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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

Das verfallene Haus.

Geschützt vor Wind und Kälte in das flackernde Feuer zu schauen, ein wonnigeres Gefühl konnte es kaum geben; aber der einsame Mann vor mir und sein sonderbares Treiben hatten meine Neugier in so hohem Maße erregt, daß ich nur an ihn dachte und nicht an mein eigenes Wohlbefinden, Seine auffallende äußere Erscheinung, die Ungeduld, mit der er zu so unheimlicher Stunde hier mitten im Sumpflande seine Freunde erwartete, und endlich sein rätselhafter Sprung auf den Kamin – dies alles regte meine Einbildungskraft mächtig an. Am wenigsten aber konnte ich es mir erklären, warum er mich zuerst so streng von seiner Tür gewiesen und gleich darauf wieder herzlich eingeladen hatte, in die Hütte einzutreten. Gar zu gerne hätte ich über diese Punkte Aufklärung gehabt. Äußerlich freilich mußte ich meine Gefühle verbergen; ich mußte trachten, den Anschein zu erwecken, als fände ich alles ganz unverdächtig, als wäre ich zu sehr vertieft in meine eigenen Angelegenheiten, um irgend etwas außer mir zu bemerken.

Von innen sah das Haus nicht minder verwahrlost aus als von außen. Zum ständigen Wohnsitz konnte es niemand dienen. Andauernde Feuchtigkeit hatte ganze Schichten des Deckmörtels von den Mauern abgehoben, und auf den bloßgelegten Steinen wuchs das Moos. Die Wände mit ihren zahllosen Rissen und Schuppen erinnerten an die Hand eines Aussätzigen. Das Innere der Hütte bildete einen einzigen großen Raum, dessen ganze Einrichtung aus einem wackligen Tisch und drei umgestürzten Kisten bestand. Die Reste einer vierten Kiste schienen das Feuerungsmaterial für den Kamin zu liefern: eine Handaxt lehnte an der Wand, und ein zerrissenes Fischernetz lag in einer Ecke des Raumes. Aber mehr als alles andere interessierte mich in diesem Augenblicke ein offenes Packet auf dem Tisch, aus dem eine Hammelkeule, ein Stück Brot und der Hals einer Weinflasche hervorlugten.

Mein Gastgeber schien mich nunmehr durch übermäßige Herzlichkeit für den kühlen ersten Empfang entschädigen zu wollen. Er bedauerte mich lebhaft wegen meiner durchnäßten Kleider und stellte mir eine der Kisten dicht neben das Feuer; dann bot er mir ein Stück Brot mit Hammelfleisch an. Dabei lag ein freundliches Lächeln auf seinen Lippen; aber seine schönen Augen durchforschten unruhig meine ganze Erscheinung, als fragten sie, wer ich eigentlich sei und was ich vorhabe.

»Was mich anbelangt,« sagte er mit sichtlich erheuchelter Aufrichtigkeit, »werden Sie es wohl begreiflich finden, daß ich als Kaufmann mir die nötigen Waren verschaffen muß; und wenn der Kaiser – Gott schütze ihn – in seiner Weisheit es für gut befindet, den offenen Handel zu unterdrücken, so muß man eben die Leute, die Kaffee und Tabak herüberbringen, an solchen Plätzen wie hier aufsuchen. In den Tuilerien leidet man gewiß keinen Mangel an diesen Dingen, und der Kaiser selbst trinkt täglich seine zehn Tassen echten Mokka, obwohl er es wissen dürfte, daß dieser nicht in Frankreich gewachsen ist. Das Pflanzenreich hat er ja doch nicht erobert. Gäbe es keine waghalsigen Schleichhändler, wir wüßten nicht, wo unsere Einkäufe machen. Unter anderem, sind Sie nicht vielleicht selbst Händler oder Seemann?«

Ich verneinte seine Frage, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen. Meine Zurückhaltung schien seine Neugier noch mehr anzustacheln. Andererseits konnte auch ich über seine Person nicht ins reine kommen, denn seine Augen verrieten die Lügenhaftigkeit seiner Erzählungen. Im hellen Lichte sah er noch schöner aus als früher. Aber seine Schönheit war nicht nach meinem Geschmack. Die allzu zarten Gesichtszüge waren beinahe weibisch, von vollendeter Regelmäßigkeit, bis auf den schlaffen, halbgeöffneten Mund. Mit ihrem klugen und doch unentschlossenen Ausdruck verrieten sie Begeisterungsfähigkeit, gepaart mit Wankelmut, und leidenschaftliche Erregbarkeit, vereint mit Willensschwäche. Je länger ich in diesen Zügen las, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, daß ich Neigung zu diesem Manne nie empfinden könnte; daß ich aber auch keinen Grund hatte, Böses von ihm zu befürchten. Freilich sollte ich später anderer Meinung werden.

»Verzeihen Sie,« sagte er, »den kühlen Empfang, Monsieur Laval; die Küste ist überschwemmt mit Polizeiagenten des Kaisers, und der Händler muß auf der Hut sein. Meinen Verdacht müssen Sie daher begreifen. Weder Ihre Kleidung noch Ihre Erscheinung paßte mir in diese öde Gegend.«

Am liebsten hätte ich ihm diese Bemerkung zurückgegeben, aber meine Vorsicht hielt mich davon ab.

»Ich versichere Ihnen,« sagte ich, »daß ich nur ein verirrter Reisender bin; übrigens bin ich jetzt ausgeruht und gestärkt genug und will Ihnen nicht länger zur Last fallen. Zeigen Sie mir, bitte, nochmals den Weg zum nächsten Dorf.

»Warum nicht gar; bleiben Sie nur hier, das Wetter wird immer ärger.« Im selben Augenblick fuhr ein Windstoß heulend durch den Kamin, als wollte er das Haus über unseren Köpfen zusammenreißen. Der junge Mann sprang auf und eilte zum Fenster. »In der Tat, Monsieur Laval,« sagte er in seiner gleißnerisch freundlichen Art, »Sie könnten mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie noch ungefähr eine halbe Stunde hierbleiben wollten.«

»Wieso denn?« fragte ich neugierig und doch voll Mißtrauen.

»Um aufrichtig zu sein,« (nie klangen mir Worte weniger aufrichtig) »ich erwarte hier einige Freunde, mit denen ich in Geschäftsverbindung stehe, und bin schon besorgt darüber, daß sie noch immer nicht da sind. Ich möchte also ein wenig ins Moorland hinausgehen, vielleicht finde ich sie zufällig und kann sie hierherführen. Unterdessen könnten sie aber auf einem anderen Wege hier eintreffen und dann glauben, ich sei schon fortgegangen. Das wäre mir sehr unangenehm. Ich möchte Sie daher bitten, noch eine Weile hierzubleiben, um meinen Freunden, falls ich sie im Moor verfehlen sollte, Aufklärung zu geben.«

Diese Bitte schien mir ganz vernünftig und wohlbegründet zu sein; aber die Sache kam mir trotz alledem nicht ganz geheuer vor. Schaden konnte mir indes – so dachte ich – die Erfüllung dieses Verlangens nicht bringen; und gewiß konnte ich keine bessere Gelegenheit finden, meine Neugierde bezüglich jenes Kamins und seiner Geheimnisse zu befriedigen. Meinem Abenteuer fehlte der richtige Abschluß, wenn ich nicht über diesen Punkt ins reine kam.

»Nun gut,« sagte er, ergriff seinen breitkrempigen, schwarzen Hut und ging raschen Schrittes zur Tür. »Sie sind so freundlich, hierzubleiben, und ich gehe so schnell als möglich; sonst kommt mein Geschäft heute überhaupt nicht mehr zustande.«

Eilig schlug er die Tür hinter sich zu, und ich hörte das planschende Geräusch seiner Schritte, leiser und immer leiser werdend, bis es im Heulen des Sturmes unterging.

So war ich denn allein und konnte das Haus nach Herzenslust durchstöbern. Zuerst nahm ich das auf dem Tisch liegende Buch zur Hand. Es war Rousseaus »Contrat social«, ein hervorragendes Werk, aber für einen Kaufmann, der sich zu einer Zusammenkunft mit Schmugglern begibt, eine recht auffallende Lektüre. Auf dem Titelblatt stand geschrieben: Lucien Lesage, und darunter mit weiblicher Handschrift: An Lucien von Sybille. Lesage also war der Name meines unheimlichen neuen Freundes. Nun mußte ich noch darauf kommen, was er auf dem Kamin dort versteckt hatte. Ich horchte angestrengt nach allen Seiten; nur das Brausen des Windes drang an mein Ohr. Da trat ich rasch entschlossen zum Kamin und sprang hinauf, geradeso, wie ich es ihn hatte tun sehen.

Es war ein altmodischer, sehr breiter Bauernkamin, so daß ich, auf einer Seite desselben stehend, weder von Rauch noch von Hitze belästigt wurde; und der helle Schein des Feuers von unten her war mir bei meinen Nachforschungen sogar behilflich. An der Rückseite des Kamins fehlte eine Kachel und in der hierdurch entstandenen Vertiefung lag ein kleines Paket. Zweifellos war es das, was Lesage bei meiner Ankunft so eilig zu verstecken suchte. Ich nahm es herunter und hielt es gegen das Licht. Es war ein kleines, flaches Päckchen, in gelbliches Tuch gewickelt und mit weißem Zwirn gebunden. Beim Öffnen kam nebst vielen Briefen ein zusammengefalteter, größerer Bogen zum Vorschein. Als ich die Adressen auf den Briefen erblickte, verschlug es mir den Atem. An Bürger Talleyrand hieß es auf dem ersten; dann – immer mit derselben bei den Republikanern gebräuchlichen Ansprache – an Bürger Fouché, Bürger Soult, Bürger Macdonald, Bürger Berthier und so fort, die ganze Liste der Generale und Diplomaten hindurch, die als Stützen des neuen Kaiserreichs bekannt und berühmt waren. Was um alles in der Welt konnte dieser angebliche Kaffeehändler diesen Größen zu schreiben haben?! Aus dem beiliegenden Papier hoffte ich Aufklärung zu bekommen. Ich legte die Briefe beiseite und entfaltete den großen Bogen. Der erste Satz genügte, um mir die Gefahren des Aufenthaltes in diesem verfluchten Hause klarzumachen. Er lautete: Mitbürger! Die Ereignisse des heutigen Tages haben bewiesen, daß ein Tyrann auch inmitten seiner Truppen der Rache des empörten Volkes nicht entgehen kann. Das Dreierkomitee, das gegenwärtig die Geschäfte der Republik leitet, hat Bonaparte zu derselben Strafe verurteilt, die Louis Capet erlitten hat. In Vergeltung der Gewalttätigkeiten vom 18 Brumaire . . .

So weit war ich gekommen, als ich plötzlich, zu Tode erschrocken, das Papier fallen ließ. Wie mit eisernen Klammern hatten zwei riesige Hände meine Fußgelenke umfaßt.

»Diesmal, mein Lieber,« brüllte eine donnernde Stimme, »diesmal wenigstens sind wir stärker als Ihr.«

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