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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Dreizehntes Kapitel

Da kamen Tage,
Die flogen wie Blitze,
Starke, warme,
Sonnige Tage –!

 

Wenn jemand ein Jahr später eines von diesen beiden gefragt hätte, wo die Zeit geblieben sei, wären sie außer stande gewesen, es sich selbst oder anderen zu erklären, so waren Stunden, Tage, Wochen und Monate dahin geflogen – leichter, als der erste blaue Schmetterling über den ersten Sommertau hinschwebt, schneller, als die erste Schwalbe sich singend durch die erste Sommerwolke schwingt.

Keines von ihnen wußte, wo die Zeit geblieben war, aber bisweilen sagte Kaja: »Wo bleiben die Tage nur, Onkel Franz? Es ist mir, als entschwänden sie mir, so daß ich sie zurückhalten müßte! Das Leben wird zu kurz für mich und dich, wenn wir mit solchen Riesenschritten vorwärts eilen.«

Aber er lachte sie nur aus. »So soll es gerade sein,« sagte er. »Denk' an das Wort: »Und hättest du auch nur kurz aber reich gelebt, so wäre es besser, als arm und lang.«

Onkel Franz war wieder jung geworden! Der Schelm lugte ihm aus den Augen, und er hatte den alten, aufrechten, elastischen Gang wiedergewonnen. Wenn er jetzt die Straße hinunterging, summte er immer vor sich hin, ja manchmal ertappte er sich darauf, daß er laut sang.

Kaja war schlanker geworden und etwas blässer als früher, aber sie strahlte vor Freude, wenn sie über der Korrekturarbeit saß, die ihr Onkel Franz verschafft hatte, und mit der sie ungefähr die fünfhundert Kronen verdiente, die sie nötig hatte, um durchzukommen.

Und Helle? Ja Helle war vielleicht der, der es am allerbesten hatte. Er fing an, auf seinen kurzen, dicken Beinchen auf dem Boden herumzukutschieren, und zwar mit einer Miene, als gehöre ihm die ganze Welt. Den »Zar« nannte Onkel Franz ihn, wenn er an seiner Mutter Stuhl anhielt und mit einer ausgeprägten Herrschermiene kommandierte: »Helle auf!« Saß er aber erst auf ihrem Schoß, dann veränderte sich sein Ausdruck, die Augen wurden schelmisch und weich, und er legte sein Köpfchen an ihre Brust mit einem Seufzer höchster Glückseligkeit.

Sein lockiges, schwarzes Haar fiel wie das von Onkel Franz auch ein wenig in die Stirne herein, und die Augen hatten ganz die wechselnden Farben, wie die des Onkels, nur Mund und Kinn bekamen mehr und mehr Kajas Formen. Das Einzige, was Helle von Peter Dam geerbt zu haben schien, waren die festgebaute, kräftige, kleine Gestalt und die ungewöhnlich hübsch geformten kleinen Ohren.

Peter Dam schien sein Dasein vergessen zu haben.

An dem Tage, wo Kaja mit dem Kinde auf dem Arm die Treppen hinunterging, um wegzufahren, stand er an der Tür und sah ihnen mit nassen Augen nach, sowie mit dem Gefühl, daß ihn mit diesen beiden das Beste verlasse, was er habe; aber wenige Stunden später war keine Spur von Schmerz mehr in seinem Gesicht. Noch eine Woche kam er, um sich nach Helle zu erkundigen, und Kaja begleitete ihn zum Abschied freundlich bis an die Tür und bat ihn, zu kommen, so oft er Sehnsucht verspüre, das Kind zu sehen.

Aber seither war er nicht wiedergekommen. Sie hörte, daß er um Dispensation einkam, um vor Ablauf der drei Jahre sich wieder verheiraten zu können, und sie wünschte aufrichtig für ihn, daß es ihm gelinge, sie zu erlangen. Im ganzen genommen dachte sie an ihn wie an einen Fremden.

Wie auf stillschweigende Übereinkunft verbrachte Onkel Franz alle seine Abende bei Kaja. Er kam immer früh am Nachmittag; dann lasen sie zusammen oder machten einen Spaziergang.

Helle konnte ganz versunken sein in sein liebstes Spiel – nämlich Häuser zu bauen, die immer wieder einfielen, nachdem er sie mit großer Mühe aufgestellt hatte, oder Wasser aus einem Brunnen zu pumpen, der nie leer wurde – aber sobald er Onkel Franz' Schritte auf dem Flur hörte, stand er sogleich auf und stolperte nach der Tür. Nichts auf der Welt konnte mit der Seligkeit verglichen werden, die er empfand, wenn er auf Onkel Franz' Schulter sitzen und ihn tüchtig am Haar zerren, oder auf seinem Knie »nach der Mühle« reiten durfte, während der Onkel die lustigsten Melodien dazu pfiff.

»'zähl Helle was!« hieß es dann immer, und Onkel Franz wurde nie müde. Er verschwendete an den Jungen alle die Liebkosungen, die er der Mutter nicht geben durfte. Sie lächelte, wenn sie es sah. Nie sprach er mit ihr von Liebe, aber auf tausenderlei Art verstand er es, sie mit seiner Zärtlichkeit zu umgeben und sie ihr fühlbar zu machen.

Eines Tages brachte Onkel Franz ein großes Schaukelpferd. »Es ist für Helle,« sagte er als Antwort auf ihren fragenden Blick. Ein andermal kam er mit einer Ampel für den kleinen Flur. »Denn ich habe bemerkt, daß du dich an dem Eckschrank stößt, wenn du mich hinausbegleitest,« sagte er, sich gleichsam entschuldigend. Und eines Tages erschien er plötzlich mit einem pelzgefütterten Mantel. »Du mußt nicht böse sein, aber ich fürchte, du frierst in deinem alten,« sagte er und hängte ihn ihr ohne weiteres um die Schultern.

Das Gefühl, immerwährend in seinen Gedanken zu sein, machte sie unendlich glücklich – – und wenn sie alle drei miteinander auf dem Boden kauerten, alle gleich im Spiel aufgehend, da mangelte nur noch eins, um ihr Glück vollkommen zu machen.

*

Es war zur festen Regel geworden, daß Onkel Franz und Kaja jeden Sonntag nach Oringe fuhren. Sie hatten die Rollen eines Adjutanten des Prinzen und einer Hofdame der Prinzessin angenommen, und beide übten eine sehr beruhigende Wirkung auf die Kranke aus. Blieben sie einmal aus, dann wurde diese gleich unruhig und laut – so kam es, daß sie regelmäßig eintrafen.

Kaja meinte immer, sie könne ihre Schuld von den Jahren her, wo die Mutter aus ihrem Bewußtsein verdrängt und für sie tot gewesen war, nie abtragen. Und ebensowenig meinte sie imstande zu sein, jemals die Schuld, die ihr Vater mit jedem Tage anwachsen ließ, abzubezahlen, und sie quälte sich damit ab, wie sie doch das wieder gut machen könnte, was er in all den Jahren verbrochen hatte.

Aber Onkel Franz, der sah, daß dieses Gefühl nahe daran war, ins Krankhafte überzugehen, sagte eines Tages in seiner freundlichen Art:

»Wenn sie mich für gut genug hält, um den Prinzen zu vertreten, so meine ich, du könntest mich auch dafür annehmen.«

Und da schämte sie sich.

»Du bist nur zu gut,« sagte sie und errötete ein wenig, weil sie ihn lächeln sah. Aber von da an ließ sie diese Gedanken ruhen.

Im ersten Sommer, wo sie mit dem Kinde allein war, blieben sie in der Stadt, auch während der Ferien, aber in dem Sommer, wo der Junge zwei Jahre alt wurde, schlug Onkel Franz vor, daß sie von Mitte Juli bis Ende August aufs Land ziehen sollten – Helle werde es gut tun, sich im Freien zu tummeln.

Sie ergriff die Idee mit Begeisterung. »Aber wo sollen wir hin?« fragte sie.

»Ich schlage Rödvig vor! Die Bäder sind ausgezeichnet dort, und es ist geradezu zauberhaft im Höjstruper Gehölz.«

»Dann gehen wir nach Rödvig!« rief sie strahlend. »Hurra, Helle! Das wird fein! Dort kannst du Häuser im Sand bauen und die Lerchen singen hören!« Und ganz ausgelassen spielte sie mit dem Jungen, der ihren Kopf erfaßte und mit den Beinen in ihrem Schoß strampelte.

Onkel Franz folgte ihnen mit seinen frohen Augen.

»Wie herrlich werden wir es dort haben!« sagte er.

Für beide war es ganz selbstverständlich, daß sie zusammen hinreisten.

Aber es gab andere, die das Verhältnis nicht so vorurteilslos beurteilten, und Kaja wurde in der nächsten Zeit öfter von wohlwollenden Bekannten, denen sie begegnete, angehalten und gefragt:

»Ist es wirklich wahr, daß du mit deinem Onkel aufs Land gehst?«

Kaja errötete vor Zorn über die Hintergedanken, die diese Worte ausdrückten, und antwortete keck:

»Ja, warum sollte ich nicht?«

»Warum!« erklang es entrüstet im Chor. »Lieber Gott, Kaja, du kennst doch die Welt! Es ist im Winter viel über euch geredet worden, weil er dich gar so oft besucht hat, und wenn ihr nun auch noch zusammen aufs Land geht, dann kannst du selbst wissen, was die Leute sagen werden.«

Sie fühlte eine krabbelnde Lust in den Fingern, ein paar warme Ohrfeigen auszuteilen, aber sie bezwang sich, und warf nur den Kopf zurück, wie es ihre Art war, wenn sie zornig wurde, während sie stolz erwiderte:

»Ich kümmere mich nicht ein bißchen um das, was die Leute meinen. Ich habe nichts zu verbergen und – und er auch nicht.«

Einer besonders aufdringlichen Freundin gegenüber stampfte sie sogar auf den Boden und rief: »Ist es denn den Menschen ganz unmöglich, ein reines Verhältnis zu verstehen!«

Aber als die Anspielungen und die Sticheleien sich jeden Tag wiederholten, begannen sie schließlich doch weh zu tun.

Wie jede keusche Frau, war sie empfindlich in Beziehung auf ihren guten Ruf, und es schmerzte sie, daß ihn jemand anzutasten wagte. Aber am meisten schmerzte es sie, daß ihr innerstes Privatleben, ihr schönes zartes Verhältnis, das nur sie und er kannten, von neugierigen Fingern betastet und der dummen Kritik kleinlicher Menschen preisgegeben sein sollte.

So oft sie sich auch wiederholte: »Ich schulde keinem Menschen Rechenschaft über unser Verhältnis – es geht niemanden etwas an, als ihn und mich –« wurde sie doch von dem Gedanken verfolgt, daß neugierige Augen sie beobachteten, und sie begann zu denken, es wäre wohl am besten, wenn sie auf dem Lande so weit als möglich voneinander entfernt wohnten. Aber auf der anderen Seite empörte sich doch in ihrem Innern etwas dagegen, daß sie gleichgültigen Menschen ein solches Opfer bringen sollte – sie, die auf jede Sekunde, die sie nicht zusammen verbrachten, eifersüchtig war, sie, die ihr ganzes Leben nach den mit ihm verlebten Stunden zählte.

Sie konnte dies Opfer nicht bringen, und sie wollte es auch nicht. Die alte Angst erwachte aufs neue in ihr: Wenn er plötzlich stürbe! O, wie würde sie da jede Minute bereuen, die sie nicht mit ihm geteilt hatte!

Sie konnte nachts nicht einschlafen und quälte sich mit ihren Gedanken. Aber wenn er dann kam, konnte sie nie mit ihm darüber sprechen: es war, als schäme sie sich.

Das Urteil der Welt! Was bedeutete das für ihn? Die sogenannte öffentliche Meinung! Was kümmerte er sich darum? Er ging seinen eigenen Weg, wie von jeher, und Kaja wußte, daß er die sogenannte Form grenzenlos verachtete. Aber der Kampf hinterließ doch seine Spuren bei ihr, sie wurde blaß und schweigsam, und als sie anfing, ihre Koffer zur Reise zu packen, war die Freude daran entschwunden.

Sie ging umher wie jemand, der gern froh sein möchte und es doch nicht sein kann.

Onkel Franz beobachtete sie genau, und sie war sicher, daß er sah, was sie dachte, aber er sagte nichts. Es war, als wolle er, daß sie den Strauß allein auskämpfe.

So war der letzte Tag vor der Abreise herbeigekommen. Onkel Franz saß im Wohnzimmer und spielte mit Helle. Kaja legte Kleider in einen Koffer, der halbgepackt an der Tür stand. Plötzlich sagte sie, gleichgültig hingeworfen, während sie sich tief über den Koffer beugte, um das Erröten zu verbergen: »Hast du für uns alle Zimmer im Hotel dort bestellt?«

»Nein,« erwiderte er, »ich habe nur eins für dich und Helle bestellt.«

»Wo wirst du denn wohnen?« Damit wandte sie sich ihm rasch zu.

»Ich weiß noch nicht recht – wenn ich überhaupt mitkomme, habe ich im Sinn, in einem der Fischerhäuschen am Strand zu wohnen.«

»Wenn du mitkommst?« wiederholte sie, ängstlich fragend.

Er stand heftig auf.

»Ja,« sagte er, »denn ich gehe nur mit, wenn wir den ganzen Tag zusammen sein können. Verstehst du, nicht einzelne geizig zugemessene Stunden, sondern den ganzen Tag. Ich gehe nicht hin, wenn du im Sinn hast, mich auf dem Altar der Konvenienz zu opfern, und daran hast du doch während der ganzen letzten Zeit gedacht.«

Sie war glühend rot geworden, und ihre Augen standen voller Tränen, als sie mit bebender Stimme sagte: »Onkel Franz, sei mir nicht böse.«

Mit Helle an der Hand trat er zu ihr, und der Junge streckte augenblicklich das andere Händchen nach der Mutter aus, die es schnell ergriff.

»Siehst du,« sagte Onkel Franz, »so lange wir uns mit diesen Händchen in den unsrigen frei ins Auge sehen können, so lange sind wir keine Rechenschaft schuldig – wir sind überhaupt niemandem Rechenschaft schuldig,« fügte er heftig hinzu, »ausgenommen dem Kinde hier. Und vor ihm wollen wir einmal rein dastehen. Es soll sich nie über uns schämen müssen.«

Kaja hatte die Hand des Jungen losgelassen und den Arm um Onkel Franz' Hals geschlungen.

»Onkel Franz,« sagte sie mit nassen Augen und zupfte ihn scherzend am Rockkragen, »das sage ich dir, wohin du auch immer in der weiten Welt reisen magst, da gehen Helle und ich mit; du wirst uns nie wieder los. Und nicht einen einzigen Augenblick meines Tages werde ich dir vorenthalten.«

»Nicht einen einzigen Augenblick, verspricht du es mir?«

»Ich verspreche es.«

Die Liebe leuchtete so aus ihrer ganzen Gestalt, daß ihm war, als müsse er sie in seine Arme schließen, um sie nicht wieder los zu lassen, ehe er sie ganz besessen hatte. Aber dann wandte er sich rasch ab, hob Helle auf seine Schulter und sprang mit ihm im Zimmer herum.

»Mehr! Mehr!« rief der kleine Bursche und stemmte seine kurzen Beinchen gegen Onkel Franz' Brust. »Mehr! Mehr!« – –

Wenn Kaja später an diese Tage zurückdachte, konnte sie es nie tun, ohne daß ihr Herz in demselben heftigen, freudigen Takt schlug wie in diesem Augenblick. In dem Takt des jungen, jubelnden Glücks – – in dem großen, mutigen, starken Takt des großen Glücks.

Für immer liebte sie von dieser Zeit an den Strand von Rödvig und das Höjstruper Gehölz. Da, wo sich wilde Rosen und Caprisolien ineinander schlingen, als wollten sie den Weg zu einem Märchenschloß verschließen, da wuchs ihr Glück in jungem, sicherem Wachstum, da erfuhr ihr Gedankenleben die reichste Entwickelung, und da begannen sie zum ersten Male von dem Heim zu sprechen, das sie bauen wollten – Entwürfe zu machen und Zukunftspläne.

»Denk' dir, nun sind es nur noch anderthalb Jahre!« konnten sie zu einander sagen, und sie sprachen von anderthalb Jahren, als seien sie nur eine Woche.

Stundenlang konnten sie am Strande sitzen und dem Wogenschlag lauschen oder leise miteinander plaudern, während Helle im Sand spielte und sie bisweilen mit seinem klaren kurzen Auflachen unterbrach. Sie konnten Hüpfsteine am Strand werfen oder mit den Fischern scherzen und von den kleinen Freuden und Sorgen des Alltagslebens ganz in Anspruch genommen sein, aber so oft sie in das Höjstruper Gehölz kamen, war es, als ergreife sie ein Zauber. Dann konnten sie stehen bleiben, einander ansehen und fragen:

»Ist es dir nicht auch, als gingen wir miteinander in das Märchenland hinein?«

Und keines von beiden dachte daran, daß das Märchen ihre Liebe war, die ihre Fäden um die Tage und Jahre spann zwischen Rosen und Caprifolien, immer näher dem verzauberten Schlosse zu, immer vorwärts, dem gelobten Lande entgegen, das ihnen in dieser Zeit näher schien als der Wald, worin sie wandelten, näher als die Luft, die sie einatmeten, und näher als das Moos, worauf sie traten.

Du herrliches, herrliches Höjstruper Gehölz! Mit deinen wunderbaren Pfaden, die so schmal sind, daß man sie kaum sieht, und so verschlungen, daß man meint, man komme nie wieder hinaus – mit deinen Waldtauben, die immer girren, und deinen Nachtigallen, die viel länger singen, als bis zum Johannistag – mit deinen kleinen, plötzlich hervorsprudelnden Quellen und einem Duft! – dem wunderbaren Duft der schweren gelben Caprifolien! Kein Wunder, daß du einem die Seele verzauberst! Kein Wunder, daß zwei Menschen, die die lichtesten Tage ihres Lebens in deinem Schoße verbrachten, dich nie wieder vergessen können! Ihre Liebe wurde licht und harmonisch, wie die feinen Schattierungen an den Spitzen des Niederwaldes. Es war, als flössen sie zusammen mit den Sonnennebeln über dem glänzenden Wasser. –

Helle wurde sonnverbrannt und frisch da draußen, seine ganze kleine Person strotzte förmlich von Gesundheit, und er hüpfte vor Freude, wenn er, an seinen beiden Speckhändchen angefaßt, zwischen ihnen ging. Er brachte sie zum Lachen mit seinen komischen Einfällen und seinen eifrigen Versuchen, sich deutlich auszudrücken.

Wenn sie so durch das Dorf gingen mit dem Jungen zwischen sich, trat die Familienähnlichkeit so deutlich zwischen ihnen hervor, daß sie jedem auffallen mußte, und gleichzeitig lag über der ganzen Gruppe ein so harmonisches Glück, das seinen erwärmenden Schimmer über alles um sie her ausgoß, und gleichsam in den Gesichtern aller, denen sie begegneten, einen Widerschein fand.

»Die glückliche Familie« nannten die Leute im Dorfe sie, mit dem unbestimmten Gefühl, daß sie etwas Märchenhaftes erlebt haben müsse, so oft man ihr begegnete.

Und die glückliche Familie nahm jeden Tag, den sie erlebte, als eine neue Freude hin: sie wußte kaum, wo die Tage und Wochen blieben, sie wußte nur, als die letzte Woche anbrach, daß das Leben hier ein wunderbar schönes gewesen war.

Keines von beiden fand Worte, die so viel Glück hätten ausdrücken können – aber rasch wie Blitzesfunkeln brachten die Gedanken einander Botschaft – bald pfiff er, bald sang sie, und immer jubelte der Junge zwischen ihnen.

Aber jeden Abend, wenn sie allein nach dem Strand wanderten, saß sie auf einem hohen Stein am Uferrande, die Hände um die Kniee gefaltet, und sang mit ihrer tiefen, warmen Stimme weit, weit über das Meer hin.

Dann lag er im Sand daneben und sah sie an mit den Augen, die so wechselnd in ihrer Farbe waren, wie das Meer da draußen auch.

»Sing' weiter!« bat er, wenn sie aufhörte. Dann sang sie seine Lieblingslieder, und er folgte den ausdrucksvollen Linien um ihren Mund, wenn sie nach dem Gesang mit noch halbgeöffneten Lippen vor sich hin sah. Dann schloß er wohl plötzlich die Augen und flüsterte: »Sing' weiter! Sing' von dem Jubel, zu leben, und von der Freude, zu sterben!«

Sie aber schwieg.

»Ich verstehe dich nicht,« sagte sie dann. »Jedermann spricht von der Angst vor dem Tode – von dem Leiden und der Qual und dem Schrecken des Sterbens – aber du – du sprichst nur von der Freude.«

Er sah sie an und sagte dann: »Ich glaube auch, daß es eine Freude ist. Du hast vielleicht nie eine Puppe aufbrechen und einen Schmetterling herausfliegen sehen – aber ich habe es oft gesehen! Ich kann eine Puppe, die in der Verwandlung ist, stundenlang beobachten und atemlos auf den Augenblick harren, wo das Wunder vor sich geht. Und ich kann in meiner Seele den Freiheitsjubel empfinden, womit die Larve zum ersten Male fühlt, daß sie Flügel hat. Was kümmert der Schmetterling sich um die tote Larve? Er hat Flügel – er fliegt der Sonne entgegen – er denkt nicht an das, was als Staub zurückbleibt! Aber die Menschen können den Gedanken an die leere Hülle nicht aufgeben, und das ist es, was dem Tod den Schrecken verleiht. – Und dann ist es doch nur die Larve, die zum Schmetterling wird! Denn was geschieht anderes, wenn ein Mensch stirbt? Nur das, daß die Seele Flügel bekommt! Das ist doch wohl eine Freude, sollte ich denken!«

»Ach ja,« sagte sie mit einem tiefen Seufzer, »wenn du es auf diese Weise sagst, kommt es mir auch so vor, aber wenn ich den Tod sehe, dann ist er etwas Furchtbares, ein großes, furchtbares Grauen.«

Er gab keine Antwort, sondern schien in Gedanken versunken.

»Ich möchte dir gerne vorlesen, was Sören Kierkegaard über den Tod sagt,« begann er wieder.

Sie aber schüttelte den Kopf.

»Ich habe die Verwandtschaft zwischen ihm und dir nie recht begreifen können,« sagte sie. »Er kannte nur den Schmerz des Lebens. Und du sprichst von der Freude des Sterbens. – Seine Natur war eben so zerrissen, wie die deinige harmonisch ist.«

Er schwieg einen Augenblick: dann spielte ein leichtes Lächeln um seinen Mund.

»Ja, ich kenne seine Paradoxen,« sagte er, »aber er steht trotzdem wie eine Rieseneiche zwischen dem Niederwald. Die Menschheit wird nie fertig, aus seinem ungeheuren Reichtum zu schöpfen. Sie können seine absolute Forderung von Persönlichkeit nicht umgehen, er ist nahe daran gewesen, sich und andere durch seine Forderungen an das Christentum aufzureiben: aber ich kann nicht anders, wenn ich mir einen Pfarrer wählen sollte, so würde immer er es sein! Es ist mir, als sei für andere gar kein Platz da!«

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