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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Dreiundfünfzigstes und letztes Kapitel.

Was zu erzählen jetzt noch erübrigt, ist in wenigen Worten zu berichten.

Noch vor dem Ablaufe von drei Monaten wurden Rose Fleming und Harry Maylie in der Dorfkirche getraut, welche fortan der Schauplatz der Tätigkeit des jungen Geistlichen sein sollte. An demselben Tage nahmen sie von ihrer neuen freundlichen Wohnung Besitz. Mrs. Maylie schlug ihren Wohnsitz bei ihnen auf, um den Rest ihrer Tage durch die beste Freude zu verschönen, die dem ehrwürdigen Alter zuteil werden kann – den Anblick der Seligkeit der Lieben, deren Bildung und Beglückung die beste Zeit und die besten Kräfte eines wohlverlebten Daseins gewidmet gewesen sind.

Monks wie seine Mutter waren mit dem Vermögen, das sie an sich gerissen, so verschwenderisch umgegangen, daß für den ersteren und Oliver, wenn der Rest unter beide geteilt wurde, nur dreitausend Pfund übrigblieben. Nach dem Testamente seines Vaters hatte Oliver Anspruch auf das ganze; allein Mr. Brownlow schlug eine Teilung vor, um den älteren Bruder der Mittel nicht zu berauben, ein neues und besseres Leben zu beginnen, womit sich Oliver von ganzem Herzen zufrieden erklärte.

Monks begab sich unter Beibehaltung seines angenommenen Namens in die neue Welt, vergeudete rasch das ihm Gelassene, beging neue Verbrechen, saß lange im Kerker und erlag darin endlich einem Anfalle seiner alten Krankheit. In ebenso weiter Ferne von der Heimat starben die noch übrigen Hauptmitglieder der Bande Fagins.

Mr. Brownlow adoptierte Oliver, bezog mit ihm und Frau Bedwin eine vom Pfarrhause nur eine Meile entfernte Wohnung, befriedigte dadurch den einzigen noch nicht erfüllten Wunsch des warmen und liebevollen Herzens Olivers und half einen kleinen Freundeskreis bilden, in welchem ein so vollkommenes Glück herrschte, wie es in dieser veränderlichen Welt nur zu finden ist.

Bald nach der Vermählung des jungen Paares kehrte der würdige Doktor nach Chertsey zurück, wo er, des Umgangs seiner alten Freunde beraubt, wenn sein Temperament dergleichen zugelassen, mißmütig geworden sein und sich in einen Murrkopf verwandelt haben würde, wenn er es anzufangen gewußt hätte. Nachdem er einige Monate geschwankt, übertrug er seine Praxis seinem Assistenten und siedelte nach dem Wohnorte Maylies hinüber, wo er Gartenbau trieb, pflanzte, fischte, zimmerte usw., und zwar alles mit seiner eigentümlichen Leidenschaftlichkeit, so daß er bald in allem, was er trieb, weit und breit umher eine bedeutende Autorität wurde.

Er hatte eine große Freundschaft für Mr. Grimwig gefaßt, welche von dem exzentrischen Gentleman mit ebenso großer Wärme erwidert wurde. Grimwig besucht ihn daher häufig und pflanzt, fischt und zimmert mit, jedoch stets auf eine eigentümliche und bislang unbekannte Weise; er behauptet indes stets bei seiner Lieblingsbeteuerung, daß es die richtige sei. An Sonntagen verfehlt er nie, dem jungen Geistlichen in das Angesicht die Predigt zu kritisieren und versichert Mr. Losberne hinterher im strengsten Vertrauen, sie wäre nach seinem Urteile eine ganz vortreffliche Arbeit gewesen, er hielte es indes für gut, nichts davon zu sagen. Es ist eine stehende und große Lieblingsbelustigung Mr. Brownlows, ihn mit seiner alten, Oliver betreffenden Prophezeiung aufzuziehen und an den Abend zu erinnern, an welchem sie die Uhr auf den zwischen ihnen stehenden Tisch gelegt hatten, und des Knaben Rückkehr erwarteten; allein Grimwig erklärte dann ohne Ausnahme, daß er in der Hauptsache doch recht gehabt habe, denn Oliver wäre eben nicht zurückgekommen, eine Bemerkung, welche von seiner Seite jedesmal belacht wird, was seine gute Laune noch verbessert.

Mr. Claypole wurde begnadigt, weil er wider den Juden als Zeuge aufgetreten, erachtete aber sein Handwerk nicht für so sicher, wie er es wohl wünschen mochte, und war eine Weile in Verlegenheit, wie er ohne zuviel Arbeit seinen Lebensunterhalt gewinnen sollte. Er hat nach reiflicher Überlegung das Geschäft eines Angebers begonnen, das ihn sehr anständig ernährt. Er geht nämlich Sonntags während des Gottesdienstes mit Charlotte würdevoll gekleidet aus. Die Dame sinkt an den Türen menschenfreundlicher Wirte in Ohnmacht, der Herr läßt Branntwein für sie geben, um sie wieder ins Bewußtsein zurückzurufen, bringt am folgenden Tage die Sabbatsverletzung zur Anzeige und steckt die Hälfte der Strafe ein, welche der Wirt bezahlen muß. Bisweilen wird Mr. Claypole selbst ohnmächtig, das Ergebnis ist aber dasselbe.

Mr. und Mrs. Bumble versanken, ihrer Stellen beraubt, allmählich in großes Elend und Dürftigkeit und wurden endlich als Arme in dasselbe Verpflegungshaus des Kirchspiels aufgenommen, in welchem sie einst geherrscht hatten. Man hat Mr. Bumble sagen hören, daß er bei dieser Umkehr und Erniedrigung nicht einmal Mut und Lust habe, für die Trennung von seiner Frau dankbar zu sein.

Mr. Giles und Brittles bekleiden fortwährend ihre alten Ämter und Würden; nur ist der erstere kahl und der letztgenannte Knabe vollkommen grau geworden. Sie schlafen im Pfarrhause, widmen aber ihre Aufmerksamkeiten den Bewohnern desselben, Oliver, Brownlow und Losberne, so gleichmäßig, daß die Leute im Dorfe niemals haben erforschen können, wem sie eigentlich dienen.

Master Charles Bates, erschüttert durch Sikes' Verbrechen, geriet auf den Gedanken, ob ein rechtschaffenes Leben nicht am Ende doch noch das beste wäre, überlegte, kam zu dem Schlusse, daß dem so sei, und nahm sich vor, den Pfad der Tugend zu erwählen. Es wurde ihm eine Zeitlang äußerst schwer, er litt nicht wenig dabei, allein es gelang ihm endlich, da er einen zufriedenen und festen Sinn besaß. Er ging in saure Dienste bei einem Pächter, darauf bei einem Fuhrmanne und ist gegenwärtig der munterste junge Viehhändler in ganz Northamptonshire.

Und nun, am Schlusse, beginnt mir die Hand, welche dies niederschreibt, zu beben, und gern spänne ich den Faden meiner Erzählung noch ein wenig länger aus – verweilte so gern noch bei einigen der mir teuer Gewordenen, in deren geistigem Umgange ich mich so lange bewegt, um ihr Glück durch den Versuch seiner Schilderung zu teilen. Ich möchte Rose Maylie in der ganzen Blüte und Anmut der jungen Gattin schildern, wie sie auf ihren von der großen Welt entfernten Lebenspfad ein so mildes und schönes Licht warf, das auf alle mit ihr ihn Wandelnde fiel und in ihre Herzen leuchtete; – ich möchte sie als das Leben und die Lust des traulichen Kreises am Kamine und der froh in der Sommerlaube Versammelten schildern; ich möchte ihr Mittags im Sonnenglanze folgen und den sanften Ton ihrer süßen Stimme bei Spaziergängen an den mondhellen Abenden vernehmen; sie bei ihren stillen Wohltätigkeitswanderungen und im Hause beobachten, wie sie lächelnd und unermüdet ihre häuslichen Pflichten erfüllt; möchte ihr Glück und das des Kindes ihrer hinübergegangenen Schwester malen, das sie genossen in gegenseitiger Liebe, in wehmütig-süßen Gedanken an so traurig verlorene Teure; möchte vor mir die fröhlich sie umspielenden, munter-geschwätzigen Kleinen hinzaubern; möchte mir den Ton ihres frohen Gelächters, die Freudenträne in ihrem sanften blauen Auge – ihr holdes Lächeln, ihre verständige Rede – jeden Blick, jedes Wort zurückrufen.

Wie Mr. Brownlow seinen angenommenen Sohn von einem Fortschritte in Kenntnissen aller Art zum andern führte und ihn, je mehr er sich entwickelte, immer lieber gewann – wie er in seinem Antlitze die Züge der Geliebten seiner Jugend suchte und mehr und mehr fand – wie sich die beiden durch Mißgeschick geprüften Waisen der Lehren desselben erinnerten und sie durch Milde und Nachsicht und Liebe gegen andere übten und unter inbrünstigem Danke gegen den Gott, der sie beschützt und gerettet – das alles braucht nicht erzählt zu werden; denn ich habe gesagt, daß sie wahrhaft glücklich waren, und ohne echte, innige Menschenliebe, ohne Dankbarkeit gegen Ihn im Herzen, dessen Gesetzbuch Gnade heißt und Erbarmen, und der die Liebe selbst ist gegen alles, was Odem hat, kann wahres Glück nimmer gewonnen werden.

Neben dem Altare der alten Dorfkirche erblickt man eine weiße Marmortafel, auf welcher nur das eine Wort – »Agnes!« eingegraben ist. In dem Grabgewölbe darunter befindet sich kein Sarg, und möchten noch viele, viele Jahre vergehen, ehe ein zweiter Name hinzugefügt wird! Doch wenn die Geister der Toten zur Erde zurückkehren, die durch Liebe – über das Grab hinausreichende Liebe geheiligten Stätten zu besuchen – die Wohnstätten derer, die sie in ihrem Leben kannten, so glaube ich, daß der Schatten des armen Mädchens oft, oft das leere Plätzchen umschwebt – obwohl es sich in einer Kirche befindet, und obwohl Agnes schwach war und vom rechten Pfade abirrte.

 

Ende.

 

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