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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 7
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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Siebentes Kapitel.

Der Besitzer von Grobois.

Mein Gastfreund hielt Wort. Am nächsten Morgen weckte mich ein leises Geräusch aus dem Schlafe, und er stand neben meinem Bette. Seine gleichmäßig heitere Miene war kaum mit den greulichen Szenen der letzten Nacht und der niederträchtigen Rolle, die er dabei gespielt, in Einklang zu bringen. Jetzt, im hellen Sonnenlicht, sah er eher wie ein pedantischer Schulmeister aus; und dieser Eindruck wurde noch gesteigert durch das überlegene und doch wohlwollende Lächeln, mit dem er mich betrachtete. Trotz dieses freundlichen Lächelns war er mir mehr zuwider denn je, und ich war mir klar darüber, daß ich meines Lebens nicht froh werden konnte, ehe ich seine mir aufgedrungene Gesellschaft wieder los sein würde. Er trug einen Pack Kleider unter dem Arm, die er nun auf einem an dem Fußende meines Bettes stehenden Sessel ausbreitete.

»Ich entnahm Ihren Worten,« sagte er, »daß Ihre Garderobe augenblicklich etwas lückenhaft ist. Sie sind größer als alle meine Leute; aber vielleicht finden Sie doch etwas Passendes unter diesen Kleidungsstücken. Hier ist auch ein Rasiermesser, Seife und die Puderbüchse. In einer halben Stunde bin ich wieder da; ich hoffe, daß Sie bis dahin Ihre Toilette beendet haben.«

Ich fand, daß meine eigenen Kleider, wenn ich sie bürstete, ganz leidlich aussahen, und entnahm den zur Auswahl mitgebrachten Gegenständen nur ein gefälteltes Hemd und eine seidene Krawatte. Als er zurückkam, war ich fertig und schaute ans dem Fenster. Er betrachtete mich mit prüfenden Blicken von oben bis unten und schien mit meiner Erscheinung zufrieden.

»Es geht!« sagte er, mit dem Kopfe nickend. »Sehr gut sogar! Spuren schwerer Arbeit an den Kleidern machen sich ganz gut, besser als die Geckerei der Incroyables. So hörte ich feine Damen sagen. Nun folgen Sie mir, mein Herr.«

Die Sorgfalt, mit der der rätselhafte Mann meine Kleidung musterte, setzte mich in Verwunderung: aber mein Staunen wich heller Bestürzung, als wir nach kurzer Wanderung in eine weite Halle gelangten, an deren einer Wand das lebensgroße Bildnis meines Vaters prangte. Auch die Halle kam mir bekannt vor, und ich wandte mich fragend nach meinem Gefährten um. Die kalten grauen Augen blinzelten mich vergnügt an.

»Sie scheinen erstaunt, Monsieur de Laval,« fagte er.

»Um Gottes willen,« rief ich, »treiben Sie Ihr Spiel mit mir nicht weiter. Wer sind Sie? Wohin haben Sie mich gelockt?«

Mein Gefährte lachte sein trockenes Lachen. Er faßte mich am Handgelenk und führte mich in einen großen, gewölbten Raum. In der Mitte desselben stand ein geschmackvoll gedeckter Tisch, und in einem Fauteuil daneben saß eine junge Dame, ein Buch in der Hand. Sie erhob sich bei unserem Eintritt. Auf ihrer hohen, schlanken Gestalt saß ein kleiner Kopf. In ihrem scharfgeschnittenen bräunlichen Gesicht leuchteten ein paar lebhaft glänzende, schwarze Augen. Der Blick, den sie mir zuwarf, war nichts weniger als freundlich.

»Sibylle,« sagte mein Gastfreund, »das ist dein Vetter aus England, Louis de Laval. Und dies, mein teurer Neffe, ist meine einzige Tochter, Sibylle Bernac.«

Es verging mir der Atem. »So sind Sie also . . .« »Ich bin der Bruder deiner Mutter, Charles Bernac.« »Sie sind Onkel Bernac?« stammelte ich, »warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?«

»Es paßte mir, dich eine Zeitlang unbefangen zu beobachten. Vielleicht hätte ich mich auch nicht so erfolgreich für dein Leben einsetzen können, wenn meine Genossen unsere verwandtschaftlichen Beziehungen gekannt hätten. Und nun erlaube mir, dich auf dem Boden Frankreichs herzlich zu begrüßen und dir mein Bedauern auszusprechen über den ungastlichen Empfang, der dir zuteil wurde. Sibylle wird mir helfen, dich dafür zu entschädigen.« Er lächelte seine Tochter schelmisch an, die ihre ablehnende Haltung unverändert bewahrte.

Ich blickte mich nach allen Seiten um, und allmählich tauchte das Bild dieses geräumigen Gewölbes mit seinen waffengeschmückten Wänden in meiner Erinnerung auf. Auch der Blick durch das Galeriefenster auf den Eichenbestand in dem weiten Park und drüber hinaus auf die See kam mir bekannt vor. So war ich also wirklich in dem Schlosse zu Grobois, und der fürchterliche Mensch da vor mir, dieser teuflische Ränkeschmied mit dem Totenkopf, war der Mann, dem mein Vater Tag und Nacht geflucht; der ihn aus Grobois vertrieben hatte, um sich selbst an seine Stelle zu setzen. Aber ganz konnte ich doch nicht vergessen, daß er mich diese Nacht mit eigener Lebensgefahr aus Toussacs furchtbaren Händen befreit hatte; und wieder kämpften in meinem Innern Dankbarkeit mit Widerwillen und Abscheu gegen den Spion. Wir setzten uns zu Tische. Während des Essens bemühte sich mein neugefundener Onkel, mir nun alles aufzuklären, was mir bisher unverständlich geblieben.

»Gleich als ich dich sah, vermutete ich, daß du mein Neffe seist. Ich erinnere mich deines Vaters als Jüngling, und du bist sein getreues Ebenbild, wenn ich auch – ohne dir zu schmeicheln – zugeben muß, daß der Vergleich zu deinen Gunsten ausfällt. Dein Vater war bekannt als einer der schönsten Männer von Rouen. Ich habe dich ja erwartet. Es wundert mich, daß du den geheimen Gang nicht kennst; hast du auch nie davon gehört?«

Dunkel erinnerte ich mich, in meiner Kindheit von dem Gange gehört zu haben, aber auch davon, daß das Dach eingestürzt sei und ihn unwegsam gemacht habe.

»Ganz richtig,« sagte mein Onkel. »Aber gleich nachdem ich von dem Schloß Besitz ergriffen hatte, ließ ich den neuen Ausgang nach der Passage durchbrechen, denn ich dachte, er könnte mir in unruhigen Zeiten von Vorteil sein; wäre er damals in Ordnung gewesen, als deine Eltern flüchteten, ihre Flucht wäre viel leichter vonstatten gegangen.«

Seine Worte riefen mir die schlimmen Tage ins Gedächtnis zurück, da der Mob uns Adelige wie Wölfe hetzte und uns noch auf das Schiff einen Hagel von Steinen nachsandte. Auch daran dachte ich, daß es mein Onkel war, der die Flammen geschürt, um auf den Trümmern unseres Glückes seinen eigenen Wohlstand zu gründen.

Wieder fixierten mich die stechenden grauen Angen und lasen mir die Gedanken vom Gesichte ab. »Lassen wir Vergangenes vergangen sein,« sagte er. »Das waren Streitigkeiten zwischen euren Eltern; du und Sibylle, ihr gehört einer neuen Generation an.«

Meine Base hatte bisher kein Wort gesprochen und mich keines weiteren Blickes gewürdigt. Jetzt, da mein Name in Verbindung mit dem ihren genannt wurde, sah sie mich feindselig an, wie bei meinem Eintritt in die Halle.

»Nun ist es an dir, Sibylle,« sagte der Alte, »deinem Vetter Louis zu versichern, daß du keinen Groll gegen ihn hegst.«

»Uns steht es gut an, so zu sprechen, Vater,« antwortete sie. »Wir sitzen auf dem Schlosse, aber die Erben der Lavals sind es, die zu sagen haben, ob sie zufrieden sind.« Ihre dunklen, zornigen Augen ruhten auf mir, während sie meine Antwort erwartete, aber der Alte fuhr rasch dazwischen.

»Du sprichst recht unfreundlich zu deinem Vetter,« sagte er streng. »Das Schicksal hat es gewollt, daß sein Erbe in unsere Hände fiel, aber wir sind nicht dazu berufen, ihn daran zu erinnern.«

»Es bedarf keiner Erinnerung.« entgegnete sie.

»Sie tun mir unrecht,« rief ich aufstehend, denn die offenkundige Feindseligkeit des Mädchens erbitterte mich. »Gewiß habe ich es nicht vergessen, daß dieses Schloß einst meinen Vätern gehörte – ich müßte stumpfsinnig sein, wenn ich es je vergessen könnte –, aber wenn Sie glauben, daß ich darob irgendwelche Bitterkeit im Herzen trage, sind Sie im Irrtum. Was mich anbelangt, wünsche ich nichts sehnlicher, als mir meinen Lebensweg aus eigener Kraft zu bahnen.«

»Und nie war die Zeit hierzu günstiger als jetzt,« rief mein Onkel aus. »Große Dinge werden geschehen, und wenn du erst am Hofe des Kaisers bist, stehst du im Mittelpunkt der Ereignisse. Du bist wohl gewillt, dem Kaiser zu dienen?«

»Ich will mich dem Vaterlande nützlich machen.«

»Das tust du, wenn du dein Kaiser dienst; denn ohne ihn geht es in den Unruhen zugrunde.«

»Nach allem, was man hört, ist der Dienst nicht leicht,« sagte Sibylle, »Jedenfalls hätten Sie es in England bequemer gehabt und wären in Sicherheit.«

Jedes Wort, das sie sprach, klang wie Hohn gegen mich, und doch war ich mir nicht bewußt, sie irgendwie beleidigt zu haben; auch ihren Vater schienen ihre Bemerkungen zu erzürnen. Tiefe Abneigung gegen sie keimte in mir auf.

»Jedenfalls hat dein Vetter Mut, was ich nicht von jedem behaupten könnte.« sagte der Alte.

»Wen meinst du?« versetzte das Mädchen erschrocken.

»Was kümmert dich das?« rief der Alte aufspringend und rannte mit mühsam verhaltenem Zorne aus dem Zimmer.

Sibylle erhob sich rasch und wollte ihm folgen. Doch plötzlich warf sie das Haupt zurück und sagte, zu mir gewendet: »Kennen Sie meinen Vater von früher?«

»Nein,« antwortete ich.

»Und was denken Sie von ihm, nun, da Sie ihn kennen?«

Die seltsame Frage des Mädchens erfüllte mich mit bangem Schauder. Was mußte das für ein Mensch sein, der die Liebe und die Achtung seiner eigenen Tochter so gründlich verscherzt hatte?

»Ihr Schweigen ist beredt,« sagte sie, als ich mit der Antwort zögerte, »Ich weiß ja nicht, was heute nacht vorgefallen ist, denn wir vertrauen uns gegenseitig unsere Geheimnisse nicht an. Dennoch glaube ich, Sie haben ihn durchschaut. Er hat Sie brieflich hierher berufen?«

»Ja.«

»Haben Sie an der Außenseite des Briefes nichts bemerkt?«

Ich erinnerte mich der warnenden Worte, die mir damals so viel zu denken gegeben hatten.

»Ach, Sie waren es, die mich vor der Reise warnte?«

»Ja, ich. Es stand mir kein anderer Weg zur Verfügung.«

»Und warum, wenn ich fragen darf?«

»Weil ich nicht wollte, daß Sie kommen.«

»Erwarteten Sie Übles von mir?«

Nach kurzer Pause antwortete sie zu meiner Überraschung: »Ich fürchtete Übles für Sie.«

»Glauben Sie mich hier in Gefahr?«

»Ich weiß es bestimmt.«

»Soll ich trachten, von hier fortzukommen?«

»Sobald als möglich.«

»Von wem droht mir Gefahr?«

Wieder zögerte das Mädchen einen Augenblick; dann wandte sie sich zu mir mit einer Gebärde, als werfe sie alle Vorsicht über Bord und sagte: »Von meinem Vater.«

»Aber warum von ihm?«

»Das müssen Sie selbst erraten.«

»Diesmal tun Sie Ihrem Vater unrecht, mein Fräulein. Er hat mir im Gegenteil gestern abend das Leben gerettet.«

»Das Leben gerettet? Wer trachtete Ihnen nach dem Leben?«

»Zwei Verschwörer, deren Pläne ich zufällig entdeckte.«

»Verschwörer?« Sie sah mich erstaunt an.

»Sie hätten mich gewiß getötet, wäre Ihr Vater nicht gewesen.«

»Vorläufig braucht er Sie noch für seine Pläne. Er hatte seine Gründe, Sie nach Schloß Grobois kommen zu lassen. – Nun war ich offen gegen Sie, seien Sie es auch gegen mich. Stand Ihrem Herzen je ein Mädchen nahe?«

Meine Base wurde mir immer rätselhafter; diese Frage, am Ende eines so ernsten Gesprächs, überraschte mich mehr als alles Vorhergegangene. Aber Freimut forderte Freimut, und so antwortete ich ohne Zögern: »Ich habe das beste und treueste Mädchen in England zurückgelassen. Ihr Name ist Eugenie, Eugenie de Choiseul, die Nichte des alten Herzogs.«

Meine Base schien sehr befriedigt. Ihre Augen leuchteten auf, als sie mich fragte: »Sie lieben das Mädchen aufrichtig?«

»Ich könnte ohne sie nie glücklich werden.«

»Und Sie wollen nicht von ihr lassen?«

»Nicht für alles in der Welt.«

»Auch nicht für Schloß Grobois?«

»Selbst dafür nicht.«

Freudig überrascht streckte mir Sibylle beide Hände entgegen.

»Verzeihen Sie meine Unfreundlichkeit,« sagte sie. »Wir wollen Verbündete sein, nicht Feinde.«

Und unsere Hände lagen noch ineinander, als der Vater wieder eintrat.

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