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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 8
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Sibylle.

Eine seltsame Mischung von Zufriedenheit und höchster Verwunderung über unsere rasch geschlossene Freundschaft malte sich in den Zügen des schrecklichen Alten. Jede Spur seines Ärgers schien geschwunden, als er zu seiner Tochter sprach; aber Sibyllens Miene blieb mißtrauisch und ablehnend.

»Ich habe einige wichtige Papiere durchzusehen,« sagte er. »Dies dürfte mich etwa eine Stunde lang in Anspruch nehmen. Gewiß wird es Louis interessieren, unterdessen den Park zu besichtigen, und einen besseren Führer als dich, meine Tochter, könnte er sich nicht wünschen.«

Sie erhob keine Einrede, und was mich anbelangt, so war ich glücklich über seinen Vorschlag; gab er mir doch Gelegenheit, meine geheimnisvolle Base, von der ich noch manches erfahren wollte, näher kennen zu lernen. Was für eine Bewandtnis hat es mit der rätselhaften Warnung auf dem Briefe? Woher ihr lebhaftes Interesse für meine Herzensangelegenheiten? Das waren wichtige Fragen. Wir traten hinaus in die würzige Seeluft – würziger noch nach der frischen Brise der letzten Nacht –, durchschritten die Eibenallee und gelangten in den Park. Wir umkreisten das Schloß, blickten hinauf zu seinen Giebeln und Zinnen, bewunderten die aus Eichenholz gezimmerten Fenster und die gezackten Mauern des alten Flügels und erfreuten uns an dem Anblick des Umbaus mit seiner zierlichen, geißblattumrankten Veranda.

Sibylle erklärte mir eingehend alle Einzelheiten, und jedes ihrer Worte zeugte davon, wie lieb ihr diese Stätte geworden. Ihre Stellung als Hausfrau und meine Rolle als Gast auf dem Schloß meiner Väter schienen ihr jedoch peinlich zu sein.

»Nicht gegen Sie war ich mißmutig, sondern gegen uns,« sagte sie. »Gleichen wir nicht dem Kuckuck, der sich in fremden Nestern festsetzt? Ich erröte bei dem Gedanken, daß mein Vater Sie als Gast in Ihr eigenes Haus geladen hat.«

»Vielleicht saß unsere Familie schon zu lange unter diesem Dache,« antwortete ich. »Vielleicht war es zu unserem Heile, daß wir daraus verjagt wurden. Der Kampf um die Existenz stählt Geist und Körper.«

»Sie wollen zum Kaiser?«

»Ja.«

»Wissen Sie, daß er sein Lager hier in nächster Nähe aufgeschlagen hat?«

»So hörte ich.«

»Aber Ihr Name steht auf der Liste der Proskribierten?«

»Ich habe dem Kaiser nichts Böses getan. Ich will keck vor ihn hintreten und ihn bitten, mich in seine Dienste zu nehmen.«

»Nun ja,« sagte sie, »es gibt Leute, die ihn einen Usurpator nennen und ihm Übles wünschen; ich für meinen Teil habe nur Großes und Edles von ihm gehört. Übrigens, Vetter Louis, ich dachte, Sie seien ganz Engländer geworden und seien mit englischem Geld herübergekommen, um Verrat gegen Frankreich zu spinnen.«

»Ich habe in England nur Gastfreundschaft genossen; im Herzen bin ich Franzose geblieben.«

»Ihr Vater focht bei Quiberon gegen uns!«

»Diese Kämpfe gehören der vergangenen Generation. Soweit bin ich der Meinung Ihres Vaters.«

»Glauben Sie den Worten meines Vaters nicht; richten Sie ihn nach seinen Taten,« sagte Sibylle mit erhobenem Finger; »und vor allem verraten Sie ihm meine Warnung nicht, sonst haben Sie mein Leben auf dem Gewissen.«

»Ihr Leben?« keuchte ich hervor.

»Er würde nicht davor zurückschrecken, mich zu töten,« rief sie, »Er hat meine Mutter getötet. Ich sage nicht, daß er Hand an sie gelegt hat; aber seine kalte Grausamkeit brach ihr das Herz. Und jetzt werden Sie meine Sprache verstehen.«

Die Erinnerung an eine Reihe von Jahren voll bitterer Empfindungen und Erlebnisse schienen in dem Busen des tapferen Mädchens lebendig zu werden. Ihre Wangen röteten sich, ihre schönen dunklen Augen leuchteten. Ein streitbarer Geist schien in dieser hohen, schlanken Gestalt zu wohnen.

»Sie wundern sich wohl über meine Offenheit, Vetter Louis,« fragte sie, »da wir uns erst seit einigen Stunden kennen?«

»Ich bin doch Ihr Vetter, Sibylle.«

»Das ist wahr; und doch hätte ich nie geglaubt, daß wir uns so gut vertragen würden. Mit Angst und Sorge erwartete ich Ihre Ankunft; und die Gefühle, die ich Ihnen anfangs entgegenbrachte, dürften Ihnen kaum verborgen geblieben sein.«

»Das kann ich nicht leugnen,« entgegnete ich. »Auf den ersten Blick sah ich, wie unwillkommen ich war.«

»Sehr unwillkommen,« versetzte das Mädchen rasch, »um Ihretwillen und um meinetwillen; um Ihretwillen, weil ich meinen Vater kenne, um meinetwillen, weil . . .«

»Nun, weil?« fragte ich überrascht, als sie verlegen stockte.

»Sie haben mir das Geheimnis Ihrer Liebe anvertraut, Louis. Ich will Ihr Vertrauen erwidern. Auch mein Herz ist vergeben; auch ich bin verlobt . . .«

»Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück,« sagte ich. »Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Die dicke Luft Englands hat Ihren Geist umnebelt, lieber Vetter,« sagte Sibylle und schüttelte ihr stolzes Haupt, »Aber ich kann ja deutlicher sprechen, jetzt, da ich weiß, daß auch Sie auf den Plan meines Vaters nie eingehen würden. Hören Sie also, Louis, mein Vater wünscht uns miteinander zu verheiraten. Dann wären alle Ansprüche auf Grobois vereinigt; dann mag kommen was will – die Bourbonen oder Napoleon –, nichts kann seine Stellung erschüttern.«

Daher also die Sorgfalt für meine Toilette, daher sein Wunsch, mich so vorteilhaft als möglich herauszuputzen, dabei auch sein Mißmut über Sibyllens unfreundlichen Empfang und die Befriedigung über die sichtbaren Zeichen unserer mißverstandenen Anfreundung!

»Ich glaube selbst, Sie haben recht,« rief ich.

»Und ob ich recht habe! Sehen Sie nur hin, wie er uns beobachtet.«

Ich wandte mich ab von den duftenden, mit frischem Heu bedeckten Wiesen und sah nach dem Schlosse hinauf. Wahrhaftig, aus der Ecke eines Fensters lugte das kleine, gelbe Gesicht des Alten heraus. Sofort bemerkte er, daß er entdeckt sei, und winkte mir freundlich zu.

»Jetzt wissen Sie, warum er Ihnen das Leben gerettet hat,« sagte Sibylle. »Er will, daß Sie mich heiraten, und dazu braucht er Sie lebend. Wenn er aber einmal merkt, daß aus diesem Plan nichts werden kann, dann gibt es nur einen Weg für ihn, sich vor der Rückkehr der Lavals zu sichern, und der ist . . .«

Sie stockte.

Nun war mir die große Gefahr, in der ich mich befand, endlich klar. Niemand in Frankreich hatte irgendein Interesse an mir. Und wenn ich eines Tages verschwand, wer sollte nach mir forschen? Ich war also ganz in der Macht dieses Menschen, dessen ruchlose Grausamkeit ich gestern abend kennen gelernt.

»Aber,« sagte ich, »er weiß doch, daß Ihr Herz vergeben ist?«

»Gewiß weiß er es,« antwortete sie, »und das beunruhigt mich am meisten. Ich fürchte für Sie und für mich, aber mehr noch für Lucien. Wer seinen Plänen im Wege steht, der ist verloren.«

»Lucien!« Wie eine Erleuchtung kam es über mich. War es denn möglich – trotz aller Launen der Liebe –, war es möglich, daß dieses beherzte Mädchen die armselige Kreatur liebte, die sich vor meinen Augen in heilloser Angst auf dem Boden gewälzt? Jetzt kam es mir wieder in den Sinn, da ich den Namen Sibylle gelesen hatte. Auf dem Titelblatt jenes braunen Buches stand geschrieben: »Lucien von Sibylle.« Nun erinnerte ich mich auch der Worte, die der Alte zu Lucien gesprochen, seiner Anspielung auf künftige verwandtschaftliche Beziehungen.

»Lucien ist heißblütig und läßt sich leicht mitreißen,« sagte sie, »Mein Vater hat Einblick in sein politisches Treiben gewonnen. Stundenlang sitzen sie in seinem Zimmer, und Lucien sagt mir nicht, was zwischen ihnen vorgeht. Irgendeine Unternehmung ist im Zuge, fürchte ich. Lucien ist eher Gelehrter als Mann von Welt, aber er interessiert sich lebhaft für die Freiheitsbewegung.«

Nur einen Augenblick zögerte ich und schwankte, ob ich über das Erlebte schweigen oder ihr die Wahrheit sagen sollte; aber mit der raschen Auffassung des liebenden Weibes las sie mir die Zweifel von den Augen ab.

»Sie wissen von ihm,« rief sie, »und ich glaubte, er sei auf dem Wege nach Paris. Um Gottes willen, sagen Sie mir, was wissen Sie von ihm?«

»Lesage ist sein Name?«

»Ja, ja, Lucien Lesage.«

»Ich habe – ich habe gestern abend seine Bekanntschaft gemacht,« stammelte ich.

»Sie kennen ihn schon? Und sind doch erst angekommen. Wo haben Sie ihn gesehen? Was ist ihm widerfahren?« Mit namenloser Angst ergriff sie meine Hand.

Es schien mir grausam, dem Mädchen die Wahrheit zu sagen, aber zu schweigen, wäre vielleicht noch grausamer gewesen. Ratlos blickte ich umher und suchte nach einer Antwort. Aber schon sah ich Onkel Charles über die kurzgeschorene Wiese auf uns zukommen. An seiner Seite schritt sporenklirrend ein hübscher junger Husar – derselbe, der Lucien in der vergangenen Nacht in Gewahrsam genommen hatte. Sibylle zögerte keinen Augenblick; mit blitzenden Augen ging sie ihrem Vater entgegen und vertrat ihm den Weg.

»Was hast du mit Lucien gemacht, Vater?« fragte sie bebend.

Leidenschaftlicher Haß und tiefe Verachtung sprachen aus dem Ton ihrer Stimme. Der Alte wich einen Schritt zurück.

»Das wollen wir später besprechen,« sagte er.

»Auf der Stelle will ich es wissen,« rief Sibylle, aufs höchste erregt. »Was hast du mit Lucien gemacht?«

»Es tut mir aufrichtig leid, meine Herren,« sagte der Alte, zu uns gewendet, »Sie mit unseren häuslichen Differenzen belästigen zu müssen. Ich bitte um Nachsicht für meine Tochter, Herr Leutnant. Ihr Gefangener ist sehr befreundet mit ihr. Natürlich hindern mich solche Familienrücksichten nicht, meine Pflicht gegen den Kaiser zu erfüllen, so schwer es mir auch wird.«

Nun wandte sich Sibylle an den Offizier.

»Sie also haben ihn gefangengenommen?«

»Leider war es meine Pflicht.«

»Von Ihnen werde ich die Wahrheit erfahren. Wohin haben Sie ihn gebracht?«

»In das Lager des Kaisers.«

»Was hat Lucien verbrochen?«

»In politische Angelegenheiten menge ich mich nicht ein, mein Fräulein. Ich tue meine Pflicht und folge dem Kommando meiner Vorgesetzten. Diese Herren hier sind meine Zeugen, daß Colonel Lasalle mir den Befehl erteilte, den Herrn zu verhaften.«

»Um Gottes willen, sagen Sie mir, wessen man Lucien beschuldigt?«

»Genug jetzt, mein Kind,« unterbrach sie ihr Vater scharf. »Da du es durchaus wissen willst, so sage ich dir klipp und klar heraus, daß Herr Lucien Lesage verhaftet wurde, weil er in ein Komplott gegen das Leben des Kaisers verwickelt ist, und daß es mein Verdienst ist, seine Mordpläne enthüllt zu haben.«

»Dein Verdienst!« schrie Sibylle außer sich, »Du hetztest ihn in die ganze Sache hinein; du sprachst ihm zu, auszuhalten, und hieltst ihn zurück, wenn er an seinem Vorhaben wankend wurde. Du Elender! Mein Gott, wodurch habe ich die furchtbare Strafe verdient, ein Scheusal, wie dich, Vater nennen zu müssen.«

Mein Onkel zuckte die Achseln, als schiene es ihm nicht der Mühe wert, mit einer Rasenden zu streiten. Wir anderen, der Offizier und ich, wollten uns unbemerkt entfernen, um nicht länger Zeugen der peinlichen Szene zu sein. Sibylle aber rief uns zurück; sie bestand auf unserer Anwesenheit. Zügellose Leidenschaft sprühte aus ihren weitgeöffneten Augen.

»Du hast alle hintergangen, mich aber hast du nie getäuscht,« schrie sie. »Ich kenne dich durch und durch. Du hast meine Mutter ins Grab gebracht und kannst auch mich töten. Aber nie wird mich die Angst vor dir dahin bringen, dich bei Ausführung deiner sauberen Pläne zu unterstützen. Du bist Republikaner geworden, um dir den Besitz von Grobois zu erschleichen, das nach Fug und Recht einem anderen gehört. Nun wieder buhlst du um die Gunst Napoleons und verrätst deine Genossen, die noch an dich glauben. Auch Lucien soll das Opfer deiner Niedertracht werden. Ich kenne deine Pläne, und Vetter Louis kennt sie auch; aber darauf eingehen wird er ebensowenig wie ich. Lieber sterben, als die Gattin eines anderen als Luciens werden.«

»Wenn du ihn heute nacht gesehen hättest, den armseligen Feigling – dann würdest du anders sprechen,« sagte mein Onkel kühl. »Du bist jetzt nicht bei dir, Sibylle. Aber du wirst wieder zur Vernunft kommen und wirst dich schämen, dich öffentlich so bloßgestellt zu haben. Und nun, Herr Leutnant, entledigen Sie sich Ihres Auftrages.«

»Ihnen, Monsieur de Laval, bringe ich eine Botschaft vom Kaiser,« sagte der junge Husar, meinem Onkel geringschätzig den Rücken wendend, »Ich soll Sie unverzüglich in das kaiserliche Lager von Boulogne bringen.«

Ich war sehr erfreut bei dem Gedanken, die Gesellschaft meines Onkels loszuwerden.

»Ich kann mir nichts Besseres wünschen,« rief ich.

»Meine Eskadron und ein Pferd für Sie warten draußen am Gitter.«

»Ich bin jeden Augenblick bereit.«

»Das ist doch nicht so eilig,« sagte mein Onkel. »Sie werden wohl den Lunch mit uns nehmen, Leutnant Gerard.«

»Die Befehle des Kaisers dulden keinen Aufschub,« erwiderte der Offizier entschieden. »Ich habe schon zu viel Zeit verloren. In fünf Minuten müssen wir unterwegs sein.«

Der Alte legte mir die Hand auf den Arm und führte mich beiseite gegen das Schloßtor hin, durch das Sibylle uns verlassen hatte.

»Nur über einen Punkt noch möchte ich vor deiner Abreise mit dir sprechen. Die Zeit drängt, und ich muß mich kurz fassen. Du hast deine Cousine nicht von der besten Seite kennen gelernt, aber wenn dich auch ihr heutiges Betragen gegen sie eingenommen haben mag, so kann ich dir doch versichern, daß sie ein feingebildetes, liebenswürdiges Mädchen ist. Aus ihren Worten entnehme ich, daß sie dich in meine Pläne wegen eurer Heirat eingeweiht hat. Nun sage mir, gibt es eine bessere Lösung der Frage bezüglich Grobois'?«

»Unglücklicherweise,« sagte ich, »obwalten einige Bedenken gegen diese Heirat.«

»Was für Bedenken, wenn ich bitten darf?«

»Vor allem, daß Sibylle schon verlobt ist.«

»Das ist kein Hindernis. Ich will dafür sorgen, daß Lucien seine Ansprüche nicht geltend macht.«

»Ich habe andere Ansichten über die Ehe. In England, wo ich aufgewachsen bin, heiratet man aus Liebe, nicht aus Vernunft. Übrigens kann schon deshalb aus Ihren Plänen nichts werden, weil auch mein Herz vergeben ist.«

Ein bitterböser Blick des Alten traf mich.

»Überlege dir, Louis, was du tust,« wisperte er in pfeifendem Tone, der wie das Zischen einer Viper klang, »Du wirst es schwer büßen, wenn du meine Pläne durchkreuzest.«

»Mir bleibt keine Wahl,« erwiderte ich entschlossen.

Da ergriff er meinen Arm und schwenkte ihn im Kreise umher, wie es der Satan getan haben mag, als er Christum versuchen wollte.

»Alle die Wiesen und Wälder hier, der Park und das Schloß, in dem deine Ahnen acht Jahrhunderte lang gehaust, alles dies soll wieder dein sein, wenn du mir zu Willen bist.«

Da sah ich im Geiste das kleine Fenster mit den Lorbeerbüschen und Eugeniens liebes, blasses Gesicht, das traurig daraus hervorblickte.

»Unmöglich,« sagte ich.

Meine entschiedene Art schien ihn dessen zu belehren, daß es mir mit meiner Weigerung Ernst sei; Wut flammte in seinen Augen auf, und wilde Drohungen traten an Stelle der sanften Überredungskünste.

»Wenn ich das gewußt hätte – keinen Finger hätte ich heute nacht für Sie gerührt, mein Herr Neffe.«

»Gut, daß ich das weiß; nun kann ich frei von allen Fesseln der Dankbarkeit meine eigenen Wege gehen. Mit Ihnen mag ich nichts mehr zu tun haben.«

»Sie wünschen nichts mehr mit mir zu tun zu haben! Das glaube ich Ihnen aufs Wort, mein Herr,« schrie er außer sich vor Zorn. »Sie werden es später einmal vielleicht noch dringender wünschen als heute. Gehen Sie nur Ihre Wege, ich gehe die meinen. Wir werden ja sehen, wer besser fährt.«

Ein Schwarm Husaren stand am Torweg. In wenigen Minuten hatte ich meine bescheidene Habe eingepackt und eilte hinunter. Da fiel mir plötzlich Sibylle ein. Wie konnte ich sie mit dem wütenden Alten allein hier im Schlosse zurücklassen! Hatte sie nicht selbst gesagt, daß ihr Leben in Gefahr sei? Ratlos blieb ich stehen. Da lief sie mir selbst entgegen.

»Adieu, Vetter Louis,« rief sie mit ausgestreckten Händen.

»Eben dachte ich an Sie,« sagte ich, »ich hatte eine Auseinandersetzung mir Ihrem Vater.«

»Gott sei Dank, daß Sie von hier fortkommen, das ist Ihre einzige Rettung. Aber seien Sie auf der Hut, er wird Ihnen schaden, wie er kann.«

»Ich hoffe mit ihm fertig zu werden; aber Sie kann ich doch nicht hier zurücklassen!«

»Haben Sie keine Sorge. Er hat mehr Grund, mich zu fürchten, als ich ihn. Man ruft nach Ihnen.«

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