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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Fünfzigstes Kapitel.

Verfolgung und Entkommen.

Unweit der Stelle des Themseufers, wo die Kirche von Rotherhithe steht und die Gebäude am erbärmlichsten und die Fahrzeuge auf dem Strome am schwärzesten aussehen vom Kohlenstaube und dem Rauche der eng aneinander gebauten niedrigen Häuser, befindet sich heutigestags die schmutzigste, widerwärtigste und unheimlichste der vielen in London versteckten und der großen Mehrzahl der Bewohner der Hauptstadt selbst dem Namen nach unbekannten Örtlichkeiten.

Um zu ihr zu gelangen, muß man sich durch ein Labyrinth von kotigen und engen Straßen hindurchwinden, die von den rohesten und ärmsten Uferbewohnern erfüllt und ihrem Verkehre gewidmet sind. In den Läden schaut man die wohlfeilsten und uneinladendsten Nahrungsmittel, an den Fenstern und Türen der Altkleiderhändler die verschiedenartigsten Lumpen. Man arbeitet und stößt sich mühsam weiter durch das Gedränge unbeschäftigter Menschen der niedrigsten Klasse, Last- und Kohlenträger, frecher Weiber, zerlumpter Kinder, des recht eigentlichen Themseabschaums, indem ekelhafte Gegenstände und Düfte in allen Richtungen das Auge und den Geruchsinn beleidigen und das Ohr durch verwirrtes Geräusch aller Art betäubt wird. Gelangt man endlich in die noch entlegneren, minder besuchten Winkelgassen, so scheinen wankende Häuser zu beiden Seiten mit augenscheinlichem Einsturze zu drohen, und man sieht, wohin man blickt, halb eingefallene Schornsteine, erblindete oder zerschlagene Fenster und was nur sonst an Armut und Vernachlässigung erinnern mag.

In einer solchen Umgebung, jenseit Dockhead im Borough Southwark, befindet sich die Jakobsinsel, umgeben von einem Sumpfgraben von sechs bis acht Fuß Tiefe und fünfzehn bis zwanzig Fuß Breite zur Flutzeit, vormals der Mühlgraben genannt, jetzt bekannt unter dem Namen Folly Ditch. Sie ist eine Art Strombucht und kann bei hohem Wasser durch Öffnung der Schleusen bei den Leadmühlen, von welchen sie ihre alte Benennung hat, ganz unter Wasser gesetzt werden. Steht man, wenn dies geschieht, auf einer der hölzernen Brücken, die bei der Mühlengasse über sie hinüberführen, so kann man sehen, wie die Bewohner der Häuser zu beiden Seiten an den Hintertüren und Fenstern Eimer und Küchengerät aller Art herunterlassen, um Wasser zu schöpfen, und erblickt hölzerne Galerien, welche ein halbes Dutzend Hinterhäuser verbinden, mit Löchern, aus denen sich auf die Lache hinunterschauen läßt; verklebte und verstopfte Fenster, aus welchen Stangen hervorstehen zum Trocknen von Wäsche, die nicht vorhanden ist; die denkbar engsten, dumpfigsten, finstersten Gemächer; halbversunkene, mißfarbige Wände und zahllose ähnliche Anzeichen des Verfalls und Elends.

Die Warenhäuser der Jakobsinsel stehen leer und haben weder Dächer noch Fenster noch Türen. Dem lebhaften Verkehre, der hier vor einigen Jahrzehnten stattfand, ist Verödung gefolgt. Die Häuser haben keine Eigentümer, stehen unbewohnt oder werden erbrochen und bewohnt von Leuten, die den Mut dazu und sonst keine Wohnstätte haben, bei welchen entweder starke Beweggründe obwalten, in tiefer Verborgenheit zu leben, oder die sich in der allerbedürftigsten und jammervollsten Lage befinden.

In einem oberen Gemache eines dieser Häuser, das etwas abgesondert stand, in andern Beziehungen zu den verfallensten gehörte, aber stark befestigte Türen und Fenster hatte, von welchen die hinteren auf das beschriebene sumpfige Gewässer hinausgingen, saßen drei Männer in tiefem düsteren Stillschweigen, einander von Zeit zu Zeit Blicke der Bangigkeit und angstvollen Erwartung zuwerfend. Es waren Toby Crackit, Tom Chitling und ein Raubgesell von etwa fünfzig Jahren, dem einst die Nase fast plattgeschlagen worden, und dessen Gesicht eine grauenvolle Narbe hatte, ohne Zweifel gleichfalls infolge einer Schlägerei. Er war ein zurückgekehrter Deportierter und hieß Kags.

»Ich wollte,« nahm endlich Toby, zu Chitling sich wendend, das Wort, »daß Ihr Euch ein andres Bayes ausgesucht hättet, als Euch die beiden alten zu warm wurden, und nicht hierher gekommen wäret.«

»Freilich,« stimmte Kags bei; »warum tat'st das nicht, Dummkopf?«

»Ich glaubte, Ihr würdet etwas vergnügter gewesen sein, mich zu sehen,« antwortete Chitling mit trübseliger Miene.

»Ja seht, junger Herr,« sagte Toby, »wenn sich einer so exklusiv hält, wie ich's getan habe, und somit in 'nem gemütlichen Hause sitzt, da niemand 'reinguckt und das niemand umschnüffelt, so ist's ein verfluchtes Ding, die Ehre 'nes Besuchs von 'nem jungen Gentleman in Eurer Lage zu haben, so respektabel und angenehm es sonst sein mag, nach Umständen Karten mit ihm zu spielen.«

»Besonders,« fügte Kags hinzu, »wenn der exklusive junge Gentleman 'nen Freund bei sich hat, der aus fremden Ländern eher zurückgekehrt ist, als er erwartet wurde, und zu viel Bescheidenheit besitzt, um zu wünschen, nach seiner Heimkehr den Richtern vorgestellt zu werden.«

Toby Crackit schwieg eine Zeitlang und fragte darauf Chitling, doch nicht mehr in seinem leichtfertig-renommistischen Tone, wann Fagin ergriffen worden wäre.

»Heute nachmittag um zwei Uhr,« erwiderte Tom. »Charley und ich entkamen durch den Waschhausschornstein, und Bolter plumpte mit dem Kopfe zuerst in 'ne leere Wassertonne hinein; aber seine langen Beine standen heraus, und er wurde auch gefaßt.«

»Und Bet?«

»Sie ging, um die Leiche anzusehen, und fing an zu toben und zu rasen bei dem Anblicke und wollte sich den Kopf einrennen. Sie legten ihr drum 'ne Zwangsjacke an und brachten sie ins Tollhaus, wo sie noch ist.«

»Was ist denn aus dem Bates geworden?« fragte Kags.

»Er wird hier sein, sobald es dunkel geworden ist, und treibt sich solange herum, wo er kann. Die aus 'n Krüppel sitzen alle, und die ganze Schenkstube ist voll von Polizei; ich hab's mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»Da wird noch manch einer mit hinein verwickelt werden,« bemerkte Toby, sich auf die Lippen beißend.

»'s ist Schwurgerichtssaison,« sagte Kags, »und wenn Bolter gegen Fagin aussagt, was er ohne Zweifel tun wird, so baumelt der Jude bei Gott nach sechs Tagen.«

»Ihr hättet nur die Leute toben hören sollen,« fuhr Chitling fort. »Hätten die Schuker nicht wie Teufel gefochten, so wär' ihnen Fagin vom Volke entrissen. Er sah aus wie durch Kot und Blut gezogen, denn einmal war er schon niedergeschlagen, und hing sich an die Schuker, als wenn sie seine teuersten Freunde gewesen wären. Sie mußten ihn in die Mitte nehmen, und der andrängende wütende Haufen war wie 'ne Herde reißender, nach seinem Blute lechzender Wölfe und lärmte wie besessen, und die Weiber schrien, daß sie ihm das Herz aus'm Leibe reißen wollten.«

Alle drei saßen einige Minuten entsetzt und schweigend da, als plötzlich auf der Treppe ein Geräusch ertönte und unmittelbar darauf Sikes' Hund hereinsprang. Sie liefen an das Fenster; er mußte durch irgendeine Öffnung hereingekommen sein; sein Herr war jedoch nicht zu sehen.

»Was ist dies?« sagte Toby, nachdem sie vom Fenster zurückgetreten waren. »Ich will doch hoffen, daß er nicht hierher kommt?«

»Wenn er das gewollt hätte, würd' er mit dem Hunde gekommen sein, der gerade so aussieht, als wenn er weit hergelaufen wäre,« meinte Kags.

»Aber woher kann er gekommen sein?« fuhr Toby fort. »Hm! er hat Fremde in den andern Häusern gefunden, und hier ist er schon öfter gewesen. Aber warum kommt er ohne ihn?«

»Er« (keiner nannte den Mörder bei seinem Namen), »er ist sicher übers Wasser,« sagte Kags, »und er hat den Hund zurückgelassen, der sonst nicht so ruhig daliegen würde.«

Als es dunkel geworden war, verschlossen sie den Fensterladen und zündeten Licht an. Die schrecklichen Ereignisse der beiden letzten Tage hatten sie mit Furcht und Entsetzen erfüllt. Sie schreckten bei jedem Laute zusammen und flüsterten nur von Zeit zu Zeit ein paar Worte, als wenn das Gespenst der Ermordeten im Hause umginge. Plötzlich wurde laut an der Haustür geklopft. Crackit sah aus dem Fenster und erblaßte. Sie berieten, und das Ergebnis war, daß er eingelassen werden müsse. Crackit ging und kehrte bald darauf mit einem Manne zurück, der mehr wie des Mörders fürchterlicher Geist als wie Sikes selber aussah, mit seinen erdfahlen, eingefallenen Wangen, erloschenen, tiefliegenden Augen und langgewachsenem Barte. Er wollte sich auf einen Stuhl am Tische niederlassen, schauderte aber und schob den Stuhl dicht an die Wand.

Kein Wort war noch gesprochen worden. Seine Blicke schweiften von dem einen zum andern. Ward ein Auge aufgeschlagen und begegnete dem seinigen, so wurde es augenblicklich wieder gesenkt. Als er endlich das Stillschweigen brach, schreckten alle drei bei dem nie vernommenen hohlen Tone seiner Stimme zusammen.

»Wie kam der Hund hier ins Haus?« fragte er.

»Allein. Vor drei Stunden.«

»Es heißt, daß Fagin eingezogen wäre. Ist's wahr oder gelogen?«

»Vollkommen wahr.«

Es trat ein abermaliges Schweigen ein.

»Geht alle zur Hölle!« hub Sikes endlich, mit der Hand über die Stirn fahrend, wieder an. »Habt ihr mir nichts zu sagen?«

Es erfolgte eine unruhige Bewegung unter ihnen, aber niemand sprach.

»Ihr, der Ihr hier Herr im Hause spielt,« fuhr Sikes zu Crackit gewandt, fort, »denkt Ihr mich zu verkaufen oder mich hier unterducken zu lassen, bis die Hetze vorbei ist?«

»Ihr könnt bleiben, wenn Ihr Euch hier für sicher haltet,« antwortete Toby zögernd.

Sikes blickte oder machte vielmehr nur den Versuch, hinter sich an der Wand hinauszublicken und sagte: »Ist – ist sie – ist die Leiche schon beigesetzt?«

Das Kleeblatt schüttelte die Köpfe.

»Warum nicht?« fuhr er, ebenso hinter sich blickend, fort. »Warum lassen sie ein so häßliches Ding über der Erde? – Wer klopft da?«

Toby erwiderte, es wäre nichts zu fürchten, ging hinaus und trat mit Charley Bates wieder herein. Sikes saß der Tür gegenüber, so daß die Blicke des Knaben sogleich auf seine Gestalt fielen.

»Toby,« sagte Charley, »warum habt Ihr mir das unten nicht gesagt?«

Sikes sah die drei zusammenschrecken und hielt dem Knaben die Hand zutunlich-schmeichelnd entgegen, denn es bemächtigte sich seiner ein unnennbares Entsetzen.

»Laß mich in ein andres Zimmer gehen,« sagte Charley, sich zurückziehend.

»Charley,« sagte Sikes, aufstehend und ein paar Schritte vortretend: »wie – kennst du mich nicht?«

»Kommt mir nicht näher!« rief der Knabe, noch weiter zurückweichend und schaudernd dem Mörder in das Angesicht blickend. »Ihr Ungeheuer – Ihr Unmensch!«

Sikes stand auf halbem Wege still, und beide blickten einander an; aber dann senkte der Mörder allmählich die Augen zu Boden.

»Ich nehm' euch drei zu Zeugen,« rief der Knabe, die geballte Faust schüttelnd und im Fortreden einen immer heftigeren Ton annehmend, »ich nehm' euch drei zu Zeugen, daß ich mich nicht vor ihm fürchte, und wird er hier gesucht, so zeig' ich ihn selbst an. Ich sag's euch rund heraus, er kann mich totschlagen, wenn's ihm beliebt, oder wenn er's wagt, aber bin ich hier, so zeig' ich ihn selbst an, würd' ihn anzeigen, und wenn er lebendig geröstet werden sollte. Hilfe! Mörder! Wenn ihr nicht alle drei elende Memmen seid, so steht ihr mir bei. Hilfe! Mörder! Nieder mit ihm!«

Er warf sich bei diesen Worten allein auf den riesenstarken Mann, und zwar so wütend und plötzlich, daß beide zu Boden stürzten. Die drei Zuschauer waren wie betäubt, machten nicht einmal Miene, sich in das Mittel zu legen, und der Knabe und der Mann wälzten sich um und um, indem jener der auf ihn herabregnenden Streiche nicht achtete, die Kleider des Mörders immer fester vor der Brust desselben faßte, und nicht aufhörte, aus aller Macht nach Hilfe zu rufen.

Der Kampf war jedoch zu ungleich, um lange währen zu können. Sikes hatte seinen Gegner unter sich gebracht und setzte ihm das Knie auf die Kehle, als ihn Crackit mit bestürzter Miene emporriß und nach dem Fenster hinwies. Es schimmerten Lichter auf der Straße unten, eifrige Stimmen ertönten, von der nächsten Brücke her wurde der unaufhörliche Schall von Fußtritten vernommen, wie wenn eine zahllose Menschenmenge herüberkäme, unter welcher sich ein Berittener zu befinden schien, denn man hörte deutlich das Geräusch von Rossehufen auf dem unebenen Steinpflaster. Es wurde immer heller, der Nahenden Anzahl immer größer, und endlich wurde laut an die Haustür geklopft, während ein heiseres Gemurmel unzähliger zorniger Stimmen auch wohl den Beherztesten mit Beben erfüllte.

»Hilfe, zu Hilfe!« schrie der Knabe im durchdringendsten Tone. »Hier ist er, hier ist er! Brecht die Tür auf!«

»In des Königs Namen!« wurde draußen gerufen, und wiederum erhob sich, nur lauter, das zornige Gemurmel.

»Schlagt die Tür ein!« schrie Charley. »Sie öffnen sie nimmermehr. Schlagt die Tür ein und dann herauf, wo das Licht ist!«

Ein lautes Hussa ertönte, und es war, als wenn mit hundert und abermals hundert Knütteln und Stangen gegen die Fensterläden gehämmert würde.

»Macht mir das Loch da auf, daß ich diesen verfluchten kleinen schreienden Galgenstrick einschließen kann,« rief Sikes wütend, schleuderte den Knaben in ein Gemach hinein, das Toby öffnete, und verschloß es. »Ist die Tür unten gut verwahrt?«

»Verschlossen und doppelt und dreifach verriegelt,« erwiderte Crackit, der gleich den andern beiden kaum einen deutlichen Gedanken fassen zu können schien.

»Wie ist's mit den Wänden und Fenstern?« fragte Sikes weiter.

»Verwahrt wie ein Gefängnis.«

Jetzt öffnete Sikes das Fenster und rief trotzig hinunter: »Seid alle verdammt! Macht eure Sachen, so gut ihr könnt, ihr bekommt mich doch nicht!«

Erschütterndes Geschrei der wütenden Menge erfüllte die Luft. Einige riefen, man möge das Haus anzünden, andere, die Polizeidiener möchten den Mörder totschießen, und niemand zeigte eine solche unsinnige Wut, wie der Reiter, der aus dem Sattel sprang, sich durch die Menge hindurchdrängte, als wenn er nur Wasser teilte, und dicht vor dem Hause mit einer den gräßlichen Lärm übertönenden Stimme rief: »Zwanzig Guineen, wer eine Leiter bringt.«

Und nunmehr riefen Hunderte nach Leitern und Schmiedehämmern, andere rannten mit Fackeln hin und her, und noch andere stießen Flüche und Verwünschungen aus, drängten wie rasend gegen die Tür oder versuchten an dem Hause emporzuklimmen.

»Es war Flutzeit, als ich kam,« rief Sikes, das Fenster wieder verschließend. »Gebt mir 'nen Strick. Sie sind alle vorn. Ich kann mich hinten in den Graben 'nunterlassen und entkommen. 'nen Strick – hurtig – oder ich tue noch drei Mordtaten und mache mir dann selber den Garaus.«

Die drei von dem Schrecken Gelähmten wiesen nach einem Winkel hin, in welchem Stricke lagen. Sikes wählte hastig den stärksten und längsten aus, eilte hinauf und bestieg das Dach.

Der eingesperrte Knabe hatte unterdes nicht aufgehört zu schreien und zu rufen, man möchte das Haus von allen Seiten bewachen. Als der Mörder daher aus der Dachluke herausstieg, wurde er sogleich bemerkt, da Hunderte bereits Wege gesucht hatten, um nach dem Hinterhause zu gelangen. Die Ebbe war eingetreten, und er sah, daß der Graben nur mit Schlamm gefüllt war. Die Fenster und Dächer aller Hinterhäuser umher waren bereits lebendig, und von oben und unten und allen Seiten ertönte Triumphgeschrei, daß er nicht entrinnen könne.

»Nun haben sie ihn, hurra!« schrie ein Mann auf der nächsten, unter der Menschenwucht sich beugenden Brücke, und ein tausendfaches Hurra hallte durch die Luft wieder.

»Ich gelobe demjenigen fünfzig Pfund,« rief ein alter, gleichfalls auf der Brücke stehender Herr, »der ihn lebendig greift. Ich will hier bleiben und zahle die Summe auf der Stelle.«

Ein abermaliges allgemeines Geschrei ertönte, in das sich der Ruf mischte, die Tür sei endlich erbrochen; der Menschenstrom flutete nun wieder zu dieser zurück, denn jeder wollte den Mörder von den Polizeibeamten herausbringen sehen. Es entstand das furchtbarste Gedränge, und das Dach wurde für den Augenblick weniger beachtet.

Der Mörder, der, bereits verzweifelnd, unschlüssig dagesessen hatte, faßte jetzt wieder Hoffnung und beschloß, den letzten Rettungsversuch zu wagen und sich auf die Gefahr, im Schlamme zu ersticken, in den Graben hinabzulassen, um womöglich mit Hilfe der Dunkelheit und Verwirrung zu entfliehen. Die Hoffnung gab ihm neue Kraft, der sich ihm nähernde Lärm im Hause stachelte ihn noch mehr an, er sprang auf, erreichte in zwei Augenblicken den Schornstein, befestigte das eine Ende seines Strickes an demselben und hatte im Nu an dem andern eine starke Laufschlinge geknüpft. Er konnte sich mit dem Stricke fast bis auf Manneslänge hinunterlassen und nahm sein Messer zur Hand, um ihn zur rechten Zeit abzuschneiden und sich in den Graben zu werfen.

In demselben Augenblicke, als er die Schlinge über den Kopf warf, um sie unter den Armen zu befestigen, und indem der erwähnte alte Herr laut rief, der Mörder sei im Begriff, sich hinunterzulassen, blickte er hinter sich, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus. »Die Augen – da sind sie wieder!« rief er mit hohler Grabesstimme, wankte, wie von einem Blitzstrahle getroffen, verlor das Gleichgewicht und taumelte vom Dache herunter; die Schlinge war an seinem Halse, und seine Schwere bewirkte, daß sie straff wie eine Bogenschnur und schnell wie ein Pfeil hinauflief. Er fiel fünfunddreißig Fuß – ein plötzlicher Ruck – ein krampfhaftes Gliederzucken – und da hing er mit dem offenen Messer in der zusammengepreßten, steif werdenden Hand.

Der alte Schornstein bebte von der Erschütterung, hielt sie jedoch aus. Der entseelte Mörder schwebte hin und wieder; Charley, dem er die Aussicht versperrte, stieß ihn zur Seite und rief, daß man seiner Gefangenschaft ein Ende machen möchte; der Hund lief mit schrecklichem Geheul auf dem Dache hin und her und sprang endlich hinunter auf die Schulter des Erhängten, vermochte sich aber nicht festzuhalten, stürzte und lag gleichfalls darauf tot da, denn er war mit dem Kopfe gegen einen spitzen Stein gefallen.

 

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