Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/doyle/bernac/bernac.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid63360f41
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.

Napoleons Zukunftsträume.

Ich geleitete Sibylle aus dem Zimmer. Draußen vor dem Zelt wartete zu meinem Erstaunen der junge Husarenoffizier, der mich in das Lager eskortiert hatte.

»Nun, Mademoiselle, haben Sie Ihren Wunsch erreicht?« fragte er, aufgeregt auf uns zutretend.

Sibylle schüttelte verneinend den Kopf.

»Das habe ich erwartet,« sagte der Offizier, »denn der Kaiser ist ein strenger Mann. Es war tapfer von Ihnen, Mademoiselle, den Versuch zu wagen. Was mich betrifft, so würde ich lieber auf einem lahmen Pferd ein Infanteriekarree angreifen, als vom Kaiser etwas verlangen. Es tut mir von Herzen leid, Mademoiselle, daß Sie mit Ihrer Bitte keinen Erfolg hatten.«

Seine kindlich blickenden, blauen Augen füllten sich mit Tränen, und der sonst keck wegstehende Schnurrbart hing ihm so traurig herab, daß ich hätte lachen mögen, wenn der Fall nicht so ernst gewesen wäre.

»Leutnant Gerard begegnete mir zufällig und geleitete mich durch das Lager,« sagte meine Cousine. »Er nimmt warmen Anteil an meinem Kummer.«

»Auch ich nehme warmen Anteil daran,« rief ich. »Sie sind ein Engel, Sibylle; beneidenswert der Mann, den Ihre Liebe beglückt. Ich hoffe, er ist dieses Glückes würdig.«

Sofort nahm sie eine kalte, stolze Haltung an, denn sie vertrug nicht den leisesten Zweifel an dem Charakter ihres Bräutigams.

»Ich kenne ihn besser als der Kaiser und Sie. Er hat die Phantasie eines Dichters und die Seele eines Kindes; und in seinem Edelmut ahnte er die Ränke seiner Genossen nicht, denen er zum Opfer fiel. Mit Toussac hätte ich kein Mitleid; er hat mehrere Morde auf dem Gewissen, und Frankreich wird nicht zur Ruhe kommen, ehe er hinter Schloß und Riegel sitzt. Cousin Louis, wollen Sie mir ihn fangen helfen?«

Der Leutnant drehte seinen Schnurrbart und sah mich eifersüchtig von oben bis unten an.

»Ich bitte meinerseits um die Erlaubnis, Ihnen helfen zu dürfen, Mademoiselle,« rief er beinahe flehend.

»Ich brauche Sie vielleicht alle beide,« sagte sie. »Vorläufig begleiten Sie mich, bitte, bis an die Grenze des Lagers; dort verlassen Sie mich.«

Die kurze, gebieterische Redeweise stand dem anmutigen Mädchen ganz reizend. Wir gehorchten ihr gern und sprangen in den Sattel; bald hatten wir die Baracken des Lagers hinter uns.

»Jetzt kann ich allein weiterreiten,« sagte sie. »Ich darf also auf Sie beide zählen?«

»Gewiß,« antwortete ich.

»Bis in den Tod, Mademoiselle,« lief Gerard begeistert.

»Nun habe ich zwei tapfere Männer zu meiner Unterstützung; das ist alles, was ich brauche,« sagte sie lächelnd, gab ihrem Pferde den Kopf frei und galoppierte in der Richtung gegen Grobois davon.

Ich versank in Gedanken. Umsonst zerbrach ich mir den Kopf darüber, auf welche Art sie Toussacs Spur aufzufinden hoffte. Sollte der Instinkt des liebenden Weibes über Savarys Erfahrung und Geschicklichkeit triumphieren? Endlich wandte ich mein Pferd. Der junge Husar starrte regungslos der in der Ferne verschwindenden Reiterin nach.

»Meiner Treu! Das wäre ein Weib für dich, Etienne!« wiederholte er mehrmals. »Welch ein Auge! Welch ein Lächeln! Und wie sie reitet! Selbst den Kaiser fürchtet sie nicht. O, Etienne, diese Frau ist deiner würdig!«

Unausgesetzt murmelte er vor sich hin, bis die Hügel sie seinen Blicken entzogen hatten. Endlich erinnerte er sich meiner Anwesenheit und sagte: »Das Fräulein ist Ihre Cousine. Und wir sind verbündet, um ihr einen Dienst zu erweisen. Noch weiß ich nicht welchen; aber ich bin entschlossen, alles für sie zu tun, was immer sie verlangt.«

»Wir sollen Toussac festnehmen.«

»Vortrefflich.«

»Um ihrem Bräutigam das Leben zu retten.«

Der junge Offizier schien mit sich zu kämpfen, aber die edlere Regung gewann die Oberhand.

»Sapristi! ich will auch das für sie tun, wenn ich sie dadurch glücklich mache,« rief er und schüttelte mir die Hand. »Dort drüben, wo Sie die aufgezäumten Pferde sehen, liegen die Bércheny-Husaren. Wann immer Sie um Leutnant Etienne Gerard senden, steht Ihnen seine gute Klinge zur Verfügung. Je früher, desto lieber soll es mir sein.«

Er zog die Zügel an und sprengte davon, das Bild der Jugend und Grazie in jeder Linie seines geschmeidigen Körpers, von der roten Mütze und dem fliegenden Dolman angefangen bis hinab zu den blinkenden Sporen an seinen Fersen.

Vier lange Tage hörte ich kein Wort von Sibylle und von ihrem Vater. Unterdessen hatte ich mich nach Boulogne begeben, um dort im Hause eines Bäckers, nahe der Kirche zu St. Augustin, ein bescheidenes Zimmer zu mieten, wie es mir meine beschränkten Mittel eben erlaubten. Und da es das Alter liebt, die Stätten wieder aufzusuchen, an denen seine schönsten Jugenderinnerungen haften, so habe auch ich im letztvergangenen Jahre meine liebe Wohnung in Boulogne wiedergesehen. Noch stand das alte Haus, dieselben Bilder wie damals hingen an den Wänden meines Zimmers und auch die Büste Jean Barts, die auf einem Seitentisch zu stehen pflegte, grüßte mich wie einen alten Bekannten. Ich trat in die schmale Fensternische und sah mich im Zimmer um. Alles, worauf die Augen des Zwanzigjährigen täglich geruht, lag bis in die kleinsten Einzelheiten unverändert vor mir wie damals, und auch meine eigenen Empfindungen schienen sich wenig verändert zu haben. Nur der kleine runde Spiegel, mir gegenüber, zeigte mir ein müdes, altes Gesicht; und das ausgedehnte Hügelland draußen vor dem Fenster, einst so belebt von den Heerscharen Napoleons, war öde und verlassen. Spurlos, wie Nebel im Winde, war die ruhmreiche Armee verschwunden, und meine bescheidene bürgerliche Behausung hatte dem Sturm der Zeiten widerstanden!

Wie doch Gott die Hoffärtigen demütigt!

Sobald ich meine Wohnung bezogen hatte, sandte ich nach Grobois um die bescheidene Habe, die ich aus England mitgebracht und auf dem Schlosse zurückgelassen hatte. Meine nächste Sorge war, den Kredit, den mir der freundliche Empfang beim Kaiser verschafft hatte, dazu auszunutzen, um meine Garderobe zu vervollständigen. Denn so einfach Napoleon selbst sich trug, hielt er nicht weniger als die prachtliebenden Bourbonen auf Glanz und Reichtum an seinem Hofe. Feine Wäsche und reiche Kleidung halfen so manchem, seine Gunst erringen und erhalten. Ein neuer Hofstaat und ein junges Kaiserreich brauchen derlei Dinge sehr notwendig.

Es war am Morgen des fünften Tages, als ich von Duroc die Botschaft erhielt, ich möge mich unverzüglich ins Hauptquartier begeben, um den Kaiser dort zu erwarten. In einer der kaiserlichen Karossen werde ein Platz für mich bereit sein, damit ich mich mit dem übrigen Hofstaat nach Pont de Briques zum Empfang der Kaiserin begebe. Gleich nach meiner Ankunft führte mich Konstant durch den Vorraum in das dahinterliegende Zimmer, wo der Kaiser mit dem Rücken gegen den Kamin stand und sich an dem Feuer die Fußsohlen wärmte. Talleyrand und Berthier erwarteten den Tagesbefehl, und der Sekretär de Meneval saß an seinem Schreibtisch.

»Ah, Monsieur de Laval,« sagte der Kaiser, mir freundlich zunickend. »Haben Sie etwas von Ihrer reizenden Cousine gehört?«

»Bisher noch nichts, Sire,« antwortete ich.

»Ich fürchte, sie wird sich vergeblich bemühen, so lieb es mir wäre, wenn sie Erfolg hätte. Jener armselige Träumer ist ja im Gegensatz zu Toussac wirklich ganz ungefährlich. Indessen wird auch seine Hinrichtung als abschreckendes Beispiel wirken.«

Es fing an zu dunkeln; Konstant erschien mit einem Wachsstock, um die Kerzen anzuzünden, Napoleon aber wies ihn hinaus.

»Ich liebe das Zwielicht,« sagte er. »Nach Ihrem langen Aufenthalt in England dürften ja auch Sie, Monsieur de Laval, sich bei trübem Lichte am wohlsten fühlen. Den Engländern scheint sich übrigens der Nebel aufs Gehirn geschlagen zu haben, dem Unsinn nach, den ihre Zeitungen über mich schreiben.« Mit einer jener krampfhaften Bewegungen, die seine plötzlichen Gefühlsausbrüche zu begleiten pflegten, ergriff er eine englische Zeitung, warf sie auf den Boden und schob sie mit den Füßen ins Feuer. »So ein Zeitungsschreiber,« schrie er mit jener schnarrenden, tief im Rachen sitzenden Stimme, die ich bei der Szene mit Admiral Bruix gehört hatte. »Was ist ein Zeitungsschreiber? Ein schmieriger Federfuchser in einer Hinterstube, und dabei hält er sich für eine der Großmächte Europas. Von der sogenannten Preßfreiheit habe ich genug. Manche freilich – unter anderen auch Sie, Monsieur Talleyrand – wünschen sehnlichst, daß sie auch in Paris eingeführt werde; ich aber halte alle Zeitungen für überflüssig, bis auf den Moniteur, der die Beschlüsse der Regierung kundmacht.«

»Ich bin der Meinung, Sire,« sagte der Minister, »daß offene Gegner besser sind als heimliche Feinde, und daß es unschuldiger ist, Tinte zu verspritzen als Blut zu vergießen. Was liegt an dem Geschreibsel Ihrer Feinde, Sire, solange Sie über eine Armee von fünfhunderttausend Mann verfügen?«

»Ach was,« rief der Kaiser ungeduldig. »Sie reden, als ob ich die Krone von meinem Vater geerbt hätte. Abgesehen davon, ich finde die Macht der Presse überhaupt unerträglich. Die Bourbonen ließen sich von den Zeitungen kritisieren, und wohin sind sie gekommen? Hätten sie ihre Schweizer Garden dreingehen lassen wie ich meine Grenadiere am 18 Brumaire, was wäre von dieser glänzenden Nationalversammlung übriggeblieben? Ein Bajonettstich in Mirabeaus Herz hätte damals die ganze Angelegenheit in Ordnung gebracht. Später aber ließ dieser einen König und eine Königin guillotinieren und vergoß das Blut von Hunderttausenden.«

Er ließ sich auf seinen Fauteuil nieder und streckte die Beine gegen das Feuer aus. Durch die verkohlten Zeitungreste hindurch fiel der rote Schein auf sein schönes, blasses, geisterhaftes Gesicht. Für einen Dichter, einen Philosophen – für alles eher als einen menschenmordenden Krieger hätte man ihn in diesem Augenblick halten mögen. Man sagt, es sei nicht der Fehler der ausführenden Künstler gewesen, daß nicht zwei Bilder Napoleons einander glichen; in jeder Stimmung trug er ganz veränderte Zuge zur Schau. In der Ruhe war sein Gesicht am schönsten; ein schöneres als damals am Kamin habe ich in den langen sechzig Jahren meines Lebens nicht gesehen.

»Sie haben weder Träume noch Illusionen, Talleyrand,« sagte er. »Sie sind immer praktisch, kühl und zynisch. Mir jedoch regt das Zwielicht sowie das Rauschen der See die Einbildungskraft mächtig an. Ebenso geht es mir, wenn ich Musik höre – besonders Musik mit ständig wiederkehrenden Melodien, wie manche Stücke Passaniellos. Sie haben einen sonderbaren Einfluß auf mich. Ich beginne zu schwärmen und zu dichten wie Ossian. Märchenhafte Gedanken steigen in mir auf, und märchenhafte Ziele erreiche ich im Traum. Dann trägt mich meine Phantasie nach dem fernen Osten, wo es von Menschen wimmelt wie in einem Ameisenhaufen; nur dort kann man sich wahrhaft groß fühlen. Ich durchlebe meine Träume von 98. Ich träume von der Möglichkeit, diese unermeßlichen Menschenmassen zu bewaffnen und zu schulen, um sie auf Europa loszulassen. Wäre es mir gelungen, Syrien zu erobern, so hätte ich es auch getan, und der Sieg bei Acre hätte in der Tat die Geschicke der ganzen Welt besiegelt. Mit Hilfe der unterworfenen Ägypter wäre ich – auf einem Elefanten reitend – nach Indien gezogen, eine selbstverfaßte neue Ausgabe des Korans in der Hand. Ich ward zu spät geboren. Um die Welt zu erobern, muß man sich als Gott ausrufen lassen. Alexander der Große gab sich als Sohn Jupiters aus, und alle glaubten ihm. Unterdessen ist die Welt alt geworden und kann keine Begeisterung mehr aufbringen. Was geschähe, wenn ich dasselbe von mir behaupten würde wie Alexander? Monsieur Talleyrand hielte die Hand vor das Gesicht, um ein Lächeln zu verbergen, und die Pariser würden Spottgedichte an die Stadtmauern kritzeln.«

Die Gedanken des Kaisers verirrten sich immer weiter in nebelhafte Feinen. Er schien unsere Anwesenheit vergessen zu haben und nur noch laut zu denken. Das war, was er »Ossianisieren« nannte, weil es ihn an die wilden, ausschweifenden Träume des Galliers Ossian, dessen Gedichte ihn immer leidenschaftlich packten, erinnerte. De Meneval erzählte mir später, daß er oft stundenlang in dieser Weise seine innersten Gedanken und Wünsche laut zum Ausdruck bringe, während Bedienstete seines Hofes herumstehen und ruhig warten, bis er wieder zu sich kommen und seine alltäglichen Befehle zu erteilen geruhen werde. »Jeder große Machthaber,« sagte Napoleon fortfahrend, »muß sich auf die Religion stützen. Es ist wichtiger, die Seele der Menschen zu beherrschen als ihre Leiber. Der Sultan beispielsweise ist Befehlshaber der Armee und zugleich das religiöse Oberhaupt seiner Untertanen. So war es auch bei einigen römischen Kaisern. Meine Macht ist unvollkommen, solange ich nicht auch dieses Ziel erreicht habe. Gegenwärtig hat in etwa dreißig Departements Frankreichs der Papst größeren Einfluß als ich. Nur die Vereinigung der geistlichen und weltlichen Macht in einer einzigen Person kann den Weltfrieden sichern. Wenn es dereinst nur ein solches Oberhaupt mit dem Sitze in Paris geben wird, und alle Könige seine Statthalter sein werden, dann wird ewiger Friede herrschen. Frankreichs geographische Lage, sein Reichtum und seine Geschichte weisen ihm diese führende Rolle zu. Deutschland ist uneinig und zerfahren. In Rußland herrscht Barbarei. England ist ein Inselreich. Nur Frankreich bleibt übrig.«

Ich begann meine englischen Freunde zu verstehen. Solange er lebte – dieser kleine sechsunddreißigjährige Korse –, so lange gab es keinen Frieden in der Welt.

Konstant hatte eine Tasse Kaffee auf den Tisch gestellt. Der Kaiser nahm einen Schluck und stierte wieder wie geistesabwesend in die rote Glut des Kaminfeuers. Das Kinn sank ihm auf die Brust.

»In kommenden Tagen,« sagte er, »werden die Fürsten Europas im Krönungszuge des Kaisers von Frankreich einherschreiten. Jeder von ihnen muß in Paris seinen Palast haben, und Paris wird sich bis nach Versailles ausdehnen. Das sind die Pläne, die ich für die Hauptstadt hege, wenn sie sich deren würdig erweisen wird. Im übrigen liebe weder ich die Pariser noch sie mich. Sie werden es mir nie vergessen, daß ich schon auf sie schießen ließ und imstande wäre, es wieder zu tun. Ich habe sie mich fürchten und bewundern gelehrt, zur Liebe jedoch kann ich sie nicht zwingen. Und was habe ich nicht alles für sie getan! Wo sind die Schätze Genuas, die Bilder aus Venedig und die Statuen aus dem Vatikan? Sie sind alle im Louvre. Mit der Beute meiner Kriegstaten habe ich die Stadt geschmückt. Aber sie sind flatterhaft, diese Pariser, und müssen immer etwas haben, worüber sie schwätzen können. Jetzt schwenken sie die Hüte, wenn ich erscheine; aber sie wären imstande, ein andermal die Fäuste gegen mich zu ballen, gäbe ich ihnen nicht hie und da einen interessanten Gesprächsstoff, um ihre Aufmerksamkeit abzulenken. Unlängst ließ ich ausschließlich zu diesem Zwecke die Kuppel des Invalidendomes neu vergolden. Louis XIV. beschäftigte ihre Gedanken mit seinen Kriegen. Unter Louis XV. gab es die galanten Abenteuer und Skandale bei Hof zu besprechen. Louis XVI. wußte ihnen nichts zu bieten; deshalb schnitten sie ihm den Kopf ab. Und Sie, Monsieur Talleyrand, haben mit geholfen, ihn aufs Schafott zu bringen.«

»Das wohl nicht, Sire, ich war immer einer der Gemäßigten.«

»Zum mindesten bedauerten Sie seinen Tod nicht.«

»Um so weniger, als er Platz für Sie schuf, Sire.«

»Es gibt nichts, was meinen Triumphzug hätte aufhalten können, Talleyrand. Ich bin zum Höchsten geboren. Das fühlte ich von Kindheit auf. Noch erinnere ich mich der Vorbereitungen zu den Verhandlungen in Campoformio. Ich war damals noch ein junger General und hatte das dreißigste Lebensjahr nicht erreicht. Ein leerer Thron mit dem kaiserlichen Wappen stand in dem Zelt des Bevollmächtigten. Ich sprang die Stufen hinauf und ließ mich darauf nieder. Über mir konnte ich nichts ertragen. In meinem Innersten wußte ich genau, was aus mir werden sollte. Selbst damals, als ich mit meinem Bruder Lucien noch ein kleines, billiges Zimmer bewohnte, war ich mir vollständig klar darüber, daß ich einst ein großes Reich beherrschen werde. Und dabei boten mir meine früheren Erfolge gar keine Stütze für meine Hoffnungen. In der Schule leistete ich wenig. Ich war der Zweiundvierzigste unter achtundfünfzig Kameraden. In Mathematik war ich recht tüchtig, sonst aber in keinem einzigen Fach. Während die anderen arbeiteten, träumte ich. Von Hause hatte ich nichts mitbekommen, was meinem Ehrgeiz zu Hilfe kommen konnte. Von meinem Vater habe ich nichts geerbt als den schwachen Magen. Noch sehr jung kam ich nach Paris, in Begleitung meines Vaters und meiner Schwester Karoline. Wir wohnten in der Rue Richelieu und sahen häufig den König in seiner Staatskarosse vorbeifahren. Wer hätte damals gedacht, daß der kleine korsikanische Knabe, der mit abgezogenem Hute dem Wagen nachstarrte, der nächste Herrscher Frankreichs sein werde? Und doch hatte ich auch damals die Empfindung, als gehörte dieser Wagen mir und keinem anderen. Was gibt's, Konstant?«

Der verschwiegene Lakai bog sich herüber und flüsterte dem Kaiser etwas ins Ohr.

»Ja, richtig,« sagte dieser. »Es war ja verabredet; ich hatte es ganz vergessen. Ist sie hier?«

»Jawohl, Sire.«

»Im Nebenzimmer?«

»Jawohl, Sire.«

Talleyrand und Berthier wechselten verständnisvolle Blicke, und der Minister schien sich zurückziehen zu wollen.

»Nein, nein, Sie können hierbleiben,« sagte der Kaiser. »Zünde die Lampen an, Konstant, und halte die Wagen in einer halben Stunde bereit. Lesen Sie diesen Brief an den Kaiser von Österreich durch, Talleyrand, und sagen Sie mir, was Sie davon halten. Hier, de Meneval, ist ein ausführlicher Bericht über die neue Schiffswerft in Brest. Machen Sie einen Auszug daraus, morgen um fünf Uhr früh will ich ihn auf meinem Schreibtisch finden. Sie, Berthier, haben dafür Sorge zu tragen, daß die ganze Armee um sieben Uhr auf den Schiffen ist. Ich will sehen, ob sie in drei Stunden eingeschifft sein kann. Und Monsieur de Laval wartet hier, bis wir nach Tour de Briques aufbrechen.«

Nun hatten wir alle unsere Befehle. Er aber schritt mit kurzen, schnellen Schritten durch das Zimmer und öffnete die Seitentüre. An seinem breiten Rücken vorbei erblickte ich eine rosenrot gekleidete Gestalt; dann fiel der Vorhang hinter ihm zu.

Talleyrand zog seine buschigen Augenbrauen in die Höhe, und Berthier fing wieder an, die Fingernägel zu kauen.

»Welche ist es?« flüsterte der Minister.

»Die Sängerin von der großen Oper.«

»Ist die kleine Spanierin in Ungnade gefallen?«

»Ich glaube nicht; sie war erst gestern hier.«

»Und die Gräfin?«

»Der hat er eine Villa in Ambleteuse gekauft.«

»Aber es darf keinen Skandal am Hofe geben,« sagte Talleyrand mit ironischem Lächeln, in Erinnerung an die Moralpredigt, die ihm der Kaiser vor kurzem gehalten. »Und nun, Monsieur de Laval, wäre ich begierig, etwas über das Treiben der Bourbonenpartei in England zu hören. Sie müssen ja davon unterrichtet sein. Hat man denn irgendwelche Hoffnung auf Erfolg?«

Einige Minuten lang bedrängte er mich mit Fragen, die deutlich zeigten, wie richtig ihn Napoleon beurteilte. Offenbar war der Mann entschlossen, käme was wolle, sich auf Seite der Sieger zu stellen. Inmitten unserer Unterhaltung stürzte Konstant herein. Er sah ganz verstört aus. Nie hätte ich seinen sanften, sonst so regungslosen Zügen eine derartige Ausdrucksfähigkeit zugetraut.

»Um Himmels willen, Monsieur Talleyrand,« schrie er händeringend. »Solch ein Unglück! Wer hätte dies erwartet!«

»Was ist denn geschehen, Konstant?«

»O, Monsieur Talleyrand, ich wage es nicht, den Kaiser zu stören, und doch – und doch – die Kaiserin ist angekommen und wird gleich eintreten.«

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.