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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Siebzehntes Kapitel

Wenn am vollen Leben
Deinen Teil du hast,
Nimm mit seinen Freuden
Auch der Sorgen Last!

 

Der vierte April brach an; die Frühlingssonne drang mit einer wahren Flut von Licht zum Fenster herein, vergoldete Helles Wiegenpferdchen, dessen viele Mängel dabei stark beleuchtend, schlüpfte in die Winkel, wo die Bleisoldaten Wache standen, und glitt in einem breiten, leuchtenden Streifen über den Bodenteppich.

Kajas Reiseanzug – der zugleich auch das Brautkleid sein sollte – war angekommen und mit ihm ein großer, von feinem Venushaar verschleierter Veilchenstrauß. Sie brauchte nicht zu fragen, woher er komme.

Sie hatte ein seidengefüttertes, dunkelblaues Tuchkleid, das ihre schlanke Gestalt weich umschloß, angelegt und befestigte nun die Veilchen an der Brust. Helle lief hin und her mit einem Gesicht, das vor Vergnügen förmlich leuchtete. »Wir haben heute Hochzeit!« jubelte er. »Vater und Mutter und Helle haben heute Hochzeit!«

Er war es so gewohnt, sich bei allem, was Vater und Mutter anging, selbst mitzurechnen, daß auch diese Begebenheit nicht ohne ihn vor sich gehen konnte.

Onkel Franz kam in einem geschlossenen Landauer, um sie abzuholen – und selbst der Frühlingssonnenschein erblaßte vor dem Glanz, der aus seinen Augen strahlte. Noch nie war sein Mund so ausdrucksvoll gewesen und die Linien darum so weich, als in dieser Morgenstunde, und nie hatte die Stirne eine größere Klarheit gehabt.

Onkel Franz mußte sich zuerst im Wohnzimmer aufhalten, um Helles glänzende Stiefel und die Ankerknöpfe an seinem Jäckchen zu bewundern, aber schließlich machte er sich frei und ging zu Kaja hinein. Er ging ruhig auf sie zu, die hoch und schlank vor ihm stand und die Veilchen an der Brust befestigte.

Dann zog er einen goldenen Ring aus der Tasche und steckte ihn ihr an den Finger; sie lächelte und streifte einen ähnlichen auf den seinigen, aber dann nahm sie beide Ringe noch einmal und las, was auf der inneren Fläche stand: »Sieben Jahre um Rahel!«

Ihre Augen trafen sich in einem leuchtenden Strahl – es war nicht zum erstenmal, daß beide denselben Gedanken gehabt hatten.

Helle war höchst beleidigt, daß er nicht auch einen Ring bekam. Aber da nahm Onkel Franz ihn auf den Arm und trug ihn hinunter in den Wagen, wo seine gute Laune sogleich um mehrere Grade stieg. Als sie dann in der Eisenbahn ein Coupé für sich allein hatten, sang er aus vollem Hals.

Sie fuhren durch grüne Wiesen und kahle Wälder. Überall leuchtete die Frühlingssaat hervor, und überall sproßte es an Bäumen und Sträuchern: die Stachelbeerbüsche in den Gärten waren ganz hellgrün, und die Anemonen woben ihren seidenen Teppich zwischen dem verdorrten Laub auf dem Waldboden.

Krokus und Hyazinthen blühten überall. Die Lerchen zwitscherten, und der Star pfiff – der ganze warme wunderbare Lenz hieß sie willkommen.

»Sieh',« sagte Onkel Franz, »dies alles ist wie eine Huldigung für dich. Noch nie hat es solch einen Frühling gegeben! Du kannst ganz zufrieden sein mit deiner Hochzeitsreise, so kurz sie auch ist.«

Kaja saß am offenen Fenster und atmete die frische Lenzesluft in vollen Zügen ein.

»Ja, denk' dir, wie herrlich, daß wir fünf Tage ausbleiben dürfen!« sagte sie. »Es ist aber auch ein Glücksfall, daß der vierte April gerade auf den Ostersamstag fällt – wie hättest du sonst Ferien machen können!«

»Es ist das Jubeljahr,« sagte er lächelnd, »darin wird uns alles geebnet.«

»Ja, das Jubeljahr,« wiederholte sie langsam und schaute ihm tief in die frohen Augen, »das ist der rechte Name dafür; das erlebt man nur einmal.«

»Halt der Puff-Puffzug nicht bald?« fragte Helle. Er hatte sein Näschen am Fenster ganz platt gedrückt und beobachtete eifrig alles, was draußen vorüberkam.

In diesem Augenblick steckte der Schaffner den Kopf zum Fenster herein und meldete mit näselnder Stimme:

»Der Zug hält nicht vor Rödvig!«

Keines konnte verstehen, wo die drei Stunden geblieben waren, als sie zehn Minuten später in Rödvig ankamen.

Ein geschlossener Wagen hielt vor dem Bahnhof, der sie nach der Kirche fahren sollte. »Der Pfarrer erwartet uns um halb elf Uhr, und das Essen habe ich auf zwei bestellt,« sagte Onkel Franz.

In schnellem Trab fuhren sie auf der Landstraße dahin, und die Sonnenstrahlen tanzten die ganze Zeit vor ihnen her. Die Lerchen sangen über ihnen, als hätten sie eine ganz kleine Orgel in ihren feinen Hälschen, und die Sperlinge zwitscherten am Grabenrand.

Aber vor ihren Häuschen saßen die Stare und schüttelten ihre stahlgrauen Schwingen, und in den Furchen stolzierte der Storch langsam auf und ab; sein kluger Kopf auf dem schlanken Hals war in beständig nickender Bewegung.

Dann hielten sie vor der kleinen, weißgetünchten Kirche, die blendend hell in der Sonne leuchtete; sie gingen mit einander zum Altar, Helle zwischen ihnen.

Während das Lied gesungen wurde, starrte er die Eltern mit halboffenem Mund und gefalteten Händchen unverwandt an, und als die beiden vor den Altar traten, stand er hinter ihnen und horchte so eifrig auf das, was er nicht verstand, daß er zweimal Amen sagte. Nachher durfte er zwischen ihnen sitzen, und stolz verließ er die Kirche, seine beiden kleinen warmen Händchen fest in den ihrigen.

Dann fuhren sie zusammen nach der Wohnung am Höjstruper Strand, derselben, die Onkel Franz nun seit mehr als einem Jahre mit seinen schmalen Mitteln zu verschönern versucht hatte.

Er kannte Kajas Vorliebe für Blumen; eine Fülle von Krokus und Hyazinthen stand an den Fenstern, und in der einen Ecke des Zimmers prangte eine riesige Fächerpalme.

Im Schlafzimmer waren blaue Gardinen um die Betten, und an deren Fußende stand Helles neue eiserne Bettstelle.

Reine Kattunvorhänge hingen an den Fenstern, vor der Eingangstür war feiner weißer Sand gestreut worden, und der Fischer, dem das Haus gehörte, hatte ein großes »Willkommen«, von einem grünen Kranz umgeben, an die Tür gehängt.

Es war mehr gut gemeint als eigentlich hübsch, aber die beiden drückten ihm in überströmender Freude und Dankbarkeit die Hand so kräftig, daß er es lange nachher noch spürte.

Dann gingen sie alle zusammen hinein in das kleine Haus, das Zeuge ihres ersten namenlosen Glückes sein sollte.

Sie setzten sich an den festlich gedeckten Tisch und begannen zu essen, aber sie befanden sich beide in einer eigenen feierlichen Stimmung; der Appetit wollte sich nicht einstellen. Eigentlich war es nur Helle, der der Mahlzeit ihr Recht widerfahren ließ. Er aß aber auch nach Herzenslust und mit einem noch nie dagewesenen Appetit.

Als der Braten auf dem Tisch stand, erhob sich Onkel Franz und schlug an sein Glas.

Es war zum erstenmal in seinem Leben, daß er eine Festrede hielt, aber dieser konnte er sich nicht entziehen.

»Jakob diente sieben Jahre um Rahel,« sagte er. »Ich habe nur drei Jahre um dich gedient, aber diese drei sind wie sieben gewesen.«

»Ich kann dir kein Vermögen bieten, keine glänzende Stellung – ich habe nur meine jahrelange, treue Liebe – daß ich dein bin bis zum Tode, ja weit darüber hinaus.

»Aber du! Du bist so reich, wie der Frühling selbst. Von deinem jungen, frohen Überfluß kannst du viel abgeben, du willst mein eigen sein – und du hast Helle –«

Als Helle seinen Namen hörte, stand er sogleich auf und machte einen Versuch, mit dem bißchen Wein, das er in seinem Glas hatte, anzustoßen. Er schüttete aber das meiste auf das Tischtuch, ließ sich's jedoch nicht anfechten.

»Helle hält auch Hochzeit,« sagte er mit siegesgewissem Jubel in der Stimme.

»Gewiß tut Helle das. Komm', wollen wir anstoßen!« Und sie stießen übermütig mit ihm an.

»Auf den kleinen Pausback draußen im Teich!« sagte Onkel Franz, und trank darauf.

»Auf den kleinsten Prinzen im Märchen!« fügte er hinzu, und trank noch einmal.

»Auf den herzigsten, kleinen, schmutzigen, ausgelassenen Lockenkopf!« fiel Kaja ein, und stieß wieder an.

»Und auf den kleinen Cherub am Eingang des Paradieses!« sagte Onkel Franz.

Und dabei sah er Kaja so innig an, daß selbst Helles kleines Herz ein wenig Eifersucht fühlte. Kaja erhob ihr Glas und verwandte kein Auge von Onkel Franz.

»Wir Frauen meinen manchmal, wir hätten etwas zu geben, aber im Grunde erhalten wir doch alles von dem, den wir lieben – –«

*

Als Helle zu Bett gebracht und die Sonne untergegangen war, ging das Brautpaar nach dem Höjstruper Gehölz.

Es ging sich so weich auf dem feinen Waldboden, und die beiden traten so leicht auf, als hätten sie Angst, im Gehen auf etwas Lebendiges zu treten. Blaue und weiße Anemonen blühten zwischen grünen Blättern. Er pflückte einige davon und steckte sie ihr an die Brust – an ihre warme, wogende Brust, die die kalten Stiele erwärmte. »Das Hochzeitsgeschenk des Frühlings,« sagte er scherzend.

Der letzte rosige Abendschein der sinkenden Sonne ergoß sich karmoisinrot über die glänzende Meeresfläche; es duftete von jungem Grün und feuchter Erde – der Star pfiff zur guten Nacht, und die Drossel antwortete mit langen, weichen, langgezogenen Tönen tief aus dem Gehölz heraus.

»Sing' du auch,« sagte er. »Deine Stimme ist die einzige, die in diesem Frühlingschor mangelt.«

Und da sang und jubelte sie beinahe ausgelassen – alte, liebe, wohlbekannte Lieder.

»Es ist merkwürdig,« sagte sie, »als sie endlich wieder vor der Haustür standen, »es ist mir gar nicht, als sei ich je vorher Gattin gewesen. Und das bin ich ja eigentlich auch nicht, denn ein Weib wird dann erst Gattin, wenn sie dem Manne, den sie liebt, gegenübersteht.«

Er antwortete nicht, aber er nahm sie auf seine Arme, so leicht, als sei sie ein Schulmädchen, und seine Augen suchten die ihrigen, während er es tat.

»Sieh'!« sagten die Augen. »Siehe, mein Königreich!« Und er pfiff leise – wie der Star, der seinem Weibchen lockt – lockend wie die Drossel, die ihr Nest fertig gebaut hat – –

Dann trug er sie behutsam ins Zimmer hinein – – Jakob, der sieben Jahre um seine Rahel gedient hatte!

*

Als Onkel Franz am nächsten Morgen erwachte, sah er Kaja in einem blauen Frisiermantel am Fenster sitzen, wo sie ihr langes, goldenes Haar auskämmte – ihr Maria Stuart-Haar, wie er es scherzend nannte – und als sie sich dann umwandte, mit warmen, roten Wangen und schelmisch strahlenden Augen, konnte er beinahe nicht glauben, daß es Wirklichkeit sei.

Er richtete sich auf den Ellbogen auf und atmete sehr schnell, während er ihr unablässig mit den Augen folgte. »Ein fröhliches Fest! Fröhliche Ostern!« sagte er.

»Fröhliche Ostern!« erwiderte sie, ihm zunickend, und schwieg dann.

»Sag' etwas!« sagte sie lächelnd, und wickelte ihr langes Haar um die Finger.

»Ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Vor Glück.«

»Ach du!« rief sie aufspringend und zu ihm tretend. Sie ließ sich neben dem Bett auf die Knie nieder und schlang die Arme um seinen Hals, und er drückte sie heftig an sich. Als er sie wieder los ließ, legte er ihren Kopf neben sich auf das Kissen, und während ihr Haar an den Schläfen sich mit dem seinen vermischte, sahen sie einander so tief in die Augen, als wollte eines des anderen innerstes Wesen entdecken, und ihre Lippen fanden sich zu einem langen, glühenden Kusse.

Wenn ein Fremder sie in diesem Augenblicke gesehen hätte, wäre er betroffen gewesen über die auffallende Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Gesichtern – eine Ähnlichkeit, wie sie sich manchmal bei alten Eheleuten findet, die ein langes, glückliches Leben miteinander gelebt haben, und nun gleich denken – gleich lächeln.

»Ich weiß selbst nicht, wie ich es erklären soll,« sagte Onkel Franz leise, »aber es ist mir fast, als raube mir das Glück den Atem. Es ist, als lasse es jeden Nervenstrang in mir in Freude erbeben und jeden Tropfen Bluts singen, aber es ist mir beinahe, als wolle es mir das Herzblut aussaugen, um sich Platz zu schaffen.«

Hastig leuchtete es in ihren Augen auf, und sie wollte etwas sagen, wurde aber von Helle daran verhindert, der eben erwachte, sich die Augen rieb und sich in seinem kleinen Gitterbett aufrichtete. Er fand es wunderhübsch, daß Onkel Franz mit im Zimmer schlief.

»Helle will zu dir,« sagte er und stieg hinüber in das große Bett, aber unterwegs wurde er von Kaja ergriffen, die ihn auf den Rücken nahm und in der Stube mit ihm herumtanzte, bis sie sich ganz atemlos am Fußende des Bettes niedersetzte. Dann krabbelte Helle über Onkel Franz' Beine, Leib und Brust bis ans Kopfende, wo er sitzen blieb und ihn am Haar zupfte.

»Willst du mich loslassen, du kleiner Schlingel!«

»Ach, sieh' nur die Stare, Helle!« rief Kaja, welche die Vorhänge zurückgezogen hatte und nun auf zwei große Stare deutete, die auf dem hohlen Stamm eines Apfelbaumes saßen und aus vollem Hals pfiffen. »Laß dich rasch ankleiden, dann kannst du zu ihnen hinausgehen!«

Augenblicklich war Helle aus dem Bett und auf einem Stuhl am Fenster. Er drückte das Näschen flach an die Scheibe, um besser sehen zu können, und unter fröhlichem Scherzen kleidete Kaja ihn an, während die Tauben draußen girrten und die Stare ihn mit ihren glänzenden schwarzen Augen betrachteten.

Eine halbe Stunde später traten alle drei zusammen aus der Tür; drei glückliche, strahlende Menschen, die die Sonne beinahe neidisch beschien.

Eine feuchte, warme Luft schlug ihnen entgegen; es war eben ein leichter Regen gefallen, und sie meinten, sie könnten sehen, wie das Gras über Nacht grün geworden sei.

Drei Fischer gingen mit ihren Körben auf dem Rücken nach dem Strand; sie blieben unwillkürlich stehen und beschatteten die Augen mit der Hand, wie man es beim hellen Sonnenschein tut.

»Wir dürfen wohl Glück wünschen,« sagten sie und streckten drei schwielige Hände aus, die sogleich ergriffen und fest geschüttelt wurden.

Einer der Fischer nahm Helle auf den Arm. »Ei sieh' doch, wie groß der kleine Herr geworden ist!« sagte er.

»Und die Frau ist so schön, als sei sie eben konfirmiert worden,« setzte ein anderer bewundernd hinzu.

»Ja, ja,« sagte der dritte und sah Onkel Franz an. »Der da kann wohl vergnügt sein, kein Wunder, daß ihm das Glück den Atem raubt.«

Es fiel ihm aus, daß Onkel Franz recht kurzatmig war.

»Nun, so wünschen wir also Glück!« sagten die Männer und grüßten zum Abschied. Aber als sie eine Strecke weit gegangen waren, schaute einer nach dem Häuschen zurück, das in der Sonne leuchtete.

»Das war ein hübscher Anblick,« sagte er lang gezogen; er konnte seine Augen von den drei Gestalten an der Tür nicht losreißen.

»Ja wohl,« sagten die anderen nickend, »so einer hat wohl auch etwas, um sich daran zu freuen.«

Sie spuckten schräg über den Weg und gingen weiter. Ohne daß sie es wußten, stießen alle drei einen ganz kleinen Seufzer aus.

Aber Onkel Franz legte seinen Arm um Kaja und sah ihr tief in die freudestrahlenden Augen.

»In einem einzigen Tag ist so viel Glück mein eigen geworden, daß ich in meinem ganzen Leben nicht mehr arm werden kann,« sagte er.

»Vater!« rief Helle, dem der jubelnde Klang in dessen Stimme auffiel. »Ist man immer froh, wenn man heiratet?«

Onkel Franz lachte laut und herzlich.

»Ja, natürlich ist man das,« sagte er und zog Kaja mit sich ins Haus hinein.

»Dann will Helle auch heiraten,« erklärte der kleine Bursche mit unwiderstehlicher Würde und trabte, die Hände in den Hosentaschen, hinterdrein.

Die Fischersfrau hatte das kleine Zimmer über und über mit Osterlilien geschmückt. Sie standen im Wasser am Fenster und auf den Tischen – sie lagen als Kranz auf dem weißen Tischtuch und hingen in großen gelben Büscheln über den Öldruckbildern an den Wänden.

»Der Duft ist beinahe zu stark,« sagte Kaja und schob sie mit dem Ärmel auf die Seite. »Ich habe noch nie so viele Osterlilien beisammen gesehen.«

»Ich mag sie gern,« sagte Onkel Franz, und nahm einige davon in die Hand. »Sie erinnern mich an einen kleinen Kirchhof, den ich als Knabe einmal sah. Es war ganz droben in Jütland, wo ich damals in den Ferien war. Der Kirchhof war sehr ärmlich und öde, aber die Dorfbewohner hatten alle Gräber mit Osterlilien bepflanzt, und an jedem Osterfest leuchtete es wie Gold von jedem Grabhügel, und aus Tausenden von Blumenkelchen stieg der Duft wie Weihrauch empor. Alle standen da und sangen von der Auferstehung. Ich versichere dich, ich habe nie ein schöneres Auferstehungslied gehört.«

»Ja, was du nicht alles hörst!« sagte Kaja mit einem geistesabwesenden Lächeln. Sie wußte nicht warum, aber sie fühlte sich plötzlich unbehaglich berührt. Unwillkürlich nahm sie ihm die Blumen weg, und nach einer kleinen Weile stand sie auf, raffte alle, die auf dem Tisch lagen, zusammen und legte sie aufs Fensterbrett.

»Warum tust du das?« fragte er verwundert.

»Ach, ich weiß nicht, ich tat es eigentlich in Gedanken.«

Nachdem sie gefrühstückt hatten, wollte Kaja gleich an den Strand hinuntergehen, aber Onkel Franz sagte, er müsse zuerst einen Brief schreiben, sie solle nur mit Helle vorangehen, er komme bald nach.

Er küßte ihr die Hand, als sie ging, gerade da, wo der Ring saß, und sie lachte und drückte ihre warmen Lippen auf dieselbe Stelle.

Als er unter der Tür stand und die beiden im Sonnenschein dahintanzen sah – denn sie gingen nicht, sie tanzten; Kaja mit kleinen, frohen Sprüngen, Helle mit kleinen Sätzen – und als er daran dachte, daß ihm diese beiden nun fürs ganze Leben gehörten, da überwältigte ihn das Glück, so daß er unwillkürlich nach dem Herzen faßte.

Wie es Sorgen gibt, die so brennend sind in ihrem Schmerz und so heftig in ihrer Verzweiflung, als sei ihnen die Gnade gegeben, sofort töten zu können, so gibt es auch Freuden, die so intensiv sind, daß es ist, als müßten sie die Brust zersprengen.

Onkel Franz war allmählich so an Schatten gewöhnt gewesen, daß er, wenn ihn in diesem Augenblicke ein großer Schmerz getroffen hätte, diesen auf starken Schultern durchs ganze Leben getragen hätte – aber das Glück, das ihm hier geboten war, war so groß und gleichzeitig so neu, daß es ihn vollständig überwältigte.

Leise ging er ins Zimmer zurück. Der Brief war eigentlich nur ein Vorwand gewesen, weil er fühlte, daß er Ruhe brauchte.

Er setzte sich in die Ecke des kleinen Zimmers an ein altes Pult, das als Schreibtisch diente. Und ohne darüber nachzudenken, zog er aus seiner Brusttasche ein altes Sparkassenbuch und blätterte zerstreut darin.

»Es ist gut, daß ich dem Jungen etwas gesichert habe,« dachte er zerstreut, »denn in den Jahren, die nun kommen, kann keine Rede von Ersparnissen sein.«

Er lächelte und blätterte weiter, dachte aber gleichzeitig an etwas anderes; das Buch lautete auf Helles Namen.

Viele Jahre lang hatte er treulich für Kaja gespart, aber als Helle geboren war, hatte er das Ganze auf dessen Namen einschreiben lassen. Und das Buch lautete auf den Tag, wo sie zum ersten Male von dem Kind mit ihm gesprochen hatte.

Er legte das Buch auf das Pult und stand auf.

Es war ihm plötzlich, als friere er, und er trat ans Fenster. Der Sonnenschein beschien ihn in einem breiten, warmen Streifen.

»Du köstliche Sonne!« sagte er unwillkürlich.

Er hörte etwas an die Scheiben schlagen und sah, daß es ein Schmetterling war. Gleich nachher hörte er die Stare zwitschern. Da fiel ihm die Zeile aus dem alten Morgenlied ein:

»Sie danken für Leben und Licht mit flötender Zunge.«

»Wenn ich selbst einmal Flügel bekomme,« dachte er, »dann soll mein erster Flug zu Gottes Thron sein, um zu danken für Helle und sie mit flötender Zunge –!«

Onkel Franz lächelte so sonderbar, er wußte selbst nicht, warum er jetzt an all dies dachte – aber es war so über ihn gekommen.

Es war ihm, als träten ihm Schweißtropfen auf die Stirne, und er wollte sein Taschentuch nehmen, um sie wegzuwischen.

Da zog er ein Papier mit aus der Tasche heraus. Es war ein Brief, den er vor etwa einem Jahre an Kaja geschrieben und seither immer bei sich getragen hatte. »Ich will ihn jetzt zerreißen,« dachte er, »nun kann ich ihr ja alles selbst sagen.« Aber plötzlich besann er sich anders und steckte den Brief zwischen die Blätter des Sparkassenbuches.

Gleichzeitig war es ihm, als höre er Kajas Stimme neben sich, wie sie ihm gestern abend zugeflüstert hatte: »Wie ich dich liebe – dich liebe – dich liebe – Franz, Franz!« Es war ihm, als sähe er sie auf einem schmalen Waldpfad mit Helle an der Hand wandeln und wieder und wieder mit der heißen Glut im Ton und der tiefen Innigkeit, die nur ihre Stimme hatte, wiederholen: »Wie ich dich liebe – dich liebe – dich liebe –!« Er fühlte sich so glücklich bei dem Gedanken – so unendlich, jauchzend, vollkommen glücklich!

Es war ihm, als höre er sie rufen, und er stand auf, um ihr entgegenzugehen. Aber da versagten ihm die Beine; er fiel zurück und schlug mit dem Kopfe hart gegen das Pult, ehe er schwer zu Boden fiel – eine Sekunde lang floß Blut aus einer kleinen Wunde im Nacken – aber er merkte es nicht – seine Seele war schon weit weg – hoch über allen Pfaden – und weit über der Welt – –

Das Lächeln um seinen Mund erstarrte, aber es war noch da, als ein Zeuge des vollen Glückes, das er gefühlt hatte.

Nie ist auf dieser herrlichen, leidensvollen Welt jemand glücklicher gestorben, als Onkel Franz!

Sein Herz brach vor Glück –

*

Kaja und Helle gingen in den Wald hinein und pflückten Frühlingsblumen zu einem großen Strauß. Sie suchte die blauen Anemonen – »denn die liebt Vater so sehr,« sagte sie.

»Ja, aber Vater liebt auch diese,« sagte Helle und hielt ein paar große gelbe Butterblumen in die Höhe.

»Ja wohl, pflück' nur weiter!«

Und sie pflückten mit glänzenden Augen und warmen, roten Wangen.

Sie liefen über das dicke, weiche Moos und tanzten auf dem feinen grünen Gras, ohne sich darum zu kümmern, daß es naß war. Sie steckten die Nasen über dem lichten Waldmeister zusammen und lachten, wenn sie nach einer und derselben Blume griffen. Helle pflückte immer nur kleine kurze Stiele und erfaßte oft nur die Köpfe, und wenn er dann die Blumen in sein Händchen zusammennehmen wollte, fielen sie ihm aus den dicken, kurzen Fingerchen gleich wieder heraus, aber Kajas Strauß nahm zu und wurde immer mannigfaltiger.

»Er soll an seinem Platz auf dem Tisch stehen und den Frühling in seinen Augen sehen,« dachte sie. Sie pflückte und pflückte mit eifrigen Fingern, und während sie pflückte, sang sie:

In der weiten Welt,
In der weiten Welt
Ist nur eine Seele, die mir Treue hält!

In der weiten Welt,
In der weiten Welt
Ist nur eine Seel', zu der ich mich gesellt!

Über Zeit und Ort,
Über Zeit und Ort
Ist nur eine Seel', mit der ich fliege fort –!

Aber plötzlich hielt sie in der letzten Strophe inne und beschattete die Augen mit der Hand, während sie nach dem Waldessaum spähte. »Das muß ein langer Brief werden, weil er noch nicht zu sehen ist!« Sie fühlte sich von einer unerklärlichen Angst ergriffen – empfand diese jedoch nur als eine plötzliche, heiße Sehnsucht.

»Vater schreibt zu lange,« sagte sie zu Helle. »Nun scheint die Sonne in sein Fenster hinein, ich werde neidisch auf die Sonne. Wir müssen heimgehen und ans Fenster klopfen.«

Und mit Helle an der Hand lief sie im Sturmschritt nach dem Häuschen. Vor dem Fenster der kleinen Wohnstube hielt sie an. Der eine Flügel war geschlossen, der andere stand ein wenig offen; der Kies knirschte unter ihren Füßen, deshalb ging sie sachte und machte Helle ein Zeichen, daß er auf den Zehen schleichen solle.

Zuerst kauerte sie sich ausgelassen nieder und klopfte mit dem Sonnenschirm an die Scheibe – dann schob sie ihren großen, mit der ganzen Frühlingspracht gefüllten Hut durch den offenstehenden Flügel. »Ich streu' deinen Weg mit Rosen!« sang sie übermütig.

Aber als niemand antwortete, richtete sie sich vorsichtig auf den Zehenspitzen auf und sah zu dem niedrigen Fenster hinein.

Nie in seinem Leben vergaß der kleine Helle den herzzerreißenden Schrei, den sie ausstieß. Er klang noch lange in seinen Ohren, er hörte ihn nach vielen Jahren zuweilen im Traum.

»Mutter!« rief er und faßte angstvoll nach ihrem Kleid. »Was ist denn, Mutter?«

Aber sie konnte nicht antworten. Weiß bis in die Lippen, stürzte sie an ihm vorbei ins Haus hinein, und so heftig waren ihre Bewegungen, daß sie Helle auf der Staffel umriß, als er ihr Kleid nicht loslassen wollte.

Helle begann heftig zu schreien, weniger aus Schmerz als aus Angst, aber sie beachtete ihn nicht.

In der kleinen Stube lag sie schluchzend über der Leiche und rief wild und wilder: »Franz! Franz! Hörst du mich nicht? Antworte mir, Franz! Du kannst nicht tot sein, jetzt, wo wir erst leben sollten – ich kann dich nicht entbehren – will nicht, will nicht!

»Und wenn du gegangen bist – ach, so nimm mich doch wenigstens mit! Erzeige mir die eine Barmherzigkeit und nimm mich mit!«

Aber niemand antwortete.

»Einsam! Einsam!« klagte es in ihrem Herzen. »Fürs ganze Leben einsam! Niemals wieder glücklich sein, niemals wieder glücklich sein!«

Helle kam über die Schwelle hereingestolpert und wollte zu ihr hineilen, blieb aber plötzlich stehen und ging, mit den Händen auf dem Rücken, rückwärts an der leblosen Gestalt auf dem Boden vorüber.

»Bange,« sagte er nur, »bange.«

Aber da ward sie außer sich und wandte sich zu ihm mit flammenden Augen.

»Wovor ist dir bange, Junge?« flüsterte sie. »Fürchtest du dich vor ihm, der dich mit einer größeren Liebe geliebt hat, als der einer Mutter? Geh'! Geh'!«

Und Helle kroch in den äußersten Winkel des Zimmers und weinte bitterlich. Aber nach einer kleinen Weile wagte er sich wieder vor und blieb neben ihr stehen. »Helle nicht mehr bange,« sagte er.

Das Leben hat ein angeborenes Grauen vor dem Tod, und ohne es zu verstehen, hatte Helle dies empfunden, als er ins Zimmer kam; aber nun war alles Grauen verschwunden.

Er stand dicht neben der Leiche und wiederholte mit seinem vertrauensvollen Stimmchen: »Helle nicht mehr bange.« Schließlich legte er sein Patschhändchen auf Onkel Franz' Hand, fuhr aber zusammen, als er fühlte, wie kalt sie war.

Kaja bemerkte ihn gar nicht. Ihr Kopf ruhte auf der Brust des Toten, und sie lauschte auf den Herzschlag, der nicht mehr da war.

Sie hatte das Gefühl, daß sie die ganze Zeit laut hinausschreie, aber in Wirklichkeit waren ihre Lippen fest zusammengepreßt. Kein Laut drang zwischen ihnen hervor.

»Mutter,« sagte Helle bebend, und zupfte sie am Kleid, »ruf' Vater!«

Aber da lachte sie laut und wild auf, so daß Helle entsetzt an die Tür lief und die Fischersfrau von dem Flur hereinkam, mit all ihren erschreckten Kindern hinter sich.

»Gott sei uns gnädig!« sagte sie und bekreuzte sich unwillkürlich. »Das war eine kurze Hochzeitsfreude.«

Schwere, taktfeste Schritte erklangen draußen; es waren die Fischer, die wieder vorüberkamen. »Ach, kommt doch herein und helft ein wenig!« rief die Frau. Sie lief ans Fenster, beugte sich hinaus und winkte ihnen.

Sie kamen langsam herein und blieben stumm an der Tür stehen. Verstohlen wischten sie sich die Tränen ab, die über ihre gebräunten Wangen hinabrollten – dann hoben sie vorsichtig die Leiche auf; sie faßten sie so zart an, als sei es ein kleines Kind. Aber der dritte trug Kaja in die Schlafstube und legte sie behutsam auf das Bett neben dem Toten. Dann entfernten sie sich schweigend. Hier waren Worte eitel.

Die Fischersfrau, die Helle auf dem Arm hatte, trat zögernd näher und fragte, ob die gnädige Frau nicht den Jungen ein wenig nehmen wolle, er sei so sehr betrübt. Aber Kaja hörte sie nicht.

In diesem Augenblicke war Helle ihr kein Trost, er war eher eine Anklage. Hatte sie denn nicht Onkel Franz um seinetwillen geopfert? Hatte sie nicht zu Gott geschrien: Rette den Jungen, rette ihn um jeden Preis! Unwillkürlich wandte sie das Gesicht von Helle ab, so oft er sich ihr näherte; schließlich nahm ihn die Fischersfrau mit in ihre Stube, und eine halbe Stunde später hörte Kaja ihn mit den anderen Kindern lärmen.

Sie blieb zusammengekauert auf dem Bett sitzen, den ganzen langen Tag hindurch, und betrachtete unbeweglich das feine, bleiche Gesicht an ihrer Seite. Sie sah, wie die Züge mehr und mehr erstarrten, wie die Haut stramm und gelb und die Lippen blau wurden.

Sie saß da und wickelte die weiche Haarlocke, die über seine Stirn hereinfiel, um ihren Finger und wieder und wieder preßte sie ihre Lippen auf den kalten Mund, den sie gestern so warm geküßt hatte.

Die Majestät des Schmerzes lag über ihr – die stille furchtbare Größe des Todes – alles in der Welt kam ihr nun so klein vor. Selbst Helle, der sie bis zu diesem Tage gänzlich erfüllt hatte und wie ein Teil ihres eigenen Ichs gewesen war, selbst Helle wurde klein und trat zurück.

Es war, als gehe er sie gar nichts mehr an, während sie so dasaß und auf ihre tote Liebe schaute.

Es gibt Zeiten in dem Leben der Frau, wo die Kinder die Hauptsache für sie sind – sie hat für sie gelitten – sie ist ihnen nötig gewesen – sie haben ihren Durst nach Liebe, ihren Drang nach Zärtlichkeit und Hingabe gestillt – aber wenn die große Stunde des Todes gekommen ist, sind Mann und Frau wieder allein, so wie sie zuerst gewesen sind – alles andere tritt in den Hintergrund – und da fühlt sie, wem sie ihre Seele hingegeben hat.

Kaja empfand etwas davon, als sie sich mühsam erhob und beide Türen verriegelte – die nach dem Wohnzimmer und die nach dem Flur, damit niemand, selbst Helle nicht, hereinkommen könne.

Sie wußte selbst nicht, welches Gefühl nagender Reue sie ergriff, während sie dasaß und den Toten anschaute und ihren Oberkörper unbewußt hin und her wiegte, aber plötzlich wurde es ihr klar, und sie warf sich über ihn.

»Ich habe dich getötet, ich habe dich getötet!« schluchzte sie.

»Zuerst verließ ich dich um eines anderen willen, und dann wählte ich Helle anstatt deiner. Nun hat Gott mich gestraft!«

Sie war so entsetzt über diesen Gedanken, daß sie, die Hände um die Knie gefaltet, eine ganze Stunde lang tränenlos dasaß und still vor sich hinstarrte.

Dann fühlte sie plötzlich, daß sie fror, und ohne es selbst zu wissen, stand sie auf und ging im Zimmer auf und ab.

»Mutter! Mutter! mach' mir auf!« erklang ein Stimmchen von draußen; und sie machte leise auf, schloß aber die Tür wieder, sobald er eingetreten war.

Helle trat zögernd näher. Er hatte sein ganzes Schürzchen voller Frühlingsblumen. »Vaters Blumen,« sagte er und hielt ihr den duftenden Strauß entgegen.

»Wir wollen noch mehr pflücken,« sagte sie, »jeden Tag wollen wir pflücken. Du sollst in einem Meer von Blumen liegen, Franz.«

Aber schon der Duft der Blüten genügte, um sie ganz zu überwältigen; sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus.

Helle schlich leise zu ihr hin. Zuerst betrachtete er den Vater ängstlich. Aber als er das Lächeln in dessen Gesicht sah, wurde er ganz mutig. Er konnte doch sehen, daß Vater froh war, er lächelte ja. Und er nickte ihm verständnisvoll zu – einmal – zweimal – dann zog er Mutter am Ärmel – er fürchtete sich heute ein wenig vor ihr, aber er faßte doch Mut und zog noch einmal, so daß sie endlich den Kopf aufrichtete.

»Sieh',« sagte er, »Vater lächelt.«

Kaja folgte der Richtung seines Blickes, und nun sah auch sie es. Sie sah, wie dieses Lächeln Gewalt über das Gesicht hatte. Sie sah, wie es um die erstarrten Lippen lag, gleich einem Protest gegen das Grauen vor dem Tod, als Schutz gegen die Kälte des Todes, sie sah, wie es gleich einem Licht in der Dunkelheit leuchtete.

»Gott sei Dank, daß du glücklich gestorben bist!« flüsterte sie, »ohne eine Ahnung von dem, was bevorstand. Denn jetzt hättest du es nicht ertragen können – nicht wahr? Nein, du hättest es nicht ertragen können, wenn du gewußt hättest, daß mir die Trennung von dir das Herz bricht, es langsam und sicher bricht.«

Es war etwas in dem Klang ihrer verzweifelten Stimme, das Helle mutlos machte.

Ach, warum gab denn Vater keine Antwort?

Er schlich an das Kopfende, um Vater besser sehen zu können.

Er meinte, er habe so Heimweh nach Vaters Stimme. »Vater soll mit Helle spielen,« sagte er eindringlich. Er ergriff eine der blassen Hände, die schwer über die Bettkante hing, ließ sie aber sogleich wieder los. »Vater soll mit Helle spielen,« wiederholte er mit Tränen in der Stimme.

Aber Kaja schob ihn heftig zurück. Seine Worte schnitten ihr ins Herz. »Es nützt nichts, daß du ihn rufst. Vater kann dich nicht hören,« sagte sie.

Da rollten große runde Tropfen über Helles Wangen herab. Noch nie, so lange er zurückdenken konnte, hatte es eine Zeit oder einen Ort gegeben, wo Vater ihn nicht hören konnte, und nun sagte Mutter, daß es nichts nütze, wenn er rufe.

»Vater kann mich nicht hören,« klagte es in seinem Herzchen, und er weinte, als sollte es ihm brechen.

Aber da fühlte er sich plötzlich von Mutters Armen umschlungen und fest an ihre warme Brust gepreßt. »Ach, Helle, Helle, nie werden du und ich ausgeweint haben!«

Und er fühlte, wie ihre Tränen unaufhörlich in sein lockiges Haar fielen, und es war ihm, als ob sie brennten.

Helle wußte nicht, was der Tod war, er hatte keine Ahnung davon, wie unbarmherzig dieser trennte – aber Vater lag so entsetzlich still da und gab keine Antwort, wenn er ihn darum bat, und deshalb weinte er.

Kaja trug ihn in das anstoßende Zimmer.

Auf dem Tisch lag Onkel Franz' Uhr. Sie sah flüchtig darauf und verwunderte sich, daß es schon sieben war. Wo war der ganze Tag geblieben? Hatte sie sechs lange Stunden drinnen bei dem Toten gesessen?

Sie rief die Fischersfrau und bat sie, ihr zu helfen, Helles Bettchen in die Wohnstube zu tragen; dann begann sie das Kind auszukleiden.

»Warum darf ich nicht bei Vater schlafen?« fragte Helle.

»Weil Vater Ruhe haben muß.«

»Erwacht Vater morgen?« fragte er.

»Nein – nein – du darfst nicht mehr fragen,« – sie unterdrückte mit Gewalt das Weinen – »sei nur ganz still – ganz still.«

Die Fischersfrau blieb einen Augenblick stehen und betrachtete Kajas bleiches, schmerzliches Gesicht, dann ging sie und kam gleich wieder mit einer großen Tasse dampfenden Kaffees und etwas Kuchen zurück.

»Sie müssen etwas essen, sonst werden Sie krank,« sagte sie.

Aber Kaja schüttelte nur den Kopf, sie warf kaum einen Blick auf den Kaffee.

Da wurde die Frau ganz rot vor Erregung. »Was meinen Sie wohl, was der da drinnen sagen würde?« fragte sie und machte eine Bewegung mit dem Kopf nach der Schlafzimmertür. »Es wäre ihm gewiß nicht recht, wenn Sie sich zu Tode grämten, so lange Sie für diesen da zu sorgen haben.« Und sie deutete auf Helle, der sein Nachthemdchen auf der Brust zusammenhielt und nach dem heftigen Weinen noch schluchzte.

Durch den erregten Ton der Frau geweckt, schaute Kaja auf. Es war, als ob diese Stimme sie aufscheuchte, so daß sie wie aus einem Schlummer erwachte. »Die Frau hat recht,« dachte sie. »Sie hat ganz recht. Wie merkwürdig, daß eine Fremde kommen muß und mir sagen, was meine Pflicht ist.«

Ohne ein Wort zu erwidern, trat sie an den Tisch, nahm die große Tasse mit beiden Händen und trank den warmen dampfenden Inhalt in großen Zügen. Aber dann schob sie mit dem Ausdruck des Widerwillens den Teller zurück.

»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit,« sagte sie. »Das übrige müssen Sie wegnehmen, ich kann nicht mehr.«

Die Frau begriff, daß hier kein Zureden helfen würde, und befriedigt, daß es ihr wenigstens soweit gelungen war, ging sie leise wieder hinaus.

Mittlerweile hatte Kaja den Kleinen zu Bett gebracht.

»Mutter, sing' Helle!« sagte er und faltete wie gewöhnlich die Händchen zum Abendgebet.

»Mutter kann heute nicht singen, Helle.«

Ein verständnisinniger Blick glitt über Helles Gesicht. »Erwacht Vater sonst?«

»Nein, nein, aber,« sie sah sich ratlos um. Wohin sollte sie flüchten vor all diesen Fragen, die mit kindlicher Ausdauer wiederholt wurden und die schonungslos in ihre tiefe Herzenswunde drangen.

Sie flüsterte leise das Abendgebet – das sie sonst zu singen pflegte – Helle war augenscheinlich mißvergnügt.

»Morgen mußt du singen,« sagte er.

Sie nickte zustimmend – es war ihr, als sei es schon gut, wenn sie nur überhaupt Aufschub erhielt. Dann setzte sie sich still auf einen Stuhl neben dem Bett, aber Helle wollte, nicht einschlafen.

»Wer wird mit Helle spielen, wenn Vater nicht kann?« fragte er und richtete sich wieder auf. »Wer läßt mich reiten? Und wer wird Mutter und Helle helfen, wenn Vater nicht mehr kann?«

»Sei jetzt nur still,« sagte Kaja. »Morgen wollen wir darüber sprechen.«

Helle legte sich widerwillig nieder, aber die Gedanken arbeiteten weiter in seinem kleinen Gehirn. »Vater kann Helle doch hören,« hörte sie ihn sich selbst trösten, ehe die schweren kleinen Lider zufielen.

Nachdem Kaja sich versichert hatte, daß er fest schlief, stand sie auf, und dabei fiel ihr Blick auf das Sparkassenbuch, das auf dem Pult lag. »Für Helle!« stand darauf, und sie sah, daß es von dem Tag datiert war, wo sie zum erstenmal von dem Kind mit ihm gesprochen hatte. Jetzt wußte sie, was er damals gelitten hatte; sie hatte das Gefühl, als ob glühende Zangen ihr die eigene Brust zerrissen. Und das Resultat dieses Leidens war ein vierjähriger Kampf für einen anderen gewesen!

Ohne Prunk und Pracht, immer feinfühlend, immer mit einer kleinen Beimischung von Sentimentalität war dieses Opfer in der stillen Weise, die Onkel Franz eigen war, gebracht worden. Er hatte ja nur von der Hälfte seines sparsamen Einkommens gelebt.

Und da überwältigte sie eine plötzliche Eifersucht. Hatte er wirklich dieses Kind, das nicht einmal das seinige war, mehr als sein eigenes Leben geliebt, mehr als sie? Denn er mußte doch wissen, daß es für sie keinen größeren Schmerz gab, als ihn zu verlieren!

Nachdem sie mit diesen Gedanken zu Ende gekommen war, hielt sie inne und stöhnte laut. Hatte sie selbst ihm etwa nicht gezeigt, daß sie, wenn sie zwischen ihm und dem Kind wählen müßte, das Kind wählen würde?

Bittere Tränen quollen ihr zwischen den Fingern hervor und fielen auf das Buch, und in diesem Augenblick flehte sie nur um den Tod; da sah sie einen vergilbten Brief zwischen den Blättern des Buches liegen. »An mein Lieb!« stand auf dem Umschlag in Onkel Franz' klarer deutlicher Schrift. Und sie griff nach dem Brief, wie der Ertrinkende nach dem Brett greift.

Wieder und wieder las sie den Brief; ihre Tränen flossen immer heftiger. Es war, als würde ihr eine schwere Last von den Schultern genommen. Er hatte sie verstanden; er hatte ihr vergeben.

»Du, mein Lieb,« stand da, »wenn ich jemals vor dir abscheiden sollte und du wieder eine Beute der traurigen Gedanken würdest, die dich seit Helles Krankheit so sehr gequält haben, dann möchte ich dir sagen, daß du ihnen nie Raum geben darfst. Jede Mutter würde ebenso gehandelt haben, wie du. Oder glaubst du nicht, daß ich sehe – es jetzt sehe – daß deine Liebe zu mir größer ist als alles andere? Ich weiß wohl, daß es mich einen Augenblick betrübte, daß ich mich gewissermaßen verletzt fühlte, als du mir Helle vorzogst. Aber seither habe ich verstehen gelernt, daß du gar nicht anders hättest handeln können. Und du darfst nie denken, daß du es hättest können, sonst wärest du nicht die, die du bist. Ich weiß nun, daß die Frau als Gattin am größten ist, wenn sie in erster Linie Mutter ist. Oder glaubst du nicht, ich wisse, daß wir in Wirklichkeit doch immer beisammen sind, im Höchsten wie im Tiefsten? Meinst du, ich wisse nicht, daß wir beide einmal allein bleiben werden, in der Weise nämlich, daß alles um uns her klein sein wird im Verhältnis zu der Stärke unserer Liebe, zu dem Jubel, daß diese lebt, und in der Gewißheit, daß sie nie sterben kann ...«

Langsam ließ Kaja den Brief in ihre Tasche gleiten, während sie mit heftig klopfendem Herzen ausstand.

So hatte er sie also vor allem Bösen bewahrt – auch vor dem Wahnsinn.

Sie ging zu ihm hinein, sie sehnte sich so sehr nach dem Anblick seines Gesichtes. Am Bette kniete sie nieder und barg ihren Kopf an seiner kalten Brust. So heiß liebte sie ihn, daß nicht eine Spur von Grauen vor dem Tode sie zurückhielt.

Sie fuhr auf beim Klang der Kirchenglocken. Und plötzlich erinnerte sie sich, daß heute das Osterfest war. Durch das Zwitschern der Vöglein hindurch bahnte das Dorfgeläute sich einen Weg zu ihrem Ohr. Gestern hatte diese Glocke zur Hochzeit geläutet, nun läutete sie zum Tod.

Sie wandte sich um und sah das Lächeln auf seinem Gesicht, und da mußte sie an die Zeilen denken:

– gar tröstlich kommt es uns in den Sinn,
Daß die Glocken des Himmelreichs läuten!

Es kam ihr auf einmal ganz natürlich vor, daß Onkel Franz gerade an einem Osterfest sterben mußte. Lange saß sie still da, seine Hand in der ihrigen. Dann legte sie sich ganz angekleidet auf das Bett neben ihm und fiel in einen tiefen, ruhigen Schlaf. Erst als der Morgen graute, erwachte sie mit dem niederdrückenden, lähmenden Gefühl, das ein großes Leid hervorruft. Sie richtete sich auf, und da sah sie die Veränderung in dem Gesicht, das sie mehr geliebt hatte, als alles auf der Welt, und rasch breitete sie das Laken darüber. Sie erinnerte sich, daß er, als sie an ihrer Mutter Leiche stand, selbst gesagt hatte: »Warum willst du noch mehr sehen? Was jetzt noch da ist, ist nicht schön.«

Nein, sie wollte ihn nicht mehr sehen, nur seine Hand wollte sie halten, seine große, feste und doch weiche Hand, in die sie die ihrige so sicher gelegt hatte.

Auch jetzt legte sie die ihrige sicher hinein, ohne Scheu vor der Todeskälte – und so schlief sie wieder ein, während die Stare draußen erwachten und die Sperlinge an ihren Nestern bauten und die erste Morgenröte die kleinen viereckigen Scheiben des Fischerhäuschens färbte.

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