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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Sechstes Kapitel.

In welchem Oliver kräftig auftritt.

Es trat gerade eine sehr ungesunde Zeit ein, und Oliver sammelte daher in wenigen Wochen viel Erfahrung. Die Erfolge der scharfsinnigen Spekulation Mr. Sowerberrys übertrafen alle seine Erwartungen. Die ältesten Leute wußten sich nicht zu erinnern, daß so viele Kinder an den Masern gestorben waren, und Oliver mit schwarzen, bis an die Knie herunterreichenden Hutbändern führte einen Leichenzug nach dem anderen an. Die Mütter bewunderten ihn über die Maßen und waren unbeschreiblich gerührt. Da er seinen Herrn auch zu den meisten Begräbnissen von Erwachsenen begleiten mußte, um sich die für einen vollkommenen Leichenbestatter so notwendige gemessene Ruhe und Selbstbeherrschung anzueignen, so hatte er häufig Gelegenheit, die schöne Ergebung und Seelenstärke zu bemerken, welche so viele Leute bei ihren schmerzlichen Prüfungen und Verlusten beweisen.

Hatte Sowerberry zum Beispiel das Begräbnis einer reichen alten Dame oder eines reichen alten Herrn zu besorgen, der von einer großen Anzahl von Neffen und Nichten umgeben war, welche sich während seiner Krankheit vollkommen untröstlich gezeigt und ihren Schmerz nicht einmal vor den Augen des großen und größten Publikums hatten bemeistern können, so blieb es selten aus, daß sie unter sich so heiter waren, als man es nur wünschen konnte, und so froh und zufrieden miteinander redeten oder auch lachten, als wenn sie ganz und gar keine Trübsal erlebt hätten. Ehemänner ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der heldenmütigsten Ruhe, und Ehefrauen legten die Trauerkleider um ihre Männer auf eine Weise an, als wenn sie dadurch nicht etwa Schmerz andeuten, sondern so anziehend als möglich erscheinen wollten. Viele Damen und Herren, welche bei der Beerdigung der Verzweiflung nahe zu sein schienen, beruhigten sich schon auf dem Heimwege und waren vollkommen gefaßt, bevor die Teestunde vorüber war. Dieses alles war sehr angenehm und lehrreich anzuschauen, und Oliver sah es mit großer Bewunderung.

Daß das Beispiel so vieler Leidtragenden ihn zur Ergebung und Geduld gestimmt hätte, kann ich mit Bestimmtheit nicht behaupten, sondern vermag nur so viel zu sagen, daß er wochenlang mit Sanftmut die Tyrannei und üble Behandlung ertrug, die er von seiten Noahs erfuhr, der um so erbitterter gegen ihn wurde, weil sein Neid gegen ihn erregt worden war. Charlotte mißhandelte ihn, weil es Noah tat, und Mrs. Sowerberry war seine erklärte Feindin, weil ihr Gatte sich ihm ziemlich freundlich erwies. Und so befand sich denn Oliver bei diesen Feindschaften und fortwährender Leichenbegleitungslast nicht ganz so behaglich wie das hungrige Ferklein, das aus Versehen in die Kornkammer einer Brauerei eingeschlossen war.

Es muß aber jetzt ein an sich unbedeutender Vorfall erzählt werden, der jedoch eine bedeutende Veränderung mit Oliver selbst wie mit seinen Lebensschicksalen zur Folge hatte.

Sein Peiniger trieb seine gewöhnlichen Neckereien weiter als gewöhnlich und hatte es offenbar darauf angelegt, ihn außer Fassung und zum Weinen zu bringen, was ihm jedoch nicht gelingen wollte. Endlich sagte Noah scherzend, er werde nicht verfehlen zuzuschauen, wenn Oliver gehängt würde, und fügte hinzu: »Was wird aber deine Mutter dazu sagen und wie geht's ihr denn?«

»Sie ist tot,« entgegnete Oliver; »untersteh' dich aber nicht, mir etwas Schlechtes über sie zu sagen.«

Oliver wurde feuerrot, als er das sagte; er atmete rasch, um Mund und Nase zuckte es ihm eigentümlich, und Claypole hielt dies für ein untrügliches Anzeichen, daß Oliver bald heftig weinen werde. In dieser Überzeugung ging er in seiner Quälerei weiter.

»Woran starb sie denn, Armenhäusler?« fragte er.

»An Kummer und Herzleid, wie mir eine unserer alten Wärterinnen gesagt hat,« erwiderte Oliver, mehr, wie wenn er mit sich selbst redete, als Noahs Frage beantwortend. »Ich glaube, daß ich's weiß, was es heißt, daran zu sterben!«

Über seine Wange rollte eine Träne hinab, Noah pfiff eine muntere Weise und sagte darauf: »Was hast du denn zu plärren – um deine Mutter?«

»Daß du mir kein Wort mehr von ihr sagst – sonst nimm dich in acht!« rief Oliver.

»Ich soll mich in acht nehmen – ich – mich in acht nehmen vor einem solchen unverschämten Tunichtgut? Und von wem soll ich kein Wort mehr sagen? Von deiner Mutter? Die mag auch die rechte gewesen sein – ha, ha, ha!«

Oliver verbiß seine Pein und schwieg. Noah nahm den Ton spöttischen Mitleids an.

»Nun, nun, sei nur ruhig: 's ist nichts mehr dran zu ändern, und ich bedaure dich, wie's alle tun. Indes ist das wahr, ich weiß es, deine Mutter taugte nichts; sie ist eine ganz verworfene Person gewesen.«

»Was sagst du?« rief Oliver rasch aufblickend.

»Eine ganz verworfene Person,« erwiderte Noah kühl, »und es war nur gut, daß sie starb, denn es würde ihr jetzt schlecht genug ergehen in der Tretmühle, wenn sie anders nicht deportiert oder gehängt worden wäre. Hab' ich nicht recht, Armenhäusler?«

Olivers Geduld war zu Ende; purpurrot vor Wut sprang er auf, warf seinen Stuhl samt dem Tische um, faßte Noah bei der Kehle, schüttelte ihn so stark, daß ihm die Zähne im Munde klapperten, sammelte seine ganze Kraft und schlug hin mit einem einzigen Schlage zu Boden.

Eine Minute vorher hatte er das Aussehen des stillen, sanftmütigen, eingeschüchterten Kindes noch gehabt, zu dem harte Behandlung ihn gemacht hatte. Aber sein Mut war endlich erwacht; die tödliche Beleidigung, die Noah seiner toten Mutter zugefügt, hatte sein Blut in Wallung gebracht. Seine Brust hob sich, er stand aufrecht da wie ein Held, sein Auge strahlte lebhaft; sein ganzes Wesen war verändert, als er funkelnden Blickes vor dem feigen Quäler stand, der jetzt zusammengekrümmt zu seinen Füßen lag.

»Er ermordet mich!« heulte Noah. »Charlotte, Fräulein! Der neue Lehrjunge ermordet mich! Zu Hilfe, zu Hilfe! Oliver ist verrückt geworden! Char–lotte!«

Noahs Geschrei wurde durch ein lautes Aufkreischen von Charlottens Seite und durch ein lauteres von seiten Mrs. Sowerberrys beantwortet; die erstere stürzte durch eine Seitentür in die Küche, während die letztere noch auf der Treppe zauderte, bis sie sich völlig davon überzeugt hatte, daß sie näher treten konnte, ohne ihr kostbares Leben zu gefährden.

»Du verdammter Halunke!« schrie Charlotte und packte Oliver kräftig am Arme. »Du undankbarer, mordgieriger, abscheulicher Schuft!« Und dabei schlug sie unausgesetzt aus Leibeskräften auf Oliver ein.

Charlottes Faust gehörte nicht zu den leichtesten, und jetzt kam ihr auch noch Mrs. Sowerberry zu Hilfe, die in die Küche stürzte und ihn mit der einen Hand festhielt, während sie ihm mit der andern das Gesicht zerkratzte. Bei diesem günstigen Stande der Angelegenheit erhob sich auch Noah vom Fußboden und griff ihn von hinten an.

Dieser dreifache Angriff war zu heftig, als daß er lange hätte dauern können. Als sie alle drei ermüdet waren und nicht länger zerren und schlagen konnten, schleppten sie Oliver in den Kehrichtkeller und schlossen ihn hier ein. Nachdem dies glücklich vollbracht war, sank Mrs. Sowerberry auf einen Stuhl und brach in Tränen aus.

»Um Gottes willen, sie stirbt!« rief Charlotte. »Ein Glas Wasser, liebster Noah! Spute dich!«

»O Charlotte,« sagte Mrs. Sowerberry stöhnend; »was für ein Glück, daß wir nicht alle in unsern Betten ermordet worden sind!«

»Ja, Madam,« lautete die Antwort, »das ist in der Tat ein Glück von Gott. Der arme Noah! Er war schon halb ermordet, als ich hineinkam.«

»Armer Junge!« sagte Mrs. Sowerberry, indem sie mitleidig auf den Knaben blickte. »Was sollen wir anfangen?« fuhr sie nach einer Weile fort. »Der Herr ist nicht daheim; es ist kein Mann im ganzen Hause, und er wird die Kellertür in zehn Minuten eingestoßen haben.«

»Mein Gott, mein Gott!« jammerte Charlotte, »ich weiß es nicht, Ma'am! aber vielleicht schicken wir nach der Polizei.«

»Oder nach dem Militär,« warf Claypole ein.

»Nein, nein!« erwiderte Mrs. Sowerberry, die sich in diesem Augenblicke an Olivers alten Freund erinnerte. »Lauf zu Mr. Bumble, Noah, und bitte ihn, unverzüglich herzukommen und keine Minute zu verlieren. Es tut nichts, wenn du auch ohne Mütze gehst. Mach hurtig!«

Ohne sich die Zeit zu einer Antwort zu lassen, stürzte Noah davon, und die ihm begegnenden Leute waren sehr erstaunt, einen Armenknaben barhäuptig in voller Eile durch die Straßen rennen zu sehen.

 

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