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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 11
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
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secondcorrectorGerd Bouillon
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Elftes Kapitel.

Napoleons Privatsekretär.

Der Kaiser, seine Generale und sämtliche Offiziere verließen das Zelt und strömten dem Paradefeld zu. Ich jedoch blieb mit einem Herrn zurück, der sich mir als Monsieur de Meneval, Privatsekretär Seiner Majestät, vorstellte. Er war ganz schwarz gekleidet bis auf die saubere, weiße Hemdkrause, und blickte mich mit seinen großen Augen freundlich an.

»Vor allem müssen wir etwas essen, Monsieur de Laval,« sagte er. »Wer mit dem Kaiser zu tun hat, muß jede freie Minute benutzen, um sich im vorhinein satt zu essen. Er nimmt oft viele Stunden lang nichts zu sich, und man muß mit ihm fasten. Ich bin schon halbtot vor Hunger und Durst.«

»Aber wie hält der Kaiser das aus?« fragte ich. Das einschmeichelnde Wesen de Menevals machte mich vertraulich.

»Ach, das ist ein eiserner Mann, Monsieur de Laval. Mit ihm kann man sich nicht messen. Einmal hat er achtzehn Stunden lang unausgesetzt gearbeitet, ohne etwas anderes als eine Tasse Kaffee zu sich zu nehmen. Der hält mehr aus als jeder andere; nicht einmal die Soldaten können es mit ihm aufnehmen. Mein Amt als Sekretär seiner Majestät ist gewiß ehrenvoll über die Maßen, aber bisweilen geht die Arbeit über meine Kräfte. Unlängst einmal diktierte er mir bis gegen Mitternacht; der Kopf schmerzte mir rasend, und ich kämpfte mit dem Schlafe. Man muß nur wissen, was es heißt, seinem Diktat zu folgen; er diktiert so schnell er nur sprechen kann und wiederholt kein Wort. Da hält er plötzlich inne und sagt: ›Jetzt wollen wir schließen, de Meneval, um uns ordentlich auszuschlafen.‹ Glücklich über die schöne Aussicht ans einen recht langen Schlaf erhebe ich mich; der Kaiser aber fährt fort: ›Und morgen früh um drei Uhr wollen wir das Diktat fortsetzen.‹ Das ist es, was er unter Ausschlafen versteht.«

»Aber er hat doch bestimmte Stunden für seine Mahlzeiten, Monsieur de Meneval?« fragte ich, an der Seite des unglücklichen Sekretärs das Zelt verlassend.

»Bestimmte Stunden hat er wohl, aber er hält sie nicht ein. Jetzt beispielsweise ist die Dinerstunde längst vorüber, und er geht zur Revue. Nach seiner Rückkehr wird vermutlich irgend etwas seine Aufmerksamkeit erregen und dann vielleicht wieder etwas anderes, bis ihm dann abends plötzlich einmal einfällt, daß er noch nicht gespeist hat. ›Mein Diner, Konstant, schnell,‹ ruft er dann, und der arme Konstant kann sehen, wie er es zustande bringt.«

»Da muß ja das Essen ganz ungenießbar sein,« sagte ich.

Der Sekretär lachte in sich hinein, wie es Leute zu tun pflegen, die ihre Gefühlsausbrüche zu unterdrücken gewöhnt sind.

»Das ist die kaiserliche Küche,« sagte er, auf ein großes Zelt gleich neben dem Hauptquartier weisend. Am Eingang stand der Unterkoch Borel.

»Beim wievielten Huhn halten Sie, Borel?«

»Ach, Monsieur de Meneval, es ist wirklich herzzerreißend,« schrie der Koch. »Da schauen Sie her!« Mit diesen Worten zog er den Vorhang des Zeltes zurück und zeigte uns sieben Schüsseln, deren jede ein kaltes Huhn enthielt. »Das achte ist auch gleich fertig; und nun ist der Kaiser wieder zur Revue gegangen. Da muß ich also ein neuntes an den Spieß stecken.«

»So wird's gemacht,« sagte mein Begleiter, sich von dem Zelte abwendend. »Einmal sollen vierundzwanzig Hühner gebraten worden sein, ehe er sein Diner verlangte. Damals hat er um elf Uhr nachts gespeist. Er hält wenig darauf, was er zu essen bekommt, nur warten darf man ihn nicht lassen. Eine halbe Flasche Chambertin, ein Fisch oder ein Huhn genügt ihm vollkommen. Crème oder dergleichen ihm vorzusetzen, wäre unklug, er äße sie vor dem Huhn. Aber sehen Sie einmal dorthin; was, glauben Sie, hat das zu bedeuten?«

Mit einem Ausruf des Erstaunens blieb ich stehen. In einem der zwischen den Zelten hindurchführenden Gäßchen ritt ein Groom auf einem prachtvollen Araber in scharfem Galopp. An dem Wege stand ein Grenadier mit einem lebenden Schweinchen unter dem Arm und schleuderte es dem Pferde unter die Füße. Das Schweinchen quiekte laut und humpelte davon, während das Pferd unbeirrt weitergaloppierte.

»Was soll das?« fragte ich.

»Das ist Jardin, der Leibgroom des Kaisers; er reitet das Pferd für ihn zu. Der Kaiser hat keinen sonderlich festen Sitz und verliert sich während des Reitens manchmal in seine Gedanken, so daß ihn ein scheues Tier leicht abwerfen könnte. Die Pferde müssen daher für ihn eigens trainiert werden. Zunächst schießt man Kanonen unmittelbar neben dem Ohre der Tiere ab, dann bewirft man sie mit Steinen, und endlich schleudert man ihnen etwas Lebendes zwischen die Füße, wie Sie es eben gesehen haben. Erst dann, wenn ein Tier alle diese Proben besteht, ohne sich in seiner ruhigen Gangart beirren zu lassen, ist es zum Gebrauch für den Kaiser geeignet. Und nun schauen Sie einmal dorthin. Sehen Sie den jungen Mann, der dort vor dem Zelte schläft?«

»Freilich sehe ich ihn.«

»Würden Sie glauben, daß auch er in diesem Augenblick dem Kaiser einen Dienst leistet?«

»Einen sehr leichten Dienst jedenfalls.«

»Ich wollte, Ihr Dienst wäre kein schwererer, Monsieur de Laval. Das ist Joseph Linden, der genau den Fuß des Kaisers hat. Er trägt die Schuhe des Kaisers drei Tage lang, ehe dieser selbst sie anzieht. An den goldenen Schnallen erkenne ich, daß auch die Schuhe, die er eben jetzt anhat, Seiner Majestät gehören. Oh, Monsieur de Caulaincourt, wollen Sie nicht mit uns speisen?«

Ein großer, hübscher und sehr elegant gekleideter Herr kam grüßend auf uns zu.

»Sind Sie auch einmal dienstfrei, Monsieur de Meneval? Als Hofmarschall habe ich gerade genug zu tun, aber mehr Muße als Sie habe ich doch. Haben wir noch Zeit, vor Rückkunft des Kaisers zu speisen?«

»Gewiß; hier ist mein Zelt, und alles ist bereit. Von hier aus sehen wir den Kaiser, wenn er zurückkommt, und können vor ihm in seinem Zimmer sein. Wir haben nur Lagerkost, Monsieur de Laval, hoffentlich werden Sie damit vorliebnehmen?«

Ich fand die Koteletten und den Salat ganz ausgezeichnet; aber mehr noch interessierte mich das Gespräch der Herren, die mit mir speisten. Alle Einzelheiten aus dem Leben des unvergleichlichen Mannes, dessen Genius die Welt erobert hatte, nahmen mein Interesse in Anspruch. Der Leiter seines Hofstaates sprach sehr freimütig über ihn.

»Was sagt man in England über Napoleon, Monsieur de Laval?« fragte er.

»Nicht viel Gutes.«

»Das weiß ich aus den Zeitungen. Sie bringen den Kaiser in Wut, aber er will sie durchaus alle lesen. Ich möchte wetten, das erste, was er in London tut, ist, daß er Kavalleriedetachements zu den Zeitungsredaktionen entsendet und die Herausgeber verhaften läßt.«

»Und dann?«

»Dann wird er sofort eine Proklamation erlassen, um den Engländern klarzumachen, daß er England, wenn auch gegen den Wunsch seiner Bewohner, doch einzig und allein zu ihrem Vorteil erobert habe. Und weiter wird er ihnen, falls sie durchaus einen protestantischen Herrscher zu haben wünschen, zu verstehen geben, daß seine religiösen Anschauungen nur in einigen unwesentlichen Punkten von den Satzungen ihrer heiligen Kirche abweichen.«

»Sie sind boshaft, zu boshaft,« rief de Meneval, belustigt und zugleich erschreckt über die kühnen Reden des andern. »Zweifellos hat der Kaiser aus Gründen der Staatsräson mit den Mohammedanern paktiert, und mit der St. Pauls-Kirche wird er dasselbe tun; engherzig darf ein Weltherrscher nicht sein, übrigens brauchen wir uns über sein Vorgehen nicht den Kopf zu zerbrechen; er denkt für uns alle.«

»Er denkt zu viel,« sagte Caulaincourt ernst; »so viel, daß wir anderen das Denken ganz verlernen. Sie wissen, was ich meine, Monsieur de Meneval, Sie kennen die Verhältnisse so gut wie ich.«

»Sehr richtig,« antwortete der Sekretär. »Zur Selbständigkeit regt er seine Umgebung nicht an. Aus seinem eigenen Munde weiß ich, daß er bei seinen Untergebenen nur Mittelmäßigkeit wünscht; ein nettes Kompliment übrigens für uns, die wir die Ehre haben, in seinen Diensten zu stehen.«

»Ein gescheiter Mann an seinem Hofe zeigt seinen Verstand am besten dadurch, daß er sich dumm stellt,« sagte Caulaincourt bitter.

»Und doch gibt es hervorragende Menschen hier im Lager,« bemerkte ich.

»Sie bleiben aber nur deshalb hier, weil sie ihre Gescheitheit zu verbergen wissen. Seine Minister sind Schreiber, seine Generale höhere Adjutanten. Sie sind nur seine ausführenden Organe. Wie Spiegel stehen sie um ihn herum, deren jeder das Abbild seiner glänzenden Persönlichkeit von einer anderen Seite zeigt. In einem Spiegel erscheint er als Finanzmann und heißt Lebrun. In einem anderen sehen wir ihn als Krieger, da nennt er sich Savary oder Fouché; in einem dritten endlich wird er in der Gestalt eines Diplomaten sichtbar und führt den Namen Talleyrand. Lauter verschiedene Masken für ein und denselben Mann. Da gibt es zum Beispiel einen gewissen Monsieur de Caulaincourt; er leitet das kaiserliche Hauswesen, aber keinen Lakaien darf er auf eigene Faust entlassen. Immer behält sich der Kaiser das letzte Wort vor. Und mit uns spielt er – wie mit Puppen. Ja, ja, Monsieur de Meneval, gestehen wir es uns nur ein, er spielt mit uns. Einen Marschall hetzt er gegen den anderen auf; kaum zwei von ihnen sprechen ein Wort miteinander. Sehen Sie nur, wie Davoust Bernadotte haßt, und wie feindlich Lannes und Bessières oder Ney und Masséna sich gegenüberstehen. Am liebsten gingen sie mit dem Säbel aufeinander los. Auch unsere Schwächen kennt er genau. Savarys Geldgier, Cambacères Eitelkeit, Durocs Grobheit, Berthiers Verrücktheit, Marets Abgeschmacktheit, Talleyrands Spekulationswut – alles nützt er für seine Zwecke aus. Ich weiß nicht, welche Schwächen ich selbst habe, aber er kennt sie bestimmt und zieht Vorteil daraus.«

»Seine Arbeitskraft muß ja übermenschlich sein,« rief ich aus.

»Das kann man wirklich von ihm sagen,« antwortete de Meneval. »Wochen hindurch achtzehn Stunden Arbeit am Tage. Bei den gesetzgeberischen Beratungen, denen er präsidierte, wurden beinahe alle Teilnehmer ohnmächtig vor Erschöpfung. Und auch mich wird er zugrunde richten wie meinen Vorgänger Bourienne; aber ich will ohne Murren auf meinem Posten ausharren, bis ich erliege. Denn er ist gegen die anderen nicht härter als gegen sich selbst.«

»Er war der richtige Mann für Frankreich,« sagte de Caulaincourt; »denn er ist der Genius der Ordnung und Disziplin selbst. Wer sich an das trostlose Chaos erinnert, in das Frankreich nach der Revolution geraten war, an die unhaltbaren Zustände jener Zeit, wo jeder befehlen und keiner gehorchen wollte, der muß sich klar darüber sein, daß nur ein Napoleon das Vaterland retten konnte. Wir alle sehnten uns nach einer festen Stütze, an die wir uns klammern könnten, bis wir sie endlich fanden an ihm, an diesem eisernen Mann! Und was für ein Mann er war in jenen Tagen, Monsieur de Laval! Jetzt, da er alles erreicht hat, was er sich nur wünschen konnte, jetzt ist er fröhlich und guter Laune. Damals aber hatte er noch nichts erreicht und begehrte die Welt. Sein Blick versetzte die Weiber in Schrecken. Wie ein Wolf strich er durch die Straßen; alle Leute blieben stehen und sahen ihm nach. Hohlwangig, tiefe Furchen im Gesicht schlich er dahin und blickte einen mit düsterem, drohendem Ausdruck von der Seite an. Ja, eine ganz eigenartige Erscheinung war er, dieser kleine, kaum der Schule entwachsene Leutnant. Aus dem wird einmal ein mächtiger Herrscher, so sagte ich bei seinem Anblick, oder er endet auf dem Schafott. Und nun sehen Sie, was aus ihm geworden ist.«

»Und das alles in zehn Jahren,« rief ich aus.

»Nur zehn Jahre hat er gebraucht, um den Weg von der Kaserne zu den Tuilerien zurückzulegen. Aber er war zum Herrscher geboren. Nichts hätte ihn zurückhalten können. Wie de Bourienne erzählt, trug er schon in der Kadettenschule zu Brienne als kleiner Junge den zukünftigen Kaiser zur Schau: er lobte und tadelte seine Kameraden, sah sie zürnend an und lächelte ihnen zu, ganz wie er es heute tut. Kennen Sie seine Mutter, Monsieur de Laval? Eine wahre Heldenmutter, stattlich, ernst, zurückhaltend und schweigsam. Von ihr hat er den Charakter.«

Den Sekretär schienen die freimütigen Worte Caulaincourts etwas in Unruhe zu versetzen; dies sah ich ihm an den Augen an.

»Die Tyrannei, unter der wir leben, kann nicht so arg sein, Monsieur de Laval,« sagte er, »sonst wären wir vorsichtiger mit unseren Reden. Ich möchte sogar behaupten, der Kaiser hätte unser Gespräch ruhig anhören können; es hätte ihm gewiß Vergnügen bereitet, und möglicherweise hätte er auch seine Zustimmung zu erkennen gegeben. Er hat ja seine kleinen Fehler wie jeder Mensch; aber als Herrscher rechtfertigt er das Vertrauen seiner Nation wie kein anderer. Er arbeitet mehr als irgendeiner seiner Untertanen. Als Anführer verehren ihn die Soldaten, bei seiner Dienerschaft ist er sehr beliebt. Einen mäßigeren Esser und Trinker als ihn gibt es in den Tuilerien nicht. Seine Brüder ließ er auf eigene Kosten erziehen, zu einer Zeit, da er selbst noch nicht viel hatte, und auch allen entfernten Verwandten verhalf er zum Wohlstande. Kurz gesagt, er ist sparsam, arbeitsfreudig und äußerst mäßig. Danach, was man in den Zeitungen liest, Monsieur de Laval, kann der Prinz von Wales den Vergleich mit ihm nicht bestehen.«

Ich erinnerte mich aller der Skandale in Brighton, London und Newmarket, in die der Name des Prinzen Georg verflochten war, und machte keinen Versuch, ihn zu verteidigen.

»Soviel ich weiß,« sagte ich, »greifen die Engländer nicht das Privatleben des Kaisers, sondern seine politische Tätigkeit an.«

»Das eine steht fest,« sagte Caulaincourt, »der Kaiser und wir alle sind der Ansicht, daß Frankreich und England nebeneinander nicht bestehen können. Eines oder das andere muß die Oberhand haben. Wenn England niedergeworfen ist, können wir damit beginnen, die Fundamente des ewigen Friedens zu errichten. Italien gehört bereits uns. Österreich besiegen wir leicht ein zweites Mal. Deutschland ist zerstückelt. Rußland mag sich nach Osten und Süden ausbreiten. Amerika können wir nehmen, wenn wir gerade Zeit haben; den Vorwand für einen Angriff gibt Kanada oder Louisiana jederzeit ab. So steht uns die ganze Welt offen; nur diese Dinger da drüben halten uns auf.« Er wies durch die Zeltöffnung hinaus auf den breiten blauen Kanal. Weit draußen leuchteten wie schneeweiße Möwen die Segel der englischen Blockadeflotte. Wieder stieg das Bild von gestern in mir auf; die Lichter auf den Schiffen inmitten bei See und der farbige Widerschein der Sonne auf den Zelten des Lagers.

Frankreich und England standen einander Auge in Auge gegenüber, und die ganze Welt richtete ihre Blicke gespannt auf sie.

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