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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Motto:

Schreibe, o Welt,
Was dir gefällt!
Rief ich mit feurigem Beben.
Schlecht oder gut!
Schwer oder leicht!
Groß oder klein!
Was es mag sein!
Sturm oder Wetter!
Nur nicht die leeren
Weißen Blätter!

 

Es war an einem Abend vor dem Konzertsaal in Klampenborg – an einem ganz windstillen Juniabend. Die Boote glitten auf dem Sund vorüber, und weiter draußen konnte man den Rauch eines Dampfschiffs wahrnehmen.

Ich saß allein auf dem Altan über der Restauration – oder besser gesagt, ich glaubte mich allein – als ich plötzlich eine dunkle weibliche Gestalt an einem der Fenster zum Konzertsaal entdeckte. Sie saß vorgebeugt, die Hände im Schoß und wendete ihr bleiches Gesicht dem erleuchteten Saal zu.

Sie kehrte der lärmenden Menge den Rücken und hörte offenbar den summenden Laut der Stimmen der Leute, die drunten kamen und gingen, gar nicht. Vielleicht hörte sie auch nicht einmal die Musik, die eine Chopinsche Phantasie spielte. Von Zeit zu Zeit zog sie ihren Spitzenshawl über der Brust zusammen, als ob sie friere, aber sie wendete dabei nicht ein einzigesmal den Kopf.

Es lag etwas so unaussprechlich Einsames über dieser Gestalt, daß ich mich unwillkürlich vorbeugte, um ihr Gesicht zu sehen. Aber es gelang mir nur halb; sie hielt die Augen fortgesetzt auf einen Punkt gerichtet, den sie aber trotzdem nicht betrachtete – es war, wie wenn ihr Blick von etwas weit, weit Entferntem geblendet würde – das Leben hatte ihr wohl hart mitgespielt – es hatte sie vielleicht mitten im Tanz von allem, was sie liebte, fortgerissen. Und nun saß sie hier draußen – allein – am Fenster eines erleuchteten Saales, in dem Musik erklang.

Ich weiß nicht, warum der schlanke Dreimaster da draußen sich vor meinen inneren Augen plötzlich in das Schiff des fliegenden Holländers verwandelte – aber es kam wohl daher, daß die dunkle Gestalt so unbeweglich dort drüben saß, und es war, als ob jede Falte ihres Gewandes Tod aushauchte.

Lauschend saß sie – vorgebeugt – sie sah und sah doch wieder nicht – sie sah an allem vorbei, durch alles hindurch. – Mit brennenden Augen saß sie und starrte hinein in das Zauberland ihrer Jugend. – –!

*

So wie ich ihre Geschichte an jenem Abend bei den Klängen einer Chopinschen Phantasie hörte, habe ich versucht, sie hier wiederzugeben – als die ganz stille Geschichte, die sie an und für sich ist – nicht als ein Buch großer, sondern stiller Gedanken.

Die Verfasserin

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