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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Fünfzehntes Kapitel

Hotte, hotte, Reiterlein,
Blanka heißt das Rößlein mein!
Ei du kleiner Reitersmann,
Hast ja keine Sporen an!
Bis du die gewonnen,
Ist die Kinderlust zerronnen –!

 

Helle durfte zum ersten Male das Bett verlassen. Onkel Franz trug ihn ins Wohnzimmer und setzte ihn auf ein weiches Fell auf den Boden. Die Sonne beleuchtete seine mageren Händchen, und es war ganz festlich im Zimmer; das Spielzeug ruhte ringsum in den Ecken – aber als Helle erschien, kam Leben in das Ganze: Der Hampelmann mußte hervor und seine Kunststücke machen, die Peitsche mußte knallen, der Brummtopf mußte surren und die Spieldose aufgezogen werden.

»Helle wieder tommen!« sagte der kleine Schelm, und sah sich strahlend um.

»Ja, Helle wieder tommen!« wiederholten zwei frohe Menschen neben ihm, und es war ihnen, als sei es ein ganzes kleines Königreich, das da auf dem Boden lag und sich von der Sonne anscheinen ließ.

»Wir haben alle miteinander Heimweh gehabt,« sagten sie. »Die Blumen am Fenster haben die Köpfe hängen lassen und gedacht: Warum kommt denn Helle nicht wie sonst und nickt uns zu? Und das graue Miesekätzchen hat jeden Tag gefragt: ›Wo bleibt denn Helle‹?«

»Miese weint' um Helle,« sagte der Junge, »Helle sieht Miese.«

Und Miese kam herein und spann und miaute und rieb sich liebkosend an Onkel Franz' Bein. Und Helle sah der Mutter zu, wie sie die Blumen begoß, und horchte auf, wenn die große Uhr schlug, und schließlich mußte die Mutter ihn auf den Schoß nehmen und ihm singen:

Hotte, hotte, Reiterlein
Blanka heißt das Rößlein mein!
Ei, du kleiner Reitersmann,
Hast ja keine Sporen an! ...

Sie sang so laut, und die beiden waren so mit dem Jungen beschäftigt, daß sie die Flurtür nicht gehen hörten, und auch nicht daran dachten, daß jemand Fremdes in der Nähe sein könne, bis Peter Dam plötzlich vor ihnen stand.

Er fühlte unwillkürlich, daß seine Gegenwart gleichsam einen Schatten auf die drei frohen Menschen im Zimmer warf, aber er tat, als merke er es nicht, und wandte sich sogleich an Kaja.

»Du hast wohl nichts dagegen, daß ich nach dem Jungen sehe?«

»Durchaus nicht; ist es nicht herrlich, daß er nun wieder auf ist?«

Sie sprach in einem lebhaften, gezwungenen Ton. Peter Dam streckte die Arme nach Helle aus – es war ihm, als müsse er es tun – aber Helle ergriff nur mit beiden Händchen Onkel Franz' Rockärmel, steckte sein Köpfchen hinein und sagte: »Vater is' bei Helle.«

Da vergaß Peter Dam auf einmal alles, was er sich selbst gelobt hatte, nämlich, daß er klug und vorsichtig handeln wolle; seine Stimme zitterte, als er sich an Onkel Franz wendete.

»Ich verbiete Ihnen, einen Namen zu gebrauchen, der Ihnen nicht zukommt!« fuhr er auf.

Onkel Franz rührte sich nicht; er maß Peter Dam nur mit einem Blick.

»Hören Sie wohl,« fuhr dieser heftig fort. »Ich verbiete dem Kinde, Sie so zu nennen!«

Da legte sich Kaja dazwischen.

»Helle hat selbst damit angefangen,« sagte sie, »niemand hat es ihm vorgesagt. Aber das sage ich dir, wenn er es nicht selbst getan hätte, so hätte ich es ihn gelehrt.«

Peter Dam erblaßte vor Zorn.

»Du,« sagte er, »welches Recht hast du denn, über einen Namen zu verfügen, der nur mir zukommt?«

»Das Recht, das du selbst verspielt hast,« antwortete sie ruhig. »Und ich bin stolz darauf, daß mein Kind diesen Mann Vater nennen darf,« fügte sie leise hinzu.

»Vater lieb,« nickte Helle und tätschelte Onkel Franz' Arm mit seinen weißen Händchen. Aber auf Peter Dam wirkte in diesem Augenblick jede Liebkosung, die der Junge an Onkel Franz verschwendete, wie ein Schlag ins Gesicht, und er wollte nicht nachgeben.

»Du täuschest dich gewiß über die wirkliche Lage,« sagte er zu Kaja, mit einem Versuch, überlegen auszusehen. »Ich habe dir zwar das Kind überlassen, aber mich durchaus nicht des Rechtes begeben, von ihm Vater genannt zu werden. Und dieses Recht gebe ich nicht auf.«

Mit blitzenden Augen sah ihn Kaja an: »Dann mußt du mehr dafür bezahlen können, als er bezahlt hat,« sagte sie. »Was wolltest du denn dafür bezahlen? Vielleicht eine kleine Summe von deiner festen jährlichen Einnahme? Aber er, du! Er hat mit einem Kampf, der Tage und Nächte hindurch währte, bezahlt – mit unendlicher Fürsorge und unendlicher Liebe – und mit jahrelangen, schweren Opfern!«

Sie hatte sich erhoben und stand nun vor ihm, den Jungen innig an sich gedrückt.

Onkel Franz verwendete kein Auge von ihr. Er dachte in diesem Moment weder an Peter Dam, der sie herausfordernd ansah, noch an Helle, der immer noch seinen Arm festhielt – er dachte nur an Kaja. Noch nie hatte er die Glut ihrer Liebe und die Stärke ihrer Treue so gefühlt, wie in diesem Augenblick; und er trank aus dem Becher des Glückes mit tiefen, vollen Zügen. Es war, als sei er sich gar nicht bewußt, was sonst um ihn her vorging.

Er erwachte erst, als Peter Dam ziemlich unsanft Helle an sich riß und ihn plötzlich mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte.

Der Junge wehrte sich aus Leibeskräften und rief einmal übers andere:

»Helle will nicht! Will nicht!«

»Das nächstemal werde ich dich schon lehren zu wollen,« sagte Peter Dam, indem er den Jungen hart auf den Boden setzte, seinen Hut ergriff und ohne Gruß davonging.

Onkel Franz meinte, Kaja sehe ihm merkwürdig ernst nach, aber nun mußte er Helle trösten, der aus dem Boden saß und ein wahres Jammergeheul aufschlug.

Von diesem Tage an kam Peter Dam öfters.

Aber er kam nie am Sonntag oder am Nachmittag, sondern nur, wenn er wußte, daß Onkel Franz in der Schule und Kaja allein mit dem Jungen war. Er lachte, wenn dann der kleine Knirps die Hände auf den Rücken legte und mit großer Bestimmtheit erklärte: »Helle kann dich nicht leiden.« Dann brach er in lautes Lachen aus und gab nicht nach, bis er sich mit Hilfe von Bestechungen, in Form von Bonbons und Schokolade, einen Kuß erworben hatte. Gegen Kaja war er entweder stürmisch zärtlich oder einschmeichelnd liebenswürdig, und sein Betragen erhielt sie in ewiger Unruhe. Sein beständig wiederholtes Verlangen, von dem Jungen Vater genannt zu werden, versetzte ihre Nerven in unaufhörliche Spannung, und sie begann sich vor der Zeit zu fürchten, wo der Junge das traurige Verhältnis zwischen den Eltern verstehen würde.

»Seit mehr als zwei Jahren hast du ihn vollständig entbehren können,« sagte sie, »warum drängst du dich nun plötzlich auf? Was willst du eigentlich mit deinen Besuchen hier?«

»Was ich will? Ich will euch wieder haben,« sagte er herausfordernd.

»Bist du verrückt?« sagte sie, ihn entsetzt anstarrend.

»Ja, ich glaube, ich werde es, wenn ich dich nicht wieder bekomme.«

Ihre Stimme wurde plötzlich kalt wie Eis, als sie sagte: »Wenn du auf diese Weise kommst, dann verschließe ich die Tür vor dir.«

»Du kannst mir den Zugang zu meinem Kind nicht vermehren.«

»Ach, du kümmerst dich ja gar nicht um das Kind, du kommst nur, um hier Böses anzurichten; wir hatten es so schön, ehe du kamst – so licht und froh. Aber nun –«

Er lachte, als sie stockte.

»Nun ist eine Schlange ins Paradies gekommen,« schloß sie.

Von nun an ließ ihn Kaja mit dem Jungen allein im Wohnzimmer und schloß sich selbst nebenan ein. Aber diese Stunden, wo sie beständig seine Stimme hörte und er oft den Versuch machte, sie zu zwingen, hereinzukommen, indem er den Jungen zum Weinen brachte, so daß er nach ihr rief, wurden ihr mit jedem Tag unerträglicher. Sie quälten sie in dem Grade, daß sie geradezu fühlte, wie sie an ihrer Kraft zehrten.

Helles Krankheit hatte einen günstigen Einfluß auf sie gehabt. Ihre Energie war gestärkt, ihre Ausdauer geübt worden, und diese Zeit hatte auf eine wohltätige Weise ihre Gedanken von ihr selbst abgelenkt. Nun wurde sie aufs neue bei Tag von der Unruhe und des Nachts von Schlaflosigkeit geplagt.

Onkel Franz ward auf ihr verändertes Aussehen aufmerksam und fragte sogleich, was ihr fehle; sie aber wich ihm mit einem Scherz aus. Allein eines Tages, als er auf dem Flur stand und seinen Überzieher aufhängte, kam Helle zu ihm herausgelaufen; er war offenbar von etwas sehr erregt und schüttelte den kleinen Lockenkopf, indem er sagte:

»Böser Mann bei Helle 'wesen, böser Mann – Mutter weint! –«

Und da war es vorbei mit Onkel Franz' Geduld. Geradeswegs ging er zu Peter Dam.

»Wenn Sie sich noch einmal unterstehen, sie aufzusuchen,« sagte er, »dann werfe ich Sie die Treppe hinunter. Vergessen Sie das nicht. Ich frage nichts danach, ob die Treppe hoch oder nieder ist. Sie fliegen einfach Hals über Kopf hinunter.«

Von diesem Tag an wurde Peter Dam wieder unsichtbar, und ein paar Wochen später stand in der Zeitung, daß er Hochzeit gehabt habe.

Kaja empfand es als eine augenblickliche Befreiung, konnte sich aber doch nicht so recht freuen wie vorher. Es war ihr nun immer, als würde sie Onkel Franz verlieren, und sie schwebte in beständiger Todesangst um ihn.

»Das Glück, das wir nun bald erreichen werden, kommt mir fast zu groß vor,« sagte sie. »Es ist mir, als dürfe ich nicht recht daran glauben.«

Onkel Franz betrachtete besorgt die dunklen Ringe um ihre Augen und wußte nicht, was er antworten sollte. Aber eines Tages, im Anfang Mai, trat er mit einem großen Brief in der Hand bei ihr ein.

»Ich habe nach Modum geschrieben und ein Zimmer für dich bestellt,« sagte er; »nun mußt du lieb und gehorsam sein und im Sommer in die Berge gehen. Helle und ich werden während deiner Abwesenheit gut für einander sorgen, und dann kehrst du mit frischen roten Wangen zurück, in mein und dein Heim zurück. Wie viel werden wir zu tun haben, um alles zu ordnen!«

Kaja widersprach ihm nicht, aber sie fühlte, daß es ihr bei dem Gedanken an den Abschied war, als fasse eine kalte Hand nach ihrem Herzen. Und als es Abend ward und sie allein blieb, stützte sie die Arme auf das Fensterbrett, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte, als ob ihr das Herz brechen müßte.

»Ich gehe nicht von ihm weg,« sagte sie zu sich selbst, »ich tue es nicht. Das hieße so viel, als von unserem Glück ebensoviele Tage und Wochen rauben. So reich sind wir nicht an Glück, weder er noch ich.«

Aber in der folgenden Nacht wurde sie von einem Traum gequält, der sie in der letzten Zeit schon öfter verfolgt hatte. Ihr träumte, sie stehe wieder vor der Wahl: Der Junge oder Onkel Franz – und sie wählte den Jungen. Sie erwachte mit nassen, angstvollen Augen und fühlte, wie ihr die Angst den kalten Schweiß auf die Stirne trieb. Es war ihr, als habe sie nun Onkel Franz zum Tode verurteilt, als müsse sein Tod eine notwendige Folge sein, weil sie ihn im entscheidenden Augenblicke verleugnet habe, und als sie am Morgen aufstand, fühlte sie sich so schwach wie nach einem heftigen Fieber.

»Er hat doch recht,« dachte sie, »es ist durchaus nötig, daß ich reise.«

Aber als sie drei Wochen später auf dem Dampfschiffe war und nach dem Ufer zurückschaute, wo Onkel Franz mit Helle an der Hand stand, und wo die Landungsbrücke eben zurückgezogen werden sollte, hatte sie ihre ganze Selbstbeherrschung nötig, um nicht im letzten Augenblicke ans Land zurückzuspringen.

Onkel Franz hatte all seinen Humor anwenden müssen, um seinen und auch ihren Mut aufrecht zu erhalten. Aber es war ihm nicht ganz gelungen. Bei der letzten Umarmung hatte er sie fast nicht mehr loslassen können, und nun glitt das Schiff langsam aus dem Hafen. Mit nassen Augen hing Kajas Blick an der großen und der kleinen Gestalt am Ufer – an den beiden Menschen, die für sie die ganze Welt bedeuteten. Helle schwang sein rotes Mützchen und warf ihr Kußhände zu, so lange er das Schiff noch mit den Augen erreichen konnte, aber das Letzte, was Kaja sah, war Onkel Franz selbst, der seinen großen weichen Filzhut zum letzten Gruß eifrig in der Luft schwang.

*

Kaja weilte in Modum, und die frische reine Bergluft brachte ihrem angegriffenen Nervensystem vollkommene Heilung. In weniger als zwei Monaten wurde sie ein ganz neuer Mensch. Ihr Schlaf war ruhig und traumlos, ihre Wangen bekamen wieder Farbe, ihr Gang wurde elastisch und ihre Stimme fröhlich. Aber sie lebte ganz für sich, nur das Heimweh war überall ihr Begleiter, und in Wirklichkeit lebte sie mit den beiden fort, die nie aus ihren Gedanken waren. Sie machte lange Spaziergänge allein, aber Onkel Franz und Helle gingen mit ihr, ja sie konnte sich darauf ertappen, daß sie laut mit ihnen sprach.

»Ich kehre bald zu euch zurück,« sagte sie zu ihnen. »Ehe ihr es ahnt, bin ich bei euch.«

Abends blieb sie lange auf und schrieb nach Hause oder las die empfangenen Briefe wieder durch; nicht weil sie etwas von dem Inhalt vergessen gehabt hätte – sie konnte sie alle auswendig – aber sie mußte immer wieder seine Handschrift sehen, diese gleichmäßige, klare Handschrift, die wie ein fester, aufrichtiger Händedruck war.

»Ich sehne mich nach dir zu jeder Stunde des Tages,« schrieb er, »aber durch meine Sehnsucht zieht frohe Erwartung. Nun habe ich bald sieben Jahre um dich gedient, Rahel! Nun sind es keine Jahre mehr, nur noch Monate, bis du mein wirst. Wenn der Star im nächsten Frühling zu pfeifen beginnt, dann steht das Haus bereit, und dann wirst du mein sein.«

Sie wußte, was er damit meinte, »das Haus steht bereit«; sie wußte, daß er im letzten Sommer in einem Häuschen am Höjstruper Strand zwei Zimmer gemietet hatte »für ein paar Frühlingstage – für ein paar glückliche Menschen, die sich keine Hochzeitsreise erlauben können«, hatte er unter den Mietskontrakt geschrieben, der in einem großen blauen Umschlag auf seinem Schreibtisch lag, und sie wußte auch, daß er ab und zu etwas nach diesem zu einem ganz kurzen Aufenthalt bestimmten Heim, das ihr erstes Glück beherbergen sollte, schickte.

Sie wurde betroffen, wie jung er doch eigentlich war, trotz seiner grauen Haare – »viel jünger als ich selbst,« dachte sie.

Sie wußte auch, was er damit meinte, daß sie sein eigen sein solle. Sie hatte es in seinen Augen gelesen und aus seiner Stimme gehört und es an seiner Umarmung gefühlt, als er ihr »Lebewohl!« sagte.

Und es ergriff sie in diesem Augenblick eine fast wahnsinnige Angst, daß sie sterben könnte, ehe sie sein geworden war. Es was ihr, als würde dann das Leben ganz ohne alle Bedeutung sein.

Und so schrieb sie zurück: »Die Deine denkt an nichts anderes als an die Stunde, wo das Haus bereit steht! Sie sehnt sich mitten in der Herrlichkeit der warmen, hellen Nächte nach den trüben, dunklen Tagen – sie wünschte, sie hielte kalten Schnee zwischen den Händen, weil sie die Dunkelheit und der Schnee dem Tag näher bringen, wo der Star zur Hochzeit pfeift.«

Seine Antwort bestand in einer Zeichnung des Höjstruper Gehölzes; er selbst könne es nicht ertragen, sie anzusehen, schrieb er, denn dann sei es ihm, als habe er Feuer in den Adern.

Und sie verbarg die Zeichnung rasch in ihrem Koffer – – denn »wenn ich sie länger ansehe, reise ich morgen,« sagte sie zu sich selbst.

Es war, als bringe sie die Sehnsucht einander noch näher als zuvor. Sie lebten nicht mehr in der Gegenwart, sie lebten beide in der Zukunft, die ihnen die Erfüllung ihrer reichsten Erwartungen bringen sollte, mit der sie in den drei langen Jahren immer gerechnet hatten und die nie aus ihren Gedanken gewichen war.

Aber sie lebten zugleich auch mit Helle.

Wie immer brachte er Botschaft von einem zum anderen. Onkel Franz führte sein kleines, dickes Patschhändchen, und da diktierte er:

 

»Helle wird nun groß – sehr groß, Helle sitzt jeden Tag auf Vaters Schoß und hört Geschichten. Aber Helle will Mutter wieder daheim haben – denn alle Geschichten handeln von Mutter –«

 

Sie legte den Brief unter ihr Kopfkissen, und als sie in der Nacht erwachte, küßte sie ihn. Am nächsten Tag schrieb sie:

 

»Kleiner Helle! Mutters Liebling!

Jeden Morgen frage ich die Sonne, die zu meinem Fenster hereinlugt: Hast du Helle gesehen? – Ja wohl, sagt die Sonne, ich habe gerade vorhin zu ihm hineingeschaut. Er saß in seinem Bettchen und sang, und ich verbarg mich in seinem lockigen Haar – und ich spielte auf seinen nackten Füßchen. Gewiß hab' ich ihn gesehen! – Und ich frage den Star, der vor meinem Fenster pfeift: Hast du Helle gesehen? – Gewiß habe ich ihn gesehen! zwitschert der Star. Er war im Frederiksberger Garten und spielte Hottopferd. Seine Wangen waren rot und seine Augen sonnenklar! Und ich setzte mich auf einen Busch und pfiff, während er vorbeigaloppierte. Und ich erzählte ihm, wie schön es sein werde, wenn Mutter zu denen heimkommt, die sie über alles auf der Welt lieb hat. Gewiß habe ich ihn gesehen –!«

 

»Wann kommt Mutter?« fragte Helle oftmals am Tag, und Onkel Franz erwiderte: »Wenn der Wald gelb wird.« – »Dann soll er gleich gelb werden!« rief Helle. – »Nein, wir müssen warten, bis der Herbst kommt,« sagte Onkel Franz mit einem kleinen Seufzer, und Helle begann zu verstehen, daß der Herbst etwas sei, das sehr weit entfernt war.

Aber Kaja führte alle beide an.

Eines Nachts überwältigte sie das Heimweh so sehr, daß sie am nächsten Morgen ihren Koffer packte.

»Nicht einen Tag mehr will ich ohne ihn leben!« sagte sie zu sich selbst.

Sie reiste am Abend ab und fuhr ohne Aufenthalt die ganze Nacht hindurch. Gegen sechs Uhr nachmittags kam sie in Kopenhagen an und fuhr in einer Droschke sogleich nach ihrer Wohnung. Sie grüßte jeden Laternenpfahl, an dem sie vorüberkam, und ihr Herz klopfte zum Zerspringen vor lauter Freude, als sie den letzten erreicht hatte.

Den Flurschlüssel hatte sie in der Tasche und drehte ihn nun ganz sachte im Schloß um. Niemand hörte sie kommen; lautlos legte sie Hut und Mantel ab. Die Tür nach der Wohnstube stand offen, und sie blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Onkel Franz saß, Helle auf dem Schoß, mit dem Rücken gegen die Tür. Er nahm ihren gewohnten Platz am Fenster ein, und sie sah, daß er alle ihre Bilder um sich herum versammelt hatte. Sie hingen neben ihm an der Wand, sie standen auf dem Nähtisch und auf dem Fensterbrett.

Helle streckte eben die Hand nach einem von ihnen aus. Es war eine Photographie in einem Rahmen – und sie sah, wie vorsichtig er sie ergriff und dem Jungen hinhielt.

»Küss' Mutter,« sagte er, »aber vorsichtig.«

Und nachdem der Junge dies getan hatte, drückte er selbst seine Lippen leidenschaftlich auf das kalte Glas – einmal – zweimal – dreimal –

Da machte sie eine unwillkürliche Bewegung, und er wandte sich um. Mit einem Freudenschrei lag sie vor ihm auf den Knien und bedeckte seine Hände mit Küssen.

Helle stürzte sich sofort auf sie.

»Mutter! Mutter!« jubelte er. »Ist der Wald nun gelb?«

Aber Onkel Franz sagte kein Wort. Er saß ganz still und preßte nur ihren Kopf an seine Brust. An den fast schmerzlich heftigen Schlägen seines Herzens merkte sie, wie groß seine Freude war, und als er endlich in die Worte ausbrach: »Willkommen mein Lieb!« war es, als sänge die Stimme vor lauter Glück.

»Versprich mir,« sagte sie, den Kopf zurückbeugend, so daß sie ihm in die Augen sehen konnte, »versprich mir, daß du mich nie wieder fortschicken willst. Es ist eine blutige Sünde an uns beiden. Versprich mir, daß du von nun an jede Stunde mit mir teilen willst, mag das Leben nun lang oder kurz sein. Jeder Tag, den wir zusammen verleben dürfen, ist ja gleichsam ein teurer, großer Schatz für dich und mich! Damit wollen wir Wucher treiben und Kapital daraus schlagen, dann haben wir genug im Alter!«

Er nahm ihre kleinen, fest gefalteten Hände zwischen die seinigen und küßte sie heftig; dann löste er sie sachte voneinander und drückte sie auf seine Augen.

»Du kleine, geizige Seele! Ja, bis in Ewigkeit!« sagte er.

Sie stand auf und begann mit leichten, frohen Schritten, leise vor sich hinsingend, im Zimmer hin und her zu gehen und alles fröhlich zu betrachten, gleichsam mit neuen Augen, während die ganze Zeit ein strahlendes Lächeln um ihren Mund spielte.

»Es ist gerade, als kämest du aus dem Märchenland,« sagte er, indem er ihr mit den Augen folgte.

»Das ist auch so,« erwiderte sie. »Ich komme aus dem Wunderland meiner Liebe. Dort singt alles, was man berührt. Das ist zwar immer so gewesen, so lange ich zurückdenken kann. Wenn ich dich nur sprechen hörte, war es mir, als ob die Luft um mich sänge. Du solltest nur wissen, wie oft ich in der Dunkelheit dein Profil beobachtete, das sich vom Fenster abhob, und dann meinte ich, ich höre die herrlichste Musik. – Dies zum Beispiel:

Sie öffnete den Flügel und spielte ein paar Sätze aus einer Chopinschen Phantasie ...

Dann sang sie:

»Und lebtest du Tausende Meilen von mir,
Und stünde der Weg voller Flammen,
Ich kämpfte mich mutig hindurch zu dir,
Bis endlich wir wären zusammen!

Hinsinken würd' ich zur Seite dir,
Ganz nahe dir wollte ich weilen,
Und alle Qualen erlitten hier,
Ich würde sie mit dir teilen!

Und stürztest du nieder an Grabes Rand,
Wie, vom Blitze getroffen, die Eiche –
Nicht geb' ich sie frei, die geliebte Hand –
Im Tode selbst ich nicht weiche!«

»Was singst du da?« fragte er plötzlich aufmerksam.

»O nur eines meiner eigenen Lieder.«

»Machst du Gedichte?«

»Ja! – Und alle handeln von dir.«

»Das ist ausgezeichnet! Du gibst mir nicht allein dich selbst, sondern auch gleich ein ganzes Liederbuch als Mitgift.«

»Wer sagt denn, daß du es bekommst?«

»O, wenn die Gedichte von mir handeln, dann –«

»Ja, aber gerade deshalb! Es würde mir nie einfallen, irgend etwas zu besingen; aber wenn ich an dich denke, dann kommen die Lieder von selbst. So war es von jeher. In ihnen warst du gleichsam immer bei mir, und wenn ich dich nicht hatte, hatte ich die Lieder.«

»Du mußt mir das Buch geben, hörst du!«

»Nein.«

»Du hast mir alle deine Gedanken versprochen –«

Er sagte es scherzend, aber ohne daß er es wußte, mischte sich ein etwas wehmütiger Klang in seine Stimme. Das war genug – sie bereute schon. Mit ihren warmen Lippen dicht an seinem Ohr, flüsterte sie schelmisch:

»Ich verspreche dir, daß du sie bei unserer silbernen Hochzeit alle bekommen sollst.«

Und sie sang:

»Kommt dann des Lebens Herbst einmal,
Und sind wir alte Leute,
Dann singen wir wie dazumal,
Und singen grad' wie heute!«

»Kennst du das?«

»Ja wohl – aber kennst du das?

Liebes, kleines Rosmarein!
Kleines, süßes Liebchen mein!
Denk' was heute ist passiert –
Der Pfarrer hat uns proklamiert!«

Aber nun verlangte Helle auch Musik: »Mutter soll Helle singen!« bat er, und sie mußte ihm alle Verse von »Hotto, Reiterlein« singen, vom ersten bis zum letzten.

Und Helle jauchzte und verlangte immer: »Mehr! Mehr!« bis sie ihn mit einem raschen Entschluß ins Schlafzimmer trug und ihn auszukleiden begann.

»Schläfst du heute Nacht bei Helle?« fragte er neugierig.

»Ja, gewiß, willst du mich etwa nicht haben?«

»Doch,« erklang es zögernd, »aber Vater auch – Vater hat immer bei Helle geschlafen, so lang du weg warst.«

»Ja, aber nun ist kein Platz da, das siehst du doch.«

»O, fein Platz!« sagte der kleine Bursche höhnisch, »Vater kann neben Helle liegen!«

Und unverdrossen wiederholte er: »Fein Platz!«

Onkel Franz stand an der offenen Tür zum Wohnzimmer und summte noch immer: »Hotto, Hotto, Reiterlein!« Er hätte ihr doch auch ein wenig zu Hilfe kommen können, dachte Kaja, aber statt dessen stand er da mit der Zigarre in dem einen Mundwinkel und einem behaglichen Lächeln um die Lippen.

Helle wollte noch mehr sagen, aber da verschloß sie ihm den Mund mit einem Kuß und sagte:

»Nun will ich dir etwas erzählen. Wenn wir in das kleine Haus am Höjstruper Strand ziehen, von dem ich dir so oft erzählt habe, dann ist dort mehr Platz als hier und dann darf Helles Bettchen zwischen Vaters und Mutters Bett stehen, damit wir recht gut auf ihn aufpassen können.«

»Reist Mutter dann nicht wieder weg?« fragte Helle zweifelnd.

»Nein, nie mehr,« antworteten beide auf einmal und lachten über den ungläubigen Ausdruck in des Knaben Gesicht.

Auf diese Weise beruhigt, fand Helle sich darein, in sein Bettchen gesteckt zu werden, und kroch sogleich unter seine Decke.

Kaja und Onkel Franz blieben im Wohnzimmer sitzen, während die Tür zum Schlafzimmer angelehnt war. Sie sprachen nicht viel, und ihre Stimmen klangen gedämpft. Es war, als hätten sie Angst, mit Worten ihr Glück zu verscheuchen. Aber ab und zu ließ Kaja langsam die Hand durch sein dichtes Haar gleiten, und er folgte mit den Augen der Bewegung ihrer Finger.

»Ja, nun kannst du sie nicht mehr zählen,« sagte er lächelnd, indem er der vielen weißen Haare zwischen der schwarzen gedachte.

Sie schüttelte den Kopf über seine Gedanken. »Sie sind ja mein Stolz,« sagte sie. »So oft ich mich da droben nach dir sehnte und es mir war, als sei ich deiner gar nicht wert und als sei es ganz unmöglich, daß du mich wirklich lieben könnest, kamen sogleich die weißen Haare und sagten: »Denk' an uns, wir bedeuten etwas.« Und wenn ich vor Angst ganz krank war, daß eines von uns sterben könnte, ehe wir zusammen gekommen wären, dann waren wieder die weißen Haare da, mit ihrer stummen Ausdauer, ihrer unerschütterlichen Treue, ihrem tiefen, festen Glauben an unser Glück, und das tröstete mich.«

Sie lehnte den Kopf an den seinigen. »Ihr lieben, guten weißen Haare,« sagte sie. »Ihr seid mir mehr wert als alles andere auf der Welt.«

»Alles,« sagte er plötzlich und sah sie mit seinem ehrlichen Blick an. »Bist du dessen sicher?«

Sie verstand den Zweifel in seinen Worten, antwortete aber ohne Bedenken: »Ja, jetzt bin ich dessen ganz sicher.«

In diesem Augenblick kam es ihr vor, als sei Helle so sonderbar weit weg. Es war fast, als könne sie nichts mehr fassen als das eine, daß die große Liebe ihres Lebens ihren Siegeszug durch ihre Seele hielt – durch alle ihre Gedanken und alle ihre Gefühle – und durch jede Fiber ihres innersten lebendigen Wesens!

Er sah in ihr bewegtes Gesicht, und er fühlte, daß sie ihm nun ganz zu eigen gehörte.

»Es ist beinahe zu viel,« murmelte er, »das Glück ist fast zu groß.«

Aber sie lachte und erwiderte: »Wie hast du glauben können, daß du dich mit weniger begnügen würdest, und im Grunde deiner Seele hast du es auch gar nicht gewollt? Ich weiß wohl, daß von uns beiden ich immer am wenigsten gegeben habe. Ich weiß, ich habe immer etwas zurückbehalten, aber das ist nun anders geworden. Du hast nicht umsonst sieben Jahre um Rahel gedient; nun gebe ich mich dir rückhaltlos hin – dir allein.«

Er zog ihre Hände an sich und bedeckte sie mit Küssen – stürmisch küßte er ihr Mund, Wange und Augen.

»Mein eigen!« flüsterte er nur.

Und sie neigte den Kopf auf seine Schulter und wiederholte sicher:

»Ja, dein eigen –«

Lange saßen sie so zusammen, ohne zu sprechen, ohne zu merken, daß die Dämmerung immer dichter um sie her wurde, und sie erwachten, indem sie Helles Stimme im Nebenzimmer hörten – die ganz wach klang.

»Hallo!« wurde da gerufen; und gleich nachher: »Hallo! Ich bin's, Helle!«

»Was macht er nur da drinnen?« rief Kaja aufspringend.

Aber Onkel Franz lachte. »Er telephoniert gewiß im Schlaf,« sagte er. »Neulich war er mit mir in der Stadt und hörte mich telephonieren; seither hat er nichts anderes getan, als es nachgemacht. Er befestigt einen Bindfaden an einem Nagel in der Wand, und dann geht's los. Nun wirst du gleich hören. Nein, der Schlingel ist wirklich hell wach!«

Sie hatten sich beide leise an die Tür geschlichen und schauten nun durch den Spalt.

Helle stand mitten in seinem Bettchen und hielt einen Bindfaden dicht an sein warmes kleines Ohr.

»Hallo!« erklang es wieder. »Ist der liebe Gott daheim! – So – danke – gut – ach bitte ihn doch, jemand zu mir zu schicken, weil ich mich so schrecklich langweile!«

Die beiden waren nahe daran, in lautes Lachen auszubrechen, aber sie ermahnten einander zur Stille.

»Hallo!« erklang es einen Augenblick nachher mit etwas furchtsamem Ton – »ist es der liebe Gott? – Ach, sag' ihm doch, er solle Helle ein wenig Licht schicken, denn hier ist es ganz dunkel geworden!«

Da konnten die Lauscher nicht länger widerstehen. Leise schoben sie die Tür zurück und traten zusammen ein. Onkel Franz nahm ein Streichholz und zündete die Nachtlampe auf dem Tischchen neben dem Bett an.

Aber Helle ließ sich nicht stören. »Hallo!« telephonierte er weiter mit frischem Mut in der Stimme: »Sage Gott, daß er gut sei – nun ist das Licht kommen – danke – Adieu!«

Er klingelte ab, lächelte den beiden glückselig zu und schlüpfte unter seine Decke. Ein paar Minuten später schlief er sanft mit halboffenem Mund, die Händchen fest über der Brust gefaltet. Onkel Franz und Kaja standen miteinander an dem kleinen Lager, und wie so oft schon begegneten sich ihre Blicke in der Freude an dem Kinde. »Wie glücklich sind wir, daß wir Helle haben!« sagten sie zu einander.

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