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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Siebentes Kapitel.

Oliver bleibt widerspenstig.

Noah Claypole unterbrach seinen hastigen Lauf nicht ein einziges Mal und kam ganz atemlos vor dem Tor des Armenhauses an. Hier blieb er einen Augenblick stehen, um sein Gesicht in möglichst klägliche Falten zu legen, klopfte dann laut an die Pforte und zeigte dem öffnenden Armenhäusling eine so jammervolle Miene, daß selbst dieser, der sein ganzes Leben lang nichts als jammervolle Mienen um sich gesehen hatte, erschrocken zurückfuhr und fragte: »Was hast du denn nur, Junge?«

»Mr. Bumble, Mr. Bumble!« rief Noah in gut geheuchelter Angst und in so lautem, erregtem Tone, daß Mr. Bumble, der zufällig in der Nähe war, es nicht nur hörte, sondern auch dadurch in solche Aufregung geriet, daß er ohne seinen dreieckigen Hut in den Hof stürzte – ein deutlicher Beweis dafür, daß selbst ein Kirchspieldiener unter Umständen seine Fassung verlieren und seine persönliche Würde außer acht lassen kann.

»O, Mr. Bumble – o Sir!« schrie Noah; »Oliver, Sir – Oliver Twist!«

»Wie – was? Ist er – ist er davongelaufen?«

»Nein, Sir; er ist ganz ruchlos geworden. Er hat mich und Charlotte und Missis ermorden wollen! O Sir! o Sir – mein Nacken, mein Kopf, mein Leib, mein Leib!«

Sein Geheul zog den Herrn mit der weißen Weste herbei.

»Sir,« rief Bumble demselben entgegen, »hier ist ein Knabe aus der Freischule, der von Oliver Twist beinahe ermordet worden wäre!«

»Bei Gott,« bemerkte der Herr mit der weißen Weste, »das habe ich gewußt. Ich hatte von Anfang an eine seltsame Ahnung, daß dieser freche, kleine Taugenichts noch gehängt werden würde.«

»Er hat auch die Magd ermorden wollen,« sagte Bumble mit bleichem Gesicht.

»Und die Frau,« fiel Noah ein.

»Und nicht wahr, Noah, sagtest du nicht, auch seinen Herrn?« fragte Bumble.

»Nein, der Herr war nicht zu Hause, sonst hätte er ihn auch gemordet,« antwortete Noah. »Aber der Bösewicht sagte, er wollte es tun.«

»Sagte er, daß er es tun wollte, mein Kind?« fragte der Herr mit der weißen Weste.

»Ja, Sir,« erwiderte Noah; »und Missis wünscht zu wissen, ob Mr. Bumble wohl nicht einen Augenblick Zeit hätte, um zu kommen und ihn zu züchtigen, da der Herr nicht zu Hause ist.«

»Gewiß, mein Junge, gewiß,« sagte der Herr in der weißen Weste, indem er freundlich lächelte und Noahs Kopf streichelte. »Du bist ein guter Junge, ein sehr guter Junge. Hier hast du einen Penny. Bumble, gehen Sie sofort mit Ihrem Stabe zu Sowerberry und sehen Sie zu, was am besten zu tun ist. Schonen Sie ihn nicht, Bumble und sagen Sie auch Sowerberry, er solle in Zukunft strenge mit ihm verfahren.«

»Ich werde alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit besorgen, Sir,« erwiderte Bumble, indem er sich zusammen mit Noah auf den Weg machte.

Als sie an ihrem Bestimmungsorte anlangten, war die Lage der Dinge dort unverändert. Sowerberry war noch nicht zurückgekehrt, und Oliver schlug fortwährend mit unverminderter Heftigkeit an die Kellertür. Mr. Bumble donnerte mit seinem Fuße von außen an die Tür, um sein Kommen anzuzeigen, legte dann seinen Mund ans Schlüsselloch und sagte in tiefem, eindringlichen Tone: »Oliver.«

»Laßt mich hinaus!« rief Oliver von innen.

»Kennst du meine Stimme, Oliver?«

»Ja!«

»Fürchtest du dich nicht – zitterst du nicht bei meiner Nähe?«

»Nein!«

Bumble war starr vor Erstaunen.

»Er muß verrückt geworden sein,« bemerkte Mrs. Sowerberry.

»'s ist keine Verrücktheit, Ma'am,« sagte Bumble; »'s ist das Fleisch!«

»Das Fleisch!«

»Ja, ja, Ma'am! Sie haben ihn überfüttert, Ma'am. Hätten Sie ihm nichts als Haferbrei gegeben, so würde er nimmermehr so geworden sein.«

Mrs. Sowerberry machte sich wegen ihrer Gutherzigkeit und Freigebigkeit die bittersten Vorwürfe, so unschuldig in Gedanken, Worten und Werken sie auch war.

Bumble erklärte, daß nur Einsperren und sodann strenge Diät den rebellischen Sinn des kleinen Galgenstricks würden bändigen können. In diesem Augenblick kehrte Sowerberry zurück, dem sofort der Vorfall mit solchen Übertreibungen erzählt wurde, daß er die Tür öffnete, den Knaben beim Kragen faßte und herauszog.

Olivers Kleider waren zerrissen, sein Gesicht war verschwollen und zerkratzt, und sein Haar hing ihm wirr über die Stirn herab. Die zornige Röte war jedoch aus seinem Gesicht nicht verschwunden, und als er aus seinem Gefängnis gezogen wurde, warf er Noah einen drohenden Blick zu.

»Nun, du bist ja ein netter Bursche,« sagte Sowerberry, schüttelte Oliver derb und gab ihm rechts und links ein paar Ohrfeigen.

»Er beschimpfte meine Mutter,« sagte Oliver.

»Und wenn er das auch tat, du undankbarer Bösewicht,« versetzte Mrs. Sowerberry. »Sie hat's verdient, was er von ihr gesagt hat, und noch viel mehr.«

»Nein, nein!« rief Oliver, »'s ist eine Lüge!«

Mrs. Sowerberry brach in eine Tränenflut aus, und dies ließ ihrem Gatten keine Wahl. Denn wenn er nicht auf der Stelle Oliver nachdrücklich gezüchtigt hätte, so würde er sich, gemäß allen Ehezänkereiregeln, als eine Nachtmütze, ein liebloser Ehemann, ein Ungeheuer gezeigt haben. So ungern er es daher auch tun mochte, er züchtigte Oliver dermaßen, daß die nachträgliche Anwendung des Rohrs Mr. Bumbles jedenfalls sehr unnötig war. Oliver wurde darauf bei Wasser und Brot wieder eingesperrt und spät abends unter Noahs unbarmherzigem Gespött zu Bett gewiesen.

Erst hier ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte allen Spott und Hohn mit hartnäckiger Verachtung, die schmerzlichsten Streiche ohne Schrei ertragen und würde nicht geweint haben, wenn man ihn lebendig geröstet hätte; ein solcher Stolz war in seiner Brust erwacht. Nun aber, da er allein und gänzlich sich selber überlassen war, fiel er auf die Kniee nieder, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte solche Tränen, wie Gott sie den Betrübten und Geängsteten zur Erleichterung ihres Herzens sendet, wie nur wenige menschliche Wesen, so jung an Jahren wie Oliver, sie zu vergießen Ursache hatten.

Es währte lange, bevor er sich wieder erhob. Das Licht war tief heruntergebrannt, er horchte und blickte vorsichtig umher, öffnete leise die Tür und sah hinaus. Die Nacht war finster und kalt. Die Sterne schienen ihm weiter von der Erde entfernt zu sein, als er sie je gesehen; die Bäume, von keinem Winde bewegt, standen wie Geister da. Er verschloß die Tür wieder, knüpfte seine wenigen Habseligkeiten in ein Taschentuch und setzte sich auf eine Bank, um den Anbruch des Tages zu erwarten.

Mit dem ersten durch die Ritzen der Fensterladen eindringenden Lichtstrahle stand er auf, öffnete die Tür zum zweiten Male, blickte furchtsam umher, zögerte ein paar Augenblicke, trat hinaus und ging, ungewiß, wohin er sich wenden sollte, rasch vorwärts. Nach einiger Zeit gewahrte er, daß er sich ganz in der Nähe der Anstalt befände, in der er seine ersten Kinderjahre verlebt hatte. Es war niemand zu hören oder zu sehen; er blickte in den Garten hinein. Einer seiner kleinen, weit jüngeren Spielkameraden reinigte ein Beet vom Unkraut. Sie hatten miteinander gar oft Hunger, Schläge und Einsperrung erduldet.

»Pst! Dick!« rief Oliver.

Der Knabe lief herbei und streckte ihm die abgemagerten Hände durch die Gittertür entgegen.

»Ist schon jemand auf, Dick?«

»Keiner als ich.«

»Sag' ja nicht, daß du mich gesehen hast, Dick; ich bin fortgelaufen; konnt's nicht mehr aushalten und will mein Glück in der Welt versuchen. Ich muß weit fort von hier; weiß nicht, wohin. Wie blaß du aussiehst!«

»Ich habe den Doktor sagen hören, daß ich sterben müßte. Ach, das ist schön, daß du hier bist! Aber halt' dich nicht auf; lauf' fort!«

»Ja, ja, leb' wohl! Ich weiß gewiß, wir sehen uns wieder, Dick. Du wirst noch recht glücklich werden.«

»Das hoff' ich – wenn ich tot bin; eher nicht. Ich weiß es, Oliver, der Doktor hat recht; denn ich träume so viel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich niemals sehe, wenn ich aufwache. Leb' wohl, Oliver; geh' mit Gott! Gottes Segen begleite dich!«

Oliver hatte noch nie des Himmels Segen auf sich herabrufen hören, und nie vergaß er diese Segnung von den Lippen eines Kindes unter allen Leiden, Sorgen, Mühen, Kämpfen und Wechselschicksalen seines Lebens.

 

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