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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 5
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

Abgefaßt.

Mein Käfig – anders war das Loch, in das man mich gesteckt hatte, kaum zu nennen – war eng und niedrig; obendrein noch vollgepfropft mit runden, geflochtenen Körben, deren Bestimmung ich mir anfangs nicht erklären konnte; später erkannte ich sie als Hummerfallen.

Licht drang nur durch die Spalten der alten, gesprungenen Tür ein, aber diese waren so weit und so zahlreich, daß ich den Innenraum der Hütte bequem übersehen konnte. Trotz meiner Schwäche, trotz aller Todesangst, die meine Sinne noch umnebelte, fesselte mich das Bild, das sich vor meinen Augen entrollte.

Mein magerer Freund, dessen runzliges Gesicht einen unverändert gefaßten Ausdruck zur Schau trug, saß wieder auf der Kiste. Die Arme um die Knie geschlungen, schaukelte er langsam vor- und rückwärts, und seine Wangenmuskeln zogen sich rhythmisch zusammen, wie die Kiemen eines Fisches. Neben ihm stand Lesage; sein kreidebleiches Gesicht glänzte feucht, und die Lippen bebten ihm vor Angst. Dann und wann versuchte er seine Züge zur Festigkeit zu zwingen, aber immer wieder übermannte ihn das Entsetzen und machte ihn am ganzen Leibe erzittern. Toussac aber stand am Feuer, eine prächtige Gestalt, die Axt bei Fuß und das Haupt herausfordernd zurückgeworfen, zum Kampf bereit mit jeder Faser seines wuchtigen Körpers. Und als das Gebell des Hundes immer näher und deutlicher erklang, da stürzte er zur Tür und stieß sie auf.

»Laß den Hund nicht herein,« schrie Lesage in höchster Angst.

»Du Narr, wir müssen den Hund töten; das ist unsere letzte Hoffnung.«

»Er ist ja an der Leine.«

»Dann sind wir verloren. Wenn er aber frei ist, können wir vielleicht noch entkommen.«

Lesage duckte sich unter den Tisch und starrte nach der offenen Tür. Mein Anwalt jedoch wiegte sich in den Hüften, und auf seinen Lippen lag ein feines Lächeln. Er hielt die Hand an der Hemdkrause, so daß ich dort eine Waffe vermutete. Zwischen dieser Gruppe und dem offenen Tor stand Toussac, von dessen mutvoller Gestalt ich kein Auge wenden konnte, so sehr ich ihn fürchtete und verabscheute.

Das fesselnde Schauspiel, das sich vor meinen Augen entrollte, das nahe Verhängnis, das über den Häuptern der drei Verschwörer schwebte, hatte alle Gedanken über mein eigenes Schicksal in den Hintergrund gedrängt. Ein entsetzliches Drama spielte sich auf dieser unscheinbaren Bühne ab, und ich in meinem schmutzigen Versteck war der einzige Zuschauer. Ich hielt den Atem an und wartete.

Plötzlich mußten die drei irgend etwas erblickt haben, was für mich unsichtbar war; das sah ich an dem gespannten Ausdruck ihrer Gesichter und dem starren Blick ihrer weit aufgerissenen Augen. Toussac schwang die Axt über die Schultern und holte zum Schlage aus, Lesage duckte sich und hielt die Hand vor die Augen. Der Dritte aber hörte auf, mit den Beinen zu schlenkern, und saß still wie eine Bildsäule auf der Kante der Kiste. Ein Geräusch, wie von raschen Tritten im feuchten Moor, schlug an mein Ohr; und gleich darauf schoß ein gelber Streif pfeilschnell über die Schwelle. Toussacs Axt sauste nieder und vergrub sich in der Gurgel der Bestie. So wuchtig war der Schlag, daß die Waffe in Trümmer ging und Toussac, mitgerissen durch den schweren Körper des Hundes, rücklings zu Boden stürzte. Beide überschlugen sich, der haarige Mann und der haarige Hund, und wälzten sich grölend und knurrend in wildem Kampf. Da griff Toussac dem Tiere an die Gurgel: ein lauter Schmerzensschrei und darauf ein Geräusch wie vom Zerreißen starker Leinwand. Taumelnd mit bluttriefenden Händen erhob sich der Mann, und regungslos lag eine gelbe Masse am Boden.

»Jetzt schnell fort,« rief Toussac mit Donnerstimme und schoß durch die Tür hinaus.

Während des mörderischen Kampfes hatte sich Lesage in namenlosem Schrecken in die Ecke des Zimmers verkrochen; jetzt erhob er sein angstverzerrtes, mit kaltem Schweiß überströmtes Gesicht.

»Ja, ja,« rief er, »wir müssen fliehen, Charles. Die Polizei ist ein gutes Stück hinter dem Hunde zurückgeblieben; wir können noch entkommen.«

Aber das Gesicht des anderen trug unverändert völlige Ruhe und Gleichmut zur Schau, und nichts rührte sich darin als die rhythmisch arbeitenden Wangenmuskeln. Er schritt zum Tor und schloß es von innen.

»Ich glaube, Freund Lucien,« sagte er gelassen, »du bleibst am besten hier.«

Lesage starrte ihn an, und sein Staunen verdrängte beinahe den Ausdruck des Entsetzens aus seinem bleichen Gesicht.

»Aber du begreifst unsere Lage nicht, Charles,« rief er.

»Ich glaube sie zu begreifen,« erwiderte der andere lächelnd.

»Sie können jeden Augenblick da sein; der Hund ist aus dem Halsband geschlüpft und ist vorausgelaufen; sie werden gewiß hierherkommen, es gibt ja keine andere Hütte im Moor.«

»Ja, sie werden sicher kommen.«

»Also rasch fort, in der Finsternis können wir noch entkommen.«

»Nein, wir bleiben.«

»Wahnsinniger, du kannst dein eigenes Leben opfern, aber nicht das meinige. Bleibe da, wenn du willst; ich laufe davon.«

Mit herabhängenden Armen stürzte er dem Tore zu, ein Bild der Hilflosigkeit; aber der andere vertrat ihm den Weg mit so herrischer Gebärde, daß der junge Mann zurücktaumelte.

»Du Narr,« sagte der ältere. »Du armer Tropf.«

Lesage stand da mit herunterhängender Unterlippe, schlotternden Knien und ausgespreizten Fingern: eine wahre Jammergestalt.

»Du, Charles, du,« stammelte er, jedes Wort mühsam herausstoßend.

»Ja, ich,« sagte der andere grimmig lächelnd.

»Du ein Polizeiagent! Du, die Seele unserer Gesellschaft! Du, ein Mitglied des innersten Komitees! Unser Anführer! Das kann nicht sein, Charles. – Ich glaube, sie kommen schon. Laß mich hinaus, ich beschwöre dich, laß mich hinaus!«

Der Alte schüttelte den Kopf, seine Züge blieben ehern.

»Aber warum denn mich, warum nicht Toussac?«

»Wenn der Hund Toussac zum Krüppel gebissen hätte, dann hätte ich euch beide gehabt. Aber so ist mir Freund Toussac etwas zu kräftig. Nein, mein lieber Lucien, du sollst meine Trophäe sein; du mußt dich in dein Schicksal fügen.«

Lesage schlug sich vor die Stirne, als glaubte er zu träumen.

»Ein Polizeiagent,« wiederholte er, »Charles ein Polizeiagent!«

»Daß ihr erstaunt sein würdet, das dachte ich mir.«

»Aber du warst ja der wütendste Republikaner von uns allen. Keiner war dir extrem genug. Wie oft haben wir deinen philosophischen Vorträgen gelauscht! Und gar Sibylle! Die ist doch gewiß kein Polizeispion! Aber du scherzest, Charles, sag, daß du scherzest.«

Der grimmige Ausdruck wich aus den Zügen des Alten; er lächelte vergnüglich.

»Dein Erstaunen ist sehr schmeichelhaft für mich,« sagte er. »Freilich war ich ohnehin überzeugt, meine Rolle gut gespielt zu haben. Es ist nicht mein Fehler, daß diese Stümper den Hund auskommen ließen: und mir bleibt der Ruhm, ganz ohne fremde Mithilfe einen der verwegensten und gefährlichsten Verschwörer gefangen zu haben.« Er lächelte ironisch zu dieser Charakterisierung seines Gefangenen. »Der Kaiser versteht es, seine Freunde zu belohnen,« fügte er hinzu, »und seine Feinde zu bestrafen.«

Die ganze Zeit hatte der Alte die Hand an der inneren Brusttasche gehalten; jetzt zog er sie so weit heraus, daß ein mattschimmernder Pistolenlauf zum Vorschein kam.

»Es ist alles umsonst,« sagte er. »Du bleibst hier im Hause lebendig oder tot.«

Lesage schlug die Hände vors Gesicht und begann laut zu schluchzen.

»Du warst der schlimmste von uns allen, Charles,« stieß er klagend hervor. »Du hießest Toussac den Mann von Bow Street töten, und du hast das Feuer in der Rue basse de la Rampart gelegt. Und jetzt wendest du dich gegen uns.«

»All dies tat ich, um Licht in die Sache zu bringen – und zwar im richtigen Augenblick.«

»Das ist sehr schön, Charles, aber was wird man von dir denken, wenn ich alles das erzähle – zu meiner eigenen Verteidigung. Wie kannst du das vor deinem Kaiser rechtfertigen? Noch ist es Zeit, meinen Enthüllungen vorzubeugen.«

»Du hast wirklich recht,« sagte der Alte, zog seine Pistole heraus und spannte den Hahn. »Vielleicht habe ich ab und zu meine Instruktionen überschritten, und es ist gerade noch Zeit, den Unannehmlichkeiten, die mir daraus erwachsen könnten, vorzubeugen. Es ist ja schließlich Nebensache, ob ich dich tot oder lebend der Behörde übergebe, und ich glaube wirklich, es ist besser, ich liefere deinen Leichnam aus.«

Schrecklich war der Anblick, als Toussac dem Hund die Gurgel ausriß; aber noch ärgeres Entsetzen ergriff mich jetzt, und eiskalt lief es mir über den Rücken. Mitleid und Ekel zugleich empfand ich vor dem Jüngling, der, von der Natur zum Gelehrten, zum Poeten ausgerüstet, durch fremden Willen gezwungen ward, eine Rolle zu spielen, die jedes Kind besser getroffen hätte als er. Ich verzieh ihm seine Hinterlist gegen mich und die seelischen Qualen, die er mir zugefügt. Er hatte sich zu Boden geworfen und wälzte sich in Krämpfen vor Entsetzen, während sein Genosse mit höhnischem Lächeln ihm die Mündung der Pistole an die Schläfe hielt. Dieser spielte mit dem Feigling wie die Katze mit der Maus; allein in seinen unerbittlichen Augen las ich, daß er es ernst meinte, und jeden Augenblick erwartete ich, der Finger würde den Drücker berühren.

Voll Grauen über den kaltblütigen Mord stieß ich die morsche Tür meines Käfigs auf, um dem Opfer zu Hilfe zu eilen. Da erklang von draußen Waffengeklirr, und menschliche Stimmen wurden laut.

»Im Namen des Kaisers,« rief eine Stentorstimme, und mit einem Ruck flog die Tür aus den Angeln.

Noch stürmte es heftig. Durch das offene Tor sah ich eine Schar Berittener mit herabhängenden Federbüschen und durchnäßten Mänteln, auf denen Regentropfen glitzerten. Seitwärts fiel das Licht aus der Hütte auf zwei prächtige Pferdeköpfe und auf die rotrandigen Pelzmützen der Husaren an ihrer Seite. In der Tür stand eine schlanke Gestalt: ein Offizier, wie seine elegante Haltung verriet. Er trug Röhrenstiefel, und der blaue, silberverzierte Soldatenrock kleidete seine hohe Gestalt vortrefflich. Er fand es offenbar nicht der Mühe wert, den Säbel zu ziehen, und überblickte kalt und gelassen den blutbespritzten Boden der Hütte.

»Nun also,« sagte er, »was gibt's?«

Der alte Mann hatte seine Pistole wieder in die Brusttasche gesteckt.

»Da ist Lucien Lesage,« sagte er.

Der Husar musterte verächtlich die auf dem Boden liegende Jammergestalt.

»Ein netter Verschwörer,« sagte er, »Steh auf, du feiger Hund. Übernimm ihn, Gerard, und bring ihn ins Lager.«

Ein jüngerer Offizier trat sporenklirrend ein, zwei Mann an den Fersen; sie zogen den erbärmlichen, halb ohnmächtigen Menschen hinaus in die Finsternis.

»Wo ist der andere, der sich Toussac nennt?«

»Er hat den Hund umgebracht und ist entflohen. Lesage wäre auch entkommen, wenn ich ihn nicht gehindert hätte. Hätten Sie den Hund besser an der Leine gehalten, wären jetzt beide in unserer Gewalt; aber auch zu diesem Fang können Sie mich beglückwünschen, Colonel Lasalle.« Er streckte die Hand aus, aber der Offizier drehte sich auf dem Absatz um.

»Hören Sie, General Savary,« sagte er durch das Tor hinausblickend. »Toussac ist entwischt.«

Ein großer junger Mann erschien im Lichtschein der Lampe. Der Ausdruck seines hübschen gebrannten Gesichtes spiegelte den unangenehmen Eindruck wider, den diese Neuigkeit auf ihn machte.

»Wo ist er denn?«

»Seit einer Viertelstunde ist er fort.«

»Er ist der gefährlichste unter den Verschwörern. In welcher Richtung ist er geflohen?«

»Landeinwärts, glaube ich,«

»Wer ist der dort?« fragte General Gavary, auf mich zeigend. »Eurem Berichte nach waren nur zwei, außer Euch, Monsieur . . .«

»Es ist besser, keine Namen zu nennen,« sagte Charles rasch unterbrechend.

»Das begreife ich,« entgegnete General Savary spöttisch.

»Ich hätte Ihnen die Hütte als Ort der Zusammenkunft genannt; sie wurde aber erst in letzter Stunde dazu bestimmt. Ich gab Ihnen die Möglichkeit, Toussac zu fassen, Sie aber haben alles verdorben, da Sie den Hund auskommen ließen. Sie werden dem Kaiser Rede stehen müssen wegen Ihrer Nachlässigkeit.«

»Das ist unsere Sache,« entgegnete General Savary streng, »Zunächst will ich den Namen jenes Menschen dort wissen.«

Es schien mir nutzlos, meinen wahren Namen zu verbergen, da der Brief in meiner Tasche ihn ja doch verraten hätte.

»Mein Name ist Louis de Laval,« sagte ich stolz.

Zweifellos hatten wir in England die Bedeutung unseres Namens stark überschätzt. Wir waren der Meinung, ganz Frankreich erwarte unsere Rückkehr; statt dessen schienen wir über den großen Ereignissen der letzten Zeit gänzlich vergessen zu sein.

Mein aristokratischer Name schien auf General Savary nicht den geringsten Eindruck zu machen; gelassen schrieb er ihn in ein Taschenbuch.

»Monsieur de Laval hat nichts mit der ganzen Sache zu tun,« sagte der Spion. »Er ist nur zufällig hier hereingeraten, und ich bürge dafür, daß er zur Verfügung steht, wenn man seiner bedarf.«

»Gewiß wird man seiner bedürfen,« sagte General Savary, »indessen brauche ich alle meine Leute zur Jagd nach dem Flüchtling und habe nichts dagegen, Laval in Eurer Obhut zu lassen, wenn Ihr für ihn bürgt. Ich werde mich an Euch wenden, wenn der Kaiser ihn zu sehen wünscht.«

»Er steht dem Kaiser jederzeit zur Verfügung.«

»Sind irgendwelche Papiere da?«

»Sie wurden verbrannt.«

»Das ist sehr schade.«

»Ich habe Abschriften.«

»Ausgezeichnet. Kommen Sie, Lasalle, jede Minute ist kostbar; hier haben wir nichts weiter zu tun; wir wollen Reiter nach allen Seiten aussenden, vielleicht holen wir ihn noch ein.«

Ohne den Spion eines weiteren Blickes zu würdigen, schritten die beiden Offiziere zur Tür hinaus. Kommandoworte erschallten, und säbelklirrend schwangen sich die Reiter in die Sättel. Im nächsten Augenblick waren sie verschwunden.

Mein Beschützer ging zur Tür und lugte in die Finsternis – dann kam er zurück und musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen, ein hämisches Lächeln auf den Lippen.

»Nun, mein Herr,« sagte er, »wir haben Ihnen recht unterhaltende lebende Bilder vorgeführt, und Sie können mir für den guten Sperrsitz recht dankbar sein,«

»Ich bin wirklich tief in Ihrer Schuld,« antwortete ich, zwischen Dankbarkeit und Widerwillen schwankend. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

Seine spöttischen Augen blickten mich eigentümlich an. »Sie werden später Gelegenheit haben, mir Ihre Dankbarkeit zu beweisen,« sagte er. »Unterdessen können Sie nichts Besseres tun, als mir zu folgen. Denn Sie sind hier fremd, und ich hafte für Sie. Ich will Sie an einen Ort führen, wo Sie in Sicherheit ausruhen und schlafen können.«

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