomme, und sie sagte dies so bestimmt, daß er keine Einwendung zu machen wagte.

Das Warten wurde ihm sehr lang, obgleich es nur wenige Minuten währte, aber endlich kam sie doch.

Der Kutscher wandte den Kopf und fragte, wohin er fahren solle.

Ja wohin! durchfuhr es sie. Unwillkürlich schauderte sie bei dem Gedanken an die heftige Gemütsbewegung, die sie durchmachen mußte, wenn sie ohne ihn in das Hochzeitshaus zurückkehrte, aber in demselben Moment fühlte sie auch, daß dies die einzige Stätte war, wo sie von nun an sein konnte: ihr eigenes Haus konnte sie auflösen, aber das seinige – niemals. Da wo er in all diesen Jahren gewohnt hatte – da wo selbst das Kleinste von seiner Hand geordnet war und nur auf sie wartete – da wo es ihr immer sein würde, als sei er gegenwärtig, da mußte auch sie sein. Schnell sagte sie daher: »Nach der Studiengasse!« und der Wagen rollte weiter.

»Gehen wir nicht heim?« fragte Helle, als er durch Straßen fuhr, die er nicht kannte.

Sie nickte, gab aber keine Antwort: in Gedanken fuhr sie mit Onkel Franz nach dem Hochzeitshaus, und sie fühlte den ganzen schneidenden Schmerz, der eine arme Menschenbrust in einzelnen schrecklichen Stunden zerreißt.

Als sie vor der Tür hielten, sah sie, daß die Wohnung festlich erleuchtet war, und einen Augenblick glaubte sie, es sei alles ein böser Traum gewesen, dann aber fiel ihr ein, daß sie ja an diesem Abend hatten heimkehren wollen, und daß er natürlich der Hauswirtin Befehl gegeben hatte, die Lichter anzuzünden.

»Ach, wenn sie es doch nur vergessen hätte!« dachte sie schmerzlich. »Wenn sie doch nur heruntergebrannt gewesen wären, ehe wir ankamen!«

Aber die Lichter strahlten aus den kleinen Scheiben mit unbarmherziger Klarheit.

Sie bezahlte den Kutscher und schleppte sich, Helle an der Hand, die Treppe hinauf.

»Ist Vater heimgekommen?« jubelte Helle, als sie vor der bekannten Tür anhielten. Sie schüttelte den Kopf, konnte aber nicht antworten; es war, als blieben ihr die Worte im Halse stecken.

»Den Flurschlüssel,« durchfuhr es sie, »habe ich ihn denn?«

Aber da wurde schon die Tür von innen geöffnet, und die alte Hausfrau – dieselbe, bei der Onkel Franz seit zwanzig Jahren gewohnt hatte – stand auf der Schwelle mit einem riesigen Rosenstrauß in der Hand.

»Willkommen!« sagte sie und machte einen tiefen Knix; aber als sie den versteinerten Ausdruck in Kajas Gesicht sah, erschrak sie heftig und ließ die Blumen aus der Hand fallen.

»Lieber Gott, wo ist der Herr?« fragte sie.

»Ich habe ihn eben nach der Kirchhofskapelle gebracht,« antwortete Kaja mit einer so unheimlich tonlosen und fremden Stimme, daß es ihr selbst auffiel.

»Ach, unser lieber junger Herr! Unser guter, freundlicher, ausgezeichneter Herr!« schluchzte die Alte, den weißen Kopf schüttelnd, während ihr die Tränen die Wangen herabliefen.

Leise schloß sie die Tür hinter Kaja und strich mit der Hand über Helles Köpfchen; dann machte sie die Tür zum Wohnzimmer auf.

»Ja, Sie müssen nun nicht böse sein, gnädige Frau,« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend, und streichelte teilnehmend Kajas Hand; »aber der Herr hatte alles selbst bestellt – die Blumen – und die Lichter – und den Sekt – und alles.«

Kaja gab keine Antwort; wie eine Nachtwandlerin trat sie über die Schwelle. Eine festliche Beleuchtung, ein zarter Blumenduft strömten ihr entgegen.

Alles war da, die Stimmung, der Blumenduft! Rosen und Veilchen, hauptsächlich Veilchen, denn das waren ihre Lieblinge; überall, wo sie hinschaute, lauter Blumen! Aber er, der sie hätte in das gelobte Land hineinführen sollen, er lag draußen in der Kapelle tot und kalt. – Nein, nicht tot – ihre ganze Seele lehnte sich dagegen auf, sein Geist war hier in diesem Zimmer! Sie sank neben einem Tische auf einen Stuhl.

Da lag ein Strauß: feine gelbe La-Reine-Rosen, Veilchen und Myrten, mit einem ganz schmalen, weißen, seidenen Band umwunden.

»Für Rahel!« stand mit kleinen goldenen Buchstaben darauf. Überwältigt verbarg sie das Gesicht in den Händen. Ihr war, als müsse sie die Augen fest zumachen und gar nichts mehr sehen, wenn ihr das Herz nicht brechen sollte.

Da erklangen rasch trippelnde Schritte, und Helle trat herein.

»Vater ist nirgends,« sagte er, und seine Stimme bebte vor Weinen; er hatte die Runde durch alle Zimmer gemacht, immer in dem Gedanken, Vater schließlich zu finden, aber als er ins Schlafzimmer kam, wo die Ampel über zwei leeren Betten brannte, verließ ihn der Mut, und er stürzte zurück zur Mutter.

»Gehen wir jetzt nicht heim?« fragte er, sie scheu ansehend.

Aber da bezwang sie sich mit großer Anstrengung und versuchte zu lächeln. Sie stand auf und nahm ihn bei der Hand.

»Wir sind daheim,« sagte sie. »Wir sind da, wo Vater wohnte, und wo er wollte, daß wir auch wohnen. Sieh' nur, wie schön er alles für dich hergerichtet hat! Da hängt deine Peitsche und dort dein Leitseil, und hier im Eßzimmer steht dein Tischchen mit einer großen neuen Trommel.«

Helle griff sofort nach der Trommel, ließ aber gleich wieder los.

»Helle mag nicht spielen, wenn Vater nicht dabei ist,« sagte er verzagt, »magst du?«

»Nein!« Verzweiflungsvoll schaute sie sich im Zimmer um, wo alles nach ihm rief, nach ihm, der nicht mehr da war, und wo sein Name gleichsam laut durch die Stille klang. Sie ging nach der einen Ecke des Zimmers, ergriff eine der langen Meerschaumpfeifen, aus denen er immer rauchte, wenn er arbeitete, und drückte sie zärtlich an ihre Wange. Lange blieb sie so ganz still stehen, bis eine kleine Hand die ihrige faßte und ein müdes Sümmchen sagte: »Helle ist müde, Helle will zu Bett.« Da ging sie mit ihm in die Schlafstube, gab ihm sein Abendbrot und kleidete ihn aus. Sie legte ihn in sein eigenes Bettchen, das an dem Tag, wo sie weggereist waren, herübergeschafft worden war.

Helle sah die Mutter mit seinen großen Augen an. »Wo ist Vater?« fragte er wieder, als sie ihn küßte.

»Ich weiß es nicht, Helle, vielleicht ist er im Himmel.«

»Aber warum sind wir dann nicht auch im Himmel?«

»Weil – weil niemand uns hineinläßt.«

»Warum denn nicht; können sie uns nicht hören?«

»Nein.«

»Du kannst meine lange Peitsche nehmen und damit knallen, dann wird es der liebe Gott hören.«

»Nein, Helle.«

»Dann nimm die Trommel, Vaters neue Trommel. Meinst du, der liebe Gott könne auch diese nicht hören?«

»Ich fürchte, er kann es nicht.«

Helle stieß einen tiefen Seufzer aus und schlief ein mit dem Gefühl, daß es doch entsetzlich weit in den Himmel sein müsse – noch viel weiter als nach dem Höjstruper Strand.

Kaja ging weiter ins Wohnzimmer. Die Hauswirtin kam und bot Kuchen an.

»Ach ja, ach ja,« sagte sie. »Was der Herr alles für die gnädige Frau gedrechselt und geschnitzelt hat! Sie hätten nur die Möbel sehen sollen, als sie ankamen! Nein, aber Sie müssen ein wenig essen,« fuhr sie fort, als Kaja den Kopf schüttelte. »Oder vielleicht trinken Sie ein Gläschen Sekt?«

Sie ergriff mit ihrer alten runzligen Hand die Sektflasche, aber Kaja wehrte ihr.

»Nein, lassen Sie sie stehen,« sagte sie. »Sie soll für Helle aufgehoben werden. Wenn er einmal so groß ist, daß er mich entbehren kann – dann soll er sie bei meinem Begräbnis trinken. Aber das wird kein richtiges Leichenmahl, Madame Rasmussen, es wird ein Hochzeitsfest, wie Sie im Traum noch nie eins gesehen haben.«

Madame Rasmussen schlug die matten Augen nieder vor dem unnatürlich strahlenden Blick, der sich in diesem Augenblick auf sie richtete. »Gott erhalte ihr den Verstand!« dachte sie in ihrem Herzen.

Aber Kaja hatte den Strauß vom Tisch genommen und betrachtete ihn. Sie vergaß ganz, daß sie nicht allein war, und sagte vor sich hin: »Er hat sie alle selbst ausgewählt.«

»Ach, du lieber Gott! Ja, der Herr ging am letzten Abend selbst zum Gärtner und gab genau an, wie das Bouquet sein solle. »Es sollen viele Rosen und Myrten darin sein,« sagte er, »aber besonders viele Veilchen, denn Veilchen liebt Rahel am meisten!«

Kaja lächelte, es war ihr, als höre sie den Klang seiner Stimme, da er »Rahel« gesagt hatte.

»Und sehen Sie nur hier, gnädige Frau! Diese kupferne Schale hier im Eßzimmer hat der Herr am Morgen, ehe er abreiste, noch selbst blank gerieben. »Sehen Sie, Madame Rasmussen,« sagte er und hielt sie in die Höhe, »meinen Sie, man könne sich darin spiegeln?« – »Ja, das glaube ich gerne, sie ist beinahe zu schön!« – »Aber da hätten Sie ihn lachen hören sollen!« – »Madame Rasmussen,« sagte er, »Sie wissen gar nicht, wie schön das Gesicht ist, das sich darin spiegeln soll!«

Kaja stand auf, sie konnte es nicht ertragen, noch mehr zu hören. Eine Weile war es ganz still im Zimmer, nur die Uhren tickten durch das tiefe Schweigen. Kaja dachte an die kalte, düstere Kapelle, wo der Sarg stand, und sie wurde von dem Verlangen erfaßt, ihn heute abend noch zurückzuholen und ihn hier in diese warmen Zimmer zu bringen, wo er selbst alles zu seiner Rückkehr bereitet hatte.

»Glauben Sie, daß der Sarg hier einige Tage stehen dürfte?« fragte sie plötzlich.

Aber die Frau schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen.

»Da sei Gott vor, gnädige Frau! Sie wollen doch nicht mit dem toten Mann herumziehen! Nein, lassen Sie ihn im Frieden da liegen, wo er jetzt liegt. Oder was meinen Sie wohl, was die anderen Mieter dazu sagen würden? Hier in der Stadt trägt man die Toten hinaus, aber man trägt sie nicht herein.«

Kaja wandte sich ab. »Ihr seid erbärmliche Feiglinge alle miteinander,« dachte sie, »ihr habt eine so jämmerliche Angst vor dem Tod, und doch gibt es nichts, dessen ihr so sicher seid, als gerade des Todes.« Sie machte einen Schritt nach der Tür.

»Ja, ja, Madame Rasmussen, gehen Sie jetzt nun zur Ruhe. Gute Nacht und vielen Dank.«

»Gute Nacht, und bitte, rufen Sie mich gewiß, wenn Sie etwas brauchen.«

»Ja, danke.«

Sie ließ die redselige Frau hinausgehen und drehte den Schlüssel hinter ihr um.

Dann löschte sie die Lichter aus, eins nach dem andern.

»Meine reichsten Träume!« dachte sie, als sie das erste löschte.

»Das unendliche Glück unseres gemeinsamen Lebens!« dachte sie, als sie das zweite löschte.

»Alle meine Wünsche und Erwartungen!« klagte sie, als sie an das dritte kam.

»Und alle meine lichten Hoffnungen, eine Wiege schaukeln zu dürfen!« durchdrang es sie, als das vierte und letzte erlosch.

Aber da brach sie in Tränen aus, und sie weinte so bitterlich, wie nur eine Frau weinen kann, die sich von dem reichsten Glück auf Erden ausgeschlossen weiß.

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