Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/doyle/bernac/bernac.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid63360f41
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

Der geheime Gang.

Das Kaminfeuer war verglommen, und mein Beschützer verlöschte die Lampe. Wir verließen das unheimliche Haus, und nach wenigen Schritten war es unseren Blicken entschwunden. Der Wind hatte nachgelassen, aber von der See her trieb er uns einen feinen salzigen Regen ins Gesicht. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mich in kürzester Zeit wieder gründlich verirrt und hätte ratlos dagestanden, wie damals nach der Landung; aber mein Gefährte schritt frisch und sicher aus. Zweifellos halfen ihm irgendwelche Wegzeichen, die ich nicht sah oder nicht kannte. Ich folgte ihm, durchnäßt und elend wie ich war, ganz zerüttet in den Nerven. Ungeordnet durchkreuzten die Erinnerungen an die Erlebnisse der letzten Stunden mein zermartertes Gehirn. Trotz meiner Jugend kannte ich aus den Gesprächen meiner Eltern die politischen Verhältnisse Frankreichs sehr genau. Ich wußte, daß die Erhebung Bonapartes auf den Thron die kleine aber auserlesene Schar der Jakobiner und extremen Republikaner aufs äußerste erbitterte; hatten doch alle ihre Bestrebungen, das Königtum zu stürzen, nur dazu geführt, es in ein Kaisertum zu verwandeln.

Andererseits waren auch die Anhänger der Bourbonen, in deren Kreise ich meine Jugend verbracht hatte, sehr unzufrieden mit der freudigen Aufnahme, die die Hauptmasse des Volkes der Erhebung des Emporkömmlings zum Kaiser zuteil werden ließ. So verschieden die Motive waren, in dem Hasse gegen Napoleon und in dem Bestreben, ihn auf irgendeine Weise zu beseitigen, waren die Häupter beider Parteien einig. Daher eine ganze Reihe von Verschwörungen, zumeist in England, und die reichliche Verwendung von Spionen von seiten Fouchers und Savarys, die für Napoleons Leben verantwortlich waren. Der Zufall wollte es, daß ich gleichzeitig mit einem der gefährlichsten Verschwörer an der französischen Küste landete, und daß ich gleich darauf auch die Mittel kennen lernte, die die Polizei gegen die Umstürzler anwendete. Und als ich auf die Abenteuer dieser Nacht zurückblickte, auf die Wanderung im Moor, den Einlaß in die Hütte, die Entdeckung der Papiere, meine Gefangennahme durch die Verschwörer, die entsetzliche Todesangst unter Toussacs Händen, und endlich an die aufregenden Szenen, deren Zeuge ich war – den Kampf mit dem Hunde, die Abfassung Lesages und die Ankunft der Soldaten, da konnte ich mich nicht wundern, daß die Zerrüttung meines Nervensystems sich nun in konvulsivischen Zuckungen des Körpers äußerte. Vornehmlich beschäftigte mich die Frage, in welche Beziehungen ich zu dem Manne an meiner Seite treten sollte. Sein Benehmen hatte mich mit Abscheu erfüllt. Ich war Zeuge seiner Hinterlist den Genossen gegenüber und seiner kaltblütigen Grausamkeit gegen den wimmernden Feigling zu seinen Füßen gewesen. Aber das konnte ich nicht leugnen, daß er dem Zorne Toussacs getrotzt und mich aus der entsetzlichen Lage, in die mich meine kindische Neugierde gebracht, gerettet hatte. Es war auch klar, daß er seine Leistung durch die Auslieferung eines zweiten Gefangenen an die Polizei in noch besseres Licht gerückt hätte. Ich war ja kein Verschwörer, aber ob ich das auch beweisen konnte, war eine andere Frage. Die Schonung, die dieser Felsblock von einem Menschen mir gegenüber übte, setzte mich derart in Erstaunen, daß ich ihn plötzlich, ohne Umschweife frug, was er eigentlich mit mir vorhabe.

Ich hörte ein leises Kichern, als unterhielte ihn meine so plötzlich hervorgestoßene Frage.

»Sie sind wirklich komisch, Monsieur . . . wie heißen Sie gleich?«

»de Laval.«

»Ja richtig, Monsieur de Laval. Sie haben das Ungestüm und den Freimut der Jugend. Sie möchten wissen, was in dem Kamin verborgen ist . . . und sie steigen hinauf. Sie wollen die Ursache von irgend etwas wissen und poltern eine Frage heraus. Ich bin an vorsichtigere Menschen gewöhnt und finde Ihre Art wirklich erfrischend.«

»Was immer Ihre Motive sein mögen, Sie haben mir jedenfalls das Leben gerettet,« sagte ich. »Ich bin Ihnen für Ihr Eingreifen sehr verpflichtet.« Nichts ist schwerer, als einem Menschen, den man verabscheut, seine Dankbarkeit auszudrücken; und meine zögernde Sprache mag es verraten haben, wie ungern ich diese Verpflichtung erfüllte.

»Ich brauche Ihren Dank nicht,« sagte er kalt. »Sie haben recht, anzunehmen, daß ich Sie ganz ruhig hätte hinmorden lassen, wenn es mir in meinen Plan gepaßt hätte, und andererseits bin ich dessen sicher, wären Sie nicht in einer Zwangslage, Sie würden mir den Händedruck verweigern, ganz wie dieser Tölpel von Lasalle es tat. Es ist ehrenvoll, im Felde sein Leben für den Kaiser einzusetzen, aber wenn man in dessen Diensten beständig unter Menschen lebt, die zu allem fähig sind, wohl wissend, daß die geringste Unvorsichtigkeit sicheren Tod bedeutet, dann natürlich ist man unwürdig, die reine Hand eines Ehrenmannes zu berühren. Ich habe mehr gewagt und mehr ertragen in Gesellschaft Toussacs und ähnlicher Wildlinge, als jener Lasalle bei seinen lächerlichen Kavallerieattacken jemals erduldet hat. Und was die Dienste anbelangt, die ich dem Kaiser geleistet, so wiegen die Taten aller seiner Marschälle die meinigen nicht auf. Aber Ihnen erscheint dies alles in anderem Lichte, Monsieur . . . Monsieur . . .«

»de Laval.«

»Ja, daß mir der Name immer wieder entfällt. Sie sind also einer Meinung mit Lasalle?«

»Darüber steht mir kein Urteil zu,« entgegnete ich. »Ich weiß nur das eine, daß ich Ihrem Eingreifen mein Leben verdanke.«

Ehe noch eine Antwort erfolgte, hörten wir Pistolenschüsse und Geschrei in weiter Ferne. Wir blieben stehen, aber schon war alles wieder ruhig.

»Sie müssen ihn zu Gesicht bekommen haben,« rief mein Gefährte. »Aber er ist viel zu stark und zu schlau, um sich fangen zu lassen. Ich glaube, man könnte bis ans Ende der Welt gehen, ehe man wieder einem so gefährlichen Menschen begegnet.«

»Ich ginge lieber ans Ende der Welt, um ihm auszuweichen,« entgegnete ich, »außer die Mittel zur Verteidigung stünden mir zur Verfügung.«

Ein trockenes Lachen meines Gefährten gab seine Zustimmung zu erkennen.

»Und doch ist er ehrenhaft durch und durch, eine nicht gewöhnliche Erscheinung heutzutage. Seit dem Ausbruch der Revolution hält er mit seiner ganzen Kraft zu ihr. Er glaubt felsenfest an alles, was geschrieben und gesprochen wird, und ist überzeugt, daß Frankreich – nach einigen Unruhen und einigen unumgänglich notwendigen Hinrichtungen – ein Hort des Friedens, der Behaglichkeit und der Bruderliebe sein werde. Viele haben sich diese schönen Ideen in den Kopf gesetzt, aber diese Köpfe sind fast alle in den Staub gesunken. Toussac ist seinem Ideal treu geblieben; und darüber, daß er überall statt des Friedens Kämpfe, statt des Wohlstandes grinsende Armut sieht, darüber, daß an Stelle des erträumten Bürgerreiches ein Kaiserreich entstand, darüber ist er verrückt geworden. So wurde der Wüterich aus ihm, den Sie gesehen haben, der Wüterich, der seinen wuchtigen Leib und seine Riesenkraft der Vernichtung derjenigen geweiht, die sein Ideal zerstörten. Er kennt keine Furcht; er ist ausdauernd, unversöhnlich und wird mich eines Tages unfehlbar töten in Vergeltung des Streiches, den ich ihm heute nacht gespielt.«

Mein Gefährte sprach ganz ruhig mit milder Stimme; und es war gewiß keine leere Prahlerei, wenn er behauptete, es gehöre mehr Mut zu seinem unsauberen Gewerbe als zu den glänzenden Kavallerieattacken Lasalles. Nach einer kurzen Pause fuhr der Alte wie im Selbstgespräch fort.

»Ja,« sagte er, »ich habe den richtigen Augenblick verpaßt. Niederschießen hätte ich ihn sollen, während er mit dem Hunde raufte. Aber vielleicht hätte ich ihn nur verwundet; dann hätte er mich in Stücke gerissen wie ein gesottenes Huhn. Vielleicht ist es also besser so.«

Endlich hatten wir den Sumpf hinter uns und fühlten festeren Wiesengrund unter den Füßen. Mein Freund ging in der Finsternis hügelauf, hügelab mit unfehlbarer Sicherheit. Bei meinen durchnäßten Kleidern und halb erstarrten Gliedern war mir seine rasche Gangart sehr willkommen.

Wo wir waren und wohin wir gingen, davon hatte ich nicht die leiseste Ahnung. Zwar war ich hier in der Gegend geboren; aber ich hatte meinen Geburtsort in frühester Jugend verlassen. Selbst bei hellem Tageslicht hätte ich mich nicht zurechtgefunden, und gar in dieser Finsternis! Eine gewisse Gleichgültigkeit war über mich gekommen; ein schützendes Dach und ein wenig Ruhe, das war alles, wonach ich mich sehnte.

Ich weiß nicht, wie lange wir schon unterwegs waren; wie im Schlaf stapfte ich mechanisch an der Seite meines Gefährten weiter und fuhr erst aus meinen Träumen auf, als er plötzlich stehenblieb. Der Regen hatte aufgehört, und wenn auch noch schwere Wolken den Mond verdeckten, hatte sich doch der Himmel etwas aufgehellt; einige Schritte weit konnte ich nun wenigstens sehen.

Ein großes weißes, viereckiges Becken lag vor uns, zweifellos ein aufgelassener Kreidebruch; an seinen Rändern wucherten Brombeeren und mächtige Farne. Mein Führer sah sich nach allen Seiten spähend um und ging dann zwischen den zerstreuten Gebüschen hindurch nahe an den Kreidefelsen heran, erfaßte diesen und zwängte sich weiter zwischen Gestrüpp und Wand, bis jedes weitere Vordringen unmöglich schien.

»Sehen Sie irgendein Licht in der Nähe?« fragte er.

Ich blickte um mich, aber ich sah keines.

»Gut,« sagte er, »Sie gehen voran, und ich folge Ihnen.«

Während ich mich umgedreht hatte, mußte er einen Strauch ausgerissen oder zur Seite gebogen haben: ein schwarzes Loch inmitten der weißen Wand starrte mich an.

»Die Mündung ist eng, aber drinnen wird es breiter,« sagte er.

Ich zögerte einen Augenblick. Wohin führte mich der unheimliche Mann? Lebte er in einer Höhle, wie ein wildes Tier? Oder war es eine Falle, in die er mich lockte? In dem silbernen Licht des endlich freigewordenen Mondes erschien der schwarze Schlund unbeschreiblich drohend und unheimlich.

»Sie können nicht mehr zurück, mein Lieber,« sagte mein Gefährte. »Sie müssen mir vertrauen, ob Sie wollen oder nicht.«

»Ich stehe zur Verfügung,«

»Also rasch vorwärts, ich folge.«

Ich schlüpfte in den engen Schlund. Auf Händen und Füßen mußte ich kriechen, und nur mit Mühe konnte ich den Hals so weit drehen, um die schwarze, eckige Silhouette des Gefährten hinter mir zu sehen. Am Eingang hielt er einen Augenblick inne; dann hörte ich ein Geräusch wie von aufschnellenden Zweigen, und das fahle, von außen eindringende Licht war verschwunden. Es herrschte tiefe Finsternis; aber ich hörte das Streifen seiner Knie am Boden und wußte, daß er hinter mir herkroch.

»Nur weiter,« sagte er, »bis Sie an eine Stufe kommen, die nach abwärts führt. Dann haben wir mehr Platz und können auch Licht machen.«

Ich konnte den Rücken nicht ausbiegen, ohne die Decke des Ganges zu streifen, und meine Ellbogen berührten die seitlichen Wände. Schlank und geschmeidig, wie ich damals war, kam ich indes rasch und mühelos weiter, bis ich – etwa hundert Schritte vom Eingang entfernt – mit vorgestreckten Händen die Stufe fühlte, von der mein Führer gesprochen. Ich kletterte hinab und merkte sofort an der besseren Luft, daß ich mich in einem größeren Raum befand.

Mein Gefährte schlug Feuer; der Funke setzte den Zünder in Brand, und gleich darauf fiel der gelbe Lichtschein einer Wachskerze auf das hagere Gesicht mit den rhythmisch zuckenden Wangenmuskeln, das mich wie eine in Holz geschnitzte Fratze angrinste. Nur der Kopf war hell beleuchtet, ringsum lag der Raum in Finsternis. Dann hob der Alte die Kerze über seinen Kopf empor und drehte sie langsam im Kreise herum, so daß sie den ganzen Raum beleuchtete, in dem wir standen.

Wir befanden uns in einem unterirdischen Tunnel, der sich tief hinein in die Erde zu erstrecken schien. Hier war der Raum so hoch, daß ich bequem aufrechtstehen konnte. Ich sah mich nach allen Seiten um. Die moosbewachsenen Mauern waren uralt und dort, wo wir standen, war die Decke eingestürzt; sie hatte den alten Ausgang verlegt, und der Kanal durch den Kreidefelsen war neu angelegt worden. Eine Menge umherliegender Trümmer und Brechwerkzeuge bewies sogar, daß dies in allerletzter Zeit geschehen war.

Mein Führer setzte, die Kerze in der Hand, seinen Weg fort, und ich folgte ihm auf den Fersen, über zahllose Steintrümmer stolpernd, die den Weg nahezu verrammelten.

»Nun,« fragte er und grinste mich über die Schulter an, »haben Sie in England schon Ähnliches gesehen?«

»Niemals,« antwortete ich.

»Das sind eben Erfindungen und Einrichtungen aus längstvergangener Zeit, die heute wieder zu Ehren kommen. Ein unterirdischer Gang kann einem in unseren schlimmen Tagen nur nützlich sein,«

»Wohin führt er eigentlich?« fragte ich.

»Hierher,« sagte er und blieb vor einem mächtigen hölzernen, eisenbeschlagenen Tore stehen. Er tastete an dem Eisenwerk herum, ohne daß ich sehen konnte, was er eigentlich machte. Mit einem lauten Krach drehte sich die Tür in den Angeln, und eine steile hohe Treppe mit uralten verwitterten Stufen lag vor uns. Er schob mich vorwärts und schloß die Tür hinter sich zu. Am oberen Ende der Stiege befand sich ein zweites Tor, das mein Begleiter in ähnlicher Weise öffnete und hinter uns wieder verschloß.

War ich es wirklich, ich, Louis de Laval, zuletzt in Ashford, Kent, der all dies erlebte, oder träumte ich den Roman eines Abenteurers?

Die massiven, moosbewachsenen Wölbungen, die eisenbeschlagenen Tore erschienen mir ganz märchenhaft; aber die flackernde Kerze, mein durchnäßtes Bündel und die zahllosen Schäden meiner schmutzigen, unordentlichen Kleidung überzeugten mich von der Wirklichkeit des Geschehenen; und auch das nüchterne, geschäftsmäßige Benehmen wie die gelegentlichen, abgerissenen trockenen Bemerkungen meines Gefährten hatten wenig Romantisches an sich.

Wir standen in einem langen, gewölbten Gang mit Steinfliesen, an dessen anderem Ende eine trübe Öllampe brannte. Zwei vergitterte Fenster ließen erkennen, daß wir uns wieder an der Oberfläche der Erde befanden. Wir durchschritten den geraden und noch einige winklige, kreuz und quer liegende Gänge, stiegen eine kurze Wendeltreppe empor und gelangten in ein kleines, behagliches Zimmer, in dem ein Bett stand.

»Dies dürfte Ihnen für heute nacht genügen,« sagte er.

Ich wünschte mir nichts Besseres, als mich, wie ich war, mit den nassen Kleidern auf das schneeweiße Bett zu werfen, aber noch einmal überwand die Neugier meine Müdigkeit.

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet.« sagte ich, »Vielleicht machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und sagen mir, wo ich mich befinde.«

»Sie sind in meinem Hause, das muß Ihnen vorläufig genügen. Morgen wollen wir dann weitersprechen.« Er zog eine Glockenschnur, und ein dürrer, krausköpfiger Diener von bäurischem Aussehen erschien.

»Deine Herrin hat sich wohl zurückgezogen?«

»Jawohl, Herr, vor ungefähr zwei Stunden.«

»Gut. Ich werde dir morgen früh schellen,« Er schloß die Tür, und seine Schritte waren kaum verhallt, als mich ein tiefer, fester Schlaf umfing, wie ihn uns nur die Jugend und die äußerste Erschöpfung beschert.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.