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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Zweiundfünfzigstes Kapitel.

Des Juden letzte Nacht.

Der Gerichtssaal war zum Ersticken gefüllt – kein Auge, das nicht auf den Juden geheftet gewesen wäre. Der Vorsitzende erteilte den Geschworenen die Rechtsbelehrung. Mit größter Spannung horchend stand Fagin da, die Hand am Ohre, um kein Wort zu verlieren. Bisweilen blickte er scharf nach den Geschworenen hinüber, die Wirkung auch nur des im kleinsten ihm günstigen Worts zu erlauschen – bisweilen angstvoll nach seinem Anwalt, wenn die Rede in erschütternder, furchtbarer Klarheit wider ihn zeugte. Sonst aber regte er weder Hand noch Fuß und verharrte noch in der Stellung des angstvoll Horchenden, nachdem der Richter seine Darlegung längst beendigt.

Ein leises Gemurmel rief ihn zum Bewußtsein zurück. Er hob die Augen empor und sah die Geschworenen miteinander beraten. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, und man flüsterte schaudernd miteinander. Einige wenige schienen ihn nicht zu beachten. In ihren Mienen drückte sich unruhige Verwunderung aus, wie die Jury zögern könne, ihr Schuldig auszusprechen; allein in keinem Antlitze – sogar in keinem der zahlreich anwesenden Frauen – vermochte er auch nur das leiseste Anzeichen des Mitleids zu lesen. Alle schienen mit Begier seine Verurteilung zu fordern.

Abermals trat eine Totenstille ein – die Geschworenen hatten sich an den Vorsitzenden gewandt. Horch!

Sie baten nur um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.

Er forschte, als sie einer hinter dem andern hinausgingen, in ihren Mienen, wohin wohl die Mehrzahl neigen möchte; allein vergeblich. Der Kerkermeister berührte ihn an der Schulter. Er folgte ihm mechanisch in den Hintergrund der Anklagebank und ließ sich auf einen Stuhl nieder, den jener ihm wies, denn er würde ihn sonst nicht gesehen haben.

Er schaute abermals nach den Zuhörern. Einige aßen und andere wehten sich mit den Tüchern Kühlung zu. Ein junger Mann zeichnete sein Gesicht in eine Brieftasche. Fagin dachte, ob die Zeichnung wohl ähnlich werden möchte, und sah zu, als der Zeichner seinen Bleistift spitzte, wie es jeder unbeteiligte Zuschauer hätte tun können.

Er wandte sich nach dem Richter und begann sich innerlich mit dem Anzuge desselben zu beschäftigen – von welchem Schnitte er wäre und was er kosten dürfe. Auf der Richterbank hatte ein alter beleibter Herr gesessen, der sich entfernt hatte und jetzt zurückkehrte, und Fagin überlegte, ob der Herr zu Mittag gespeist und wo er gesessen, und was dergleichen Gedanken mehr waren, bis ein neuer Gegenstand neue Gedanken in ihm erweckte.

Trotzdem war freilich sein Gemüt keinen Augenblick von dem peinigenden und drückenden Gefühle frei, daß sich das Grab zu seinen Füßen öffnete; es schwebte ihm fortwährend vor, aber undeutlich und unbestimmt, und er vermochte seine Gedanken nicht dabei festzuhalten. Und so geschah es, daß er, während bald Fieberhitze ihn ergriff und es ihn bald mit kaltem Schauder überlief, die eisernen Stäbe der Anklagebank zählte, die er vor sich sah, und bei sich selber dachte, wie es wohl gekommen sein möchte, daß einer derselben abgebrochen wäre; und ob man wohl einen neuen einschlagen würde oder nicht. Dann schweiften seine Gedanken wieder zu den Schrecken des Galgens und Schaffots ab, bis ein Aufwärter den Boden mit Wasser besprengte, was jenen abermals eine andere Richtung gab.

Endlich wurde Stille geboten, und alle Blicke waren plötzlich auf die Tür geheftet. Die Geschworenen kehrten zurück und gingen dicht an ihm vorüber. Die Gesichter der Geschworenen waren wie von Stein, er vermochte nichts darin zu lesen. Es trat eine Stille ein – vollkommen – atemlos – Schuldig!

Der Saal hallte von einem erschütternden Rufe wieder, der sich mehrmals wiederholte und durch ein donnerndes Geschrei beantwortet wurde, durch welches die Menge draußen ihren Jubel ausdrückte, daß der Verurteilte am Montag sterben müsse.

Er wurde befragt, ob er etwas zu sagen wisse, weshalb die Urteilsvollziehung nicht statthaben möchte. Er hatte seine horchende Stellung wieder angenommen und blickte den Richter scharf an, der jedoch die Frage zweimal wiederholen mußte, ehe der Jude sie zu vernehmen schien, der endlich nur murmelte, er wäre ein alter Mann – ein alter Mann – ein alter Mann. Seine Stimme verlor sich in leises Flüstern, und bald schwieg er gänzlich.

Der Richter setzte die schwarze Mütze auf, – der Verurteilte stand noch immer da mit derselben Miene in derselben Stellung. Die ernste Feierlichkeit des Augenblicks preßte einer Frau einen Ausruf aus – er blickte hastig und lauschend empor – stand aber da gleich einer Bildsäule, obgleich der Ton, das Wort, alle Anwesenden durchbebte. Er blickte noch immer starr vor sich hin, als ihm der Kerkermeister die Hand auf den Arm legte und ihm winkte. Er sah ihn einen Augenblick wie betäubt an und gehorchte.

Er wurde hinunter in einen gepflasterten Raum geführt, wo einige Angeklagte warteten, bis die Reihe an sie käme, und andere sich mit ihren Freunden unterredeten, die sich an dem in den Hof öffnenden vergitterten Fenster gesammelt hatten und unter denen niemand war, der mit ihm gesprochen hätte, die aber alle bei seiner Annäherung zurücktraten, um ihn der Volksmenge draußen hinter den Eisenstäben sichtbarer zu machen; und er wurde laut mit Schimpfnamen, Geschrei und Gezisch begrüßt. Er schüttelte die Faust und würde die Nächststehenden angespieen haben, allein seine Führer drängten ihn rasch fort durch einen düsteren, nur von wenigen matt brennenden Lampen erleuchteten Gang in das Innere des Gefängnisses, wo er durchsucht wurde, ob er nicht etwa an seiner Person die Mittel hätte, dem Gesetze vorzugreifen. Endlich brachten sie ihn in eine der Armesünderzellen und ließen ihn darin – allein.

Er setzte sich der Tür gegenüber auf eine steinerne Bank, die als Sitz und Lager diente, heftete die blutunterlaufenen Augen auf den Boden und bemühte sich, seine Gedanken zu sammeln. Nach einiger Zeit begann er sich einzelner Bruchstücke der Anrede des Richters zu erinnern, obwohl es ihm, während sie gesprochen worden, gewesen war, als wenn er kein Wort hören könnte. Ein Teil fügte sich allmählich zum andern, und endlich stand das Ganze fast vollständig klar vor ihm. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre – das war das Ende gewesen. Aufgehängt zu werden, bis er tot wäre.

Es wurde dunkel, sehr dunkel, und er fing an, aller derer zu gedenken, die er gekannt und die auf dem Schaffot gestorben waren – einige durch seine Schuld oder auf seinen Betrieb. Sie tauchten in so rascher Folge vor ihm auf, daß er sie kaum zu zählen vermochte. Er hatte mehrere von ihnen sterben sehen – und sie verspottet, weil sie mit Gebeten auf den Lippen verschieden waren. Wie gedankenschnell sie aus starken, kräftigen Männern in baumelnde Fleischklumpen verwandelt waren!

Mancher von ihnen hatte vielleicht dasselbe Gemach bewohnt – auf derselben Stelle gesessen. Es war sehr finster – warum wurde kein Licht gebracht? Die Zelle war vor vielen Jahren erbaut – Hunderte mußten ihre letzten Stunden darin verlebt haben – man saß darin wie in einem mit Leichen angefüllten Gewölbe – und viele derselben hatten wohlbekannte Gesichter – Licht, Licht!

Endlich, als er sich die Hände an der eisenverwahrten Tür fast blutig geschlagen hatte, erschienen zwei Männer, deren einer ein Licht trug, das er auf einen eisernen, in der Mauer befestigten Leuchter steckte, während der andere eine Matratze hinter sich herzog, um darauf die Nacht zuzubringen, denn der Gefangene sollte fortan nicht mehr allein gelassen werden.

Dann kam die Nacht – die finstere, schauerliche, schweigende Nacht. Andere Wachende freuen sich, die Kirchglocken schlagen zu hören, die vom Leben zeugen und den nahenden Tag verkünden. Dem Juden brachten sie Verzweiflung. Jedes Anschlagen des eisernen Klöpfels führte ihn zu dem einen hohlen Schall – Tod. Was nützte das Geräusch des geschäftigen heiteren Morgens, das selbst in den Kerker und zu ihm drang? Es war Totengeläute anderer Art, das noch den Hohn zur schrecklichernsten Mahnung hinzufügte.

Der Tag verging – Tag! Da war kein Tag; er war so bald entschwunden wie angebrochen, und abermals kam die Nacht – Nacht! So lang und doch so kurz: lang in ihrem schrecklichen Schweigen, und kurz nach ihren flüchtigen Stunden. Jetzt redete der Elende irre und stieß Gotteslästerungen aus – dann heulte er und zerraufte sein Haar. Ehrwürdige Männer seines Glaubens waren gekommen, mit ihm zu beten, allein er hatte sie mit Verwünschungen hinausgetrieben. Sie erneuerten ihre menschenfreundlichen Versuche und mußten seinen gewalttätigen Drohungen weichen.

Sonnabend – nur noch eine einzige Nacht! Und während er noch sann und sann: nur noch eine einzige Nacht! dämmerte es schon – Sonntag!

Erst am Abende dieses schauervoll-bangen Tages ward seine verpestete Seele von einem vernichtenden Gefühle ihrer verzweifelten Lage ergriffen. Nicht, daß er auch nur von fern eine bestimmte Hoffnung, Gnade zu erlangen, gehegt hätte; er hatte es nur noch nicht über sich vermocht, den Gedanken, so bald sterben zu müssen, klar und deutlich auszudenken. Er hatte nur wenig zu den beiden Männern gesprochen, die sich einander bei ihm ablösten, und sie hatten sich ihrerseits nicht um ihn bekümmert. Er hatte wachend dagesessen, aber geträumt. Jetzt sprang er von Minute zu Minute auf und rannte mit keuchendem Munde und brennender Stirn in entsetzlicher Furcht- und Zorn- und Grimmanwandlung auf und nieder, daß sie sogar – die an dergleichen Gewöhnten – schaudernd vor ihm zurückbebten. Er wurde zuletzt unter den Folterqualen seines bösen Gewissens so fürchterlich, daß keiner es ertragen konnte, allein bei ihm zu sitzen und ihn vor Augen zu haben, – daß seine Wärter beschlossen, miteinander Wache bei ihm zu halten.

Er kauerte auf seinem Steinbette nieder und dachte der Vergangenheit. Er war bei seiner Abführung in das Gefängnis verwundet worden und trug deshalb ein leinenes Tuch um den Kopf. Sein rotes Haar hing auf sein blutloses Gesicht herunter; sein Bart war zerrauft und in Knoten gedreht; aus seinen Augen leuchtete ein schreckliches Feuer; seine ungewaschenen Glieder bebten von dem in ihm brennenden Fieber. Acht – neun, zehn! Wenn man die Glocken vielleicht nicht schlagen ließ, bloß um ihn mit Schrecken zu erfüllen, wenn sie die einander auf den Fersen folgenden Stunden wirklich anzeigten – wo mußte er sein, wenn sie abermals schlugen? Elf! Noch ein Schlag, ehe die Stimme der letzten Stunde verklungen war. Um acht Uhr war er, wie er sich sagte, der einzige Leidtragende in seinem eigenen Grabgefolge; um elf –

Newgates schreckliche Mauern, die so viel Elend und so unaussprechliche Angst und Pein nicht bloß vor den Augen, sondern nur zu oft und zu lange auch vor den Gedanken der Menschen verbargen, umschlossen nie ein so entsetzliches Schauspiel wie dieses. Die wenigen Vorübergehenden, die etwa stillstanden und bei sich dachten, was der Verurteilte wohl vornehmen möchte, der am folgenden Tage hingerichtet werden sollte, würden die Nacht darauf gar schlecht geschlafen haben, wenn sie ihn im selbigen Augenblicke hätten sehen können.

Vom Abend bis fast um Mitternacht traten bald einzelne, bald mehrere zu dem Pförtner, fragten in großer Spannung, ob ein Aufschub der Hinrichtung verfügt sei, und teilten die willkommene Verneinung andern, in Haufen Stehenden mit, die auf die Tür hinwiesen, aus welcher er kommen müßte, die Stelle zeigten, wo das Schaffot errichtet werden würde, sich widerstrebend entfernten und im Fortgehen die zu erwartende Szene sich im voraus ausmalten. Endlich waren alle heimgekehrt, und die Straßen umher auf eine Stunde in der Mitte der Nacht der Einsamkeit und Finsternis überlassen.

Der Raum vor dem Gefängnisse war gesäubert, und man hatte einige starke, schwarz bemalte Schranken, dem vorauszusehenden großen Gedränge zu wehren, errichtet, als Mr. Brownlow mit Oliver an dem Pförtchen erschien und eine Sheriffserlaubnis vorwies, den Verurteilten sehen zu dürfen. Sie wurden sogleich eingelassen.

»Soll der kleine Herr auch mit hinein, Sir?« fragte der Schließer, der ihnen zum Führer gegeben war. »'s ist kein Anblick für Kinder, Sir.«

»Freilich nicht, mein Freund,« erwiderte Brownlow; »allein was ich bei dem Manne zu tun habe, hat auch auf den Knaben sehr genauen Bezug, und da er ihn als glücklichen Frevler gekannt hat, so halte ich es für gut, daß er ihn auch jetzt sehe, ob es auch einen etwas peinlichen Eindruck bei ihm hervorbringen mag.«

Die Worte waren leise gesprochen. Der Schließer berührte den Hut, blickte mit einiger Neugier nach Oliver und ging ihnen voran, zeigte ihnen das Tor, aus welchem der Verurteilte kommen würde, machte sie aufmerksam auf das an ihr Ohr dringende Hämmern der das Schaffot erbauenden Zimmerleute und öffnete ihnen endlich die Tür der Zelle des Juden.

Dieser saß auf seinem Bette, wiegte sich hin und her, und sein Gesicht glich mehr dem eines eingefangenen wilden Tiers als einem menschlichen Antlitze. Er gedachte offenbar seines alten Lebens, denn er murmelte, Brownlow und Oliver sehend und doch nicht sehend, vor sich hin: »Guter Junge, Charley – gemacht brav – und auch Oliver – ha, ha, ha, Oliver – und sieht aus wie ein Junker – ganz wie ein – bringt ihn fort – zu Bett mit dem Buben!«

Der Schließer faßte Oliver bei der Hand und flüsterte ihm zu, daß er ohne Furcht sein möchte.

»Zu Bett mit ihm!« rief der Jude. »Hört Ihr nicht? Er – er ist – ist an diesem allen schuld. 's ist des Geldes wert, ihn zu erziehen dazu – Bolters Kehle, Bill; kümmert Euch um die Dirne nicht – Bolters Kehle, so tief Ihr könnt schneiden. Sägt ihm ab den Kopf.«

»Fagin,« sagte der Schließer.

»Ja, ja,« rief der Jude und nahm rasch die lauschende Stellung an, die er bei seinem Prozesse behauptet hatte. »Ein alter Mann, Mylord; ein sehr, sehr alter Mann.«

»Hier ist jemand, Fagin, der Euch etwas zu sagen hat – seid Ihr ein Mann?« rief ihm der Schließer, ihn schüttelnd und dann festhaltend, in das Ohr.

»Werd's nicht mehr sein lange,« rief der Jude zurück, mit einem Angesicht aufblickend, das keinen menschlichen Ausdruck mehr hatte – nur Wut und Entsetzen malte sich darin. »Schlagt sie alle tot! Was haben sie für ein Recht, mich abzuschlachten?«

Er erkannte jetzt Oliver und Brownlow, wich in die fernste Ecke seines Sitzes zurück und fragte, was sie an diesen Ort geführt hätte. Der Schließer hielt ihn fortwährend fest und forderte Brownlow auf, rasch zu sagen, was er ihm zu sagen hätte, denn er würde mit jedem Augenblicke schlimmer.

»Es sind Euch gewisse Papiere zu sicherer Aufbewahrung anvertraut worden, und zwar von einem Menschen, namens Monks,« sagte Brownlow, sich ihm nähernd.

»'s ist gelogen – ich habe keine, keine, keine!« erwiderte der Jude.

»Um der Liebe Gottes willen,« sagte Brownlow feierlich, »sprecht nicht so am Rande des Grabes, sondern sagt mir, wo ich sie finden kann. Ihr wißt, daß Sikes tot ist, daß Monks gestanden hat, daß Ihr keine Hoffnung eines Gewinnes mehr habt. Wo sind die Papiere?«

»Oliver,« rief der Jude, dem Knaben winkend, »komm, laß mich dir flüstern ins Ohr.«

»Ich habe keine Furcht,« sagte Oliver leise zu Brownlow und ging zu dem Juden, der ihn zu sich zog und ihm zuflüsterte: »Sie sind in 'nem leinenen Beutel in 'nem Loche des Schornsteins oben im Vorderzimmer. Ich möchte gern reden mit dir, mein lieber – möchte reden mit dir.«

»Ja, ja,« erwiderte Oliver. »Laßt mich ein Gebet sprechen, betet auf Euren Knien mit mir, und wir wollen bis morgen früh miteinander reden.«

»Draußen, draußen,« sagte der Jude, den Knaben vor sich nach der Tür hindrängend und mit einem leeren, starren Blicke über seinen Kopf schauend. »Sag', ich wäre eingeschlafen – dir werden sie's glauben. Du kannst mir helfen 'raus, wenn du tust, was ich dir sage. Jetzt, jetzt!«

»O Gott, verzeihe diesem unglücklichen Manne!« rief der Knabe unter hervorstürzenden Tränen.

»So ist's recht, so ist's recht! Das ist das wahre Mittel! Diese Tür zuerst. Beb' und zittr' ich, wenn wir am Galgen vorübergehen, achte darauf nicht, sondern mach' fort, rasch fort. Jetzt, jetzt, jetzt!«

»Haben Sie ihm nichts mehr zu sagen, Sir?« fragte der Schließer.

»Nein,« erwiderte Brownlow. »Wenn ich hoffen könnte, daß wir ein Gefühl seiner Lage in ihm erwecken –«

»Das ist unmöglich, Sir,« fiel der Schließer kopfschüttelnd ein. »Ich muß Ihnen den Rat geben, ihn zu verlassen.«

Die beiden Wärter kehrten jetzt zurück, und der Jude rief: »Fort, fort! Tritt leise auf – aber nicht so langsam. Schneller, schneller!« Sie befreiten den Knaben von seinem Griffe und hielten ihn selbst zurück. Er suchte sich mit der Kraft der Verzweiflung loszumachen und stieß einen Schrei nach dem andern aus, der selbst die ellendicken Kerkermauern durchdrang und in Brownlows und Olivers Ohren tönte, bis sie in den offenen Hof hinaustraten.

Sie konnten das Gefängnis nicht sogleich verlassen. Oliver war einer Ohnmacht nahe und so angegriffen, daß eine Stunde verfloß, ehe er seine Füße zu gebrauchen vermochte.

Der Tag brach an, als sie das Gefängnis verließen. Es hatte sich schon eine große Volksmenge gesammelt: die Fenster waren mit Leuten angefüllt, die sich rauchend und Karten spielend die Zeit vertrieben; die Untenstehenden drängten sich hin und her, stritten und scherzten miteinander. Die ganze Umgebung bot ein heiteres, belebtes Schauspiel dar – in dessen Mitte schauerliche Zurüstungen an Verbrechen, Gericht, Strafe und Tod erinnerten.

 

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