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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 12
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
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secondcorrectorGerd Bouillon
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Zwölftes Kapitel.

Napoleon an der Arbeit.

Von Menevals Zelt aus übersah man das ganze kaiserliche Hauptquartier. Der Kaiser mußte aber von rückwärts in seine Behausung getreten sein, oder wir hatten ihn im Eifer des Gespräches übersehen, denn ein Kapitän in dem grünen Rocke der Gardejäger trat ein und brachte die Botschaft, daß der Kaiser seinen Sekretär erwarte. Meneval wurde kreideweiß im Gesicht und sprang auf. Er konnte vor Aufregung kaum sprechen.

»Wäre ich doch früher hingegangen,« seufzte er. »Welch ein Unglück! Monsieur de Caulaincourt, Sie müssen für mich sprechen. Wo ist Hut und Degen? Kommen Sie, Monsieur de Laval, rasch, wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

Der Schrecken Menevals zeugte nicht minder als die Szene mit Admiral Bruix, der ich beigewohnt hatte, von der Macht, die Napoleon auf seine Umgebung ausübte. Nie fühlten sich seine Untergebenen vor einer Katastrophe sicher; heute ermutigte er sie, um sie morgen rüde zurückzustoßen. Aber trotz alledem dienten sie ihm treu und verehrten ihn wie einen Halbgott.

»Vielleicht soll ich warten,« sagte ich, als wir den Warteraum, der noch voll Menschen war, betraten.

»Nein, nein, ich bin für Sie verantwortlich. Kommen Sie nur mit hinein. O, ich hoffe, er zürnt mir nicht. Wie konnte ich ihn nur übersehen?«

Mein angsterfüllter Begleiter kratzte an der Tür, und diese öffnete sich augenblicklich. Roustem, der Mameluk, stand dahinter. Das Zimmer, in das wir eintraten, war von ansehnlicher Größe, aber äußerst einfach eingerichtet. Es war silbergrau tapeziert; in der Mitte der himmelblauen Decke prangte der kaiserliche Adler in Gold, einen Donnerkeil in den Krallen haltend. Trotz des warmen Wetters brannte helles Feuer im Kamin, und die heiße Atmosphäre des Raumes war mit Aloeduft geschwängert. In der Mitte des Zimmers stand ein grünbespannter Tisch, auf dem Briefe und aufgeblätterte Akten lagen; an einer Seite des Tisches war ein Schreibpult aufgerichtet; davor saß in einem grünen Lederstuhl der Kaiser und schnitzelte mit einem Federmesser an der hölzernen Armlehne seines Sessels herum. An den Wänden des Zimmers standen einige Offiziere, denen er keine Beachtung schenkte. Kopfschüttelnd blickte er den eintretenden Meneval an.

»Sie haben mich warten lassen, Monsieur de Meneval; das ist bei Ihrem Vorgänger Bourienne nie vorgekommen. Genug! Keine Entschuldigungen. Nehmen Sie den Befehl hier, den ich in Ihrer Abwesenheit selbst niedergeschrieben habe, und kopieren Sie ihn.«

Der arme Meneval ergriff das Papier mit zitternder Hand und ging damit an seinen kleinen, abseitsstehenden Schreibtisch.

Napoleon erhob sich und rannte, die Hände auf dem Rücken in leicht vorgeneigter Haltung, im Zimmer auf und ab. Auf seinen weißen Beinkleidern bemerkte ich einige breite Tintenstriche; offenbar hatte er sie als Federwischer benutzt.

Mich schien er überhaupt nicht zu bemerken. »Nun also, de Meneval, sind Sie endlich fertig?« rief er nach kurzer Zeit. »Wir haben noch anderes zu tun.«

Der Sekretär saß mit dunkelrotem Gesichte ratlos vor dem über und über mit Tinte beklexten Konzepte.

»Ich bitte um Vergebung, Sire,« stammelte er, sich halb umwendend.

»Was gibt's?«

»Ich bitte um Vergebung, Sire, die Schrift ist etwas schwer zu lesen.«

»Sie sehen doch, worauf sich der Befehl bezieht.«

»Jawohl, Sire, auf die Fourage für die Kavalleriepferde.«

Napoleon lächelte beinahe spitzbübisch.

»Sie erinnern mich an Cambacères, de Meneval. Als ich ihm brieflich über die Schlacht bei Marengo berichtete, glaubte er, ich zeige ihm meine bevorstehende Verlobung an. Ich begreife nicht, warum niemand meine Schrift lesen kann. Dieses Dokument hat gar nichts mit Kavalleriepferden zu tun, vielmehr enthält es den Befehl an Admiral Villeneuve, seine Flotte zu konzentrieren und das Kommando im Kanal zu übernehmen. Geben Sie her, ich will es Ihnen vorlesen.«

Mit einer raschen Bewegung riß er de Meneval das Papier aus der Hand, starrte es mit grimmigem Blicke an, knitterte es zusammen und warf es unter den Tisch.

»Ich werde es Ihnen diktieren,« sagte er und sprudelte, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab schreitend, einen wahren Sturzbach von Worten hervor, die der arme Meneval, glühend vor Eifer und Anstrengung, kaum zu Papier bringen konnte. In der Begeisterung über seine eigenen Ideen schrie er immer lauter, trat immer geräuschvoller auf und ergriff endlich den Aufschlag seines rechten Ärmels mit den Fingern derselben Hand, wobei er den Arm in der ihm eigenen Weise krampfhaft verdrehte. Sein Gedankengang war so klar und durchsichtig, daß selbst derjenige, der nichts von der Sache verstand, ihm leicht folgen konnte. Und ganz besonders verblüffte mich seine Kenntnis von allem, was seine Marine betraf. Nicht nur über die Linienschiffe, sondern über jede Fregatte, jede Schaluppe und jeden einzelnen Zweimaster war er gründlich unterrichtet; von jedem Schiffe wußte er genau, ob es in Ferrol, Rochefort, Cadix, Carthagena oder Brest lag, wie seine Bewaffnung beschaffen und wie stark seine Bemannung war; und selbst die Namen aller englischen Schiffe konnte er an den Fingern herzählen. So erschöpfende Sachkenntnis wäre selbst bei einem Seeoffizier erstaunlich gewesen, aber nur ein so alles umfassender Geist wie er konnte in vielen verschiedenen Gebieten gleichzeitig so gründlich bewandert sein. Nach Beendigung seines Diktates wandte er sich plötzlich an mich. Aus seinen Worten ersah ich, daß er mich die ganze Zeit hindurch beobachtet hatte, ohne es mich merken zu lassen.

»Sie scheinen erstaunt, Monsieur de Laval, daß ich meine Marineangelegenheiten erledigen kann, ohne den Marineminister an meiner Seite zu haben. Ich studiere grundsätzlich jeden Fall selbst und handle dann nach eigenem Ermessen. Hätten es die guten Bourbonen auch so gemacht, säßen sie vielleicht jetzt nicht im nebligen England.«

»Man muß das Gedächtnis Eurer Majestät haben, um das leisten zu können,« bemerkte ich.

»Die Stärke meines Gedächtnisses habe ich durch methodische Übung erreicht. Es kommt mir vor, als hätte ich Schubladen im Gehirn, die ich nach Belieben öffnen und schließen kann. Immer finde ich darin, was ich suche. Ich habe ein schlechtes Namen- und Zahlengedächtnis, dagegen erfreue ich mich eines ausgezeichneten Erinnerungsvermögens für Tatsachen und auch für Physiognomien. Es gibt viel zu merken, Monsieur de Laval. Da habe ich zum Beispiel eine Lade voll von Seeschiffen. Eine andere enthält sämtliche Hafenplätze und Festungen Frankreichs. Als Beispiel will ich nur einen Fall erwähnen, wo mein Kriegsminister mir einen Bericht über die Küstenverteidigungswerke vorlas, und ich ihm nachwies, daß er zwei zu einer Batterie in Ostende gehörige Geschütze vergessen hatte. In einer weiteren Lade halte ich die Regimenter Frankreichs verwahrt. Ist diese Lade in Ordnung, Marschall Berthier?«

Ein glattrasierter Offizier, der nägelkauend am Fenster stand, verbeugte sich bei der Frage des Kaisers.

»Manchmal wäre man versucht zu glauben, daß Eure Majestät den Namen jedes gemeinen Soldaten wissen,« sagte er.

»Von den alten Brummbären, den Ägyptern, kenne ich allerdings die meisten mit Namen,« fuhr der Kaiser fort. »Und dann, Monsieur de Laval, gibt es eine Lade für Kanäle, Brücken, Straßen, Fabriken und andere die Verwaltung betreffende Dinge. Die Gesetzgebung, die Finanzangelegenheiten, Italien, die Kolonien, Holland brauchen jedes eine einzelne Lade. Heute, Monsieur de Laval, verlangt Frankreich mehr von seinem Herrscher, als daß er mit Würde den Hermelin zu tragen versteht und Parforcejagden in Fontainebleau abhält.«

Der letzte Bourbon, der schwächliche Louis, mit seiner Vorliebe für Prunk und äußeren Glanz, wäre allerdings – so dachte auch ich – nicht der Mann gewesen, nach all den Umwälzungen die Ordnung in Frankreich wiederherzustellen. Dazu bedurfte es eines schärferen Geistes und einer stärkeren Hand.

»Sind Sie nicht meiner Meinung?« fragte der Kaiser. Er war beim Feuer stehengeblieben und bohrte sich mit einem seiner zierlichen Schuhe in ein brennendes Holzscheit ein.

Ich bejahte seine Frage.

»Es war sehr vernünftig von Ihnen, hierherzukommen,« sagte er. »Sie haben es schon lange vorgehabt, nicht wahr? Sie haben ja einmal in einem Gasthause zu Ashford für mich Partei ergriffen, gelegentlich eines Trinkspruches, den ein junger Mann auf meinen Untergang ausbrachte.«

Es war mir unverständlich, wie ihm dieser Vorfall zu Ohren gekommen sein konnte.

»Warum taten Sie das?«

»Ich tat es instinktiv, Sire.«

»Instinktiv!« wiederholte er verächtlich. »Ich weiß nicht, was die Leute mit diesem Worte sagen wollen. In einer Irrenanstalt handelt man instinktiv, aber nicht unter gesunden Menschen. Warum hätten Sie eine Gefahr auf sich nehmen sollen, um mich zu verteidigen, wenn Sie nicht eine Belohnung von mir dafür erhofft hätten?«

»Ich tat es, weil Sie für das Wohl und den Ruhm meines Vaterlandes arbeiten, Sire.«

Wählend unseres Gespräches ging der Kaiser mit auswärts gedrehtem Arme unablässig im Zimmer auf und ab. Gelegentlich sah er einen von uns durch sein Augenglas an, dessen er sich seiner Kurzsichtigkeit wegen ständig bediente. Manchmal blieb er stehen und versuchte eine Prise aus seiner Schildpattdose zur Nase zu bringen, aber keine erreichte ihr Ziel. Immer ließ er den Tabak auf seine Weste oder auf den Fußboden fallen. Meine Antwort schien ihm übrigens Freude zu bereiten, denn er nahm mich beim Ohr und zog recht kräftig daran.

»Sie haben recht, mein Freund,« sagte er, »ich arbeite für Frankreich wie Friedrich II. für Preußen gearbeitet hat. Ich will es zum Oberhaupt Europas machen. Jeder europäische Monarch soll in Paris sein Palais haben und soll im Zuge mitgehen bei der Krönung meiner Nachfolger . . .« Plötzlich verzog sich sein Gesicht krampfhaft und nahm einen schmerzlichen Ausdruck an. »Mein Gott, für wen arbeite ich? Wer wird mein Nachfolger sein?« murmelte er und strich sich mit der Hand über die Stirn.

»Haben Sie etwas darüber gehört, ob sich die Engländer vor meinem bevorstehenden Einmarsch fürchten?« fragte er plötzlich.

Der Wahrheit entsprechend mußte ich sagen, daß ich eher vom Gegenteil gehört hätte.

»Die Landarmee ist auf die Marine eifersüchtig, wegen ihres Ruhmes,« sagte ich ausweichend.

»Die englische Armee ist ja so klein.«

»Es sind fast lauter Freiwillige, Sire.«

»Ach, Konskribierte!« rief er und machte eine Handbewegung, als ob er sie einfach vom Erdboden hinwegfegen wollte. »Mit hunderttausend Mann lande ich in Kent oder Sussex. In acht Tagen bin ich in London. Die Staatsmänner, Bankiers, Kaufleute und Zeitungsredakteure lasse ich verhaften. Mit ihrem Vermögen errichte ich Stiftungen, begünstige die Armen auf Kosten der Reichen und schaffe mir auf diese Weise rasch Anhänger. Irland und Schottland trenne ich ab und gebe diesen Ländern eine Verfassung, die sie England gegenüber in Vorteil setzt. So säe ich überall Zwietracht. Als Preis dafür, daß ich die Insel wieder verlasse, fordere ich ihre Flotte und sämtliche Kolonien. So sichere ich Frankreich zumindest für ein Jahrhundert die Vorherrschaft in der ganzen Welt.«

In dieser kurzen Skizze kam Napoleons vielseitiger Genius so recht zum Ausdruck. Neben den umfassenden, weitausgreifenden Plänen, die er entwickelte, vernachlässigte er auch nicht das kleinste Detail, das im Bereich der Möglichkeit lag und ihm bei Ausführung seiner Vorsätze zu Hilfe kommen konnte. Fuhr ihm beispielsweise der Gedanke durch den Kopf, den Orient zu überrumpeln, so dachte er im nächsten Augenblick gleich darüber nach, was für Schiffe, Truppen und Kriegsvorräte dazu nötig seien, um den Gedanken in die Tat umzusetzen, und welche Hafenplätze dabei in Betracht kämen. Wie einen Feind, den es zu besiegen gilt, rückte er jeder Frage auf den Leib. Eine wahrhaft dichterische Phantasie war in ihm vereinigt mit dem durchdringenden Verstand eines Geschäftsmannes ersten Ranges. Dies waren die Eigenschaften, die ihm die Welt eroberten.

Nach Beendigung seines Vortrages ließ mich der Kaiser stehen und wandte sich seiner Arbeit zu. Gewiß ließ er mich mit Absicht Zeuge seiner Tätigkeit sein, denn ohne Absicht tat er ja überhaupt nichts. Vielleicht erwartete er, daß ich durch meine Berichte über ihn noch andere in England lebende Emigranten zur Rückkehr nach Frankreich bewegen werde. Stundenlang sprach er in bunter Reihenfolge über die verschiedensten Dinge. Einmal traf er Verfügungen wegen der Winterquartiere für eine ganze Armee; dann wieder besprach er mit Caulaincourt die Kosten seines Haushaltes und die Möglichkeit, einige Karossen zu ersparen.

»Ich will sparsam sein in meinem Hause, des guten Beispiels wegen,« sagte er. »Als Unterleutnant kam ich mit zwölfhundert Frank im Jahre ganz gut aus, und es würde mir auch heute kein Opfer kosten, zu den damaligen kleinen Verhältnissen zurückzukehren. Der übermäßige Aufwand in meinem Hofstaat muß aufhören. Ihren Berichten nach werden täglich hundertfünfundfünfzig Tassen Kaffee getrunken; und eine Tasse Kaffee kommt – das Pfund Zucker zu vier Frank und das Pfund Kaffee zu fünf Frank gerechnet – auf zwanzig Sous. Wir wollen den Leuten lieber eine bestimmte Summe für Kaffee aussetzen. Auch die Stallrechnungen sind zu hoch. Bei den heutigen Futterpreisen müssen in einem Stalle mit zweihundert Pferden sieben bis acht Frank für eins genügen. Ich dulde keine Verschwendung in den Tuilerien.«

So kam er innerhalb weniger Minuten von einer Frage, wo es sich um Milliarden handelte, auf eine Angelegenheit zu sprechen, wo er höchstens ein Paar Sous ersparen konnte, und von der Verwaltung seines Kaiserreiches sprang er auf seine Stallwirtschaft über. Ab und zu warf er mir einen flüchtigen Blick zu, als ob er sich überzeugen wollte, welchen Eindruck seine Tätigkeit auf mich mache. Er schien auf mein Urteil wirklich einiges Gewicht zu legen, was ich damals ganz unbegreiflich fand. Heute freilich, da ich weiß, wie viele junge Edelleute durch mein Beispiel zur Rückkehr in das Vaterland angeregt wurden – heute weiß ich, um wie vieles weiter sein Blick reichte als der meine.

»Nun haben Sie mich bei der Arbeit gesehen, Monsieur de Laval,« sagte er plötzlich, »wollen Sie also in meine Dienste treten?«

»Mit Freuden, Sire,« antwortete ich.

»Ich kann streng sein, wenn ich muß,« fuhr der Kaiser lächelnd fort. »Der Szene mit Admiral Bruix haben Sie ja beigewohnt. Ich verlange eiserne Disziplin, auch von meinen höchsten Offizieren. Der Ärger geht mir aber nie höher als bis hierher,« fügte er hinzu und fuhr sich mit der Hand über den Hals. »Zu Kopfe steigt er mir nie. Dr. Corvisart kann Ihnen sagen, daß ich den langsamsten Puls von allen seinen Patienten habe.«

»Und daß Eure Majestät der schnellste Esser von allen sind,« sagte ein freundlich aussehender Herr mit rundem Gesicht, sein Geflüster mit Marschall Berthier unterbrechend.

»Oho, Sie Schlingel, das bringen Sie mir auf. Wenn ich krank bin, pflege ich dem Doktor zu sagen, daß ich lieber an der Krankheit als an seinen Medikamenten sterben will. Das kann er mir nicht verzeihen. Übrigens ist der Staat schuld daran, wenn ich zu schnell esse; er läßt mir keine Zeit dazu. Dabei fällt mir aber ein . . . Konstant! Ist es schon Essenszeit?«

»Sie ist über vier Stunden vorüber, Sire.«

»So bringe das Essen, sofort.«

»Jawohl, Sire. Monsieur Isabey ist draußen mit seinen Puppen.«

»Ah, die wollen wir gleich besichtigen. Laß ihn herein.«

Ein Mann, dem man ansah, daß er eben von der Reise kam, trat ein. Unter dem Arme trug er einen großen flachen Korb.

»Zwei volle Tage sind vergangen, seitdem ich den Boten an Sie schickte, Monsieur Isabey,« sagte der Kaiser.

»Er ist erst gestern abend in Paris angekommen; und ich reiste sofort ohne Unterbrechung hierher.«

»Haben Sie die Modelle bei sich?«

»Jawohl, Sire,«

»Breiten Sie sie hier auf dem Tische aus.«

Als der Mann den Korb öffnete, sah ich eine ganze Menge etwa fußhoher Puppen darin liegen. Die meisten von ihnen hatten hermelinverbrämte, reich mit Goldschnüren behängte Kostüme aus Samt und Seide. Isabey setzte die Figürchen – es waren meist Modelle für die Uniformen der höchsten Staatswürdenträger – eines nach dem anderen vor dem Kaiser auf den Tisch, und dieser prüfte mit dem ihm eigenen Interesse für Details jedes einzelne auf das genaueste.

»Was ist dies?« fragte er, eine kleine Dame herausgreifend, die ein geblümtes, goldgesticktes Jagdkostüm und eine Mütze mit weißem Federbusch trug.

»Das ist das Jagdkostüm für die Kaiserin.«

»Der Leib könnte etwas länger sein,« sagte Napoleon. Über Frauenkleidung hatte er sehr bestimmte Ansichten. »Diese verdammte Mode scheint das einzige in meinem Reiche zu sein, was ich nicht beeinflussen kann. Mein Schneider Duchesne macht mir die Rockschöße immer um drei Zoll zu kurz, und mit meiner ganzen Armee und Flotte vermag ich nicht, ihn daran zu hindern. – Und was ist dies?«

Er nahm eine besonders prächtige, in Grün gekleidete Puppe in die Hand.

»Das ist der Oberstjägermeister, Sire.«

»Das sind also Sie, Berthier. Wie gefällt Ihnen Ihr neues Kostüm? – Und jenes in Rot?«

»Das ist der Erzkanzler.«

»Und das violette?«

»Das ist der Oberstkämmerer.«

Napoleon spielte mit den Puppen wie ein Kind; er bildete Gruppen aus ihnen, als ob er sehen wollte, wie sich seine Würdenträger in ihren Uniformen ausnähmen, wenn sie untereinander plauderten. Dann warf er sie alle wieder in den Korb.

»Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Isabey,« sagte er. »Legen Sie Ihre Zeichnungen den Hofschneidern vor, damit sie den Überschlag machen. Lenormand können Sie sagen, daß ich ihn einsperren lasse, wenn er nochmals eine so hohe Rechnung zu senden wagt wie unlängst für die Kaiserin. Fünfundzwanzigtausend Frank würden auch Sie, Monsieur de Laval, für eine einzige Toilette nicht zahlen, und wäre sie selbst für Mademoiselle Eugenie de Choiseul bestimmt.«

Was konnten ihm meine Herzensangelegenheiten sein inmitten des Kriegslärms und der verzweifelten Kämpfe ganzer Nationen? Erstaunt und bestürzt zugleich sah ich ihn an. Auf seinen Lippen lag wieder das schelmische, knabenhafte Lächeln, das ich schon einmal an ihm gesehen hatte, als er von der sonderbaren Deutung seiner eigenhändig geschriebenen Briefe sprach. Er legte mir seine kleine fleischige Hand auf die Schulter und sah mich freundlich an. Wie immer, wenn ihn etwas belustigte, erschienen seine Augen ganz hellblau, dieselben Augen, die stahlgrau wurden in Momenten der Aufregung und merkwürdig dunkel, wenn ernste Erwägungen ihn beschäftigten.

»Es wunderte Sie, Monsieur de Laval, als ich Ihnen vorhin von Ihrem Renkontre mit dem Engländer sprach, und meine Kenntnisse über eine gewisse junge Dame scheinen Sie noch mehr in Erstaunen zu versetzen. Sie müssen eine schlechte Meinung von meinen englischen Kundschaftern haben, wenn Sie annehmen, ich sei in so wichtigen Angelegenheiten nicht unterrichtet.«

»Ich begreife nicht, Sire, warum man Ihnen über so belanglose Dinge berichtet, und warum Sie dieselben auch nur einen Augenblick im Gedächtnis behalten?«

»Sie sind jedenfalls ein bescheidener junger Mann, und ich hoffe, Sie werden diese liebenswürdige Eigenschaft an meinem Hofe nicht einbüßen. Sie glauben also wirklich, daß mir Ihre Privatverhältnisse gleichgültig sind?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, welches Interesse Sie daran haben sollten, Sire.«

»Sagen Sie mir, wie ist der Name Ihres Großonkels?«

»Kardinal de Laval de Montmorency.«

»Und wo lebt er?«

»In Deutschland.«

»Statt Bischof von Paris zu sein, wozu ich ihn haben möchte. Und wie heißt Ihr nächster Vetter?«

»Fürst Rohan.«

»Und wo lebt dieser?«

»In London.«

»Jawohl, in London und nicht in den Tuilerien, wo er alles haben könnte, wonach sein Herz begehrt. Ob ich wohl ebenso treue Anhänger hätte, wie die Bourbonen, wenn ich fallen sollte? Würden sie mir in die Verbannung folgen und bei mir ausharren bis zu meiner Rückkehr auf den Thron Frankreichs? Kommen Sie, Berthier!« Er faßte mit der ihm eigenen einschmeichelnden Geste seinen Günstling am Ohr. »Könnte ich auf Sie zählen, Sie Schlingel, wie?«

»Ich weiß nicht, um was es sich handelt, Sire.«

Wir hatten unser Gespräch so leise geführt, daß die anderen nichts davon verstanden hatten; jetzt aber horchten sie auf Berthiers Antwort.

»Wenn man mich aus Frankreich vertreiben sollte, würden Sie mir in die Verbannung folgen?«

»Nein, Sire.«

»Sapristi, Sie sind wenigstens aufrichtig.«

»Ich könnte nicht mitgehen, Sire.«

»Warum?«

»Weil ich tot wäre.«

Napoleon lachte.

»Und da gibt es Leute, die finden, daß Berthier langsamen Geistes sei. Ich glaube Ihrer sicher zu sein, Berthier, denn so gern ich Sie aus persönlichen Gründen habe, wären Sie für irgend jemand anderen nicht viel wert. Das könnte ich von Ihnen, Monsieur Talleyrand, nicht behaupten. Sie würden zu einem anderen Gebieter ebenso rasch übergehen, wie Sie von einem früheren zu mir übergegangen sind. Sie sind ein Genie, was die Anpassungsfähigkeit betrifft.«

Solche Szenen, die der Kaiser öfter zu veranstalten liebte, pflegten den Anwesenden großes Mißbehagen zu verursachen, da man nie wissen konnte, wen er sich im nächsten Augenblick als Zielscheibe einer ähnlichen höhnischen Frage aussuchen werde. Diesmal überwog die Neugier auf Talleyrands Antwort alle anderen Besorgnisse. Denn Napoleons Bemerkung beruhte auf Wahrheit, und es mochte dem berühmten Staatsmann nicht leicht werden, sich aus der Schlinge zu ziehen. Talleyrand stand ganz ruhig in vorgeneigter Haltung da und stützte sich auf seinen Stock. Auf den Lippen hatte er ein heiteres Lächeln, als wären ihm soeben die schönsten Komplimente gesagt worden. Eine der achtungswerten Eigenschaften dieses Mannes war es ja, daß er Napoleon wie einen Gleichgestellten behandelte und sich niemals so weit herabließ, vor ihm zu kriechen und ihm zu schmeicheln.

»Sie glauben, Sire, daß ich Sie verraten würde, wenn Ihre Feinde mir mehr böten als Sie?«

»Ich bin dessen sicher.«

»Ich kann wirklich für mich nicht gutstehen, solange ich kein Angebot habe. Es müßte jedenfalls ein glänzender Antrag sein. Denn außer meinem reizenden Palais in der Rue St. Florentin und den zweihunderttausend Frank Jahresrente, die ich von Ihnen beziehe, Sire, bekleide ich die Stellung des ersten Staatswürdenträgers in ganz Europa. Man müßte mir also mindestens einen Königsthron anbieten, um meine Stellung weiter zu verbessern.«

»Da habe ich Sie allerdings ziemlich sicher,« sagte Napoleon, ihn bedeutungsvoll anblickend. »Und nun noch eins: Sie müssen Madame Grand heiraten oder das Verhältnis mit ihr lösen; ich dulde keinen Skandal an meinem Hofe.«

Es war mir peinlich, so heikle Angelegenheiten öffentlich besprechen zu hören, aber dieser außerordentliche Mann kümmerte sich wenig um das, was kleinere Geister Zartgefühl und guten Geschmack zu nennen pflegen. Seiner Meinung nach waren solche Empfindungen von den Durchschnittsmenschen nur dazu erfunden, um dem Genius die Flügel zu stutzen. Es gab keine Frage aus dem Privatleben, von der Wahl der Gattin bis hinab zur Abfertigung einer Mätresse, die dieser sechsunddreißigjährige Diktator nicht besprechen und endgültig erledigen zu dürfen glaubte. Wieder erschien das unergründliche Lächeln auf Talleyrands Gesicht.

»Gegen die Ehe habe ich eine unüberwindliche Abneigung, Sire; vielleicht in Erinnerung an meinen einstigen Beruf.«

Napoleon lachte.

»Manchmal vergesse ich wirklich, daß ich in Ihnen den einstigen Bischof von Autun vor mir habe,« sagte er. »Vielleicht wird der Papst mir zuliebe – in Anerkennung einiger Aufmerksamkeiten, die ich ihm bei der Krönung erwies – in diesem Falle Nachsicht üben. Sie ist eine gescheite Frau, diese Madame Grand, sie versteht zuzuhören.«

Talleyrand zuckte die Achseln.

»Die Klugheit einer Frau ist nicht immer ein Vorteil. Eine gescheite Frau kompromittiert ihren Gatten, eine dumme nur sich selbst.«

»Die verständigste Frau,« sagte Napoleon, »ist jene, die ihren Verstand zu verbergen weiß. Die Frauen sind in Frankreich immer eine Gefahr gewesen, weil sie klüger sind als die Männer. Sie wollen nicht begreifen, daß wir ihr Herz und nicht ihren Kopf brauchen. Jeder Monarch, der sich durch Weiber beeinflussen ließ, ging an ihnen zugrunde. Denken Sie nur an Heinrich IV. und Louis XIV. Alle Frauen sind idealistisch und sentimental angelegt, sie leben wie im Traum, sind überspannt und tatendurstig, aber ihr Vorgehen entbehrt der Logik und der Voraussicht. Sehen Sie einmal diese verdammte Madame de Staël! Sehen Sie die Salons im Quartier St. Germain! Dieser ewige Tratsch verursacht mir mehr Unannehmlichkeiten als die ganze englische Flotte. Warum bleiben sie nicht bei ihrer Näherei und bei ihren Kindern? Nun, Monsieur de Laval, sind Sie nicht empört über meine Ansichten?«

Die Frage war nicht leicht zu beantworten. Daher schwieg ich lieber.

»Sie sind noch zu jung, um genügende Erfahrungen zu besitzen,« sagte der Kaiser. »Damals, als die blöden Pariser über die Mesalliance zwischen der Witwe des berühmten Generals Beauharnais und dem unbekannten Bonaparte die Köpfe schüttelten, damals dachte ich gerade so, wie Sie heute denken, Monsieur de Laval. Welch herrlicher Traum war das! Auf meiner Reise von Mailand nach Mantua schrieb ich in jedem der an der Straße liegenden neun Wirtshäuser einen Brief an meine Frau. Neun Briefe an einem Tage! – Aber später fällt man aus seinen Himmeln und gewöhnt sich, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.«

Welch ein herrlicher Jüngling mußte der gewesen sein, ehe er gelernt hatte, die Dinge zu nehmen, wie sie sind! Wie schal ist ein Leben ohne Ideale und ohne Romantik!

Ein tiefer Schatten lagerte sich auf die Züge des Weltherrschers, als sehnte er sich zurück nach dem stillen, innerlichen Glück seines einstigen Lebens, das ihm aller Glanz und Reichtum nicht ersetzen konnte. Vielleicht hatten ihm die Briefe, die er in jenen Gasthäusern schrieb, mehr Freude bereitet als alle seine Siege und Eroberungen. Bald aber verschwand die Empfindsamkeit, die ihn übermannt hatte, und er kam wieder auf meine Angelegenheiten zu sprechen.

»Mademoiselle Eugenie ist die Nichte des Duc de Choiseul, nicht wahr?«

»Jawohl, Sire.«

»Sie sind mit ihr verlobt?«

»Jawohl, Sire.«

Er schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Wenn Sie an meinem Hofe vorwärtskommen wollen, müssen Sie die Ordnung derartiger Angelegenheiten mir überlassen. Ich kann eine Ehe zwischen Emigranten nicht zugeben; sie wäre doch nur ein Bündnis gegen mich.«

»Eugenie teilt meine politische Überzeugung, Sire.«

»In diesem Alter hat man keine politische Überzeugung. Aber in Ihren Adern fließt das Blut der Emigranten; und das kommt früher oder später einmal zum Vorschein. Für Ihre Verheiratung werde ich Sorge tragen, Monsieur de Laval. Ich wünsche, daß Sie nach Pont de Briques kommen, damit ich Sie der Kaiserin vorstelle. – Was gibt's, Konstant?«

»Eine Dame ist draußen und bittet vorgelassen zu werden. Soll ich sie für später bestellen?«

»Eine Dame!« rief der Kaiser lächelnd. »Wir sehen hier im Lager nur selten ein Gesicht ohne Schnurrbart. Wer ist sie? Was will sie von mir?«

»Ihr Name, Sire, ist Sibylle Bernac.«

»Wie?« lief Napoleon, »Die Tochter des alten Bernac auf Grobois? Das ist der Bruder Ihrer Mutter, Monsieur de Laval, nicht wahr?«

Ich mußte errötet sein, denn der Kaiser sah mir die Scham sofort an. »Nun ja, er treibt gerade kein sauberes Handwerk; aber ich brauche ihn sehr notwendig. Er ist gegenwärtig Besitzer von Grobois, was der Erbfolge nach Ihnen zukäme, nicht wahr?«

»Jawohl, Sire.«

»Ich hoffe, Sie treten nicht deshalb in meine Dienste, um Ihre Güter zurückzubekommen?«

»Nein, Sire. Ich will mir aus eigener Kraft einen Weg bahnen.«

»Es ist ehrenvoller, eine Familie zu begründen, als eine solche zu erhalten,« sagte der Kaiser. »Ich kann Ihnen übrigens Ihre Güter nicht zurückgeben; finge ich mit der Wiederherstellung alter Rechte an, so gäbe es kein Aufhören. Das würde die öffentliche Ordnung erschüttern. Auch sind die konfiszierten Adelsgüter sämtlich in Händen meiner Anhänger. Ihr Onkel wird, wie alle anderen, seine Ländereien behalten, solange er mir ergeben ist. – Aber was mag die junge Dame von mir wünschen? Führe sie herein, Konstant.«

Gleich darauf betrat Sibylle das Zimmer. Ihr Gesicht war blaß und starr, aber in ihren Augen lag Entschlossenheit, und ihr Auftreten war wahrhaft fürstlich.

»Nun, Mademoiselle, was führt Sie zu mir? Was wünschen Sie?« fragte der Kaiser in barschem Tone, den er Frauen gegenüber immer annahm, selbst dann, wenn er um eine warb.

Sibylle blickte um sich, und meine Anwesenheit schien ihren Mut zu heben.

Sie sah dem Kaiser tapfer ins Gesicht.

»Ich komme, Sire, um eine Gnade zu erbitten.«

»Ihr Vater hat zweifellos Verdienste um mich, Mademoiselle. Was wünschen Sie also?«

»Ich bitte nicht im Namen meines Vaters. Lucien Lesage ist wegen Hochverrats in Haft. Ich beschwöre Sie, Sire, ich flehe Sie an, schenken Sie ihm das Leben. Er ist ein Träumer, der nicht in der wirklichen Welt lebt, er ist ein willenloses Werkzeug in den Händen seiner Verführer.«

»Ein Träumer!« rief der Kaiser heftig. »Das sind die gefährlichsten.« Er nahm ein Bündel Akten vom Tisch und überflog sie.

»Ich nehme an, Mademoiselle, daß Lesage das Glück hat, Ihr Geliebter zu sein?«

Flammende Röte ergoß sich über Sibylles bleiches Gesicht, und sie senkte die Augen vor dem höhnischen Blick des Kaisers.

»Den Bericht über sein Verhör habe ich hier. Er macht gerade nicht den besten Eindruck. Soweit ich den Charakter des jungen Mannes beurteilen kann, ist er Ihrer Liebe nicht wert.«

»Schenken Sie ihm das Leben, Sire, ich beschwöre Sie.«

»Sie verlangen Unmöglichkeiten, Mademoiselle Bernac. Früher haben sowohl Bourbonen als Jakobiner gegen mich konspiriert. Meine Duldsamkeit hat sie beide noch angeeifert und ermutigt. Seit der Hinrichtung Cadoudals und des Duc d'Enghien geben die Bourbonen Ruhe. Daher will ich den anderen eine ähnliche Lehre erteilen.«

Daß ein so feiger, niedrigdenkender Mensch wie Lucien die leidenschaftliche Liebe dieses edlen, tapferen Mädchens erringen konnte, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht war es die Wirkung jenes sonderbaren Gesetzes von der Anziehung, die gegensätzliche Charaktere aufeinander ausüben.

Bei der strengen Antwort des Kaisers wich der letzte Schein von Farbe aus Sibylles Gesicht; ihre Augen füllten sich mit Tränen, die, auf ihren weißen Wangen herabfließend, glänzten wie Tautropfen auf den Kelchen der Lilien. »Um Gottes willen, Sire! Bei der Liebe zu Ihrer Mutter beschwöre ich Sie, schonen Sie sein Leben,« rief sie, auf die Knie fallend. »Ich stehe gut für ihn, daß er nichts Böses tut.«

»Ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen, Mademoiselle,« schrie er, sich ärgerlich auf dem Absatz umwendend und ungeduldig im Zimmer auf und ab schreitend.

»Wenn ich etwas sage, so gilt es. Eine Einmischung von seiten der Frauen in meine Entschließungen kann ich nicht zulassen. Die Jakobiner sind gefährlich, und ich muß ein Exempel statuieren; sonst fällt ihnen am Ende Faubourg St. Antoine wieder in die Hände.«

Napoleons entschlossenes Gesicht und der entschiedene Ton seiner Sprache ließen alles Bitten hoffnungslos erscheinen. Trotzdem hörte Sibylle nicht auf zu flehen, wie es nur ein Weib tun kann, das um das Leben des Geliebten kämpft.

»Er ist ganz harmlos, Sire.«

»Sein Tod wird die anderen abschrecken.«

»Schonen Sie ihn, Sire. Ich hafte für seine Ergebenheit.«

»Sie verlangen Unmögliches.«

Konstant und ich hoben das Mädchen vom Boden auf.

»So ist es recht, Monsieur de Laval,« sagte Napoleon. »Es wäre nutzlos, über diese Sache noch länger zu sprechen. Führen Sie Ihre Cousine aus dem Zimmer.«

Sibylle aber wandte sich nochmals an den Kaiser. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

»Sire,« schrie sie. »Sie sagen, es müsse ein Exempel statuiert werden. Da ist doch Toussac . . .«

»Ja, wenn ich Toussac in die Hände bekommen könnte!«

»Er ist der Gefährliche. Er und mein Vater haben Lucien verführt. Den Schuldigen, nicht den Unschuldigen soll man bestrafen.«

»Schuldig sind beide. Und abgesehen davon, wir haben nur einen in der Hand.«

»Und wenn ich Ihnen Toussac überliefere?«

Napoleon dachte einen Augenblick nach.

»Wenn Sie das imstande sind, Mademoiselle, dann soll Lesage frei sein.«

»Ich brauche aber Zeit dazu.«

»Wie viel Zeit verlangen Sie?«

»Mindestens eine Woche.«

»Dann soll, die Hinrichtung um eine Woche aufgeschoben werden. Wenn Sie Toussac in dieser Zeit zur Stelle bringen, begnadige ich Lesage. Wenn nicht, so stirbt er am achten Tage. Und nun genug. Führen Sie Ihre Cousine hinaus, Monsieur de Laval, ich habe Wichtigeres zu tun. Halten Sie sich bereit, an einem der nächsten Abende nach Pont de Briques zu kommen, damit ich Sie der Kaiserin vorstelle.«

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