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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 2
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
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secondcorrectorGerd Bouillon
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Zweites Kapitel.

Das Moorland.

In den Jahren der Reife blickt der Mensch gern zurück auf den vielverschlungcnen Pfad des eigenen Lebens mit all seinen Lichtern und Schatten, Anfang und Ende seiner Wanderung sind ihm bekannt. Wohin jeder einzelne Schritt geführt, den er einst, bange Ahnungen oder stolze Hoffnungen im Herzen, unternommen hatte, heute weiß er es genau; die Zweifel, die ihn so häufig vor wichtigen Entscheidungen gequält, sind beinahe vergessen. Aber die Erinnerung an die stürmische Nacht meiner Rückkehr nach Frankreich haftet mir noch heute – trotz der vielen Jahre, die seitdem vergangen, und trotz der wechselvollen Schicksale, die ich seitdem erduldet – so treu im Gedächtnis, als hätte ich sie erst jüngst erlebt. Noch heute zaubert mir der erfrischende Geruch des Seetangs mit einer Schärfe der Erinnerung, wie sie nur der Geruchssinn zu vermitteln vermag, das Bild der sandigen Küste Frankreichs herauf.

Endlich erhob ich mich aus meiner knienden Stellung und setzte mich auf eine wogenumspülte flache Klippe. Einen Souvereign, den zehnten Teil meines gesamten Vermögens, hatte ich den Schiffern gegeben; den Rest meiner bescheidenen Barschaft verwahrte ich sorgfältig in der inneren Rocktasche. Da saß ich nun, ganz versunken in den Anblick der tobenden See, und überlegte, was zu tun sei. Kälte und Hunger quälten mich, der Wind schlug mir ins Gesicht und trieb mir den Sprühregen in die Augen; aber das Bewußtsein, nicht mehr von der Gnade der Feinde meines Vaterlandes zu leben, machte mein Herz freudig schlagen.

Schloß Grobois war, soweit ich mich erinnern konnte, gut zehn Meilen von hier entfernt. Zu so unziemlicher Zeit, noch dazu ungekämmt und durchnäßt, konnte ich meinem unbekannten Oheim nicht unter die Augen treten. Verlumpt und schmutzig zurückzuschleichen in das Schloß meiner Väter, verfolgt von den argwöhnischen und spöttischen Blicken der Diener, den Gedanken vermochte ich nicht zu ertragen. So weit hatte ich meinen Stolz noch nicht vergessen. Nein, ich mußte ein Dach suchen für diese Nacht und dann meiner äußeren Erscheinung etwas aufhelfen, ehe ich die Bekanntschaft meines Onkels machte. Aber wo fand ich dieses Dach?

Nach Etaples oder Boulogne zu gehen, wagte ich nicht. Der Name de Laval stand noch obenan auf der Liste der Geächteten; war doch mein Vater der tatkräftigste Führer der kleinen, aber einflußreichen Schar von Männern gewesen, die der alten Ordnung um jeden Preis treu geblieben waren. Trotz der Verschiedenheit meines Standpunktes konnte ich der Prinzipientreue und der Opferwilligkeit dieser tapferen Kämpfer meine Bewunderung nicht versagen. Wir Menschen haben alle einen gewissen Hang zum Märtyrertum in uns; je größere Opfer eine Sache fordert, desto anziehender erscheint sie uns; und oft ist mir der Gedanke gekommen, die Bourbonen hätten nicht so zahlreiche oder doch so edle Anhänger gehabt, wenn diese Gefolgschaft nicht so viele und schwere Opfer mit sich gebracht hätte. Vielleicht war ihnen der französische Adel treuer als der englische den Stuarts, weil er mehr zu verlieren hatte als dieser. Die Selbstverleugnung der Edlen Frankreichs kannte keine Grenzen. Ich erinnere mich eines Abends, an dem zwei Fechtmeister, drei Sprachlehrer, ein Ziergärtner und ein Übersetzer fremdsprachiger Bücher bei meinem Vater zu Gaste waren. Sie sahen ganz herabgekommen aus. Und doch gehörten diese Männer dem höchsten Adel an. Die Unterwerfung unter das neue Regime hätte ihnen Einfluß und Reichtum sofort zurückgegeben. Aber der unbedeutende, und was noch schlimmer ist, unfähige Monarch, der jetzt auf Schloß Hartwell in der Verbannung lebte, hatte den Treueid dieser altadeligen Geschlechter in Händen, Sie hatten den Glanz der königlichen Familie geteilt und standen ihr auch im Unglück treu zur Seite. Auf ihre Ergebenheit hätte der entthronte Fürst stolzer sein können als auf all die Schätze und Kostbarkeiten, die seine Prunkzimmer geziert hatten. Über die Kluft hinüber, die unser Zeitalter von jenem meines Vaters trennt, sehe ich diese schlechtgekleideten, schwermütigen Männer und ziehe den Hut vor ihnen, als den Edelsten der Edlen, die unsere Geschichte kennt.

Eine Küstenstadt zu besuchen, bevor ich meinen Oheim gesehen und die Genehmigung meiner Rückkehr erwirkt hatte, wäre gleichbedeutend gewesen mit der Auslieferung an die Gendarmen, die hier beständig nach Ankömmlingen aus England fahndeten. Es war doch etwas anderes, freiwillig vor den Kaiser hinzutreten, als aufgegriffen und ihm vorgeführt zu werden.

So kam ich endlich zu dem Entschlusse, auf gut Glück landeinwärts zu wandern; irgendeine leere Scheune oder Hütte würde ich schon finden, um die Nacht ungesehen und ungestört zu verbringen. Dann konnte ich am nächsten Morgen noch darüber nachdenken, wie ich mich am besten meinem Oheim und mit seiner Hilfe dem neuen Herrn Frankreichs nähern könnte.

Unterdessen war der Wind immer kälter geworden, und tiefe Finsternis lag über der See. Das Schiff, das mich von Dover gebracht hatte, war spurlos verschwunden. Auf der Landseite erblickte ich in undeutlichen Umrissen eine Reihe niederer Hügel, die sich in der Nähe noch viel niedriger erwiesen, als sie in dem düsteren Lichte von Ferne erschienen waren. Es waren verstreut liegende, mit Gräsern und Sträuchern bewachsene Sanddünen. Mein Bündel auf der Schulter arbeitete ich mich mühsam weiter; bei jedem Schritt in den losen Sand einsinkend und über Wurzeln stolpernd. Aber mein eigenes Ungemach, meine nassen Kleider und meine wunden Hände vergaß ich über der Erinnerung an die Leiden und Entbehrungen meiner Vorfahren. Und auch mit der fernen Zukunft beschäftigten sich meine Gedanken; mit meinen eigenen Nachkommen, die sich einst an meinem Beispiel aufrichten würden. Denn in einer großen Familie treten die Schicksale des einzelnen der Geschichte der Familie gegenüber in den Hintergrund.

Die Sanddünen schienen kein Ende nehmen zu wollen; und als ich sie endlich hinter mir hatte, wünschte ich, sie nie überschritten zu haben. Denn hier bricht die See in zahllosen Wasseradern ein und verwandelt die ganze Gegend in trostloses Moorland. Der Boden wurde immer weicher; solange er mich noch trug, glitt ich bei jedem Schritte aus und glaubte zu stürzen; bald aber versank ich bis über die Knöchel und die halben Waden im Schlamm; gurgelnde und plätschernde Geräusche begleiteten das Niederstellen und Herausziehen des Fußes aus dem Morast. Am liebsten wäre ich zu den Dünen zurückgekehrt, aber ich hatte die Richtung verloren, und der Sturm heulte so laut, daß ich die Brandung der See auf allen Seiten zu hören glaubte. Mich nach der Stellung der Sterne zu orientieren, hatte ich nicht gelernt; und selbst dem Geübten hätten die wenigen, hier und da aus den Wolken blickenden Gestirne nur geringe Anhaltspunkte geboten.

So wanderte ich denn müde und hoffnungslos, mich dem blinden Zufall überlassend, immer tiefer und tiefer in den schrecklichen Sumpf hinein. Ich war auf das Schlimmste gefaßt; meine erste Nacht in Frankreich sollte wohl auch die letzte sein; der einzige Erbe derer von Laval war verurteilt, in diesem grauenhaften Morast ein elendes Ende zu finden. Meilenweit mochte ich gewandert sein, abwechselnd durch seichteren und tieferen Sumpf, ohne jemals auf trockenen Boden zu stoßen, als plötzlich ein eigentümlich geformtes Büschel weißlich schimmernden Grases – blühendes Baumwollgras – aus der Finsternis vor mir herausleuchtete. Ich erschrak ins Innerste. Vor einer Stunde war ich an einem ganz gleich gestalteten weißlichen Grasbüschel vorbeigekommen; ich mußte also im Kreise herumgegangen sein. Um mir volle Sicherheit zu verschaffen, ging ich näher heran und schlug Feuer; richtig waren hier in dem braunen Kote meine Fußspuren deutlich und unverkennbar abgedrückt. In heller Verzweiflung blickte ich zum Himmel auf; da durchzuckte mich plötzlich ein Hoffnungsstrahl. Zwischen den fliehenden Wolken war der Mond sichtbar geworden, und auf seiner Scheibe zeichnete sich, pfeilschnell darüber hinschießend, ein langgestrecktes, spitzes Dreieck ab, die charakteristische Gestalt ziehender Entenschwärme. Ich wußte, daß alle derartigen Seevögel bei Unwetter landeinwärts flüchten. Der Richtung ihres Zuges mußte ich also folgen. Das Gesicht gerade nach vorne gerichtet, mit beiden Beinen genau gleichmäßig ausschreitend, um die Richtung ja nicht wieder zu verlieren, wanderte ich noch eine gute halbe Stunde. Da tauchte endlich ein kleines gelbliches Licht vor mir auf, ein beleuchtetes Fenster, Nahrung und Rast verheißend dem erschöpften Wanderer! Ich stapfte weiter durch Kot und Schlamm, so schnell mich meine müden Beine trugen. Heute war mir kein Dach zu schlecht, und für ein Goldstück, dachte ich, würde der Bewohner dieses öden Hauses gewiß über alles hinwegsehen, was an mir verdächtig erscheinen mochte.

Je näher ich herankam, desto unbegreiflicher erschien es mir, daß hier überhaupt jemand wohnen konnte; denn der Morast wurde hier immer tiefer, und zahllose Teiche, die der zeitweise aus den Wolken hervorblitzende Mond beleuchtete, lagen rings um das Haus. Das kleine Fenster konnte ich jetzt deutlich sehen. Plötzlich verschwand der Lichtschein, und wie in einem gelben Rahmen erschien der Schattenriß eines männlichen Kopfes. Der Mann lugte hinaus in die Finsternis, verschwand und kam wieder zum Vorschein, und alle seine Bewegungen machten den Eindruck des Verstohlenen, so daß allerlei bange Ahnungen in mir aufstiegen.

Trotz meiner elenden Lage beschloß ich daher, das Haus und dessen Hüter noch etwas näher zu betrachten, ehe ich mich ihnen anvertraute. Viel Schutz gegen Wind und Wetter versprach die Hütte nicht zu bieten; an vielen Stellen der schadhaften Mauer schien das Licht durch und das ganze Gebäude war offenbar baufällig. Vielleicht war es, dachte ich bei mir, noch sicherer, die Nacht im Sumpf zu verbringen, als in dem Standquartier eines Schmugglers der schlimmsten Sorte. Jemand anderes konnte ja hier kaum hausen. Zu meinem Glücke hatten sich wieder dichte Wolken über den Mond gelagert, und die tiefe Finsternis sicherte mich vor Entdeckung. Auf den Zehenspitzen schlich ich noch näher an das Fenster heran und schaute ins Zimmer hinein.

Das friedliche Bild, das ich darin sah, beruhigte mich sehr. Auf einem altmodischen Rost brannte ein kleines Holzfeuer, und daneben saß ein auffallend schöner, junger Mann, der eifrig in einem dickleibigen, kleinen Buche las. Sein schmales, dunkles Gesicht und sein langes, schwarzes, gelocktes Haar gaben ihm das Aussehen eines Dichters oder Künstlers, In dem warmen, gelben Lichte erschienen seine Gesichtszüge noch feiner und machten mir einen sehr angenehmen Eindruck. Mit Wohlgefallen betrachtete ich den leichtgeöffneten Mund, dessen etwas zu volle Unterlippe sich fortwährend bewegte, als wiederhole er die eben gelesenen Worte. Jetzt legte der junge Mann das Buch auf den Tisch und ging zum Fenster. Offenbar hatte er einen Schimmer meiner Gestalt im Dunkeln erhascht. Er rief mir einige Worte zu, die ich nicht verstand und winkte grüßend mit der Hand, Im nächsten Augenblick flog die Türe auf, und seine hohe schlanke Gestalt erschien auf der Schwelle.

»Endlich,« rief er aus, während er seine Augen mit beiden Händen vor dem salzigen Winde und dem Triebsande schützte; »ich glaubte schon, Ihr kommt überhaupt nicht mehr; ich warte hier seit zwei Stunden.«

Da trat ich vor ihn hin, und der volle Lichtschein fiel auf mein Gesicht.

»Ich fürchte . . .« sagte ich.

Weiter ließ er mich nicht sprechen. Wie eine wütende Katze schlug er mit beiden Händen nach mir, sprang ins Haus zurück und warf die Tür zu.

Die raschen Bewegungen und das feindselige Benehmen des jungen Mannes kontrastierten so auffallend mit seiner sanften Erscheinung, daß ich ganz sprachlos war. Aber mein Erstaunen sollte bald noch größer werden.

Eine klaffende Mauerspalte neben der Tür gewährte mir nämlich Einblick in die Stube. Auch den Winkel, wo das Feuer brannte, konnte ich sehen. Dorthin war der Mann gelaufen; er wühlte wie rasend in seinen Rocktaschen und sprang auf den Kamin. Nur seine Schuhe und Strümpfe waren für mich sichtbar, als er dort auf den Ziegeln neben dem Roste stand. Gleich darauf eilte er zurück zum Tor.

»Wer sind Sie?« rief er mit erregter Stimme.

»Ein verirrter Reisender.«

Er schien einen Augenblick zu überlegen.

»Ein Nachtlager hier dürfte Ihnen nicht viel Angenehmes bieten.«

»Ich bin müde und erschöpft; hoffentlich werden Sie mir ein Obdach für diese Nacht nicht versagen; stundenlang bin ich durch das Moor gewandert.«

»Sind Sie irgend jemand begegnet?« fragte er hastig.

»Nein.«

»Treten Sie ein wenig zurück. Hier ist es einsam und die Zeiten sind unruhig; man muß vorsichtig sein.«

Ich folgte seiner Aufforderung, und er öffnete die Türe gerade nur so weit, um den Kopf herauszustecken. Lange blickte er mich forschend an.

»Wie heißen Sie?«

»Louis Laval,« sagte ich; ich hielt es für ratsam, meinen Adel zu verleugnen.

»Wohin gehen Sie?«

»Ich suche irgendeine Unterkunft,«

»Sie sind aus England?«

»Ich bin von der Küste.«

Meine Antworten schienen ihn nicht zu befriedigen, Er schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Ich kann Sie nicht einlassen,« sagte er.

»Aber . . .«

»Nein, nein, es ist unmöglich.«

»Nu sagen Sie mir wenigstens, wie ich aus dem Moor komme?«

»Sie sind ja beinahe heraus; einige hundert Schritte von hier werden Sie die beleuchteten Fenster eines Dorfes erblicken. Nach dieser Richtung hin müssen Sie gehen.« Er war aus dem Hause getreten, um mir den Weg zu zeigen; nun drehte er sich um. Schon war ich ein Stück von der ungastlichen Hütte entfernt, als er mir nachlief.

»Kommen Sie, Monsieur Laval –« seine Stimme klang ganz verändert –, »ich kann Sie in diesem Wetter nicht fortlassen. Eine kurze Rast an meinem Kamin und ein Glas Brandy werden Sie für den weiteren Marsch kräftigen.«

Ich brachte es nicht über mich, die Einladung abzulehnen, so wenig ich mir den plötzlichen Wechsel seiner Gesinnung erklären konnte.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte ich und folgte ihm in das Haus.

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