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Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJenny Blicher-Clausen
titleOnkel Franz
publisherAlbert Langen Verlag
year1903
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectid66d7a63d
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Zwölftes Kapitel

Da draußen gehen sie friedlich und froh!
O, wär ich auch so!
Hier sitze ich einsam und allein,
Spähe und lausch' in den Nebel hinein,
Bin nimmer froh!

 

Wenn Kaja die Stärke ihrer eigenen Sehnsucht gekannt hätte, so hätte sie sich kaum die kurzen Besuche von Onkel Franz versagt; es wären doch eben so viele Lichtblicke in ihrem düsteren, einsamen Dasein gewesen.

Jeden Morgen erwachte sie mit einem verzehrenden Gefühl des Vermissens; nur die Beschäftigung mit dem Kinde brachte ihr für eine Weile Vergessen; aber sobald der Knabe schlief, kehrte die Sehnsucht mit erneuter Kraft zurück, und dann wußte sie sich keinen Rat.

Sie konnte auffahren, wenn sie Schritte auf der Treppe hörte, und glauben, er sei es; aber ebenso schnell schüttelte sie den Kopf über ihre eigene Torheit. Als ob es Onkel Franz je einfallen würde, zu kommen, wenn sie ihn gebeten hatte, wegzubleiben!

Am Tage hielt sie tapfer aus, aber am Abend, wenn sie den Jungen zur Ruhe gebracht hatte und nur die kleine rosa Ampel an der Decke über der Wiege brannte, war es ihr, als zerrisse die Sehnsucht etwas in ihrem Herzen. Dann wußte sie nichts anderes zu tun, als in das Wohnzimmer zu gehen, sich an den großen Flügel zu setzen und ihrer Qual in Tönen Luft zu machen. Es konnte sie ja niemand hören; höchstens der Laternenschein, der von der Straße herein auf ihre Füße fiel und in den Falten ihres schwarzen Gewandes verschwand. Und der Laternenschein war verschwiegen. Er lag nur am Boden und schien gleichsam aufmerksam den Tönen zu lauschen. Dann sang sie ein Lied ums andere; eigene Lieder sang sie mit ihrer tiefen, traurigen Stimme; alle ihre Gedanken, wie sie kamen und gingen, sprach sie in Tönen aus.

Und dann kam es vor, wenn sie zu singen aufgehört hatte, daß sie stundenlang mit halbgeöffneten Lippen am Flügel sitzen blieb, als lausche sie tief, tief in ihrer Seele auf Gedanken, die – sie fühlte es – den ihrigen begegneten.

*

Es war Kaja nicht entgangen, daß sich Peter Dam in der letzten Zeit merkwürdig verändert hatte. Sie konnte ihn darauf ertappen, daß er sie mit einer fast scheuen Ehrfurcht betrachtete. Aber am meisten verwunderte sie sich darüber, daß er ab und zu an die Wiege trat, und so oft er dies tat, standen Tränen in seinen Augen.

Eines Abends blieb er gegen seine Gewohnheit zu Hause. Er sah Kaja zu, wie sie das Kind zu Bett brachte, und als er sie das alte Wiegenlied singen hörte: »Schlafe, schlafe mein Kind, schließ' deine Äuglein geschwind!« brach er plötzlich in Tränen aus.

Es war noch immer viel von der Kindernatur in Peter Dam, und des kindlichen Verses kindliche Worte hatten ihn auf eine Weise berührt, die das Gute in seiner Seele weckte.

Kaja pflegte sonst kein Vertrauen in seine Gefühlsausbrüche zu setzen – dazu hatte er sie zu oft getäuscht – aber nun hörte sie die Echtheit des Tons aus seinen Tränen heraus, und als das Kind eingeschlafen war, trat sie zu ihrem Manne. Freundlich legte sie ihm die Hand auf den Arm.

»Warum willst du noch länger ein so schlechtes Leben führen?« sagte sie. »Warum willst du es nicht versuchen, deine Selbstachtung wieder zu gewinnen?«

Seine Lippen zitterten, aber sein Blick wich ihr aus.

»Es ist zu spät,« sagte er.

»Warum?«

»Weil – – ach, du kannst es ebenso gut gleich erfahren – weil der Kapitän verlangt, daß ich sie heirate.«

»Von wem sprichst du?«

»Von Kapitän Ström.«

»So – seine Tochter also ist es, mit der du Schlittschuh fährst?«

»Woher weißt du –«

»Ich habe dich eines Abends auf dem Eis gesehen,« sagte sie kalt.

Da verstummte er plötzlich. Wie war es möglich daß sie mit keinem Wort je auf dieses Verhältnis angespielt hatte?

Er begann zu verstehen, welcher Abgrund sich zwischen ihnen aufgetan hatte, ein so tiefer Abgrund wie er nur zwischen zwei Menschen von ganz verschiedener Denkweise, verschiedener Handlungsweise und verschiedener Lebensauffassung sein kann. Wenn er bedachte, wie froh und vertrauensvoll sie ihm einst entgegengekommen war, ging es ihm wie ein Stich durchs Herz.

»Es ist wohl auch das Einzige, was du nun zu tun hast,« sagte sie mit demselben fremden Ton, womit sie vorhin gesprochen hatte.

»Was denn?«

»Sie zu heiraten.«

»Ja, ich weiß, daß du bereit dazu bist,« sagte er feindselig.

»Nur unter einer Bedingung.«

Er sah sie erstaunt an. Stellte sie wirklich Bedingungen? Griff sie nicht mit beiden Händen danach, wenn sich ihr ein Ausweg eröffnete, um frei zu werden?

»Ich verstehe dich nicht,« sagte er, obgleich er in demselben Augenblick recht wohl verstand.

Sie sah ihn gerade an.

»Wenn du nicht das Recht auf das Kind aufgibst, dann bestehe ich auf meinem Recht und bleibe hier als deine Gattin,« sagte sie unerschrocken.

Er gab keine Antwort, er sah sie nur an. Es war, als ahne er, was er verloren hatte, als er diese Frau von sich wies, die lieber ihr eigenes Herz in Stücke reißen lassen wollte, als daß sie sich von dem Kinde trennte, dem sie das Leben gegeben hatte. Und er war nahe daran, seine Forderung zu wiederholen, um sie dadurch festzuhalten. Aber da erinnerte er sich an das Gesicht des Kapitäns, der gesagt hatte: »Ich verlange, daß Sie meine Tochter heiraten!«

Dieses Gesicht hatte sich gleichsam seiner Seele eingebrannt, so leichenblaß war es gewesen, und eine so heftige Drohung hatte er darin gelesen. Überdies hatte er ja Henny versprochen, sich scheiden zu lassen. Henny und er hatten sich gegenseitige Freiheit versprochen, wenn nur das äußere Band da sei. Sie würde sich ihm also nie widersetzen, so wie es Kaja getan hatte, ja er würde es viel leichter haben als mit dieser. Wenn er alles bedachte, so war eigentlich gar nichts weiter zu überlegen.

Sie stand mittlerweile vor ihm, die Arme über der Brust gekreuzt, mit dem Ausdruck höchster Spannung im Gesicht. So wie sie atmen mußte – tief und schwer – konnte sie kaum ihre Bewegung unterdrücken. Und er bekam plötzlich Lust, sie zu quälen. »Ja, dann ist es wohl am besten, es bleibt, wie es war,« sagte er.

Da wurde sie kraftlos, wie wenn sie einen innerlichen Schlag erhalten hätte, aber sie machte ihm keine Vorstellungen – sie wandte ihm nur den Rücken und ging nach der Tür.

Mit einem Satz war er neben ihr.

»Ich wollte dich nur ein wenig quälen,« sagte er. »Es soll so sein, wie du es haben willst. Ich überlasse dir das volle Recht auf den Jungen.«

Rasch drehte sie sich ihm zu. Sie gab keine Antwort, aber an der Art, wie sie plötzlich den Kopf aufrichtete – hoch und keck – mit strahlendem Blick, sah er, wie befreit sie sich fühlte. In diesem Augenblick sah sie in das gelobte Land hinein, und es war, als sei sie sich seiner Gegenwart gar nicht bewußt. Da fühlte er denselben Stich im Herzen wie vorher, und er wandte sich ab.

»Ich darf aber doch wohl das Kind besuchen?« sagte er.

»So oft du willst,« sagte sie mit plötzlicher Wärme im Ton. »Aber« – sie sah ihn erstarrt an – »hast du denn das Kind wirklich lieb? – – Ach, wenn du es lieb hast, dann tut es mir schrecklich leid für dich!«

Und die ganze Nacht lag sie wachend und dachte daran, wie schwer es ihm fallen müsse, das Kind zu verlieren, ja sie war nahe daran, zu denken, es sei ein Unrecht, ihn von dem Kinde zu trennen.

Peter Dam aber schlief ruhig, wie es seine Gewohnheit war. Die Tage waren so voller Stimmungen für ihn, daß er nicht Zeit hatte, sie auch noch mit in die Nacht hinein zu nehmen.

Am nächsten Morgen sprach er ganz leicht und natürlich davon, wie sich die Sache am besten ordnen lasse, und sie konnte nicht umhin, über die qualvolle Nacht zu lächeln, die sie um seinetwillen verbracht hatte.

Ein Viertel ihres Vermögens war festgelegt; mit dessen Renten und einem jährlichen Zuschuß von fünfhundert Kronen konnte sie mit dem Kinde sorgenlos leben. Er bot ihr an, die fünfhundert Kronen zu bezahlen, aber sie erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie selbst für den Jungen sorgen wolle – sie werde glücklich sein, indem sie für ihn arbeite.

Er sah sie achselzuckend an und fand ihren Eifer ziemlich überspannt – aber er gab es schnell auf, sie zu überreden. Wenn sie die fünfhundert Kronen absolut nicht nehmen wollte – enfin! dann konnte er sie selbst brauchen! Und Pfeifend ging er die Treppe hinab.

Kaja schrieb ein paar Zeilen an Onkel Franz, worin sie ihm mit wenigen Worten erzählte, was geschehen war, und ihn bat, für sie und das Kind eine kleine Wohnung zu mieten.

»Sobald du etwas Passendes finden kannst,« stand in dem Brief, »denn ich möchte am liebsten gleich ausziehen.«

Nun mußte er den Brief schon vor fünf Stunden bekommen haben, aber noch immer kam er nicht. Noch immer saß sie vorgebeugt neben der offenen Tür nach der Flur und lauschte auf die bekannten Schritte. Sie fühlte wieder die quälende Angst, die zeitweise ihr Herz so heftig klopfen ließ, daß ihr jeder einzelne Schlag förmlich weh tat. Wenn er tot wäre! Wenn er es nicht erleben würde, sie frei zu sehen! Wenn sie nie zu ihm sagen dürfte: »In drei Jahren, Onkel Franz – in drei Jahren – dann gehen wir miteinander in das gelobte Land hinein.«

Eine ganze Stunde lang war sie auf dem Teppich hin und her gegangen – hatte den Jungen aus der Wiege genommen und wieder hineingelegt – alles ohne einen klaren Gedanken über das, was sie tat – nun spielte das Kind mit Onkel Franz' Klapper und sah sie mit Augen an, die denen des Onkels so ähnlich waren, daß sie sie wieder und immer wieder küssen mußte. Das Kind ließ die Klapper fallen, und sie bückte sich, um sie aufzuheben – aber da klingelte es, und wie der Blitz war sie draußen und schloß auf.

So qualvoll war ihre Angst gewesen, und so heftig war nun ihre Freude, daß sie tat, was sie nicht getan hätte, seit sie verheiratet war – sie flog ihm um den Hals.

Und er drückte sie an sein Herz, er barg sie wie ein junges Vögelchen an seiner Brust – sie verschwand gleichsam in seinen Armen.

Diese Umarmung war ein Jubellied ohne Worte. Aber an der bebenden Art, mit der er mehrere Male ihren Kopf umschloß und sie auf die Augen küßte, merkte sie, wie auch er gelitten hatte.

Endlich ließ er sie los, und sie traten zusammen ins Wohnzimmer, sie nötigte ihn, sich in einen hochlehnigen Stuhl am Fenster zu setzen, und nahm ihm dann Hut und Stock ab.

»Willst du dich nicht auch setzen?« fragte er, und deutete auf einen Stuhl neben sich.

»Nein,« sagte sie, »ich will dich erst recht ansehen.«

Als nun das Licht auf sein Gesicht schien, da fiel es ihr sogleich auf, daß in der Zeit, wo sie einander nicht gesehen hatten, eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Zuerst glaubte sie, es seien die feinen Runzeln um die Augen, die das machten, aber dann entdeckte sie, daß sein Haar grau geworden war.

»Ach!« rief sie mit aufrichtigem Schmerz in ihrer tiefen Stimme, »dein wunderschönes schwarzes Haar! Daß ich auch dies verschuldet habe!«

»Das hast du gar nicht,« sagte er, indem er ihr auszuweichen versuchte, »es war schon lange so.«

»Ja, ein klein wenig, an den Schläfen und im Nacken, aber nie so wie jetzt.«

»Ja, was ist da zu machen!« sagte er und strich mit der Hand hindurch, indem er schelmisch lächelnd sagte: »Du siehst, ich fange an, alt zu werden.«

Aber da beugte sie sich fürsorglich über ihn, als wollte sie die weißen Haare zählen.

»Weißt du wohl,« sagte sie, »daß ich jedes einzelne dieser weißen Haare als für mich gewonnen betrachte?«

Er sah sie an und nickte.

»Dessen kannst du auch ganz sicher sein,« sagte er, »froh und sicher.«

Sie lächelte. »Froh und sicher,« wiederholte sie und erinnerte sich zugleich daran, daß sie selbst einmal diesen Ausdruck gebraucht hatte.

»Aber warum kommst du so spät?« fragte sie plötzlich. »Ich hatte schon Angst, du seiest krank.«

Er lachte über den ängstlichen Ausdruck, den ihr Gesicht annahm, wenn sie nur davon sprach.

»Ich habe unterwegs Wohnungen angesehen,« sagte er. »Ganz zufällig fand ich eine, die zweckentsprechend war, und da wagte ich nicht, sie hinauszulassen. Sie liegt weit draußen, mit schönen hellen Zimmern, nicht sehr groß, aber du und das Kind, ihr braucht ja auch nicht viel Platz.«

»Nein, wir können uns mit wenig begnügen. Und denke dir, daß dies dann alles uns eigen gehört, Helle und mir. Denk' dir, wenn du kommst und Tee bei uns trinkst! Ganz wie in den alten Tagen, wenn wir Tee bei dir tranken und du mir nachher vorlasest. Wir wollen dann auch wieder vorlesen,« fügte sie eifrig hinzu, »wir wollen es ganz wie früher haben – volles Vertrauen, und nichts, das wir voreinander verbergen müßten.«

»Ja, so soll es sein,« sagte er. »Wir werden uns jeden Tag sehen können, ohne daß unser Verhältnis dadurch alt wird, und wir werden unsere Gefühle auch nicht vor der Zeit verbraucht haben. Die Freude an unserer Liebe soll jeden Tag neu sein, so lange wir leben – das verlange ich von dir – mit weniger begnüge ich mich nicht.«

»Das ist gerade deine Stärke,« sagte sie, »und das, was ich am wenigsten an dir entbehren möchte.«

»Aber drei Jahre sind eine lange Zeit,« fügte er hinzu, »eine sehr lange Zeit. Hast du keine Angst, daß deine Liebe matt werden könnte?«

Sie lachte – ein leises, glückliches Lachen.

»Hast du keine Angst, daß deine Geduld versagen könnte?« sagte sie.

Er schüttelte den Kopf und lachte gerade wie sie. »Jakob diente sieben Jahre um Rahel,« sagte er, »dann kann ich wohl auch drei Jahre um dich dienen – drei Jahre, die in Wirklichkeit zwanzig sind!« fügte er hinzu, mit dem Gefühl, daß drei Jahre der Wahrheit lange nicht entsprächen.

Mit einem strahlenden Lächeln sah sie ihn an. »Wie herrlich das Leben werden wird!« sagte sie. »Wie werden wir wetteifern, Helle zu lieben.«

Und als ob er seinen Namen gehört hätte, begann Helle in diesem Augenblicke so heftig in seiner Wiege zu strampeln, während er gleichzeitig mit ein paar kurzen, energischen Schreien seine Lust kundtat, auch dabei zu sein, daß sich Kaja beeilte, ihn herauszunehmen. Sie hob ihn auf ihre Schulter und tanzte mit ihm herum. Die Abendsonne fiel ab und zu auf ihr Kleid, streifte die zarte Haut des Jungen und goß ihren warmen Schein über Kajas glückliches junges Gesicht.

Onkel Franz betrachtete die beiden, und es war ihm, als gehörten sie ihm schon zu eigen, ein solches Gefühl des Reichtums überflutete ihn.

»Denk' dir,« sagte er leise, »daß es wirklich nur drei Jahre dauert, bis wir das gelobte Land erreichen!«

Sie hielt inne und sah ihn an. Daß er auch gerade an ganz dasselbe dachte – und mit ganz denselben Worten!

Er trat zu ihr, und sie lehnte sich mit dem Kinde auf der Schulter an ihn an.

»Meine kleine Welt,« sagte sie leise und innig, während sie ihre Augen von dem Kinde zu ihm und von ihm wieder zu dem Kinde wandern ließ. »Nein,« sagte sie plötzlich und legte den Kopf an seine Brust, »meine große – herrliche – wunderbare Welt – –!«

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