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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 16
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Vierzehntes Kapitel

Und es kamen Tage,
Von Angst erschüttert,
Von Sorge und Kummer,
Leiddurchbebet,
Doch alle, alle
Hab' ich gelebet!

 

An dem Morgen, wo Kaja und Onkel Franz Rödvig verlassen mußten, sandte der Oberarzt von Oringe eine Botschaft; er bat sie, so schnell als möglich zu kommen, da Frau Halling am Nervenfieber erkrankt sei und er nicht glaube, daß sie noch viele Tage zu leben habe.

Sie reisten an demselben Morgen ab und nahmen Helle mit.

Kaja war unterwegs sehr still, und Onkel Franz mußte Helle bei guter Laune erhalten. Der Junge strampelte und lachte über die »Puff-Puff-Bahn«, und warf jedem Reisenden, der hereinkam, eine Kußhand zu. Auf Onkel Franz' Schoß schlief er endlich ein, das schwarzgelockte Köpfchen dicht an dessen Brust geschmiegt und die Händchen festgeballt.

Als die Heilanstalt erreicht war, übergab Onkel Franz Helle einer Wärterin und ging mit Kaja zu der Kranken.

Kaja blieb tief- und schweratmend vor der Tür stehen.

»Ich fürchte mich,« sagte sie, »ich fürchte mich vor dem Tod.«

Er ergriff ihre Hand und hielt sie in der stillen Art fest, die Kaja stets beruhigte.

»Und ich freue mich gerade darauf, dir zu zeigen, wie schön er ist,« erwiderte er.

Sie gingen miteinander hinein, und die Kranke wandte ihnen sofort den Kopf zu.

»Welche Nachricht bringst du von dem Prinzen?« fragte sie, ihre fieberheißen Augen auf Onkel Franz heftend.

Er setzte sich ruhig neben sie, dann sagte er: »Ich soll dir ausrichten, daß du nun reisen dürfest, wohin du wollest, das Gefängnis stehe dir offen.«

Die Augen der Kranken strahlten; sie strich das dichte, graue Haar von der Stirn zurück und richtete sich auf den Ellbogen auf.

»Es ist gut, daß du kommst,« sagte sie. »Du verstehst immer, was ich meine. Es gibt noch etwas nachher – ein ganz anderes Leben als dies – beschreibe es mir!«

Onkel Franz beugte sich vor und näherte seinen Mund ihrem Ohr.

»Ich weiß nicht, wie es ist, ich habe es ja nicht selbst erlebt. Aber wenn ich daran denke, ist es mir, als höre ich Ketten fallen.«

»Ganz richtig,« sagte sie. »Ich kenne den Ton – wenn ich hier herumging, war es mir immer, als höre ich Ketten rasseln. Ach, wenn du wüßtest, wie entsetzlich das war!« – Sie schauderte. – »Ich ging und ging, um ihnen zu entgehen, aber immer rasselten sie hinter mir her. Und nun werden sie fallen, sagst du. Welch ein großes, unbegreifliches Glück!«

Onkel Franz schaute in das Gesicht, das schon vom Tod gezeichnet war.

»Ja,« sagte er mit warmer Stimme, »nun werden wir dich glücklich sehen.«

Kaja lag vor dem Bett auf den Knien, das Gesicht fest in die Kissen gepreßt. »Arme, liebe Mutter,« sagte sie nur, »armes, liebes Mütterchen!«

Die Kranke hob lauschend den Kopf, es war, als spreche etwas zu ihr aus dieser Stimme, aber sie konnte sich nicht klar machen, was es war. Sie ließ ihre müde Hand auf Kajas Kopf sinken und sah Onkel Franz an.

»Gegen sie mußt du gut sein,« sagte sie, »sie sieht einem kleinen Mädchen ähnlich, das ich einmal gehabt habe.«

Kaja brach in Tränen aus – das Gesicht in den Händen vergraben, weinte sie lange und heftig, so daß die Kranke unruhig wurde.

»Ich kann dich nicht trösten,« sagte sie, »all mein Trost ist verschwunden.«

Da legte Onkel Franz seine Hand fest auf Kajas Schulter, indem er sagte: »Nimm' dich zusammen und lass' sie glücklich sterben.«

Kaja richtete sich augenblicklich auf. Beschämt trocknete sie ihre Augen und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett. Onkel Franz saß auf der anderen Seite, und über dem Sterbebette reichten sie sich die Hand. Still saßen sie da und erwarteten die Verwandlung. So oft Kaja den Kopf abwenden wollte, flüsterte er: »Nein, sieh' sie an. Du mußt ihr Gesicht sehen, wenn die Fesseln fallen.« Und widerstrebend gehorchte sie.

Aber bei einem röchelnden Laut, der sich dem Hals der Kranken entrang, fuhr sie zusammen. »Nein,« sagte sie sich abwendend, »das ist etwas Entsetzliches, ich will es nicht sehen.«

»Es ist feig, sich ihm zu entziehen,« versetzte er, sie mit seinem Blick zwingend. »Wenn du dem Tod nicht fest ins Auge siehst, wirst du seine Schrecken nicht überwinden.«

Da begann sie der Kranken ins Gesicht zu sehen. Sie folgte dem wechselnden Ausdruck der flackernden Augen, sie folgte dem Tasten der Hände auf der Bettdecke, und es war ihr, als fühle sie den kalten Schweiß auf ihrer eigenen Stirne, als sie ihn tropfenweise über die bleichen Wangen hinabrollen sah. Aber plötzlich sah sie hinter dem Schrecken noch etwas anderes. Eine gebundene Seele sah sie, die aus den gebrochenen Augen mit dem Ausdruck der Hoffnung auf Freiheit herausschaute. Einen Geist sah sie, der sich siegend einen Weg aus der Hülle des Körpers heraus bahnte. Und allmählich begann dasselbe Gefühl über sie zu kommen, das Onkel Franz empfand, wenn er über eine Puppe gebeugt stand und auf den Augenblick harrte, wo der Schmetterling herausfliegen würde. Langsam begann sie das Festgefühl und den klingenden Jubel zu verstehen, der durch eine Seele zieht, wenn sie fühlt, daß sie plötzlich Flügel bekommt. Sie begann zu verstehen, daß nächst der Geburt dies der größte Moment in dem Leben eines Menschen ist. Ja, zuerst der, wo die Seele über die Schwelle dieses an die Erde gebundenen Daseins tritt, und dann der, wo die Ketten fallen!

Die Kranke lag mit weitgeöffneten Augen da. »Ach nein,« sagte sie plötzlich mit stehender Stimme, »tritt nicht darauf! Es ist zwar nur ein Würmchen – aber es hat ja doch auch eine Seele!«

Onkel Franz lächelte. »Wie merkwürdig,« sagte er, »soeben dachte ich daran, wie gut sie immer war, und ich dachte, wenn sie nun vor Gottes Richterstuhl steht und gefragt wird: »Was hast du getan?« Dann wird sie antworten können: »Ich habe nie etwas Lebendiges zertreten.« Und es gibt nicht viele, die das werden sagen können.«

Kaja sah Onkel Franz an; Tränen hingen in ihren langen Wimpern. »Doch, du kannst es,« sagte sie. »Niemand ist so gut und zartfühlend wie du, ich glaube, daß sie während all dieser Jahre das Gefühl gehabt hat, daß mit dir die Harmonie in ihr armes geknicktes Dasein kam. Deshalb gewannst du diese merkwürdige Macht über sie.«

»Nein, nein!« rief die Kranke plötzlich und richtete sich aus. »Mein Prinz müßte anders sein, er müßte dem gleichen, der hier sitzt! Seine Augen müßten so stark sein und seine Hände so weich – sein Herz müßte treu sein, und nie dürfte er einem Opfer aus dem Wege gehen! In einer Hinsicht nur – nur in einer einzigen – dürfte er dem Weibe gleichen. Er müßte sich für den, den er liebte, aufopfern können. Aber er, an den ich denke,« sie lachte hart und bitter, »er trat auf mir herum, an jedem Tag, den Gott gab – er hatte seine Freude daran, zu sehen, wie weh es tat. Und seine Hände,« sie schauderte, »seine Hände waren so groß, so hart!«

Onkel Franz beugte sich vor und legte ihr die die Hand auf die fieberheiße Stirne; da richtete sie ihren irren Blick auf ihn.

»Sag' es niemandem!« flüsterte sie. »Wenn ich etwas gesagt habe, so behalte es für dich! Alle die Frauen, die am tiefsten trauern, trauern einsam. Wir wagen nicht, davon zu sprechen, so lange wir leben – wir wagen nicht einmal, es im Sterben zu flüstern. Das größte und schwerste Rätsel unseres Erdenlebens nehmen wir mit in den Schoß des Grabes ...«

Er nahm ihre Hand, die unruhig auf der Decke tastete, und hielt sie fest in der seinen.

»Es ist wahr,« sagte er, »ihr müßt auch einsam sein.«

Und unter dem Einflusse seiner tiefen, ruhigen Stimme schloß sie die Augen und schlummerte ein. Aber eine halbe Stunde später fuhr sie wieder auf.

»Sieh',« sagte sie und starrte mit leuchtenden Augen gerade aus, »die Tore sind weit geöffnet! Ich will hinaus! Ich will fliegen! – – Aber es nützt nichts,« erklang es klagend, »denn ich habe ja keine Flügel!«

»Lieg' nur ganz stille,« sagte Onkel Franz, »dann wirst du fühlen, wie die Flügel wachsen.«

Und die Kranke lag unbeweglich; ihr ganzes Gesicht war ein einziges, großes, erwartungsvolles Lächeln.

»Sieh', wie schön!« sagte Onkel Franz. Er ergriff Kajas Hand und zog sie näher zu der Kranken hin. Kaja hatte ihren Kopf in den Kissen vergraben, als fürchte sie sich, dem Tod ins Angesicht zu sehen; nun erhob sie ihn rasch und folgte der Richtung seines Blicks.

Aber die Sterbende sah sie nicht mehr – ihre Augen brachen unter der Wärme eines fernen, strahlenden Lichtes, und sie hatte den Ausdruck, wie ihn ein lebenslänglich Gefangener haben mag, der plötzlich frei wird. »Die Flügel,« flüsterte sie nur, »die Flügel ...«

»Jetzt hat sie sie bekommen,« sagte Onkel Franz, und breitete still das Laken über ihr Gesicht.

»Lass' mich sie noch einmal sehen!« bat Kaja und küßte schluchzend die kalten Hände, die vor einem Augenblick noch nach den ihrigen getastet hatten. Aber Onkel Franz ergriff sie bei der Hand und ging mit ihr in das anstoßende Zimmer.

»Warum willst du noch mehr sehen? Was nun noch übrig ist, ist nicht schön.«

Schaudernd schmiegte sie sich an ihn an.

»Der Tod ist doch etwas Furchtbares,« sagte sie.

»Aber auch eine Befreiung,« fügte er hinzu. »Bedenke, welche Befreiung für eine Seele wie die ihrige!«

»Aber er trennt – er legt Tausende von Meilen zwischen uns,« sagte Kaja und schaute über seine Schulter hinweg nach dem Lager, wo die Tote lag.

»Das denke ich gar nicht,« sagte er in einer stillen, sichern Art. »Was ist Zeit und Raum für die Seele, die Flügel hat?«

Aber Kaja konnte sich von dem Gefühl des Unbehagens nicht freimachen, und unwillkürlich zog sie Helle an sich, der spielend auf dem Boden saß, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß vor einem Augenblick der Tod an ihm vorübergeschritten war.

Heftig preßte Kaja den Jungen an sich und sagte, ihre Augen fest auf Onkel Franz gerichtet:

»Ich hoffe, daß ich von uns dreien zuerst sterben darf, denn ich könnte weder dich noch den Jungen hergeben. Nein, nein – ich könnte es nicht!«

In ihren Augen lag eine solche Angst, und ihre Stimme bebte so heftig, daß er nur ihr gequältes Haupt an seine Brust ziehen und nur immer wieder ihr rotgoldenes Haar und ihre samtweichen Wangen mit der zarten, fast kindlichen Rundung liebkosen konnte.

*

Tage- und wochenlang wurde Kaja von etwas verfolgt, das sie Tag und Nacht mit Entsetzen erfüllte.

Es war ihr, als höre sie eine Stimme fragen: »Wen willst du lieber verlieren, ihn oder den Jungen – ihn oder den Jungen?«

Und welchen sie auch immer wählte, so war es ihr, als müsse ihr das Herz brechen. Und dann wurde sie von einem entsetzlichem Grauen erfaßt, daß sie am Ende die Krankheit ihrer Mutter geerbt habe.

Schließlich konnte sie es nicht länger aushalten, sondern erzählte alles Onkel Franz.

Es war an einem Abend, als sie zusammen spazieren gingen. Sie hatte ihren Arm in den seinigen gelegt, und er hielt den Regenschirm über sie, weil ab und zu ein leichter Regenguß fiel.

Sie verbarg ihm nichts. Bis in die kleinsten Einzelheiten berichtete sie ihm von der qualvollen Angst und von dem Entsetzen vor der möglichen Vererbung der Krankheit ihrer Mutter.

Während sie sprach, drückte er mehreremal ihren Arm heftig an sich, sagte aber nichts. Es fiel ihr auf, daß er sehr bleich war.

Als sie ein Kind und später ein junges Mädchen war, da hatte er selbst ab und zu dieselbe Angst gefühlt – deshalb hatte er sie absichtlich von dem Zusammensein mit der Mutter ferngehalten: sorgfältig und fürsorglich hatte er sie vor den peinlichen Eindrücken bewahrt, bis sie selbst bestimmt verlangt hatte, ihn auf seinen Besuchen nach Oringe zu begleiten.

Sie hatte indes alles, was sie da sah, so ruhig aufgenommen, daß er schließlich seine alten Bedenken ganz vergessen hatte. Jetzt machte er sich bittere Vorwürfe, daß er Kaja nicht ganz fern gehalten hatte.

»Mein Lieb,« sagte er und fuhr zärtlich über die Hand, die auf seinem Arm lag. »Es ist ganz allein meine Schuld; warum nahm ich dich mit dorthin.«

»Aber Onkel Franz, wie kannst du so etwas sagen!« wandte sie sich heftig an ihn. »Oder,« sie warf einen raschen Blick aus sein Gesicht, »hast du vielleicht selbst Angst?«

Er überlegte einen Augenblick; aber so gewohnt war er, immer aufrichtig gegen sie zu sein, daß er nach einer kleinen Pause sagte:

»Vor vielen Jahren habe ich Angst gehabt, in ganz einzelnen Augenblicken, aber nun habe ich keine mehr. Wenn du selbst darüber reden kannst, ist keine Gefahr da. Du hättest mir deine Gedanken nur nicht so lange verbergen sollen.«

»Ich hatte so große Angst, sie könnten dir wehe tun,« sagte sie, ihn betrübt ansehend.

Aber er blieb stehen und nahm ihre beiden kleinen Hände in die seinigen.

»Es gibt nur etwas, das mir weh tun könnte; wenn du einen Gedanken hättest, den ich nicht kennen würde.«

Da lächelte sie glücklich. »Ich verspreche dir, nicht einen einzigen für mich zu behalten,« flüsterte sie.

»So ist es recht! Nur heraus mit dem Kobold, wenn du seine Nähe ahnst! Dann schlagen wir ihm gleich den Kopf ab.«

Sie lachte, und ihr war, als sähe sie diesen schon verschwinden, und sie fühlte, wie die Luft ihre Wangen rötete. Da schwang Onkel Franz seinen Stock und rief: »Wir werden den Kobold schon zwingen! Und wenn er den Kopf wieder herausstreckt, dann mußt du auf die hohen Berge. Da droben gibt es keine Kobolde!«

Kaja fuhr zusammen, und Onkel Franz fuhr fort: »Habe keine Angst um Helle, ich werde schon auf ihn acht geben.«

»Aber ich kann euch durchaus nicht entbehren!« rief sie mit einem Versuch, die Tränen in ihren Augen zu verbergen.

»Doch, du kannst,« sagte er bestimmt, »du läßt mir eine junge gesunde Gattin zu teil werden, wenn der Frühling kommt.«

»Ja, das will ich,« sagte sie augenblicklich, ihren Kopf an seine Schulter lehnend, und es war ihr, als gäbe es nichts, das sie nicht gern für ihn täte.

In den folgenden Tagen war sie vergnügt, sang wie sonst, verrichtete ihre Arbeit und spielte mit Helle, der ihr Dasein immer mehr ausfüllte. Onkel Franz beobachtete sie in der Stille, und eine schwere Last schien ihm von den Schultern genommen zu werden. Der Gedanke, daß sie die Krankheit der Mutter geerbt haben könne, war der einzige, der ihn verzagt machen konnte; aller Kummer war Freude im Vergleich damit.

Aber nun war sie wieder ganz die alte Kaja, und die Tage flogen für beide mit der jubelnden Eile des Glücks dahin. Je näher die Stunde kam, nach der sie sich sehnten, desto schneller enteilte die Zeit, und oft kam es ihnen vor, als seien es nur noch Tage bis dahin.

Onkel Franz hatte angefangen, »ein weiches Nest zu bereiten«, wie er es nannte.

Er hatte unglaublich viel zu besorgen, wenn er in der Schule fertig war.

Halbe Stunden lang stand er vor den Läden der Antiquitätenhändler und rechnete aus, ob er nicht Geld genug habe, um ein kleines Eckschränkchen mit vielen Borten zu kaufen, oder ob er lieber eine alte holländische Uhr nehmen solle, die, wie er wußte, das Zimmer so außerordentlich behaglich machen würde. Und es ließ ihm keine Ruhe, bis er schließlich beides erstanden hatte. Er hatte sich selbst geschworen, daß er die Wohnung, wenn sie auch noch so klein sei, mit dem ausstatten werde, was sie am meisten liebte, und jede Nacht träumte er von alten eichenen Möbeln, die er selbst nach Zeichnungen vom Rosenberger Schloß restaurierte.

Seine Hausfrau hatte ihm zu den drei Zimmern, die er schon hatte, noch ein viertes abgetreten, und er und Kaja hatten sich dahin geeinigt, daß sie in der alten Wohnung bleiben würden. Das neue Zimmer, das zugleich auch das größte war, wurde jeden Tag mit neuen Einkäufen gefüllt.

Alle größeren Gegenstände stellte Onkel Franz dort ab; altes Porzellan aber und wertvolle kleine Kupfersachen, für die Kaja, wie er wußte, eine Schwäche hatte, brachte er ihr hinaus, damit sie die Freude des Einsammelns für das neue Heim mitempfinden könne.

Wenn er so jeden Tag mit neuen Überraschungen ankam, glich er einem Vogel, einer der schlanken Schwarzamseln, die nie müde werden, für ihr Nest Hälmchen herbeizutragen.

»Mir ist, als habe ich ein ganzes Leben lang um Rahel gedient,« konnte er sagen, wenn er sah, wie entzückt sie alles auspackte. »Aber dafür gibt es auch niemanden, dessen Glück mit dem unsrigen verglichen werden könnte, wenn wir nun miteinander leben dürfen.«

»Nein!« rief sie, »und es gibt kein Nest wie das unserige! Keines ist so fein und weich, und keines so reich ausgestattet!«

»Wenn junge Leute ihr Haus einrichten, müssen sie es erst ausstatten, aber hier ist jedes Ding wie ein kleiner Teil von einem Leben, das schon gelebt wird – hier kann alles mitsprechen, von Tagen des Leides, Tagen der Freude und Tagen der festlichen Erwartungen! – Es ist merkwürdig,« fügte sie hinzu, »wenn ich jetzt zurückdenke, kommt es mir vor, als hätten wir uns von jeher geliebt. – Und doch ist unsere Liebe allzeit neu.«

Onkel Franz lachte und sagte einfach: »Das ist es ja auch, was wir uns versprochen haben.«

Für Helle war es jedesmal ein Fest, wenn Onkel Franz mit einem neuen Paket unter dem Arm ankam. Er betrachtete alles als sein rechtmäßiges Eigentum und sagte sogleich: »Das gehört Helle.«

Bekam er nur ein kleines Zugeständnis, dann fand er sich ruhig darein, daß die Sachen wieder eingepackt und so aufbewahrt wurden, daß er sie nicht erreichen konnte. Waren sie aber in seinem Bereich, dann griff er sofort danach.

»Nun hat Helle gewiß wieder Mutters Kupferschale genommen, die mit den drei glänzenden Füßen –?«

»Nein, nikt benommen – nur in Wohnsimmer destellt, daß Helle nikt fortträt!« erklärte der Bursche, ganz stolz, daß er schon Vorsichtsmaßregeln gegen sich selbst ergreifen konnte.

Gesund und klug, immer in strahlender Laune und voller Schelmerei, bewegte er sich zwischen Mutter und Onkel Franz und fühlte sich glückselig und sicher in dem warmen Licht zweier Augenpaare, die sich über seinem lockigen Köpfchen freudestrahlend trafen.

Noch nie war er auch nur einen einzigen Tag krank gewesen; da wurde er kurz vor Weihnachten vom Keuchhusten befallen, der ihn so mitnahm, daß seine dicken Wangen in wenigen Wochen dünn und blaß wurden.

Die Erstickungsanfälle wurden immer heftiger, und die Augen des Kindes glühten vor Angst, wenn er sie kommen fühlte. Wohl war er tagsüber auf und spielte, aber das Spiel machte ihm keine Freude. Kaja mochte ihn mit dem Besten, was ihr einfiel, locken, ohne daß er auch nur die Hand danach ausstreckte, und Onkel Franz mochte sich noch so viel Mühe geben, Hund und Katze zu sein oder als Hans Huckebein um den Tisch herum zu hüpfen, es gelang ihm doch nicht, auch nur ein Lächeln um die blassen Lippen hervorzurufen.

Eines Tages, als Onkel Franz von der Schule kam, saß Kaja an Helles Bettchen und starrte ihn mit angstvollen Augen an.

»Er hat hohes Fieber,« sagte sie.

Ohne ein Wort zu sagen, ergriff Onkel Franz seinen Hut und eilte zum Doktor. Nach einer halben Stunde kehrte er mit diesem zurück, und das Kind wurde genau untersucht.

»Es ist doch nicht gefährlich?« flüsterte Kaja mif trockenen Lippen.

»Doch, es ist in Croupe übergegangen.«

Kaja war es, als bekomme sie einen Stoß auf die Brust, und ihr Herz hörte auf zu schlagen. Sie ergriff den Arm des Arztes, und ihre Augen flogen angstvoll von ihm zu Onkel Franz und vom Onkel Franz wieder zu dem Doktor.

»Was nun?« flüsterte sie kaum vernehmbar. »Muß er sterben?«

Der Arzt wandte sich unwillkürlich ab, um ihrem Blick nicht zu begegnen.

»Gewiß nicht,« sagte er. »Es ist alle Hoffnung da, wenn wir sogleich eine Operation vornehmen.«

»Aber es handelt sich um Leben und Tod!« schrie sie beinahe.

Der Arzt warf einen Blick auf das Bettchen. »Hier handelt es sich auch ums Leben,« sagte er nur.

Der Junge starrte mit seinen fieberheißen Augen gerade aus. Er konnte nicht sprechen, stöhnte aber unaufhörlich, und diese röchelnden Laute zerrissen Kaja das Herz.

Onkel Franz hielt Helles Händchen in der seinigen; dem Anschein nach war er ganz ruhig, aber Kaja sah an dem Ausdruck seiner Augen, wie sehr er litt. Und mit einem heftigen Gefühl seelischen und körperlichen Schmerzes warf sie sich plötzlich an seine Brust.

»Wenn er stirbt, hat das Leben keinen Wert mehr für mich!« stöhnte sie wild, ohne daran zu denken, wie sehr ihn diese Worte kränken mußten. Aber fast in demselben Augenblicke wurde sie sich dessen bewußt, und sie bereute ihre Worte.

»Sei mir nicht böse,« schluchzte sie; »ich weiß selbst nicht, was ich sage. Aber was sollen wir tun? Was sollen wir tun?«

Da neigte er sich über sie und sagte merkwürdig fest: »Lasst Gott walten.«

Und so wenig war sie es von ihm gewohnt, daß er etwas von dem, was er seinen »innersten Menschen« nannte, offenbarte, so scheu war er selbst ihr gegenüber, wenn es sich um sein eigenes persönliches Verhältnis zu Gott handelte, daß sie diese drei Worte beinahe wie ein Befehl trafen.

Sie wußte selbst nicht, wie sie in das andere Zimmer gekommen war – aber das wußte sie, daß Onkel Franz die Tür hinter ihr geschlossen hatte und daß es sich nun in diesem Augenblick um Leben oder Tod für ihr einziges Kind handelte. Sie wußte auch, wenn es der Tod war, dann hielt sie nicht Hochzeit mit Onkel Franz, sondern dann war ihr Heim an derselben Stätte, wo sie ihre Mutter hatte sterben sehen. Sie konnte keine schweren Sorgen tragen – sie war nicht stark genug dazu.

Sie folgte dem Sekundenzeiger auf der Uhr über dem Schreibtische – er lief rund herum – Leben oder Tod – Leben oder Tod – Leben oder Tod –? Es war, als würde sie von Entsetzen gelähmt.

»Ich kann nicht,« dachte sie, »ich kann nicht – kann nicht!« Und die Tränen strömten ihr unaufhaltsam die Wangen herab, ohne daß sie es merkte. Da hörte sie auf einmal einen Laut, wie einen halberstickten Schrei, im Schlafzimmer und sie hob die gefalteten Hände zum Himmel auf: »Nur nicht das Kind!« schrie sie. »Nur nicht das Kind!« und fiel dann, die Hände vors Gesicht gepreßt, vor dem Sofa auf die Knie.

Sie wußte nicht, wie viel Zeit so vergangen war, als sie Onkel Franz' Stimme wieder hörte, der sich über sie beugte, mit der zärtlichen Fürsorge, die sie von klein auf so gut kannte. Wie einst setzte er sich neben sie und streichelte ihre kalten Hände, und wie einst schmiegte sie sich an ihn an und verbarg ihr verweintes Gesicht an seiner Brust.

»Nun – nun,« sagte er und strich ihr sanft über das Haar, »nun kann mein kleines Mädchen ruhig sein, die Operation ist gelungen, und wir hoffen, daß er außer Gefahr ist.«

Sie wollte die Lippen öffnen, konnte aber nicht. Schließlich brachte sie doch die Worte heraus: »Ist es gewiß?«

»Ja, der Doktor glaubt es,« sagte er, ihr zunickend. »Aber bestimmt kann er es vor morgen früh nicht sagen. Komm', Helle sehnt sich nach dir.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie ins Krankenzimmer.

Der Arzt stand am Fenster und legte seine Instrumente in die Verbandtasche, während Helles Blick mit verzehrender Angst jeder seiner Bewegungen folgte; niemals vergaß Kaja diesen Blick – er erinnerte sie plötzlich an den ihrer Mutter.

Aus der Kanüle im Hals floß eine dünne, gelbliche, mit Blut vermischte Flüssigkeit auf das weiße Tuch, das mehrmals zusammengefaltet auf Helles Brust lag, und die mageren Händchen umfaßten krampfhaft das Gitter des eisernen Bettgestells.

Kaja kam es vor, während sie da neben dem Bettchen auf den Knien lag und die Händchen des Kindes küßte, daß es unmöglich leben könne.

»Willst du mir einen Gefallen erweisen?« sagte sie, sich an Onkel Franz wendend.

Er nickte, ohne zu antworten.

»Ich meine, sein Vater müßte nun kommen,« sagte sie; »ich sehne mich danach; ich meine, er müsse ihn sehen, ehe – ehe – –«

Sie fuhr auf und schrieb in fliegender Eile auf eine Visitkarte:

»Helle ist krank. Komm' sofort, wenn du ihn noch einmal sehen willst!«

Onkel Franz lief mit der Karte in der Hand durch die Straßen. Unter einer Laterne blieb er stehen und las flüchtig die Worte. Und er lächelte bitter bei dem Gedanken an die wunderbare Macht, die man Bande des Blutes nennt.

Helles Liebe war sein Eigentum, er hatte sie sich erworben, durch tausend kleine Opfer, die er selbst nie angeschlagen hatte – aber nun erinnerte er sich daran – Peter Dam hatte seinem Sohne nicht einmal einen einzigen Tag seines Lebens geschenkt.

Und trotzdem – – wenn der Tod kam, da schickte sie nach ihm.

Wie merkwürdig, daß ihm ein Vers unaufhörlich durch den Sinn ging:

Seelen sind zu jeder Frist
Auf der Welt erschienen,
Deren Los beständig ist,
Anderen zu dienen.

 

*

Kaja hatte den Arzt hinausbegleitet. Nun saß sie an Helles Bettchen und zählte die Minuten bis zu Peter Dams Ankunft. Es war ihr eine Art Gewissenssache geworden, daß er das Kind noch lebend antreffen müsse, »... denn es ist ja doch sein Kind,« sagte sie zu sich selbst, »es gehört auch ihm.« Keinen Augenblick dachte sie an die Gleichgültigkeit, die er dem Jungen gegenüber immer gezeigt hatte – sie vergaß, was zwischen ihnen stand. Sie erinnerte sich nur noch daran, daß der Tod in dieser Nacht kommen könnte, um das Kind, das ihnen gemeinsam gehörte, zu holen – und es war ihr, als habe sie Peter Dam nie näher gestanden, als in dieser Stunde. Sie ertappte sich darauf, daß sie sich geradezu nach ihm sehnte, denn niemand – so dachte sie – niemand könne ihre Verzweiflung so intensiv mitfühlen, als er, jetzt, wo der Tod ihr gemeinsames Eigentum bedrohte.

Sie fuhr zusammen, als die Flurtür ging, und eine Minute später stand Peter Dam im Zimmer. Aber von dem Moment an, wo er über die Schwelle trat, fühlte sie, daß es ein fremder Mann war, nach dem sie geschickt, und sie bereute, daß sie es getan hatte. Da saßen sie nun einander gegenüber an dem Bettchen und hatten keine einzige Erinnerung an das Kind gemeinsam. Sie hatten es nie zusammen besessen, und gerade das legte den tiefen Abgrund zwischen sie. Da saßen sie nun und fühlten sich sonderbar bedrückt, eines in des anderen Gegenwart – und Helle wandte den Kopf auf die Seite, sobald Peter Dam sich ihm näherte. Dies berührte diesen offenbar unangenehm – er ward verlegen, wollte es aber verbergen und sagte in seiner gewöhnlichen oberflächlichen Weise: »Armer Kleiner! Sein Leben ist offenbar keinen Heller mehr wert.«

Kaja gab keine Antwort. Sie lauschte auf Onkel Franz' Schritte im Zimmer nebenan, und da mußte sie lächeln. Der Unterschied zwischen ihrem früheren und ihrem jetzigen Leben war so auffallend, daß sie lächeln mußte, selbst in diesem Augenblick, wo ihr Herz von Sorgen schwer war.

In diesem Augenblick bekam Helle einen neuen Erstickungsanfall, und Kaja sprang auf, um ihm zu helfen, während Peter Dam daneben stand und das verzerrte Gesichtchen betrachtete.

»Ach du lieber Gott!« sagte er und wischte sich mit dem Rücken der Hand eine Träne weg. »Wenn er doch sterben dürfte!«

Es war ihr, als liebe sie ihn, nur um dieser Träne willen, aber dann erinnerte sie sich, wie sehr er sich immer davor gefürchtet hatte, jemanden leiden zu sehen, und als er die Hand vor die Augen hielt und immer wiederholte: »Wenn es nur vorüber wäre! Wenn es doch nur bald vorüber wäre!« konnte sie es nicht ertragen, ihn länger anzuhören.

»Geh' lieber!« sagte sie, nachdem sie ihn wiederholt vergebens zur Ruhe ermahnt hatte. »Ich bitte dich, geh'!«

»Hast du vielleicht nicht selbst nach mir geschickt?« fragte er plötzlich trotzig.

»Doch, aber jetzt – jetzt kann ich dich nicht sehen,« flüsterte sie und legte Helle wieder auf die Kissen zurück. Der kalte Angstschweiß stand ihr auf der Stirn, und ihre Augen wichen nicht von dem Gesicht des Kindes.

Helle begann ein wenig freier zu atmen, er bewegte die kleinen Lippen heftig, als wolle er sprechen, konnte jedoch nicht. Kaja starrte ihn einige Minuten verzweifelt an und mühte sich vergebens, seine Gedanken zu erraten.

Plötzlich aber verstand sie.

»Soll Vater kommen?« fragte sie, und das frohe Lächeln in den Augen des Jungen gab ihr sogleich Antwort.

»Ich bin hier,« sagte Peter Dam und neigte sich über das Bett.

»Dich meint das Kind nicht,« sagte sie. »Es meint den, der von Geburt an Vaterstelle an ihm vertreten hat – ja, schon lange vorher.«

Und sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer, wo Onkel Franz noch immer auf und ab ging.

»Warum kommst du nicht herein?« sagte sie, »Helle hat Heimweh nach dir – und ich auch.«

Onkel Franz trat unter die Tür, eine feine Röte zeigte sich an seinen Schläfen, als sein Blick Peter Dam streifte.

Helle wandte ihm den Kopf zu, und der erste schwache Schimmer eines Lächelns glitt über sein Gesichtchen. Es leuchtete wie eine Verklärung aus diesem Lächeln, die Gesundheit und Leben über die kleinen bleichen Züge auszugießen schien.

»Hast du es gesehen?« rief Kaja jubelnd und ergriff Onkel Franz' Hand. »Helle hat gelächelt! Er hat dich angelächelt!«

Und der höchste Lobgesang hätte ihre Liebe, ihre Dankbarkeit, ihren Stolz über ihn nicht deutlicher ausdrücken können, als dieser Ausruf: »Er hat dich angelächelt!«

Peter Dam fühlte sich plötzlich überflüssig.

Wie die beiden da am Lager des Kindes beisammen standen, wurde er sich auf einmal der Flüchtigkeit seiner eigenen Gefühle bewußt, der Leere in seinem eigenen Leben, und er begann zu ahnen, was ein wirkliches Zusammenleben sein mußte.

Rasch verabschiedete er sich und sagte, er wolle in ein paar Tagen wieder kommen.

Als er heimging, war er eine Beute der widerstrebendsten Gefühle: Liebe und Haß, Eifersucht und Bewunderung, tiefe Verzagtheit und ohnmächtiger Trotz stritten sich in seiner Seele. Mit Hilfe seines Schwiegervaters hatte er jetzt eben Dispensation erlangt, um sich vor Ablauf der gesetzlichen Trennungspflicht wieder zu verheiraten, und die Hochzeit war auf den nächsten Monat festgesetzt. Aber nun, als er Kaja wiedersah, meinte er plötzlich, alles andere könne gehen, wie es wolle, wenn er nur Kaja dazu bringen könnte, zu ihm zurückzukehren.

»Sie tut es nie,« sagte er sich selbst wieder und wieder, fügte aber trotzdem hinzu: »Vielleicht doch, wenn ich den Jungen gewinne.«

Und er gelobte sich selbst, daß er, wenn Helle am Leben bliebe, nichts versäumen wolle, um sich bei ihm beliebt zu machen. »Der Weg zum Herzen der Mutter geht durch das Kind,« sagte er mit theatralischem Ausdruck, und mit seiner alten Vorliebe für wohlklingende Phrasen konnte er sich das Vergnügen nicht versagen, dies laut auszusprechen.

Indessen saßen Kaja und Onkel Franz an Helles Bettchen, die ganze lange Nacht hindurch saßen sie in Angst und Spannung und wechselten nur ab und zu ein paar Worte; der Junge schlief unruhig, nur hin und wieder öffnete er die Augen; aber wenn er dann die beiden so treulich an seinem Bett sitzen sah, lächelte er sicher, wie nur ein Kind lächeln kann, und schlummerte wieder ein. Gegen Morgen begann auch ein feiner rosiger Schimmer seine Wangen zu färben.

»Ich glaube, wir dürfen ihn behalten,« sagte Onkel Franz, Kaja tröstlich zunickend.

»Ich glaube es auch,« flüsterte sie entzückt.

Dann saßen sie wieder einige Stunden still da; nur ab und zu stand Onkel Franz auf, um das Feuer zu schüren, und als Kaja endlich einschlief, den Kopf auf das Bettchen gestützt, holte er leise einen Teppich und breitete ihn über sie.

Lange betrachtete er ihr feines Profil und das kleine rosige Ohr, das nur halb von dem lockigen Haar bedeckt war. – und bei der Gewißheit, daß sie ihn liebe, überkam ihn ein unaussprechliches Glücksgefühl. Es war ihm, als hätten sie in dieser einen Nacht, wo sie die Angst um das Kind miteinander geteilt hatten, ein ganzes Leben zusammen gelebt.

»Mein Lieb,« flüsterte er leise. »Ach, du mein Lieb! Wie gerne möchte ich dich vor allem Kummer behüten!«

Als ob sie seine Stimme gehört hätte, fuhr sie plötzlich zusammen und beugte sich über das Kind, das ruhig schlief.

»Gott sei Dank! Ich glaube, es ist gerettet!« sagte sie mit bebender Stimme.

Und plötzlich schlang sie die Arme um seinen Hals und sagte: »Wie gut du bist, daß du dies alles mit mir geteilt hast.«

Um sieben Uhr morgens kam der Arzt. Er bestätigte, daß Helle außer Gefahr sei, und riet Kaja, sich nun selbst schlafen zu legen.

»Sie können sich wenigstens nebenan auf dem Sofa etwas niederlegen, bis der Herr Adjunkt geht,« sagte er, »der ist zuverlässig – ihm werden Sie das Kind wohl für ein paar Stunden anvertrauen.«

Sie nickte Onkel Franz zu. »Fürs ganze Leben,« sagte sie, aber so leise, daß nur er es hören konnte.

Nachdem sie den Arzt hinausbegleitet hatte und wieder zurückkam, trat sie plötzlich zu Onkel Franz, legte ihm bebend die Hand auf den Arm und sagte:

»Ich will dir beichten. Es soll nichts in meiner Seele sein, das du nicht kennst. Und du sollst mich nicht für besser halten, als ich bin.«

Er lachte leise. »Man glaubt nichts von dem, den man liebt,« sagte er, »man weiß einfach, daß er einem das Liebste auf der Welt ist. Diese Gewißheit genügt.«

Aber sie lachte nicht, sondern sah ihm gerade in die Augen, und es fiel ihm auf, wie merkwürdig forschend ihr Blick war; er spähte gleichsam tief in sich selbst hinein.

»Du mußt wissen,« sagte sie, »daß es mir in dem Augenblick, wo die Operation gemacht wurde, war, als hörte ich eine Stimme fragen: Wenn eins von beiden sterben müßte, welches würdest du wählen? – Ihn oder das Kind – welches würdest du wählen? – und da wählte ich das Kind. Aber das Entsetzlichste ist, daß ich glaube, ich würde jedesmal das Kind wählen, so oft ich vor die Wahl gestellt würde.«

Onkel Franz fühlte sich auf einmal merkwürdig arm. Es war ihm, als vertrockneten ihm seine Lippen, und es wurde ihm schwer, die Worte herauszubringen.

»Warum sagtest du mir das?« sagte er. »Ich hätte es lieber nicht gewußt.«

Da begannen die Tränen langsam unter ihren gesenkten Augenlidern hervorzudringen.

»Franz,« sagte sie, »du darfst meine Liebe nicht nach dieser Nacht beurteilen – ach, das darfst du nicht!«

Aber er schüttelte den Kopf. »Sie ist für dich nie das Erste gewesen,« sagte er, »deshalb ist sie nicht vollkommen. Mir bist du niemals das Zweite oder das Dritte gewesen, oder bloß das Nächste – du warst mir immer Alles. Und ich begnüge mich auch nicht mit weniger.«

Sie faltete flehend die Hände auf seiner Brust.

»Ach, sag' das nicht!« bat sie. »Du weißt nicht, was es ist, eine Mutter zu sein. Kein Mann versteht, was das heißen will. Gewähre doch meinem Herzen dies ganz kleine Zugeständnis.«

»Ich kann nicht,« sagte er plötzlich bitter, »du weißt, ich lasse mir nie etwas abhandeln, und am wenigsten in der Liebe.«

Da ließ sie ihre Hände sinken und wandte sich ab. Es war ihr, als habe sie ihm, ohne es zu wollen, einen großen Schmerz bereitet und könne ihn nun nie wieder froh machen. Es war ihr, als habe sie seine Treue mit Untreue vergolten und als könne ihre Liebe an Stärke nie die seinige erreichen.

So vieles hätte sie ihm gerne gesagt, aber sie konnte nicht. Sie folgte ihm nur traurig mit den Augen, als er ging. Und den ganzen Tag saß sie an Helles Bettchen mit dem qualvollen Gefühl, daß sie etwas in ihm getötet habe, und daß er ihr nie wieder so unbedingt vertrauen würde, wie bisher.

Um vier Uhr nachmittags kam er wieder. Mit einer großen Schachtel Bleisoldaten in der Hand ging er geradewegs auf Helle zu und begann sogleich die Soldaten auf der Bettdecke vor ihm aufzustellen. Der Junge strahlte vor Freude und wurde nicht müde, dem Onkel die Hand zu streicheln.

Da brach Kaja in Tränen aus; und in demselben Augenblick stand Onkel Franz neben ihr.

»Mein Lieb!« flüsterte er mit seinem weichsten Ton. »Sei nicht böse, ich war heute morgen zu hart gegen dich.«

Aber sie schlang ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich innig an ihn an.

»Nein,« sagte sie, »du hattest recht; nun verstehe ich alles. Du mußt eine ganze Liebe haben, du, der du selbst ein ganzer Mensch bist. Wie könntest du dich mit weniger begnügen? Ja, meine arme Liebe ist in vieler Hinsicht nur halb gewesen, aber ich verspreche dir – sie soll ganz werden.«

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