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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 14
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
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secondcorrectorGerd Bouillon
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Vierzehntes Kapitel.

Josephine.

Talleyrand und Berthier sahen sich betroffen an. Selbst der gewiegte Diplomat, der seine Züge sonst so meisterhaft beherrschte und wie hinter einer Maske verborgen hielt, ließ Zeichen von Erregung erkennen. Bei ihm war es allerdings eher Schadenfreude als Bestürzung, was in seinem Gesicht zum Ausdruck kam, während Berthier, der zu Napoleon und Josephine ehrliche Zuneigung empfand, wie wahnsinnig zur Zelttür rannte, um der Kaiserin den Eintritt zu wehren. Konstant stürzte zu dem Vorhang, der die Tür zu dem Zimmer des Kaisers abschloß, verlor aber den Mut wieder und kam hilfesuchend zu Talleyrand zurück. Dessen Rat wäre übrigens auf alle Fälle zu spät gekommen, denn Roustem, der Mameluck, hatte die Tür bereits geöffnet, um zwei Damen eintreten zu lassen. Die erste war groß und schlank; ein feines Lächeln lag auf ihren Lippen, und ihr freundliches und doch so würdevolles Benehmen mußte ihr alle Herzen im Sturme erobern. Sie trug einen schwarzen Samtmantel mit weißen Borten am Halse und an den Ärmeln; auf ihrem schwarzen Hut wallte eine weiße Feder. Ihre Begleiterin war kleiner, und ihr Gesicht hätte man gewöhnlich nennen können, wenn ihm nicht sein lebhafter Ausdruck und die großen schwarzen Augen Reiz und Eigenart verliehen hätten. Ein kleiner schwarzer Terrier folgte den Damen. Die Ersteingetretene übergab die feine Stahlkette, an der sie den Hund führte, an der Tür dem Mamelucken.

»Es ist besser, wenn Fortuné draußen bleibt,« sagte sie mit ungemein wohlklingender Stimme. »Der Kaiser liebt Hunde nicht sonderlich, und wenn man ihn überfällt, so muß man doch mindestens seinem Geschmack Rechnung tragen. Guten Abend, Monsieur Talleyrand. Madame de Remusat und ich machten eine Lustfahrt der Küste entlang und stiegen hier aus, um uns zu erkundigen, ob der Kaiser heute nach Tour de Briques kommen werde. Ist er vielleicht schon fort? Ich erwartete bestimmt, ihn noch hier zu treffen.«

»Seine Majestät war noch vor kurzem hier,« sagte Talleyrand sich verbeugend.

»Heute abend habe ich Empfang in meinem Salon – sofern man meine Appartements in Tour de Briques so nennen kann –, und der Kaiser versprach mir, seine Arbeiten zu unterbrechen und mich mit seiner Anwesenheit zu erfreuen. Könnte man ihn doch dazu bewegen, überhaupt weniger zu arbeiten! Trotz seiner eisernen Gesundheit wird er dieses Leben auf die Dauer nicht ertragen können. Seine nervösen Anfälle kommen immer häufiger. Er will alles selbst tun. Das ist ja sehr edel von ihm, aber es ist ein Martyrium. Ich zweifle nicht, daß er auch jetzt . . . Sie wissen also nicht, wo er sich befindet, Monsieur Talleyrand?«

»Wir erwarten ihn jeden Augenblick, Eure Majestät.«

»Dann will ich mit Ihnen warten. Ach, Monsieur de Meneval, wie ich Sie bedauere, wenn ich Sie vor dieser unheimlichen Menge von Akten sitzen sehe. Ich war trostlos, als Monsieur de Bourienne den Kaiser verließ, aber Sie übertreffen Ihren Vorgänger noch an Tüchtigkeit. Kommen Sie zum Feuer, Madame de Remusat. Ja, ja, ich bestehe darauf; es ist Ihnen gewiß kalt. Konstant, schiebe Madame de Remusat dieses Fell unter die Füße,«

Derlei kleine Aufmerksamkeiten kamen der gütigen Frau wirklich von Herzen und nahmen hoch und niedrig für sie ein. Sie hatte auch unter den erbittertsten Gegnern ihres Gatten keinen einzigen Feind. Als einsame, verlassene Frau, die auf Malmaison ihre Tage vertrauerte, genoß sie nicht minder die Liebe und Ehrfurcht aller Franzosen als an der Seite ihres die Welt beherrschenden Gatten. Und von allen Opfern, die Napoleon seinen ehrgeizigen Plänen brachte, kostete ihn keines einen so harten Kampf und schmerzte ihn so sehr als die Trennung von Josephine.

Die Kaiserin hatte sich in dem Fauteuil am Kamin niedergelassen, auf dem bis vor kurzem Napoleon gesessen hatte. So war es mir denn vergönnt, ihre interessante Erscheinung aus nächster Nähe zu betrachten. Geboren als die Tochter eines Leutnants, nahm sie heute die erste Stellung unter allen Frauen Europas ein. Sie war um sechs Jahre älter als Napoleon und stand damals im zweiundvierzigsten Lebensjahre; aus einiger Entfernung jedoch oder bei schwachem Lichte konnte man sie, ohne ihr zu schmeicheln, für dreißig halten. Ihre große, elegante Gestalt war mädchenhaft schlank geblieben, und in jeder Bewegung lag die natürliche Grazie, die sie ihrer westindischen Abkunft verdankte. Ihren zarten Gesichtszügen sah man noch heute an, wie bestrickend schön sie einst gewesen sein mochte; aber sie war rasch verblüht, wie alle Kreolinnen. Wohl mochte sie mit Hilfe ihrer Toilettenkünste noch als hübsche Frau erscheinen, wenn sie im Wagen vorbeifuhr oder im Speisesaal oben auf der Estrade saß, wo man ihr nicht allzu nahe kam. In einem kleinen Zimmer jedoch oder bei hellem Tageslicht verriet sich das derbe Rot und Weiß, das ihre fahlen Wangen deckte, sofort als künstlich und machte einen geradezu peinlichen Eindruck. Wirklich schön waren nur ihre großen, dunklen, sympathischen Augen geblieben und reizend ihr allerliebster kleiner Mund, der beständig lächelte und so selten lachte, als wollte er es vermeiden, die schadhaften Zähne sehen zu lassen. Und wie sie auftrat, diese kleine Westindierin, als stammte sie in gerader Linie von Karl dem Großen ab. Ihr Gang, ihr Blick, jede Bewegung ihrer schönen schlanken Hand vereinigte in glücklichster Weise die Anmut der Frau mit der Herablassung einer Königin. Wahrhaft bewundernswert war auch die Grazie, mit der sie jetzt einige Stückchen Aloeholz aus dem Korbe nahm und ins Feuer warf.

»Napoleon liebt den Geruch brennender Aloe,« sagte sie. »Er hat eine sehr feine Nase und merkt alles, selbst das, was ich nicht rieche.«

»Der Kaiser hat allerdings eine sehr gute Nase, auch für andere Dinge,« warf Talleyrand ein, »das haben die Bevollmächtigten anderer Staaten öfter am eigenen Leibe erfahren.«

»Ach, es ist schrecklich, wenn er anfängt, die Rechnungen zu prüfen – wirklich schrecklich, Monsieur de Talleyrand! Nichts entgeht ihm. Er läßt nichts durch. Alles muß genau stimmen. Aber wer ist der junge Herr dort? Er ist mir, glaube ich, noch nicht vorgestellt.«

Talleyrand teilte in kurzen Worten mit, daß mich der Kaiser in seine Dienste genommen habe; und Josephine beglückwünschte mich sehr herzlich.

»Es tut mir wohl, tapfere und ergebene Männer um ihn zu wissen. Seit jenem Attentat mit der Höllenmaschine bin ich immer unruhig, wenn er nicht bei mir ist. Am sichersten ist er noch im Kriege, wenigstens vor den Mördern, die ihm auf der Straße auflauern. Wie ich höre, ist ja wieder eine Verschwörung der Jakobiner entdeckt worden?«

»Monsieur de Laval war bei der Verhaftung der Verschwörer zugegen,« sagte Talleyrand.

Die Kaiserin bestürmte mich mit Fragen, ohne in ihrer Aufregung meine Antworten abzuwarten.

»Dieser schreckliche Toussac ist entkommen, nicht wahr?« rief sie, »und eine junge Dame soll es übernommen haben, ihn dem Arm der Gerechtigkeit zu überliefern; und Napoleon soll versprochen haben, ihrem Geliebten die Freiheit zu schenken, wenn sie diese Tat vollbringt, die die Geheimpolizei nicht zu leisten vermochte.«

»Diese Dame ist meine Cousine, Majestät, Sibylle Bernac.«

»Sie weilen erst einige Tage in Frankreich, Monsieur de Laval,« sagte Josephine lächelnd, »und stehen schon im Mittelpunkt der Ereignisse, Sie müssen Ihre hübsche Cousine – der Kaiser findet sie sehr hübsch – an meinen Hof bringen und mir vorstellen. Madame de Remusat, schreiben Sie den Namen auf.«

Die Kaiserin bückte sich neuerdings nach dem Holzkorb. Plötzlich hielt sie inne und stieß einen Ruf des Erstaunens aus. Dann bückte sie sich neuerdings und hob etwas vom Boden auf.

Es war des Kaisers Hut mit der dreifarbigen Kokarde. Josephine sprang auf und sah dem Minister in sein unerschütterlich ruhiges Gesicht.

»Was soll das heißen, Monsieur Talleyrand?« rief sie, mit vor Argwohn und Zorn leuchtenden Augen. »Sie sagten, der Kaiser sei ausgegangen; wie kommt sein Hut hierher?«

»Pardon, Majestät, ich sagte nicht, daß er ausgegangen sei.«

»Was sagten Sie denn?«

»Ich sagte, daß er bis vor kurzem hier im Zimmer war.«

»Sie verbergen etwas vor mir,« rief Josephine erregt.

»Ich sage alles, was ich weiß, Majestät.«

Die Kaiserin wandte sich an Berthier.

»Marschall Berthier,« rief sie, »sagen Sie mir sofort, wo der Kaiser ist, und was er macht. Ich bestehe darauf.«

Der Angesprochene drehte verlegen an seinem Hut und stammelte einige unverständliche Worte.

»Ich weiß nicht mehr als Monsieur Talleyrand,« brachte er endlich mühsam heraus; »der Kaiser verließ vor kurzem dieses Zimmer.«

»Durch welche Türe?«

Der arme Berthier wurde immer verwirrter.

»Ich könnte wirklich nicht sagen, Majestät, zu welcher Tür er hinausgegangen ist.«

Nun richtete Josephine ihre flammenden Augen auf mich. Ich zuckte vor Schrecken zusammen; denn ich mußte gefaßt sein, daß sie die peinliche Frage über Napoleons Verbleib nun auch an mich richten werde. Ich murmelte ein kurzes Stoßgebet zum heiligen Ignatius, dem Schutzpatron unserer Familie; er war immer gütig gegen uns und half mir auch diesmal. Die Gefahr ging vorüber.

»Kommen Sie, Madame de Remusat,« sagte die Kaiserin, »wenn uns die Herren nicht die Wahrheit sagen wollen, müssen wir trachten, sie selbst herauszubringen.«

Sie rauschte würdevoll gegen die teppichverhängte Türe; Madame de Remusat folgte ihr zögernd. Das erschreckte Gesicht der Hofdame ließ uns erkennen, daß sie den Ernst der Lage voll zu würdigen verstand. Und in der Tat, der Ruf von der Untreue des Kaisers und dem öffentlichen Ärgernis, das sie erregte, war selbst bis Ashford gedrungen. Napoleons Selbstherrlichkeit und die Verachtung, die er dem Urteile der Welt entgegenbrachte, enthoben ihn der Mühe, seine Liebeshändel geheimzuhalten, und Josephine verlor bei ihren Eifersuchtsanfällen alle Selbstbeherrschung und Würde, die sie sonst auszeichnete, so daß es mitunter zu Szenen kam, die äußerst peinlich für die Umgebung waren.

Talleyrand wandte sich ab; Berthier, ganz verstört vor Angst und banger Erwartung, fuhr fort, seinen Hut zu verdrücken und zu mißhandeln. Nur Konstant faßte sich ein Herz und rannte an die verhängte Türe. Er warf sich der Kaiserin entgegen und streckte abwehrend beide Hände aus.

»Geruhen Eure Majestät wieder Platz zu nehmen. Dann will ich den Kaiser verständigen, daß Majestät hier sind,« rief er.

»Er ist also hier,« schrie Josephine wütend. »Ich sehe alles! Ich begreife alles! Aber ich werde ihn bloßstellen, den Treulosen! Laß mich vorbei, Konstant. Wie kannst du es wagen, mir den Weg zu vertreten?«

»Erlauben Majestät, daß ich Sie anmelde?«

»Ich werde mich selbst anmelden.« Mit einer geschickten Bewegung ihrer geschmeidigen Gestalt schlüpfte sie hinter den noch immer abwehrenden Lakaien, zog die Vorhänge auseinander und verschwand im Nebenzimmer.

Durch die Schminke hindurch nahm man die flammende Zornesröte wahr, die ihre Wangen übergoß, und ihre Augen schossen Blitze, solange sie mit Konstant um den Einlaß zu ihrem Gatten kämpfte. Beim Anblick Napoleons jedoch mußte sie der Mut verlassen haben. Ein Schrei, wie das Gebrüll eines wilden Tieres, schlug an mein Ohr, und im nächsten Augenblick schoß die Kaiserin in heller Flucht durch die Seitentür herein; Napoleon, sprachlos vor Wut, folgte ihr auf den Fersen. In sinnloser Angst rannte sie auf den Kamin zu, auf den auch Madame de Remusat, die unter den obwaltenden Umständen keine Lust verspürte, als Rückendeckung zu dienen, zu laufen begann, bis sich beide – versprengten Hühnern gleich, die flatternd zum Nest zurückkehren – in die eben erst verlassenen Fauteuils warfen und sich dort zusammenkauerten. Unterdessen stampfte und polterte Napoleon mit wutverzerrtem Gesicht im Zimmer herum und stieß wilde Soldatenflüche aus.

»Na warte, Konstant,« brüllte er. »So verrichtest du deinen Dienst? Hast du denn gar kein Verständnis dafür, daß man nicht alles an die große Glocke hängt? Untersteht denn auch mein Privatleben der öffentlichen Kontrolle? Muß ich mir immer von Weibern nachspionieren lassen? Darf gerade ich keine persönliche Freiheit haben? Und was Sie anbelangt, Josephine, so bin ich mit Ihnen fertig. Bis heute schwankte ich noch, das aber gibt den Ausschlag. Zwischen uns zweien ist alles aus.«

Wir alle, glaube ich, hätten viel darum gegeben, das Zimmer verlassen zu dürfen; bei mir wenigstens überwog das Mißbehagen bei weitem das Interesse an diesem wahrhaft empörenden Auftritt, während dem Kaiser unsere Anwesenheit so gleichgültig zu sein schien, als gehörten wir zu den Einrichtungsgegenständen seines Zimmers. Tatsächlich aber war es eine der Eigenheiten dieses in jeder Beziehung ungewöhnlichen Mannes, daß er gerade derartige Szenen, die andere zum mindesten geheimzuhalten pflegten, gern vor Zeugen veranstaltete, um seine Vorwürfe und Angriffe noch peinlicher für das Opfer zu gestalten. Ein jeder – von der Kaiserin bis zum letzten Lakaien herab – mußte ständig darauf gefaßt sein, öffentlich herabgesetzt und lächerlich gemacht zu werden, vor Zuhörern, deren Heiterkeit nur die eine Sorge eindämmte, wer wohl als Nächster zur Zielscheibe der kaiserlichen Spottreden ausersehen sei.

Josephine nahm zu der letzten erprobten Waffe der Frauen ihre Zuflucht; sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich. Auch Madame de Remusat brach in Tränen aus; und in den Pausen zwischen den heiseren Flüchen Napoleons – in der Wut klang seine Stimme wirklich rauh und heiser – hörte man das Seufzen und Schluchzen der beiden Frauen. Bisweilen wagte die Kaiserin eine zaghafte Antwort oder verstieg sich bis zu einem schüchternen Vorwurf gegen ihren Gatten wegen seiner Liebeshändel; aber jeder Versuch des Widerspruches erhöhte seinen Zorn und brachte ihn vollends zur Raserei. Endlich schleuderte er, ganz außer sich vor Wut, seine Tabaksdose zu Boden, daß es krachte, und schrie: »Ach was, Anstand und Sitte! Was gehen mich eure Anstandsregeln an! Auf mich haben sie keine Anwendung! Mich kann man nicht mit demselben Maßstabe messen wie die anderen; ich stehe über jedem Gesetz. Ich sagte Ihnen wiederholt, Josephine, daß alle diese Regeln nichts sind als Phrasenwerk, von den Alltagsmenschen erfunden, um die Großen an der Entfaltung ihrer Macht zu hindern. Ich kümmere mich nicht um diese von der Gesellschaft beschlossene sogenannte Moral und lasse mich in meiner persönlichen Freiheit nicht beschränken. Ein großer Mann kennt keine Rücksichten. Ich tue, was mir beliebt, und lasse mir von niemand dreinreden, am wenigsten von Ihnen, Josephine. Sie müssen alles, selbst meine Launen, ruhig hinnehmen, und Sie sollten es begreiflich finden, daß ich mir gewisse Freiheiten gestatte.«

Trotz seiner scharfen Sprache schien Napoleon der Stichhaltigkeit seiner Argumente nicht ganz sicher zu sein; denn er lenkte – wie immer, wenn er sich im Unrecht fühlte – das Gespräch plötzlich auf ein ganz anderes Gebiet, wo er sich zweifellos im Rechte wußte. Wie im Kriege, so blieb er auch im Wortstreite nie lange in der Defensive; ein schwacher Punkt in der Stellung des Gegners war bald gefunden und gab Gelegenheit zum Angriff.

»Ich habe Lenormands Rechnungen durchgesehen, Josephine,« sagte er. »Wissen Sie, wie viele Kleider Sie sich im letzten Jahre machen ließen? Es waren ihrer hundertvierzig – nicht weniger – und einzelne derselben kosteten die enorme Summe von fünfundzwanzigtausend Frank. Sie besitzen, wie ich höre, sechshundert Toiletten, und viele davon haben Sie kein einziges Mal getragen. Madame de Remusat muß das alles bestätigen.«

»Sie lieben es ja selbst, Napoleon, daß ich mich gut kleide.«

»Die Auslagen dürfen aber nicht ins Ungeheuerliche wachsen. Mit dem Geld, das Sie für all diesen Tand, für Seidenstoffe und Pelze verschwenden, könnte ich zwei Kürassierregimenter oder mehrere Schiffe instand setzen und erhalten. Das kann in einem Kriege den Ausschlag geben. Und weiter, Madame, wer hat Ihnen gestattet, das Brillantendiadem bei Lefèbre zu bestellen? Er sandte mir kürzlich die Rechnung, ich habe aber die Bezahlung verweigert. Wenn er sie nochmals schickt, lasse ich ihn durch meine Grenadiere ins Gefängnis abführen; und Lenormand dazu.«

Napoleons Wutausbrüche waren heftig, aber der Zorn hielt meist nicht lange an. Die sonderbare Verdrehung seines Armes, die bei jeder seelischen Erregung aufzutreten pflegte, schwand langsam; er durchlas einige Schriftstücke, die de Meneval – während des ganzen stürmischen Auftrittes mechanisch weiterschreibend – fertiggestellt hatte, und kam freundlich lächelnd auf die Kaiserin zu.

»Sie haben es nicht nötig, solchen Aufwand zu treiben, Josephine,« sagte er, ihr die Hand auf die Schulter legend; »nur eine häßliche Frau muß Diamanten und schöne Kleider tragen, um zu gefallen; Sie aber brauchen derlei Dinge nicht. Sie waren sehr einfach gekleidet, als ich Sie das erstemal sah, damals in der Rue Chautereine, und doch fühlte ich mich nie im Leben so hingezogen zu einer Frau wie zu Ihnen. Warum quälen Sie mich, Josephine, und zwingen mich, so unfreundlich gegen Sie zu sein? Fahren Sie zurück, Kleine, nach Tour de Briques, und geben Sie acht, daß Sie sich nicht erkälten.«

»Sie werden doch bei meinem Empfang zugegen sein, Napoleon?« fragte die Kaiserin, deren bittere Empfindungen der leisesten zärtlichen Berührung seiner Hand wichen. Noch hielt sie das Gesicht mit dem Taschentuch bedeckt, aber sie weinte nicht mehr. Nur die zerstörende Wirkung der Tränen auf das Rot der Wangen schien sie verbergen zu wollen.

»Selbstverständlich, wir kommen gleich nach. Hilf den Damen in den Wagen, Konstant. Ist die Einschiffung der Truppen eingeleitet, Berthier? Talleyrand, Sie bleiben da, ich will Ihnen meine Pläne bezüglich Spaniens und Portugals entwickeln. Und Sie, Monsieur de Laval, begleiten die Kaiserin nach Tour de Briques; dort treffen wir uns.«

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